Dietrichs Oeckungsprogramm vor dem Reichstag.
Berlin. 7. 3uli. (VdZ.) 3n der Montags- sihung des Reichstags kommt zur Beratung die neue Deckungsvorlage der Regierung (Reichs- hilfe, einmaliger Einkommensteuerzuschlag. Ledigensteuer. Aenderung der Tabaksteuer, Grgän- zungsetat). Die Beratung wird verbunden mit der zweiten Beratung des Haushalts des Reichsfinanzministeriums.
Reichsfinanzminister Or. Dietrich weist auf den ungedeckten Fehlbetrag des Haushalts hin, der 485 Millionen Mark beträgt. Die Ursachen dieses Fehlbetrages seien ausschließlich in der wirtschastlichen Cnt- w i ck l u n g der letzten Monate zu suchen. Ruf diese seien die Arbeitslosigkeit und die enormen Kosten, die dem Reich daraus entstehen, zurückzuführen, und aus beidem, wirtschaftlicher Entwicklung und Arbeitslosigkeit, ergebe sich der Steuerausfall. Wenn die Arbeitslosenversicherung wirklich ihre Aufgaben erfüllen und demgemäß dem Arveitslosen die ihm zustehenden Ansprüche befriedigen würde, dann wäre das größte Hnsicherheitsmoment auf der Ausgabenseite des Reiches geschwunden. Dazu komme die Konjunkturempfindlichkeit auf der Einnahmeseite, insbesondere hinsichtlich der Umsatzsteuer, der Dcförderungssteuer und der Lohnsteuer. Heber die von der Regierung beabsichtigte
Einsparung von 100 Millionen an den Haushaltsausgaben
werde es unter den Ressorts noch einen harten Kampf geben. Er habe aber die tatsächliche Einsparung dieser 100 Millionen zur Voraussetzung seines Verbleibens im Amte gemacht. Richt zugeben könne er, daß im gegenwärtigen Moment weitere sofort wirkende Ersparnismöglichkeiten beständen.
Die vom Hansabund geforderte Streichung des Reichsbeitrages an die Invalidenversicherung und der Heberweisungen aus der sogenannten lex Brüning seien nicht zu verantworten. Heber den Vorschlag des Bundes, bei den Renten der Kriegsbeschädigten 135 Millionen einzusparen, müsse er das Urteil der Öffentlichkeit überlassen. Rotwendig sei aber, daß die Bewilligung neuer Renten abgestoppt wird, und daß der Reichstag noch vor den Ferien den entsprechenden Gesetzentwurf aiinimmt. Alles in allem könne man sagen, daß von den Vorschlägen des Hansabundes schließlich noch 10 0 M i l l i o - nen wirkliche Ersparnisse übrig blieben, die ja auch die Reichsregierung zu machen entschlössen sei. Auch im Reichsrat habe niemand positive Anregungen zu weiteren Ersparnissen zu geben vermocht. Auch nach der Annahme der Deckungsvorlagen der Regierung wäre es verwegen, zu sagen, daß wir damit über dem Berge wären. Mit den vorgesehenen Ausgaben für die Arbeitslosenversicherung werde man nur auskommen, wenn das Arbeitsbeschästigungspro- gramm durchgeführt werde. Man könne sagen, daß die Aussichten, für etwa eine Milliarde im Laufe des nächsten halben Jahres Arbeit in Gang zu bringen, Hunderttausenden von Menschen Lohn und Brot schaffen würde. Rur wenn 'das gelinge, könne die im Haushalt aufgemachte Rechnung über die Kosten der Arbeitslosigkeit verantwortet werden.
Bei der Neureglung der öffentlichen Finanzen komme der Ordnung der Gemeindefinanzen die größte Bedeutung zu. Es werde nicht möglich sein, diese Ordnung etwa In der Form herbeizuführen, daß das Reich neue Mittel aufbringt und sie den Gemeinden zuwendet. Ls komme vielmehr darauf an, sie selbst für die Verausgabung und für die Bewilligung der Steuern verantwortlich zu machen.
3m Vordergründe ständen da der Verwa 1 - tungskostenbeitrag oder Bürgersteuer, die Gemeindegetränke st euer und die Frage der Besteuerung der öffentlichen Betriebe. Der Minister bittet das Haus, das ihm vorliegende Gesetz über die Besteuerung der Betriebe der öffentlichen Hand noch vor der
Sommerpause zu verabschieden. 3m übrigen feien Gesetzentwürfe, die neue Einnahmequellen für die Gemeinden schaffen, bereits vorbereitet und könnten jederzeit dem Reichstag vorgelegt werden. Der Minister befaßt sich dann mit dem Umbau des Steuerwesens des Reiches und erklärt, daß hier die Senkung der Realsteuern und der Einkommen st euer das erste Ziel fein müßte, wobei er wiederum die Realsteuerfrage für die vordringlichste halte. 3n welchem Zeitpunkt diese Senkungen aber bewerkstelligt werden könnten, sei heute noch nicht zu sagen, da die Auswirkung der schwebenden Finanzmahnahmen noch nicht zu übersehen sei. Was die Frage der Verteilung von Steuer- quellen und Steueraufkommen zwischen Reich, Ländern und Gemeinden angehe, so sei dazu Voraussetzung die Verabschiedung des Steuervereinheitlichungsgesetzes und die Klärung der Hauszinssteuerfrage. 3n dem Augenblick, in dem wir die Hauszins st euer ganz oder teilweise nicht mehr für den Wohnungsbau brauchen, werde die Auseinandersetzung zwischen Reich, Ländern und Gemeinden ungeheuer erleichtert, weil in diesem Augenblick eine Entlastung der Realsteuern im ganzen oder eine Umgestaltung möglich sein werde.
Diese Umgestaltung fei besonders vordringlich bei der Gewerbesteuer, die der Minister als die ungerechteste Steuer b zeichnete, deren verschwinden ihm besonders erwünscht wäre.
Mit den vorliegenden Gesetzentwürfen stehe und falle nicht nur die Reform der Arbeitslosenversicherung, sondern auch die Beitragserhöhung. Wenn diese beiden Dinge nicht erledigt würden, so fehe er keinen Weg, die hierdurch zu erwartenden Mittel in Höhe von rund 300 Millionen aufzubringen, die die Ar- beitslosenoeriickerung erfordere. Aber auch die ebenso bedeutsame Reform der Krankenversicherung und das Gesetz, welches die Bewilligung weiterer Kriegsinvalidenrenten im wesentlichen aufheben soll, könne dann schwerlich eine parlamentarische Erledigung finden. Es würden nicht nur die sozialen Reformen, sondern auch die Grundlagen für das Ostprogramm entfallen. Die Vorlagen dürften nicht vom Gesichtspunkt einzelner Jnteressentengruppen betrachtet wer- den es stehe wahrhaftig mehr auf dem Spiele als die Bewilligung der angeforderten Steuern, die auch die Voraussetzung dafür seien, daß die für den Herbst angekündigten Reformen vorbereitet und durch- geführt werden können. Eine Pumpwirtfchast, die den gegenwärtig flüssigen Geldmarkt ausnützen würde, würde er nicht m i t m a ch e n.
Oie Aussprache.
Abg.Dr. Hertz (Soz.): 3ch fürchte, daß durch die jetzt von der Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen die Gesundung der Reichsfinanzen nicht erreicht wird. Wenn wir wirklich das Vertrauen zur Stabilität der Reichsfinanzen wieder beleben wollen, dann müssen wir endgültig brechen mit der von dem früheren Minister Reinhold verkündeten Parole: „Hart am Rande deS Defizits!" Die Finanzen können wir nur sanieren, wenn wir die La st en über das hinaus steigern, was die Deckungsvorloge bringt. Man leistet dem Volk und der Wirtschaft keinen Dienst, wenn diese unvermeidliche Steigerung der Lasten noch kurze Zeit hinausgeschoben wird. Es ist besser, die Sanierungsaktion so vvJunehmen, daß sie auf die Dauer Erfolg hat. Wir halten 200 Millionen am Etat für einsparbar. Eine Ermächtigung an die Regierung, die Einsparungen nach ihrer eigenen Entscheidung vorzunehmen, lehnen wir ab. Obwohl die Reichswehr erst 10 oder 11 Jahre besteht, hat sie schon eine Pensionslast von 72 Millionen zu tragen. (Hört, hört!) Den Hauptanteil an diesen Pensionen haben die Offiziere, darunter 171 Obersten und 148 Oberstleutnants. (Hört, hört!) Gespart werden könnte auch durch die Aufhebung der Subventionen an die Länder, die sich auf den § 35 des Finanzausgleichs stützen, und auf die Sonderabfindung für die Diersteuer. Wesentliche Einsparungen könnten erreicht werden durch die Annahme unseres Gesetzentwurfes zur P e n -
sionskürzung. Wir verlangen die Verabschiedung unserer Vorlage noch vor der Sommerpause und werden vom Schictsal dieser Vorlage unsere Haltung zu anderen Gesetzen abhängig machen. Die wirksamste und gerechteste Deckungsmethode ist der allgemeine Zuschlag zur Einkommensteuer. Der Satz von 5 Prozent ist unzureichend. Der Grundgedanke der Reichshilfe ist richtig, die Form ist aber nicht gerecht und sozial genug. Die Pläne einer allgemeinen Lohnsenkung lehnen wir entschieden ab.
Oie Haltung der Oeutschnationalen
Abg. Dr. Oberfohren (Dnl.) erklärt, für das Ziel, Wirtschaft und Finanzen zu sanieren, feien sicher auch öie Beamten bereit und verpflichtet, Opfer zu bringen; es könne ihnen aber nicht zugemutet werden, sich einer Sonderst euer zu unterwerfen, um die Fortsetzung der bisherigen Mißwirtschaft zu ermöglichen. Die jetzigen Steuervorschläge seien kein geeigneter Anfang der Durchführung des von der Regierung verkündeten Gesamtprogramms einer Senkung der Produktionskosten und Preise.
Die Erhöhung der Einkommensteuer stehe im Gegensatz zu der selbst von Herrn Hilfer-
R o m, 7. Juli. (WTB.) Die Antwort der italienischen Regierung auf das Driand-Wemo- randum ist am Samstagabend dem hiesigen französischen Botschafter zur Weiterleitung an seine Regierung übergeben worden. Die Antwort trägt einen vorläufigen Charakter. 3n dem ersten Teile stellt die italienische Regierung fest, daß es sich bei dem zur Diskussion stehenden Plan um ein System der Zusammenarbeit auf einer losen Grundlage handelt, wobei die absolute Souveränität und politische Unabhängigkeit aller Staaten gewährleistet sein muß. Diesem Grundsatz will Italien eine möglich st weitgehendeAus- I e g u n g gegeben wissen, mit Rücksicht auf die besondere Lage der kleinen Staaten und um b ie Unterschiede zwis che n den Siegerstaaten und den Besiegten zu beseitig en. Italien schlägt vor, daß zu 6er europäischen Union Rußland und d i e Türkei eingeladen werden. Ihre Richtberücksichtigung stehe im Gegensatz zu den Zielen dieser Vereinigung. Alles müsse vermieden werden, was geeignet sei, die Solidarität des Völkerbunde s zu schwächen.
Die italienische Regierung wendet sich gegen die französische These, daß der Plan einer europäischen Vereinigung die Lösung der Sicher- h e i t s f r a g e zur Voraussetzung haben müsse. Italien ist der Meinung, daß eine in den Völkerbund eingegliederte Vereinigung dieselben Voraussetzungen haben müsse wie der Völkerbund selbst, nämlich eine De s chr änkung der Rüst ungen als stärkste Garantie gegen Angriffe und ein Reglement für die friedliche Beilegung internationaler Streitigkeiten. Ohne Abrüstung sei keine Sicherheit möglich. Es existiere bereits ein Sicherheitssystem in der dreifachen Gestalt dcs Völkerbundspaktes, des Kriegsächtungspaktes und des Vertrages von Locarno. Hm weitere Fortschritte zu erreichen, sei es jetzt notwendig, abzurüsten. Die Antwort schließt wörtlich: „Die Abrüstung, dieses wesentliche Prinzip, das in dem Memorandum der französischen Regierung weder ausdrücklich, noch beiläufig aufgestellt ist, stellt nach der Ansicht der faschistischen Regierung den grundlegenden Ausgangspunkt für ein wirksames Werk der moralischen Zusammenarbeit zwischen den Völkern zur vollständigen Entwicklung des allgemeinen Sicherheitsproblems dar, um jeder wie immer gearteten Organisation einer europäischen föderativen Vereinigung praktischen Bestand und elementare Daseinsberechtigung zu verleihen."
ding anerkannten Rotwendigkeit der Kapitalbildung. Angesichts der letzten Erfahrungen könnten auch die Erklärungen der Regierung keine Sicherheit dafür bieten, daß der vorübergehende Charakter der vorgeschlagenen Steuern gewahrt bleibe. Die Steuergesetze seien um so weniger gerechtfertigt, als der Katastrophe des Reichsdefizits mit anderen Mitteln begegnet werden könne. Insbesondere seien die ©in* sparungsrnöglichkeiten im Etat erheblich größer. Es müsse unter allen Hm- ständen erstrebt werden, das diesmalige Defizit durch Senkung der Ausgaben zu beseitigen. Darüber hinaus sei eine Senkung der Real steuern und der Einkommensteuer möglich, wenn man die von den Deutsch- nationalen vorgeschlagenen neuen Einnahmequellen schaffe. Hierzu gehöre der Gedanke eines Verwaltungskostenbeitrages und die Besteuerung der öffentlichen Betriebe. Voraussetzung für öie'“' Sanierung sei überhaupt eine grundsätzliche Aende- rung der Tribut-, Handels--, Wirtschafts- und Finanzpolitik. Da die Regierungsvorschläge die notwendigen Garantien für diese grundsätzliche Hm kehr nicht enthielten, sei die deutschnationale Fraktion n i ch t i n d e r L a g e, für diese Entwürfe die Mitverantwortung zu übernehmen.
Die Vorlagen werden dem Steuerausfchuh überwiesen.
Ablehnendes Echo in Paris.
Italien als Führer der Unzufriedenen.
Paris, 8. Juli. (WTB. Funkspruch.) Di« Presse verhält sich einmütig ablehnend zu der italienischen Antwort. Der „Petit Parisien" bemerkt zu der italienischen Ansicht Über das Sicherheitsproblem: Die Theorie, die entwickelt wird, macht die Sicherheit von der Abrüstung abhängig. Das bedeutet den Hmsturz der bei Annahme des Genfer Protokolls aufgestellten Grundsätze, denen die große Mehrheit der im Völkerbund vertretenen Regierungen treu bleibt. Das stellt auch die deutsche Theorie dar, die, wie so oft dargelegt wurde, die Pferde hinter den Wagen spannt. — Das „Petit Journal'' schreibt: Man wird Grandi in Genf die These von der Sicherheit und Abrüstung verteidigen und entwickeln hören. D e u t s ch l a n d. sein einziger Alliierter, und Sowjetrutzland werden aufgefordert werden, sich Italien anzu- schlietzen. — Die „Ere Rouvelle" schreibt: Mussolini will versuchen, ein Syndikat der Hnzufriedenen gegen die europäische Föderation auszuspielen.
Auch in Trier Sturm auf Separatist'«
Trier, 8. Juli. (TH.) Am Montag wurde unter Anführung eines Mannes, der auf die Denunziation eines ehemaligen Sonderbündlers hin vom französischen Besatzungsgericht zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden war, und diese Strafe verbüßt hat, das Haus dieses Sonderbündlers gestürmt und die Einrichtung zerstört. Rach Mitternacht sammelte sich eine nach Hunderten zählende Menschenmenge in der Luxemburger Straße. Als die Polizei erschien, nahmen die Leute eine drohende Haltung gegen die Beamten ein. Plötzlich fielen aus dem Hause eines Sonderbündlers mehrere Schüsse, die das Signal zu einem Sturm gegen das Haus waren. Die Menge drang in die Räume ein und schlug alles kurz und klein. Einige untergestellte Automobile wurden stark beschädigt. Der Polizei gelang es nach vieler Mühe, die Menge abzudrängen.
3lalien antwortet auf das Vriand-Muioranditm.
Revision der Verträge und Abrüstung sind die Voraussetzungen für ein wahres Paneuropa.
3«itu0 Hari f
3ulius Hart, um 1890 einer der Führer und Gründer der naturalistischen Bewegung, bekannt als Heberseher und scharfsinniger Kritiker, ist im Alter von 71 Jahren in Berlin gestorben. Nachdem 1874 bereits Harts erster Roman und ein Band Gedichte erschienen war, gründete er mit seinem Bruder Heinrich und anderen Gleichgesinnten, darunter Peter Hille, den „Westfälischen Verein für Literatur". In Berlin kam es zur Gründung der literarischen Kampfzeitschrift „Kritische W a f f e n g ä n g e“, die die Literatur-Revolution der achtziger Jahre einleitete und dem Raturalismus zum Durchbruch verhalf. Ein unerbittlicher Kampf gegen die Modeberühmtheiten Lindau, Spielhagen, Julius Wolf u. a. setzte ein, die großen Ausländer Zola Ibsen, Tolstoi, Dostojewski wurden auf den Schild gehoben und ihnen die Dahn in Deutschland freigemacht. Hm die 03rüber Hart sammelte sich ein Kreis Junger Draufgänger, unter ihnen Dölsche, v. Wolzogen, Wedekind, Karl Henckel. Sie verlangten in einem offenen Dries an Dis- mard staatliche Hilfe für Literatur und Theater, schon damals ein Reichsamt zum Schuhe für Literatur, Wissenschaft und Kunst. Die Dlüte-
zeit der Brüder Hart erstreckt sich bis zu Beginn des neuen Jahrhunderts. Heinrich Hart starb 1906. Julius lebte, feit 1887 Kritiker für Theater und Literatur an der „Täglichen Rundschau", später auch am „Tag", in Friedrichshagen weiter seinen Zielen, die er durch die Presse zu fördern hoffte.
Angewandte Lektüre.
Aus der Lektüre Edgar Allan Poes hat dieser Tage der Kaufmann Callworth in Birmingham mit Erfolg die Ruhanwendung gezogen. Unb zwar erinnerte er sich, als eS galt, eine für eine größere Anschaffung von der Bank abgehobene Geldsumme über Rächt im Hause aufzu- bewahren, der erst kürzlich gelesenen Novelle „Der Dries" des amerikanischen Dichters. In dieser Erzählung wird bekanntlich geschildert, wie die politische Polizei bei jemandem nach einem bestimmten, kompromittierenden Briefe Haussuchung abhält, alle Schubladen auskehrt, die Wände beklopft, die Stuhlpolster aufschneidet usw. und dann ohne Ergebnis abziehen muß, indes der bewußte Brief zum Greifen nahe offen In der Desuchskarten-Schale auf dem Tische liegt.
„Ich hatte das Gefühl", so erzählt Mister Callworth selbst in einem Birminghamer Blatt, „daß ich beim Abheben des Geldes in der Bank von einigen verdächtigen Männern beobachtet worden war und mir in der Nacht der heimliche Besuch ungebetener Gäste bevorstehe. Da entsann ich mich der Novelle Poes und beschloß, es so ähnlich zu machen. Meine Ahnung sollte mich nicht getäuscht haben. Als ich am nächsten Morgen mein Arbeitszimmer betrat, sah ich mit einem Blick die ganze Bescherung. Mein — am Rbend vorher sorgfältig geleerter — Geldschrank war aufgebrochen, ebenso ein eingemauerter Wandtresor, in dem die Einbrecher nur eine alte silberne Repetieruhr vorgefunden haben. Aber mein Geld war gerettet. Ich hätte es ja mit ins Bett nehmen uno unter meinem Kopfkissen verbergen können, — aber ich hatte dem Kitzel nachgegeben, es ähnlich zu machen tote jener Verdächtige bei Poe. Das Geld lag unangetastet im Arbeitszimmer, — man hätte nur danach au greifen brauchen! — auf dem Tisch zwischen den Seiten einer dort wie achtlos liegengelassenen — Zeitung."
Allerdings ratsam dürfte eS kaum sein, dies einfache Rezept zu verallgemeinern!
Conan Doyle -f.
Dir Arthur Conan Doyle, der berühmte schottische Arzt und Romandichter, der Schöpfer der Sherlock Holmes-Flgur und Verfasser der weit bekannt gewordenen Detektiverzählungen, ist hn Alter von 71 Jahren in London gestorben.
Conan Dohle, in Edinburgh am 22. Mai 1859 geboren, nahm als Arzt am Burenkriege teil und schrieb irm die Jahrhundertwende die den englischen Standpunkt verteidigenden Bücher „The Boer War“ (1900) und „The War in South Africa“ (1902). Schon vorher hatte er größere Reisen unternommen, welche ihn auf Längere Zeit In die Polargegenden und an die Westküste von Afrika führten.
Seinen großen literarischen Erfolg erzielte Conan Doyle mit den zuerst 1891 erschienenen Kriminal- und Detektivgeschichten „The adventu- res of Sherlock Holmes“. Diese Erzählungen schlugen beim Publikum derartig ein, daß Conan Doyle sich nun ganz der Literatur zuwandte. Auf seinem eigentlichen Felde, in der Kriminal
geschichte, ist er durch eine fast unerschöpfliche Phantasie, geschickte epische Technik und stilistische Gewandtheit ausgezeichnet; Einflüsse von Edgar Allan Poe sind unverkennbar. Hebrigens ist Doyle auch mit einer Reihe humorvollem Geschichten und historischer Abenteuerromane hervorgetreten. Viele von seinen Büchern wurden ins Deutsche übersetzt. Zu seiner Zeit hat Doyle eine Rolle gespielt, wie etwa in der Gegen- toart auf dem gleichen Gebiete sein Landsmann Edgar Wallace.
In den letzten Jahren hat Doyle weniger aus literarischen Anlässen als dadurch von sich reden gemacht, daß er sich dem Spiritismus zuwandte; er gehörte zu den prominentesten Vertretern dieser Strömung in England. Erst in allerjüngster Zelt hat ein heftiger Meinungsstreit, der Doyles Austritt aus der Londoner Gesellschaft für Parapsychologie zur Folge hatte, die Fachzeitschriften lebhaft beschäftigt. —
Öie beiden Frösche.
Eines Tages gerieten zwei Frösche auf ihrem Spaziergänge in die Nähe eines Milchtopfes, der bis an den Rand mit Milch angefüllt war. Neugierig kletterten sie auf den Rand, um sich den Inhalt des Topfes zu betrachten. Dabei fielen beide in die Milch. Der eine schrie: „Was ist das für eine Art von Wasser, die ich nicht kenne? Wie soll ich darin schwimmen können?" Spruchs und ertrank aus Mangel an Mut und Energie. Der andere Frosch dagegen schlug in der Milch um sich und begann kräftig zu schwimmen. Hnd jedesmal, wenn er zu versinken drohte, kämpfte er mit neuem Mut, um sich an der Oberfläche zu halten. Schließlich, als auch er die Partie am Ende seiner Kräfte aufgeben wollte, ereignete sich etwas Seltsames. Dank seiner Ausdauer hat sich öle Milch in Butter verwandelt, so daß der mutige Frosch sich auf einem Butter- Hausen gerettet sah. Diese schöne Geschichte erzählte Daden-Powel. der oberste Führer der englischen Pfadfinder, seinen jungen Freunden, um ihnen zu zeigen, daß man niemals den Mut verlieren darf. Wenn man auch nicht sicher fein kann, daß Frosch und Milchtopf jemals existiert haben, so ist die Geschichte jedenfalls schön erfunden.


