Nr 262 Erstes Blatt
180. Jahrgang
Samstag, 8 November 1950
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Dr Fnedr Wilh Lange. Verantwortlich für Politik Dr Fr Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumfchein und für den Anzeigenteil Max Filter, fämtlid) in (Biegen
Brünings Start.
Reichskanzler Dr Brüning hat mit feiner großen Rede im Reichsrat zweifellos einen weitaus groß ren psychologischen und sachlichen Erfolg gehabt, als mit dem Verlesen der Regierungserklärung in der Eröffnungssitzung des Reichstags Damals war jedes Wort abgeftellt auf den taktischen Grundsatz des geringsten Widerstandes. Es mußte dem Lia- binett, das sich lediglich an den-Auftrag des Reichs Präsidenten, nicht aber an irgendwelche Parteienkoalition gebunden fühlte, nur daraus ankommen, überhaupt einmal die Möglichkeit zu erhalten, die Gesetzentwürfe, die fein Sanierungsprogramm untermauern sollen, den parlamentarischen Körperschaften vorzulegen. Das ist gelungen, einmal dank her vorsichtigen Taktik des Reichskanzlers, zum andern dank der Haltung der sozialdemokratischen Fraktion, die von zwei Uebeln das nach ihrer Ansicht kleinere wählte und dem Kabinett Brüning in den Sattel half. So wurde es der Regierung ermöglicht, dem Reichsrat schon in dieser Woche den Reichshaushaltsooranschlag für 1931 und die Gesetzentwürfe vorzulegen, die in ihrer Gesamtheit dazu dienen sollen, den Reichsetat ohne neue Steuerbelastungen — die Erhöhung des Tabakzolls macht eine Ausnahme — durch energische Sparmaßnahmen, Ausgabensenkungen und Abstriche an den Ressortetats auszugleichen. Der Reichskanzler hatte die Begründung der Vorlagen im einzelnen den zuständigen Ressortministern Dietrich und Stegerwald überlassen und sich selber darauf beschränkt, Zweck und Ziel des Sanierungswerks zu erläutern und die große Linie der deutschen Ge- samtpolitik anzudeuten, in der die vorgeschlagenen Reformen eine wichtige Etappe, aber eben doch nur eine Etappe zu bilden berufen sind. Das ist psychologisch von großer Bedeutung und wird gewiß auch nicht im Volke ohne Wirkung bleiben. Denn, wenn schon einmal von der großen Masse der Staatsbürger so große Opfer verlangt werden, wie es hier geschieht, so wollen die davon Betroffenen zumindest wissen, wofür sie Opfer bringen sollen, um welch letztes Ziel es geht. Diese Heraus- stellung der großen Zusammenhänge ist dem Reichskanzler in erfreulichem Maße gelungen. Unterstützt wurde dieses Bestreben schon durch das Interview, das er am Vortage dem Berliner Vertreter des „Petit Parisien", der größten französischen Tages- zeitung, gewährte und in dem er, an die Adresse des Auslandes gewandt, als letztes Ziel deutscher Außenpolitik die Wiedererlangung der vollen Souveränität und wirtschaftlichen Freiheit durch friedliche Revision verkündete. Und in seiner großen Rede vor dem Reichsrat hat er, sich diesmal an das eigene Volk wendend, die Durchführung des geplanten Sanierungswerks als Mittel und Voraussetzung für eine solche neue aktive Außenpolitik gekennzeichnet.
Es mag nun manchem fraglich erscheinen, ob wir vor einer neuerlichen Ueberprüfung der Reparationsfrage und vor Revision einer Reihe politischer, unsere wirtschaftliche Bewegungsfreiheit aufs stärkste einengenber Bestimmungen des Versailler Diktats — erinnert fei nur an das Saargebiet, den polnischen Korridor^ die willkürliche Zerreißung des oberfchle- sifchen Wirtschaftsgebiets — überhaupt zu einer endgültigen Sanierung unserer Reichsfinanzen und Ordnung unserer Wirtschaft zu kommen vermögen. Der Streit über die Reihenfolge ist indessen müßig angesichts der bedauerlichen Tatsache, daß gegenwärtig wenigstens in keinem der Länder, auf die es ankommt, trotz allen Reoisionsgeredes die Bereitwilligkeit besteht, in eine ernsthafte Revisionsdebatte einzutreten. Richt einmal Italien, wo der Duce aus durchsichtigen Gründen mit besonderer Verve für eine allgemeine Revision die Trommel rührt, wäre bereit, auch nur einen Pfennig seiner Reparationsforderungen zu streichen — von Gebiets- konzessionen oder kulturpolitischen Zugeständnissen in Südtirol ganz zu schweigen —, wenn ihm selber nicht im gleichen Ausmaße Streichung seiner eigenen Kriegsschulden an England und A m erika gewährt würde. Aber diese beiden sind natürlich auf diesem Ohr besonders harthörig in einem Jahr stärkster Wirtschaftskrisis und stärkster Anspannung ihrer eigenen Staatsfinanzen, wo Erlaß oder auch nur Ermäßigung der Kriegsschulden beträchtliche Steuererhöhungen für das eigene Volk bedeuten würden. Das können sich weder die nur noch auf schwachen Füßen stehende Minderheits- regterung Macdonalds in England noch der Präsident Hoover in Amerika nach dem für die republikanische Partei recht kläglichen Ausgang der Kongreßwahlen leisten. Die Zeit ist eben noch nicht reif für die Erkenntnis der engen Verbundenheit von Reparationen, Kriegsschulden und Weltwirt- schaftskrisis. Die harten Tatsachen müßen dafür erst den Boden bereiten, unterstützt von einer so geschickten und unaufdringlichen Propaganda, wie sie jetzt gerade der ehemalige Reichsbankpräsident Dr. S ch acht für den Reoisionsgedanken in Amerika durchführt.
Aber es wäre gewiß falsch, wollten wir nun fatalistisch die Hände in den Schoß legen und auf den Augenblick warten, wo unsere Gläubiger uns eine Ueberprüfung der Reparationsfrage anbieten. Wir müssen für diesen Augenblick gerüstet sein und nicht nur dafür. Die Gestaltung der weltpolitischen Lage — der Reichskanzler hat auch dieses angedeutet — kann Deutschland vielleicht in näherer Zeit, als wir es heute ahnen, vor Entschlüsse stellen, die für unsere Zukunft schlechthin entscheidend sein können. Mag man den Revisionsfeldzug Heroäs im Hinblick auf die Persönlichkeit seines Urhebers wie auf die innerpolitischen Verhältnisse Frankreichs auch noch so skeptisch beurteilen, in einem Punkt hat der Pariser Publizist gewiß nicht ganz unrecht Die politische Konstellation, die 1919 das Versailler Diktat ermöglichte und Frankreich als Siegespreis für seine ungeheuren Anstrengungen im Weltkrieg die Hege-
Oie Arbeit im Reichsrat schreitet schnell fort.
0ie Begrenzung der Ausgabm.
Tie Festlegung der Etats für Reich, Länder und (Gemeinden
Berlin, 7. Nov. (BDZ.) Die Bereinigten Ausschüsse des Reich/rateö traten heute in die Beratung des Gesetzentwurfes über die Aus- gabenbegrenzung in den Haushalten des Reiches, der Länder und Gemeinden ein. Rach dem Gesetz darf die Summe der Ausgabenansätze der Reichshaushaltspläne für die Rechnungsjahre 1932 und 1933 in jedem die cr Jahre die Summe nicht überschreiten, die im Reichshaushaltsplan für das Rechnungsjahr 1931 für Ausgaben eingestellt worden ist. Dies gilt entsprechend für die Haushaltspläne der Länder und Gemeinden. Erhöhen sich in den Rechnungsjahren 1932 und 1933 die Einnahmen des Reiches oder in einem Lande gegenüber den im Haushalt des Jahres 1931 eingestellten Beträgen, so sind d i e aufkommenden Mehrbeträge zur Steuersenkung zu verwenden, soweit sie nicht nach gesetzlicher Borschrift zur B e r - Minderung des Anleihebedarfes oder zur Schuldentilgung zu verwenden sind. Das Ausgabenbegrenzungsgeseh wurde in erster Lesung erledigt. Die verschiedenen hierbei geäußerten Wünsche und Bedenken wurden bei der zweiten Lesung weiter erörtert. Es handelt sich dabei besonders um die Gemeinden. Man hat heute bereits versucht. Formulierungen dafür zu finden, welche den Schwierigkeiten begegnen, die bei einer Festlegung der Gemeindeetats für mehrere Jahre bestehen.
Der Ausschuß erledigte ferner die Novelle zum Einkommensteuergesetz. Es handelt sich um die Weitererhebung der Ledigensteuer, des fünfprozentigen Zuschlages zur veranlagten Einkommensteuer und der Aufsichtsratssteuer, die aus sechs Prozent des Gesamteinkommens festgesetzt wird. Die Meldung, daß Beamte, die zur Einkommensteuer veranlagt werden, also mehr als 8 0 0 0 Mk. Jahreseinkommen haben, wegen der Gehaltskürzungen künftighin von dem fünfprozentigen Einiommensteuer- zuschlag befreit sein sollen, entsprechen nicht den Tatsachen. Die Novelle zum Einkommensteuergesetz, die im wesentlichen unverändert angenommen wurde, wurde von den Ausschüssen auch sogleich in zweiter Lesung erledigt.
DiepreissenluMürLebensmitlel
Tie Vertreter des Deutschen LtädtetageS beim ReichsernährungSminister
Berlin, 7. Nov. (TU.) Amtlich. Reichsernäh- rungsminifter Dr. h. c. S d) i e I e empfing am Freitag den Präsidenten des Deutschen Städtetages, Mulert, sowie die Oberbürgermeister Adenauer -Köln, B l ü h e r -Dresden, Brauer- Altona, Lohmeyer -Königsberg, Luppe -Nürnberg und Scharnagel-München, um mit ihnen die geplanten Maßnahmen auf dem Gebiete der Preissenkung für Lebensrnittel zu besprechen. Der Minister berichtete über den Stand der Verhandlungen und legte die Gründe und Ziele der Preissenkungsaktion im einzelnen dar. Unter Hinweis auf die allgemeine Wirtschaftslage und die zur Zeit bestehenden, zum Teil noch überhöhten Spannen zwischen Erzeuger und Derbrau- cherpreisen richtete der Minister an die Ver
treter des Städtetages die Bitte, mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln die Bestrebungen der Reichsregierung auf Preissenkung zu unterstützen. Nur durch ein gemeinsames und planmäßiges Vorgehen im ganzen Reiche könne das angestrebte Ziel erreicht werden. Die Vertreter des Städtetages betonten ihrerseits, daß auch sie eine teilweise erhebliche Senkung der Handelsspannen bei Lebensmitteln, insbesondere bei Brot, Fleisch und Kartoffeln für möglich hielten. Eine derartige Preissenkung sei überdies unbedingt notwendig, nicht nur mit Rücksicht auf die bereits durchgeführten und noch bevorstehenden Lohn- und Gehaltskürzungen, sondern auch im Interesse der großen Anzahl von Erwerbslosen, die auf eine Unterstützung durch dieWohlfahrtsämter angewiesen seien. Sie begrüßten das Vorgehen der Re.chsregierung auf dem Gebiete der Preissenkung und versprachen die von ihr geplanten Maßnahmen auf der ganzen Linie mit Nachdruck zu unterstützen.
Wünsche der Haussramnvereine
Berlin, 7. Nov. (Wolff.) Der Reichsv er» band der deutschen H a u s s r a u e n v e r- eine hat in seiner gestrigen Gesamtvorstands' sihung Resolutionen gefaßt, die sich mit der Preissenkungsaktion befassen. Der
Berlin, 7. Nov. (WTD.) In einer Der- trauensmännerversammlung der Berliner Zentrumspartei führte Reicysarbeitsminister Dr. Stegerwald zur Arbeitslos en frage u. a. aus:
Die Ursachen der gegenwärtigen Weltwirt- schaftskrisis sind klar erkennbar. Die Erzeugung s la p a z i t ä t ist in den anderthalb Jahrzehnten sehr viel stärker gewachsen als Der Verbrauch zu folgen vermocht hat. Die europäischen Staaten, die nicht am Kriege beteiligt waren, brauchen weniger Steuern zu erheben als die anderen. Der Krieg hat Europa ein Dutzend neuer Staaten gebracht mit 1 1 000 Kilometer neuer Zollgrenzen. Schließlich können wir beobachten, wie mit Ausnahme von England und Deutschland alle Staaten Europas, die am Kriege beteiligt waren, geringwertige B a l u t e n auszuweilen haben. Das hat zur Folge, daß in diesen Ländern die Lebens- h a l t u ng sehr viel billiger ist als in Deutschland. Rußland und große Teile des fernen Ostens mit zusammen 600 bis 700 Millionen Einwohnern befinden sich in ständigen politischen Gärungen. In Asien wohnt allein rund die Hälfte der Bevölkerung der Welt. Dieses gewaltige Absatzgebiet befindet sich durch die ständigen politischen Gärungen in ständiger Stagnation. Auch auf dem industriellen Rohstoffmarkt ist in den letzten Jahren ein Preiszusammenbruch ohnegleichen erfolgt. Kriegs- und Reparationsregelung haben bewirkt, daß ein Land in Geld schwimmt und das andere mit K a P i t a l k n a p p h e i t zu kämpfen hat.
Deutschland ist ein überbevölkertes Land; wir beftnden uns heute wieder in derselben Lage, die Caprivi anfangs der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts dahin formuliert hat: „Wir müssen Menschen oder Warenaus-
Reichsverband deutscher Hausfrauenvercine ersucht deshalb die Reichsregierung, insbesondere das Reichswirtschafts- und das ReichsemährungS- miniftcrium, unverzüglich in eine Ueberprü- fung der Preisspannen zwischer Erzeuger- und Ladenpreisen für die wichtigsten Lebensmittel einzutreten, unter Hinzuziehung al er zuständigen Wirtschaftstreife einsustießlich der Berbraucher, insbesondere der Berufsorganisation des Reichsverbandes deutscher Haussrauenvereine. In Berfolg der Herabsetzung der Kohlenpreise erwartet der Reichsverband, daß die vom Reichswirtschaftsminister angeregte H e r- absehung der Tarife für Gas, Elektrizität und Wasser verwirklicht wird. In einer weiteren Entschließung nimmt der Reichsverband deutscher Hausfrauenvereine Stellung zu den preußischen Borschlägen zur Steuerung der Arbeitslosigkeit, und befaßt sich u. a. mit der Verlängerung der Schulpflicht. Diese Verlängerung wird von den Hausfrauen begrüßt. Man erwarte, daß das neunte Schuljahr eine wertvolle Vorbereitung für den künftigen Lebensberuf werde. Der Reichsverband verweist auf seine früheren Forderungen, für alle aus der Volksschule entlassenen Mädchen ein haus- wirtschaftliches Pflichtjahr als erstes Jahr der Berufsschule zu schaffen.
führe n." Sowohl der Waren- wie der Men- schenausfuhr stehen große Hemmungen entgegen. Die Arbeitslosenfrage berührt auch in einer anderen Hinsicht den Lebensnerv des deutschen Volkes. Bisher zählt dieses noch zu den fleißigsten Völkern der Welt. Wenn dieser Fleiß durch langandauernde Maffenarbcitslofig- keit von der Jugend her angefressen wird, dann bedeutet dies den Anfang vom Ende des deutschen Volkes in der Welt. Man sagt, das Regierungsprogramm sei unsozial. Wenn die Gesamtsanierung von Staat und Wirtschaft in Deutschland gelingt, wenn in absehbarer Zeit wieder eine Million Arbeitslose mehr in den Produktionsprozeß eingegliedert werden können, dann ist das die größte soziale Tat, die gegenwärtig die Regierung zu vollbringen in der Lage ist. Im ganzen ist die General- aufgabe, vor der wir stehen, die Wiederherstellung des Vertrauens zu Staat und Wirtschaft durch Jnordnungbringung der Finanzen der öffentlichen Hand in Reich, Ländern und Gemeinden, durch vernünftige wirtschaftliche Regelung der Reparationsfrage, durch Rentabelgestaltung der Landwirtschaft, durch Senkung der Gestehungskosten in der deutschen Wirtschaft, Arbeitsbeschaffung, eventuell vorübergehende Arbeitsstreckung und Fürsorge für die Menschen, die arbeiten wollen und nicht arbeiten können. Deutschland hat in den letzten Jahrzehnten schon Schwereres durchgemacht als gegenwärtig. Die Kriegsjahre 1917/18 und die Jn- flationsjahre 1922/23 haben dem deutschen Volke Opfer auferlegt, die nur wenige andere Völker der Welt zu überstehen vermocht hätten, älnd auch über die jetzige Situation kommen wir hinweg, wenn wir wollen, und ich bin der festen äleberzeugung, daß das deutsche Volk in seiner Mehrheit will.
MeilSIoslgleiialsAiisfliißdttMlwirlschMnsis
Neichsarbeitsminister ©r. Gtegerwald über dieZiele des Sanierungsprogramms
monie in Europa in den Schoß legte, ist bereits bedenklich ms Rutschen gekommen. Frankreich fühlt sich isoliert. Nur die östlichen Vasallenstaaten, die Tschechoslowakei, Polen und Jugoslawien, fühlen sich noch durch gemeinsam begangenes Unrecht an Frankreich gebunden, dessen Geld ihnen erlaubt, Rüstungen zu unterhalten, die zu ihren wahren Bedürfnissen und namentlich zu ihrer eigenen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit in keinem Verhältnis sichen. Aber alle drei haben auch in ihren unverdauten Minderheiten und in dem auch durch Dikta- turregierungen ungelösten Konflikt zwischen schärfstem Zentralisationswillen des sog. Staatsoolks und den Autonomiebestrebungen der andern Dolksteile (Ukrainer in Polen, Slowaken in der Tschechoslowakei, Kroaten in Jugoslawien) außerordentliche innerpolitische Schwierigkeiten, dazu wenigstens Polen in Räterußland und Jugoslawien in Italien starken Flankendruck von außen. Diesen in ihrem inneren Wert geschwächten Bundesgenossen Frankreichs vermag der Gegenpol Italien einen neuen Balkanbund entgcgenzustellen. Und England wie Amerika, die Verbündeten von Versailles, die sich in dem Londoner Flottenabkommen der drei großen Seemächte über die Abrüstung zur See geeinigt haben, drücken, für deutsche Wünlche zwar immer noch zu zaghaft, für Frankreich aber doch mit einer bald peinlich empfundenen Hartnäckigkeit aus Rüstungsbeschränkungen auch zu Lande. Namentlich England hat keinen Zweifel darüber gelaßen, daß es weitergehende Sicherheitsforderungen Frankreichs, hinter denen man sich in Paris zu verschanzen pflegt, wenn das immer noch nicht eingelöste Abrüstungsoersprechen des Versailler Vertrags zur Sprache kommt, nicht unterstützen werde. Amerika will natürlich sein im Weltkrieg geliehenes Geld zurückerhalten, aber auch sein in der Nachkriegszeit in Europa investiertes Kapital nicht durch neue Kriege gefährden, nut denen das europäische Wettrüsten beinahe zwangsläufig endigen
müßte. Die allen gemeinsame Angst vor dem russischen Bolschewismus hindert wohl vorläufig noch ein schärferes Zutagetreten der Gegensätze.
Dieser Situation sieht sich Deutschland mit seiner Revisionsforderung gegenüber. Die Lage ist nicht unähnlich der des Jahres 1924. Der Weg zur Daweskonferenz konnte erst beschritten werden nach Beseitigung der Inflation und Sanierung der Staatssinanzen. Erst dann, nach ungeheuren materiellen und moralischen Opfern des deutschen Volkes, erhielt Deutschland die Bewegungsfreiheit, um mit einiger Aussicht auf Erfolg auf eine Neuordnung der Reparationen hinzuwirken. Daß es damals noch nicht auf den ersten Anhieb gelang, die Kriegslasten auf ein für unsere Wirtschaft erträgliches Maß heradzuschrauben, ist kein schlüssiger Beweis dagegen, daß wir heute erneut vor der Aufgabe stehen, Ordnuna im eigenen Hause zu schaffen, wenig- stens soweit es in unserer Macht liegt. Der Fehler der Jahre 1928 29, wo wir voreilig und ohne finanziell gerüstet zu sein, in erneute Revi- sionsverhandlungen eintraten, um binnen kurzem sehen zu müssen, daß ein paar Pariser Börsenmanöver aus dem Hinterhalt unsere Unterhändler auf der Poungkonferenz in heikelste Situationen brachten. Die Wahl des falschen Zeitpunktes und die unzulängliche finanzpolitische Vorbereitung haben zumindest sehr wesentlich dazu beigetragen, daß, abgesehen von dem nicht hoch genug zu bewertenden politischen Erfolg der vorzeitigen Rheinlandräumung, der „Neue Plan" im Haag mit seiner Neuregelung der Reparationsfrage für Deutschland so unbefriedigend ausfiel und sich jetzt im Zeichen schwersten Konjunkturzusammenbruchs geradezu ge - gen uns kehrt. War der Poungplan zur Zett feiner Annahme gegenüber dem Dawesabkommen gewiß das kleinere Uebel, so sehen wir jetzt, wie sich aus den verminderten Schutzbestimmungen unter veränderten weltwirtschaftlichen Verhältnissen bei sinkenden Rohstoffpreifen und steigendem Geldwert
Gefahren ergeben, auf deren Beseitigung wir mit allen Mitteln hinarbeiten müssen. Der erste Schritt dazu soll die schnelle und energische Durchführung des inneren Sanierungswerks sein. Ist sein Zweck und Ziel Sicherung unserer außenpolitischen Handlungsfreiheit, dann und nur dann rechtfertigen sich die ungeheuren Opfer, die bas Resormprogramm der Reichsregierung von breitesten Schichten des deutschen Voltes fordert.
Es ist gut, daß der Reichskanzler diese Gcdankengänge in wenigen kurzen Sätzen zwar nur, aber mit besonderer Betonung deutlich herausgestellt hat und dabei noch die Notwendigkeit hervorhob, durch schnelles und entschiedenes 5) an- dein, mit der Resignation und Müdigkeit, die durch unsere Wirtschaft geht, aufzuräumen. Das geschieht am besten, wenn die deutsche Wirtschaft und das kreditgewährende Ausland das Vertrauen zu Regierung und gesetzgebenden Körperschaften wiedergewinnt, daß schnelle und durchdachte Arbeit geleistet wird und aus begreiflicher Scheu vor der Verantwortung für unpopuläre Maßnahmen nicht lieber bas alte Spiel bes wochenlangen Hin- und Herzerrens zwischen Kabinett unb Parteien beginnt, bas schließlich mit irgenbwelchen unzulänglichen Kompromißen enbet unb bas schlechtoerstanbene parlamentarische System in Deutschlanb in den Ruf gebracht hat, ber überhaupt erst bie Protestwahlen bes 14. September möglich machte. Brünings Star tim Rei chsrat war gut. Mit großer Schneidigkeit verlangte ber Reichskanzler bie Er- lebigung ber Gesetzesvorlagen binnen 14 Tagen unb feinem entwichenen Auftreten ist es gewiß nicht zuletzt zu oerbanten, baß bie Arbeiten in ben Reichs- ratsausfchüffen so flott vorangehen, baß man bamit rechnen kann, baß bie Vorlagen pünktlich b e m Reichstag zugehen werben. Der Reichskanzler scheint ben (Bebanfen abgelehnt zu haben, bas Reformprogramm mit Hilfe bes Artikels 48 burch- zusetzen. Er will ben Reichstag nicht ohne Not aus


