bescheidenen Anfang und von einem mageren Ergebnis der Preissenkungsaktion. Die..Deutsche Zeitung" sieht in der Preisherabsetzung nicht mehr alS eine schöne Veste der Reichsregierung.
Volkspartei und Koalitionskrisis in Thüringen.
Weimar, 9. Rov. (LU.) Der Landesvertretertag der Deutschen Volkspartei, dem man wegen der Koalitionskrise in Thüringen große Beachtung schenkte, billigte die Erklärung der volksparteilichen Fraktion im Landtage, durch die der ernste Wille der Deutschen Volkspartei. mit der gegenwärtigen Regierung auchweiterhinzusammenzuarbeiten. eindeutig bekundet wird. Er gab der Erwartung Ausdruck, daß dieser Wille zur Zusammenarbeit bei den anderen Koalitionsparteien im gleichen Maße vorhanden sei. Der Fraktionsführer der Deutschen Volkspartei sprach sich gegen Reu- Wahlen in Thüringen aus, bei denen die Gefahr bestehe, das; eine sozialdemokratisch-kommunistische Mehrheit zustandekomme, machte aber die Zustimmung seiner Partei zu dem nationalsozialistischen Vertrauensvotum für die Gesamtregierung davon abhängig, daß der wirtschaftsparteiliche Abgeordnete und Ministerialrat G erst e n h a u e r. der von den übrigen Regierungsparteien als Rachfolger des in den Wartestand versetzten Ministerialdirektors Dr. Iahn im Innenministerium vorgeschlagen wird, nicht befördert werde, da er für die Volks- parbei untragbar sei. Für die Volks- Partei handle es sich hier um eine grundsätzliche Frage, eine Frage des Systems, eine Frage, ob Postenjägereiund Futterkrippenwirtschaft von der Partei geduldet werden solle.
Der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Volkspartei, D i n g e l d e y, führte u. a. aus, daß der Wahlerfolg der Rationalsozialisten vom 14. September doch die Hoffnung lasse, daß die 107 nationalsozialistischen Abgeordneten Schichten des deutschen Bürgertums hinter sich hätten, die lediglich durch die Schicksals- schläge der letzten Zeit in eine Stimmung der Verzweiflung getrieben worden seien, die aber in Wirklichkeit keineswegs so- z.i a l i st i s ch eingestellt seien.
Die Begrenzung der Dienstzeit
Abrüstungsdebatte in Genf
Genf. 10. Rov. (WTB.) Im Vorbereiten- den Abrüstungsausschuß wurde heute die Aussprache über die Frage der Dienstzeit fortgesetzt. Rachdem der deutsche Antrag, die Begrenzung des Iahreskontingents in die Konvention aufzunehmen, an dem Widerstand der Mehrheit gescheitert ist, haben die Fragen, über die man heute vormittag diskutierte, vom Gesichtspunkt einer wirksamen Abrüstung nut« mehr geringe praktische Bedeutung. Die deutsche Delegation hat infolgedessen an der Diskussion heute vormittag nicht mehr teilgenommen.
Die Aussprache drehte sich in der Hauptsache um einen polnischen Antrag, die Höchstdienstzeit auf eine bestimmte Anzahl von Mo - natenfe st zulegen. Der Konventionsentwurf selbst geht nicht so weit. Aus einer Erklärung des polnischen Vertreters ging deutlich hervor, daß der Antrag in erster Linie sich gegen D-u h l a n d wendet. In Rußland beträgt die Dienstzeit drei bis vier Iahre. Litwinow sprach gegen den polnischen Antrag und wies darauf hin, daß die Frage der Beschränkung der Dienstzeit keine praktische Bedeutung habe, nachdem der Ausschuß erst jetzt wieder die Herabsetzung des Iahreskontingents und die Beschränkung der ausgebildeten Reserven und im vorigen Iahre die Herabsetzung des Heeresmaterials a b g e l e h n t habe. Die Vertreter Frankreichs und I a p a n s lehnten jede über den Entwurf hinausgehende Bindung in der Frage der Dienstzeit ab. Es wurde ein Antrag angenommen, der für die Dienstzeit eine H ö ch st z i f f e r festsetzt, die von keinem Staat überschritten werden darf. Entsprechend dem französischen Vorbehalt wurde beschlossen, daß der betreffende Paragraph aus die Land-, See- und Luftstreilkräfte Anwendung finden soll.
Einigung der Seemächte.
Italien hält feine'-Vorbehalte aufrecht.
Gens, 10.Rov. (Sil.) Die vertraulichen Verhandlungen zwischen den fünf Seemächten der Londoner Flottenkon^ereriz England, Frankreich, Amerika, Japan und Italien, die am Samstag zunächst ohne Ergebnis verlaufen waren, sind am späten Sonntagabend auf Wunsch des amerikanischen Botschafters Gibson von neuem ausgenommen worden. Wiederum wurde über die Eingliederung der Londoner „Limitationsmethoden" m dos im Abrüstungsausschuß zur Verhandlung stehende Abkommen verhandelt. Die Vertreter Italiens haben den Standpunkt vertreten, daß die endgültige Entscheidung über die Ziffern und die Methoden der Flottenabrüstung nur auf der kommenden allgemeinen Abrüstungskonferenz fallen könne. Die italienische Regierung hält ihren auf der Londoner Flottenkonferenz eingenommenen Standpunkt in allen Punkten aufrecht, insbesondere die italienischen Vorbehalte hinsichtlich der Flottengleichheit mit Frankreich. Die italienische Regierung ist in den Verhandlungen sogar noch einen Schritt weitergegangen und hat für sich die Möglichkeit des Baues von Schlachtschiffen, über die auf der Londoner Konferenz als oberste Grenze festgesetzte Gröhe von 25 000 Tonnen hinaus in Anspruch genommen. Lediglich um den beschleunigten Abschluß der Arbeiten der Vorbereitenden Abrüstungskommission herbeizuführen, hat sich die italienische Regierung bereiterklärt, die Londoner „Limitationsmethoden" in das Abkommen ein« zugliedern. Der englische Vorschlag, einen Marinesachverständigen-Ausschuß einzusetzen, der die Ausdehnung der Londoner Limitationsmetho- denauch aufdieübrigen nicht im Londoner Abkommen beteiligten Mächte prüfen soll, wurde als zweckmäßig anerkannt.
Das endgültige Ergebnis der österreichischen Aaiionalratswahlen. Wien. 11. Roo. swTV. Funkspruch.) Rach der jetzt vorliegenden genauen Uebersich« über die bei
Die Deutsche Gtudenteuschast ehrt die Toten von Langemarck.
Der Zug der Berliner Studenten durch den Potsdamer Lustgarten zur Garnisonkirche, wo eine Gedenkfeier für die Toten von Langemarck stattfand.
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Die Feier in Potsdam.
Potsdam. 9. Rov. (Til.s An allen Hochschulen des deutschen Sprachgebietes, also auch an den deutsch-österreichischen, sudetendeutschen und Danziger, hielt am Sonntag die De u t s che S t u- dentenschaft Gedenkfeiern für die bei Langemarck gefallenen deutschen Studenten ab. Der Kreis 10, Brandenburg, ehrte seine Toten i n d e r Garnisonkirche in Potsdam, wo sich die Studenten der Berliner Hoch.chulen, eine große Zahl von Ehrengästen, darunter die Rektoren und viele Professoren der Berliner Hochschulen, die Generale v. Francois, von der Goltz,von D o m m e s , Oberbürgermeister Dc. Rauscher mit Vertretern des Magistrats Potsdam, Vertreter der Potsdamer Reichsbehörden, der Regierung und der Reichswehr versammelten. Rach kurzen Begrühungsworten des Kreisleiters Hoppe hielt
Geh. Konsistorialrat Prof. Dr. D. See berg die Gedenkrede, in der er u. a. sagte, dieses große Beispiel gläubiger Hingabe an daS Vaterland, das die jugendlichen Helden von Langemarck beseelt habe, lege der deutschen akademischen Iugend für alle Zeiten die verantwoctungs?olle Verpflichtung begeisterter Racheiferung auf. Der daran anschließenden Verlesung des amtlichen Berichts der Obersten Heeresleitung für den Sturm von Langemarck vom 11. November 1914 folgte die Bekanntgabe einer Entschließung der Deutschen Studentenschaft, in der die Mahnung ausgesprochen wurde, allezeit für des Vaterlandes Aufstieg zur Freiheit mit demselben Opfermut sich einzusetzen, wie es das Angedenken der gefallenen Kommilitonen erfordere. Dem einmütigen Bekenntnis zu dieser Gesinnung gab ein schlichtes Gelöbnis der Versammlung Ausdruck.
den Raiionalratswahlen am Sonntag abgegebenen Stimmen erhielten von den Parteien, welche Mandate errungen haben: die Christlich-Sozialen 1 306 121, der S chober- B lock 422 141, der h e i- ma t - v l o ck 228 229, die Sozialdemokraten 1 509 755. Die Gesamtzahl der bürgerlichen Stimmen betrug 2 128 737, der marxistischen Stimmen 1 529 434 gegen 2 085 772 bzw. 1 555 754 im Jahre 1927.
Aus aller Well
Tagung des Deutschen Anwaltvereins.
Die Abgeordnetenversammlung des Deutschen Anwalt-Vereins Hal in ihrer Münchener Tagung eine Entschließung gesaht, in der es u a heißt: Die Anwaltschaft weiß, daß sie in der gegenwärtigen Rotlage trotz ihrer eigenen Bedrängnis ihr Opfer beisteuern muß Sie wird sich daher mit einem mäßigenprozentualenAbschlag auf ihre Armenrechtsgebühren, auch in E h e s a ch e n . auf die Dauer der Rot abfinden. Sie lehnt aber mit Entschiedenheit ab a) jede Erhöhung der amtsgerichtlichen Zuständigkeit, b) jede weitere Beschränkung der Rechtsmittel. — Als berufene Vertreterin der Rechtsuchenden betrachtet sie die von der Regierung vorgeschlagenen Maßregeln als eine Verkümmerung der Rechtssicherheit und des Rechtsschutzes, insbesondere für die Minderbemittelten.
Zwei Todesopfer der Schlägerei In Hilden.
Die schweren politischen Zusammenstöße in Hilden bei Düsseldorf, über die bereits berichtet wurde, Haden zwei Todesopfer gefordert, während ein drittes Opfer, ein Mädchen, noch in Lebensgefahr schwebt. Heber die Air- sache des Zusammenstoßes wird bekannt, daß diese auf die Weigerung der Kommunistengruppe aus Düsseldorf-Gerresheim zurückzuführen ist, der Auflösungsanordnung der Polizei nachzukom- men. Bei dem sich dann entwickelnden Tumult wurden vier Personen schwer, mehrere leicht verletzt. Ein Toter hat einen Lungenschuh, einer einen Kopfschuß. Das schwerverletzte Mädchen mußte einer Schädeloperation unterzogen werden und schwebt noch in Lebensgefahr. Bei der Durchsuchung des Hildener Dolkshauses, in das die Kommunisten sich zurückgezogen hatten, wurden Schußwaffen, Messer und Schlagringe beschlagnahmt. Mehrere Kommunisten wurden verhaftet.
Wildwest in Berlin-Wedding.
Seit Tagen versuchten die Kriminalbeamten der Berliner Dienststelle BI den vor etwa 14 Tagen aus der Irrenan st alt in Halle entwichenen Berliner Einbrecher Paul Colanus wieder einzufangen Die Beamten hatten in Erfahrung gebracht, daß Colanus in einem Lokal am Wedding verkehrte. Drei Kriminalbeamte entdeckten Montag nachmittag, daß Colanus sich in dem Lokal befand. Außer ihm waren darin noch etwa 30 bis 35 Personen. Ein Kriminalbeamter ging auf Colanus zu und legte ihm die Hand auf die Schulter. Der zweite wollte ihm die Handkette anlegen, während der dritte feine Dienstwaffe bereit hielt. Ehe die Beamten Colanus in die Mitte nehmen konnten, griff das Publikum mit Biergläfern, Stühlen und Stöcken die Kriminalbeamten an. Trotzdem gelang es den beiden Beamten, die Colanus gefaßt hielten, den Verbrecher aus dem Lokal herauszuziehen, während der dritte Beamte im Lokaleingang stehen blieb und versuchte, die Verfolger abzuwehren. Plötzlich packte ein noch Unbekannter seine Hand, um ihm die Waffe zu entringen. In diesem Augenblick ging ein Schuß los und die Kugel ging
dem Beamten durch die Hand. Jetzt hatten die Gäste im Lokal freien Weg. Obwohl blutüberströmt, ließen die Beamten Colanus nicht los, sondern brachten ihn noch 200 Meter weit b i s zu ein er Autodroschke. hier wurde ein Kriminalbeamter z u Boden geschlagen und mit Füßen getreten. Der zweite stürzte gleichfalls und Colanus wurde jetzt frei. Als sich die Beamten aufrafften, konnten sie noch in die Droschke flüchten und mit ihr entkommen. Der dritte Beamte konnte nicht mehr in die Droschke hinein. Das Publikum verfolgte jedoch unter den Rufen: „Schlagt die Bluthunde tot!" die Autodroschke, wodurch es dem brüten verletzten Beamten ebenfalls glückte, zu entkommen. Die Menge war inzwischen auf etwa 500 bis 800 Personen angewachsen, sie wurde schließlich vom Ueberfallkommando zerstreut. Cola- nu9 konnte natürlich nicht mehr gefunden werden.
Großer versicherungsschwindel in Ostpreußen.
Vor einigen Monaten war in Rastenburg der 30 Iahre alte Möbelhändler Safran unter sehr merkwürdigen Umständen verschwunden. Das Gebäude des Schwiegervaters, namens Platt, war in der Wahlnacht abgebrannt und man hatte später unter den Trümmern eine Leiche gefunden, die zunächst nicht.identizi- ziert werden konnte. Da Safran plötzlich verschwunden war, nahm man zunächst an, daß es sich um seine Leiche handelte, tatsächlich handelte es sich aber um einen zweiten „ Fall Tetzner", einem Versicherungsvertrag in größtem Umfang. Wie sich nämlich später herausstellte, war Safran in einem Kraftwagen geflüchtet, nachdem er Betrügereien in größerem Umfange verübt hatte. Ieht wurde Safran nach langem Suchen der Kriminalpolizei in Wittenberge (Elbe) im Berlin-Hamburger D-Zug verhaftet, als er sich aus dem Wege nach Amerika befand. Safran wurde zuletzt in Spandau ermittelt, wo er am Freitag den D-Zug nach Hamburg bestieg. Auf Grund der Personalbeschreibung konnte der Wittenberger Krimina po.izei Safran in dem Augenblick festnehmen, als er auf dem Bahnsteig eine Erfrischung einnahm. Zunächst versuchte er zu leugnen und zeigte Au sw eis - Papiere auf den Ramen des Zimmermanns Hans Augustin vor. Da die darin enthaltene Personalbeschreibung aber auf ihn nicht zutraf, sagten ihm die Beamten auf den Kopf zu, daß er der Gesuchte sei. Bei einer Leibesvisitation fand man in seiner Hosentasche eine geladene Pistole und einen Abschiedsbrief an feine Frau, aus dem zu entnehmen war, daß Safran sich mit Selbstmordgedanken getragen hatte. Die Verhaftung tarn Safran so überraschend, daß er fein Vorhaben nicht ausführen konnte. Safran hat eingeräumt, daß er den Brand angelegt hat und daß er monatelang bei dem Bruder einer Angestellten in Berlin Unterschlupf gefunden hatte. Während feines Aufenthaltes in Berlin ist Safran nur des Abends ausgegangen. Er hat während der ganzen Zeit Englisch und Spanisch gelernt. Safran gibt über alles genau Auskunft, nur über die Leiche, die man im verbrannten Hause fand, verweigert er jede Angabe. Es wird angenommen, daß Safran sich für sein Verbrechen eine Leiche besorgt hat. Man glaubt, daß er die Leiche eines vor wenigen Tagen begrabenen Mannes herausgescharrt hat, ihr seine Kleider anzog, und ihr dabei Uhr mit Kette und Ring zusteckte. Daß er einen Mord begangen hat, wird nicht angenommen.
Schweres Verkehrsunglück.
In Saarbrücken fuhr ein Lieferauto auf einen von einer Frau gezogenen Handwagen auf. Die Frau war sofort tot, zwei ihrer sie begleitenden Kinder wurden sehr schwerverletzt. Der Tod der Frau ist um so tragischer, als sie Mutter von fünf Kindern ist.
Die hessische höhere Schule erneut in Gefahr.
Von der Pressestelle des Hessischen Philologenvereins werden wir in einem Schreiben vom 10. November um Aufnahme folgender Ausführungen gebeten:
Es ist ein tragisches Verhängnis, daß die hessische höhere Schule nicht der Ruhe und Stetigkeit teilhaftig werden foll, deren sie zur Entfaltung ihrer erziehenden und bildenden Kräfte bedarf. Schon seit Iahren sehen sich alle die, welche die Bedeutung unseres höheren Bildungswesens für Gegenwart und Zukunft von Volk und, Staat erkannt haben, ohne Unterlaß gezwungen, sich schützend vor die durch immer wiederholte Angriffe mächtiger Feinde schwer bedrängte und in ihren Grundlagen erschütterte hessische höhere Schule zu stellen. Dreimal hintereinander hat man im Ablaus weniger Iahre die höhere Schule Hessens zum Gegenstand bedenklicher und folgeschwerster Sparexperimente gemacht. 1925 und 1927 führten äußerliche und schematische finanzielle Erwägungen zu brutalen Eingriffen in das empfindliche WLck unseres höheren Dildungswesens, und vor einem halben Iahre erst hat man im Staatsvoranschlag für 1930 die Zahl der Lehrer an unseren hessischen höheren Lehranstalten erneut um 52 verringert. Unerträgliche Uebersüllung der Klassen und stärkste Belastung der Lehrer waren die Folgen dieser Sparmaßnahmen und wirkten sich um so katastrophaler aus, als sie in eine Zeit fallen, in der die Schulreform die höhere Schule vor neue und schwere Aufgaben stellte.
Obwohl von fachkundiger ©eite immer wieder mahnend darauf hingewiesen wurde, daß die unheilvollen Auswirkungen dieser wiederholten Sparexperimente notwendigerweise zu einem bedenklichen Rückgang der Leistungshöhe unserer höheren Schule führen müsse, bereitet sich in diesen Tagen ein neuer, geradezu vernichtender Schlag gegen das höhere Schulwesen Hessens vor. Daß man allen ernsten Warnungen und aller besseren Einsicht zum Trotz in gewissen politischen Lagern den abwegigen Gedanken weiter verfolgen wird, den Staat durch einen Abbau der Bildung zu festigen, zeigte Ende des vergangenen Monats das Sparprogramm des Hessischen Landbundes, das radikal den Abbau von l/3 unserer höheren Schulen verlangt. Mit der Grundtendenz dieses Vorstoßes einer Partei stimmt es leider durchaus überein, wenn sicherem Vernehmen nach das Finanzministerium zum Staatshaushaltsplan für 1931 verlangt, daß erneut 97 Stellen an höheren Schulen auf den Inhaber gesetzt, also in Zukunft eingespart und ganze Schulen aufgehoben werden sollen.
Dieser konzentrische Angriff von Regierung und Parteien ist zwingende Qxranlaffung, die jüngste Entwicklung und den heutigen Stand des hessischen höheren Schulwesens einmal rückhaltlos daczu- 1 legen und die Schlagworte und Argumente, mit denen dieser Vemich.ungsseldzug gegen die höhere Schule geführt wird, öffentlich auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen.
Zur Rechtfertigung dieses Sturmlaufs wider das höhere Bildungswesen könnte man, so scheint es zunächst, auf die so häufig besprochene „Inflation" der höheren Schulen, auf die „ungesunde Vermehrung" und das „anormale Anschwellen" dieser Bildungseinrichtungen Hinweisen. Wie steht es in dieser Hinsicht mit dem hessischen höheren Schulwesen? In Wirklichkeit liegen die Verhältnisse ganz anders, als es die von jenen oberflächlichen Schlagworten geschaffene öffentliche Meinung annimmt: Die Zahl der höheren Knabenschulen, deren Kosten der Staat trägt, ist in Hessen heute nicht nur nicht großer, sondern sogar geringer, als sie 1913 war. Die höheren Mädchenschulen dagegen zeigen eine Zunahme, die sich leicht dadurch erklärt, daß gerade die Entwicklung des höheren Mädchenschulwesens infolge politischer und wirtschaftlicher Gründe nach dem Krieg einen starken Antrieb bekam: politische Gleichberechtigung der Frau, Vermehrung der Zahl der berufstätigen Frauen. So hat Hessen heute 57 staatliche höhere Knabenlehranstalten, während es 1913 deren 66 aufwies. Der Vergleich der Vollanstalten führt zu demselben Ergebnis: Während heute der hessische Staat die Kosten für 20 Vollanstalten trägt, hatte er 1913 22 Vollanstalten zu unterhalten. Wo in den letzten Iahren ein Ausbau von früheren Richtvollanstalten zu Vollanstalten erfolgte, haben die Gemeinden, teils auch öte Eltern in Form eines besonders hohen Schulgeldes die Kosten übernommen; der Ausbau erfolgte also nicht zu Lasten des Staates. Einzig und allein das Lyzeum Dingen ist vom Staate nach dem Krieg zu einer Dollanstalt ausgebaut worden. Die Behauptung also, daß die Zahl der höheren Schulen Hessens gestiegen sei, ist nicht stichhaltig; sie ist eine Irreführung der öffentlichen Meinung.
Und wie verhält es sich mit dem sogenannten „Anschwellen" der einzelnen Schulen, mit der Behauptung von der „Auspowerung der Volksschule durch die höhere Schule"? Da ist zunächst zu betonen, daß die Zunahme der Schülerzahlen der höheren Schulen in den Rachkriegsjahren eine allgemein feststellbare Erscheinung ist, aber auf der Unterstufe heute schon ganz deutlich eine rückläufige Bewegung sich vollzieht. Daß die Prozentzahl der Grundschüler, die in die Sexta der höheren Schule übertraten, 1930 geringer war als in den vorhergehenden Iahren, haben statistisch Erhebungen in Hessen, Preußen und Thüringen erwiesen, die übrigens auch zeigten, daß der Prozentsatz in Hessen hinter dem preußischen zurückbleibt. Ebenso offenbart eine Zusammenstellung der Gesamtschülerzahl der höheren Schulen Hessens, wenn man aus den schon erwähnten Gründen die höheren Mädchenschulen nicht in die Rechnung einbezieht, eine kontinuierliche Abnahme seit 1921, so daß die Gesamtschülerzahl der höheren KnabenschulenHessens im Iahre 1929 noch unter dem Stand von 1909 bleibt. Wenn also die Behauptung von der „Inflation" auf den heutigen Zustand zutreffen foll, dann muh bei uns in Hessen diese Inflation schon vor 20 Iahren unerkannt und unbeanstandet von Regierung, Parlament und Oeffentlichkeit bestanden haben!
Wenn so auch die Schülerzahl auf der Unter- und Mittelstufe und entsprechend die Gesamt- schülerzahl im Rückgang begriffen ist, so tritt auf der anderen Seite die Zunahme der Schülerzahl auf der Oberstufe klar zutage. Aber das ist eine Erscheinung, mit der Hessen, ja noch nicht einmal Deutschland allein da steht. Es wird immer noch nicht genügend bedacht, daß die Zunahme der Schülerzahl, die die Oberstufe durchläuft und den Erwerb des Reifezeugnisses erstrebt.


