Ausgabe 
11.3.1930
 
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Sie blonde Sklavin.

Vornan von Hermann Deich

27 Forfletzung. 'Nachdruck verboten

Er mußte sich Gewißheit verschaffen! Er mußte heute aufs Ganze gehen! Wenn jemand etwas wußte, so war es dieser Dr. Rönneberg!

Es würde zwar wahrscheinlich nicht leicht sein, ihn zum Sprechen zu bringen! 3m eigenen In­teresse würde der Arzt, der damals die Hand zu dieser verbrecherischen Fälschung geboten hatte, bis zum Letzten schweigeir.

Aber wenn er, Schulhofs, ihm die Sache auf den Kopf zusagte..vielleicht konnte er ihn überrumpeln /.das mußte sich im entscheiden­den Augenblick von selbst ergeben.

In aufgeregter Hast frühstückte Schulhofs. Flüchtig durchblätterte er die Morgenzeitung. Plötzlich stutzte er.

Eine fettgedruckte Aachricht hatte sein Interesse auf sich gezogen. Mit Wachsender Bestürzung las er, daß am gestrigen Abend einer der bekann­testen und einflußreichsten Finanzleute Berlins, Peter Honnecker, einem verbrecherischen Anschlag zum Opfer gefallen sei. Man habe Honnecker gegen 9 Ußr in seinem in der Friedrichstraße gelegenen Bureau mit einer schweren Kopfwunde bewußtlos aufgefunden. Da die gußeiserne Tisch­lampe auf dem Boden lag, nehme man an, daß der Täter mit ihr den Schlag gegen Honnecker geführt habe. Der sofort herbeigerufene Arzt habe festgestellt, daß die Wunde zwar schwer, aber nicht lebensgefährlich sei.

Der Tat dringend verdächtig fei ein An­gestellter Honneckers Namens Rönneberg, der, die die angestellten Ermittlungen ergaben, in der letzten Feit öfter Zusammenstöße mit Hon­necker hatte. Ob es geftent abend abermals zu einem Streit zwischen den beiden gekommen war, in dessen- Verlaus der Täter den Schlag gegen Honnecker geführt habe, oder ob es sich um einen heimtückischen Racheakt handle, müsse die weitere Untersuchung des Falles ergeben. Rach dem mut­maßlichen Täter werde gefahndet.

. Schulhofs ließ das Zeitungsblatt sinken.

Keinen Augenblick lang zweifelte er daran, daß Willy Rönneberg der Täter war. Jetzt erst wurde ihm das aufgeregte, gehetzte Wesen, das der Mann in der vergangenen Rächt zur Schau getragen hatte, verständlich. Er wußte die Ver­folger hinter sich..., er war auf der Flucht...

Und er, Schulhofs, hatte ihm noch Geld ge­geben, um diese Flucht zu ermöglichen. Da konnte er unter Umständen in diese Sache mit hinein- gezogen werden.

Was lag daran! Er hatte von dem wahren Sachverhalt nichts gewußt. Und daß er einem Menschen, der ihn um Hilfe anging, in gutem Glauben geholfen hatte, wer konnte ihm das verargen!

I Schulhofs überflog nochmals die Rotiz.

Vielleicht hatte man um diese Stunde Willy Rönneberg schon, gefaßt, die Polizei arbeitete schnell, weit würde er jedenfalls nicht kommen...

Und wenn man ihn erwischte, kam er ins Ge­fängnis. Da hätte er besser seine früheren Ver­fehlungen damals gleich gebüßt und wäre nach­her ein freier Mann gewesen..., anstatt sich Honnecker in die Hände zu geben, der ihn nun wieder zum Verbrechen getrieben hatte.

Schulhofs fapt ein Gedanke.

Er steckte die Zeitung in die Tasche. Unter Umständen trfrinte sie ihm, wenn er jetzt zu Dr. Rönneberg hinausfuhr, von Ruhen sein.

XXV.

Das Haus, zu dein man Schulhofs wies, lag außerhalb des Ortes, in einem kleinen, unge­pflegten Garten. Cs war ein niederes Gebäude. Dr. Rönneberg" stand auf einem Schild an der Haustür.

Schulhofs drückte auf die Glocke.

Lange rührte sich nichts. Endlich tarnen schlür­fende Tritte näher. Ein kleines Guckfenster wurde geöffnet.

öie wünschen?" fragte eine unfreundliche Stimme.

Ich möchte Herrn Dr. Rönneberg sprechen."

Ich habe jetzt keine Sprechstunde. Kommen Sie heute nachmittag zwischen 2 und 4 Uhr."

Durch die kleine öeffnung des Fensterchens sah Schulhofs in zwei stechende Augen. Cs waren dieselben Augen, die Willy Rönneberg hatte.

Der Arzt wollte das Fenster wieder schließen, da sagte Schulhofs:

Ich komme nicht als Patient, sondern in einer privaten Angelegenheit. Cs handelt sich um Ihren Sohn."

Um Willy?" fragte der Arzt in hörbarem Schreck und öffnete rasch die Tür.Treten Sie näher!"

Schulhofs kam in ein großes Zimmer, dessen Einrichtung einen kärglichen Eindruck machte. Der Arzt bot ihm einen Stuhl an und setzte sich ihm gegenüber.

Mit einem einzigen Blick hatte Schulhofs die Erscheinung Dr. Rönnebergs erfaßt: Eine hagere, vornübergebeugte Gestalt, die in einem abge­tragenen Gehrock steckte; ein von einem struppigen Bart umrahmtes verschlossenes Gesicht, das eine fahle Hautfarbe aufwies..., so sah der Mann aus, dessen tiefliegende Augen nun mit ängst­lichem Ausdruck Schulhofs entgegensahen.

Ich habe Ihnen Grüße Ihres Sohnes zu bestellen," sprach Schulhofs, der nach einem ganz bestimmten Plane vorzugehen gedachte.

Danke! Wie geht es Willy? Er war schon seit zwei Monaten richt mehr bei mir hier draußen."

Schulhofs überlegte blitzschnell. Der Arzt wußte Ialfo noch nichts von dem, was heute in den Zeitungen stand!

Er wäre gern vor seiner Abreise noch zu

Ihnen gekommen," fuhr er fort.Die Zeit dazu hat ihm aber gefehlt."

Das vergrämte Gesicht des Arztes zeigte Be­stürzung.

Willy ist abgereift?... Wohin denn?"

Er will ins Ausland."

Ins Ausland?... Davon hatte ich ja keine Ahnung! Wie kam er plötzlich auf diesen Ein­fall?"

Schulhofs zögerte kurz; dann sagte er betont:

Er mußte fo schnell wie möglich fort!"

Dr. Rönneberg beugte sich vor.

Wie soll ich das verstehen?"

Ihr Sohn hat sich mit Herrn Honnecker, seinem Prinzipal, entzweit! Honnecker hat ihm, wie er mir sagte, das Leben zur Hölle gemacht; er hat ihn schikaniert und bis aufs Blut ge­peinigt, so daß Ihrem Sohn die Geduld gerissen ist. CS ist zu einem Streit zwischen beiden ge­kommen. Run hat Ihr Sohn fluchtartig Berlin verlassen, da er befürchtet, daß Honnecker ihn wegen seiner früheren Verfehlungen anzeigen wird!''

S-er Arzt hob erschreckt die mageren Hände.

Sie wissen?" ...

Ihr Sohn hat mir erzählt, auf welche Weise er in Honneckers Gewalt gekommen ist!"

Der Arzt sagte nichts darauf. Sein Kops hatte sich tief in die Schultern gesenkt. Etwas Resig­niertes, Teilnahmsloses war jetzt in seiner Hal­tung, in seinen müden Blicken, mit denen er vor sich hinstierte.

Ich habe Ihrem Sohn Geld für die Reise gegeben," sagte Schulhofs.Er kam deswegen gestern in später Rächt zu mir..

Schwerfällig erhob sich Rönneberg.

Wieviel war es?" fragte er langsam.Ich will es Ihnen zurückerstatten."

Schulhofs wehrte ab.

Lassen Sie nur! Ihr Sohn hat mir neulich einen Dienst erwiesen, da habe ich ihm nun gerne geholfen."

Ter Arzt hatte sich wieder gesetzt. Anfangs herrschte ein betretenes Schweigen. Dann aber gewahrte Schulhofs, wie sich in dem Gesicht des anderen eine seltsame Veränderung vollzog. Die Starre der Verschlossenheit wich dem Ausdruck leidenschaftlichen Schmerzes. Die vor der Zeit gealterten Züge zuckten; einige Male schien Dr. Rönneberg zum Sprechen ansetzen zu wollen, aber seine Lippen bewegten sich lautlos.

Endlich fließ er verzweifelt hervor:

Daß er mir das angetan hat!... Ohne Ab­schied fortzugehen!... Wer weiß, ob ich ihn wiederzusehen bekomme... Vielleicht erlebe ich es gar nicht mehr!"

Er machte eine kurze Pause, dann fuhr er wie erklärend fort:

Er hat sich ja nie viel um mich gekümmert. Schon als Kind ist er seine eigenen Wege ge­gangen. Er hat mir viel Sorgen gemacht, müssen Sie wissen..., vielleicht hat ihm die Mutter

'gefehlt, die zu frühe gestorben ist... Später gt* riet er dann in schlechte Hände... So kam auch die dumme Geschichte, die ihn beinahe ins Ge­fängnis gebracht hätte...

Davor hat ihn ja Herr Honnecker bewahrt!* warf Schulhofs ein.

Allerdings! Das hat er! Ich war damals auch froh darüber, daß mein Sohn bei Honnecker eine Stellung sand!" Er geriet mit einem Male in zornige Erregung; seine Stimme bekam einen scharfen Klang.Warum aber hat er Willy so schlecht oehandelt?... Warum hat er ihn, wie Sie sagen, so weit getrieben, wie es jetzt ge­kommen ist?"

Seine mageren Finger hatten sich zusammen- gefrallt.

Das hätte er nicht tun dürfen! So hätte er an meinem Sohne nicht handeln dürfen!"

Schulhofs lehnte sich etwas vor.

Da haben Sie ganz recht, Herr Doktor! So hätte Honnecker an Ihrem Sohne nicht handeln dürfen, zumal Sie ihm doch einen so großen Dienst erwiesen haben!"

Der andere fuhr zusammen. Sein Gesicht wurde blaß.

Wie meinen Sie?"...

Sie haben doch seinerzeit ein Sterbezeugnis über einen Bekannten Honneckers ausgestellt!"

Der Arzt schien seine Fassung wiedererlangt zu ßaben.

Das mag sein. In meiner langjährigen Praxis habe ich viele derartige Zeugnisse ausgestellt, so daß ich mich an jedes einzelne nicht mehr erinnern kann!"

An dieses eine sollten Sie sich aber erinnern, Herr Doktor! Cs hatte, wie mir scheint, damit eine ganz besondere Bewandtnis!"

Aus den tiefliegenden Augen Dr. RönnebergL kam ein stechender Blick.

Was wollen Sie damit sagen?"

Schulhofs antwortete leichthin:

Ich meine das Zeugnis über den vor etwa drei Jahren erfolgten Selbstmord des Schau­spielers Reinhold Witte in Berlin."

Dr. Rönneberg befiel jäh ein Zittern, da- Schulhoss nicht entging.

Schauspieler Witte?... Selbstmord?... Ich glaube, Sie irren sich...

Keineswegs! Ich habe das Zeugnis in den letzten Tagen selbst gesehen! Es trug Ihre Unter­schrift!"

Für wenige Sekunden war es ganz stille; dann sagte der Arzt überstürzt:

Richtig! Jetzt erinnere ich mich wieder! Ja. Herr Honnecker holte mich damals zu dem jun­gen Schauspieler! ... Jetzt bin ich wieder ganz im Bilde! ...Es war spät nachts .... ich lag schon einige Stunden zu Bett .... da läutete e- unten! ... Ich ging sofort mit Herrn Honnecker weg, aber dem Schauspieler war nicht mehr zu helfen! Der arme Kerl hatte sich zu gut ge­troffen! ..."

(Fortsetzung folgt.)

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