Ausgabe 
8.3.1930
 
Einzelbild herunterladen

88Dllöll[.

feab4auä Qnrientbei%'"t'

SA'"-*

8 ö^. _^N'° M?tV^

ramilien- Zusammenkunft ÄjfertWM« »aulsich m, d fll).

f.g.f.

Montag, w.M« abenw 8'/, llbt 'uliririieelui

IsdnbUyaii). «PW: %xbtii6aitf«

? b. Ser- lamm und n, ttllL

9rjL Dai Koananö,,

Stadttheater eonnra«, 9.3)1814, außer flbonntnitnt Geichwijenr

I iolkDoriieUtaj vonUbislö'Zi

ItaMill*

IVuiilPlel in 4 fllitn von Vouifi tonriiil Lvlititag,u,M^, von 18' ,bi6 21 Uhr Auvn Abonnement ütembenDonieiiung (fimnaliae

AuMrung!

; W\t BflöH

. Cpereiie m einem , Yorlpiel und »uiti , AUenv.WorW"' jJtuiit von Leoall. Montag, lO.Älarz, von t!? j bis 23 Uhl außer «bonneuitnt (ilefdJloiiene

jioxnelluni \ M MM M \ qmkms 6oö)

)

n

0

v

d.

3,

d

b. n.

d) ii in

Drama m' Alien von 31.1$. Uech Dienotaoll'-Uiari, von 20 bis L'-.W 23.DieostflgHb.-Dnx Gaiiiviel Wufluite Pralch'Ui'evenveiS.

ll(5illllt3W

ZchauiPielivbä^ca oouLrilliamLomei'

iet Äangha"'- SZZ Sw»»w Mi! MM Zchmaal in 3 W von tirnolO u. ^

DonnerStas, de» 43. A art,

©leBeoec fiotietiött .

iw*»

sfe** NS/tS Ltz'S

van üD;W rM / hear-tllil \ Vetb£ I von

J 6O«X& oon"Nm>n^"

SL w*S (jOUO

©rooifl n gjtri oonN, |fi,wWF L-AiS

Dranw Shenk pon

Nr. 57 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheften)

Samstag. 8. März (930

Sintflut im Paradies.

Oie Überschwemmungskatastrophe in CuOfranfreid). - 3m Canon des Tarn- fluffes.Carcaffonne,dasfranzösifche Rothenburg. -ZnToulouseundMontauban. Don Or Hermann Budzislawsti.

Unter Mitarbeiter, der Südfrankreich aus eigener Anschauung kennt, schildert hier den Schauplatz der Hochwasserkata- strophc.

Hochgebirge, schneebedeckte Gipfel, strahlend blauer Himmel, aber auch tiefblaues Meer, üppigste Vegetation, Langusten, Austern, guter Wein und sogar billige Hotels, wo in aller Welt kann man solche Dinge vereint finden? 16 Stun­den, fast tausend Kilometer, rast der Schnellzug von Paris nach Süden, durch die herrlichste Landschaft, durch Provinzen, die gewaltigen Gärten gleichen, an alten Städten vorbei. Mittel­alterliche Türme, gotische Kirchen, halbverfallene Burgen erscheinen und verschwinden. Wieviel Einwohner hat diese Stadt? Man braucht nicht hinzusehen, man sagt 30 000, und in neun von zehn Fällen wird es schon stimmen. Jetzt ist der Zug in Aarbvnne, 30 000 Einwohner, eine schöne alte Stadt, mit einer Kathedrale, die das Panorama beherrscht und deren Türme, un­vollendet geblieben, unvergeßlich sind. In Aar­bonne soll man Honig essen: die Imkereien sind dort berühmt. Aber man hat weder dazu Zeit, noch zur Besichtigung der Kirchen, Museen, alten

mer leidet die Bevölkerung der Languedoc. Es gehört viel Zeit dazu, sich die Sehenswürdig­keiten dieses gesegneten Landstriches anzusehen. Aarbonne ist schön, aber Carcassonne ist unvergleichlich, ein sranzö i ches Rothenburg, eine Stadt der Türme, die ihr mittelalterliches Ge­präge vollständig erhalten hat. Aus einer fel­sigen Anhöhe liegt die alte Oberstadt, von zwei Ringmauern eingeschlossen, mit einigen Türmen, die noch aus dem fünften Jahrhundert stam­men. Insgesamt sind 50 Türme erhalten, eine einzigartige Befestigung, wie man sie sonst nir­gends in der Welt studieren kann. In den Mauern dieses Städtchens hat sich ein Stück Weltgeschichte abgespielt. Schon zu Casars Zeit ein bedeutender Platz, wurde es einige Jahr­hunderte später eine Festung der Westgoten. Dann kamen die Sarazenen, die sich aber nur kurze Zeit behaupten konnten; sie wurden von den Franken abgelöst, bis die Grafen von Barce­lona Carcassonne eroberten, denen es von den Franzosen wieder abgenommen wurde. Kurz war die Episode der englischen Oberherrschaft. Ohne Romantiker zu sein, wird man bei einem Rund­gang durch diese Stadt von historischen Erinne­

s

Die alte Brücke bei Beziers, einem der Zentren der überschwemmten Gebiete

gotischen Häuser und Vürgerbauten aus der Zeit der Renaissance. Aoch zwei Stunden, noch 150 Kilometer, und der Zug hält in Per­pignan, der Hauptstadt des Departements der östlichen Pyrenäen, als Berwaltungsslh doppelt so viel Einwohner wie die gewöhnliche fran­zösische Kleinstadt beherbergend. Bon dort ist es nicht mehr weit nach den Bädern am Mittel­meer, die am Fuß der Pyrenäen liegen, etwa nach Danyuls sur Mer, dem einsamen Fischerdorf, in das Jahr für Jahr einige Künst­ler reifen, Maler und Literaten.

Wer in diesen Tagen in Perpignan den Zug verlieh, wird sich allerdings kaum weit in die Pyrenäentäler hineinbegeben haben. Die Stadt Ist vollkommen vom Hochwasser einge» schlossen, die herrliche Avenue des Palmiers, auf der sonst die Spaziergänger unter mäch­tigen Palmen flanieren, kann mit dem Kahn befahren werden, in tiefergelegenen Stadtteilen haben sich die Bewohner auf die Dächer ihrer Häuser gerettet, und die Stimmung der Bür­ger ist denkbar schlecht. Was soll aus der Seidenzucht, was soll aus dem Handel mit Agrarprodukten werden, nachdem die geschmol­zenen Lchneemassen aus den Pyrenäen den Bo­den aufgewühlt und die Kulturen vernichtet haben? Die ersten Früchte des Jahres, die Primeurs, werden diesmal ausbleiben, und der Reisende, der in diesen Wi.'.kel Frankreichs fährt, kann nur iwch hoffen, in irgendeinem vom Hoch­wasser verschont gebliebenem Weinkeller eine un-

Mo/ssac

N/mes

Cette

Castres

Tou/ous

Montauban

ZZ 5/Z

ßez/ers ---

as- Narbonne. -

Karte des überschwemmten Gebietes (die hauptsächlich betroffenen Orte sind unterstrichen).

versehrt gebliebene Flasche Banyulser Dessert­wein aufzutreiben.

Perpignan und das ganze Land Rvussil- l o n sind mehr k atalanisch als fran­zösisch. Man braucht kein Ethnograph zu sein, um dies festzustellen. Man merkt es an der Sprache, die man kaum versteht, ober auch an den Leinwandschuhen, die dort getragen werden. Aber nicht nur dieses Pyrenäenland und die benachbarte Provinz Foix, mit dem wegen seiner .leidenschaftlichen" Jäger berühmt gewor­denen Städtchen T a r a s c o n, sind vom Hoch­wasser schwer heimgesucht worden. Aoch schlim­

rungen gefangen genommen. Ehrfürchtig betritt man die tausendjährige Kathedrale, deren Glas­malereien ein gedämpftes Licht durchlassen, wan­dert durch die Kirchen aus dem 13. und 14. Jahrhundert, besucht die Museen, die Bastionen, schlendert die Boulevards entlang und genießt die malerischen Ausblicke auf die Oberstadt.

In Carcassonne muß man gezuckerte Kastanien essen, in Toulouse, wenige Stunden entfernt, bestellt man sich Gänseleberpastete. Jede Stadt hat ihre Spezialität, und wäre nicht die Ueber- schwemmung dazwischengekommen, so könnte man sich bald an den Toulouser Beilchen freuen. Jetzt steht das Wasser in den Straßen der Ort­schaften, die Toulouse umgeben, bis fünf Meter hoch. Kaum vorstellbar, daß diese heitere Stadt, mit ihren 180 000 Einwohnern eine der größten in Südsrankreich, plötzlich ernst geworden ist. Gewöhnlich flieht die Garonne recht munter durch sie hindurch, an winkligen Straßen vorbei, an Kirchen mit wunderbaren Kreuzgängen, und luftige Südfranzosen erörtern an ihren Ufern aufgeregt die politischen Ereignisse. Toulouse war vor 1500 Jahren die Hauptstadt des westgotischen Reiches. Seitdem hat sich manches Schreckliche an den Ufern der Garonne ereignet, Hunderte von Hugenotten wurden dort ermordet, aber auch manche schone Stunde an herbstlichen Aben­den oder in lauen Frühlingsnächten konnte man dort verbringen. Kennen Sie den schiefen Turm von Piesa? Sie brauchen nicht bis nach» Mittelitalien zu reisen, er schmückt ganz ähnlich nur kerzengerade die Basilika Sarnt-Serin in Toulouse.

Die Fluten der Garonne werden von den Schmelzwassern der Pyrenäen gespeist. Läßt man sich auf dem Rücken dieses Flusses weiter nach Aordwesten tragen, so gelangt man an die Mün­dung des Aebenflusses Tarn, der diesmal weit schlimmer wütet, als die Garonne. Er entspringt im Hochland der Cevennen und durchfließt klar, mit grünlicher Farbe, ein mächtiger Giehbcvch, eine Landschaft, die großartig und gewaltig ist. Kurz vor seiner Mündung liegt das Städtchen M o i s s a c, im achten oder neunten Jahrhundert gegründet, rings um eine Benediktiner ab tei ge­baut. Auch dort gibt es eine berühmte alte Kirche mit einem prachtvollen Portal, und da­neben eins der schönsten romanischen Klöster Frankreichs. Vom Tarn ist der Ort durch einen Deich getrennt. Aber der 'Deich ist geborsten, die Fluten sind in die Stadt gedrungen, deren untere Teile überschwemmt sind, und 150 Men­schen sollen ertrunken sein. Weiter auswärts am Tarn liegt Montauban ungesähr 30 000 Einwohner einst von engen Mauern umschlossen, die aber auf Befehl des Kardinals Richelieu niedergelegt werden mußten, und da­durch wurde Raum geschaffen, die Stadt auszu­dehnen. Montauban liegt auf einer prächtigen Felsterrasse, von besonders fruchtbarem Boden umgeben. Französische Dichter haben die Kraft dieser Erde besungen, und französische Rentner lassen sich dort nieder, um in schöner Umgebung und gesunder Lust, bei gutem Wein und be­rühmten Biskuits ihre Tage zu verlängern. 3m Kreuzgang um den Aationalplatz stehen sie, be­schaulich und genießend. Jetzt sind die Spazier­gänger von den Straßen verjagt worden. Der 2am hat sie vertrieben, 30 Bewohner der Stadt sind in seinen Fluten ertrunken.

Erstes Funkbild oon der Hochwasterkatastrophe in Südfrankreich.

Fast alle Städte am Tarn sind von der Kata­strophe betroffen worden. Fährt man von Mon­tauban, sq gelangt man nach Albi 30 000 Einwohner wo es nicht nur eine unerhört wuchtige, wie von Riesenhand gebaute Kathe­drale gibt, die die gesamte Stadt ebenso überragt wie das gotische Münster die Stadt Ulm, sondern auch bemerkenswerte und durchaus zu empfeh­lende Kuchen. Aber man verläßt bald den Wun­derbau gotischer Architektur und verzichtet auf die mittelalterliche Kunst, um den felsigen Canon des Tarn zu besuchen, ein Aaturwunder, da es an Schönheit mit architektonischen Meisterwerken aufnimmt. Tropfsteinhöhlen und tiefe Schluchten im Kalkstein der Umgebung findet man ähnlich großartig auch in anderen Ländern, auch in Deutschland. Beispiellos ist jedoch der Eindruck einer Kahnfahrt in den Georges du Tarn nur eilige Amerikaner fahren auch dort mit dem Auto vorbei; die Felsen hängen über dem Wasser, 58 Kilometer dehnt sich der Canon, unten braust der Fluß, darüber schweben Steinmassen von 400 und 500 Meter Höhe, nur mit Felsbil- öungen in den Dolomiten vergleichbar. Dort vergißt man das Liebenswürdige der südfranzö- fifdjen Landschaft, dort erkennt man die elemen­tare Kraft des Tarn, der sich einst an dieser Stelle sein tiefes Bett durch das Gebirge ge­nagt hat.

Mskaus Kamps gegen Gott.

Von unserem dl.-Derichterstatter.

(Aachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!)

Moskau, März 1930.

An dem Tage, da das auf dem rechten Mos- kwauser gelegene Simonow-Kloster in die Lust gesprengt wurde, brachte ein kleineres Moskauer Parteiblatt folgende Geschichte:Die Detonation, die überall in Moskau zu hören war, hatte Men­schenmassen auf die Straßen gelockt. Dabei beob- obachtete ein Aachbar des I. P. (Aame und Adresse voll angegeben), daß dessen Frau s i ch mehrmals bekreuzigte und Worte mur­melte, die wie eine Verwünschung derZerstörer der heiligen Religion" klangen." Unö einige Tage später stand in dem gleichen Blatt zu lesen:

rantntel), Beseitigung desTraditionsrummels", Gewinnung der Seele der Jugend, Aufrichtung und Pflege der neuen bolschewistischen Religion der reinen Vernunft ober (was nach Stalin das gleiche ist), der proletarischen Diktatur. Man darf deshalb nicht annehmen, daß der neue Anti- Religionsseldzug Moskaus lediglich ein Feldzug gegen die Kirchen ist. Diese Etappe ist längst überwunden; heute ist es ein Kamps, der systema­tisiert und bis ins kleinste Detail durchdacht ist. der Kamps gegen jeden Glauben u n-d jede Religion. Das alteheilige Rußland" und das heilige Moskau, die Stadt dervierzig mal vierzig Kirchen", bei deren Erwähnung sich jeder Muschik in der fernsten Provinzverlorenheit ehrfürchtig bekreuzigte, das gibt es nicht mehr. Mit den kirchlichen Emblemen werden die Symbole der alten Zeit vernichtet und abge­rissen. Die goldenen Zwiebelkuppeln werden nicht mehr die Hauptmerkmale des russischen Stadt­bildes sein, sie verschwinden und fchmuhige, zer­lumpte Eintönigkeit ein Bild des Grauens! wird sich in Zukunst dort breit machen. Auch in den Synagogen wird nicht mehr aus den fünf Büchern Moses, sondern aus den Werken des neuen Reiches gebetet und in die evangelischen Gotteshäuser sind ebenso wie in die Moscheen eifrige Arbeiterklubs eingezogen, die debattieren, Samenkörner kaufen und auf den Boden spucken. Wo früher an der Durchfahrt vom Rathaus zum Roten Platz die von Zehntausenden alljähr­lich besuchte Iberische Madonna stand, dort prangt jetzt an der Rathauswand ein Schild mit dem Wort StalinsReligion ist Opium für das Volk', und das Passionskloster auf der Twerskaja, dessen Mauern von gläubigen Pilgern inbrünstig geküßt wurden, ist jetzt e i n Museum des Gottlosenverbandes ge­worden.

Es lassen sich vier Etappen der christenfeind­lichen Politik der Sowjets feststellen. Die erste setzte gleich nach der Oktoberrevolution ein, als die neuen Machthaber aus der Erkenntnis heraus, daß die orthodoxe Kirche allzu eng mit dem zaristischen Ausbau des Reiches zusammen­hing, kurzerhand die Trennung zwischen Kirche und Staat durchführten, eine Tat, die bekanntlich in anderen Staaten fahre- und jahrzehntelange Verhandlungen unter heftigsten

-

ter

< " - E

Minister für öffentliche Arbeiten Pernot, Präfekt Didal und der Bischof oon Montauban besichtigen die Verwüstungen in Moissac.

Gegen 2. P., der Mitglied der Partei ist, ist ein Ausschlußverfahren anhängig gemacht worden, weil er sich trotz mehrfacher Aufforde­rungen weigerte, sich von seiner Frau zu tren­nen, die wegen sowjetfeindlicher Propaganda (!) von der GPU. verhaftet wurde. Der Sohn der beiden, der Rotarmist G. P., ist auf feine Ditte in der Armee belassen toorben. Er hat eine Erklärung unterzeichnet, in der er die Verhaf­tung feiner Mutter billigt und s ich von seinen Eltern lossag t."

Dieses Geschichtchen sagt ungeheuer viel und beleuchtet besser alle tiefgründigen Untersuchun­gen die neuen Wege, die die russische Re­volution beschritten hat. Richt nur Sprengung und Schließung der Kirchen und Klöster, Bet- Häuser, Synagogen und Moscheen, nicht nur Massenausrottung der Geistlichen und Gläubigen, sondern auch zu gleicher Zeit Zerstörung der Familie, Vernichtung der Autoritäts­begriffe (es gibt nur eine Autorität: die Gene-

inneren Zuckungen erfordert. Dann stiegen die finanziellen Aöte der Sowjets in zunehmendem Maße, und man ging zur Enteignung der reichen Schätze der Kirchen und Klö­ster über, ohne indessen die Grundlagen der Religion anzutasten. Jrn Gegenteil waren noch damals Rotarmisten in der Kirche keine Selten­heit. Indessen zeigten sich auch schon die Ur­anfänge einerLiquidierung" der Kir­chen, der dritten Etappe des bolschewistischen Vor­gehens, zu jener Zeit, als Lenin noch lebte. Schon er hatte sich alsHohepriester der Gottlosen" bezeichnet. Man hatte die ganze Macht der Kirche erkannt, suchte aber vorläufig, ihr auf friedlichem Wege beuuEommen. Man denke da nur an jene öffentliche Auseinander­setzung vor einem nach Tausenden zählenden Auditorium über die Religion zwischen den Spitzen der Partei und dem Patriarchen Tichon, ein Religioirsdisput der Aeuzeit, der mit dem bollen Siege des Patriarchen endete.