Rauferei um den Sarg.
Don unserem römischen ^.-Korrespondenten.
Rom, 24. August.
Die Italiener sind feinfühlige Leut«. Sie machen aus den Leichen kein Fett, wie die deutschen Barbaren im Kriege, sondern nur quattrim. Das heißt Geld. Ein einträgliches Geschäft, nach dem Konkurrenzkampf zu schließen, der schon an der Schwelle des Krankenhauses einsetzt, das Telephon neben dem Sterbelager in Bewegung hält, die Leidtragenden auf der Straße überfällt und zu wüsten Raufereien um den Sarg führt.
Don Zeit, zu Zeit regt sich die Oeffentlichkeit darüber auf, die Zeitungen schreiben recht böse über die „Aasgeier" und sogar die Polizei wird manchmal aufgeboten, damit der Tote wenigstens seine Ruhe habe, so lange er nicht unter der Erde ist.
Aber das nützt wenig, denn der llnterneh- mungen, die Leichengeschäfte „tätigen", sind viele. Das hängt mit der Sitte zusammen, das ganze Drum und Dran, das mit einem Sterbefall verbunden ist, angefangen von der Traueranzeige bis zur Grabpflege, nicht selber zu erledigen, sondern damit eine Firma zu beauftragen, die „pompe funebri“, die keine Brüderschaft, sondern nüchterne Händler sind. Ihre Agenten streifen um jedes Krankenlager herum, in Scharen sieht man sie vor den Hospitalen und Kliniken warten, nicht anders als die Raben, bis ein Mensch den letzten Atemzug getan hat. In diesem Augenblick, gewöhnlich sogar schon vorher, stürzen sie von allen Seiten auf die Hinterbliebenen ein, um ihre guten Dienste anzubieten. Sie haben um so mehr Glück,
je tiefer der Schmer» ihre Opfer niederdrückt, und nur zu oft vergeben die Unglücklichen ihren Auftrag an die frechsten Aasvögel, bloß um sie endlich los zu werden.
Das wissen die natürlich genau und raufen sich daher untereinander bis aufs Blut um die Deute.
Richt selten kommt es vor der Bahre zu solchen Szenen. Durchaus alltäglich ist der Fall, daß ein Sargagent sich wie ein guter Freund des Hauses unter die Leidtragenden mischt und infolgedessen nicht gleich durchschaut wird, worauf er, geknickt vor Schmerz, erstens sein tiefgefühltes Beileid ausdrückt und zweitens eine jeder Konkurrenz überlegene Bestattung, vom einfachsten bis zum elegantesten Genre, in allen Preislagen offeriert.
In D i t t o r i a, auf der etwas hitzigen Insel Sizilien, kam es bei einer solchen Vorstellung gestern zum Krach, der einen drama- matischen, man könnte sogar sagen: tragischen Ausgang nahm. Der andere Sargagent regte sich nämlich über die Ausnahmeofferte seines Rivalen auf, da sie die üblichen Preise unterbiete, sprach auf sizilianische Weise von Schmutz- konkurrenz und schon lag ein zweiter Toter da. Man bettete ihn, Sargfabrikant Rümmer 1, in den so schwungvoll beschriebenen, mit allem Komfort ausgestatteten Sarg eigener Marke, und Sargfabrikant 2, auch nicht schlecht „zugerichtet", trat, in Begleitung von Carabinieri, theatralisch ab.
lind wenn nun Blutrache zwischen den beiden Familien besteht, so darf jede Firma mit einem befriedigenden Absatz ihrer la-Produkte rechnen.
Merwehr-DoppeljubiläM in Gießen.
75 Zähre Freiwillige Gail'sche Feuerwehr und Gießener Freiwillige Feuerwehr.
Begleitet von der herzlichen Sympathie der gesamten Bürgerschaft begingen die Freiwillige Gailsche Feuerwehr und die Gießener Freiwillige Feuerwehr am Samstagabend und am gestrigen Sonntag, die Feier ihres 75jährigen Bestehens. Auf Anordnung des Oberbürgermeisters Dr. Keller waren, als sichtbares Zeichen des Dankes der Stadt an die beiden Wehren, die städtischen Dienstgebäude mit den Reichs- und Laudesflaggen geschmückt, von der gleichen dankbaren Gesinnung geleitet hatten auch viele Mitbürger in allen Stadtteilen ihre Häuser und Wohnungen beflaggt.
Am Samstagabend bewegte sich vom Landgraf-Philipp-Platz aus ein
Fackelzug der Wehren
in langer Marschlinie durch das Rordostviertel. dann durch die Hauptstraßen der Innenstadt, hierauf über die Reuenbäue, Gartenstraße, Lud- wigsplah, Kaiserallce hinauf zur Liebigshöhe. Heberall wurde der von flotter Marschmusik begleitete Zug von einer großen Menschenmenge freundlich begrüßt.
Rach diesem Auftakt blldete ein sehr stark besuchter
Festkommers
im Saale der Liebigshöhe den Höhepunkt der Iubiläumsfcier. Mit den Mitgliedern der beiden Wehren hatten sich zahlreiche Ehrengäste aus unserer Stadt und viele Feuerwehrgäste aus allen Teilen Hessens und aus den benachbarten preußischen Kreisen zu der festlich-frohen und in ihrem Verlauf doch schlichten Feier vereinigt.
' Stadtbranddirektor Braubach, der verdienstvolle und um die Schlagferttgkeit unseres gesamten Feuerwehrwesens stets eifrig bemühte oberste
Helene Chlodwigs
Schuld und Sühne.
Roman von 3- Schneider-Foerstl.
Llrheber-Rechtschuy durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
Er zeigte nach der Schlucht, deren Eingang von einem kleinen Wäldchen verdeckt war. Haschte nach ihrer Hand und war glücklich, als sie ihm die überließ. „Was Sie für weiche Pfoterl'n hab'n, Fräul'n Martha. Ich mein, die könnten gar nicht kratzen."
„Da täuschen Sie sich aberl" Das Lachen der jungen Stimme hallte durch die Stille. — Brach plötzlich ab und wurde zu einem leisen, angstvollen Geflüster. „Haben Sie nichts gehört, Ma- mert?“
2hre beiden Gesichter bohrten sich in das Dunkel und lauschten mit angehaltenem Atem.
„Kommen Sie, Mamertl Ich fürchte mich so entsetzlich. — Horchen Sie doch!" Die Hand des Mädchens riß den Mann auf und zerrte ihn nach dem Hause.
Sie stolperten über die Schwelle und hörten in der Ferne nochmals denselben hellen, schmerzgesättigten Schrei, der sich drüben an den Felswänden brach.
Dann störte nichts mehr den Frieden dieser Rächt.
Dereits eine halbe Stunde vor acht Uhr trieb stch Dr. Franke in der Rähe der Billa von Helene Chlodwig in Alt-Harlaching herum und spähte immer wieder, ob nicht ein Wagen oder sonst etwas Verdächtiges durch die Toreinfahrt kam. Die Hand, welche gestern abend die Gardinen in Rottach-Derghof übereinandergeschlagen hatte, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder suchte er herauszubringen, ob Helene auch wirklich nicht auf dem Gute gewesen war oder sich nur hatte verleugnen lassen.
Fünf Minuten vor zehn Uhr schellte er am Haupteingang und wurde sofort vorgelassen. „Die Frau Kammersängerin wäre noch bei der Toilette, der Herr Doktor möchten inzwischen eintreten."
Also doch! Gr atmete auf. Demgemäß konnte sie nicht in Rottach-Derghof gewesen sein, wenn sie jetzt schon in Harlaching war. Zu den Frühaufstehern gehörte sie nicht. Zudem pendelte er schon seit zweieinhalb Stunden vor der Villa auf und ab, so daß ihm ihr Kommen nicht hätte entgehen können.
Etwas später öffnete sich die Türe des Empfangszimmers und klappte sofort wieder ins
Kommandant, konnte in seiner Begrüßungsansprache eine große Zahl von Ehrengästen willkommen heißen. 11. o. waren zugegen Provinzialdirektor Graes, Oberbürgermeister Dr. Keller, Beigeordneter Dr. Hamm, Dr. Gail, eine Anzahl Stadtratsmitglieder, Se. Magnifizenz der Rektor der Landesuniversität Prof. Dr. Eger, Landgerichtsdirektor Cramer als Vertreter des Landgerichtspräsidenten, Regierungsrat Wolf vom Polizeiamt, Kolonnenarzt Dr. Gros und Kolonnenführer Kratz von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz, Oberforstmeister Dr. S ch ü z von der Forstbehörde, die Vertreter von staatlichen und städttschen Dienststellen, Bürgermeister aus Rachbarorten, Vertreter von Gießener Vereinen, der Vorsitzende des Hessischen Landesverbandes freiwilliger Feuerwehren Kreisfeuerwehrinspektor K n a u p (Birkenau) und viele Feuerwehrkommandanten und -abordnungen.
Die Glückwunschansprachen
leitete Provinzialdirektor Graef ein. Er sprach den Wehren die herzlichsten Glückwünsche der Provinz Oberhessen und des Kreises Gießen aus und betonte, daß beide Wehren in vorbildlicher Weise ihre Aufgabe erfüllt und sich dadurch den Dank der Aufsichtsbehörden und der Bevölkerung verdient hätten. Er sagte dann u. a. weiter: Die Feuerwehren sind Einrichtungen, in denen sich Männer ohne Unterschied der Partei und der Weltanschauung zusammenfinden in dem Gedanken der Hilfe für den Rächsten. Keine Organisation ist so getragen von dem Gedanken des Idealismus und der Selbstlosigkeit. Die Feuerwehrleute setzen ihre Kraft, ihre Gesundheit, ihr Leben ein für die Allgemeinheit, sie sind Männer der Tat, die sich restlos einsehen und nicht verzagen, Männer der Opferwilligkeit und der Selbstlosigkeit, Männer, die
Schloß. Franke, der am Fenster gestanden hatte, wandte sich um.
„Helene!" Entsetzen, Schmerz und Angst lagen in dem Rufe. „Was ist geschehen?"
„Richts!" Sie reichte ihm die Hand, die in der seinen zitterte und duldete, daß er sie küßte.
„Hab Vertrauen zu mir!" Er zog sie gegen seine Brust und hielt sie mit den Armen fest gegen sich gepreßt. „Helene!" bat er. „Willst du mich nicht wissen lassen, was dich so sehr verändert hat?"
„Verändert? — Findest du das?" Ihre Augen irrten verängstigt an ihm vorüber. „Schieb den Riegel vor, Iust, ich habe dir etwas zu sagen."
Er überquerte den Teppich und ging nach der Türe, um ihr zu willfahren. Als sie den Mund zum Sprechen öffnete, führte er sie fürsorglich nach dem Sofa.
„Du mutzt keine Furcht vor mir haben." Er neigte sich zu ihr herab und lieh seine Wange an ihrem Scheitel liegen.
Sie griff mit ihren Händen nach den seinen hinauf und klammerte sich daran fest. „Ich bin heute nacht verunglückt!"
„Verunglückt?" sagte er stockend nach.
„Ich wollte mich an einer Schnur erwürgen", preßte sie heraus. „Sie war nicht stark genug — aber mein Hals wurde fast durchschnitten."
Seine Finger ließen die ihren fallen, wölbten sich und bogen ihr das Gesicht tief in den Rac^n. Unter dem weißen Pelzbesatz des Pyjama sah er eine schmale, blutunterlaufene Spur, die von der Kehle nach den Ohren zu lief. Vereinzelte, dunlle Flecken standen blaugrün auf dem weihen Fleische ihrer Haut.
„Helene sag mir die Wahrheit!" bat er entsetzt.
„Sprich leiser", mahnte sie und lehnte das Gesicht wieder gegen seine Schultern. „Ich habe es getan — weil ich unheilbar krank bin."
Ihr Gesicht wurde von dem tiefen Aufattuen, das seine Lungen dehnte, sachte mit emporgehoben und glitt ebenso sanft wieder zurück. Der- geslasten fielen von ihm ab. Ieht, da er den Grund ihrer Verstörtheit und ihres unseligen Tuns wußte, dünkte ihm alles nur mehr ein böser Traum.
„Was soll das für eine Krankheit sein, mein Liebes?" Er hatte sein Gleichgewicht wieder gefunden und setzte sich neben sie auf den Diwan, ihre Hand mit der seinen umschließend. „Ich bin Arzt, Helene! Richts ist mir fremd", tröstete er, als sie die Lippen aufeinanderkniff.
„Ich werde meine Stimme verlieren."
Erst erschrak er, dann ging ein Lächeln um seinen Mund und verlor sich nicht mehr, trotzdem ihre Augen mit einem Ausdruck grenzenloser Verzweigung und flehendster Bitte an ihm hingen. |
nicht von ihren Rechten sprechen und darauf pochen, sondern für die es eine Selbstverständlichkeit ist, sich für die freiwillig übernommenen Pflichten vollkommen einzusetzen. Möchte unser Volk viel von diesem Geiste der Feuerwehr in sich aufnehmen. (Beifall.) Es steht ernst um unser Volk und Vaterland. Das Haus des deutschen Volkes brennt. Iede Partei — und sei sie noch so klein — glaubt, nach ihrem Rezept und nach ihrem Programm den Brand löschen zu können. Dabei ist aber niemand gewillt, auf das eigene Rezept zu verzichten und die Sonderinteressen zurückzustellen. Auf diese Weise werden wir den Brand im Haus des deutschen Volkes nicht löschen können. Möchte unser Volk sich an dem Geist der Feuerwehr ein Beispiel nehmen und den Blick auf das große Ganze richten, dann werden wir auch über die jetzige schwere Zeit hinwegkommen. Der Redner wünschte dann den beiden Wehren, daß ihre Hilfsbereitschaft möglichst selten in Anspruch genommen werde, daß sie aber allezeit in der seitherigen selbstlosen und vorbildlichen Weise zum Schutze der Bevölkerung bereitstehen möchten. Sodann brachte er die Glückwünsche der Hess. Staatsregierung zum Ausdruck und gab bekannt, dah die Regierung die nachstehend verzeichneten Herren für ihre Verdienste in der Feuerwehr mit den entsprechenden Auszeichnungen (Medaille mit Diplom) bedacht habe: für 40jährige Feuerwehrdienstzeit: Heinrich Enders, Franz Buchberger, Georg Krauß, Rudolf R ö - diger, Heinrich Lehrmund, Adolf Bour- gois: für 25jährige Feuerwehr- bienstzeit: Heinrich Helfenbein, Otto Faber, Hch Eidbach, Ioh. Rosenbecker, Ioh. D ö l z i n g, K. L i n d e n st r u t h, K. Reuter, Phil. Hof. Der Redner sprach den Dekorierten noch seine persönlichen Glückwünsche aus und übergab ihnen die Auszeichnungen mit den Diplomen.
Als Vertreter der Stadt Gießen sprach Oberbürgermeister Dr. Kelley den beiden Iubi- läumswehren die herzlichen Glückwünsche und den Dank der Stadtverwaltung, des Stadtrats und der Bürgerschaft aus. Es sei durchaus am Platze, daß dieser Ehrentag der beiden Wehren in zwar bescheidener, ober doch in würdiger Weise begangen werde. An diesem Festtage müsse die gesamte Bürgerschaft mit warmem Herzen Anteil nehmen, denn für sie arbeite di« Feuerwehr unermüdlich und opferwillig. Der Redner gedachte sodann in kurzen Worten der Entwickelung der beiden Wehren und erinnert« dabei auch an die Männer, die durch ihre Arbeit in den Wehren an dem heutigen Bauwerk mitgearbeitet haben: Allen diesen Männern gebühre aufrichtiger Dank. Er wandte, sich dann an die heutige aktive Feuerwehrmannschaft, der er den herzlichsten Dank der Dürgergesamtheit aussprach. Möchten sie immer erfüllt sein von freudiger Begeisterung und Hingabe für die große Sache der Feuerwehr, möchten sie immer durchglüht sein von Mut, Räch- stenliebe, Opferwilligkcit, Treue, Disziplin, Kameradschaft und Selbstlosigkeit. Es sei erfreulich, daß in der Feuerwehr so zahlreiche Männer bereit seien, diese Tugenden hochzuhalten und zum Wohle ihrer Mitbürger zu betätigen. Es sei bewunderungswürdig, daß sie ihre ganze Kraft freiwillig und selbstlos der Gesamtheit widmen. Der Redner feierte dann die Ideale der Zusammengehörigkeit und die Begeisterung für eine edle, menschenfreundliche Sache, die in der Feuerwehr zum Ausdruck kommen und dabei besten Dienst am Volte leisten. Er wünschte, daß dieser gute Feuerwehrgeist allezeit lebendig bleiben und sich weithin im deutschen Volke ausbreiten möge. Seine Ansprache klang aus in einem begeistert oufgenommenen Hoch auf die beiden Iubiläums-Feuerwehren.
Ein Feuerwehr-Lustspiel.
Rach einer musikalischen Darbietung der Kapelle Weller, die den Wend mit flotter Musik ein»
„Woher hast du diese Weisheit?" spottete er gutmütig. „Von irgendeiner Zigeunerin? Oder aus den Karten der Wahrsager? Oder den Linien deiner Hand? — Oder sind es die Sterne, die du gefragt hast?"
„Spotte nicht!" bat sie aufschluchzend. „Wie lange glaubst du, daß ich noch singen werde?"
„Also ist es doch Ernst", sagte er, und trug jetzt statt des Lächelns eine tiefe Furche in die Brauen eingegraben. „Stammt die Kenntnis deines Leidens von der Untersuchung durch irgendeine Professorcngröße?"
Sie wehrte mit einer nervösen Handbewegung. „Ich fühle es ganz einfach. Ramentlich seit gestern abend. Etwas schnürt mir die Kehle zu — ich fühle Feuer brennen und verspüre, wie mir der Schmerz bis an Stirne und Kopfhaut zieht."
Er gab ihre Hand frei und hob sich vom Diwan auf. „Dann ist auch keine Zeit zu verlieren, dir Gewißheit zu verschaffen. Ich habe hier keinen Kehlkopfspiegel und Sonstiges im Moment zur Verfügung. Du mußt zu mir in mein Sprechzimmer kommen. Kannst du in einer Stunde fertig sein? Dann untersuche ich Deinen Kchlkops. Ist es so, wie du sagst, dann ziehen wir ungesäumt Professor Krecke zu Rat. Ec ist die erste Kapazität auf diesem Gebiete: ich bin jedoch der festen Heberzeugung, daß alle deine Sorge überflüssig ist."
Der Blick, mit dem sie ihn ansah, gab ihm zu denken. „Das Beste ist, ich warte, bis du Toilette gemacht hast. Dann fahren wir zusammen. — Tu mir die Liebe, Kind! Ich habe gestern meinen Vater begraben. Meine Rerven sind noch nicht ganz im Gleichgewicht."
Rach einem Moment des Zögerns nickte sie ihm zu und verließ das Zimmer. Er hörte sie draußen mit der Zofe reden und wie sie dieser befahl, ihr beim Anlleiden behilflich zu sein.
„War das denkbar, datz eine Frau, die noch vor Tagen so offenkundige Lebensfreudigkeit und Daseinsbeglückung empfunden hatte, über Rächt au diesem angstvoll verstörten Weibe wurde, dem nur noch der Selbstmord als einzige Rettung erschien? — Dah die Furcht, die Stimme zu verlieren, sie alles andere vergessen lieh, selbst seine Liebe, von der sie wußte, dah sie unveränderlich war, ihr schönes Heim in Rottach-Derghof, das ihr so sehr am Herzen lag, dah sie sogar für immer ihren Wohnsitz dort auf-i Zuschlägen gedachte.
Sollte nicht doch noch etwas andere- vorgefallen fein? — Etwas, wovon sie ihm nichts wissen lassen wollte, das vielleicht mehr als die Kehlkopferkrankung ihren Lebenswillen erschüttert und zum Wanken gebracht hatte.
Er dachte an den Direktor. Aber nach kurzem Heberlegen warf er den Gedanken von sich. Averson war ein Mann von Ehre. Dah er sich Hoffnung machte, war schließlich seine Privat
geleitet hatte und dann auch bestens bereicherte, wurde ein von dem Feuerwehr-Veteran Hermann Elle in Gießen verfaßtes Lustspiel „Das Feuerwehr-Stiftungsfest" mit anschließendem Prolog flott aufgeführt und erzielte sowohl durch seinen wirksamen Gehalt, wie auch durch die geschickte und flotte Darstellung einen vollen Erfolg, der sich in starkem Beifall füp den Verfasser und für die Darsteller kundgab«
Die weiteren Ansprachen.
Kreisfeuerwehrinspektor K n a u p (Birkenau)' sprach herzliche Degrühungs- und Glückwunschworte im Ramen des Landesausschusses hessischer Freiwilliger Feuerwehren, dessen Vorsitzender der Redner ist. Gleichzeitig überreichte er dem Feuerwehrdezernenten unserer Stadt. Beigeordneten Dr. Hamm, und Herrn Dr. Gail als äußeres Zeichen der Anerkennung ihrer Verdienste um die Feuerwehrsache öaS Hessische Feuerwehr-Ehrenkreuz.
Oberbrandinspektor Kahl (Rödelheim) sprach namens des Rassauischen Feuerwehrverbandes, der sich mit dem hessischen Derbande.^ng verbunden fühle, und überreichte Stadtbranddirektor Braubach (Gießen) die von dem Rassauischen Feuerwehrverband gestiftete Verdienstmedaille für besondere Verdienste um das Feuerwehrwesen.
Sodann sprachen: Kreisbrandmeister Kühn (Kirchhain) namens des Kurhessischen Feuerwehrverbandes und der Marburger Feuerwehr: Oberbrandinspektor Z w e e tz (Offenbach) für die Offenbacher Freiwillige Feuerwehr und die dortige Derufsfeuerwehr: Herr Türk für die Freiwilligen Feuerwehren des Kreisverbandes Friedberg, der als Sicheres Zeichen der Verbundene heit mit den Gießener Wehren jeder Wehr eine Fahnenschleife stiftete: Kolonnenführer Kratz (Gießen) von der Freiwilligen Sanitätskolonne vom Roten Kreuz, der als Iubiläumsgabe den beiden Wehren je eine gebrauchsfertige Sanitätstasche überreichte: Branddirektor Fischer (Frankfurt a. M.-Höchst) im Auftrage der dortigen Freiwilligen Feuerwehr, die ihrer guten Kameradschaft mit den Gießenern durch Darbietung je eines schönen Bildes von Höchst sichtbar Ausdruck gab: ein Vertreter des Gesangvereins „Heiterkeit"-Gießen, der gleichzeitig Erinnerungsgaben überreichte^ der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Grünberg, der Plaketten für die Fahnen der beiden Iubiläums- wehren übergab: Herr H a a s für die Freiwillige Feuerwehr Ridda, der als Iubiläumsgeschenk für die beiden Wehren einen silbernen Pokal mitbrachte.
Hierauf sprach Beigeordneter Dr. Hamm, zugleich auch im Auftrage von Dr. Gail, herzliche Worte des Dankes für die Auszeichnung, die der Hessische Landesverband ihnen beiden zuteil werden ließ. Er hob dabei hervor, daß er diese Auszeichnung tragen werde als Zeichen der Anerkennung, die vor allem der Stadtverwaltung und den Stadtratsmitgliedern, aber auch seinem Amtsoorgänger dem verstorbenen Bürgermeister Krenzien, gebühre.
Weitere Glückwunschansprachen hielten: Ein Vertreter der Feuerwehr von Lich unter Ueberreichung von Fahnennägeln: Herr O e l b e r m a n n-Gießen namens der ehem 116er, der ebenfalls Fahnennägel übergab: ein Vertreter des Ruderklubs „Haf- fiax; Vertreter der Freiwilligen Feuerwehren Lollar und Heuchelheim, die beiden Fahnennägel stifteten: Kreisfeuerwehrinspektor Nuß (Neu-Isenburg) namens des Kreisverbandes Offenbach und der Bereinigung hessischer Kreisfeuerwehrinspektoren: Kreisfeuerwehrinspektor Appel (Heppenheim) für die Provinz Starkenburg und den Kreisoerband Heppenheim: ein Vertreter der Feuerwehr von Lang- Göns: ein Vertreter des Kavallerievereins Gießen, der Fahnennägel als Iubiläumsgabe überreichte: Branddirektor L a n d v o g t (Bingen); ein Vertreter der Feuerwehr Schotten, der Bilder von Schotten
fache. Eine Frau, wie Helene hatte mehr Anbeter, als eine andere, die nicht so mitten in der Oeffentlichkeit stand.
Er hätte sich jetzt gern zur Beruhigung seiner Rerven eine Zigarette in Brand gesteckt. Aber das ging nicht gut. Er mußte ohne Hilfe des Rarkotikums feinen Körper in Schach halten. Die Mutter fiel ihm ein, wie sie jetzt wohl zu Hause saß und weinte und sich nicht würde erklären können, was ihn schon wieder veranlaßte, von ihr wegzubleiben. Gut, daß er eine Wohnung für sich allein hatte, so konnte er, ohne» Aufsehen zu erregen, Helene mit sich in fein Sprechzimmer nehmen.
Seine Haushälterin fand sicher nichts dahinter, denn seine Patienten bestanden zu dreiviertel aus Frauen.
Helene trat, zum Ausfahren angekleidet, inS Zimmer und zwang sich ein Lächeln auf die Züge. „Ich habe Angst", sagte sie kindhaft verschüchtert. „Wird es sehr weh tun, Iust?"
„Was soll denn weh tun, mein Liebes!"
„Die Untersuchung! — Ohne Pinsel und Höllenstein geht es wohl nicht abl"
„Ich weiß noch nicht, Helene. Aber du kannst versichert sein, daß ich dir jeden Schmerz, der nicht unbedingt nötig ist, erspare."
Ihre Augen standen schon wieder voll Tränen. „Gehen wir, Iust?" — Dann rasch an ihn herantretend. „Ist an meinem Halse etwas zu sehen?"
„Richts", sagte er gütig. „Die Flecken werden sich übrigens bald verlieren. Du wist sie schon nach einigen Tagen nicht mehr so kräftig pudern müssen. — In einer halben Stunde hast du Gewißheit", tröstete er und bog ihr Gesicht rasch zu sich herauf, verspürte das krankhafte Zucken üjrer Lippen und gab sie wieder frei. „Wenn wirklich — der Verlust der Stimme ist noch lange nicht das Leben, Kind."
Sie schrak zusammen und drängte zur Türe, die er öffnete, um an ihrer Seite nach dem Wagen zu gehen, der bereits vor dem Haupteingang wartete.
Als sie fünf Minuten später die Treppe zu seiner Wohnung hinaufschritten, mußte sie mehr als einmal im Steigen innehalten. Er hielt ihren Arm fest durch den seinen gezogen und stützte sie. 2lls sie oben vor der Flurtüre standen, zog er feinen Schlüssel und ließ das Schloß aufschnappen. „Tritt ein, geliebte Frau!"
In seinem Sprechzimmer angelangt, entschlüpfte ihr ein leiser Schrei. Ihr Gesicht war totenblaß geworden.
„Was ist?" drängte er besorgt.
Ihr Blick irrte über Ruhebett und Apparate, um auf dem Totenkopf hängen zu bleiben, der auf. dem Schreibtische stand und starr und glasig nach ihr herüberschaute. „Decke ihn zu, Iust! Ich kann das nicht sehen."
(Fortsetzung folgt)


