Nr. 158 Zweites Blatt
Mittwoch, 9. Juli 1950
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Oie feiernden Deutschen
Dem „Deutschenspiegel", der bekannten Wochenschrift des Reichsbürgerrats (Prä- fident Staatsminister a.D. von Loebell) entnehmen wir folgende, nach unserer Meinung sehr beachtenswerte Ausführungen: Kein Deutscher hat ohne große innere Bewegung die Nachrichten über das Abziehen der Desatzungstruppen aus dem Rheinlande verfolgen können. Endlich, nach mehr als elf langen, schweren Jahren ist der fürchterliche Druck der fremden Militärherrschast vom Rheinlande genommen worden. Es war ein langer und steiler Weg, der von jenem Wort Poincarös, daß die Räumungsfristen überhaupt noch nicht zu lausen begonnen hätten, bis zu der heute vollzogenen Räumung des besetzten Gebiete- ging. Daß die Rheinländer selbst an den Tagen, die sie von dem jahrelang auf ihnen lastenden Druck befreiten, nicht viel danach fragten, ob zur Ueberwindung dieses Weges die von Deutschland amtlich verfolgte politische Richtung oder die allgemeine europäische Entwicklung bedeutsam war, dah sie in der ersten Freude die starken Beschränkungen der Souveränität des Reiches im Rheinland übersahen, dah sich bei ihrem leicht überschäumenden Temperament ihr erstes befreites Aufatmen in laute Fröhlichkeit äuhern muh, ist selbstverständlich. Berechtigt und natürlich ist dieser laute Jubel in den Rheinlanden selbst. Aber die allzu kritiklosen Festartikel im übrigen Deutschland und insbesondere die Feiern und Kundgebungen des amtlichen Deutschland reizen zum Widerspruch. Der einzige, der diese lockende Gelegenheit zu einer wirklichen politischen Aussprache benutzt hat, war der Reichsinnenminister Dr. Wirth in Mainz. Er hat es als einziger verstanden, der Rheinlandfeier eine besondere Rote zu geben, indem er den Rachdruck auf die unerfüllten Forderungen Deutschlands legte und das ganze deutsche Volk zu gemeinsamer Arbeit aufrief zur Ueberwin- düng der Wirtschaftskrisis. Dah Deutschland noch nicht frei geworden ist, das muhte in dieser Stunde gesagt werden, und das muhte so gesagt werden, wie es der Reichsinnenminister gesagt hat.
Ratürlich gibt es Unterschiede in den Formulierungen. Aber die meisten amtlichen Reden, die bei dieser Gelegenheit vom Stapel gelassen wurden, die meisten Kundgebungen, die überall im Deutschen Reiche veröffentlicht wurden, hatten überhaupt keinen wirklichen persönlichen Ton. Alles war mehr oder weniger Klischee, der matte Abglanz unseres bürokratischen Betriebes. Es waren im Kanzleizimmer aus Massenwirkung berechnete und im Instanzenweg hergestellte Kundgebungen. Dah die meisten Minister ihre Reden von einem oder mehreren Referenten sich zusammenstellen lassen, ist bekannt und mag auch berechtigt fein, wenn dabei Ressortangelegenheiten behandelt werden, von denen die Minister keine speziell« Kenntnis haben. Die grohe Bolksrede aber soll durch die Persönlichkeit und die weiten, großen Gesichtspunkte wirken. Es mag fein, daß vielleicht dieser oder jener Teilnehmer an dieser oder jener Befreiungsseier einen besseren Eindruck gehabt hat. Wer aber dazu verurteilt war, aus beruflichen Gründen alle diese Reden zu lesen, der hat von den meisten von ihnen einen geradezu trostlosen Eindruck erhalten und muhte zum Schluß resigniert feststellen, dah sich weder diejenigen, die die Reden versaht, noch diejenigen, die sie gehalten haben, in geistige Unkosten gestürzt haben.
Es gab in Borkriegszeiten schon einmal einen Typus Festredner, der allen seinen Zuhörern stark aus die Rerven ging: den regelmäßigen Kaiser-Geburtstagsredner, den seine Ordenssehnsucht nicht zur Ruhe kommen lieh. Wir haben inzwischen erkennen müssen, daß itixir der Gegenstand des Byzantinismus wechseln kann, daß aber die zugrunde liegende geistige Haltung anscheinend unvergäng l i ch ist. Mon
archien können zusammenstürzen, neue Staats» sormen können oufgerichtet werden, über allem Wechsel der Geschicke aber bleibt unveränderlich jene Spezies Menschen, denen das Festredenhalten zum Lebensbedürfnis geworden ist und die im „Klimbim" die höchste Aeuherung des öffentlichen Lebens sehen. Rimmt sich dann eine geschäftstüchtige Reportage dieser Dinge noch energisch an. dann erlebt Deutschland wieder einmal „eine große Zeit".
Wir wollen mit solcher Kritik nun nicht behaupten, dah die gesamten Rheinlandseiern Klimbim gewesen seien. Wir wollen aber feststellen, dah die Grenze des Kitsches vielfach durch eine allzu reiche Pflege leerer Phrasen überschritten worden ist. Vielfach kam die Wahrhaftigkeit in einem fast unerträglichen sentimentalen Getue zu kurz. Haben wir es nötig, jetzt den Franzosen auf Grund von ein paar billigen Gesten zu bescheinigen, dah sie sich manchmal im Rheinland ganz manierlich benommen hätten. Schlieh- lich kommen wir noch dahin, den ganzen Ruhrkampf als ein Missverständnis hinzustellen. Ein sozialistischer Festredner konnte es sich schon nicht verkneifen, auch dem französischen Außenminister Driand namens des deutschen Volkes seinen gerührten Dank auszusprechen!
Wir werden unsere noch unerfüllt gebliebenen Forderungen weder mit Deklamationen patrio- tischer Phrasen, noch mit servilen Lakaienmanieren durchsetzen. Wir werden die trotz der heutigen Feiern bestehenbleibenden gefährlichen politischen und wirtschaftlichen Spannungen nicht mit Glockengeläute und Salutschiehen überwinden. Haben wir schon Grund zu einer grohen gemeinschaftlichen nationalen Feier? Hat ein Staat Veranlassung, in ein Triumphgeschrei auszubrechen, weil einige unentbehrliche — aber läng ft nicht alle — Attribute seiner staatlichen Souveränität wiederhergestellt worden sind?
Das Vorkriegsdeutschland war bekannt für seine Vereins- und Kommersseligkeit. Damals gab es dafür noch eine Entschuldigung: Unsere politischen und wirtschaftlichen Hoffnungen hatten sich erfüllt oder schienen auf dem Wege der Erfüllung zu sein. Wir waren saturiert. Es war schon zu verstehen, wenn der Durchschnittsdeutsche der Vorkriegszeit sich in dem Glauben wiegte, dah Deutschland überhaupt nichts mehr passieren könne und dah schliehlich die Bäume des nationalen Reichtums und der Weltgeltung noch einmal bis in den Himmel wachsen würden. Aber heute? Manchmal scheint es, als sei an dem Durchschnittsdeutschen und besonders an dem Zuschnitt unseres öffentlichen Lebens die Erschütterung des Krieges und der Riederlage spurlos vorübergegangen. Wer gehofft hatte, daß die Zeit der nationalen Rot uns rpn der Oberflächlichkeit und dem Kitsch befreien würde, den wir heute rückschauend als ein wesentliches Kennzeichen des Dorkriegsdeutschlands bezeichnen, der ist heute bitter enttäuscht. Unö dieselben Leute, die sonst nicht genug auf dieses System schelten können, sehen wir jetzt auf denselben Stühlen sitzen, emsig damit beschäftigt, den gleichen Kitsch mit der gleichen Oberflächlichkeit von neuem zu produzieren. Roch immer hat dem deutschen Volke sein schweres Schicksal nicht genügt, um ihm den Ernst der Lage und den Mut zur Wahrheit in die Herzen zu schreiben. Roch ist überall derselbe alte Wille zum Selb st betrug und die Reigung zum sentimentalen Schmus vorhanden, die uns immer wieder zu jener spießbürgerlichen Anmahlichkeit verführt, die uns unsere ilmtoett nicht erkennen läßt und unserem Parteikampf sein unsympathisches Gepräge gibt. Mehr scheinen als fein, in dieser Umkehrung haben wir uns den Wahlspruch des alten Moltke zu eigen gemacht. Gegenüber Frankreich, das das Rheinland sicher nicht um unserer schönen Augen willen, sondern aus zwingenden internationalen Ursachen und auf Grund eines fetten Geschäftes geräumt hat, und das uns die Erfüllung noch mancher anderer Forderungen schuldet, gegenüber dem gesamten Ausland, das heute auf uns sieht, wäre Zurückhaltung in lauten Feierlichkeiten und Betonung unserer noch
unerfüllten Rechte die einzige mögliche Einstellung gewesen. 3 c unauffälliger und selbstverständlicher wir alle diese Dinge behandeln, desto besser ist es für die Zurückgewinnung unserer internationalen Geltung und vor allem auch für das deutsche Volk s e 1 b st, das endlich einmal wieder an richtige Maßstäbe im politischen Leben gewöhnt werden muß. Solche Erkenntnis machte sich zweifellos schon bei einzelnen Feiern in Berlin bemerkbar. Das Hoch auf die freie
deutsche Republik wurde häufig genug durch die Sorge um das Morgen gedämpft.
Papierwust und Bürokratie haben im Laufe eines Jahrhunderts dem Deutschen die Sprache und im Laufe des letzten Jahrzehnts die Gedanken verdorben. Aber das Empfinden des deutschen Volkes für eine echte Persönlichkeit, die sich in und vor ihr Werk stellt, ist, glauben und hoffen wir, noch nicht erstorben. Leider findet es noch immer keine Gelegenheit, um solche Gefolgschaftstreue zu bewähren.
Erstes ORcif» und Kahrturnier des 3Reif« und Kahrvereins Nidda und Umgegend.
Das 1. Reit- und Fahrturnier des Reit- und Fahrvereins Ridda und Umgebung sand am Samstag und Sonntag in Ridda statt, und war von bestem Wetter begünstigt. Die Veranstaltung wurde, nachdem am Samstagnachmittag der 1. Teil der Vielseitigkeitsprüfung (Geländeritt) stattgefunden hatte, am Abend durch einen Kommers in der Turnhalle eingeleitet. Ansprachen hielten der Vorsitzende des Vereins, A. Mann, der Vertreter der Stadt, Bürgermeister R u l l m a n n, und Landesstallmeister S ch ö r k e, Darmstadt, die sämtlich auf die Bedeutung der ländlichen Reit- und Fahrvereine und deren Entwicklung in der Rachkriegszeit hinwiesen. Im übrigen sorgte die Feuerwehrkapelle Ridda, Turnerinnen des Turnvereins durch turnerische Vorführungen sowohl als auch durch Ausführung des „Puppenspiels" unter Leitung ihres Turnwarts Willi Stadler und ein in der Hauptsache aus Mitgliedern des Gesangvereins „Sängerkranz" zu- sammengestelltes Doppelquartett durch Vortrag eines Liedes und Ausführung der Gesangsposse „Die ländliche Konzertprobe" unter Leitung von Sri. Hilde Endres für die nötige Abwechselung. Der Kommers zeigte, daß die ganze Veranstaltung gut organisiert und der junge Verein bestrebt war. den Festteilnehmern den Aufenthalt in Ridda so angenehm wie möglich zu machen.
Das eigentliche Turnier begann am Sonntagmorgen. Den Fremden mag es eigentümlich an» gemutet haben, als am (Sonntagmorgen in aller Frühe schwere Lastfuhrwerke durch die Straßen fuhren. Aber auch die Zugleistungsprüfungen, die unter Leitung der Landwirtschaftskammer durchgeführt wurden, gehören zu dem Aufgabengebiet der ländlichen Reit» und Fahrvereine. Mittag- bewegte sich ein imposanter Festzug der Turnierteilnehmer, des Preis- und Schiedsgerichts und der Ehrengäste hoch zu Roh oder in Wagen durch die Straßen. Rachdem der Einmarsch der verschiedenen Abteilungen im Parademarsch erfolgt war, ritten sie in Schlangenlinien durch die Turnierbahn. Hierauf folgte eine prachtvolle Quadrille des festgebenden Vereins, Reiterprüfung, Abteilungsreiten, Schaufahren in Kutschwagen, Jagdspringen und zum Schluß Galoppreiten. Es wurden wirklich gute Leistungen gezeigt, die hohe Anforderungen an Reiter und Pferd stellten. Die Festbesucher am Sonntag werden auf 2500 geschätzt, ein Beweis dafür, daß die Einwohnerschaft von Ridda und der nächsten Umgebung dem in Aufstieg befindlichen Reit- und Fahrsport Interesse entgegenbringt. Der Schluß der Veranstaltung bildete die Preisverteilung mit Ball in der Turnhalle.
Aus dem Turnier gingen folgende Teilnehmer als Sieger hervor:
l. Vielseitigkeitsprüfung (Geländeritt und Reiterprüfung), a) Anfänger: Ernst Mann, Ridda, 1. Preis: Adolf Lupp jun., Ridda, 2. Pr.; Wilhelm Guillaume, Ridda, 3. Pr. b\ Vorgeschrittene: Heinrich Schudt, Londorf, l.Pr.; H. Hofmann, Dergermühle, 2. Pr.: Heinrich Koch, Unter-Schmitten, 3. Pr.: Willy Mann, Ridda, 4. Pr.: Heinrich Jäger, Oberhörgern, 5. Pr.: Robert Schneider, Borsdorf, 6. Pr.: R. Pfannmül- Icr, Dors-Güll, 7. Pr.: H. Filsinger, Reinhäuserhof und Martin Weber, Ridda, 8. Pr.: A. Möller, Lißberg, 9. Pr.: Erich Hofmann, Rodheim,
10. Pr.: Heinrich Erk, Ridda, 11. Pr.: August Zoll, Ridda, 12. Pr.: Fritz Meß, Butzbach, 13 Pr : Wilhelm Bähr, Ridda, 14. Pr.: Alfred Bernhardt, Ridda, 15. Pr.: Fritz Hesse, Hungen, 16. Pr.
11, Dauerzugleistungsprüfung. a) Wagcnschlag: Richerd Schepp, Oberhörgern, 1. Pr.: Hermann Filsinger, Reinhäuserhof, 2. Pr.; H. Filsinger, Reinhäuserhof, 3. Pr.: Karl Meiski, Schotten 4. Pr.: A. Schmitt 11., Schotten, 5. Pr.: Rudolf Stoll. Echzell, 6. Pr.: Hermann Roth, Ridda, 7.Pr.; Karl Bähr, Rohrbach, 8. Pr. b) Arbeitsschlag: Otto Heller, Echzell, l.Pr.; Otto Rinn, Hofgut Utphe, 2. Pr : Adolf Lupp, Ridda, 3. Pr.: Otto Rinn, Hofgut Utphe, 4.Pr.; derselbe 5. Pr. _
III. Abteilungsreiten: Ländl.Reit- und Fahrvereine Gambach, Schotten, Büdingen, Echzell, Hungen und Reichelsheim je eine Ehrenurkunde.
IV. Schaufahren in Kutschwagen, a) Einspänner: Heinrich Hofmann, Dergermühle, l.Pr.: R. Schepp, Oberhörgern, 2. Pr.: Otto Kraft, Donhausen, 3. Pr. b) Zweispänner: Herrn. Filsinger, Reinhäuserhos, l.Pr.: Otto Kraft, Von- hausen, 2. Pr.: Hermann Roth, Ridda, 3. Pr.: Rob. Pfannmüller. Dorf-Güll, 4. Pr. (Außer Konkurrenz Se. Durchlaucht Fürst Karl zu Jsen- burg-Düdingen, Leibkn. Rix.) c) Mehrspänner (Diererzüge): Herrn. Hilsinger, Reinhäuferhof. l.Pr.: Karl Bähr, Rohrbach, 2. Pr.
V. Jagdspringen, a) Ansänger: Paul Buh, Gambach, l.Pr.: Alfred Rieß, Heuchelheim, 2. Pr.: Wilh. Guillaume, Ridda, 3. Pr.: Adolf Lupp jun., Ridda, 4. Pr.; Albrecht Bopp, Steinheim, 5. Pr.: Heinrich Zoll, Kohden, (Des. F. Filsinger, Reinhäuferhof) 6. Pr.: Ernst Mann, Ridda, 7. Pr.: H. Dinding, Unter-WidderSheim, 8. Pr. W. Guillaume, Ridda, als bester Riddaer Jagdspringer der Anfänger: Hindenburgplakette. b) Vorgeschrittene: Willy Mann, Ridda, l.Pr.: Erich Hofmann, Rodheim, 2. Pr.; Karl Wolf, Vonhausen, 3. Pr.: Otto Graul, Rohrbach, 4. Pr.; Heinrich Dock, Gambach, 5.Pr.: Robert Schneider Dorsdorf, 6.Pr.; Martin Weber, Ridda, (Des. H. Filsinger, Reinhäuferhof) 7.Pr.; August Zoll Ridda, 8. Pr.: Karl Schneider, Rohrbach, 9. Pr.: Alfred Bernhardt, Ridda, 10. Pr.; Heinr. Schudt, Londorf, ll.Pr.; Othmar Gerth, Diebach, l2.Pr. . -
VI. ®a lobb reiten in zwei Abteilungen, getrennt nach Rassenunterschieden. I. Abteilung: Alsred Rieß, Heuchelheim, l.Pr.; Ernst Mann, Ridda, 2.Pr.; Karl Wolf, Vonhausen, 3. Pr. ; Willy Mann, Ridda, 4. Pr. II. Abteilung: A. Möller, Lißberg, l.Pr.; Adolf Lubb jun., Ridda, 2. Pr; Karl Schneider, Rohrbach, 3. Pr.
Die paratyphuserkrankungen in Darmstadt.
WER. Darmstadt, 7. Juli, lieber die Paratyphuserkrankungen im Elisa- bethenstift teilt der leitende Arzt der inneren Abteilung des Stiftes, Dr. Habbich, mit: Von Einern schweren Schicksalsschlag ist ein Teil der Kranken im Elisabethenstift getroffen. Rach dem Genuß von Griehpudding erkrankten 50 Personen akut mit fieberhaftem Brechdurch
Gießener Gtadttheater.
Alfred Möller und Hans Lorenz: „Der Herr mit dem Fragezeichen".
Dies ist eine geheimnisvolle Angelegenheit, ein wenig peinlich und eia wenig unwahrscheinlich, aber immerhin so taktsicher ausgebaut und in Szene gesetzt, daß man mehr als einmal wirklich lachen muß. Das ist viel, wenn man die schlechten Zeiten bedenkt, in denen wir leben.
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Bemerkenswert ist auch, — wenn man die Lustspiele kennt, die es heute gibt, wo es erklärter- mahen mit dem Theater und seiner Kunst nicht zum Besten steht — daß die beiden Autoren Atem genug besitzen, ihr Stück in den Hafen zu bringen und die Aufmerksamkeit des sommerlich amüsierten Zuschauers noch im dritten Akt, bis kurz vor dem letzten Vorhang, in Anspruch zu nehmen.
Diese zwar durchsichtige, aber höchst anerkennenswerte technische Handfertigkeit, auch das Milieu und der Stoff des Stückes lassen auf eine pariserische Schulung der beiden, doch wohl recht einheimischen Autoren schließen.
Der mysteriös-kriminalistische Beigeschmack, der dem Salonstück über drei Akte hin die gewisse Würze gibt, erscheint als Restbestand aus der letzten Hochkonjunktur angelsächsischer Kriminalreißer, wie wir sie alle — und meist mit Vergnügen, wenn wir ehrlich sein wollen — miterlebt haben.
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Darüber hinaus etwas von der südwestdeutschen Neuigkeit auszusagen, ist bedenklich: einerseits lohnt es kaum; anderseits könnte es bedauert werden. (Da wir nicht wissen, ob die Aufführung etwa, hier oder auswärts, wiederholt wird.) Und gerade Stücke mit Geheimnissen, Fragezeichen und kriminalistischem Einschlag verlieren an Elan, wenn man vorher schon weiß, wie sie ausgehn.
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Gestattet sei immerhin der Hinweis auf einen Einfall, der in der Zeit allgemeiner wirtschaftlicher Depression (vergleiche den Börsenbericht!) der sattsam bekannten Ankurbelung dienen könnte, wenn er weniger romantisch und etwas mehr der Sachlichkeit unseres Jahrhunderts angepaßt wäre. Die Frage lautet: wie saniere ich mich? Die Antwort: als Massagekünstler und Schönheitsdoktor in den ersten
Kreisen. Aber mit Sensation, mit Bluff, mit Brim- I borium, mit schwarzer Maske, vermummt, oer- | larvt, geheimnisvoll, inkognito. Kurz: im Stile des Casanova, des Eisenbart oder des Sherlock Holmes, von dem jetzt unvermutet noch einmal in allen Blättern die Rede ist.
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Und es war wohl nur der Zufall, der den beiden Autoren ein Problem in ihr handfertiges, pariserisch leichtgeschürztes Stück hineingespielt hat, ... ein Problem, das mehr als einmal in der Literatur zur Diskussion gestellt worden ist —: ob eine armselige Maskerade und eine künstliche Dämmerung, eine plumpe und oberflächliche Vermummung und Verfinsterung mächtig genug sei, miteinander vertraute Menschen sich fremd und füreinander blind zu machen. Das ist — wohl ungewollt — das eigentliche große Fragezeichen dieses Stückes. —
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Wie dem auch sei: es wurde sehr witzig und amüsant gespielt: F a s s o 11 hat das Lustspiel so geschickt und geläufig inszeniert, daß man den ganzen Abend über aufmerksam bleibt und kaum gewahr wird, daß es länger dauert, als angekündigt und vorgesehen war.
Tannert hat hier noch einmal eine seiner hübschesten Aufgaben. Er spielt so leicht und elegant und mit soviel Humor, daß es kaum auffällt, wie wenig geheimnisvoll — für den Zuschauer, der die Lösung zu früh erfährt — die Rolle im Grunde ist.
Zum unwiederruflich letzten Male, wie uns versichert wurde, erschien diesmal Trude Heß (als Germaine Dumont); es war ein heiterer und harmonischer Abschied, der an eine der allerbesten Leistungen erinnerte, die wir von Frl. Heß hier gesehen haben. (In der „Perlenkomödie".)
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Auch das übrige Ensemble in dieser sehr munteren Aufführung war mit offenbarem Vergnügen bei der Sache. Maria Koch (Blanche Veroier) brachte einige äußerst ironische Bonmots wirklich treffsicher an den Mann. (An den eigenen und den im Parkett.) Heinrich Hub sieht man in einer der heiteren Chargen, die ihm prächtig liegen. Hais: sicher und angenehm wie stets in solchen Salon-
I rollen. Dommisch als Detektiv wirkte daneben I ein wenig unwahrscheinlich. Zu nennen sind noch
Wesener, Zingel und das niedliche Stubenmädchen der Beatrice Doering.
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Es war ein für hochsommerliche Verhältnisse beachtlicher Erfolg; viel freundlicher Beifall zuletzt und selbst bei offener Szene. hth.
Die Erstbesteigung
von Grönlands „Matterhorn".
In der grönländischen Wunderwelt, die jetzt von so vielen Expeditionen erforscht wird, bedeutet der Umana!, ein riesiger Fels auf einer kleinen Jnsei an der Westküste, der nicht seinesgleichen hat, einen besonderen Glanzpunkt. Er ist Grönlands „Matterhorn", da er dieselben, ja noch größere Schwierigkeiten bei der Ersteigung bietet wie dieser schweizerische Gipsei, und der Erstbesteiger des Matterhorns, Edward W h y m p e r , der den Umanal auf seinen Grönland-Expeditionen vergeblich zu besiegen suchte, hatte ihn für unbesteigbar erklärt. Run haben zwei Mitglieder der Expedition von Pros. Alfred Wegener, E. Sorge und Dr. Georgi, dieses gefahrvolle Unternehmen glücklich vollbracht, und einer der beiden Erstbesteiger, C. Sorge, schildert diese grandiose Kletterleistung in der Frankfurter Wochenschrift über die Fortschritte in Wissenschaft und Technik, „Die Umschau". Die beiden Bergsteiger waren, da die Ostwände unangreifbar sind, zunächst zu langen Wanderungen über Felsabstürze gezwungen. „Blöcke von Zimmergröhe waren aus den ungeheuren Wänden herausgestürzt", schreibt Sorge. ..Wir sahen nichts anderes als Trümmer, zu Staub zermalmte Felsflächen und herumgespritzte Splitter. Wir waren froh, später in anstehendes Gestein zu kommen. Doch bedrückte es uns, daß wir keinen Anstieg fanden. Das Barometer zeigte 250 Meter Seehöhe. Dis zum Gipfel mußten wir also noch fast 1000 Meter steigen. Wie, war allerdings rätselhaft." Unter den Strahlen der Mitternachtssonne gelangten sie in 500 Meter Hohe auf eine breite Plattform, über der endlich eine Scharte sichtbar wurde, rechts daneben ein Gipfel wie ein Zucker- Hut. Ob das freilich der oder vielmehr die vier Gipfel des Umanak waren, blieb ungewiß, beim diese Dergseite hatten sie noch nie gesehen. Sie
zogen also die Kletterschuhe an und fliegen mit Händen und Füßen ein steiles Schneefeld empor. Dei Ankunft an der schmalen Scharte entdeckten sie hinten im Meer den Schatten des Umanal, so dah ihnen also das Wasser als „Landkarte" diente. Das schwerste Stück der Besteigung ging nun durch die Scharte und dann an langen, durch Säulen gegliederten Wänden, von etwa 80 Prozent Reigung empor. Sie feilten sich an und hinauf ging es! „Wir hingen mit den Fingern in Rissen und muhten große Spreizschritte machen, um von einem Tritt den nächsten zu erreichen. Glücklicherweise war das Gestein hier sehr fest, die Griffe gut und Haltbar. So erreichten wir eine rötliche Fels- rippe. Die einzelnen Rippen hätten als Modell für gotische Bündelpfeiler dienen können. Die Verbindung von Griffen bei dieser stets sehr schwierigen Kletterei war so mannigfaltig und reizvoll, dah wir uns oft im Scherz zuriefen: „Wolin doch noch einige Griffe für den Abstieg übrig lassen!" Manche Felssäulen waren auf lauter losen Steinen aufgebaut und vertrugen nur eine zarte Behandlung... Aus der Rinne stiegen wir schließlich oben nach rechts heraus und standen vor einem senkrechten, gespaltenen Block von 16 bis 18 Meter Hohe, also gerade so hoch wie ein vierstöckiges Haus. Rach ileber- windung dieser letzten Steilwand konnte der Gipfel leicht erstiegen werden. Der Abstieg war ebenfalls recht gefährlich und die Steilstellen mußten wiederum am Seil mit größter Vorsicht überwunden werden. Aus- und Abstieg hatten mit allen Aufenthalten 25 Stunden gedauert. Im Hafen von ilmanaf tourüen die kühnen Bergbezwinger, die die Eskimos mit ihren scharfen Augen schon auf der Spitze beobachtet hatten, von der gesamten Einwohnerschaft mit Jubel und heller Begeisterung begrüßt.
Hochschulnachrichten.
Der durch den Weggang des Prof. R. Holtzmann nach Berlin an der Universität Halle erledigte Lehrstuhl der mittleren und neueren Geschichte ist dem ordentlichen Professor Dr. Percy Ernst Schramm in Göttingen an- geboten worden; zugleich hat Prof. Schramm einen Ruf an die Universität Freiburg i. Dr. als Rachfolger von Prof. E. Caspar erhalten.


