Knegsfchuld-ebaiie mit poincare.
Eine französische Veröffentlichung. - Poincars sott Rede stehen.
Son Dr. Gustav Roloff, o. ö. profeffor
Nirgends wird die Versailler These von der Kriegsschuld der Mittelmächte hartnäckiger vertreten als in Frankreich. Alle Interessen sind ja hier mit dem Schuldspruch verkuppelt: die politischen, die finanziellen und nicht zuletzt die persönlichen der 1914 maßgebenden Persönlichkeiten, von denen einige, voran Poincare, im politischen Leben noch eine große Nolle spielen und natürlich nicht zugeben wollen, beim Kriegsausbruch wie beim Friedensschluh uneh^ lich gehandelt zu haben. Aber auch in Frankreich ist die Aufklärungsarbeit nicht ohne Wirkung geblieben. Im Jahre 1926 begann ein Mitglied der Ehrenlegion, Georges Demartial, in amerikanischen und französischen Zeitschriften einen Kampf gegen das Versailler Dogma und seine wissenschaftliche Behandlung in Frankreich, wurde aber nicht etwa mit geistigen Waffen bekämpft, sondern vergewaltigt: er wurde auf fünf Jahre auS der Liste der Legion gestrichen, weil er die Ehre Frankreichs verletzt habe. Empört über diesen Terror, der offenkundig dem bösen Gewissen entsprang, trat ein anderer Ehrenlegionär, Nene Gerin, für Demartial ein, mit der öffentlichen Aufforderung an den Groh- kanzler, ihn ebenfalls zu maßregeln, aber man scheute offenbar den Skandal und lieh ihn ohne Antwort. Gerin wollte aber eine öffentliche Diskussion erzwingen, er bearbeitete die Zeitungen und veranlaßte schließlich niemand geringeren als Poincare, ihm Nede und Antwort zu stehen. Unter scharfer Kritik der Gesamt- Politik der Entente, insbesondere der Haltung Poincares vor und nach dem Kriege, veröffentlichte er 14 Fragen an Poincare über die Vorgeschichte des Krieges und forderte ihre öffentliche Beantwortung. „Wenn Frankreich", schrieb er, „in Wahrheit die erste moralische Macht der Welt ist, muh es seinen Auf stärken und behaupten durch den Beweis, daß es nichts von denen zu fürchten hat, die die Wahrheit suchen, und daß es. wo es notwendig ist, seine Irrtümer anzuerkennen versteht." Poincare hat sich zur Beantwortung herbeigelassen, und jetzt liegen in einem kürzlich erschienenen Buche Fragen und Antworten vor (Gehn, les responsabilitSs de laguerre, Paris, Payot).
Wir können hier nur einige Züge zur Eharak- teristik Poincares hervorheben. Seine große advo- katorische Fähigkeit wie seine Skrupellosigkeit offenbart sich hier wie in seinen Neben und seinen Denkwürdigkeiten: er überschüttet den Gegner mit einem Schwall von Worten und Argumenten, läßt nicht selten unbequeme Ausführungen beiseite und bringt weitschweifige Betrachtungen über Dinge, die mit dem Gegenstand nur lose oder gar nicht in Verbindung (teilen, beweist auch umständlich Dinge, die niemand bestritten hat, um durch Kenntnis mit Dokumenten zu prunken und die Aufmerksamkeit der Leser von der Hauptsache abzulenken. Aber der Kenner durchschaut sofort die Antauglichkeit der Mittel.
Eine der Hauptanklagen Gerins ist, daß Poincare, wie die Berichte des russischen Botschafters Iswolski dartun. den Angriffswillen Rußlands gestärkt habe, dadurch, daß er schon im Jahre 1912 aus Anlaß der Dalkanver- Wicklungen der Petersburger Regierung die französische Unterstützung in einem Kriege zwischen Deutschland und Rußlands versprochen habe, nicht nur, wie es das französisch- 'russische Bündnis vorschrieb, für den Fall eines Angriffs durch die Mittelmächte, sondern auch, wenn Rußland durch einen Angriff auf Oesterreich das Eingreifen Deutschlandshervorrufe. Entrüstet lehnt
der Geschichte an der Universität Gießen.
Poincare diese Behauptung ab. Schon im Jahre 1921 und 1922 habe er offiziell erklärt, daß er nie mehr als die Erfüllung der Allianz t>er- sprochen unb diese stets auf einen Angriff durch die Mittelmächte beschränkt habe: jetzt wiederholt er die Versicherung auf Ehrenwort: alle entgegenstehenden Berichte Iswolskis seien Fälschungen oder Mißverständnisse seiner Worte. Wem sollen wir mehr glauben, Iswolski oder Poincarö?
Zunächst ist ein Mißverständnis Iswolskis ausgeschlossen. Nicht einmal, sondern ein halbes duhendmal berichtet er ausführlich über Poincares Aeutzerungen: er schildert ausführlich, wie Poincarö zur „diplomatischen" Anterstützung Rußlands in seinen Verhandlungen mit Oesterreich Demonstrationen zu Wasser und zu Lande in Aussicht gestellt und die Aussichten für einen allgemeinen Krieg als günstig hingestellt hat. And cinevorsähliche Fälschung? Sollte der Botschafter seiner Negierung eine Anter- stühung verheißen haben, die nicht versprochen war? Er hätte sie ja dadurch zu einem Kriege gegen die Mittelmächte treiben können, den sie dann unter Umständen allein hätte bestehen müssen! Das erscheint völlig ausgeschlossen, und zudem hatten der russische Botschafter in London mid der russische Militärbevollmächtigte in Pans genaudenselbenEindruck von der Poin- careschen Politik wie Iswolski.
Noch eine andere Betrachtung spricht gegen die Zuverlässigkeit Poincares. Wie bekannt, hat im Jahre 1912 die russische Regierung beträchtliche Summen an die französische Presse verteilen lassen, um sie für ihre offensive orientalische Politik zu gewinnen, und nach Iswolskis Berichten hat sich Poincare an diesem Geschäft mit großer Lebendigkeit beteiligt. Auch hier bestreitet Poincare die Glaubwürdigkeit des Russen: er sei nur widerwillig auf diesen unmoralischen Handel eingegangen und habe sich von der Ausführung ferngehalten. Leider stehen dieser Versicherung entgegen die Zeugnisse von drei anderen Russen, des Ministerpräsidenten Kokowzow und zweier Finanzagenten in Paris, die durchweg Iswolskis Darstellung bestätigen. Poincare wird uns nicht überzeugen, daß auch diese drei übereinstimmend ihn mißverstanden oder falsches Zeugnis abgelegt hätten. r
Indessen zur Kritik der Poincareschen Glaubwürdigkeit können wir ihn selb st als Zeugen anrufen. Im Jahre ’921 hat er in mehreren Vorträgen erklärt, er ^abe von dem entscheidenden Faktor in der Entstehung des Balkankrieges von 1912, dem Bündnis zwischen Serbien und Bulgarien im März 1912, lange nichts erfahren, da die russische Regierung, die darum wußte, ihn geflissentlich im Dunkeln gelassen habe. Erst nach Monaten, im Juni, habe er zufällig durch eine Indiskretion davon erfahren. Zu seinem Anglück kam aber ungefähr gleichzeitig mit jener Versicherung aus russischen Quellen zum Vorschein, daß er unmittelbar nach Abschluß des Bündnisses offiziell durch Rußland von der Tatsache und dem Hauptinhalt des Bündnisses unterrichtet worden ist. In seinen Denkwürdigkeiten vom Jahre 1926 wagt er deshalb seine erste Behauptung nicht mehr aufrechtzuerhalten, sondern erzählt ganz unbefangen, als ob er nie etwas anderes gesagt hätte, daß ihm jene Mitteilung gemacht worden sei.
Aber auch das ist noch nicht, das schwerste Geschütz, das sich gegen Poincares Wahrheitsliebe ausfahren läßt. Die französische Regierung hat laut ihrer eignen offiziellen Mitteilung am 30. Juli 1914, als die russische Regierung bereits
gegen Oesterreich mobilisiert hatte und die Verhandlungen sich zwischen den Kaisermächten immer mehr zuspihten und jede weitere militärische Maßregel Rußlands notwendig den Krieg herbeiführen mußte, folgende Depesche nach Petersburg gerichtet: „Es wäre opportun, daß Rußland nicht unmittelbar eine Maßregel träfe, die Deutschland den Vorwand böte für eine völlige oder teilweise Mobilmachung seiner Streitkräfte." And das französische Auswärtige Amt wie das Kriegsministerium erläuterten der russischen Botschaft den Sinn der Depesche noch genauer: Rußland möge öffentlich erklären, daß es seine Mobilisation im Interesse des Friedens verlangsamen werde, aber heim- I i ch könne es seine Vorbereitungen fort- setzen oder gar verstärken, wenn es sich dabei nur der in die Augen fallenden Massentransporte enthalte. Deutlich genug empfiehlt hier Frankreich seinem Bundesgenossen, nach Kräften zu rüsten, aber es vor den Deutschen zu verbergen. Am das französische friedliche Gesicht zu retten, gibt Poincare in seinen Denkwürdigkeiten der fatalen Depesche kurz entschlossen folgenden Text: „Cs wäre opportun, daß Rußland in den Maßregeln der Vorsicht und der Verteidigung, zu denen es glaubt, schreiten zu müssen, nicht unmittelbar eine Maßregel für eine völlige oder teilweise Mobilmachung seiner Streitkräfte ergreift." Also, aus einem Vorschlag, heimlich zu rüsten, um den Gegner desto besser überfallen zu können, macht er einen Rat, sich jeder Mobilmachung zu enthalten! Nebenbei: die Fälschung war nicht nur gewissenlos, sondern auch töricht, denn ein solcher Rat wäre am 30. Juli viel zu spät gekommen, da die französische Regierung ganz genau wußte, daß Rußland schon am 28. Juli vier Militärbezirke — mindestens 13 Armeekorps — mobil gemacht und einige Tage vorher schon andere Vorbereitungen getroffen hatte. Er rechnet eben auf die Ankenntnis und die Oberflächlichkeit seiner französischen Leser, die sich um die Akten nicht kümmern. An einer anbern Stelle spricht Poincare von jener Teilmobilmachung der Russen, und auch da kann er das Fälschen nicht lassen: er macht aus den vier Militärbezirken vier Armeekorps, reduziert also die Mobilmachung auf weniger als ein 'Drittel des tatsächlichen Vorgangs. Schon wiederholt ist öffentlich auf diese Verdrehungen hingewiesen worden: Poincars hat dazu geschwiegen.
Dieser Tage begann in Berlin das Gastspiel des Theaters Tokujiro Tsut- sui. Anser Mitarbeiter schildert hier aus eigener Anschauung das seltsame Thea^erleben im modernen Tokio.
Japan, das Land mit dem doppelten Gesicht, das nach dem Osten und dem Westen blickt, hat naturgemäß auch ein Theater, das zwei voneinander ganz verschiedene Gesichter zeigt. Gerade auf dem Gebiet des Theaters tritt der Riß klar zutage, der das Bild dieses Landes so zwiespältig macht. Tokio mit einem guten Dutzend großer Theater hat beinahe ebensvviele Kunstrichtungen. Wenn man aus einer Straße in die andere biegt, sieht man dicht nebeneinander die expressionistischen Plakate, die ein Stück von Georg Kaiser oder Paul Claudel ankündigen, und die holzschnittmäßigen, in schweren Rahmen gefaßten Szenenbilder aus Stücken, die man seit dreihundert Jahren unverändert gibt; unverändert im Spiel, im Kostüm, in der Sprache.
Somit ist kein Zweifel, daß Iswolskis Bericht vom Jahre 1912 zu Recht besteht: Poincarö hat die Bundespflicht Frankreichs ausgedehnt auf jede Verwicklung, bei der Deutschland beteiligt war, auch auf einen Angriff Rußlands auf die Mittelmächte und dadurch die kriegerischen Neigungen in Petersburg bewußt gesteigert.
Ebenso hat er im Jahre 1914 gehandelt. In einem wichtigen Punkte ist das bereits oben nachgewiesen, aber wir können noch die Zeugnisse des englischen Cntentegenossen anführen. Nach dem Bericht Buchanans, des englischen Botschafters in Petersburg, hat Poincare persönlich während seines Aufenthalts in Petersburg (20. bis 22. Juli 1914) mit Sasonow, dem Minister des Auswärtigen, verabredet. Oesterreich, dessen Sühneforderungen für die Ermordung des Erzherzogs täglich erwartet wurden, keine Einmischung in die inneren Angelegenheiten Serbiens gestatten zu wollen, und der französische Botschafter Paleologue hat entsprechend den Weisungen seines Meisters nach der Veröffentlichung des Wiener Altimatums Rußland unbedingt der Hilfe Frankreichs versichert, wenn es seine Ausführung durch Krieg verhindern wolle, ja er hat dem russischen Minister vorgetragen, auch ohne Beistand Englands brauche man den Kampf mit den Mittelmächten nicht zu scheuen. Daß die sofort einsetzenden russischen Rüstungen, die, wie jedermann wußte, eine Verständigung ungeheuer erschweren oder gar unmöglich machen mußten, bei ihm lebhafte Zustimmung gefunden haben, ist daher nicht verwunderlich, kurz die französische Politik trägt im Jahre 1914 einen noch stärkeren offensiven Charakter als im Herbst 1912.
Immer wieder muß man daran erinnern, mit welchen Waffen der Rechtsgrund, auf dem der Versailler Spruch ruht, verteidigt wird, und wenn man seine Hohlheit erkannt hat, ist es Zeit, an einen älteren Ausspruch Poincaräs zu erinnern, den er freilich in feiner letzten Arbeit nicht wiederholt hat: „Wenn es nicht die Zentralmächte gewesen sind, die den Krieg verursacht haben, warum sollen gerade sie verurteilt werden, den Schaden zu be» zahlen? Folgt nicht aus einer geteilte« Verantwortlichkeit gerechterweise stets eine Aus- | teilung der Kosten?" („Temps". 27. Dezember 1920).
Es ist etwa so, wie wenn bei uns heute neben den großen Revuetheatern eine Truppe der Commedia dell'Arte unverändert auftreten würde.
Es ist der Reiz des eigentlichen japanischen Theaters, des Kabuki, daß seine Kunst Muße gehabt hat, sich seit dem frühen 17. Jahrhundert ungestört zu entwickeln. Wobei die Entwicklung in einem sehr asiatischen Sinne zu verstehen ist: cs ist nämlich an dem einmal Bestehenden unablässig gearbeitet worden, ohne daß an seinem Wesen etwas geändert wurde. Was fremde Besucher von Geschmack an Japan immer wieder rühmen, die Vollkommenheit des Handwerklichen, das macht auch den Reiz des Kabuki aus, einen Reiz, dem alle ohne Anterschied verfallen, auch ohne die Sprache und sogar ohne den Sinn der Theaterstücke recht zu verstehen.
Der japanische Schauspieler beginnt seine Karriere im vierten oder fünften Lebensjahr. Er wird in irgendeiner stummen Kinder- rolle auf die Bühne gesetzt, möglichst in der Nähe seines Vaters, der gewöhnlich auch Schauspieler
Die „Pferdefüße" kommen!
Japanisches Theater in Deutschland. — Oer Werdegang des japan scheu Schau- spie!erS.-OseiberühmteSchauspiererfamilien.-OeusscheStückeimKernen Osten.
Von W. K. von Nohai-a.
WUM-rinNi»
Lfioman von Hans Friedrich.
Arheber-Rechtsschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
2 Fortsetzung.
Nachdruck verboten
„Karl, bischt nit brav!" rief die dicke Schwabin an der anderen Seite des Tisches, als ihr etwa siebenjähriger Sohn den in den Kaffee gefallenen Zucker mit den Fingern herausholen wollte. And der biedere Herr Vater meldete seine Autorität ergänzend an: „Das isch nit erlaubt!"
„Ich will heute noch weiter", gestand jetzt Gutenbergs Nachbarin. „Ich kenne das Wetter- stein-Gebirge schon, war bereits mehrmals in Garmisch-Partenkirchen. Aber wenn ich in die Alpen fahre, zieht es mich immer wieder zu vorübergehendem Besuch hierher. Ist ein paradiesisches Fleckchen Erde."
Im weiteren Verlauf der Unterhaltung stellte es sich heraus, daß Fräulein Erdmute Hansen aus Dresden, Tochter des bekannten Motoren- Industriellen, auf einer Studienreise begriffen
war.
„Sie müssen nämlich wissen, daß ich ein Malweib bin!“ lachte sie. „And daheim bin ich regelrecht durchgebrannt. Ich sollte mit meiner Mutter an die See fahren. Das war mir zu langweilig." And sehr offenherzig fortfahrend: „Man kennt doch den Betrieb ... Nach den ersten fünf oder sechs Tagen wird das Meer und die Sonne abgelebt, und der Tanz kommt auss Tapet. Da hab' ich mich kurz entschlossen auf mein Motorrad gesetzt und bin losgefahren."
Sie sah die Wirkung ihrer Offenbarung im verblüfften Mienenspiel ihres Nachbarn.
„Nicht wahr, Herr —"
„Gutenberg, Heinz Gutenberg!" beeilte er sich, die versäumte Vorstellung nachholend.
„Herr Gutenberg, meine Deichte hat sie aus dem Konzept gebracht? In mir hätten Sie keinen Ausreißer vermutet?" fragte sie in ihrer gewinnenden, schelmischen Art.
Ihr Landsmann wehrte ab. And ein leichtes Oluf atmen war in feiner Stimme.
„Aber nein! Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen, mein gnädiges Fräulein. Mir kam nur eben zum Bewußtsein, daß wir uns bereits feit gestern kennen." Ihr Erstaunen ignorierend, trumpfte er schalkhaft auf: „Jawohl, feit gestern
nachmittag!"
Erdmute Hansens Gesicht wurde besinnlich. Ihre Augen bekamen dabei einen nach innen gerichteten Ausdruck.
Sie schüttelte den Kops.
„Das müßte eine sehr einseitige Bekanntschaft gewesen sein..." sagte sie nachdenklich.
Nun bekannte er Farbe.
„Allerdings. Ich sah Sie nämlich vom Auto aus. Es war zwischen Augsburg und Lands- berg, als wir Sie überholten."
Sie rührte in ihrem Kaffee, gestand neidlos: „Ich bin von vielen Wagen abgehängt worden. Meine Maschine ist nur mittelstark."
Gutenberg entzündete sich eine Zigarre, sagte dann nicht ohne Schwung: „Aber keiner wird sich Ihr Profil so gemerkt haben wie ich!"
„Dann bin ich also eine sehr merkwürdige Person ...“ quittierte sie mit befreiendem Lachen.
„Ein sehr schönes Menschenkind!" dachte Gutenberg, ohne das Kompliment auszusprechen.
Auf der Terrasse wurde es allmählich stiller. Die Berge lockten. Auch die Schwabenfamilie rüstete zum Aufbruch. Sie wollte ins Höllental, wie aus der laut geführten Unterhaltung hervorging.
Die Malerin und der Schriftsteller faßen nun noch allein am Tisch. Allein mit ihren Gedanken und Worten, die nicht immer dieselben waren.
3.
Dr. Berger schloß seine Frau in die Arme. Sie war schon seit vierzehn Tagen in Garmisch und hatte ihn sehnsüchtig erwartet.
„Mausi, freust dich, daß ich da bin?“
Die blühende, vollschlanke Frau mit der Note südlichen Typs und Temperaments schmeichelte ihre Wange an die des Mannes.
„Du Böser kommst reichlich spät! Hat dich die Rotationsmaschine nicht fortgelassen?"
Seufzend sagte er etwas von Dertreterschwie- rigtciten und Arbei tsüberlastung.
„And die Buben?"
„Lassen dich herzlichst grüßen!"
Er lächelte, wie man über ein großes, geliebtes Kind lächelt, verstehend und nachsichtig. Seit zehn Jahren war er mit dieser wundervollen Frau verheiratet. And er hatte feit jener Zeit nicht aufgehört, sie zu lieben. Ilse war trotz ihrer drei Lebensjahrzehnte ein junges Mädel geblieben: Anschmiegend und von jenem Reiz, der den Mann immer fieber fesselt. And bei allem Verständnis für : .e begehrlichen Wünsche des Gatten jene kleine Fermate haltend, die halb Keuschheit, halb frauliche Klugheit ist.
„Weißt du —" fuhr sie dann im Zimmer munter fort, „wer unten konzertiert?"
Er zog die Schultern hoch, während er mit den Händen in das Waschwasser fuhr.
Ilse hatte sich ihm gegenüber auf das Kopfende des Diwans gesetzt. Aus ihren Augen strahlte die Freude der Aeberraschung.
„Der Strobl-Franz!" Platzte sie schließlich heraus, weil der Herr Gemahl nicht aus feiner Ruhe zu bringen war.
„Der Herrgottsgeiger 7*
Sie nickte lebhaft.
„Gr hat mich schon erkannt und freut sich rein närrisch auf dich."
Dr. Berger sah mit einem langen Blick zu seiner Frau herüber.
„Hat er sich dir auch nicht ins Herz gespielt, der Musikus?" fragte er gut gelaunt.
Sie verzog den Mund und zappelte mit den Deinen wie ein übermütiges Kind.
„Ach du!" rief sie mit gelindem Vorwurf. „Wo ich mein Herz doch nur für dich reserviert hab'!"
Nachdem sich Dr. Verger gewaschen und umgezogen hatte, gingen sie hinab in den Speisesaal, um zu Abend zu essen. Das Mahl verlief ziemlich schweigsam. Nur mit den Augen flirteten die beiden verliebten Eheleute. Was doch vierzehn Tage Trennung zuwege bringen!
„Du — Ilselein — seit zwei Wochen habe ich mich auf diesen Tag gefreut!" gestand der Doktor und hatte kaum einen Blick für seine Umgebung.
Die onyxschwarzen Augen seiner Frau setzten ihn in Flammen. And in ihrer Stimme war ein verborgenes Locken, trotz dec ablenkenden Frage: „Wie kann man nur so verliebt sein?!"
Zehn Jahre Lebensgemeinschaft, zwei Düben, die beide schon schulpflichtig waren — und noch immer das gärende Drängen der Honigmonde im Dlut! Das war in der Hauptsache das Verdienst Frau Ilses. Dieses elsenbeinhäutige Geschöpf war eine Meisterin der Che. Alle Ehre für diese Diplomatie, Kunst, Taktik oder wie man es nennen will!
Jetzt setzte die Musik ein. Salon-Orchester. Violine, Cello, Klavier.
Deirn ersten süßen ©eiaenlaut sah Dr. Derger auf. Natürlich, der Strobl!
Ilse nickte lächelnd.
„Den hatt'st schon wieder vergessen, gelt? Aber nun bringt er sich von selber in Erinnerung, der Geiger von Gottes Gnaden."
3a, so war es auch. Franz Strobl, der junge Wiener, spielte die Stcaußschen Walzer, daß der Meister selbst zufrieden gewesen wäre, wenn er es hätte hören können.
Rosen aus dem Süden.
Das war noch Musik! Bewegung, Feuer, Schmelz und süße Innigkeit. And der Geiger riß die Spieler der anderen Instrumente mit fort, daß jeder fein Bestes zum Gelingen des Ganzen gab. Dor einem Jahr schon hatte Franz Strobl während der Vorsaison hier gespielt und war an einem lustigen Abend auch mit Herrn und Frau Dr. Berger aus Chemnitz bekannt geworden. Damals hatten sie den genialen Geiger eingeladen, bei ihnen in der Wohnung zu spielen, wenn ihn sein Weg einmal nach Sachsen führen sollte. Bisher hatte er nicht Folge leisten kön
nen, aber die Freude des Wiedersehens war dennoch groß.
Erst in der Pause gewahrte der Wiener seine Freunde an einem der Hinteren Tische. Der Saal war während der Essenszeit überfüllt und nur schwer zu übersehen.
„Meine Augen werden immer schlechter...' entschuldigte sich Strobl nach der ersten Begrüßung. mit einer raschen Kopfbewegung seine schwarzglänzende Mähne zurückwerfend.
„Immer noch unbeweibt?" fragte Dr. Berger nach einer Weile mit luftigem Augenzwinkern.
Strobl schob die Anterlippe vor.
„Die ich einmal gewollt hab, hat mich öer* schmäht. Nun getrau ich mich an keine andre heran.“
„Sie Aermster werden sich zu trösten gewußt haben.. ", sagte Frau Ilse und blieb ganz ernsthaft dabei.
Die beiden roten Flecken auf den Wangen des hübschen Kerls vertieften sich.
„Reden wir nicht davon!" seufzte er gewollt komisch — und war doch vielleicht ein bißchen wahre Trauer dabei...
Auf Bergers Veranlassung brachte die Bedienung noch ein Glas für Strobl. Er folgte der Einladung gern. Die frohen Stunden vom vorigen Jahre lebten wieder auf.
„Wissen Sie noch, wie wir damals gescherbelt haben?" schwelgte der Wiener in Erinnerung. And in Dialekt verfallend: „Ah, dös war a Gaudi!"
3a man hatte die flotten Tänze nicht vergessen, die der Geiger so zu spielen wußte, das) sie ins Blut gingen wie Spätlese vom Rhein.
Bei einer guten Zigarre und einem noch besseren Tropfen plauderte es sich für die wenigen Minuten der Musikpause sehr angenehm. Die Fröhlichkeit und gute Laune der Gästeschar, die mit Höhenluft-Appetit den Speisen zusprach, wirkte ansteckend.
Während einer Gesprächspause kam Frau 3lf* ein Gedanke, der sich ihr auch gleich auf bi* Zunge drängte.
„Arno, sag mal: Wie ist die Sache mit Heinz Gutenberg ausgegangen?"
Sie sah erwartungsvoll ihrem Gatten ins Gesicht und gewahrte deshalb nicht den Farbenwechsel in Strobls Antlitz.
Dr. Berger zog die Brauen hoch. Aus seiner Stirn standen Falten.
„Hoffentlich gut..." erwiderte er nach einer kleinen Verzögerung.
Seine Frau lachte unterdrückt.
„Wie? Hoffentlich gut? Ich verstehe dich nicht!"
Er sah ein, daß er eine nähere Erklärung geben mußte, obwohl ihm dieses Thema nicht besonders angenehm war.
(Fortsetzung folgt)


