Ausgabe 
8.3.1930
 
Einzelbild herunterladen

Was hat die Sowjets veranlaßt, Len Mißerfolg der Jakobiner vor Augen, zu Rachahmern des Radikalismus von 1792 zu werden? Die Erklä­rung liegt in dem Aufbau des kommunistischen Staates, in der Struktur derproletarischen Diktatur" Wie jeder Revolutionsidee ist auch der bolschewistischen nichts gefährlicher als ein Leerlauf. Die Diktatur drohte, aus Mangel an Diktaturobjekten zugrunde zu gehen. Zumal dieWeltrevolution" sich als ein Phantom erwiesen hatte, die Kräfte der Partei aber beschäftigt werden müssen -, wenn nicht die katastrophale Wirtschaftslage, der Brot- mangel, die Geldnot, die Karten aus sämtliche Bedarfsartikel, die Wohnungsnot, die Arbeits­losigkeit, das Hungergespenst, die inneren und äußeren Mißerfolge auch die getreuesten Mit­glieder der Partei zu gewissen Dergleichen zwi­schen dem Heute und dem Früher hätte anregen sollen. Auch die GPU. mußte beschäftigt werden, um dem Proletariat seine Macht zu Zeigen. Außerdem wuchs sich die Kirche dennoch mit ihrem passiven Widerstand zu einer wirklichen Gefahr aus. Es war eine Religion neben der bolschewistischen vorhanden. Diese will aber keine andere neben sich dulden. Deshalb Schluß mit der Glaubeysvergangenheit. wie mit der zaristischen »Vergangenheit Schluß gemacht wurde und mit der wirtschaftlichen soeben Schluß ge­macht wird. Es soll kein selbständiges Denken mehr außerhalb dieser kommunistischen Religion geben. llnö um dies zu erreichen, hat der Kreml, derheilige Kreml", jetzt mit aller Erbitterung weil es sich für ihn um Sein oder Richtsein handelt zum letzten entscheidenden Schlag aus­geholt. Die vierte Etappe des Kampfes gegen die Kirche hat damit begonnen.

Sie wurde durch zwei bedeutende Akte ein­geleitet. Einmal hat derBund der Gott­losen", aus dessen Initiative in den vergange­nen Zähren die Verfolgungen der Geistlichen zu- rückzulühren sind, seinen Ramen geändert.Bund der ft rettbaren Gottlosen" heißt er jetzt, und mit dtefer Ramensänderung wird gesagt, daß er zur aktiven Religionszerstörung über­gegangen ist Aber auch die Sowjetregierung hat ihre Reutralität endgültig aufgegeben und macht heute kein Geheimnis mehr daraus, daß alles mit ihrer Einwilligung ge- sHieht. Und der Weg zum endgültigen kommu- ntstischen Ziel, der Ausrottung jeder Religion, ist mit Leichen gepflastert, Ströme von Blut ergie­ßen sich über ihn. Mit asiatischer Grausamkeit wird jeder Schatten eines Widerstandes ge­brochen. Wie der Kulak, so ist jeder Geistliche, ja jeder Gläubige ein Verfemter, ein Ausgesto- hener. Er bekommt keine Karten, seine Kinder dürfen von keinem Lehrer unterrichtet werden, ihm wird das Wohnrecht entzogen. Hunderte von Geistlichen sind in den blutgetränkten Kel­lern der GPU. auf der Lubjanka hingerichtet worden, Tausende haben den weiten Weg nach Sibirien und denSolowki", dem Guayana der Sowjets, antreten müssen. In den Kirchen wer­den Li st en der Besucher geführt, niedrigste Angebereien spielen die Hauptrolle. Die Psar- rer gehen nachts von Haus zu Haus, um sich Almosen zusammenzubetteln, und wenn dieRa- botschaja Gaseta" feststellt, daß es trotzdem noch Tausende von Kirchen und Zehntausende von Geistlichen gäbe, so ist dies nur als ein Ansporn für die Gottlosenverbände aufzufassen.

Deren Mitgliederzahl ist allein in den letzten vier Monaten auf nahezu eine Million ange­wachsen - noch in der gleichen Zeit des Vor­jahres zählten sie nur etwa 50 000 Mitglieder. An der Petersburger Universität ist chnen e i n Lehrstuhl geschaffen worden, der für den Kampf gegen Gott besonders Begabte wissen­schaftlich vorbilden soll. Und mit Millionen von Flugschriften und Werken antireligiösen Inhalts wird das Land überflutet, wie Millionen der früher in jedem Zimmer eines gläubigen Ortho­doxen hängenden Heiligenbildchen dem Scheiter­haufen übergeben werden.De r Antichrist geht durch das Land", so kann man den russischen Bauern, der auch in der Großstadt ein Bauer bleibt, verstohlen um sich blickend, flüstern hören, wenn man in seinen Augen zuverlässig ist Und ein amerikanischer Pressemann, der kürzlich

nach einer Abwesenheit von wenigen Monaten nach Moskau zurückkehrte, sagte:Geschichte ist jetzt das einzige, was man über Rußland schrei­ben kann. Denn im Ru tst jeöe Gegenwart mit der Vergangenheit verschmolzen."

Zwei Dinge bleiben nur zu erwähnen bei einer Besprechung der neuen Periode der Christen- Verfolgung in Sow.etruhland. Dinge, die zugleich hinsichtlich der Erfolgsaussicht der blutigen blas­phemischen Ereignisse ausschlaggebend für die Sowjets sein werden. Die Stellungnahme des Papstes und der englischen Kir­ch e n s ü r st e n hat die Machthaber im Kreml dazu veranlaßt, den Metropoliten Sergius vorzuschicken und ihn erklären zu lassen, daß die Kirche in Rußland auch weiter volle Glau­bensfreiheit genieße, daß von einem Druck nichts zu spüren fei usw. - Wer ist Ser­gius? Er ist der oberste Führer der sogenann­ten lebendigen Kirche, die zum Teil unter Druck der Sowjetbehörden, zum Teil aber auch aus eigenem Antrieb sich der herrschenden Macht unterworfen hat. Sergius wurde als dienst-

gemalt. Im Kreml glaubt man aber kaum an ein gemeinsames Vorgehen über die Grenzen eines moralischen Druckes hinaus", obwohl die Abfassung des Berichts, den die englische Regie­rung über die wahren Zustände von ihrem hie­sigen Botschafter verlangt hat, mit der größten Ungeduld erwartet wird.

Als zweites Problem kommt aber hinzu, ob die Sowiets ihren Gegner wirklich niederwerfen können, ob die Religion wirklich auszurotten ist. Stalin mag sich nicht täuschen! Er hat es dies­mal mit einem Feind" zu tun. dessen starke Seiten er zwar kennt, der aber für ihn über­haupt kaum faßbar ist. Denn der Gottesglaube wurzelt so tief in dem empfindsamen rusiischen Gemüt, daß die Gotteshäuser zwar zerstört wer­den können und die Heiligenbilder verbrannt und die Popen hingerichtet, die russische Seele aber nicht umgemodelt werden kann Es sei denn. es gelänge ihm, restlos die heutige Jugend zu gewinnen und in ihr die Grundlagen jeden Glaubens zu zerstören. Dann könnte die Sowjetunion in etwa zwei Jahr-

W;

W

e

Soldaten rücken mit Pontons in

ältester Bischof zum Metropoliten gewählt, nach­dem alle höheren Führer gestorben, geflüchtet, verschickt oder hingerichtet waren. Dieleben­dige Kirche" stellte ebenso einen Versuch der Geistlichkeit dar, ein Kompromiß mit den Sow­jets abzuschliehen, wie sie von denen schließlich Wohl als eine Unterwerfung aufgefaht und ge­duldet wurde. Konnte Sergius anders Stellung nehmen, als er es getan hat? Natürlich nicht I Ob er nun von den Sowjets zu feinen Inter­views befohlen und gezwungen wurde, das heißt, diese wider seine bessere Ueberzeugung abgege­ben oder ob er damit einen letzten Versuch un­ternommen hat, den Frieden nicht ganz in die Brüche gehen zu lassen, das ändert nichts an der Tatsache, daß er den Machthabern im Kreml damit einen Dienst erweisen und den zu erwar­tenden außenpolitischen Druck mildern wollte. Ebenso wenig ändert das wohl aber auch etwas an der Tatsache, daß sein Unternehmen restlos mißglückt ist. Denn die wütenden Ausfälle, die die gesamte bolschewistische Presse täglich enthält, beweisen am besten, wie unangenehm die Einheitsfront der ganzen Welt von den Sow­jets empfunden wird. Eine andere Frage bleibt es aber, ob auch mit einem einheitlichen Vor­gehen des Auslandes zu rechnen ist. Das Ge­spenstder papistisch-militaristisch-kapitalistischen Einheitsfront" gegen die Sowjetunion wird zwar mit täglich zunehmender Intensität an die Wand

das Ueberschwemmungsgebiet ein

zehnten der atheistische Staat sein. Aber bei dem heutigen Tempo - und dieses Tempo muß ein­gehalten werden, wenn es erfolgversprechend sein soll - wird die Entscheidung bereits früher fallen.

Das Stresemann-Oenkmal am Mein.

WER. Mainz, 7. März. Wie uns mit» geteilt wird, hat der Besitzer derBur g Satz" am Rhein, Albert Jungeblodt gus Stutt­gart, ein wertvolles Grund st ück am Fuße des Lorelei-Felsens in der Gröhe von zirka 3000 Quadratmeter (jetzt drei überein­ander liegende Weinberge) dem Denkmalaus- schuh in Mainz unentgeltlich zur Errich­tung eines Denkmals für den verstorbenen Minister Gustav Qtrefemann zur Ver­fügung gestellt Dieses Grundstück war früher bereits einmal für ein Heinrich-Heine-Denkmal in Aussicht genommen, und ist wohl der idyllischste Platz in der schönsten Gegend am Rhein Gerade diese Gegend wird wegen der Lorelei" von Abertausenden von Fremden besucht, wo auch dieBurg Katz" und gegen­über die größte Ruine am Rhein, die ehe­maligeBurg Rheinfels" in St Goar, liegen

Jahreshauptversammlung des Mittel rheinischen Fabrikanten-Vereins.

Der Miltelrheinifche Fabrikanten- Verein hielt dieser Tage in den Räumen des KasinosHof zum Gutenberg" in Mainz seine diesjährige Hauptversammlung ab.

Der Vorsitzende, Geh. Reg.-Rat Dr. Dr. h. c. Haeuser, begrüßte in seiner Eröffnungsan­sprache die Gäste, insbesondere die Vertreter der hessischen Staatsrcgierung. der preußischen Regierung in Wiesbaden, der Provinzialdirek- tion Rheinhessen und der Städte, sowie die befreundeten Industrie- und Handelskammern und Wirtschaftsverbände.

Ministcria.rat Pennrich (Hess. Ministerium für Arbeit und Wirtschaft) dankte im Ramen der anwesenden Behörd.nvertreter und überbrachte die Grüße der hessischen Landesregierung

Rach Erledigung der Formalitäten, in denen dein Vorstände und der Geschäftsführung Ent­lastung erteilt und die Ersatzwahlen zum Vor­stande vorgenommen wurden, erstattete der Ge­schäftsführer. Dr. h. c. P Meesmann Bericht über die

Organifation der Industrie im Wirtschaftsgebiet des rNittelrheinifchen Fabrikanten.Vereins.

Den interessanten Viudiüvru..gcn entnahm die Versammlung, daß durch verschiedene Umgestal­tungen in Bälde eine restlose organisatorische Zusammenfassung der Industrie des Bezirks zur Vertretung lebenswichtiger Wirtschaftsfragen durchgeführt ist.

Anschließend berichtete der Hauptreferent. Oberbürgermeister a D Dr. M o st, über das Thema \

Fragen der Finanz- und Steuerreform".

Der Redner legte den unlösbaren Zusammenhang zwischen Reparationszahlungen und innerer Fi­nanzreform Lar. Einer Rcp^ra.ionkzahlung von etwa 6l'o Milliarden Mart innerhalb der letzten Jahre stehe eine Verschuldung in Höhe von 7 Milliarden Mark an das Ausland in der gleichen Zeit gegenüber. Zur Behebung dieses auf die Dauer unerträglichen Zustandes, der durch die passive Zahlungsbilanz weiter ver­schärft werde, schlug der Referent besondere Maßnahmen vor. Zunächst sei eine Stärkung der landwirtschaftlichen Produktion erforderlich, für die als wichtigstes Erfordernis Senkung der Zinsrate und zur Erreichung dieses Zieles eigene innere Kapitalbildung anzusehen seien. Die kommende Steuerreform müsse die Erfordernisse der Eigenkaplla bildung berücksichtigen. Eine weitere Maßnahme sei die QSerbilltgung der Produktion, insbe­sondere der Aussuhrindustrie durch entsprechende Einstellung der Wirtschaf spolitik. Schließlich lei erforderlich eine vernünftige Einschr ä n * fung des Verbrauches insbesondere von Importgütern durch den einzelnen, sowie Be­schränkung der öffentlichen Hand auf die not­wendigsten Ausgaben Gesunde Kommunalpolitik, wie auch gesunde Sozialpolitik müßten sich in der Gegenwart die notwendigen Beschränkungen auf* erlegen, um nicht in der Zukunft bei der Er­füllung lebensnotwendiger Aufgaben info ge übermäßiger Belastung zu versagen In ein­gehender Weise belegte Oberbürgermeister Dr. M o st das Anschwellen der öffentlichen Ausgaben an Hand des amtlichen Zahlenmaterials der letzten Jahre. Die Ursachen' dieser gefährlichen Entwicklung seien in der durch den Krieg und Inflation bewirkten Ertötung des Spartriebes zu erblicken, eine Psychose, die leider in starkem Maße auf die öffentlichen Körperschaften über­gegriffen habe Eine weitere, und wohl die stärkste Ursache der stets wachsenden Verwal­tungskosten, sei in der verhängnisvollen Lö­sung der Selbstverantwortlichkeil zu erblicken, die einem Teil der Bevölkerung er­laube. Ausgaben zu beschließen, die nicht er selbst, sondern andere Bevö k.rungsgruppen zu tragen hätten. Die Wiederherstellung der Selb st Verantwortung für be­schlossene öffentliche Ausgaben erscheine als daS wichtigste Problem der g.f.imtcn F i - nanzreform und als dessen Kernstück die

Das Wachsfigürchen.

Von Hermann Eris Busse.

Lena Mack, die Bildhauerin, und ich, Hans Fram, schauten seit Stunden durch die großen Scheiben des D-Zuges, der längs des Rheines hinauf nach Basel fuhr. Gespräche wechselten mit stiller Ansprache durch die Augen. Wieder war eine merkwürdige Entfremdung eingetreten. Glück in die Leere gesunken, letztes Zuneigen gestört worden meist durch äußerliche Zufälle. Do stan­den wir wieder draußen, irgendwie draußen vor einem Geheimnis und Glück und sanden die Türklinke nicht.

Da holte Lena, um zu überbrüden, eine gelbe Wachskugel aus ihrer Tasche und begann mit be­henden Fingern zu modellieren. Die benützte auch ein beinernes Fingernagelstäbchen dazu. Als das kleine Figürchen fertig war, nicht größer als mein Mittelfinger, gab sie es mir herüber. Es war eine Eva, wie ich erraten konnte an dem Apfel, den sie in aufgehobener Hand hielt. Ich fand das Wachsgestältchen wohlgelungen und sagte es ihr so, als wäre ich ein Fremder, ein Kritiker sogar, fand es zwar an den Hüsten und Schen­keln zu üppig geraten im Gegensatz zu den zar­ten Schultern und dem feinen Köpfchen: der liebergang vom beseelten Mädchentum zum Muttertum sei $u stark betont.

Die lachte mich aus und hielt das niedliche Machwerk, um einen Leerlauf der Minuten aus­zufüllen, gestaltet, für viel zu nichtig, eine Dis­kussion darüber zu eröffnen; aber ich. ein Drauf­gänger, wenn mein Widerspruch gereizt war. ließ nicht locker. Ich betrachtete Eva von allen Seiten, ließ sie in meiner Handfläche stehen und streckte den Arm aus, sie von weitem zu beschauen. Die wuchs in meiner Hand. Ich hatte viel Zigaretten geraucht, auch zwei, drei schwere Zigarren in den letzten Stunden, war vielleicht leicht narkotisiert, aufgeregt, harte Töne, die nicht da waren, sah das, was nicht wirklich sein konnte.

Ich sagte Lena, das Figürchen musiziere, daS mache mich stutzig an meiner Kritik vorhin. Aus einmal habe das Figürchen die Gestalt einer Geige, feine rhythmische Gliederung töne. Die Haltung der Arme, die schmale Schale der Hand darin der Apfel ruhe, erinnere an einen wunder­vollen Schwanenhals. Das Köpfchen, leicht nach hinten geneigt, blumenhaft. wuchs aus den gar­ten Schultern.

Lena, du hast in diesem Gebild hier vielleicht unbewußt die Totalität des Weibtums angedeu­

tet, Mensch und doch eigentlich Blume, aber auch Tier, aber auch Musik, aber auch Kraft im Schwung der Hüfte, aber auch Schwäche im Triumph der Gebärde des Tragens der verbote­nen Frucht: gut und böse in einem, laut und leise in einem, radt und g hRmnisvoll in einem.. vergib. Lena, ich bin übermannt

Lena sagte ernst:Zeig her das Ding. Es ist nichts."

..Richts?"

Sie hatte das dunkle Lohen in den Augen: S.ehst du. vorhin fragtest du. warum hast du das so und Vicht anders gemacht, warum die Linien und Formen des Körpers widerspruchsvoll? Ich bin so streng mit meinen Sachen, daß ich ein unbedingtes Ja für den Prüfstein des Wertes halte. Richt im Zeichen des Banalen, sondern im Zeichen des Selbstverständlichen. Ich will schaffen, daß man spürt, so ist das. was sie dar­stellt. wirklich. Ich will schaffen, daß man vor meinem Werk das Gefühl hat. es spricht das aus. was eigentlich verschwiegen ist: das Seelische Wesentliche, das man niemals darstellen kann welches aber sicherlich durch ehrlich und inbrün­stig Geschöpftes von selber da ist. wie im le­bendigen Menschen der Atem. Der tote Mensch ist ja der Wirklichkeit entfallen, er hat keine Seele mehr. Versteht mich nur recht, du fragst warum? Sieh, ich betrachte dieses, im übrigen ganz nichtige Wachsfigürchen, als mißlungen."

Die lachte hellauf, denn ich mußte sie wohl sehr dumm angesehen haben. Sie nahm mir die kl'ine Eva aus der Hand und zerdrückte sie mit kräftigen Fingern.

Run lachte ich auch. Es klang wohl ein wenig geflissentlich, denn ich wollte mich nicht als ein verärgerter Besiegter zeigen. Es kann ja lein, daß in diesem Augenblick etwas vom Urmann in mir war. der erstaunt sein aufbegehrendes Weib betrachtet, das gefügig und demütig fein soll nach dem alten Gesetz und das. nun es auf einmal Kraft und Forderung zeigt, ihm seltsam überlegen scheint, das muß in ihm angenehm wirken. So war es mir peinlich, zu sehen wie kühl und wissend sie über das Spielerische, die liebenswürdig schöpferische Leichtigkeit dieser Hei­nen Evagestalten streng Gericht hielt. Diese Frau würde keinen Kompromissen hold fein. Es gibt für sie nach dem was ich im Atelier von ihr sah nur eine reine Stimme, das Ja oder Rein Leben oder Tod.

Ich lachte, um nicht kleinlich zu erscheinen vor Lena Mack. Dann sahen wir beide, froh der uns leicht gemachten Zerstreuung allzugroßer Spannung aus dem Fenster. Immer noch stieß

der Zug, in rasendem Tempo wie mir schien, durch Rebel. Er war nicht dicht, kein geschlossenes Dunstgemäuer. An vielen Stellen riß er auf, und man sah durch breite, unregelmäßig geöff­nete Spalten in die Ebene hinab, auf das fahle Stromband des Rheines und seines Uferwaldes.

Die Pappeln, oft bis zur halben Höhe in Rebelhofen steckend, wiegten sich leise und trau­rig vor Einsamkeit. Der Zug fuhr jetzt am Jsteiner Klotz, die Bahnlinie lag über den Dör­fern, an feinem Fuß starrten die Dächer in eng- geteiltem Gewoge gegen den Zug, als müßten sie ihr Leben gegen ihn verteidigen.

Abenteuer aus der Tauentzien.

Von Sigismund von JRaML

.. Da steht er wieder der kleine Mann, und singt sein Schicksalslied.Die neie Wohnungs­zeitung Jede tausend Anjebote von Wohnungen alla Aat!" Direkt unter seinen Füßen kommen zuerst Asphaltschichten, bann, tiefer, allerhand Pflastersteine dann Gasrohre, bann das Grund­wasser. dann diverse geologische Epochen, und endlich bas feuerslüssige Innere der Erde Er aber steht mit dem Rücken zu den Autos, die chre Reisen feuchi au) den Asphalt drucken, läßt seinen Mund reden und schaut dabei aufmerk­samst auf die dicke Zeitungsfrau Sie hat Zei­tungen aus dem Kopf, auf den Schultern, in den Armen, und vorne an Wäscheklammern bis übet die Knie herunterhängen auch auf dem Rücken hängen ihr die Zeitungen herunter und soeben streckt jie ihre Hinterfront ein wenig vor. um sich von ihrem Mann ein letztes Blatt ganz hinten anklammem zu lassen Die milden Schau­fensterpuppen sind in gleißende Pracht gekleidet aber dafür unbeweglich Und in den Elektrischen haben die Schaffner eine schmutzige Hornhaut vom Geldklimpern und rufen schnell.Erst aus­steigen lassen I"

Und durch diese Pfeiler flutet der lichtbeglitzerte Menschenstrom, in welchem jedes Tröpfchen die ganze Welt auf fich selber bezieht, und sucht in dem Gedränge fich selbst sowie auch die Gattung zu erhalten Jedes Feuer schafft rings­um eine Dunkelheit rot, gelb, blau und schwarz ist diese Straße, in der sogar Bäume stehen und der Himmel voller Drähte hängt. der Himmel, der eine Oeffnung zwischen den Häusern ist wo man zuweilen den Schirm ausspannen muh

Anders als auf anderen Straßen geht man auf der Tauentzien Schlipse. Hütchen werden zurecht­gedrückt. jeder tut. als ob er auf dem Kamm

der Lebenswelle reite, und schaut durch das Schaufenster verstohlen in dessen Spiegelung nach sich selber, eine jede nimmt ihre Chance wahr, in möglichst kürzester Zeit von möglichst vielen gesehen zu werden . Und wie das so geht, ging auch ich neulich dort, und entdeckte plötz­lich es wa rein purer Zufall - daß man von der Tauenhienstraße aus die Asteroiden sehen kann.

Das hätte ich nie für möglich gehalten. Tat­sächlich hier stand ich - auf der Tauenhien­straße und dort oben, allerdings ein bißchen weit, schwebten die Asteroiden Ich weih nicht, ob man es oben gehört hat, hier mitten auf der Tauentzienstraße wurden die Leute jedenfalls aufmerksam, denn ich begann wie verrückt zu lachen! Und als ob das immer so weiter gehen tonnte, ging ich schnell zum Wittenbergplatz, weil dort ein Fernrohr mit großem Kristall­auge zum Himmel hinausschaut Man könnt« t dort den Planeten Reptun sehen, und zwar sehr schlau um die Ecke, für zwanzig Pfennig. Der Reptun ist so groß und grün wie eine Erbse und trägt eine Art Leibbinde gegen bifl kalte RachtluftSehen Sie, tote er sich vor« wärts bewegt? Sehen Eie seine vier Mondes ries mir der Reptunvermieter für mein Gell) ins OhrSie sind mit unbewaffnetem Auge nicht zu erblicken!" setzte er stolz hinzu In der Tat. die vier Monde führten wie vier Meilen­steine einer geplanten Chaussee vom Reptun in die Weltnacht hinaus . Als ich zur Seite trat standen die Leute hinter mir bereits Schlange ich hatte eine kleine Reptun-Haufse entfesselt und horte noch lange immer wieder daS Sehen Sie seine vier Monde? . Sie sind mU unbewaffnetem Auge ..

Doch ich war enttäuscht Ich gab den Asteroidev von der Tauentzienstraße unbedingt den Vorzug Denn die hatte ich nicht durch ein Fernrohr sondern durch einen Witz erblickt, und das ist vermutlich die kürzere Verbindung

Und ich machte mich wieder auf die Tauentzien« st raße auf um oben meine Asteroiden zu suchen Aber aus der Oeffnung zwischen den Häwerv fielen jetzt Tropfen, die Schirme wuchsen wir Pilze aus dem Asphalt der plötzlich alle Re» tlameglui spiegelte und die Asteroiden toaret fort als seien sie nie gewesen Die Schaffner klimperten mit schwarzen Händen, die dicke Zei­tungsfrau hatte Wachstuch übergezogen und bei kleine Mann über dem feuert lässigen Erd-Inner» hatte den Rockkragen hochgeklappt und brüllt» zerstreut . ieba tausend Anjebote von Woh« nungen alla Aat! ..."