Nr. 158 Erstes Blatt
180. Jahrgang
Mittwoch, 9. Juli 1930
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Die Illustrierte
Eiefeener Familienblätte» Heimat im Dill) Die Scholle
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Derantworilich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.TKyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Biefzen.
Wie stehen die Parteien zum Meirichschen Deckungsprogramm?
B er 11 n, 9. Juli. (lel.-Un.) Amtlich wird mitgeteilt: Jn der am Dienstag unter dem Bot- fit} des Reichskanzlers Br. Brüning stattgehabten Besprechung der Führer der hinter der Regierung stehenden Parteien wurde das Deckungsprogramm der Reichsregierung auf das eingehendste erörtert, wobei die Parteien in Ergänzung dieses Programms Anregungen vorbrachten, lieber diese Anregungen wird das Reichskabinett am Mittwochnachmittag eine Entscheidung treffen und alsdann die Fraktionen darüber zur endgültigen Stellungnahme auffordern. Jn Ergänzung der amtlichen Mitteilung erfährt die lele- graphen-Union noch folgendes: Bon den Vertretern aller Parteien wurden noch einmal grundsätzliche Bedenken gegen bestimmte Punkte des Deckungsprogramms vorgebracht, wobei insbesondere der Einkommensteuerzuschlag zur Aussprache stand. Dr. S ch o 1 z, der am Nachmittag bereits eine kurze Vorbesprechung mit Dr. Brüning hatte, regte erneut an, auf den Einkommen st euerzuschlag von 5 v. h.» der ohnehin mit 58 Millionen Mark nicht sehr zu Buche schlage, zu verzichten und diesen Betrag am haushalt noch über die geplanten 100 Millionen Mark hinaus einzusparen. Allem Anschein nach wird hier ein Kompromihvorschlag in der Richtung gefunden werden, dah zwar die 58 Millionen nicht mehr direkt eingespart werden können, die Regierung aber hofft, diesen Betrag mit finanztechnischen Mitteln erübrigen zu können. Jm Vordergrund stand ferner die Frage der Gern e i n d ek o p f st e u e r, die für die Dvp. eine unerlähliche Bedingung geworden ist. Die Volkspartei verlangt, dah die Kopfsteuer für die Gemeinden obligatorisch gemacht wird. Sie beharrt allerdings nicht mehr unbedingt auf dem Standpunkt, dah um den Kopfsteuerbetrag die Ueberroeifungsfteuern entsprechend gekürzt werden, wollte sich vielmehr damit einverstanden erklären, dah angesichts der grohen Arbeitslosigkeit diese Steuer zunächst für soziale Zwecke Verwendung findet. Dr. Scholz soll ferner angeregt haben, eine Aenderung des Paragraphen 163 des Arbeitslofenverficherungsgefehes, der von der unbeschränkten Varlehenspflicht desReiches fürdieReichsanstalt handelt. In dem Sinne, dah die jeweils nötige Summe nicht ohne weiteres als Darlehen gegeben, sondern in einem Nachtragshaushalt angefordert werden müsse.
Minister Dietrich und der Honsabund.
Berlin, 8. 3uli. (Tel.-Lln.) Reichsfinanz- minister Dietrich hatte sich am Montag in seiner Rede vor dem Reichstag auch mit den Ausgabensenkungsvorschlägen des Hansa-Bundes beschäftigt und herbe Kritik an dessen Vorschlägen geübt. Dazu erklärt der Hansabund, dessen Präsident der bemt>» kratische Abg. Fischer ist: Einen Gegenbeweis gegen die Sparvorschläge des Hansabundes habe der Reichssinanzminister nicht erbracht. Er habe vielmehr nun den Beweis dafür geliefert, dah auch er jene Finanzpolitik sortsehen wolle, die immer und immer wieder die Maschinerie der Gesetzgebung in Bewegung setz«, um die Einnahmen der öffent- tichen HauShalte zu steigern und dah auch er nicht der Führer zu jener Reuorientierung der deutschen Finanzpolitik sei, die damit beginnen mühte, von dem Reichstag die Gesetzesänderungen zu verlangen, die erforderlich seien, um durch eine einmalige energische Aktion größtmögliche Beträge aus dem Reichshaushalt herauszubringen. 2ede Politik, die erneut die öffentlichen Lasten erhöhe, sabotiere aber die privatwirtschaftlichen Voraussetzungen für eine Lieberwindung der Arbeitslosigkeit.
flm die Ausdehnung der Krisensürsorge.
r Berlin, 8. Juli. (VDZ.) Der Sozialpolitische Ausschuh des Reichstags beschäftigte sich am Dienstag mit Anträgen auf Ausdehnung der Krisenfürsorge.
Neichsfinanzminister Dietrich führte aus: Die vorliegenden. Anträge und Entschließun- gen haben eine wei tgehende finanzielle Auswirkung. Die bescheidenste hier aufgestellte Forderung würde ungefähr 200 Millionen, die weitestgehende etwa 600 Millionen Mehrausgaben, erfordern. Lins fehlen zur Zeit 600 Millionen am Etat, die wir mit den eingebrachten Vorlagen decken wollen. Wenn nun durch die vorliegenden Anträge noch weitere 200 bis 600 Millionen Mehrausgaben entstehen, so stehen für derartige Anträge Mittel irgendwelcher Art nicht zur Verfügung.
Abg. Schneider (Dem.) bezeichnete die Anträge als die Folge des Abbaus der Arbeitslosenunterstützung. Die Rotlage der ausgesteuerten Arbeitslosen erfordert aber unbedingt Abhilfe.
Abg. Esser (Zentr.) betonte gleichfalls, daß die Leistungsverminderung der Arbeitslosenver
sicherung naturgemäß zu einer Mehrbelastung der Krisenfürsorge und der Gemeinden führe. Die Gemeinden könnten unmöglich die gewaltige Mehrbelastung tragen, wenn die Krisenfürsorge nicht erweitert wird.
Abg. Dr. Pfeffer (D. Vp.) widersprach der Meinung, daß die letzten Reformen der Arbeitslosenversicherung irgendwie die Gemeinden belastet hätten. Eine Ausdehnung der Krisenfürsorge sei nicht der richtige Ausweg aus dieser Lage. Die Volkspartei werde die vorliegenden Anträge a b l e h n e n.
Vom Zentrum, der Bayrischen Dolkspartei, den Demokraten und den Christlich-Rationalen ist eine Entschließung eingegangen, in der ersucht wird,
1. den Erlaß über Personenkreis und Da uer der Krisenfürsorge vom 29.3uni 1929 der inzwischen eingetretenen allgemeinen
Verschlechterung des Arbeitsmarktes an zu» passen,
2. alsbald größere Mittel für die we r t sch a f f e n de C r we r b s l o sen f ü r- sorge bereitzustellen und bei der Heranziehung zu diesen Arbeiten in stärkerer Weise als bisher die Krisenunterstützungs- und Wohlfahrtsunterstützungsempfänger zu berücksichtigen,
3. bei der Zuerkennung der Ärifenunterftüfeung die Träger der gemeindlichen Fürsorge zu hören,
4. unter Mitwirkung der Länder Maßnahmen zu einem Ausgleich unter den Gemeinden zur Aufbringung der Lasten der Wohl- fahrtserwerbslosenunterstützung zu ergreifen mit dem Ziel der Entlastung derjenigen Fürsorgeverbände, deren Lasten infolge der hohen Erwerbslosenziffer dauernd wesentlich über dem Reichsdurchschnitt liegen.
Die Abstimmung wurde auf Mittwoch vertagt.
Die Vorlage trn Reichstag.
Kritik der Mitieiparteien.
Berlin, 8. Juli. (VdZ.) 3n der Dienstags- sitzung des Reichstags wurde die zweite Beratung des Haushalts des Reichsfinanzmmisteriums fortgesetzt.
Abg. von Sy bei tChr. R. B. P.) erklärt, die Rotlage des Obst- und Gemüsebaus mache einen Kurswechsel nicht nur in der Handelsvertrags-, sondern auch in der Steuerpolitik erforderlich. Ein großer Teil der Ersparnis- Vorschläge des Hansabundes würde sich bei gutem Willen verwirkliche n lassen. Die Grundsteuer ist noch ungerechter als die Gewerbesteuer. Lim diese ungerechten Steuern senken zu können, muß der Verwaltungskosten- beitrag noch vor der Sommerpause des Reichs
tags beschlossen werden. Die starken Bedenken gegen eine Gemeindegetränke steuer bestehen unvermindert fort. Die im Zusammenhang mit der Preissenkung notwendige Senkung der Löhne und Gehälter muh direkt und einheitlich erfolgen, nicht auf dem Wege einer Sonderbelastung bestimmter Gruppen.
Abg. Dr. Cremer (D. D.) wirft die Frage auf, ob nicht eine Llmgestaltung der F i - nanzverwaltung möglich wäre, mit dem Ziel, diese Verwaltung übersichtlicher zu gestalten und den Reichsfinanzminister von der Lieberfülle seiner Aufgaben zu entlasten. 3n dieser Verwaltung könnten wesentliche Ersparnisse gemacht werden. Dem Minister
Amerikanisches Geschwader besucht Kiel
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Der amerikanische Schlachtkreuzer „Arkansas" passiert die „Schleswig-Holstein". Auf Deck der „Schleswig- Holstein" die deutschen Matrosen in Paradeaufstellung.
Amerikas „Blaue Lungen" in Berlin.
Oben im Kreis: „Knipsen", der Landsport der Matroien-Besucher. — Unten: Wie gut schmeckt das verbotene Bier. — Rechts: Die amerikanischen Matrosen auf der Terrasse von Sanssouci.
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ftimmc er darin zu. daß gewisse Reserven an- qefammelt werden müssen. Wir haben immer die Forderung aufgestellt, die Finanzgebarung zu ändern und eine gewisse Selbstbeschränkung des Parlaments in der Ausgaben- bewilli gung durchzuführen.
Die Ankurbelung der Wirtschaft wird Im wesentlichen Sache der Privatinitiative sein müssen, jhr muh freilich die Bahn sreigemacht werden durch Senkung der auf der Privatwirtschaft ruhenden Lasten.
Die sogenannte Reichshilfe der Beamten ist ein Ll m w e g, der den. Eindruck erweckt, als wollte man die Steuern da holen, wo sich der schwäch st e Wider st and zeigt. Mit dem Verwaltungskostenbeitrag können wir nicht nur die Gemeindefinanzen, sondern auch die allgemeinen Finanzen sanieren. Man kann diese Abgabe zulassen und es den Gemeinden freistellen, dazu Zuschläge zu erheben. Die Real- steuern könnten entsprechend gekürzt werden. Die Ledigensteuer muß differenziert werden nach der wirtschaftlichen Lage und nach den Verpflichtungen der Ledigen. Der Zuschlag zur Einkommensteuer widerspricht dem wichtigsten Programmpunkt der Regierung, der Verheif ung einer Steuersenkung zum Zweck der Kapitalbildung.
Abg. Colosser (Wirtsch.) erklärt: Dievor- gefchlagenen Ctatsabstriche feien zu gering, ein anhaltender Abbau sei aber nur durch Abbau von Gesetzen möglich. Auch in die Gemeinden müsse Sparsamkeit einziehen. Die K o pf- steuer und ihre Verbindung mit den Real- ftcuern sei deshalb nötig. Der katastrophale Konsumrückgang zeige, daß eine Besteuerung der sogenannten Genußmittel nicht mehr möglich sei. Ein Pensionskürzungsgesetz werde die Wirtschaftspartei unter allen Umständen mitmachen. Darüber hinaus sei ein Abbau dec Beamten gehälter, aber auch ein Abbau der Löhne und Preise der Wirtschaft sowie der angespannten sozialen Gesetzgebung notwendig. Nur wenn diese Fragen mit Entschiedenheit angefaht werden, sei die Wirtschaftspartei bereit, eine vorübergehende Erhöhung der Arbeitslosenbeiträge und der Einkommensteuer für die großen Einkommen mitzumachen.
Jm ganzen fei mit den Vorschlägen der Regierung ein bescheidener Anfang zur wirklichen Gesundung der Wirtschaft gemacht. Zur endgültigen Sanierung gehöre aber auch die Arbeitsdienstpflicht der Jugend, die Besteuerung der öffentlichen Betriebe und der Umbau der Verwaltung und Gesetzgebung in finanzieller und wirtschaftlicher Beziehung.
Abg. Dr. Reinhold (5km.): Ohne ein endgültiges Finanz- und Wirtschaftsprogramm zu entwickeln, ist eine Behebung der augenblicklichen Finanzschwierigkeiten gar nicht möglich. Wir brauchen eine organische Preissenkungsaktion. Sie kann aber nicht erreicht werden, wenn Preußen durch Gesetz die Mieten erhöht, wenn die Gemeinden den Verkehr verteue rn, wenn die Reichsbahn die Tarife erhöhen will. Vor allem müssen die künstlich hochgehaltenen Kartellpreise gesenkt werden ebenso wie die Kleinhandelspreise. Wenn die Preissenkung erreicht ist, dann können und müssen wir auch zu einer Senkung der Löhne kommen. Dann wird auch die Beamtenschaft einer Gehaltssenkung zustimmen. Cs ist jetzt die Zeit gekommen, die Kapitalflucht in jeder Form als ein Verbrechen am Vaterland zu brandmarken. 3ch würde es begrüßen, wenn bei jeder Steuererklärung eine eidliche Erklärung darüber gefordert wird, welches Kapital direkt oder indirekt im Ausland angelegt ist. Dieses Kapital könnte dann höher besteuert werden als das inländische. 5>ie Neigung zurKapital- flucht wird geringer werden, wenn das Vertrauen zur Solidität der deutschen Finanzwirtschaft wiederhergestellt ist. Das kann nur geschehen durch eine grundlegende Finanzreform. Eine dauernde Sanierung der Reichsfinanzen wird nur möglich sein, wenn sofort auch die Gemeindefinanzen saniert werden. Das kann geschehen durch Verzehrsteuer oder CBürgerabgabe, aber es muh zugleich bestimmt werden, daß die Realste u e r n der Gemeinden auf die Höhe des Vorjahres zurückgesührt werden. Wir begrüßen den festen Willen des Ministers, 100 Millionen am Etat einzufparen, aber
wir meinen, dah weitere Ersparnisse möglich sind und dah die Vorschläge des hansabundes manche wertvollen Hinweise dazu enthalten, wir hoffen, dah auch die Regierung in eine sachliche Prüfung dieser Vorschläge ein treten wird. Den Deckungsvorschlägen der Regierung stehen wir auherordentlich kühl gegenüber (hörtl hort!) Ein Notopfer der Beamten können wir nur billigen, wenn es sich einfügt in ein allgemeines NoIopfer aller leistungsfähigen Schichten. Dir bedauern, dah die Regierung nicht ein organisches Reformpro
gramm dem Parlament vorgelegt hat.
Moldenhauers Pension.
Berlin, 8. Juli. (Tel.-Un.) Auf der Tagesord- nung der nächsten Vollsitzung des Reichsrates steht folgender Punkt: Anrechnung einer längeren als der gesetzlich ruhegehaltsfähigen Dienstzeit für Reichminister g.D. Dr. Moldenhauer. — 3n par»


