Weiter fand die nachstehende Entschließung einst im mi g c Annahme, welche an den Gau zur Weiterleitung an den Reichstag übermittelt werden soll: Die am 4. Mai 1930 im Lokal Hopfeld in Gießen versammelten Delegierten der Ortsgruppen des Gewerkschaftsbundes der Angestellten im Bezirk Oberhessen- Lahngau-Dillkreis sind auf Grund weitgehender sozialpolitischer Tätigkeit für die Angestelltenbelange, insbesondere als Vertrauensmänner der Angestelltenversicherung und deren Versicherten e i n st i m m i g der Aeberzeugung, daß die Erhöhung d e r R e n- ten der Angestelltenverficherung eine zwingende Notwendigkeit ist und sich auch durchführen läßt. Sie halten es für durchaus tragbar, daß die Steigerungssätze von 15 auf 20 Proz. ohne Gefahr für die versicherungstechnische Grundlage erhöht werden kann, weil sie es für unverantwortlich halten, Summen für eine Zeit nach 60 Jahren anzusammeln, von denen nicht mit Bestimmtheit gesagt werden kann, daß diese Gelder später benötigt werden. Sie richten deshalb an den Reichstag das dringende Ersuchen, die z. T. außerordentlich geringen Renten sofort durch Erhöhung der Steigerungssätze von 15 auf 20 Proz. zu verbessern, um so mehr, als die gegenwärtige Rotlage der Angestellten sich zu einer Dauererscheinung ausgewachsen hat und eine um so größere Beachtung verdient! Die Versammelten als Vertreter der Angestellten im Gewerkschaftsbund der Angestellten (G. d. A.) im obigen Bezirk erwarten als deren Wortführer und in deren Auftrag, daß der Reichstag die Beschränkung der Selbstverwaltung ablehn t, weil die Beiträge der Angestelltenversicherung von den Beteiligten selbst aufgebracht werden und der Staat keinerlei Zuschüsse zahlt, anderseits auch sich die bisherige Selbstverwaltung in jeder Hinsicht bewährt hat.
Der Kampf um den Milchpreis in Gießen
-Zu der am 26. April im „Gießener Anzeiger" erschienenen Stellungnahme des Milchhandels von Gießen zur Milchpreisfrage teilt uns Herr Landwirt Wilh. Bingel, Grüningen, als Beauftragter mit:
Wenn auch zugegeben werden mag, daß in zwei bis drei Gemeinden in unmittelbarer Rahe von Gießen die Händlerspanne etwas geringer ist, als vom Milcherzeugerverband angegeben wurde, so steht doch fest, daß auch bei diesen Dörfern die Spanne genau in demselben Verhältnis während der letzten Jahre sich vergrößert hat, wie bei den Gemeinden, die heute nur nod) 16 bis 17 Pf. für das Liter Milch erhalten.
Auch kann die übersetzte Spanne nicht dadurch gerechtfertigt werden, daß hin und wieder einige Liter Milch infolge Sauerwerdens erseht werden müssen. 3e weiter allerdings die Milch von den Händlern herangeholt wird, um so größer ist die Gefahr des Verderbens im Sommer. Doch muß sich jeder Händler dieses Risiko selbst zuschreiben, da in unmittelbarerer Rahe der Stadt Milch zur Frischmilchversorgung zur Genüge vorhanden ist.
Soweit überstandige Milch mit Verlust verbuttert werden muß, kann es sich nur um die Aebergangszeiten im Frühjahr und Herbst handeln, während im Sommer infolge höherer Dutterpreise die Rentabilität auch bei der Verarbeitung sichergestellt ist.
Was die bereits heute vom Erzeuger direkt zum Verbraucher abgelebte Milch und den Preis derselben anbetrifft, sei festgestellt, daß es sich hierbei nicht um Kannen- und Händler- milch, sondern fast ausschließlich um Dor- zugsrohrnilch handelt. Daß für diese Milch, die unter ganz besonderen Arnständen und stän-
Konsianze.
Vornan von Karl Heinz Voigi. Urheber-Rechtsschutz Verlag Oskar Meister, Werdau.
6. Fortsetzung. Nachdruck verboten.
„Ich glaube wohl, wir haben nun genug über die Beweggründe meines Entschlusses geredet," sagte Konstanze in bestimmtem Ton.
„Jawohl," bestätigte der Oberst, „wir müssen nun zu einem Ende gelangen. Das ewige Hin und Her führt zu nichts."
„Ich bin mir nicht bewußt, wankelmütig gewesen zu fein,“ erwiderte Konstanze mit müder Stimme und wünschte nichts sehnlicher, als daß diese ilnterreöung nun endlich zu Ende sein möge. Sie empfand nachgerade diese Diskussion als ein ihr unwürdiges Verhör. Sie sah das fratzenhafte Lächeln ihres Bruders Manfred, das verbindlich erscheinen sollte, sah das blasierte Gesicht ihres Schwagers Hans, sah die lange Nase des Konsuls mit dem wackelnden Augenglas, gewahrte ihre Schwester, die Baronin, die sich ängstlich an Hans anzulehnen schien. Ihre Schwägerin Agathe, die „stolze Agathe", wie sie in der Familie genannt wurde, ihre weißhaarigen Eltern und — ihren jüngsten Bruder Felix.
Sie sah diese Gesichter als ein Chaos, ein Gemenge von Abstoßendem und Anziehendem. — Ja, etwas Anziehendes mußte in oiefem Gesichterchaos sein. Da gab es einen kleinen Stich in ihrer Seele. Sie sah die hellen Augen ihres jüngsten Bruders auf sich gerichtet. Mitleid sprach aus diesen Augen. Mitleid und Verstehen.
„Vielleicht bist du der einzige Mensch, der mich kennt", dachte Konstanze. Aber schon riß sie sich wieder los von dieser Empfindung, als die Stimme ihres Vaters an ihr Ohr tönte:
„21110, was willst du denn nun eigentlich beginnen in der nächsten Zeit? - Als vernünftig denkender Mensch mit fünf gefunden Sinnen muht bu dir doch über dem weiteres Leben nun bereits im klaren fein.“
»Es schien mir bis jetzt nicht das wichtigste, hierüber nachzudenken, Papa", entgegnete sie, indem sie sich wieder setzte. Dieses Verhör war noch immer nicht zu Ende, siehst du, und außerdem verspürte Konstanze eine unwiderstehliche Müdigkeit in den Beinen.
»Du wirst doch wohl einsehen", grollte des Obersten Stimme, „daß du als — als — so eine Frau ohne festen Halt hier bei uns nicht bleiben kannst."
»Keine Besorgnis, Papa, ich werde euch nicht zur Last fallen. Ein scharfer Zug zeigte sich, wie von der Hand eines Bildhauers mit starkem Meißel eingegraben um ihren Mund.
diger Kontrolle des Tierarztes und der behördlichen Stellen erzeugt und vertrieben wird, ein höherer Preis bezahlt werden muß, ist selbstverständlich. Diese Milch hat jedoch nicht das geringste mit der im weitaus größten Maße vertriebenen Kannenmilch zu tun. Letztere könnte, wenn die Verbraucherschaft sich für die bedeutend rationellere Versorgung durch Ab - holen in dem Laden entschließen könnte, den Verbrauchern 4 Pf. unter dem jeweils gültigen Kleinverkaufspreis geliefert werden, wobei immer noch der Landwirtschaft ein bedeutend höherer Preis verbliebe, als sie jetzt von dem Händler bekommt.
Die von der Dampfmolkerei Grieb empfohlene Regelung, die Preise hinsichtlich des Frischmilchverkaufes und der Verbutterung zu spalten, d. h. in Zeiten geringer Absatzmöglichkeit für Frischmilch 10 bis 20 Prozent der Milch nur zum Werkpreise abzurechnen, wurde schon vor Jahresfrist von uns für richtig. erachtet, stieß jedoch gerade bei den Molkereien auf Widerstand.
Die Unzufriedenheit der Landwirte wird, wie in anderen Städten, auch diese Entwicklung mit sich bringen.
Aus der proviuzialhaupistadt.
Gießen, den 8. Mai 1930.
Oie Bieisteuererhebung der hessischen Städte.
Der Hess. Verwaltungsgerichtshof in Darmstadt hat eine Entscheidung gefällt, die für die Finanzgebarung der hessischen Städte von größter Wichtigkeit ist. Wie die Stadt Mainz, beabsichtigen auch andere hessische Städte die Erhebung einer Biersteuer. In Worms wurde von den interessierten Stellen gegen diese Biersteuer Einspruch erhoben. Der Verwaltungsgerichtshof in Darmstadt hat jedoch den Einspruch zurückgewiesen, so daß nunmehr durch dieses Urteil die Städte in der Lage sind, die Biersteuer zu erheben.
Gefahren beim Blumenpflücken.
Das Dlurnenpflücken auf den Wiesen macht den Kindern viel Freude. Doch wie alles seine zwei Seiten hat, so sind auch hier gewisse Gefahren vorhanden, da viele der Frühlingsblumen Gifte enthalten, die bei schwächlichen, zarten Kindern Hautausschläge, ost sogar Fieber, Erbrechen usw. erregen. Deshalb lasse man kleine Kinder nicht ohne Aufsicht beim Blumenpflücken und belehre die größeren über den Giftgehalt mancher Arten. So ist vor allen Hahnenfuharten zu warnen. Sie enthalten einen ätzenden Saft, der Hautausschläge verursacht. Tausendschönchen und Sumpfdotterblume zählen auch zu dieser Art. Der gelb blühende Gif11a11ich wirkt durch feinen milchigen Saft betäubend, erregt Schwindel, Erbrechen und Schlafsucht. Die reizende Waldanemone erregt durch ihren Saft auf zarten Händen brennende Blasen. Als Gegenmittel wirkt Zitronensaft oder Essig äußerlich, oder Wein und schwarzer Kaffee innerlich angewendet. Sehr giftig sind die helmartigen blauen Blüten und Blätter des E i s e n h u t s. Sie erzeugen Fieber, Kolik und Krämpfe. Wein, Essigwasser und schwarzer Kafsee lindern auch hier diese Erscheinungen. Beim Schierling sind die Fruchtkapseln die Giftträger. Hier wendet man als Gegenmittel Milch, Rizinusöl, Zitronensaft an, rufe aber sofort den Arzt, wenn der Verdacht vorliegt, daß die Pflanzen in den Mund gesteckt wurden. Dasselbe gilt von den Blüten des Goldregens und vor allem vom Roten Fingerhut, der mit seinen prachtvollen Blüten oft die Kinder entzückt. Sein Stengel birgt ein starkes Gift. Man lasse auch Kinder niemals Maiglöckchen und Herbstzeitlose ab- Pflücken. WER.
„Aber Kind, was hast du denn vor?" fragte Frau von Heistritz, und ihre Frage klang ängstlich und besorgt.
„Ich werde mich selbst durchs Leben schlagen. Arbeit schändet nicht."
„Das ist nicht so leicht", meinte der Oberst, wobei ein krächzendes Lachen von seinen Lippen huschte. ।
„Es ist vieles nicht leicht auf der Welt!“
„Konstante", nahm jetzt Felix schüchtern das Wort. Er hatte ein blutrotes Gesicht und blickte verlegen zu Boden, „du darfst ja nie vergessen, daß du Brüder und Angehörige hast. Wenn du irgendwie meiner Hilfe bedarfst ... ich weih ja nicht ..." stotterte er, „es ist nur, falls ..
Konstanze half ihm aus der Verlegenheit. Sie war gerührt von der Güte ihres jüngsten Bruders.
„Ich danke dir, Felix, an dich", sie betonte das „dich", „werde ich mich immer gern erinnern, wenn ich irgendeiner Hilfe bedarf." Er sandte ihr einen dankbaren Blick zu. „Aber", ergänzte sie, „ich werde schon ganz gut zurechtkommen, da draußen."
Run fing die Frau Oberst wieder zu weinen an und Hans von Ohlen beeilte sich sogleich, nicht hinter seinem Schwager Felix zurückzustehen.
„Vielleicht nimmst du erst einmal Aufenthalt auf unserem Gute. Du bist auch bei uns selbstverständlich jederzeit sehr willkommen."
„Lügner!" dachte Konstanze und fühlte mit brennender Schum die Falschheit der Menschen. Sie bemerkte sehr wohl das ängstliche Gesicht ihrer Schwester Magda, die fürchtete, Konstanze werde zufagen. Aber sie lehnte dankend ab.
Werner von Heistritz schielte über seinen Klemmer, hielt den Kopf etwas schief und stellte die Behauptung auf, daß eine schöne Frau, auf sich selbst angewiesen, vielen Versuchungen ausgesetzt sei „und Gefahren" ergänzte er erschrocken, als er den trotzigen Blick und die zuckenden Lippen Kon- stanzes bemerkte. Er war froh, auf diese ungezogene Bemerkung hin keine entsprechende verweisende Antwort zu erhalten. Aber ihn schien doch der Hafer zu stechen. Mit scheuem Seitenblick auf feine Frau ergänzte er rasch: „Geld verdienen auf eine einwandfreie Weife ist nicht so leicht für eine so schöne Frau wie dich." Ein strafender Blick aus Agathes energischen Augen stach in fein Antlitz. — Es entstand eine peinliche Pause.
Konstanze fühlte sich durchaus nicht veranlaßt, aus ihres Bruders taktlose Bemerkung einzugehen.
„Es ist schwer, sein tägliches Brot unter stock- fremden Leuten zu essen", behauptete der Gerichtsrat und klappte das Lid über fein Glasauge. Eme jahrtausendealte Mumie.
„Jeder Bissen von euch wäre mir wie der von Fremden", sagte Konstanze hart, und diese Worte
Krauenverein vom Roien Kreuz für Deutsche über See.
Die Gießener Ortsgruppe des Frauenvereins vom Roten Kreuz für Deutsche über See bereitet für den 18. Mai eine Veranstaltung in der Volks- Halle vor, deren Ertrag im Interesse der von der Gießener Ortsgruppe übernommenen Verpflichtung zum Anterhaltsbeitrag für eine deutsche Schwester in Paraguay verwandt werden soll. Bekanntlich hat der Landesverband Hessen des Frauenvereins vom Roten Kreuz für Deutsche über See eine Schwester zur Betreuung unserer Landsleute in Paraguay entsandt. Für die Besoldung und den Lebensunterhalt dieser Schwester hat die Gießener Ortsgruppe die Zahlung eines bestimmten Anteils übernommen. Die Not unserer 12 000 Brüder und Schwestern in Paraguay ist besonders groß und die Hilfeleistung aus der Heimat infolgedessen sehr notwendig.
Die bevorstehende Veranstaltung soll dazu beitragen, der finanziellen Verpflichtung der Gießener Ortsgruppe gegenüber der Schwester einen Anteil zuzuführen. Im Mittelpunkt der Veranstaltung wird die Aufführung des Märchenschau- fpiels stehen, das von 100 Schülerinnen und Schülern der Gießener Lehranstalten aufgeführt werden wird. Cs handelt sich dabei um das Märchenschauspiel „Die Königskinder" von Pohl- Prandl. Die Vorbereitung und Leitung der Aufführung liegt in den Händen von Direktor Hermann Kappenmacher (Frankfurt a. M.). Das Märchen erlebte, wie man uns mitteilt, bereits über 2000 Aufführungen und wurde zuletzt in Frankfurt a. M, Karlsruhe, Mainz, Barmen, Leipzig, Erfurt, Weimar usw. mit großem Erfolg gegeben. Man darf wohl hoffen, daß auch in unserer Stadt der Aufführung ein voller Erfolg be- schieden ist, damit ein guter Lieberschuß für den lobenswerten Zweck der Veranstaltung erzielt wird. Näheres wird noch bekanntgegeben.
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Sitzung de s Provinzialausschusses. Am nächsten Samstag, vorm. 8V2 älhr beginnend, findet im Sitzungssaal des Regierungsgebäudes zu Gießen eine öffentliche Sitzung des Provinzialausschusses der Provinz Oberhefsen statt mit folgender Tagesordnung: 1. Klage des Ferdinand Pfaff in Gießen, Kläranlage 98, gegen das Kreisamt Gießen wegen Versagung des Wandergewerbescheins für 1930. — 2. Klage der Regina Quenzer in Friedberg gegen das Kreisamt Friedberg wegen Versagung des Wandergewerbescheins für 1930. — 3. Klage der Gemein de Höingen gegen den Beschluß des Kreisamts Alsfeld vom 12. November 1929 betr.: Aufnahme der Katharine Scholl aus Höingen in die Landes-Heil- unö Pflegeanstalt in Gießen. — 4. Klage des Sächsischen Bezirksfürsorgeverbandes der Amtshauptmannschaft Döbeln gegen den Bezirks- fürsorgeverband des Kreises Lauterbach wegen Erstattung von Fürsorgeaufwendungen für den Kleinrentner Wilhelm Sachse aus Naundorf. — 5. Gesuch des Bäckermeisters Mathäus Maier zu Bad-Nauheim um Erweiterung der Konzession für feinen Cafäbetrieb in dem Hause Fürstenstraße 19. — 6. Klage des Bezirksfürsorgeverbandes der Stadt Gießen gegen den Bezirksfürsorgeverband des Kreises Schotten wegen Erstattung von Fürsorgeaufwendungen für Georgine Mai aus Frankfurt a. M.
** Arlaubszuschüsse unterliegen dem Steuerabzug vom Arbeitslohn. In dem von Bücherrevisor Hermann Will in Gießen herausgegebenen „Aktuellen Steuerfragen" (Rundschreiben Nr. 9) lesen wir: Eine Firma gewährte ihren über fünf Jahre im Geschäft an- gestellten Arbeitnehmern alljährlich ein Urlaubs- reifegelb von 50 Mark. Diese Auszahlung geschah auf Weisung des früheren Inhabers aus Dankbarkeit und um den Angestellten eine Freude zu machen. Die Firma behauptete, es handle sich um übliche Gelegenheitsgeschenke, nicht um Ar-
klangen wie ein endgültiger Verzicht auf jede Nächstenliebe. — „Ihr versteht mich nicht, keiner von euch versteht mich. — Am ehesten vielleicht noch Felix." Tränen traten ihr jetzt in die Augen. Sie wurde weich. Eindringlich fühlte sie: "Nun hat sich der Abgrund aufgetan, der bodenlose, unüberbrückbare."
„Du bist verbittert, Konstanze", sagte ihre Mutter.
„Ich bin einsam." Leise sagte sie es. Es klang traurig, dieses: „Ich bin einsam", weich und wehmütig.
Selbst Oberst Waldemar von Heistritz kämpfte jetzt einen Augenblick lang mit der Rührung. Aber er besiegte sofort diese Regung, räusperte sich lange und vernehmlich und fragte bann Konstanze birekt:
„ilnb womit gebentft du dir dein Geld zu verdienen?"
Sie zuckte die Achseln: „Ich weih es nicht. Vielleicht mit Stundengebern Mit Klavierspielen oder Singen. Auch habe ich eine leidliche Handschrift.
„Es wird immer schöner", höhnte der Oberst. „Konstanze Emmerstorff, die Frau eines Großindustriellen, eine geborene von Heistritz, ihrem Manne davongelaufen, tritt im Kabarett auf als Klavierspielerin ober Sängerin. Eine Theaterprinzessin übelster Sorte.
Mit jähem Ruck fuhr Konstanze auf. Ihre Augen blitzten. Alle erschraken. Der alte Oberst ärgerte sich selbst über feine Worte. Aber bie Worte waren gesprochen unb ließen sich nicht toieber wegschaffen. Sie hingen noch in bet Luft bes Raumes, huschten scheinbar als Schemen hin unb her unb erzeugten Verlegenheit und ein peinliches Gefühl.
Konstanze stand da wie eine hochgereckte Figur aus Marmor. Bleich sah sie aus und bei der dämmernden Beleuchtung des sinkenden Tages wie eine unwahrscheinliche Zaubergestalt weiblicher Kraft. „Nun kann ich Wohl gehen?" fragte sie mit schneidender, kalter Stimme. Sie schien auf gar keine Antwort zu warten und fuhr gleich fort: „Jede weiteren Worte wären doch nur überflüssig." Ihre Lippen waren fest aufeinanöerge- preßt. Der Mund erschien dünn unb flach, wie nur angebeutet.
Der Oberst suchte nach Worten, aber noch wäh- renb er suchte unb nicht bas geeignete fand, schwelte siedender Zom in ihm auf. Anbeherrscht und völlig seine Würde vergessend, schrie er Konstanze an:
„Du willst gehen! — Gut! Gehe! — Zu uns brauchst du nicht mehr zurückzukommen. Das hast bu dir selbst verschuldet. Wir haben das Beste gewollt. Ans kannst du keine Vorwürfe machen. — Du darfst uns aber auch nicht Anmuten, daß wir eine Fran, die ... so eine ...so eine Frau, wie
beitslohn. Der Reichsfinanzhof (28. Februar 1930 — VI A 266/30) erachtet aber die Zuschüsse für lohnsteuerpflichtig. Zuschüsse, auf die der Empfänger nach Lage der Verhältnisse rechnen dürfe, seien bei regelmäßiger Wiederkehr steuerpflichtig, auch wenn sie der Form nach als Gelegenheitsgeschenke gegeben werden.
** Der Hessische Landgemeindetag in Oberhefsen. Am 28. Mai hält der Hessische Landgemeindetag seine diesjährige (10.) Der- treterversammlung in Lauterbach ab. Die Tagesordnung enthält neben den üblichen geschäftlichen Punkten zwei bedeutsame Vorträge. Als erster Redner wird Dr. Kiff meyer, Kassel, über „Siedlungsmöglichkeiten im deutschen Osten" sprechen, als zweiter Redner wird sich Bürgermeister Dr. Vö Ising, Alsfeld, mit dem Thema: „Finanznot der Gemeinden und Finanzausgleich zwischen Reich, Ländern unb ©wnrijjberr beschäftigen.
** „Zweckmäßige Gestaltung bes heutigen Heims. Man berichtet uns: Der Allgemeine Deutsche Frauenverein unb der Verein Deutsche Frauenkleibung und Frauenkultur hatten zum vorigen Montag zu einem gemeinsamen Dortragsmittag geladen, an dem Frau Architektin Else Thome über „Zweckmäßige Gestaltung des heutigen Heims" sprach. Der sehr gut besuchte Vortrag bot durch seinen Inhalt vielseitige Anregung, bie noch unterstützt würbe burch farbige Entwürfe zu ben verschiebensten Arten von Gebrauchseinrichtungen. Denn bas Schreckgespenst früherer Zeiten, bie' unbenutzte gute Stube, ist ja glücklicherweise heute ein ziemlich überwundener Standpunkt. Frau Thom 6 erläuterte, daß man auch mit verhältnismäßig geringen Mitteln ein Heim ausgestalten kann. Sie setzte sich u. a. mit den Worten „zweckmäßig" und „sachlich" auseinander. Für ben Ausbruck „Sachlichkeit" möchte Frau Thome lieber bie Bezeichnung „Ehrlichkeit" wählen, bie dem ernsten Willen unserer Zeit besser gerecht Jrnrb. Zweckmäßig ist eine Wohnung, in der die praktischen Bedürfnisse nicht zu kurz kommen, in der die Menschen den Mut haben, ihren Bedürfnisfen und ihren Verhältnissen entsprechend zu leben. Die Art der Wohnung wirkt auch auf die Lebensweise ihrer Bewohner zurück. So zwingt z. B. die ganz kleine Küche vieler Siedlungsbauten die Familie, das Zimmer ober einen Balkon zu benutzen, . anstatt sich im Küchendunst aufzuhalten. Der Einfluß der häuslichen Umgebung auf das ganze Familienleben darf nicht unterschätzt werden. Die Vortragende äußerte deshalb auch ihre Verwunderung darüber, daß so selten ein Innenarchitekt zu Rate gezogen wird, wenn es sich um die Auswahl von Möbeln handelt.
Oberhefsen.
Landkreis Gießen.
* Bersrod, 7. Mai. Anser allseits beliebter Lehrer Keller, der 17 Jahre in unserem Dörfchen als Lehrer tätig war, verließ am 1. Mai unser Dorf, um seinen Dienst in Odenhausen, wohin er sich aus familiären Gründen gemeldet hatte, anzutreten. Die ganje Gemeinde bereitete dem Scheidenden am Vorabend seines Wegganges eine Abschiedsfeier. Unter Leitung unseres Bürgermeisters Becker bewegte sich von dessen Bahnung bis zur Schule ein großer Fackelzug. Vor dem Schulhaus fangen die beiden Gesangvereine je zwei Lieder. Pfarrer Schmidt hielt eine Abschiedsrede, bann überreichte der Bürgermeister dem Scheidenden ein Geschenk der Gemeinde und der Pfarrer ein Geschenk des Frauenvereins, dessen Leiter Lehrer Keller war. Krieger- und Gesangver- einsvorsitzende wünschten dem Scheidenden noch alles Gute in seiner neuen Heimat. Lehrer Keller dankte bewegten Herzens und versprach, die Gemeinde, bie ihm zur zweiten Heimat geworden sei, nie zu vergessen.
dich, noch als zu uns gehörig betrachten. — Also, Konstanze, gehe: — Bitte, keine Gegenrede!“
Konstanze dachte gar nicht daran, zu widersprechen. Sie hatte sich bereits zur Türe gewendet. Ihre weiße Hand lag auf der Klinke.
„Wenn du irgend etwas brauchst", brüllte der Oberst in namenlosem Zorn, als er sah, daß sie wirklich gehen wollte, „dann sage es bitte gleich."
„Ich verzichte auf euer Geld. Ich brauche eure Anterstühuna nicht. Borgen ist nicht viel besser als betteln.“
Die Tür schloß sich. Konstanze war gegangen.
Da stehst du nun, Konstanze, auf der nebligen Straße dieses sprühend nassen Februar-Abends. — Schön! Nun heißt es den Kampf bis zum Ende führen, ben man begonnen hat. Siegen ober Sterben! — Rein! Konstanze schüttelte im Dahinschrei- ten den Kopf. Wozu sterben? — Fing das Leben vielleicht nicht jetzt erst an? — Vielleicht! —
Konstanze schritt tapfer aus. „Wohin denn jetzt?" quälte sie eine Frage, die sie sich nicht zu beantworten wußte. — Ein Asyl suchen! — Ein Dach mußte man nun über dem Kopfe haben, alles andere würde sich bann finben, nicht wahr? K
Der Regen sprühte in feinen Tröpfchen vom Himmel hernieber. In bem Asphalt spiegelten sich bie huschenden unb zuckenden Lichter dieser großen Stadt in verzerrtem, mattem Abglanz. Dieser Sprühregen durchnäßte sie in kürzester Zeit bis auf die Haut. Er verfing sich in den Haaren der Mäntel, bildete dort kleine Silberperlen unb verwandelte das Pelzwerk beim Darüberstreichen mit der Hand in zusammengeklebte nasse Haarmasse. Er lag in Tropfen auf den Hüten der Herren, rann von ben Schirmen der Damen unb lieh die Ledermäntel der Straßenbahnschaffner und Arbeiter schwarz erglänzen. Er bildete Rinnsale auf ben Bürgersteigen unb würbe auf unebenen Plätzen zu kleinen Teichen. Konstanze bestieg die Straßenbahn. Sie hatte bas Bestreben, nach der inneren Stabt zu gelangen. Eine Stunde fehlte noch bis Ladenschluß. Die mußte ausgenutzt werden. Sie mußte unbedingt bares Gelb haben. In dem kleinen Köfferchen, in dem sie ihre Habselig- keiten aus Berlin mitgenommen hatte, befanden Hä) ihre Schmucksachen. Einen Teil davon würde sie verkaufen! Oh, fie würde klug fein. Sie würde handeln, würde sie nicht für ben ersten besten Preis bingeben.
®ann ftanb Konstanze auf der Plattform bet Straßenbahn, eingekeilt zwischen Menschen, die alle nach feuchten Kleidern rochen. Ein eleganter ■ rr ihr versuchte dauernd unb hartnäckig
c- r don ihr zu erlangen. Die schone Frau
Lidm auf. Konstanze gewahrte es nicht. Weit schweiften ihre Gebanken.
Erst als der Schaffner Odeonsplatz ausrief, verlieh sie die Dahn.
(Fortsetzung folgt)


