Nr. 84 (Elftes Blatt
180. Jahrgang
Mittwoch, 9. April 1930
Eriche»«» lüglich.cmtze» Sonntag, und Feiertag».
Beilagen:
Die Illustrierte
Oiehener FamilienblLtte» Heimat rm Bild
Die Scholle fflonats Btiuqsprtls:
2.20 Reichsmark und 30 Reichspfennig für Träger- lohn, auch bei Richter» scheinen einzelnerRummern «folgt höherer Gewalt.
Kernfprechanlchlüffe •nterSammeInummer2251. Lnschrtst für Drahtnachrichten: Anzeiger Sietze«. pokscheckfonto: Frankfurt am Main 11686.
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Chefredakteur
Dr Friedr Wilh Lange. Derantroortlich für Polüik Dr Fr Wilh. Lange, für Feuilleton Dr H.TKyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Bietzen.
Oie Aussichten für das Oeckungsprogramm.
Oer Steuerausschuß lehnt Tabaksteuervorlage und Mmeralwaffersteuer ab.
Berlin, 8. April. (D.D. Z.) Im Steuer- au-schuß des Reichstags wurde die Beratung über daS Tabak- und Z u cke r st e ue r g e- fetz fortgesetzt. ....
2lbg. Dr. Rademacher (Dnt.) sprach sich ?icgcn den einprozentigen Derwaltungskostenbei- rag aus.
Dbg. Dr. Hertz (Soz.) lehnte die Aende- Ningsanträge der Regierungsparteien ab.
Abg von Sy bei (Ehr.-Rat. Bauernpartei) ervarte cs für zweckmäßiger, den Tabakzoll zu erhöhen. Bei der Zuckersteuer haben sich unhaltbare Zustände herausgebildet.
Rach weiterer Debatte wurde gegen die Stimmen der Sozialdemokraten und der Kommunisten ein Antrag der Deutschnationalen angenommen, wonach die Berwaltungsab- gabe für die Tabaksteuerläger statt 1 nur Vr Prozent betrogen soll. 3n der Gesamtabstim- mung wurde jedoch die Tabaksteuervorlage in der Fassung des Kompromisses der Regierungsparteien abgelehnt, weil nur die Regierungsparteien dafür stimmten.
Die Zuckersteuer wurde in der Fassung der ursprünglichen Regierungsvorlage angenommen, bet Gesetzentwurf soll am 1. Mai in Kraft treten.
Cs folgt die Dorlage über die Wiedereinführung der Mineralwasser st euer, deren Ertrag den Gemeinden zufliehen soll.
Reichssinanzministcr Dr. Moldenhauer erklärt, schon jetzt sei durch die Ausschußbeschlüsfe zur Tabaksteuer und auf Freilassung des Petroleums ein Ausfall von 27 Millionen von dem ursprünglich errechneten Gesamtertrag entstanden. Da könne auf die Mineral- wasferstcuer nicht verzichtet werden. Rach längerer Aussprache wurde die Mineralwassersteuer abgelehnt.
Hieraus gab Reichsfinanzminister Dr. Moldenhaucr einen Bericht über die Kassenlage deSReiches. Die Bilanz zeigt einen ersreulichen Fortschritt in der Sanierung der Kassenlage, die aber auch jetzt noch derart angespannt ist, daß sie durch eine mit einem Eteuerousfall verbundene Derzögerung in der Verabschiedung der Deckungsvorlagen erneut gefährdet werden wurde.
ES folgt die erste Beratung der
Vorlagen zum vorläufigen Jinanzauel- gleich uno zur Vordere tung der
Ztnanzreform.
Reichsfinanzminister Dr. Molden- Hauer: Zur Regelung der Arbeitslosenversicherung haben die jetzigen Regierungsparteien die von den Sozialdemokraten abgelehnte Kompromißregelung vorgeschlagen. Die neue Regierung legt ihren ursprünglichen Entwurf vor, stimmt aber der Kompromißregelung zu. Im Ausschuß habe ich heute schon betont, daß die schnelle Der - abschiedung der D e ck u n g s v o r l a g e n notwendig ist, wenn die Reichskasse nicht in große Schwierigkeiten geraten soll. Der Reichstag hat die Pflicht, durch schnelle Verabschiedung der Dorlagen solchen Schwierigkellen vorzubeugen.
Abg. Wisfell (Soz.): Mit den in der Finanzreformvorlage enthaltenen Bestimmungen über die Arbeitslosenversicherung wird das feierliche Dersprcchen gebrochen, das man früher gegeben hat. Die Kompromißregelung der jetzigen Regierungsparteien kann für die Sanierung der Arbeitslosenversicherung gar keine andere Lösung finden als den Leistungsabbau im Herbst. ('Rufe rechts: „Das ist auch notwendigI") Das Zentrum wird im Herbst dem Lcistungsabbau nicht zustimmen können. Es wird sich dem Ruf nach dem Rotopfer des Besitzes nicht verschließen können, der dann laut durchs Land dröhnen Wird.
Abg. Dr. Pfeffer (DDP.): Bei den interfraktionellen Besprechungen über die Arbeitslosenversicherung ist gerade an der Hartnäckigkeit des damaligen Arbellsministers Wisfell die Verständigung gescheitert. Wir sollen kein Herz für die Arbeitslosen haben? Das wagt man zu sagen angesichts der Tatsache, daß wir 1 0 P r o z. der gesamten Steuereinkünfte für die Arbeitslosen und für soziale Ausgaben hergegeben haben. (Lebhafte Zustimmung rechts.) Es zeigt sich doch jetzt, daß unsere Steuereinnahmen nicht mehr ausreiche»», um die immer wachsenden Anforderungen der Arbeitslosenversicherung zu befriedigen. An die armen Gewerbetreibenden, die unter dem Steuerdruck zugrunde gehen, an die denkt man nicht! (Lebhafte Zustimmung rechts.) Die jetzt vom Abg. Wifsell bekämpfte Komprv- mihregclung für die Arbeitslosenversicherung hat doch auch die Zustimmung der sozialdemokratischen Mini st er des früheren Kabinetts gefunden, nur Minister Wisfell war starrköpfig dagegen. (Hört, hört! rechts.) Es ist nicht wahr, daß wir den allgemeinen Leistungsabbau wollen. In einem von mir eingebrachten Zwischenvorschlag war der allgemeine Leistungsabbau ausdrücklich ausgeschlossen. (Hört, hört!) Wir wollen die Arbeitslosenversicherung nur dahin ändern, daß sie nicht weiter ausgenutzt wird von Leuten, die künstlich arbeitslos Werder». Warum soll gerade di« ArbeitSlolerwersicherung
vor jeder Aenderung bewahrt werden, die doch auch von vielen Sozialdemokraten als notwendig anerkannt wird. — Weiterberatung Mittwoch.
Um die Biersteuer.
Berlin, 8. April. (Priv.-Tel.) Obwohl es heute im Steuerausschuß des Reichstages bei der Abstimmung über die Mineralwassersteuer und über die Tabaffteuer für die Regierung eine Panne gegeben hat, ist man in Kreisen, die der Regierung nahestehen, nach wie vor optimistisch. Man rechnet damit, daß es der Reichstag wegen der Steuervorlagen nicht zum Konflikt und zur Auflösung kommen lassen wird. Dies« zuversichtliche Stimmung hat sich erhalten, obwohl die Sozialdemokratie jetzt offiziell so tut, als halte sie Neuwahlen für eine Selbstverständlichkeit. Man glaubt offenbar, daß es möglich sein werde, mit Ab- kommandierungen und wechselnden Mehr- h eiten die Steuern durchzubekommen. Auch ist man der Auffassung, daß die D e u t s ch n a t i o n a -
l e n schließlich doch an der Steuerfrage jetzt vor der Erledigung des Agrarprogramms den Reichstag nicht auffliegen lassen werden. Wie weit diese Meinung berechtigt ist, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Besondere Schwierigkeiten sind in erster Linie bei der Bier st euer zu erwarten, wo außer der Ablehnung der Opposition auch die der Bayerischen Dolkspartei und der Wirtschaftspartei sicher in Rechnung gestellt werden muß. Selbst wenn die Deutschnationalen dieser Steuererhöhung also zustimmen würden, müßten sich immer noch die Sozialdemokraten zu Abkommandierungen entschließen. Aus parlamentarischen Kreisen verlautete gestern, daß noch «ine Einwirkung von sehr hoherStelleauf ein« führende Persönlichkeit der B a y e r i s ch e n B o l k s p a r t« i unternommen werden soll. Rach dem „Borroärts" soll der am Dienstag in Berlin eingetroffene Vorsitzende der Bayerischen Volkspartei, der bayerische Landtags- abgeordnete Schäffer, am Mittwoch vom Reichspräsidenten empfangen werden.
Oie Agrarvorlage.
Uebereinftimmung der Regierungsparteien.
Berlin, 8. April. (ERD. Eigene Meldung.) In parlamentarischen Kreisen sieht man der morgigen Sitzung des Steuerausschusses mit lebhaftem Interesse entgegen, da einzelne Regierungsparteien ihre Unterschrift unter das Initiativgesetz zum SchuhederLand- wirtschaft davon abhängig gemacht haben, daß im Steuerausschuß eine Mehrheit für die Deckungsvorlagen gesichert wird. Die wesentlichsten Grundzüge des Gesetzes zum Schutze der Landwirtschaft sind folgende:
Die Ermächtigungen für die wichtigen Zollmahnahmen liegen bei der Gesamtheit des Kabinetts. Sie sind befristet bis zum 31. März 1931. In der Frage der Einfuhr- scheine darf keine größere Belastung der Reichskasse entstehen als im letzten Iahre. Bei Roggen bleibt der Höchstsatz von 230 Mark als Jahresdurchschnitt bestehen, bei Weizen 260 Mk. In beiden Fällen erfolgt die Rachprüfung innerhalb von sechs Monaten statt bisher von drei Monaten. Der Beimahlungszwang von Roggen zu Weizen ist gefallen. Bei Gerste wird ein Unterschied zwischen Futter- und Braugerste gemacht, wodurch die Braugerste dem Weizenpreis gleichgestellt wird. Für Futtergerste wird ein variabler Zoll von 2 bis 12 Mark eingeführt. Weiter wird die Regierung ermächtigt, den Z o l l bei Schweinen bis zu 50 Proz. heraufzusehen, wenn der Preis für Lebendschweine unter 75 Mark Berliner Notierung sinkt. Die Erhöhung dauert an, bis der Preis wieder 85 Mark erreicht. Die Regierung ist ermächtigt, den Preis bis auf 36 Mark je Doppelzentner heraufzusehen.
Der Zoll für Frischmilch, deren Einfuhr bisher zollfrei war, ist auf 5 Pf. je Kilogramm festgesetzt, für entkeimte Milch von 5 auf 8,5 Pf. erhöht. Der autonome Eierzoll wird von 6 auf 30 Mk. pro 100 Kilogramm her- aufgesetzt: er ist jedoch gegenüber Italien und Iugoslawien gebunden. Für Müllerei- erzeugnisse wird der doppelte Weizenzoll plus 1,50 Mk. in Anwendung gebracht werden. Der Zuckerzoll wird von 20 auf 24 Mark erhöht. Für Weine werden die autonomen Zollsätze um 50 Proz. erhöht, wobei jedoch zu berücksichtigen ist, daß die Weinzollsätze gebunden sind durch die Handelsverträge vor allem mit Italien, Frankreich und Spanien. Eine besondere Ermächtigung für die Reichsregierung sieht vor, daß der Zollsatz für Wein, der zur Herstellung von Schaumwein verwendet wird, nach chrem Ermessen heraus- oder herabgesetzt wird. Bevor eine Regelung des Hopfenzolles möglich ist, soll die Reichsregierung erst die mit Frankreich und Belgien bestehenden Bindimgen beseitigen. Das Kontingent der zollfreien Gefrierfleischeinfuhr wird ab 1. Iuli beseitigt. Die Regierung wird Dorsorge treffen, die dadurch für die minderbemittelte Bevölkerung entstehenden Rachteile auszugleichen, und zwar durch die Dersorgung mit Frischfleisch. Dabei ist besonders an die Einfuhr von dänischem Magervieh gedacht.
Oas letzte Mittel.
Lteuergesetze mit Hilfe des Artikels 48.
Don unserer Berliner Redaktion
Rach dem überraschenden Umschwung der vergangenen Woche ist es auch jetzt »»och nicht ausgeschlossen, daß die Regierung das Kunststück fertigbekommt, eine Mehrheit für ihr Steuerprogramm zu finde»». Groß aber ist die Wahrscheinlichkeit »richt, deshalb werden auch — ebenso wie vor dem Kumpf um das Mißtrauensvotum — an amtlichen Stellen die Möglichkeiten durchgerechnet, die sich aus dem zweiten Absatz des Artikels 48 der Dersassung ergeben. Dieser äußerste Notbehelf gibt dem Reichs- Präsidien das Recht, „tocnn die öffentliche Sicherheit unb Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird, die zur Wiederherstellung nö
tigen Maßnahmen zu treffen". Eine Dollmacht also, die stark an die Diktatur herangrenzt, weshalb die Weimarer Däter der Dersassung denn auch vorsichtig genug waren, ein näheres Aus- führungsgeseh anzukundigen. Auch hier aber ist es wie in vielen anderen Fällen bei der Absicht gebliebe»». Dieses Ausführungsgesetz steht immer iwch aus, obwohl von dem Artikel 48 mehr als hinreichend Gebrauch gemacht worden ist.
Ein Zentrumsblatt hat kürzlich ausgerechnet, baß nicht weniger als 145 Mal Verfügungen des Reichspräsidenten auf Grund dieses Sonderrechts erschienen sind, von denen 138 die Unterschrift des Reichspräsidenten Ebert tragen, während nur sieben von Herrn von Hindenburg gezeichnet worden sind. Diese sieben aber auch nur, um frühere Verordnungen außer Kraft zu sehen. Der Sozialist Ebert hat also in großem Umfange mit dem ominösen Artikel regieren müssen, was sich aus den Nachwirkungen der Revolution erklärt. IedensallL aber hat er die einzigen Dergleichsmöglichkeiten gegeben, die bisher für die Anwendbarkeit des Artikels 48 vorliege»», er hat auch ein Analogon geliefert, auf das sich die Regierung Brüning berufen kann: die Steuergefehe nach der Stabilisierung sind zuerst auf Grund des Artikels 48 erlassen und erst, nachdem der Reichstag das Ermächtigungsgesetz an* genommen hatte, entsprechend umgeschrieben worden.
Der Beweis, daß Steuergesehe auf diesem Wege erlassen werden können, ist also erbracht, und die Sozialdemokraten haben kein Recht, jetzt der Regierung Brüning den versteckten Dor- tourf des Derfassungsbruchs zu mache»», nur well sie als letzte Notwendigkeit vielleicht an den Artikel 48 appellieren muh. Der neue Kanzler hat vor einigen Tagen gesagt, er wäre kein Mann der Qlbenteuer. Das ist er sicher nicht, seine gan^e Vergangenheit spricht dagegen. Aber er ist sich auch klar darüber, daß die Staatsnotwendigkeiten alten Gesetzen des parlamentarischen Beharrungsvermögens vorangehen müssen. Wenn schließlich der Arttkel48 herangezogen werden muß, t>aim ist das ausschließlich Schuld des Reichstag s. Er hat es vollkommen in der Hand, die Entwicklung auf dem normalen Gleis zu taffen, er braucht nur die vorliegenden Steuergesetze anzunehmen, dann geht alles in Ordnung. Ob die Steuern besonders schön finfc, ist jetzt eine andere Frage. Ausschlaggebend muh fein, daß die Steuerquellen rasch fließen. Ohne das Steuer- Programm ist aber selbstverständlich auch die Durchführung der Agrarnotgesetze unmöglich.
Oas Schicksal der Strafrechtsreform.
Berlin, 8. April. (D. D. Z.) Im Strafrechtsausschuh des Reichstages begrüßte der Vorsitzende Abg. D. Dr. Kahl (D. D.) den neuen Reichsjustizminister Dr. Dredt und sprach die Hoff»»ung auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit des Ministers mit dem Ausschuß aus. Nunmehr erklärte der Vorsitzende, daß die politische Lage die Möglichkeit einer plötzlichen Reichstagsauflösung nahelege. Die Folge einer solchen Auflösung würde fein, daß d i e gesamte Strafrechtsreform parlamen- tarisch vorläufig erledigt wäre. Der Vorsitzende beantragte daher ein Ueberlei- tungsgesetz, das als Initiativgesetz emge- bracht werden soll unb nicht nur für eine etwa jetzige Auflösung, sondern auch für alle späteren Auflösungen gelten solle. Auch Reichsjustizminister Dr. 03 re b t erklärte, daß bie Arbeiten des Strafrechtsausschusses weiterhin aus dem Kan»pf der politischen Gegensätze herausgehoben bleiben müssen. Zur Sicherstellung deS großen GesetzgebungSwerkeS er
scheine es ihm begrüßenswert, durch ein dauerndes UeberleitungSgesetz die Ergebnisse der bisherigen Arbeiten zu erhalten. Allerdings könne die Initiative dazu nur vorn Reichstage selbst ausgehen. In der Debatte sprachen sich jedoch alle Parteien gegen ein so weitgehendes Gesetz auS, sie würden höchstens für den einen Fall einer eventuell ledigen Auflösung ein solche- Ucberleitungsgcsctz annehmen. Die Abstimmung wurde zurückgestellt, da erst Fühlung mit den Fraktionen genommen werden soll.
Thüringens Finanzen.
Tic Dur.lführung des LparProgrammS.
Weimar, 8.April. (WTB.) Zu Beginn der heutigen Sitzung des Landtages gab Finanzminister Baum einen Ueberblick über den thüringischen Haushaltsplan, der zum Ausgleich gc- bracht worden ist. Zugleich mit dem Haushaltsplan gingen dem Landtage ein Gesetzentwurf zur Aenderung des Gewcrbestcuergesctzcs, ein Gesetzentwurf über die Sonderzuschläge zur Auswertungs- steuer, über die Besteuerung der freien Berufe und über die Erhebung eines Verwaltungskostenbei- träges, schließlich ein Gesetz zur Aenderung des Finanzausgleiches zwischen dem Land, den Gemein- den und Kreisen zu. In seiner Etatsrede ging Fi- nanzminister Baum zunächst auf den mit den Sparmaßnahmen verbundenen Abbau der Beamten ein, der leider nicht ohne Härten abgegangen fei. Parteirücksichtcn seien dabei aber in feiner Weise mitbestimmend gewesen. Durch die er- zielten Sparmaßnahmen wurde erreicht, daß das ursprünglich 20,84 Millionen Mark betragende Defizit des Haushaltsplanes für 1930 auf 6,87 Millionen Mark gesenkt wurde. Zum Aus- gleich dieses Fehlbetrages ist die Erschließung neuer Steuerquellen erforderlich, darunter Verwaltungskostenbeitrag (Kopfsteuer), Aufwertungssteuer, Warenhaussteuer usw Es muhte hierbei eine '.Regelung gewählt werden, die auf mög« lichst breite Grundlage gestellt wurde und die weiter, soweit dies in den engen Grenzen des Reichsrechtes möglich ist, die Leistungsfähigkeit berücksichtigt. Zum Schluß trat Minister Baum der Ansicht entgegen, daß Thüringen aus finanziellen Gründen den Anschluß an ein anderes Land suchen müsse. Die Opfer seien hart, sie müßten aber von der thüringischen Bevölkerung so lange getragen werden, bis die Selbständigkeit und der Wiederaufstieg des Thüringer Landes gesichert seien.
Oer Streit zwischen dem ^eich und Thüringen.
Berlin, 8. April. (WTB.) Die thüringische Re- jicrung hat in dem Wunsche, daß der Streit zwi- chen dem Reich und Thüringen b e i g e l e g t werde, ich mit dem Reichskanzler und dem Reichsminister des Innern in Verbindung gesetzt. Der Vorsitzende des thüringischen Staatsministeriums Staatsminister Baum, wird in den nächsten Tagen persönlich die Aussprache mit dem Reichs- Minister des Innern beginnen.
Oer neue lllih-prozeß.
Berlin, 8. April. (Priv.-Tel.) Am Mittwoch beginnt in K a 11 o w i tz die Derufungsverhand- lung gegen den Vorsitzenden des Deutschen Volksbundes in Polnisch-Oberschlesien, Otto ü I i ö. Diese Verhandlung wird besonders in Deutschland mit einen» ausmerksamen Interesse verfolgt werden, da sie den Beweis dasür zu liefern hat, ob Polen gesonnen ist, das bisherige System der brutalen Unterdrückung der deutschen Minderheit mit Hilfe einer politisierten Iustiz sortzusetzen. ällih war, wie man sich erinnert, vor längerer Zeit von den polnischen Behörden auf Grund eines gefälschten Spiheldokuments angeschuldigt worden, einem polnischen Hrerespslichtigen zum Llebertrllt über die deutsche Grenze verhalfen zu haben. Der oberschlesische Sejm, dem Lllitz damals angehörte, hat die Genehmigung der Strafverfolgung verweigert, und zwar bemerkenswerterweise, obwohl er eine polnische Mehkheit hatte. Wie lächerlich müssen die „Unterlagen“ der Staatsanwaltschaft gewesen fein. Später wurde der Sejm plötzlich aufgelöst und AXIit) alsbald verhaftet. Nach mehrmonatiger Tlnterfuchungshast machte man ihm im vergangenen Iahr den Prozeß, wobei er zu fünf Monaten Gefängnis mit Bewährungsfrist verurteilt wurde. Gegen dieses unglaubliche Urteil hat Tllih Berufung eingelegt, die nun jetzt endlich nach bielmonatiger Verschleppung von Mittwoch ab in Kattowiy verhandelt werden soll. Die Polen sind dabei in der Lage, den Beweis zu erbringen, daß es ihnen mit dem Abbau der Hatzpolitik gegen das deutsche Element in ihrem Lande wirklich ernst ist. Das Vertrauen Deutschlands in eine wirkliche Neuorientierung der polnischen Minderheitenpolitik ift bisher außerordentlich gering.
Oie lleberführung der Königin von Schweden.
Swinemünde, 8. April. (WTB.) Don zuständiger Stelle wird mitgeteilt, daß der Sonde r z u g Rom — Swinemünde, der die sterblichen Ueberrefte derKöniginDiktoria von Sch Weden hierherbringen wird, erst in der Dacht zum Freitag hier eintreffen wird. An der militärischen Trauerfeier nimmt u. a. der Ehes der Marinestativn der Ostsee, Kontre- abmiral Han s en. teil. Das Ehrengeleit werden dir 2. imb L Halbflottllle ausführen,


