Ausgabe 
11.2.1930
 
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deren Früchte auch der gesamten Volkswirtschaft zugute kommen würden.

Sekretär Huber vom Gießener Konsumverein nahm Stellung gegen die Behauptung, daß die Konsumvereine steuerlich bevorzugt würden, und betonte, daß der Gießener Konsumverein im letzten Jahre 56 000 Mark Steuern bezahlt habe Die Konsumvereinswirtschaft sei etwas we entlich anderes als der gewerbliche Betrieb, sie sei eine eigene Warenversorqunq ihrer Mitglieder denen man das Recht, sich selbst mit Waren zu ver­sorgen. nicht nehmen könne. Die Bedrängnis von Handwerk und Gewerbe beruhe lediglich aus einer Übersetzung dieser Berufe

Bäckerobermeister L o e b e r erklärte in seiner Erwiderung an den Borredner, die Steuern des Konsumvereins seien eine Bagatelle im Ver­gleich zu dem. was Gewerbe und Handwerk an Steuern zu zahlen hätten. Dadurch, daß der rühere Reichs'inan^minister Hil erdino den Kon­umvereinen die Körpersa-aftssteuer erlassen habe, ei dem Gießener Konsumverein ein Geschenk von 63 000 Mark gemacht worden. Dem selb­ständigen Gewerbe und Handwerk sei nicht Angst vor der Konkurrenz der Konsumvereine, wenn diese In gleicher Weise besteuert würden, wie Gewerbe und Handwerk. Der Redner wies weiter darauf hin, daß der verstorbene Reichsaußen- minister Dr. Stresemann in eindrucksvoller Weise die hohe Bedeutung des selbständigen Gewerbes und Handwerkes betont hat. er wandte sich gegen genossenschaftliche und ähnliche Dersoraungsein- richtungen. bei denen für die Allgemeinheit ledig­lich Belastungen entstünden, und wies darauf hin, daß der deutschvolksparteiliche Fraktionsführer Landgrebe in Frankfurt die Auflösung der Haus­ratsgesellschaft gefordert habe, damit aber nicht durchgedrungen sei. Was er lRedner) in dieser Versammlung vorgebracht habe, sei die überein- stlmmende Meinung des gesamten Handwerks und Gewerbes in Gießen.

Minister Korell ging in seinem Schlußwort in großen Zügen auf die or den Diskussionsrednern vorgebrachten Wünsche und Meinungsäußerungen ein und betonte abschließend mit Nachdruck, daß er sich bisher immer, auch schon vor seiner Minister- zeit, bemüht habe, in gerechter Weise einem vernünf­tigen Ausgleich der Interessen zu dienen, und daß auch weiterhin Gerechtigkeit das oberste Gesetz seines Handelns sein werde

Mit einem Dankeswort des Versammlungsleiters an den Minister wurde die Versammlung gegen zwölf Uhr geschlossen.

Turnen, Sport und Spiel.

Eisschießen.

Eisschießen ist ein dem Kegeln verwandter Sport, dessen Rame leicht zu irrtümlichen Mei­nungen über diesen schönen Eissport führt. Rührt der Rame doch nur daher, daß man die Mit­glieder einer Mannschaft, die hier Moarschaft genannt wird, als Eisschühen bezeichnet. Wie das Wort Moor schon andeutet, stammt das Eis­schießen aus Bayern, wo es schon lange bei alt und jung gleichbeliebt im Winter aus den zugefrorenen Gräben und Teichen gespielt wird. Mit dem Hervorkehren der sportlichen Seite wurden dann neuerdings dem Spiel einheitliche Regeln gegeben, um eine gemeinsame Grund­lage bei Wettkämpfen zu haben. Viel Platz ist dazu nicht nötig; eine Bahn 4 Meter breit und ungefähr 50 Meter lang ist das ganze Spiel­feld. Zwei Mannschaften, die mindestens aus vier Personen bestehen, schießen ihren Eisstock, einen flachen, mit einem Griff versehenen Ke­gel, der durch einen Eisenring ein ansehnliches Gewicht erhält, nach einer am Ende der Bahn aufgestellten Daube, die aus einem Holzwürfel besteht Hierbei bemüht sich jede Mannschaft, von ihrem Führer, dem Moar, angeleitet, ihren Eisstock möglichst nahe an die Daube zu bringen. Die Gegner dagegen versuchen außerdem noch, sich gegenseitig durch geeigneten Schuh die Stöcke von der Daube abzubringen. Sind alle Stöcke ge­schossen, so ist die Moarschaft Sieger, die ins­gesamt die meisten Stöcke nahe an die Daube gebracht hat. Ein Spiel besteht aus mehreren Gängen dieser Art. Ohne Zweifel ein Spiel mit reckt einfachem Regelwerk, das bei rechter Be­teiligung, wie auch beim Kegeln, viel Freude

auslöst. Es wird heute von jung und alt, Männ­lein und Weiblein, gespielt; sind doch in diesem Zähre in Krummhübei zum ersten Wale die Meisterschaften für Damen°Moar,chaften ausge­tragen worden. Hoffentlich gewinnt sich dieser Sport auch in Gießen recht viel Freunde, die eine körperliche Betätigung in der reinen Luft auf der Eisbahn als willkommene Betätigung in ihrer Freizeit suchen.

Gpielvereinigung 1900 Gießen.

ö. Die Fuhbal.'saison 1929/30 nahm in Gießen am Sonntag einen erfreulichen 2:0-Abschluß. für Gießen. 1 9 0 0 Gießen war auf Grund bes'erer Technik fast ständig die tonangebende Mannschaft, während bei den Gästen, dem Fußballver- e i n 1913 Wallau. der nie erlahmende Eifer ganz besonders hervorstach. Die Einheimischen hätten in Anbetracht der reiferen und überlege­nen Spielweise einen weit höheren Sieg ver­dient gehabt, wenn nicht der heftige Sturmwind mit dem Leder sein Spiel getrieben hätte. Oft war in diesem Spiel die aufopfernd und sicher

auf. 1900 konnte nur durch energische- Spiel da- recht gute Resultat herausholen. Zu berücksich­tigen ist dabei, daß die Blauweißen mehrere gute Kräfte ersetzen mußten.

Ebenfalls in Weilburg spielte 1 900s dritte Mannschaft gegen die dortige zweite Die Gie­ßener verloren 6:0. Sie traten die Reise nur mit neun Spielern an und hatten überdies in chrem Torwart ihren schlechtesten Mann. Besser wurde es erst, als man diesen auswechselte. Die Partie war aber bis dahin schon mit 4:0 Toren ver­loren und nicht mehr aufzuholen.

1900s vierte Els gewann auch das Rück­spiel gegen den Lokalgegner D. f. B. und dies­mal sogar hoch mit 3:0 Treffern. Ein weiterer Schritt auf dem Weg der Meisterschaft ist damit getan.

1. 3 u ge n t>: Das 2. Pflichtspiel in der Rück- runde führte diese mit der gleichen des B. f. D. auf dem 1900-Platz zusammen. Wie bei der Liga, so ließ auch hier der starke Wind kein gutes Spiel aufkommen. Die erste Halbzeit hatte V. f. D. den Wind als Bundesgenossen und konnte da­

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Die Scheibe im Schweizer Tor! Aus dem Endkampf um die Europameisterschaft, der von Davos nach dem Berliner Sportpalast verlegt wurde und Deutschland mit 2:1 Toren als Sieger über die Schweiz sah

arbeitende Verteidigung, einschließlich Torwart, der Gäste von den Gießenern nach schöner Kom­bination überspielt, der Wind bremste aber mehr­fach die ins leere Tor abgegebenen, vielleicht etwas zu schwachen Schüsse der Blauweihen; andere lenkte er um Haaresbreite darüber oder daneben. Als 1900 vor dem Seitenwechsel mit dem starken Rückenwind spielte, tourte es von einem Mißgeschick nach dem anderen befallen und hatte dadurch in der ersten Spiclhälfte fast immer nur zehn Spieler im Feld, wodurch sich natürlich die vier Stürmer gegen die gute und zahlreiche Gästeabwehr nicht allzuleicht durch­setzen konnten. Das einzige Tor vor der Pause fiel auf Strafstoß von Hohmann, den der Mittel­läufer Langsdorf eindrückte, nachdem der Ball von der gesamten Wallauer Hintermannschaft verfehlt war. Rach dem Wechsel schuf 1900 brenzliche Momente. Die gan'e Ausbeute bestand aber nur in einem Treffer von Zeiler. obwohl sich ständig die besten Chancen boten. Die Gäste wurden hin und wieder durch ihre schnellen Außenstürmer gefährlich, von denen besonders der Linksaußen ganz besonders gut aufgelegt war. Der Schiedsrichter Schneider (Mar­bach) machte einige Schnitzer, im großen und ganzen war er aber einwandfrei in seinen Ent­scheidungen.

Die Ligareserve spielte in Weilburg unentschieden 2:2. Der Tabellenzweite der A- Klasse wies eine vorzügliche Formverbesserung

durch das Tor der Blauweißen oft stark be­drängen, ohne aber zu einem Erfolg zu kommen. Rach der Halbzeit war es umgekehrt, 1900 drückte und schnürte seinen ®egner für Zeiten fast voll­ständig ein. Einzelne Durchbrüche konnten von diesem nicht ausgewertet werden. 1900-Sturm versiebte im Uebereifer nun manche Torchance. Deide Mannschaften gaben sich große Mühe und führten trotz des Windes ein interessantes Spiel vor, das torlos verlief. Bei 1900 waren die Außenstürmer und Außenläufer nicht immer auf ihrem Platz. 3m allgemeinen wurde das Spiel fair durchgeführt.

2. 3 u ge n t>: Diese gewann ihr Pflichtspiel gegen die 1. 3ugenÖ der Teutonia in Stein­berg 3:0. Hier soll es im Sturm nicht so recht geklappt haben, da sonst der Sieg noch höher ausgefallen wäre.

3.3u gen b: Wit acht Mann trat diese in Steinbach gegen die dortige 1.3ugenb des Sportvereins an und hatte bei Halbzeit schon 2:0 verloren. Die zweite Hälfte des Spieles wurde nicht mehr ganz durchgeführt, da der Schieds­richter wegen des nicht mehr spielfähigen Platzes das Spiel vor der Zeit abpfiff.

l.Schüler: Rach dem Ligaspiel lieferten sich diese mit den 1.Schülern des Sportvereins Gar­benteich ein schönes Spiel und gewannen es verdient 2:1. 3n der zweiten Halbzeit waren die Blauweißen stark überlegen.

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Die siegreiche deutsche Mannschaft beim Berliner Jubiläums-Reitturnier (von links nach rechts: Ober­leutnant Hasse, Herr Körfer, Dberltn. Schmalz, Ober­leutnant Sahla), die den Großen Preis der Nationen gegen die spanischen und tschechischen Reiter für Deutschland gewann.

V. f. B.

v. s. B. gewinnt das entscheidende Treffen gegen Germania- Marburg mit 3:2.

Die Derbandsspielserie 1929 30 ist zu Ende. Die D.f.B.-Liga hat den letzten Punktkampf, dessen Aus­gang von entscheidender Bedeutung war und in dem sie einem ihrer stärksten Gegner gegenüber- stand, für sich entschieden und sich damit den Auf- stieg zur nächst höheren Spielklasie der Bezirksliga erkämpft. Sie steht nun mit dem seitherigen Tadel- lenerften, F.D. Ockershausen, punktgleich, so daß beide Vereine nochmals zur Ermittlung des Mei- sters anzutreten haben. Nach Bendigung der Rück­runde ist der Tabellenstand in der Spitze nun fol­gender: 1. Ockershausen (14 Spiele, 9 gewonnen, 2 unentschieden, 3 verloren, 30:18 Tore, 20:8 Pkt.): 2. V f B Gießen (14 Spiele, 9 gewonnen, 2 un­entschieden, 3 verloren, 32:23 T., 20:8 P ); 3. Spiel- Vereinigung Gießen 14 Sp eie, 9 gewonnen, 1 un­entschieden, 4 verloren, 49:30 T., 19 9 P ); 4.Ger­mania" Marburg (14 Spiele, 8 gewonnen, 1 unent­schieden, 5 verloren, 43:25 T., 17:11 P ).

Wenn auch die Tordifferenz am Sonntag recht knapp war, so hat doch der Spielverlauf den Be­weis erbracht, daß die V.f.b er in bezug auf spie­lerisches Können entschieden besser waren, als ihr

Erich Recknagel errang bei den Oberstdorfer Ski- kämpfen die deutsche Skimeisterschaft. Ganz vorn in der Mitte, Otto Wahl, der Sieger im Langlauf über 18 km.

Coda muß sich bas zweite Thema dem Kopfthema ergeben.

Eine romantische Welt eröffnet sich im An­dante moderato, bas von den Hörnern und den später einsetzenben Bläsern mit kirchentonartlichen Wendungen zur Gr'"^tonart des Satzes. B-Dur. geführt wird, des en Hauptthema durch die äolische Septime eine elegisch. Wendung erhält und dem bann ein kantables Deitenthema gegenübertritt. Man wird nicht fehlgehen, wenn man dieses An­dante zu ben schönsten unserer langsamen Dym- phoniesätze rechnet. 3hm stellt sich in dem Alle­gro giocoso ein Scherzosatz voll ungebrochener Lebenskraft und Eigenwilligkeit entgegen. Ein graziöses Seitenthema vermag dem Hauptthema nicht Einhalt zu gebieten. Dieses bäumt sich und versinkt dann und gibt einer fast visionären Besinnlichkeit Raum, um dann aber wieder mit neuer Kraft hervorzubrechen. Das Orchester ge­winnt in diesem Satz durch kleine Flöte. Contra- fagott und Triangel besondere Farbe.

Das Finale wendet sich bet Grundstimmung des deutschen Requiems zu. Hm diesem Schicksals­gedanken jenes Unerbittliche, alles unter sich Zwingende zu verleihen, greift Brahms die alte Form der Ciaconna auf und wandelt das zuerst im Diskant der Bläser eingesührte Thema in einer Abfolge von 30 Variationen ab. Der immer wiederkehrende Cantus firmus durchzieht die Va­riationen als der leitende Grundgedanke, und der bis zum Aeußersten konzentrierten Schaffens­kraft des Meisters gelingt ^es. die tiefsten seeli­schen Stimmungen vom stärksten Schmerz bis au größter innerer Erregtheit und Fassungslosigkeit, bis zum Gefühl des Geborgenseiits und der trö­stenden Kraft des Chorals zu erschließen. Und dennoch vermochte Brahms gleichzeitig d efe Reihe von Variationen so zu fügen, daß man in ihr die grundlegenden Teile der Sonatenform wieder­zuerkennen vermag; er hat mit diesem in sich so konsequent gefügten Formenbau ein einzig­artiges Beispiel in Der Geschichte der Symphonie gegeben. Treffend vergleicht Hans 1 ick diesen Satz mit einem dunklen Brunnen:3e länger man hinein schaut, desto mehr und hellere Sterne glänzen uns entgegen." Dem Pessimismusin dem Urteil Felix Weingartners wird man allerdings nicht völlig zustimmen können: ..Für mich ist das eigentlich Wunderbare der unge­heure seelische Gehalt dieses Stückes. 3ch kann mich der Dorstellung des unerbittlichen Schick­sals hier nicht entschlagen. daß eine große Er­

scheinung. sei es ein Einzelner, sei es ein ganzes Volk, dem Untergange ohne Erbarmen ent­gegentreibt. Der Schluß dieses von erschütternder Tragik durchglühten Satzes ist eine wahre Orgie der Zerstörung, ein furchtbares Gegenstück zum Freudentaumel am Ende der letzten Symphonie Beethovens." Dr. H.

Goethe-Bund

Alle Haus- und Kammermusik

Ein Abend voll tiefer Eindrücke. Alte Hausmusik auf Originalinstrumenten. Musik des 15. bis 18. 3ahrhunderts, die man sich gegenseitig vorspielt, wie der Vortragende in seinen kurzen, aber sehr erschöpfenden Ein­leitungsworten sagte, Musik, die um ihrer selbst willen gespielt und gelungen wird, die nicht ben lauten Beifall eines mehr ober weniger inter­essierten Konzertpublikums entfachen soll, fonbern Musik, die ins Haus gehört, an der man sich erfreut und erbaut. 3n ihrer harmonischen Struk­tur einfach und durchsichtig, aber im Rhythmus oft kompliziert und eine starke innere Verwandt­schaft mit moderner Musik zeigend. Dabei ohne großen technischen Aufwand ausdrucksvoll und vielsag nb. Alles Klang Und so erscheint sie uns a.s ein Zufluchtsort vor Der Hetze unserer Zeit und ihren peitschenden Rhythmen.

Die Dortragsfolge, stilvoll und abwechslungs­reich, wies Werke von Obrecht (geft 1505), Dusay (geft- 1471), Dinchois (geft. 1460), Telemann (geft. 1767) und anderen Meistern auf Stilvoll auch die Art des Vortrags. Kerzen­licht. Das war keine Aufmachung in schlechtem Sinne, sondern eine Rotwendigkeit. Elektrisches Licht müßte diese Musik erdrücken. Die Aus­führung des Programms ließ keinen Wunsch offen. Die Herren Harlan, Lucas und D u i s zeigten sich als ebenso feinsinnige 3nterpreten wie als Meister ihrer 3nftrumente. Der Sänger verfügt über ein ausgezeichnetes Material und formvollendeten Vortrag. Cs war ein Muster gemeinsamen Musizierens mit dem obersten Grundsatz, das Werk in den Vordergrund zu stellen und nicht den Künstler, und unterschied sich somit wesentlich von unserem heutigen Kon- xertbetrieb mit lichtdurchflutetem Saal und gro­ßen Toiletten.

Aus der Folge seien besonders hervorgehoben zunächst das5>er Wald hat sich entlaubet" aus dem Lochheimer Liederbuch, dann der Maria-

Hymnus von Obrecht und ebenfalls eindrucks­voll und schönMaria zart" aus einer Orgel- ta&ulatur von Schlick (1512), das durch drei Block­flöten zu Gehör kam. 3m zweiten Teil Tanz­stücke und Lieder von Dowland (geft. 1626) und anderen. Darunter auch ein reizendes Menuetl von Telemann für Pochette (Tanzmeistergeige) und Klavichord. Außer den genannten 3nftru- menten wurden noch verschiedene Gamben, eine doppelchörige Knickhalslaute, als Begleitinstru­ment, und eine Viola d' amoure verwendet- Alles Instrumente mit weichem, stillen, bei den Block­flöten könnte man sagen, entmaterialisiertem Klang, trotzdem von großer Tragfähigkeit. Rei­cher Beifall bewies eine dankbare Hörerschaft Leider war nur eine Zugabe zu hören.

Dem Goethebund sei für diesen wirklich er­lebnisreichen Abend besonderer Dar k gesagt. F. B.

Die Börse der wilden Tiere.

Von Pani Eipper.

Wie fiehl es in einer Tier-Importhandlung aus? Wie geht es den Tieren auf dem Trans­port und in welchem Zustand treffen sie in den Sammcllagern ein?

Sin Aufenthalt bei Hermann Ruhe in Alfeld, jener Tierhandlung, die neben Hagenbeck fast alle Zoos und Menagerien versorgt, ist in vieler Hinsicht sehr aufschlußreich. Am Morgen sind Hunderte von Tieren in 173 Kolli aus Südafrika eingetroffen. Roch am gleichen Tag laufen sie all«, munter in den Gehegen auf und ab Die Firma Ruhe betätigt sich feit nahezu sechzig Jahren mit der Ein- und Ausfuhr von Tieren 3n allen Weltteilen sind Fänger und Agenten am Werk, um in Busch und Steppe, im Urwald und hoch in den Bergen auf schonendste Weise zu jagen, denn nicht $u töten ist ihr Ziel, sondern gesunde Tiere gesund und unb schädigt zu greifen Monate gehen dahin, bis alle Kisten gefüllt, die Gehege im Wildgebiet bevölkert sind 3n vorsichtigen Märschen bewegt sich bann die Karawane zur Bahnstation und sechs bis acht Wochen dauert die Ueberfahrt. Es gehört Um- sicht. Geduld ' und viel Liebe zur Bewältigung einer solchen Aufgabe und von Arbeitspausen ist keine Rede.

Die Tierhandlung in Alfeld besteht aus einem riesigen Gelände mit vielen Häusern. Ställen und weiten Höfern Sie ist ein zoologischer Gar­

ten von eigenartigem, ganz intimem Reix, völlig aus Zweck gestellt. Du kannst im Raubtierhaus dicht vor die Gitterstäbe treten, wenn du Mut haft Du wirst es aber nicht tun, denn die In­sassen sind temperamentvoll und noch wenig an Menschen gewohnt. Herrliche Leoparden fau­chen und springen mit jähem Satz nach vorn, Tiger rasseln unheimlich und blecken die Zähne hinter dem gesträubten Bart, Löwen grollen und kleine Katzen. Pumas und Luchse, zischen und schlagen mit den Tatzen.

In einem grasbestandenen Hos äsen Lamas, Kamele unb Guanacos. Ein uralter Marabu blinzelt dich an unb exotische Gänse packen dich schnatternd am Bein Blaue Gnus überstehen hier ihre Quarantänezeit, in einem wohlgcheizten Hause wiegen prächtige Giraffen ihre neu­gierigen Köpfe. Zwischen zwanzig jungen Ele­fanten stehen Ponnys unb Ziegen als Spiel­gefährten In großen Wasserbehä tern Hausen Rilvferbe. Ganze Stuben finb angefüllt mit exo­tischen Ziervögeln; ber Bestaub wechselt von Tag zu Tag 3n ber nächsten Woche erwartet ber Besitzer der Verhandlung einen indischen Transport von 300 Rhesusaffen, 6T'g^rn. 8 gro­ßen Elefanten. 4 schwarzen Panthern unb zahl­losen Kranichen In einem langen Laufkäfig zähle ich 12 junge Braunbären, bie unlängst aus bem Kaukasus gekommen finb; Mähnenschafe. Kisten voll Schlangen, Dergzebras. Wollschopf- geier unb exotische Tauben warten auf ben Abtransport; bie Tiergärten in Bulgarien. Ruh- lanb, Skanbinavien unb Amerika ergänzen burch sie ihre Bestände.

In den letzten zwei Jahren hat bie Firma Ruhe aus Sumatra bie großen ausgewachsenen Orang-Utans eingeführt, bie allerorten zu ben größten zoo'ogischen Seltenheiten gehören. Unb jetzt bringt ber rührige Unternehmer junge Go­rillas aus ben Vulkangebirqen des inneren Afrika üHerbies Ra^h rn^r die se't b^m Krieg in deutschen Tiergärten kaum noch zu sehen waren.

Der Berui euico Tierhanblers <r orb.ri vieler­lei Vorbilbung. unb es ist kein Zufall, baß sowohl bei Ruhe wie Hagenbeck bie Befähi­gung bazu aus Generationen vererbt würbe. Kaufmännische Tüchtigkeit Umsicht unb ein Welt- aefühl finb ebenso notwenbig. wie herzhaftes Zufcslen. Talent zur Tierpflege und Verständnis für die Tierseele. Ganz abgesehen davon, daß in solchen Betrieben ganz außergewöhnlich hohe Kapitalien investiert werden müssen.