fall. Heber ein Drittel der Erkrankten sind Schwestern und Hausangehörige. Nach dem klinischen Bild konnte sofort als Erreger der Bacillus Paratyphosus B vermutet werden, und zwar nach der Heftigkeit des Ausbruchs und der schweren Form die sog. Dreslau-Art. D:e sofort einsehende genaue klinische und bakteriologische Untersuchung hat diese Vermutung alsbald bestätigt. Selbstverständlich trifft eine solche Erkrankung die Insassen eines Krankenhauses doppelt schwer, weil sie ja vorher schon nicht gesund waren, sondern wegen anderer Leiden sich im Krankenhaus befanden. Infolgedessen sind auch drei Todesfälle zu beklagen! zwei der Verstorbenen waren ältere, widerstandsgeschwächte Personen. Der weitaus größte Teil unserer übrigen Patienten befindet sich ausgesprochen a u s dem Wege der Besserung. Wodurch die Infektion entstanden ist, konnte noch nicht restlos aufgeklärt werden. Im Einvernehmen mit dem Kreisgesundheitsamt sind die ausführlichen Untersuchungen im Elisabethenstift noch im Gange. Iedenfalls ist bis jetzt festgestellt, daß kein Angestellter im Hause Träger von Bazillen ist. Wir müssen deshalb noch immer annehmen, daß der Erreger von außen eingeschleppt ist. Alle Erkrankten sind sorgfältig isoliert.
Ein weiteres Todesopfer.
03601. ® arm ft ab t, 8. Iuli. Von den im Elisabethenstift an Paratyphus erkrankten Personen ist gestern abend eine 70 Iahre alte Schwester gestorben. Damit erhöht sich die Zahl der Todesfälle auf vier. Die übrigen erkrankten Personen befinden sich auf dem Wege der Besserung.
Oberheffen.
Missionsfest in Beuern.
: Beuern, 7. Iuli. Begünstigt von schönem Wetter fand gestern in unserer Gemeinde ein Missionssest statt, das sich eines sehr guten Besuches erfreute und zu dem sich auch zahlreiche Eiirwohner von Bersrod und anderen Orten eingefunben hatten. Im Dormittagsgottesdienst predigte Missionar Kaufmann von Kassel über Apostelgeschichte 4,12. Er schilderte in beredten Worten die Olot der Heidenwelt, besonders in seinem früheren Wirkungsort in China, wie die Heiden unter den Sitten und Gebräuchen des Götzendienstes seufzen und deren grausamen Regeln verfallen. Wie Krankheit, Hungersnot und Bürgerkrieg dieses Land heimsuchen, und Räuberbanden diese heillosen Zustände noch verschärfen. Auch die Missionare haben unter diesen Zuständen sehr zu leiden. Aber auch von den Erfolgen der Mission, die alle Schwierigkeiten vergessen lassen, sprach Missionar Kaufmann. Rachmittags fand der zweite Gottesdienst statt. Missionar Kaufmann predigte wieder begeistert über den Brief des Paulus an die Epheser. Er sprach über die Tätigkeit der Mission in China. Dach ihm predigte unser Missionar Walther von Beuern in seiner gewinnenden Weise über Psalm 93,1. Er schilderte die Erfolge der Mission in den verschiedenen Gebieten und berichtete besonders von seinem früheren Wirkungsort Kamerun, wie hier und überall in der Heidenwelt das Christentum sich durchsetzt und das Evangelium den Sieg davonträgt, und wie -hie Heiden sich wohl und glücklich fühlen unter der Wohltat des Christentums. Durch die Mit- teirfung von Schüler und Kirchenchor gestalteten sich die beiden Gottesdienste zu einer eindrucksvollen Feier. Auch der Posaunenchor Bersrod hatte sich eingefunden. Ein stimmungsvoller Marsch auf den Ehrenfriedhof, sowie einige Chöre während des Gottesdienstes, trugen toc* sentlich zur Verschönerung der Feier bei. Unser Ortsgeistlicher, Pfarrer Schmitt, sprach das Schlußwort. Er dankte allen, die an dem Feste mitgewirkt haben, und sprach die Hoffnung aus,
Oie Sünde
-er Renate Mercandin.
Roman von Fred Relius.
15 Fortsetzung. Nachdruck verboten.
An der westlichen Bergwand stand eine Ruhebank. Von ihr aus sah man auf die Kirche, dahinter auf Pfarrgarten und Kirchhof. Verschwommen, nebelhaft erhob sich seitwärts der Riesengebirgswall. Hinter dem Hirschberg. Echmiedeberger Tal dunkelten waldige Berg- gruppen.
Aus dieser Bank sah eine Frau mit blondem Haar und weißem Kleide. Es war Renate Mercandin.
Dun trat Griebenow näher. Dahm den Hut vom Kopf.
«Guten Oltorgen, meine gnädige Frau."
Da traf ihn ein überraschter Blick. Die Frauenaugen wurden groß und legten sich in die seinen.
«Guten Morgen, Doktor Griebenow."
»Darf ich mich zu Ihnen sehen?"
»Ditte, ja. Waren Sie bereits in Sanssouci?" »Datürlich. Und Ihr Herr Gemahl ist heute nach Berlin gereift?“
„3a. Gestern abend kam ein Telegramm. Die Fürstin Tschaidse ist gefunden worden."
Griebenow sah überrascht nach links. Wieder trafen sich die Augen beider. Hingen für Sekunden ineinander, glitten ab.
„Wo denn?" fragte Griebenow.
„In einem Pensionat in Schlachtensee. Sie ist dort anscheinend dadurch aufgefallen, daß sie feine Sachen mit sich hatte."
»So, so..." Er schüttelte den Kops. „Ganz unverständlich ist mir diese Fürstin Tschaidse. Aber welche Instruktionen hat Ihr Mann für mich zurückgelasfen, gnädige Frau?"
„Keine."
Er lachte auf. „Und wann soll ich wieder nach 03erI in zurück?"
„Ich weih nicht", sagte sie, und ihre Lippen zuckten. „Wohl heute abend oder morgen früh."
„Also vierundzwanzig Stunden Ferien! Gut! Darf ich Ihnen heute meine Heimat zeigen?"
Sie tat, als höre sie das nicht. Sie hatte sich erhoben. „Ich muh nun leider aehen, Herr Doktor Griebenow. Aber, bitte, bleiben Sie doch noch. Geniehen Sie das liebe Bruckenberg, wo es am schönsten ist. Und das Schönste hier ist Kirche Wang."
„Das Schönste habe ich bereits gesehen", sagte er. Dann sprang er auf und trat an ihre Seite. „Darf ich Sie begleiten?“
daß das Samenkorn, das der heutige Tag aus- geftreut habe, auf fruchtbaren Boden gefallen sein möge, damit es Frucht bringe zum Wohle der Mission und des Christentums. Die eingegangenen Kollekten ergaben den schönen Betrag von rund 100 Mk. Auch wurden noch Missions- schriften verkauft.
Gemeinderatösihung in Großen-Linden
LI Grohen-Linden, 7. Iuli. In der letzten Gemeinderatssitzung wurde der Rechnungsabschluß des Rj. 1928 geprüft. Dom Rj. 1927 verblieb ein Rechnungsrest von 21 063,77 Mark. Aus Gebäuden ergab sich 3438,00Mk. Einnahme und 1031,64 Mark Ausgabe. Die Einnahmen aus Gemeindegrund stücken betrugen 7848,64 Mk., während sich die Ausgaben auf 8096,96 Mk. beliefen. Die Gemeinde- waldungen brachten 23 308,51 Mk. ein, die Ausgaben hierfür betrugen 9708,93 Mark. Die Iagd brachte 1450 Mark ein. Der Betrag für die Wasserversorgung beträgt in Einnahme 10 386,55, in Ausgabe 8218,06 Mark. Die Einnahme aus den Mühlen beziffert sich auf 1557,71, die Ausgaben hierfür auf 1648,56 Mk. Die Ausgaben für die allgemeineVerwal- t u n g betragen nach Absetzung der Einnahmen von 1024,11 Mark noch 12 185,34 Mark, für die öffentliche Sicherheit betragen die Ausgaben 5620,63 Mark. Oeffentliche Gesundheitspflege: Einnahme 197,80, Ausgabe 3585,94 Mark: Feuerlöschwesen: Einnahme 181,00, Ausgabe 668,63 Mark: Armenpflege: Einnahme 290,19, Ausgabe 4226,49 Mark: Schulen: Einnahme 1731,44, Ausgabe 8772,37 Mark: Evangelische Kirche: die Ausgaben unter dieser Rubrik betragen 795,74 Mark: Gemeindefriedhöfe: Einnahme 447,00, Ausgabe 735,76 Mark: Straßen: Einnahme 210,70, Ausgabe 10 633,83 Mark: Land- wirtschaftszwecke: Einnahme 4117,42 Mk., Ausgabe 8621,84Mk.: Ortsbürgerwefen: Einnahme 157,55, Ausgabe 2092,82 Mk.: Ruhegehälter, Sozialsürs orge : Einnahme 291,49, Ausgabe 4179,38 Mk.. Flüsse, Bäche, Gräben: die Ausgaben hierfür betragen 20 650,42 Mark: Förderung des Wohnungsbaues: Einnahme 31 629,65 Mark, Ausgabe 31 629,65 Mark: die Einnahmen aus S ond ersten ern betrugen 1722,35 Mark: an Reichs- steuern erhielt die Gemeinde 27469,46 Mark: die Kapitalzinsen betrugen in Einnahme 1286,45 Mark, in Ausgabe 6612,44 Mark: die Gemeindeumlagen ergaben in Einnahme 35 216,24 Mark: die Gesamteinnahmen für 1928 betragen 175 468,92 Mk., die Gesamtausgaben 153 937,72 Mark, so daß ein Einnahmerest von 21 531,20 Mark verbleibt. Die Ausstände von dem Restbetrag belaufen sich auf 1552,72 Mk. Die Vermögensabteilung schließt mit einem äleberschuß von 1442,12 Mark ab. — Die Abschaffung eines alten und Anschaffung eines neuen Simmentaler Bullen wird einstimmig beschlossen. Die Ankausskommission seht sich zusammen aus den Landwirten Ioh. Keßler, Hch. Faber und Gemeinderat 2ubto. Wei- g a n b t. — Bei Erneuerung ber Oberfläche bet Bahnhofstraße, soll die Gemeinde einen Zuschuß von 4000 Mark für die Teerung leisten. Einzelne Gemeinderatsmitglieder sind trotz entsprechender Aufklärung durch den Bürgermeister, der Ansicht, daß die Provinz die Straße ohne Zufchußleistung der Gemeinde herzustellen hat. Cs verbleibt bei den in einer früheren Sitzung bereits bewilligten 1000 Mark. — Der Gemeinderat hatte vor einiger Zeit die Genehmigung eines Zuschusses von 300 Mark zur Deubeschaf- fung von Mobiliar für die Kleinkinderschule von der Aufnahme zweier Gemeinderatsmitglie- ber in ben Vorstand der Klein-Kinderschule abhängig gemacht. Dach einer vom Bürgermeister verlesenen schriftlichen Mitteilung ist der Vorstand der Klein-Kinderschule mit diesem Vorschlag einverstanden. Die Gemeinderatsmitglieder
Frau Mercandin gab keine Antwort. Langsam ging sie an der Kirche Wang vorbei dem Pfarrhaus zu. Auch das Pfarrhaus war ein Bau aus Holz. Weiße Mullgardinen hingen an den Fenstern. Davor war ein Grab, das frische Blumen schmückten. Dort lag der Pfarrer... an dem Orte feines Wirkens, dicht vor den Zimmern und den Augen seiner Gattin.
Frau Mercandin blieb stehen. Wie ein Hauch von Glück und Schönheit zogen Blumendüfte aus dem Pfarrhausgarten. Dom Bergwald fchlug die Amsel. Sonnenglanz vergoldete die Feme.
„Wie nahe liegt hier Tod und Leben", sagte sie. „Oder ist es überall so, und man sieht nur nicht die Scheidungsgrenze. Grab und Blumen, Duft und Sonnenrausch und Abgrund.
Sie zeigt? nach der Brüstung, die das Derg- plateau vom Abgrund trennte. Dachmais trank ihr Blick die beinah unbegrenzte, sonnengoldne Fernsicht in das Tal. Dann wandte sie sich ab.
„Dun muh ich heim."
Der Weg war steil und oft von Wurzelästen überzogen. Man muhte langsam schreiten und die Knie heben. Verstohlen blickte Griebenow nach rechts und faßte bas Profil des ruhig schönen Kopfes, die Umrisse des im Gehen leicht gestrafften Frauenkörpers. Keiner von den beiden sprach. Wenn sie jetzt gesprochen hätte, würde Griebenow den Sinn der Worte kaum verstanden haben, so stark erfüllte ihn das Erleben, an der Seite dieser Frau zu weilen, manchmal tote verstohlen ihren Arm zu streifen und den Saum ihres Kleides an feinem Knie zu fühlen.
An der Stelle, wo ber Fußweg an bem Walbrand um ben „Schwarzen Hübel" hin nach Da- benhäuser abging, blieb sie stehen.
„Dun ist es Schluß. Sie gehen links, um sich dort die Herrlichkeiten Drückenbergs noch etwas anzusehen, ilnb ich gehe rechts nach Sanssouci. Ich muß noch schreiben und mich bann zum Essen umziehen."
Sie sah an ihm vorbei und blickte nach ber Straße, über die die Mittagsonne brannte. Darm, fühlte sie, wie Griebenow die Finger ihrer linken Hand ergriff und sie an seine Lippen zog.
„Ich möchte Ihnen danken, meine gnabige Frau."
Sie zog die Hand zurück und zuckte leicht die Schultern. „Ach, mein Gott, wofür denn?"
„Für die erste halbe Stunde, die ich in ber Heimat neben Ihnen weilen durfte."
Dun drehte sie den Kopf und sah ihn mit den großen blauen Augen seltsam an. Die Augen waren matt, hilflos. Ilm die Lippen ein verirrtes Lächeln.
„Also gut, auch das. Man kann ja, wenn man will, für alles danken, Ilnb nun gehen Sie! Auf Wiedersehen also, Herr Doktor Griebenow!"
Ludwig Seth und Philipp Stengel wurden hierfür gewählt.
^AiiDlvci* Gietzcn.
-s- T re is a. d. Lda., 8. Iuli. An Stelle seines alljährlichen Ausflugs unternahm der hiesige evangelische Frauenverein dieser Tage einen Spaziergang nach dem Pflanzgarten im Himberg, wo bei Kaffee und Kuchen und allerhand Dorträgen ernsten und heiteren Inhalts die Stunden schnell verflogen. — Die anhaltende Trockenheit macht sich auch bei unserer Wasserleitung bemerkbar, die wieder, wie in den letzten Iahren, an Wassermangel leidet, so daß die Leitung täglich einige Stunden abgestellt werden muß.
# Hungen, 7. Iuli. Der Dorstand des Oberhessischen Schäfervereins hielt dieser Tage hier eine Vorstandssitzung ab, zu der auch Vertreter des Vereins für deutsche Schäferhunde und sonstige Interessenten eingeladen waren. Cs wurde u. a. ber Beschluß gefaßt, auch in btefem Iahre wie in den Vorjahren ein Preishüten zu veranstalten, zu dem neben den einheimischen auch die Schäfer von Württemberg, Bayern und Baden zugelasfen werden können. Damhafte Preise stehen bereits zur Verfügung. Die Beteiligung am Hütewettbewerb ist abhängig gemacht von ber Verwendung deutscher Schäferhunde und vom Beitritt zum Verein für deutsche Schäferhunde.
Kreis Friedberg.
ch Ober-Mörlen, 7. Juli. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht auf unseren kurvenreichen und unübersichtlichen Straßen Kraft- toagen- und Motorradunfälle sich ereignen. Erst dieser Tage fuhr ein Motorradfahrer aus Friedberg in einen Wagen des Mühlenbesitzers Christ von Griedel. Der Fahrer erlitt dabei einen komplizierten schweren Beinbruch und muhte nach kurzer ärztlicher Behandlung nach Friedberg transportiert werden. Das Motorrad erhielt nur geringe Beschädigungen.
# Aus der nördlichen Wetterau, 7. Iuli. Die Ernte hat begonnen. In dieser Woche wurde die erste Wintergerste geschnitten. Da die letzten starken Regengüsse mit Sturm die Fruchtfelder vielfach zum Lagern gebracht hat, können die Binder- und Ablegemaschinen wenig benutzt werden. Mit dem Schnitt ber Sommergerste wird noch im Laufe der Woche begonnen und auch der Roggen ist nahezu erntereif. Die Obstausfichten werden immer geringer. Einzelne Bäume sind von Schädlingen derart heimgesucht, daß sie fast blätterlos dastehen und die wenigen angesetzten Früchte abwerfen. Dazu kommt noch das starke Auftreten des Apfelwicklers, der viele Früchte wurmig macht. In den Gärten wird über starkes Auftreten von Erdraupen undDraht- toürmetn geklagt, die an Gurken- und Bohnenkulturen starken Schaden anrichten.
Kreis Büdingen.
ow. Llnter-Widdersheim, 8.Iuli. Bel voller körperlichen und geistiger Rüstigkeit feierten dieser Tage der Landwirt Otto Schneider und seine Ehefrau Karoline, geborene Schäfer, das Fest der goldenen Hochzeit. Am Dachmittag fand im Kreise der Familie die kirchliche Feier statt. Pfarrer Me m m e r t hielt auf Grund von Psalm 121 eine Ansprache und segnete das Jubelpaar noch einmal ein. Dann überreichte er ein Gedenkblatt mit Segenswünschen des Landeskirchenamtes und ein Glückwunschschreiben des Dekanats Didda und sprach auch im Damen des Kirchenvorstandes herzliche Glückwünsche aus. Die betagten Eheleute sind beide noch in Landwirtschaft und Hausarbeit eifrig tätig. Möge ihnen ein friedlicher Lebensabend bei guter Gesundheit beschieden fein.
Kreis Schotten.
§ Schotten, 8. Iuli. Die langanhaltende Trockenheit wirkt auch auf den Quellen-
„Hoffentlich beim Essen", sagte er und zog ben Hut. Langsam, zögernd wagte er es nochmals, seine Hand zu ihr emporzuheben.
Sie sah darüber weg, neigte grüßend ihren Kops, wandte sich bann ab und ging.
Er sah ihr unauffällig nach... sah den Weißen, Weichen Rock, der um die Glieder spielte, die blonden Haare, die wie wundervolles Gold- gespinst zur Sonne standen.
Dann ging auch er.
Renate Mercandin erschien nicht zu dem Mittagessen in der großen Halle.
Vergeblich suchte Griebenow die Tische ab, vergeblich hingen seine Blick an den Cingangstüren. Die Kellner trugen schon den Braten auf — noch immer fehlte sie.
Griebenows Gesicht veränderte sich. Verdrossen trank er seinen Wein, voll ilnluft nahm er das Essen. Als der Kellner ihm ben Dachtisch anbot, stand er auf.
Er fragte den Pförtner. Frau Mercandin fei mit Bekannten nach der Teichmann-Baude, hörte Griebenow.
Er schlenderte durch die Gesellfchaftsräume, endete im Lesezimmer, steckte eine Zigarre an und wollte lesen. Aber die Gedanken irrten ab. Sie liefen immer wieder in dieselbe Richtung: Frau Mercandin und Teichmann-Baude. Es lag ohne Zweifel Absicht darin, daß sie heute nicht zum Essen kam... Die Absicht, ihm zu zeigen, daß sie das Beisammensein mit ihm nicht wünsche. Sicher wirkte die Berliner Szene in ihr nach... seine Liebesbeichte und die Küsse. Sie verschloß sich ihm. Es kam ihm zum Bewußtsein, daß sie kühler war als sonst... ernster, frauenhafter. Ihre Augen schienen größer... seltsam weich im Ausdruck... mit einer an ihr fremden hilflosen Befangenheit.
Wenn er nun selbst zum Kaffee nach der Teichmann-Baude ging? Warum denn nicht? Sie konnte ja nicht wissen, daß er sie dort suche. Die Teichmann-Baude war ein sehr beliebter Zielpunkt für die Drückenberger Gäste.
Vielleicht war Frau Mercandin auch nicht mehr dort. Hatte dort gegessen und war wieder weggegangen. Dann würde er sie bis zum Abend nicht mehr sehen. ilnb am Abend ging sein Zug.
Schnell erhob sich Griebenow, holte den Hut, stieg die Treppe abwärts und betrat die Straße. Auf den schattenlosen Wegen brannte jetzt die Sonne. Er muhte erst die Serpentine bis zum Waldhaus talwärts wandern, bann von der Charlottenbrücke durch den Lomnihkessel, schließlich die Derglehne hinauf zur Deichmann-Daube.
Cs war fast vier geworden, als er an der eleganten Baude ankam. Trotz der frühen Stunde war sie dicht besetzt. Gin paar Musikanten spielten. An den hellgedeckten Kaffeetischen sahen
zufluß der Wasserleitung mindernd ehr. Die Quellen geben noch Wasser, lassen abeti natürlicherweise allmählich nach. In der Stadt sind durchweg Wassermesser eingebaut, infolgedessen ist jedermann darauf bedacht, mit dem Wasser sparsam umzugehen und den Verbrauch einzuschränken, dies um so mehr, als der Gemeinderat das Wassergeld angemessen erhöhen! will. — Auf der Rennstrecke für das Motorradrennen „Rund um Schotte n“, das am 27. Iuli stattfindet, wird eifrig gearbeitet. Einzelne Kurven, die schwer befahrbar waren, werden überhöht. Cs find schon zahlreiche Meldungen für das Rennen, das sehr scharf und spannend zu werden verspricht, eingegangen.
V Gedern, 8. Juli. Zur Zeit wird in unserer Stadt eine neue Personen- und D ieh be- standsaufnahme durchgesührt. Die Bezahlung des Wassergelbes ist nicht, einheitlich geregelt, und hieran wurde seitens der'Devölke- rung Anstoß genommen. Don den etwa 450 Haushaltungen haben nur ungefähr 80 im Laufe der letzten Iahre Wassermesfer erhalten, so daß hier der wirkliche Derbrauch jederzeit abgelesen und bezahlt werden kann. Die übrigen Hausbesitzer bezahlen ihr Wassergeld nach einem festgelegten Tarif, der Stärke der Familie und des Diehstandes entsprechend. Auf Grund der neuen Bestandsaufnahme will nun die Gemeindevertretung eine Regelung schaffen, die jedermann gerecht werden soll, ohne dah der Stadtsäckel benachteiligt wird. — Dieser Tage hielt die Gruppe Altenstadt des 7. Bezirks Rhein-Maingau des deutschen Arbeiter-Sängerbundes hier aus Anlaß des 10jährigen Bestehens des hiesigen Arbeitergesangvereins „D o r w ä r t s" einen Lledert a g ab. Ein ansehnlicher Zug unter Voran- tritt des Musikvereins Gedern marschierte nach dem Marktplatz. Hier wurde die Feier mit dem Massenchor „Empor zum Licht" eröffnet Der erste Vorsitzende des Arbeitergesangvereins „Vorwärts", August Wiesner, begrüßte die Erschienenen. Gauvertreter Dillemuth aus Lindheim hielt die Festrede. Im Anschluß daran wechselten Massenchöre unter Leitung von Dun- deschormeister Schleich au- Groh-Auheim und Einzelchöre der verschiedenen Bundes- und Gast- txreine miteinander ab. Die Damenriege des Turnvereins führte unter Fräulein Drenzel Volkstänze vor.
Kreis Lauterbach.
& Lauterbach, 7. Juli. In einer der letzten Dächte statteten Diebe dem Manufakturwaren- geschäft Sandmann am Steinweg einen Besuch ab. Lieber verschiedene Gärten hinweg gelangte der bzw. die Diebe von der Hinterseite des Hauses her durch ein halboffenes ■ Fenster ins Haus. Aus dem Laden wurden verschiedene Hemden und eine ilnterjade und aus bem anschließenden Bureau die an einem Schreibtisch verwahrte Tageseinnahme mitgenommen. Im ersten Stock wurden verschiedene Behältnisse durchsucht und ein dort vorgefundener kleinerer Geldbetrag mitgenommen. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist auch dieser Einbruch mit ben in den letzten Wochen in Oberhessen vielfach verübten Einbrüchen in Zusammenhang zu bringen.
* Ilbeshausen, 7. Iuli. Bei bem Gewitter, das dieser Tage über die hiesige Gemarkung niederging, schlug der Blitz in den Turm unserer Kirche ein. Der Schlag verursachte glücklicherweise keinen besonderen - Schaden. — Die Heuernte, die bei allerbestem Wetter stattfand, neigt sich dem Ende zu: sie ist an Quantität und Qualität so gut ausgefallen, wie seit Iahren nicht. Dementsprechend ist der Preis auch sehr niedrig.
Sprechstunden der Redaktion.
11.30 bis 12.30 Uhr, 16 bis 17 Uhr Samstag nachmittag geschlossen
Unzeigenaufträge sind lediglich an die Geschäfts stelle ,u richten.
Frauen, hutlos und in leichter Sommerkleidung.. Herren in Touristen- oder Sportanzügen. Sie tranken Kaffee, aßen Kuchen, lachten, löffelten, rauchten, schwatzten. Kellner zwängten sich durch all die Menschen, mit erhobenen Tabletten, Kellnerinnen brachten Kuchen, Boys im schmucken blauen Pagendreß verkauften Zigaretten oder Ansichtskarten.
Griebenow ging durch den ©arten. Er suchte die Terrasse ab. Dirgends war Renate Mercandin. Wahrscheinlich hatte sie nur hier gegessen und war fortgegangen.
Verdrossen suchte er sich einen leeren Tisch und setzte sich. Er bestellte Kaffee, nahm eine Zigarette und rauchte hastig und nervös. Die Vögel fangen, die Tannen dufteten, die Sonne flirrte. Man wurde endlich müde von dem allem, war versucht, zu träumen und sich in die laue Schlaffheit dieses Sommertages einzuspinnen.
Dun erklang der Strauhsche Kaiserwalzer vom Orchester her. Es war derselbe Walzer, ben er einmal mit Renate an dem Deugereuthschen Abend tanzte. Das süße Locken und der unnachahmlich weiche und graziöse Rhythmus des Dreivierteltaktes ließ die Pulse klopfen und die Einzelheiten jener seligen Stunde wieder auferstehen.
Man brauchte nur die Augen zu schließen und man sah Renate Mercandin, so wie damals in dem Kleid aus Perlenschnüren, die matte, weihe Haut und bas feine stolze Antlitz mit den süßen Augen und den blonden Goldschmuck ihrer Haare. Er fühlte wieder ihren Arm an seiner Schulter, und er spürte das Pulsen ihres Blutes.
So sah er lange, war ihr nahe. Er schloß die Augen, und die Welt versank. Dann brach der Walzer ab. Der Traum war aus. Griebenow erwachte jäh. Er öffnete die Augen und tauchte in die weiche, unermeßlich tiefe Flut der Augen von Frau Mercandin.
Sie war es... leiblich, bildhaft. Sie stutzte, als sie Griebenow erblickte. Dickte grüßend. Sie ging von ihm getrennt durch Tische und durch Meschen nach dem Ausgang zu. Dann wandte sie sich links und verschwand in bem durchsonnten, Tannicht.
Wie ein Schlag durchfuhr es Griebenow. Träumte er denn noch? Er strich sich über seins Augen, so, als ob er etwas dort verwischen wolle. Dann stand er auf, bezahlte und eilte ihr nach.
Renate Mercandin ging schnell. Sie war schon hinter einer Wegbiegung, ehe Griebenow den Tann erreichte. Er sah sie vorerst gar nicht. Durch das dunkelgrüne Filigran ber Stämme leuchtete die blaue Seide des Dachmittagshimmels. Alle Farben flössen ineinander. Die ihn- risse verschwammen. Das grelle Licht verschluckte alle Dinge. Dur noch Stimmung war: Weiß und Licht und Blendung.
(Fortsetzung folgt.)


