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ly.SesWe LandesgeMeWau in Gießen.

Für den Geflügel, und V o,g e l z u cht v e r. ein Gießen und Umgegend war die Der- anftaltuna der 19. Hessischen Landesgeflügelschau, die am Samstag und Sonntag in der Bolkshalle staitfand, ein großer Erfolg. Äon etwa 220 Aus­stellern aus allen Kreisen der Provinzen Oberhessen, Rheinhessen und Starkenburg wurden über 9 5 0 Tiere zur Schau gestellt, und fesselten die Aufmerksamkeit der Besucher. Den Besuch an den beiden Ausstellungstagen kann man als befriedi- icnb bezeichnen, denn nicht weniger als 2500 Per- onen wurden in der Ausstellung gezählt. Sehr tark war naturgemäß an dieser Ziffer die Land­bevölkerung unserer nächsten Umgebung beteiligt, obwohl auch viele eine weitere Reise nicht scheuten. Lebhaftes Interesse brachte auch die Gießener Stadt- bevolkcrung der Ausstellung entgegen. Während der Besuch am Samstag nur einige hundert Personen brachte, fanden sich im Laufe des Sonntags, be­sonders am Nachmittag, über 2000 Personen ein, die sich die Heerschau des rassigen Gcslügels nicht entgehen lassen wollten. Am Samstag kurz nach 11 Uhr fand die

Eröffnung der Ausstellung

statt. Der erste Borsitzende des hiesigen Geflügel- und Bogelzuchtoereins Herr Funk begrüßte die geladenen Gäste, hieß insbesondere Minister Ko­re l l willkommen, der die Schirmherrschaft über diese Ausstellung übernommen hatte, begrüßte fer­ner als den Vertreter der Landwtrtschaftskammer Oekonomierat Breidenbach, als den Bcrtreter der Universität Professor Dr. Sessous, den Ver­treter des Landesverbandes Hessischer Geflügelzüch­ter, den Abteilungsvorsteher des Tierzuchtinstituts der Universität Gießen Dr. Lana und eine Reihe weiterer Gäste. Für die Stadt Gießen war Bürger­meister Dr. Seid anwesend.

Nach dem Vorsitzenden des Vereins sprach der Minister Karell seine Genugtuung und den Dank aus für die Ausgestaltung der Ausstellung. Ocko- nomierat Breidenbach gab ebenfalls in kurzen Worten seiner Freude über die große Ausstellung Ausdruck und wies zugleich auf die hohe volkswirt­schaftliche Bedeutung der Geflügelzucht hin. Dr. Lang betonte die Verbundenheit des Tierzuchtinsti­tuts mit der Sacke der Geflügelzüchter und verwies im übrigen auf die Sonderschau des Tierzuchtinstituts und des Veterinärhygienischen und Tierseuchen­instituts, die auf der Bühne der Bolkshalle unter- gebracht war. Der kurzen Eröffnung folgte ein

Rundgang,

an dessen Schluß sich der Minister vorbehaltlos über die gute Organisation der Ausstellung, als auch über das Tiermaterial in anerkennendem Sinne aussprach.

Die Ausstellung bot nicht nur für den Fachmann, sondern auch für den Laien eine Quelle vielseitiger Betrachtung. Schon beim Betreten des Vorplatzes der Volkshalle empfing den Besucher eine Fülle von Tierstimmen, von dem sonoren Geschnatter der Enten, bi» zum schrillen Diskant des Zwerg- Hohnes. In langen Reihen standen die einheitlichen, sauberen, geräumigen Käfige: sie boten selbst großen Tieren genügend Raum. Allenthalben sah man prachtvolle Tiere, wohlgeeignet, der Stolz des Züch­ters zu sein. Wenn man dabei die Schönheit der einzelnen Formen, die Vielseitigkeit der Sorten und die strenge Einheitlichkeit in Gestalt und Farbe der

Zuchtstämme, als besonders auffallend empfand, so verband man damit wohl oft die Frage, ob diese Tiere auch den Anforderungen entsprechen, die man in volkswirtschaftlicher Hinsicht als Ziel der Züchtung erstrebt, oder wenigstens erstreben müßte: die Leistung. Daß auf diesem Gebiete wesentliche Fortschritte als Ergebnis der Züchtung zu verzeich­nen sind, dürfte kaum bestritten werden können. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle auf ein­zelne Tiere einzugchen, bemerkt muß jedoch wer­den, daß gerade unter den Zuchtstämmen hervor­ragende züchterische Leistung sestzustellen waren, eine Tatsache, die darin ihre Bestätigung fand, daß eine verhältnismäßig große Anzahl von Zucht­stämmen mit Ehrenpreisen bedacht werden konnte. Bel der Fülle und Güte des Materials dürften die Preisrichter, deren einige sich in die Arbeit teilen mußten, keine leichte Aufgabe gehabt haben.

3m Rahmen der Ausstellung kam neben einer Reihe von Sonder'chauen große Bedeutung denAb- teilungen zu, die das älniversitäts-Tier- z n ch t i n st i t u t, Oberer Hardthof und das V e - tärinärhygienische und das T i e r s eu­ch e n i n st i t u t beisteuerbe und damit die Veran- Haltung zur Vollkommenheit ergänzte. Das Tier­zuchtinstitut vermittelte an Hand einer Reihe von einfachen und leicht überblickbaren Statistiken die Entwicklung der Geflügelzucht in Hessen und einen Lieberblick über die Giererzeugnng in Deutschland während des Jahres 1929, aus dem hervorging, daß 32 Prozent des deutschen Eierbedarfs aus dem Auslande bezogen und etwa 300 Millionen Mark dafür ausgeworsen werden mußten. Besonders in­teressierte zweifellos die Tatsache, daß

eine Leghornhenne, die am versuchsinslllul gehalten wird, während des Jahres 1929 ins­gesamt 303 Lier legte.

Als Ergebnis einer vielbewußten Züchtung dürfte dieses Tier zugleich den hohen Wert der züch­terischenigteit in das rechte Licht gerückt ha^en.

Das Tierseucheninstitut veranschaulichte an Hand einer großen Anzahl von Diapositiven, an zeichnerischen Darstellungen und an Präpara­ten die Krankheiten, denen das Geflügel anheim­fällt, und wies Zugleich Wege, wie man den ver­schiedenen SeucHen Einhalt gebieten kann. 3n den übrigen Sonderschauen wurden durchs die verschie­denen einheimischen und auswärtigen Firmen die Erzeugnisse der Industrie und der Futtermittel­branche gezeigt.

Als wohlverdienter Lohn wurde den Züchtern eine Anzahl von wertvollen Preisen zuteil, die auf der Bühne zur Schau gestellt waren und sicherlich dem Züchter, der diesmal nicht als Trä­ger erster Preis aus dem Wettstreit hervorgehen konnte, Anreiz zu weiterer ernster Arbeit sein mochten. Die überaus reichliche Ausstellung mag zugleich für viele Züchter eine Menge von An­regungen für seine weitere Betätigung gebracht haben, denn der Sinn der Schau kann nicht darin allein liegen, Tiere nur zu zeigen, sondern mehr in dem Wunsche, fördern zu helfen, wo Forderung notwendig ist. Das große Arbeitsgebiet und die damit verbundene dankbare Mitarbeit an einer volkswirtfchafllichen Kräftigung in unserem Ta'.er- lande muß dem Züchter immer wieder neuen Im- I puls geben Wenn die Auswirkung sich rn diesem Sinne vollzieht, dann hat die Ausstellung ihren I höheren Zwöck erfüllt.

große Gefahr, daß die Vertreter Britisch Indiens mit fast fix und fertig ausgearbeiteten Dersas- sungen vor die Konserenz hintraten und damit die Konferenz auf die starren Wege drängten, wie sie z. D. in Gens, und zwar fast immer ohne Erfolg beschritten werden. -Diese Ge­fahren hat Macdonald sehr geschickt dadurch ge- bannt, daß er den DersassungSfachverständigen Lord Sankey mit der Vorlage einer Reihe von prinzipiellen Fragen betraut hat. Die Verhand­lungen sind damit dahin gedrängt worden, sich nur mit den Hauptpunkten zu besassen: soll der Föderalismus da« oberste Prinzip sein? Wie soll die Zentralgcwalt in Indien aus- sehen? Wie sind ihre Beziehungen zu den Vro- vinzen Britisch Indien- und zu den indisch.m Staaten? Wie weit reicht ihre Verantwortung und welche Rechte hat sie?

Es wäre falsch, die großen Schwierigkeiten zu verkennen, die sich trotz des rein praktisch ge- . stellten Ziele- noch einer Einigung entgegenstel­len. Sie werden int Laufe der Konferenz sicher­lich zutage treten. Die sind aber ihrer stärksten Gefahren jetzt schon beraubt, wenn es gelingt, die praktische Basis zu schaffen. Lind eS kann der zu­künftigen Entscheidung Vorbehalten bleiben, auf welches Gleis man sie schieben tolll. Sicherlich liegt z. D. den Engländern nicht viel daran, da- Problem der Armee jetzt schon in allen Einzelheiten lösen zu wollen. Die Zeit da­für ist noch nicht reif. Sie wird aber ein­mal reif sein: es genügt daher, wenn man der Entwicklung die Bahnen weist, die sie einmal ge­hen soll oder kann. Ein Beispiel ist Aegypten, Aem man in der Deklaration von 1922 die Un­abhängigkeit zufagte, sie jedoch durch die vier Reservationen so verklausulierte, daß die le­benswichtigen Interessen Englands für die Ueber- gangszeit gesichert waren. Man braucht nicht überrascht zu sein, wenn die englisch-indische Kon­ferenz dieselben Wege gehen muß und letzten Endes die alt-englische Kunst siegt, Staaten- gebilde langsam in einem Rahmen heranreisen lassen, der einerseits den Zielen und Bedürf­nissen des Weltreiches und Englands entspricht, andererseits aber sich zukünftigen Erfordernissen anzupassen weiß. Sich die Freiheit des HandelnS vorzubehalten imb beweglich zu bleiben, das ist das Geheimnis englischen staatsmännischen Könnens, daS dem Mutterland die revolutionären Erschütterungen ersparte und ein lebendige- Weltreich schuf.

Aus der Provinzialhauptstadt.

Gießen, den 8. Dezember 1930.

Besinnliche Stunden.

Wenn der Winter mit rauher Hand in den Stra­ßen regiert, ist der Aufenthalt im behaglichen Zim­mer das Allerschönste. Ob wir uns im Kreise der Familie befinden, oder mit guten Freunden zusam- mensitzen, immer werden solche Abende zu einem kleinen Feste.

Freilich kann das nicht jeden Tag sein, und leider wird in der heutigen aufgeregten Zeit vergessen, daß uns auch stille Stunden viel mehr sein können, als Gesellschaften, in denen es sehr lebhaft zugeht. Es muß ja nicht immeretwas los fein"; sonst be­steht die Gefahr, daß wir nur äußerlich leben und nie zur Besinnung kommen.

Sind diese Wintertage nicht wie geschaffen für solche einsamen Abende? Sind wir innerlich nicht so reich, daß wir nun von den Schätzen, die uns die -verstossenen Jahre gaben, zehren können? Holen wir doch aus unferm Herzen den Sonnenschein und den blauen Himmel, die wir in glücklichen Stunden in uns aufnahmen! Die Natur ist zur Ruhe ge­gangen, die Bäume verloren ihren Schmuck. Aber still verborgen arbeiten die Säfte in Wurzeln und Stamm uflb schaffen unermüdlich für die kommenden Tage. Lassen auch wir nun unsere inneren Kräfte arbeiten!

Allein sein, heißt noch lange nicht verlassen fein. Gab uns doch das gütige Schicksal die Gabe der Er­innerung. Schauen wir in solchen stillen Stun­den rückwärts, so werden wir glückliche Erlebnisse haben. Alles Kleinliche und Verwirrende der da- maligen Tage tritt ganz zurück, nur die Höhe- (»unkte bleiben, und ein milder Zauberschein um- lutet vergangene Zeiten. In Wirklichkeit schaffen wir a wieder neue Erlebnisse, unbewußt schaltet unsere Fantasie das Trübe und Schwere aus und stellt vor unser Auge nur glänzende Bilder. Wollen wir bei dieser Rückerinnerung vomverlorenen Para­dies" sprechen? Das wäre doch wohl verkehrt. Denn was wir noch besitzen, ist uns nicht verloren. Und, Gott sei Dank, sind die vergangenen Zeiten unser Eigentum, das uns niemand rauben kann. Selbst traurige Geschehnisse werden durch die Erinnerung gemildert, und unsere Seele kann Früchte ernten, Oie wir früher nie beachtet haben.

Für die stillen Stunden können wir auch einen stillen Freund einloben. Dieser Freund ist das gute B u ch. Ich denke hier nicht an das Buch der Ar­beit, das neue Probleme vor uns aufrollt, sondern an das gute Unterhaltungsbuch, aus dem der Dich- ter zu uns spricht. Es ist und bleibt für viele Men- scheu der beste Freund. Mir wenigstens geht es so mit meinen Büchern: Die Gestalten darin leben und sprechen mit mir. Jede gute Erzählung wird mir zum Erlebnis, jedes Gedicht, das meine Seele ge­fangen nimmt, hilft mir, daß die Lesestunden zur Feier werden.

Aber auch mitten In einer Erzählung kann ich das Buch hinlegen, und meine Gedanken, die durch das Lesen aufgescheucht wurden, wandern zurück und sehen m ch in einer ähnlichen Lage. Irgendwann geschah das doch auch so in meinem Leden? Und eine stille Einkehr folgt, verklungene Zeiten rauschen herauf ...

Warum haben viele Menschen solche Angst vor der Stille, der Einsamkeit? Sie fürchten sie und schrecken zurück wie vor einem dunklen Abgrund. Wenn sie nicht vom Lärm des Tages umhüllt sind, wenn sie nicht irgendwie etwas hören oder sehen können, dann fühlen sie sich nicht glücklich.

Solche besinnlichen Stunden sollten uns gerade als Gegengewicht unserer Arbeit willkommen sein. Das sehe »ch immer wieder bei den Bauern. Bei ihnen fand ich die meisten Schweiger. Nach voll­brachtem Tagewerk können sie stundenlang im Zim­mer sitzen, und franst du, was sie eben denken, dann hörst ou nie, daß sie an Zukunstspläne gedacht haben, sondern ihre Gedanken wandern zurück in die Vergangenheit. Sie reden dann wohl, wie es früher war, wie es der Vater gemacht hat, und was wohl der Großvater sagen würde, wenn er noch da wäre. Solche einfachen Leute, die den Abend um den Ofen sitzen, ganz wenig plaudern, dafür aber in ihrem Geiste rückwärts schauen, solche Menschen er» leben unbewußt besinnliche Stunden die sie starken, die neue Kräfte verleihen. Was wir uns bei den Dichtern holen, Trost und Zuversicht, das holen sie

sich aus dem Schatz ihres arbeitsreichen Lebens und ihrer engen Verbundenheit mit der Natur.

Ich weiß für ruhige Feierabende nichts Edleres und Wohltuenderes, als ein stummes Gespräch mit den Schatten aller jener Augenblicke, die, in Wohl­sein oder Schmerz das alltägliche Maß überschrei­tend, sich als reife Früchte lösten und nun zeitlos und immer gegenwärtig meine Schätze und meine Freunde sind." (Hermann Hesse.) M.

Daten für Dienötag, 9. Dezember.

1641: der Maler Anthonis van Dyck in London gestorben; 1717: Der Altertumsforscher Ioh-ann Wtnckelmcrnn in Stendal geboren.

Vornotizen.

TageskalenderfürMontag. Deutsche AngesteUten-Krankenkasse! Hauptversammlung, 20.30 Uhr, imHessischen Hof". F. G. F.: Monatsver- sammlung, 20.30 Uhr, bei Kamerad Dippel. Tan­nenbergbund, Gau Oberhessen: Oessentlicher Vortrag, 20.15 Uhr, imBayrischen Hof". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße.Leutnant warst du einst bei den Husaren". Astoria-Lichtspiele:Der Flieger von Kalifornien" undPrinz Louis Ferdinand".

AuS dem Stadttheaterbureau wird uns geschrieben: Morgen gelangt unter der Spielleitung Walter BäuerleSReibhardt von Gneisenau", Schauspiel von Wolfgang Goetz, zum letztenmal zur Aufführung. Beginn 19.30 Tlhr. Am Samstag, 13. Dezember, Erstaufführung von Goldmarie und Pechmarie", Weihnachtsmärchen von Alohs Prasch; es gelangt in diesem Iahr unter der Spielleitung von Karl Volck $ur Auf­führung. Mit Rücksicht auf die auswärtigen Be­sucher wurde der Beginn der Vorstellung auf 15.30 Uhr gelegt. Folgende Züge ermöglichen einen rechtzeitigen Besuch der Vorstellung: Butz­bach ab 14.45 Uhr, Gießen an 15.05 Uhr (Eil­zug) ; Marburg ab 13.40 Uhr, Lollar ab 14.16 Uhr. Gießen an 14.26 Uhr; Wetzlar ab 14.10 Uhr. Gießen an 14.28 Uhr; Geln­hausen ab 13.08 Uhr. Büdingen ab 13.30 Uhr. Ridda ab 14.06 Uhr. Hungen ab 14.31 Uhr. L i ch ab 14.42 Uhr. Gießen an 15.04 Uhr. Grünberg ab 13.21 Uhr, Gießen an 14.34 Uhr; Grosten-Buseck ab 12.07 Uhr. Gießen an 12.22 Uhr.

Der Dichter Hermann Stehr liest auf Einladung des GoelhebundeS am Dienstag, 9. Dezember, 20 Uhr in der Reuen Aula aus eigenen Werken. Wir verweisen alle Interessen­ten nochmals auf diese literarisch wertvolle Ver­anstaltung.

Der Kupferne* Sonntag brachte bet günstigem Wetter unserer Stadt einen lebhaften Verkehr, der aber zum Teil auch auf den Besuch der Landbevölkerung in der Geflügelausstellung zurückzuführcn sein dürfte. Die Reichsbahn hatte von den Mittagsstunden ab stärkeren Betrieb auf- Autoclfcn, der aber erheblich hinter der Inan­spruchnahme am Kupfernen Sonntag deS Vor­jahres zurückblieb. Die Wagen der Kraftver­kehrsgesellschaft Hessen waren kaum stärker be­setzt als sonst, dagegen wurden die Kraftomni­busse der ReichSpost auf allen Linien erheblich in Anspruch genommen, nach Wißmar und Launs- bach mußten sogar Sonderwagen gesahren wer­den. In den Geschäftsstraßen bewegte sich eine große Menschenmenge, die mit Interesse die reich­

haltigen und geschmackvollen Auslagen in den Schaufenstern unserer Geschäfte besichtigte. Das Kaufgcschäst war aber nach unseren Beobachtun­gen im allgemeinen noch gering, in der Haupt­sache beschränkten sich die meisten Besucher gestern auf Besichtigungen. Hosfentlich werden die wei­teren Tage vor Weihnachten unserer Geschäfts­welt so starken Zuspruch bringen, daß sie wenig­stens einigermaßen ihre Erwartungen erfüllt sieht.

Einen unruhigen Sonntagabend hatte gestern unsere Polizeibeamtenschaft. Anläß­lich der nationalsozialistischen Versammlung in der Turnhalle am Oswoldsgarten. über deren Verlaus wir noch berichten toerben, hatte sich am Oswaldsgarten eine große Menschenmenge einge-- sunden, deren weitaus größter Teil aus jungen Kommunisten bestand. AuS dieser Menge heraus erfolgten tätliche Angriffe gegen einen Studenten und einen Kaufmann, die durch Hiebe bzw. durch einen Wurf mit einem großen Backstein am Kopfe erheblich verletzt wurden und nach der Feuerwache gebracht werden mußten, wo ihnen erste Hilfe zuteil wurde. Die polizeiliche Sicherungsmannschaft schritt bei dem Tumult sofort tatkräftig ein und verhaftete einen füh­renden Kommunisten, den sie nach dem Polizei­amt verbrachte. Daraufhin formierte sich ein ansehnlicher Zug von Gesinnungsgenossen des Verhafteten, der zum Polizeiamt ziehen und dort die Freilassung des Festgenommenen erreichen wollte. Die Polizei war aber in starker Bereit­schaft vor dem ersten Polizeirevier zur Stelle, so daß die Zugteilnehmer auf den Marsch bis zum Polizeiamt verzichteten und an der Ecke Drand- platz/Senckenbergstraße Halt machten. Rach ge­raumer Zeit rückten sie wieder ab und zerstreuten sich schließlich, da mittlerweile noch eine Schupo­bereitschaft aus Butzbach hier eingetroffen war. Die Versammlung in der Turnhalle nahm einen ruhigen Verlaus, daS Versammlungslokal und seine nächste Umgebung waren polizeilich ge­sichert. Abgesehen von ber oben gemeldeten Ver­haftung der Festgenommene wurde im Ver­laufe der Rächt wieder auf freim Fuß gesetzt, kam es erfreulicherweise zu keinerlei to.'iteren Anlässen, die ein Eingreifen der Polizei erforder­lich gemacht hätten.

"DieAusverkäufeimKreiseGießen. Nach einer Bekanntmachung des Kreisamts Gießen im neuesten Amtsver. ändigungsblatt finden die Aus- Verkäufe im Kreise Gießen nickt in den Tagen vom 2. Januar bis 15. Februar, fonoern in der Zeit vom 5. Januar bis 15. Februar 1931 statt.

** Evangelische Pfarrpersonalien. Dem Pfarrer Otto Götz Nieder Wiesen, wurde die Pfarrstelle zu Heubach (Dekanat Groß-Umstadt) und dem Pfarrer Adolf K a l b h e n n, Großen-Buseck, die Pfarrstelle zu Kirch-Göns (Dekanat Gießen) übertragen.

* Sängerehrungen. Der Hessische Sän- gerbunb zeichnete die Mitglieder Karl Faber (Liederkranz Gießen), Heinrich Dechert und August Iung (Frohsinn, BernSfeld), und Hein­rich Wolf (Liederkranz Düdelsheim) für 40- jährige aktive Sängertätigkeit mit der silbernen Ehrennadel des Verbandes aus.

Preußisch-Süddeutsch« Klassen- lotteri«. Die Erneuerung der Lose zur dritten Klasse muß planmäßig spätestens btd zum 10. De­zember 18 Uhr bei Verlust des Anrechts in der zuständigen Lotterie-Einnahm« erfolgen.

* Fundsachen-Derzelchnis. DaS tpo* liaeiamt teilt mit: Das Verzeichnis über die im Monat November gefundenen bzw. abgelieferten Gegenstände kann an der Anschlagtafel im Flur des Polizeiamts. Landgraf-Philipp-Platz 1, ein­gesehen werden. Die Empfangsberechtigten wer­den aufgefordert, ihre etwaigen Rechte inner­halb zwÄ Monaten beim Pfundbureau während der Dienststunden geltend zu machen.

** Das Orgelkonzert Günther Ra­min verfchoben. Vom Konzertverein wird uns geschrieben: Das für den 11. Dezember vorgesehene Orgelkonzert in der Stadtkirche, zu dem der zur Zeil Wohl bedeutendste Organist. Herr Günther Ramin von der Leipziger St. Thomaskirche verpflichtet worden ist. muh leider verschoben werden, da eine notwendig gewor­dene eingreifende Reparatur der Orgel bis zu diesem Termin nicht fertiggestellt werden kann. Der Künstler hat freundlicherweise seine Zusage auch für einen späteren Termin aufrechterhalten. Der Tag. an dem das Konzert nunmehr statt­finden wird, kann noch nicht bestimmt werden. Der Zeitpunkt wird aber so rechtzeitig bekannt­gegeben werden, daß alle MusikfreuiHe, die dem Konzert mit Spannung und Freude entgegen­sehen. sich möglichst lange vorher den Termin festlegen und freihalten können. (Räheres in der Anzeige vom Samstag.)

** Die DeutscheDemokratische Partei In Gießen hielt, wie man uns berichtet, im Aquarium" eine außerordentliche Generalversamm­lung ab, in der nach einem Rückblick des Vorsitzen­den, Stadtschulrats Fischer, auf die Entwicklung der Deutschen Demokratischen Partei und ihr Wir­ken auf einmütigen Beschluß, den Beispielen in an­deren Städten folgend, die Auflösung des Ortsoer. eins Gießen der Deutschen Demokratischen Partei und die Gründung einer Ortsgruppe der Deutschen Staatspartei beschlossen wurde. Die Mitglieder der bisherigen Ortsgruppe und deren Vermögen wur­den der neugeschaffenen Organisation zugeführt. Der Vorstand der seitherigen DDP. führt vorläufig die Geschäfte weiter, nur wurde einstimmig der Berufs­schullehrer S t e i n m a n n zum Vorsitzenden ge­wählt; die Wohl der übrigen Vorstandsmitglieder soll in einer im Januar stattfindenden Versamm­lung der Deutschen Staatspartei erfolgen, damit außer den gegenwärtigen auch noch neuhinzutre- tende Mitglieder ihren Einfluß bei der Wahl geltend machen können. Im weiteren Verlaufe der Ver­sammlung sprach der hessische ßanbiagsabgeorbnete Neider. Der ©runbgebante ber Schaffung einer neuen Partei sei bie Zusammenfassung bes Bürger­tums, bas aus ber Enge heraus zu großen Zusam­menfassungen streben müsse. Eingehend behandelte der Redner auch die Stellung der Partei zur Außen- und insbesondere zur Wirtschaftspolitik. Die alten Parteibegriffe links und rechts feien längst durch andere Dinge überholt. Fragen bas Kapitals, ber Banken, Börse usw. werben von großen Wäh­lerschichten gleich beurteilt. Die Staatspartei stehe nicht links und nicht rechts, sie stehe hinter dem heutigen Staate. Sie kämpfe für die Erhaltung einer großen Mittelschicht. Man komme heute mit der ein« fachen Formel, daß man zum Privatbesitz stehe, nicht mehr durch. Der Kampf ber Staatspartei gehe um die Idee der Demokratie, die politisch Mündigen würdig sei. Unter Schilderung bes Parteitages in Hannover fanden Wege und Ziele der Staatsvartei eingehende Würdigung. Dem Referat schloß sich eine rege Aussprache an.

' Kaufmännischer Verein und OrtSgewerbeverein. In ber Reuen Aulä fand dieser Tag» wieder ein Vortragsabend des Kaufmännischen Vereins und Ortsgewerbe«- Vereins statt, der sehr gut besucht war. Herr E. Mühlbach (Hamburg) sprach über daS ThemaGllück und Tragik der Vererbung". Der Redner ging aus von den Mendekschen Experimenten an Pflanzen um die Mitte des vorigen IahrhundertS und erklärte die grunb» sähliche Bedeutung der von Mendel ausgestellten Sätze, die in der Folge von den Forschern Czer- inak, Correnz, de Fries übernommen, erweitert und vertieft wurden. An Hand von einfachen Darstellungen an der Tafel wies der Redner die bestimmte Gesetz- und Regelmäßigkeit in ber Vererbung von Eigenschaften (der Farbe, ber Form, der Art) an einigen Pflanzenarten nach, mit denen besonders charakteristische KreuzungS- versuche unternommen wurden, die, dabei doch zu sog.reine Linien" führten. Gr^ging zugleich auch auf die wirtschaftliche Bedeutung pflanzen­züchterischer Erfolge ein und erinnerte besonders an den Versuch eines amerikanischen Farmers, dem es gelang, kernlose Pflaumen zu züchten. Die Regelmäßigkeit der Vererbungserscheinun- gen in direkter und indirekter Form übertrug der Vortragende auf Tiere, verwies auf typische Beispiele der Kreuzung von Boxer und Setter und dem mit den besten Eigenschaften ausgestai- teten Dobermann als Ergebnis. Schließlich ging der Vortragende auf die vererbten Kräfte im Menschen ein, wies nach, daß sich auch hier die Gesetzmäßigkeit im Grunde In der gleichen Art wie bei pflanzlichen und tierischen Existenzen ver­folgen läßt. Er belegte diese Tatsache an Hand von Stammbäumen der 5ami'J;cn Darwin und Bach, in denen die Vererbung bestimmter guter Eigenschaften nachzuweisen ist. und stellte dem einen Alkoholiker und feinen Einfluß auf die geistige Beschaffenheit feiner Rachkommen gegen­über. Zum Schluß seines Vortrages wies der Redner daraus hin, daß schlechte Eigenschaften durch Milieu und Lebensweise in ihrer Wirkung abgeschwächt oder aber verstärkt würden, daß es aber in die Hand des Menschen gegeben sei. di« Werte seiner Rachkommenschaft zu bestimmen, so­fern er nach den Erkenntnissen der Vererbungs­wissenschaft sein Handeln bemess«. Dem Redner wurde lebhafter Beifall gezollt.

SriefTaften Oer Heöaftion.

iRcchlsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftleitung )

Grünberg. Gesetzliche Voraussetzung für Pen- sionsgcwährung durch die Fürsorgekasse der Hessi­schen Gemeinbebeamten ist Vollendung bes 65. Le­bensjahres, ober Dienstunfähigkeit infolge Dienstun­falls ober Dienftertrantung. Neben dieser gesetzlichen Voraussetzung muß eine Wartezeit von 10 Jahren erfüllt sein, bic bei Bürgermeistern auf 6 Jahre her­abgesetzt werben kann. Obige gesetzlichen Voraus­setzungen müssen aber immer erfüllt sein. Ein Bür­germeister, ber nicht wiedergewählt wirb und nicht 65 Jahre alt ist, hat keinen Pensionsanspruch. Der zu zahlende Beitrag an die Kasse beträgt 16 Prozent bes Einkommens. Ist ber bort zu wäh- lertbc Bürgermeister bisher nicht Mitglieb bleser Pensionskasse gewesen unb erhebt er Anspruch auf Anrechnung früherer Dienstjahre, so sinb für bie an- zurechnenben Dienstjahre bie Beiträge von der Ge­meinde nachzuzahlen. Diese Nachzahlung beträgt z. B. bei einem Diensteinkommen von 300 Mart monatlich und bei 10 Dienstjahren zirka 6000 Mark.