Der Dreizehnte.
Roman von Anny von panhuys.
Copyright 1929 by Verlag Vechthold. Braunschweig.
22. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Die Frau zuckte zusammen, warf ihm bann entgegen: „Ich weift gar nicht, was Sie reden."
Es klang sehr unsicher.
Pieter van Muylen hatte Wohl nichts verstanden von der leisen französischen Llnterhal- Lung der zwei und begann aufs neue zu lärmen.
Primo Duero lachte der Frau ins Gesicht.
„Sagen 6ie Ihrem ehemaligen Mann, da ich nicht genügend Holländisch kann, um cs zu tun, er möge sich meinetwegen nicht so anstrengen, da ich schon vorher Gelegenheit hatte, Ihr künstlerisches Zusammenspiel mit ihm zu bewundern. Falls Mynheer van Muylen französisch spricht, ist die Unterhaltung zwischen uns dreien allerdings wesentlich vereinfacht."
Er hatte lauter gesprochen als vorhin und erreichte, dah der Holländer sein Toben jäh abbrach und ihn anstarrte. Er schien verstanden zu haben. Oder hatte ihn nur die Nennung seines Namens aufmerksam gemacht?
Aber weder die Frau noch Pieter van Mühlen antworteten ihm.
Das andere Pärchen rief laut nach dem Kellner, ihm schien die Umgebung nicht mehr recht zu gefallen, und da der Kellner merkte, wie sich die Gefahr, es könne gröfterer Skandal in der Nische entstehen, stark verringerte, eilte er zu dem rufenden Pärchen und nahm feine Bezahlung entgegen.
Das Paar verschwand eilig, und der Kellner blieb abseits stehen, beobachtete mit Erstaunen, wie der tobende Ehemann zunächst ganz still wurde, und sich dann wie ermüdet auf den dritten Stuhl in der Nische niederlieh.
Schade, dah er kein Französisch verstand, es war wirklich höchste Zeit, sich damit zu beschäftigen. Gar zu gern hätte er gewuftt, wie das Oel hieß, mit dem der dunkelhaarige Herr so schnell die hochgehenden Wogen des Ehemannszornes beschwichtigt hatte. Wie er mit wenigen Worten den wüsten Schimpfer zum Schweigen gebracht.
16.
„Da Sie anscheinend doch der französischen Sprache mächtig sind, Mynheer Pieter van Muylen", begann Primo Duero sehr ruhig scheinend, obwohl er innerlich ungemein stark erregt war, „können wir uns ja leicht aussprechen. Ihre Anstrengung . vorhin war also wirklich nicht nötig, da die Komödie zwischen
Ihnen und Ihrer ehemaligen Frau, der jetzigen Prinzessin Montirossi, in der Pension Lotos, Berlin, auch schon das Schauspielertalent von Ihnen beiden bewies."
Von Muylen und die Montirossi wechselten einen raschen Blick, aber keiner von ihnen erwiderte etwas.
Primo Duero fühlte sich schon etwas mehr Herr der Situation.
„Ich bin nicht nach Amsterdam gekommen, ich meine, ich bin Ihnen beiden nicht etwa nachgereist, um mit der Tochter von Nicolaas Sneck ein Rendezvous abzuhalten und mich auf schlaue Weise um einen Ning prellen zu lassen, für den ich dreitausend Gulden zahlte, sondern um Sie zu befragen, mit welchem Recht Sie in Berlin die beiden grohen Brillanten mit dem bläulichen Schimmer verkauften."
Das Paar tauschte abermals Blicke, dann sagte Pieter van Muylen in schlechtem Pariser Iargon- Französisch: „Sie müssen uns mit anderen Personen verwechseln, wir wissen tatsächlich nicht, was Sie meinen."
„Besinnen Sie sich, ob Sie nicht doch herausfinden, was ich meine", sagte Primo Duero schroff, „sonst lasse ich die Polizei rufen, und Sie können der die Auskunft geben, die ich wünsche."
Pieter van Mühlen machte ein widerborstiges Gesicht und brummte: „Weih der Teufel, mir kam Ihr Gesicht schon vorhin bekannt vor, jetzt weift ich auch woher. Am letzten Abend in Berlin saften Sie als neuer Gast mit am Abendbrottisch in der Pension Lotos! Ich will also zugeben, wir führten dort eine kleine Komödie auf. Aber der Grund dazu war harmlos. Man muß, wenn man auf unbestimmte Zeit in der Pension Wohnung nimmt, sich nämlich der Bedingung fügen, drei Tage vor der Abreise zu kündigen. Da wir uns aber drei Tage vorher noch nicht darüber einig waren, brachen wir den Streit vom Zaun, um nicht unnütz drei Tage länger bezahlen zu müssen. Die Pensionsmama lieh uns nach der Szene laufen, weil sie Angst vor allzu großem Lärm hatte."
„Danach habe ich Sie gar nicht gefragt", schob Primo Duero die Auskunft beiseite, „sondern ich fragte Sie, mit welchem Recht Sie in Berlin, oder genauer, Ihre ehemalige Frau, die beiden grohen Brillanten mit dem bläulichen Schimmer verkauften? Und zwar an die Iuwelierfirma Albert Goldener in der Leipziger Straße, wo sie zu Ohrgehängen für die Braut des Fürsten Bärburg verarbeitet wurden. Woher haben Sie die Steine? Gestehen Sie es."
Die Montirossi sah sehr blaß aus.
„Sie sind also Polizeibeamter? Sagen Sie es doch gerade heraus. Aber uns kann man nichts an^mben. falls die Steine gestohlen wurden. Bei uns waren sie nur verseht."
„Ihr Vater hat schon mehrmals Llnannehmlich- keiten als Hehler gehabt", versetzte Primo Duero, „diesmal könnten die Unannehmlichkeiten aber sehr ernster Natur werden."
„Die Steine waren bei uns versetzt", wiederholte die Montirossi.
„Das wird Ihr Vater beweisen müssen!", kam es scharf zurück.
Dan Muylen brummelte etwas vor sich hin, was unverständlich blieb, und die Montirossi zuckte die Achseln.
Es sollte wohl Gleichmut sein. Aber man sah ihr doch deutlich an, ihr war nicht besonders wohl zumute.
Ihre Züge wurden trotzig.
„Er wird es auch beweisen können."
„Das wäre sehr angenehm für ihn, da diese Steine bei einem Mord gestohlen wurden, und der Mörder, der bis jetzt unentdeckt blieb, auch zugleich der Dieb sein muh", sagte Primo Duero. Obwohl er gar nicht laut sprach, zuckten die beiden doch zusammen, als hätten plötzlich und unvermutet ein Dutzend Fanfaren neben ihnen losgeschmettert.
Fast hilflos sahen sie einander an. Erst nach geraumer Weile sprang es wie ein mühsam unterdrückter Schrei über die Lippen der Frau: „Sie werden doch nicht etwa meinen Vater oder uns für Mörder halten?"
„Vielleicht doch", entgegnete er sofort, „wenigstens so lange, bis ich vom Gegenteil überzeugt bin. Da ich der Sohn des Ermordeten bin und selbst einen Tag und eine Nacht den furchtbaren Verdacht tragen mußte, werde ich rücksichtslos sein."
Er konnte nicht weiterreden, Pieter van Mühlen fiel ihm ins Wort: „Nun verstehe ich Sie, und wenn ich auch gerade kein Engel bin, so bin ich doch auch kein solcher Schweinehund, Sie mit Ausreden hinzuhalten, wenn Sie den Mörder Ihres Vaters suchen." Er sah seine ehemalige Frau an. „Gib, bitte, vor allem dem Herrn den Ring, er hat ihn gekauft und bezahlt."
Nur zögernd zog Io Montirossi den wunderschönen Ring vom Finger, dessen Iuwelen sich in der Form eines Blumenkelches zufammen- fanden.
Sie reichte Primo Duero das Schmuckstück und er nahm es, steckte es ein, sagte ernst: „Diesen Ring oder einen anderen, genau nachgebildeten und gleich wertvollen, erhalten Sie von mir, wenn Sie mir helfen, die Tragödie meines Vaters aufzuklären, den Mörder zu entdecken. Am Rosenmontag werden es drei Iahre, dah mein Vater ermordet wurde."
Die Montirossi nickte.
„Mit oder ohne Ring werden wir Ihnen die Wahrheit sagen. Weil uns nichts anderes
übrig bleibt! Vor allem tue EifersuchtSszentz vorhin war Theater, ich gebe es zu. Ich wollte. Sie sollten Angst bekommen vor Llnannehmlich- keiten und den Ring im Stiche lassen, um den ich meinen Vater schon oft gequält hatte. Er war bei Vater für nur dreihundert Gulden: verseht, und verfiel dafür, da er nicht eingelöst wurde." i
„Also hat Ihr Vater ein glänzendes Geschäft gemacht", stellte Primo Duero trocken fest. „Aber nun her mit der Wahrheit, wie kamen Die zu den blauen Brillanten?"
Der Kellner stand abseits und begriff nicht, dah die drei sich jetzt anscheinend ganz gemütlich unterhielten.
Pieter van Muylen sagte auf holländisch: .Du darfst deinen Vater nicht bloßstellen. Io, erfinde eine Lüge. Das verstehst du ja meisterhaft."
Sie schüttelte den Kopf. „Das werde ich nicht tun. Da ein Mord an den Steinen hängt, muß ich bei der Wahrheit bleiben, sonst kann es ein teurer Scherz werden. Ich jedenfalls möchte nicht mit einem Wordprozeh zu tun haben und Vater bestimmt auch nicht^llnd wie .ich dich kenne, bist du auch nur mutig, solange keine Gefahr besteht." y
„Sie wollen mir irgend etwas vormachen", lehnte sich Primo Duero mißtrauisch gegen die Privatunterhaltung auf. „Ich rate Ihnen aber davon ab, denn ich würde dann mit aller Rücksichtslosigkeit vorgehen."
Die Montirossi versicherte lebhaft, und sie lächelte dabei sogar ein bißchen: „Meinem Exgatten ist die Wahrheit unangenehm, well Pieter etwas getan hat. was er nicht hätte tun dürfen, und wir ihm dabei halfen. Aber im Verhältnis zu einem Mord schrumpft es zu einer Kleinigkeit zusammen." Sie blickte nachdenklich. „Ich halte es für das beste, wir gehen zu meinem Vater und erzählen Ihnen dort, wie wir in den Besitz der Steine gelangten.“
Primo Duero verneinte energisch.
„Es gibt im Geschäft von Nicolaas Sneek einen riesigen Menschen, dessen Hände wie grobe eiserne Zangen aussehen. Ich trage kein Verlangen danach, in diese Zangenhände zu geraten.“ Er schloß scharf: „Von solchen Händen kann man gewaltsam und für immer zum Schweigen gebracht werden."
Die Montirossi seufzte etwas betont.
„Wie könnten Sie auch anständig von uns denken! Linser groote Ian ist nur zur Warnung für gefährliche Kundschaft da. Er ist für Hochstapler und Langfinger das, was eine Vogelscheuche für die Spatzen bedeutet. Aber wenn Sie wollen, bleiben wir hier und führen unsere Unterhaltung hier fort.“
(Fortsetzung folgt.)
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