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Nr. 209 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)Montag, 8. September 1950

ganisationSwerk kann aber bei der immer wieder neuen Lage nur hinterherhinken, um so mehr, da die Gnttoidlung in einem überstürz- t e n Tempo vor sich ging. Seit Kriegsende »st Frankreich ein StnwanderungS- land geworden Aber ein« praktisch wirksame Auswahl der Einwanderer gibt es noch nicht. Lind da die Einwanderer in erster Linie al- ungelernte Arbeiter und oft unter sehr primi­tiven Bedingungen verwendet werden, macht sich der Mangel an Organisation besonder- stark fühlbar. SS fehlt nicht an Srkenntni- dieser Lage, die Mittel aber, die der Regierung zur Dersügung stehen, sind notwendigerweise be­schränkt.

Die größte Sorge der letzten Regierungen in Frankreich besteht in dem Widerspruche zwischen der Struktur der Finanzpolitik und den sozial­politischen Forderungen einer ganz neuen Loge, die au- diesen großen Umwälzungen nach dem Kriege hervorgegangen ist. Frankreich gehört zu den wenigen Ländern, deren finanzpolitisch« Lage günstig genannt werden kann. Aber die Finanzpolitik Frankreich- ist in einer völlig ver­alteten Richtung sestgelegt. Die Beweaung-- srciheit der Regierungen ist finanziell sehr be­engt. Dabei haben die staatlichen Einnahmen bereit- eine Höchstgrenze erreicht, die Steuer­einnahmen betragen in Gold umgerechnet da- Dreisache wie 1913, eine weitere Erhöhung der Steuerlasten kommt also nicht in Frage. Uebri- gen- ist die Auslassung vorherrschend, daß nicht alle Fragen der Bevölkerung-Politik durch so­ziale Fürsorge gelöst werden können. Lind der Alpdruck der relativ niedrigen Be­völkerungsdichte ist eS. der die sozialen Fragen immer wieder in den Vordergrund stellt. Würde man in Frankreich auch diese Frage ver­nachlässigen, da- faschistische Italien würde immer Sorge dafür tragen, die Entvölkerung Frankreichs der Welt vor Augen zu führen.

Als die große Arznei für die meisten dieser Nöte wurde noch vor einigen Jahren die Einwande-

Glückliches Frankreich....

Sin Hort sozialpolitischer Rückständigkeit. Geburtenrückgang und Kinder- sterblichkeit. Die Landflucht. Oie Einwanderung ausländischer Arbeiter.

Don unserem §

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten! Paris. September 1930.

Der Kamps um die soziale Bersiche« rung hot die Aufmerksamkeit der öfsentlichen Meinung in Frankreich aus da- Gebiet der Sozialpolitik gelenkt, aus ein Gebiet, da- man frier früher gern vernachlässigte oder unter völlig einseitigen Gesichtspunkten beurteilt«. Lind man entdeckt, wie weit Frankreich in den letzten Jahren in dieser Beziehung hinter den an­deren Rationen zurückgeblieben ist. Der echte Franzose ist immer ein wenig Indivi­dualist; «S ist keine leichte Aufgabe, in Frank­reich große Organisationen inS Leben zu rufen und sie durch straffe Disziplin zusammenzuhalten.

Am meisten beschästigte bis jetzt die sranzösische Oessentlichkeit noch die Frage deS Ge­burtenrückgänge-. Die größere Bevölke­rungsdichte der Rachbarstaaten und die ihr fol­genden politischen Konsequenzen gaben dazu den Anstoß. Aber die Fragestellung war meistens salsch, da man den Geburtenrückgang fast immer f ü r sich allein betrachtete, getrennt von an­deren. gleichwichtigen Problemen und noch dazu in einem falschen politischen Lichte. Frankreich ist verhältnismäßig dünn bevölkert und eS ist der sranzösischen Politik nicht immer möglich, den Rahmen, den sie schuf und noch immer schafft, au-zusüllen. Der natürliche Zuwachs der Be­völkerung ist minimal, im letzten Jahre über­stieg sogar die Zahl der TodeSsälle mit 20 000 die der Geburten. Betrachtet man aber die Statistiken der einzelnen Gebiete, so erkennt man. daß die Vesahr der Entvölke­rung noch erheblich größer ist. Am schlimmsten steht eS um die mittelfranzösischen und südwestlichen Departement-, toä&renb im Osten und Rvrden die Lage bedeutend günsti­ger ist. Besonders stark ist der Zuwachs allein tm Elsaß.

Zu der geringen Durchschnittszahl der Geburten kommt erschwerend eine übermäßig große Sterblichkeit. Bor allem die der Kinder. Hunderttausend Kinder sterben jährlich in Frank­reich im ersten Lebensjahr. Die Ursache der großen Kindersterblichkeit ist in erster Reihe der Mangel an Hygiene. Frankreich ist über­wiegend Agrarland. Die Wohnung-Verhältnisse gehören, verglichen mit den in anderen euro­päischen Ländern, zu den schlechtesten. Und sie sind, da- klingt paradox, aus dem Lande noch weit schlechter al- in den Städten. Sin liebel, an dem ein sehr großer Teil Frankreich- leidet, ist der Mangel an gesundem Trink­wasser. Die Bekämpfung von Krankheiten hat noch nicht die gewünschten Erfolge gebracht. Auch in dies« Hinsicht, besonder« was die Tuberkulose und einige Kinderkrankheiten betrifft, steht Frank­reich weit hinter anderen europäischen Ländern zurück. Endliche die Arbeitsverhältnisse lassen viel zu wünschen übrig. Die Hygiene in den Fabriken ist ungenügend, die Frage der Kinderarbeit ist nicht genügend geregelt Mutterschutz und Altersversorgung stehen nicht auf der Höhe: überhaupt: «S gibt kein einzige- Gebiet, auf dem Frankreich sozial­politisch suhrend ist.

Korrespondenten.

der Frauenarbeit ausgesaht. Es gibt in Frankreich fünfeinhalb Millionen berufstätige Frauen, und ihre Zahl ist im stetigen Wachsen begriffen. Dabei sind die Arben-verhältniNe der Frauen besonder» schlecht. Einer der Gründe dieser Erscheinung ist die konstante Zu­wanderung der Landbevölkerung nach den Städten Fünfzig Prozent der Bevölkerung Frank­reichs wohnt bereits in den Städten, und die Entvölkerung de- flachen LandcS nimmt noch immer weiter zu. Die Folge ist ein rapider und ungesunder Wachstum der großen Städte; Pari-, Marseille und Lille sühren in dieser Beziehung. Besonder- um Pari- herum ist die Lage außerordentlich kompliziert; da» ganze Departement Seine ist im Begrisse, zu einem konfus und planlos gebauten Riesen- Vorort zu werden. Aehnlich steht es. wenn auch in geringerem Maße, mit den nordfranzösi­schen Induftriebezirken; die Städte Lille, Rou­baix, Tourcoing fließen ineinander und die Si­tuation wird noch durch die großen und kom­pakten Massen der ausländischen Ar­beiter erschwert. Die Behörden und sanitären Einrichtungen reichen nicht auS, oder sind über­haupt nicht vorhanden. In neuen Siedlungen, sogar in der Umgebung von Paris, fehlt es oft an Schulen und Kanalisation. Zur gleichen Zeit aber werden in anderen Teilen deS Landes Schulen überflüssig, da es keine Schüler mehr gibt. Die Regierung versucht selbstverständlich mit allen Mitteln zu Helsen, es wird ein R i e s e n p r o g r a m m für die Neu­organisation von Pari» und Umgegend auSgearbeitet, und die Sozialpolitik macht seit Kriegsende beträchtliche Fortschritte. Das Or-

AlS eine durchaus ungünstige, aber unvermeid­liche Erscheinung wird die rapide Zunahme

Der Stratofphärenflieger Professor P i c c a rd in Augsburg vor der Aluminiumkugelgondel seines Ballons.

rung angesehen. Damals war man noch restlos crtimiftild) in dieser Beziehung. Heute Ist Gegenteil der Fall, ja man neigt in diesem Punkte zu einem übertriebenen Pessimismus Es ist aller» hing» Tatfache, daß die Hoffnungen auf eine schnell» und vollkommene flffimilierung der Einwan- derer sich nicht erfüllt haben. Sie konnten sich auch nicht erfüllen. Zu allererst erwartet man Wunder in dieser Beziehung, man glaubte, daß die Ein« Wanderer im Handumdrehen zu Franzosen würdet» und erwog ängstlich die Nachteile, die ein solche» Wunder mit sich gebracht batte. Das Wunder kam nicht, dafür aber eine Reihe von Enttäuschungen, deren Bedeutung man übertrieb.

Die Organisierung der Einwanderung erfolgt» gar nicht nach einheitlichem Gesichtspunkte, insoweit man überhaupt von einer Organisierung sprechen kann. Arbeitermassen wurden eingefuhrt, je nach dem augenblicklichen Bedarf der Arbeitgeber, ohne eine wirksame Auswahl Die sporadische Einwande» rung wurde überhaupt nicht kontrolliert. Die Folg» war, daß Frankreich sehr viel minderwer­tige Elemente aufnehmen mußte, insbesondere alles, was von Amerika zurüikgewiefen wurde. Das hat die Assimilierung natürlich nicht erleichtert. Die wichtigsten Einwanderer, die Polen und Italiener, bilden oft ethnische Inseln. Di» Polen erweisen sich al» diejenigen Elemente di» am schwersten ; U assimilieren sind. Rech­net man noch dazu, daß sie auf einem sehr niedrigen kulturellen Niveau stehen, so kann man die scharfe Kritik verstehen, die die polnische Einwanderung auslöst. Ausschlaggebend für ihre Zulassung waren aber Die niederen Lohnansprüche der pol» Nischen Elemente.

Die Assimilierung der Italiener wird von bei faschistischen Politik systematisch verhindert. Wahrend früher sehr viele Italiener in Frankreich sich naturalisieren liehen, ist heute die Zahl bet Naturalisierungen im Verhältnis zur Einwanberung außerordentlich gering. Die Zahl der eingeroanberict» ober in Frankreich geborenen Italiener, die in Frankreich ihren Militärdienst erledigen, ist seht klein und wird immer kleiner. Es gelang dem italienischen Faschismus, die Einwanderung nach Fraokreich, die ja selbst für Italien eine Notwendig­keit ist, so zu organisieren, daß Frankreich von ihr denkbar wenig profitiert. Die faschistischen Organi­sationen, die sich in Frankreich sehr viel erlauben, üben auf die italienischen Einwanderer einen mora­lischen Druck aus, sie organisieren di» Rückwanderung und wahren mit allen Mit­teln die Erhaltung der nationalen Ge­sinnung. In Lothringen kann man in manchet» Ortschaften Schwarzhemoen sehen und die(Bio« vinezza" hören, was begreiflicherweise die franko« sischen Herzen nicht übermäßig erfreut. Aber auch die nichtsaschistischen Italiener, unter denen es viel» extrem links orientierte Elemente gibt, bereiten ben französischen Behörben wenig Freube. Sie sind politisch äußerst aktiv unb bilben ein» dauernde Quelle der Reibungen mit Italien.

Die Einwanderung aus Belgien hat auch ihre Schattenseiten. Politisch sind die belgischen Arbeiter stark nach links orientiert unb seit ber Sta- bilifierung ber Währung in Frankreich werben fi» von den französischen oft als Lohndrücker bekämpft. Aus Spanien kommen meistens nur Saison- arbeiten Die Einwanderung aus dem Balkan und die höchst unerwünschte Einwanderung aus den Kolonien gibt zu denselben Klagen Anlaß toie die Einwanderung aus Polen. Die Assimilierung be­gegnet übrigens auch von französischer Seite sehr oft Schwierigkeiten, denn die französische Tradition ist starr unb nimmt keine Rücksicht auf bas Seelen­leben der Einwanberer. Troß alledem ist aber bie Einwanderung ein positiver Faktor in der französischen Bevölkerungspolitik, den man nicht unterschätzen soll. Ihre Auswirkung auf die Politik unb auf die soziale Umschichtung wirb sich aller­dings erst nach einigen Jahren beurteilen lassen.

Tanz in Bayreuth.

Don Ludwig Buchholz.

Mutet es nicht zunächst seltsam an, überTanz In Bayreuth", diesem musikalischen Wallfahrtsort, zu sprechen? Es sei hier versucht, barzulegen, weshalb es dennoch wesentlich und berechtigt ist, davon zu sprechen.

Im deutschen Festspielsommer 1930 hat Bayreuth erneut, ja in verstärktem Maße feinen künstlerisch, kulturellen Rana erwiesen. Aus vielen Gründen. Die Berufung Toscaninis als Dirigenten des Tannhäuser" undTristan", die Neuinszenierung desTannhäuser" nach 26jähriger Pause Rudolf von Laban als Regisseur des Bacchanals, und nicht zuletzt die Einmaligkeit des Bayreuther Wer­kes überhaupt, getragen von Wagnerschem Genie und werkgetreuen Helfern, die alles in allem eine grandiose Leistung schufen.

Tannhäuser" wurde in der sog.Pariser Fas­sung", die ja Wagner selbst als die- einzig gültige bezeichnet hat, gegeben wurde dieSensation" der Festspiele 1930. Die Meisterschaft Toscaninis im Verein mit der außerordentlichen Inszenierungs­leistung Siegfried Wagners, bas solistische Ensemble, bie Chöre und vor allem auch die Tänzer Labans im Bacchanal sie alle trugen bei zu dieser vollkommenen Aufführung.

Die Welt desTannhäuser": Ein aufwühlender Kontrast irdischer und himmlischer Liebe der tragische Kampf in dem Helden Tannhäuser. Die Gewalt der Sinne wird lebendig im Venusberg, dasBacchanal" umgaukelt und berauscht Tann­häuser. Hier ist der Ausgangspunkt und Hintergrund des dramatischen Konflikts gegeben. Das Genie Wagners erkannte, daß selbst seiner dämonischen Musik die letzte Gestaltung dieses Zauberreiches oer- schlossen blieb wie er es in seinem Briefe an Mathilde Wcsendon k vom 10. April 1860 schrieb: -- - gewiß ist aber, daß nur ber Tanz hier wirken und ausführen kann: aber welcher Tanz!" Diese Worte Richard Wagners zeugen davon, welche ent- scheidende Bedeutung dem Tanz als dramatisches Element in diesem Werke zukommt.

Siegfried Wagners Dienst am Werk des Vaters fand feine Krönung in dieser Neuaufführung des Tannhäuser"; von dem Erfolg und der Bedeutung dieser Tat kündete bereits die Weltpresse. Es galt, die atmosphärischen Strömungen sinnlich-drama- tifcher Bewegtheit des Werkes lebendig und wirksam zu machen; er schuf dieses durch seinen dramatischen Entwurf des Bacchanals. Dies im Tänzerischen zu gestalten unb dadurch Richard Wagners Intuitionen Zu erfüllen, bedurfte es kongenialer Hilfe. Siegfried Wagner berief Rudolf von Laban, den Schöpfer und Führer des neuen Tanzes. Der Tanz brach ein in »ine Ur-Stätte musikalischer Bühnenkunst. Die

Sprache des Tanzes als Ausdrucksmittel eigener Wesenheit zeugte gerade an dieser Stelle und in diesem Rahmen erneut und zwingend davon, welche große Bedeutung dem Tanz im Reiche ber Bühnen- fünft zukommt. Wenn der Tanz hier auch im Rahmen bes Gesamtwerkes nur eine dienenbe Rolle hat, so erweist sich dennoch: Die Inkarnation musi- kalisch-dramatischer Bühnenkunst in diesem Werke Wagners fand in dieser Tannhäuser-Aufführung eine so außerordentliche Form unb Wirksamkeit, daß eben jene Verbindung von Tanz- unb Musik- Geschehen frier erfüllenb unb wegweisend ist. Er­füllend, da Rudolf von Laban eine kongeniale choreographische Gestaltung schuf, da Tanz unb Musik ein überwältigender Gesamtausdruck wurden. Wegweisend darum, weil diese Aufführung die Rich­tung und alle Möglichkeiten aufzeigt, dieses Werk und feine Idee im Sinne des Schöpfers, aber aus unserem Zeitempfinden heraus, zu gestalten.

Rudolf von Laban unb fein Mitarbeiter Curt Iooß, ber Leiter ber Folkwangtanzbühne in Esten, leisteten bie Einstubierung: bie Szene bes Baccha­nals im Venusberg und (ein Ausklang im Tanz der Grazien im ersten Akt, bann das traumhaft­unwirkliche Wiedererscheinen der Nymphen und Jünglinge, ihr Umgaukeln des Tannhäuser im dritten Akt. Es wirkten mit über 60 Tänzerinnen unb Tänzer aus bem Kreis Rubols von Labans und die Folkwangtanzbühne Esten. Die Gruppen des Bacchanals sind die Bacchantinnen, die Nym­phen unb Jünglinge, unb bie Faune. Laban gibt ihnen in seiner choreographischen Gestaltung eine Differenziertheit, bie ihr typisches Wesen voll ver­sinnbildlicht. Rauschhaftes Dahinströmen unb Mit­reißen in ben Bewegungen ber Bacchantinnen, skurrile wi'.be Sprünge der Faune unb sinnlich- lorfenbcr, weich sließenber Gestus ber Nymphen unb Jünglinge. Im ganzen ein peitschender Austrieb, eine berauschende-dionysische Atmosphäre, bis alles mit dem dynamischen Abklingen des Orchesters ermattet versinkt. Die letzten vergehenden Ausläufer der Denusbergklänge finden in einem melodisch-weichen, formenmäfjig geradezu ziseliertem Tanz der drei Grazien ihren dramatischen Ausklang

In der Hellen und reinen West der Elisabeth, wie sie im zweiten Akt ersteht, zeigt sich im Kontrast die dramatische Tiefe des Werkes: es ist d a s Drama Richard Wagners.

Das Wesenhafte des Bacchanals in dieser gran- diosen Weise zum tänzerischen Ausdruck zu bringen, es dennoch nicht von diesen musikalischen Gewalten erdrücken zu lasten, mußte dem Tanz der Ber- gangenbeit versagt bleiben. Auch Isadora Dun­can, die 1904 die Einstudierung des Bacchanals in Bayreuth leitete, konnte diese Aufgabe nodjnidjt lösen. Denn erst Rudolf von Laban hat demNeuen Tanz" das errungen und gegeben, was fein Wesen ausmacht: die Formen- und Ausdruckslehr», die

Harmonielehre ber Bewegung, bie von den gesetz­mäßigen, b. h. organischen räumlichen Bewegungs- Möglichkeiten unb -notroenbigteiten ausgeht unb so- mit bie unendliche Vielfältigkeit aller menschlichen Bewegung erfaßt. Es ist eine Grundskala ber Be- wegunß analog ber Tonskala in ber Musik, barum auch kein willkürliches, gar eklektisches System. Diese Basis ber Bewegungsgestaltung bedeutet natürlicher­weise auch, daß dem so verstandenen Tanz die un­endliche Variation aller Ausdrucksmöglichkeiten ge­geben ist.

Da Rudolf von Laban dieses schuf, sich schöpferisch erarbeitete, ist ihm also das Materialreich des Ian- Zes notwendig in seiner ganzen Weite gegenwärtig und lebendig. Darum zeigen alle seine Schöpfungen einen unerhörten Reichtum in Form unb Ausbruck. Darum sind sie auch immer wesenhaft, aus elemen­tarem gewachsen. So ist auch bas Bacchanal erfüllt von diesem Schöpfergeist Labans!

Durch dieses Bacchanal im Verein mit der Ge- famtregie Siegfried Wagners unb ben anderen groß­artigen Einzelleistungen wurde die Bayreuther Neu- auffüfrrung bes Tannhäuser eine schlechthin voll- fommenc. Durch die bis zum Letzten gehenbe Er- füUung ber Regieideen unb -forberungen Richorb Wagners würbe diese Inszenierung eine einmalige. Fast 10 000 Besucher aus aller Welt kamen zu den Festspielen und konnten hieran teilhaben, dieses Einmalig-Einzigartige erleben. Es zeigt sich hieran die ungebrochene Anziehungskraft, also bie künst­lerisch kulturelle Bebeutung ber Bayreuther Fest­spiele.

Der Tanz, der Tan; unserer Zeit, bas Werk Rudolf von Labans, hat hier die historische Ausgabe vollbringen können, diesem Werk Richard Wagners wohl erstmalig eine den Willen und bie Ibee des Schöpfers so absolut erfüllende Gesamtgestaltung zu geben. Dies war die Mission Rudolf von Labans in den Bayreuther Festspielen 1930.

Ein Humorist verleugnet sich nicht!

Die Witwe de» vor kurzem verstorbenen berühm­ten französischen Humoristen George» Tourteline stiftete einen Preis zur Förderung junger Humo­risten, der jährlich an einen unbekannten Schriftsteller ausgezahlt werden muh, der leinen dreißigsten Ge. burtstag noch nicht feierte. Die Preisrichter fprachen die zweitaufend Franken dem jungen .Titanen' Mar­cel Rndrys zu. Er erfüllte die Bedingung vorbild­lich, indem er gäckzlich unbekannt war und - knappe vierundzwanzig Stunden nach der Prämiierung drei­ßig Jahre alt wurde. Einen einzigen Tag fpäler hätte er den Preis nicht mehr bekommen können. Der Glück­liche mit der .paßenden" Altersgrenze befaß nie zuvor eine so große Summe und wird demnächst vor der Oeffentlichkeit zu beweisen haben, ob er die Poin­ten seiner Humoresken ebenso geschickt 511 plazieren toeife wie feine Geburt

Zlman hebt fünftausend Mrk ab

Don Hans Jtiebou.

Florian hat die Ruhe weg. Florian ist ein Mann, der die schwierigsten Sachen mit lächelnder Miene erledigt. Wenn Florian angerempelt wird, rempelt er nicht zurück, sondern bietet dem andern eine Zi­garre an. Lind erst, wenn der andere sich die Zigarre ansteckt, schlägt Florian ihn knock out. Mit freund­lichem Lächeln. So einer ist Florian.

Reulich war er auf der Bank. Gr löst einen Scheck ein und bekommt fünftaufend Mark in Hundertmark­scheinen. Unb da eS gerade ein so schöne» taubere« Bündel ist, steckt er eS nicht in die Ledermappe, son­dern in die linke Brusttasche.

AIS er durch die Drehtür die Bank verläßt, ist da ein groheS Gedränge. Gin älterer Mann mit blas­sem Gesicht schiebt sich an Florian vorbei. Florian fühlt einen merkwürdigen Stoß gegen die Brust. Ein Griff, und er fühlt: daS Banlnotenbündel ist weg.

Florian erschrickt nicht sonderlich. Florian schlägt auch keinen Lärm. Denn vor ihm, mit betonter Gleich­gültigkeit, schlendert der ältere Mann mit dem blal­len Gesicht. Florian schlendert ihm nach, holt ihn ein. .Guten Morgen", schlägt er ihm auf die Schul­ter, .es war fehr voll in der Bank, nicht wahr?"

Der ältere Mann guckt ihn an. .Jawohl", fagt er, ,e» war sehr voll."

.Da wird man leicht ein wenig konfus", fährt Florian fort, .man greift in seine Tasche, um Geld herauSzuziehen und merkt gar nicht, daß man in eine fremde Tasche gefaßt hat."

Der ältere Mann bleibt stehen. .Wa» wollen Si» damit lagen?" flüstert er.

.Damit will ich sagen", lächelt Florian und zieht einen winzig kleinen, blanken Revolver aus der Ta­sche. .daß ich gern daS Geld haben möchte, das Sie da irgendwo haben." Und er greift, während fein Besicht vor Freundlichkeit strahlt, dem andern in die Tasche und zieht die Banknoten, sauber gebün­delt. heraus. Der ältere Mann ist noch blaffer ge­worden. Sr taumelt, lehnt sich gegen die Wand, und man sieht: der Schreck ist ihm gewaltig in die Glie­der gefahren.

Florian aber grüßt höflich und geht- .Komisch» Berbrechertypen gibt eS heute", denkt er unterwegs, toer könnte diesem angstschlotternden, grauhaarigen Menschen ansehen, daß er ein gewiegter Taschen­dieb ist?"

Erst zu Hause, al» er am Schreibtisch sitzt, macht er eine merkwürdige Entdeckung. Aus der lin­ken Brusttasche zieht er, sauber gebündelt, fünftau­send Mark in Hundertmarkscheinen. Aus der rech­ten Brusttasche aber zieht er, ebenso sauber gebün­delt, sechstausend Mark . . .