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hatte die preußisch« Ansiedlungskommission seit 1886 etwa 26 000 Bauern in den damaligen Ostprovinzen angesetzt. Der polnische Staat war in die Rechte der Ansiedlungskommission eingetreten und hatte im Jahre 1920 durch das berüchtigte Annullations­gesetz sich die Möglichkeit geschaffen, sich dieser mißliebigen Staatsbürger deutscher Abstammung auf billige Weise zu entledigen. Der Ständige Interna­tionale Gerichtshof im Haag hatte zwar im Jahre 1923 dieses polnische Annullationsgesetz für unzu­lässig erklärt, aber Polen ließ sich dadurch in der Eindeutschung der polnischen Westmark nicht stören. 4000 deutsche Bauernfamilien wurden von Haus und Hof vertrieben und nur ein Teil von ihnen erhielt bisher eine durchaus unzulängliche Entschädi­gung. Auch diesen Ansiedlern gegenüber befreit das Liquidationsabkommen Polen von seiner Entschadi- gungspflicht. Deutschland sanktioniert also gleichsam den krassen Rechtsbruch, den Polen sich durch das vom Internationalen Gerichtshof für unzulässig er­klärte Annullationsgesetz hat zu schulden kommen lQein dritter Punkt betrifft das W i e d e r k auf s - recht, das Polen sich als Rechtsnachfolger der preu­ßischen Ansiedlungskommission auf Grund der Ren­tengutsverträge diesen Ansiedlern gegenüber ange- maßt hat. Das Wiederkaufsrecht sah vor, daß der preußische. Staat beim Tode des Eigentümers das Rentengut zurückkaufen konnte. Polen hat hiervon bereits in 458 Fällen Gebrauch gemacht, rund 12 000 weitere Rentengüter unterliegen zur Zeit noch dieser Bestimmung, mit deren Hilfe Polen in der Lage gewesen wäre, in absehbarer Zeit alle ehemaligen deutschen Ansiedlung-gllter in seine Hand zu bekommen. Zweifellos ein schwerer Schlag für die betroffenen deutschen Bauern, aber auch für das Deutschtum in den abgetretenen deutschen Ostprovinzen überhaupt, das dadurch seiner stärksten und lebenskräftigsten Stütze beraubt worden wäre. Polen hat nun im Liquidationsabkommen auf die­ses Rückkaufsrecht v e r z i ch t e t, ein Ergebnis, das von allen Kritikern des Vertrages vielleicht am ersten als Erfolg gewertet werden würde, wenn Polen nicht gewisse Vorbehalte gemacht hätte, die doch zu starker Beunruhigung Anlaß geben. Das Abkommen schließt das Wiederkaufsrecht des pol­nischen Staates im Erbfalle nicht nur gegenüber den Erben erster und zweiter Ordnung einschließlich der Ehefrau aus, sondern gibt dem Ansiedler auch die Möglichkeit, mit einem Erben zu Lebzeiten einen Ueberlassungsvertrag zu schließen. Polen be­hält sich den Rückkauf nur dann vor, wennschlechte Bewirtschaftung" vorliegt oder wenn der künftige Besitzergerichtlich durch rechtskräftiges Urteil wegen eines Verbrechens oder eines Vergehens be­straft" ist. Letzterer Passus ist von den Vertrags­kontrahenten dahin authentisch interpretiert wor­den, daß ausschließlich Vergehen, die gegen den polnischen Staat gerichtet waren, also Desertieren oder Geheimbündelei usw. in Betracht gezogen werden dürfen, nicht aber etwa Steuer­vergehen, außer im Rückfalle. Wer die polnische Praxis gegen die Deutschen in den Ostprovinzen kennt, kann sich in diesem Punkt schwerster Befürch­tungen nicht erwehren, daß hier polnischer Will­kür ein bedenklich weites Loch gelassen wurde. Vergehen gegen den polnischen Staat" sind es ja gerade, die man bei den unsicheren politischen Ver­hältnissen in der Republik im allgemeinen und bei der bedrängten Lage der Minderheiten in Polen im besonderen stets wird konstruieren können, wenn es darum geht, einen unbequemen deutschen An­siedler seines ererbten Eigentums zu berauben.

Finanzielle Bedeutung beansprucht der in dem Vertrag ausgesprochene beiderseitige Verzicht auf finanzielle private Forderungen deutscher und polnischer Staatsangehöriger. Die deutschen Forderungen, die sich auf 540 Millionen Mark belaufen, ergeben sich zum Teil aus wider­rechtlicher Enteignung (im Falle der oben erwähn­ten von Polen anullierten Rentengutsverträge) zum andern Teil aus Minderbewertung bei der Ent- schädigung für Liquidationen. Sie sind, wie schon ausgeführt wurde, beim Gemischten Schiedsgericht eingeklagt und Deutschland übernimmt nach Nieder­schlagung der Prozesse die Entschädigung seiner Staatsangehörigen. Polen fordert, auch hierin groß­mäulig genug, nicht weniger als 830 Millionen

Mark für angebliche Schäden aus der Kriegs- und Besatzungszeit. Auch bei größter Weitherzigkeit wäre davon, nach dem Urteil Sachverständiger, kaum der zehnte Teil, also rund 80 Millionen, ver- tretbar gewesen. Kommt man den Besürwortern des Liquidationsabkommens einmal so weit ent­gegen, den strittigen 2i Milliardenanspruch für das an Polen übergegangene deutsche Staatseigentum auszuscheiden, so bleiben bei der Aufrechnung der gegenseitigen Forderungen immer noch 460 Mil­lionen, für die Deutschland einzustehen hat, bei der gespannten Kassenlage des Reichs zweifellos eine schwere finanzielle Belastung, die Deutschland aus dem Liquidationsabkommen erwächst. Aber an die­sem gewiß harten finanziellen Opfer, das der Ver­trag von Deutschland verlangt, dürste das Abkom­men nicht scheitern, wenn es wirklich der deutschen Minderheit in Polen die Sicherung in ihrem Be- sitz und die Freiheit ihrer wirtschastlichen Betätigung gewährleistet, die die Reichsrcgieruno sich offenbar von dem Abkommen glaubt versprechen zu dürfen, wenn sie es den gesetzgebenden Körperschaften so angelegentlich zur Annahme empfiehlt. Nun ist es aber so, daß die Mehrzahl des deutschen Volkes jedem Vertragsabschluß mit Polen, möge er aus* sehen, wie er wolle, auf Grund der bitteren Er­fahrungen der letzten zehn Jahre mit tiefstem Mißtrauen begegnet, weil man Polen einfach nicht mehr den guten Willen zubilligt vertraglich übernommene Verpflichtungen bona ticke zu er­füllen, ohne auf Hintertüren zu sinnen, durch die man sich ihrer mit einem Schein von Recht zu ent­ziehen vermöchte. Solche Hintertüren bieten im Falle des Liquidationsabkommens zweifellos die polnische Agrarreformgesetzgebung, die schon seit Jahren ausschließlich dazu dienen muß, die Ent- dcutschungspolitik in den polnischen Westmarken voran zu treiben und ferner die Grenzzonen- Verordnung, die dem gleichen Zweck dient, wenn sie auch bis jetzt nur selten in Anwendung gebracht worden sein soll. Die polnischen Unter­händler sollen zwar in den Verhandlungen aewisse Zusicherungen gegeben haben, aber Deutschland weiß leider, was es von polnischen Versprechungen zu halten hat, zumal wenn sie nach jedem Regie­rungswechsel in Warschau abgeleugnet werden können.

So ist es wohl begreiflich, daß sich in der deut­schen Öffentlichkeit eine außerordentlich starke Miß­stimmung gegen den Vertragsabschluß mit Polen be­

merkbar macht, die dadurch nicht geringer wird, daß die Reichsregierung nach einer monatelangen Poli tik der Verschleierung nun durch eine gekünstelte Verbindung mitdemPoungplan die An- nähme des Polenvertrags entgegen aller schweren, ursprünglich auch von den bürgerlichen Regie­rungsparteien geteilten Bedenken, vom Reichstag erzwingen will. Das Zentrum hat im Preußi­schen Landtag einem Antrag der Rechten zum Siege verhalfen, der die preußische Staatsregierung beauftragt, im Reichsrat gegen den Polenvertrag zu stimmen. Ader Herr Otto Braun hat es nun, nach­dem er feiner Partei durch die eigenwillige Be­rufung des Sozialdemokraten Grimme das Kul­tusministerium gesichert hat, nicht mehr nötig, auf Zentrumsgefühle Rücksicht zu nehmen, und weist die preußischen Regierungsoertreter im Reichsrat an, für den Polenvertrag zu stimmen. Auf das Ver­halten des Zentrums im Reichstag wird man nun gespannt fein dürfen. Die Reichsregierung hat ja den Parteien, die sich etwas voreilig für eine Ab­lehnung des Polenvertrages stark gemacht haben, die Schwenkung nach Möglichkeit erleichtert. Wäh- rend es noch bis zur zweiten Haager Konferenz hieß, Poungplan und Polenabkommen hätten nichts miteinander zu tun, dem Reichstag stehe es selbstverständlich frei, den einen anzunehmen und das andere zu verwerfen, erklärt nun die Reichs­regierung, beide feien zusammen anzunehmen, da eine Ablehnung oes Polenabkommens zur Folge haben könnte, daß die Gegenseite die Ratifi­zierung des Poungadkommens verweigere und das könnten wir wieder uns angesichts unserer Finanz­kalamität nicht leisten. Darauf beginnen nun die bürgerlichen Regierungsparteienschon möglichst ge­räuschlos den Rückmarsch anzutreten aus einer im Gefühl überschätzter eigener Kraft und noch im vollen Bewußtsein der Gefahren des Polenvertrags bezogenen Oppositionsstellung. Herr Ulrich Rau- scher, Deutschlands Verhandlungsführer in War­schau, macht das Rennen. Vielleicht darf er dann zur Belohnung für feine ersten außenpolitischen Lorbeeren als Staatssekretär in das Auswärtige Amt einziehen, womit die Sozialdemokratie endlich auch hier festen Fuß gefaßt haben wird. Uns fehlt für diese Bocksprünge das Verständnis. Wir sind nur darauf gespannt, wie sich die bürgerlichen Teil­haber der Regierungskoalition aus der Zwickmühle ziehen werden, wenn sie heute anbeten sollen, was sie noch gestern kreuzigen wollten.

Englands Vorschläge zur Seeabröstung.

Eine Denkschrift für die Flottenkonferenz. - Das äußerste Entgegenkommen.

London, 7. Febr. (TU.) Die britische Re­gierung hoi am Freitag der Flottenkonferenz eine Denkschrift übermittelt, die d i e a m l* lichen britischen Vorschläge für die Flottenabrüstung enthält. Sie geht von dem Grundgedanken aus, daß eine Verminderung der Flottenstärken nicht genügt und daß auch eine Vereinbarung über die künfti­gen Dauprogramme auf der Grund­lage der Bedürfnisse der Länder notwendig ist. Deshalb wird vorgeschlagen, daß das 2lbkommen der Londoner Flottenronferenz bis 1936 laufen und 1936 eine neue Konferenz einberufen werden foU. 3m einzelnen wird dann vorgeschlagen:

Ein Abkommen soll nicht nur über die Höhe der G e s a m t t o n n a g e der einzelnen Länder, sondern auch über die Größe der Schiffe der einzelnen Kategorien und die Höhe der jedem Land für die einzelnen Kate­gorien zustehenden Tonnage erzielt werden. Die britische Regierung lehnt für Großkarnpf- schisse, Flugzeugmutterschiffe uno Unterseeboote das Üebertragungsrecht ab, würde aber einer Uebcrlragung eines zu bestimmenden Pro­zentsatzes aus der Klasse der mit 21 Zentimeter bewaffneten Kreuzer in die Klasse der 15-Zenü- meter-Kreuzer zustimmen.

Die britische Regierung schlägt weiterhin vor, daß die im Washingtoner Vertrag festgesetzte

Anzahl von Großkampsschiffen bereits 18 Monate nach der Ratifizierung des aus der Londoner Konferenz sich ergebenden Vertrages erreicht werden soll, anstatt 1936. Großbritan­nien tritt weiter unter Beibehaltung des Wa­shingtoner Kräfteverhältnisses für eine Ver­minderung d er Größe der Groß- k a rn p s s ch i f f e von 35 000 auf 25 030 Tonnen und Herabsetzung der Geschütz stärke von 42 Zentimeter auf 30,5 Zentimeter ein, sowie für eine Verlängerung der Le­bensdauer von 20 auf 26 Jahren. Es be­grüßt ein Abkommen, das die völlige Ab­schaffung der Grohkampfschifse er­möglichen würde.

Für Flugzeugmutterschiffe wird für Großbritannien und die Vereinigten Staaten eine Gesamttonnage von je 100000 Tonnen an Stelle 135 000 Tonnen des Washingtoner Ver­trages vorgeschlagen. Als höchste zulässige Größe werden 25 000 Tonnen sowie einer Verlängerung der Lebensdauer von 20 auf 26 3ahre empfohlen.

3n der Kreuzerfrage wird an Stelle der bisherigen Zweiteilung eine Dreiteilung vor­geschlagen: a) 10 000-Tonnenkeeuzer mit 21-Zenti- metergeschühen, b) Leichte Kreuzer mit 15-Zenti- metergeschützen bis zu Größen von 6300 bis 7000 Tonnen, c) Kreuzer unter 6000 Tonnen.

Als Höchstgrenze für Zerstörer- Führer­schiffe wird 1850 Tonnen, für Zerstörer 1500, als

stärkstes Geschützkaliber für beide Typen 12 Zenti­meter vorgeschlagen. Das auf 200 000 Tonnen angesehte britische Bauprogramm für Zerstörer könne herabgesetzt werden, wenn die Un­ter s ee b o o t s f o r de r u n g e n anderer Mächtevermindert würden. 3n der Unter­seebootfrage will Großbritannien sich auf eine Verteidigungsstaffel beschränken und die Größe der U-Boote soweit als möglich verringern.

Wenn die in der britischen Denkschrift zur Frage der Seeabrüstung gemachten Vorschläge angenommen werden, so werden innerhalb von 18 Monaten fünf Kriegsschiffe außer Dienst gesteUt werden. Rach Ansicht der britischen Sachverständigen stellt dies das Höchstmaß an Entgegen,kommen dar, mit dem sich Großbritannien im Interesse der Sicherheit und Aufrechterhaltung des Gleichge­wichts der Kräfte einverstanden erklären kann.

Amerikas Vorschlag.

Frankreich unangenehm berührt, Italien hocherfreut, für Japan unannehmbar.

London, 8. Febr. (WTB. Funkspruch.) Hebet die amerikanische Denkschrift scyreibt der Korre­spondent desDaily Telegraph": Diese Denk­schrift ist wegen einer in Washington vorge­kommenen Indiskretion mindestens 24 Stunden früher als vorgesehen, ausgegeben wordew Die französische Delegation ist von der ame- rikanischen Denkschrift nicht angenehm be­rührt. Die Franzosen haben den Eindruck, daß durch das energische Vorgehen Hoovers d i e Initiative auf die Vereinigten Staaten oder vielmehr auf die angelsächsischen Delegationen übergegangen ist. Die italieni­schen Delegierten sind dagegen erfreut, weil. Frankreich jetzt seine Tonnagezahlen mit­teilen muh, und weil sie in der amerikanischen Denkschrift eine Verteidigung der italienischen Relativitätsdoktrin erblicken.

Die japanischen amtlichen Kreise befleißi­gen sich einer gewissen Zurückhaltung. Der Vor­schlag, nach dem Großbritannien, die Vereinig­ten Staaten und Japan fünf bzw. drei und ein Panzerschiff abschaffen sollen, würde, obwohl sie auf dem Papier Japan zu begünstigen scheine, das Gleichgewicht der japanischen Flotte zerstören. Man glaubt, daß die Vorschläge in ihrer gegenwärtigen Form für Japan unannehmbar sind.

Deutsche Schulnot in polen.

Minderheitenpolillk Des Warschauer Unterrichtsministeriums

W a r s ch a u, 7. Febr. (WTB.) Irn Sejm wieS der deutsche Sejmabgeordnete U11 a auf das krasse Mißverhältnis hin, das zwischen den kul­turellen Bedürfnissen der deutschen Minderheit und den Leistungen des polnischen Unterrichts­ministeriums besteht. Seit der Errichtung des polnischen Staates seien in Kongreßpolen allein über 400 deutsche Volksschu­len geschlossen worden. Der Zustand im deutschen MinderheitZschulwesen sei unerträg- l i ch geworden. Die Schulbehörde Widers« tze sich den Vorschriften der Verfassung und die deutsche Bevöllerung suche vergebens bei der Regierung Berücksichtigung ihrer berechtigten Forderungen. Die deutsche Bevöllerung werde ge­nötigt sein, die Verteidigung ihrer tulturettcni Rechte vor ei°nem anderen Forum führen.

Württemberg und Baden.

Karlsruhe, 7. Febr. (WTB.) 3m badi­schen Landtag wurde die Frage der Ver­einigung Badens und Württem­bergs angesch.itten. Innenmin.stir Wilte- mann führte u. a. aus: 3m 3ntcreffe Badens dürste die Vereinigung mit Württemberg in einem gegebenen Zeitpunkt und unt?r gegebenen Umständen geboten sein. Run ist es aber nicht so, daß wir einen Fußfall tun müßten, damit uns Württemberg ausnimmt. Das badische

Herbst in Apulien.

Von Albert H. tausch.

v.

Trani.

Von allen apulischen Städten an der Adria ist mir Trani von jeher die liebste gewesen. Sie war mir nah in eben dem Augenblick, m dem ich sie vor vielen Jahren zum erstenmal betrat. Aus Neigung wurde Liebe, und wenn mich heute mein Weg nach Ost-Apulien führt, nehme ich sie zum Mittelpuntt meiner Wanderungen und Ausflüge. Sie ist unendlich liebenswürdig, endlich gastfreund­lich. Sie ist sehr zurückhaltend und vornehmen Ge­präges. Sie ist dieses letzte gewiß nicht das ge­ringste sehr schön.

Wir kamen abends kurz nach sieben in Trani an und wohnten in dem reizenden, kleinen Albergo Italia. Es ist das angenehmste Gasthaus der Küste: mit Liebe gehalten, mit Liebe der Zeit angeglichen, ohne daß ihm dadurch seine be­sondere Art genommen würde. Es mag sein, daß der in Geschäften reifende Kaufmann lieber in Bari wohnt: es wird immer genug Freunde und Lieb­haber des apulischen Landes geben, die dieses stille Haus in der stillen Stadt den geräuschvolleren Gast­höfen Baris vorziehen. Da ist kein Vestibül, in dem irgendwelche Menschen hin- und herrennen, da sinh keine großen Räume, In denen alle zu Hause fiift) und keiner: da ist ein ruhiger Speisesaal mit ge­wölbter Decke, gant in Weiß gehalten, von dem man bis in die Käme hinein sehen kann (man hört das Herdfeuer prasseln) und weite, hohe, helle Zimmer, in denen man gerne verweilt, wenn man nicht unterwegs ist. Zimmer, in denen man lesen, arbeiten, schreiben kann wie bei sich zu Hause, Zimmer, in die das Geräusch des Straßenlebens anregend, nicht störend eindringt. Da ist eine Sau­berkeit, die verwöhnt, und ein Betreut- (nicht Be­dient-) werden, das es in keinem größeren Hause mehr gibt, weil das ewige Gehn und Kommen der Fremden gleichgültig macht gegen die einzelne Per- fon. Da ist ein alter Kellner in Frack und weißer Binde möge er noch ungezählte Jahre dadleiden der eine Würde hat, von der mancher der Gäste lernen könnte. Kein Wort zu viel, kein Wort zu wenig und nicht mehr Beflisienheit, als man sich selber wünscht.

Wir blieben lanae bei Tisch. Der schwere, dunkel- braune Moscato, der berühmte Wein von Trani, füllte unsere Gläser, füllte und weitete unsere Laune bis zu lauter Lustigkeit. Die Fenster standen ein wenig geöffnet, die Stimmen der auf- und abwogen.

den Menge auf der Straße drangen in unser Lachen hinüber. Einmal erscholl Musik, von weitem her, und wurde bald wieder von der lauen, schwülen Nacht verschluckt. Hellblaues Wetterleuchten klaffte aus Wolken, die vom Meere herangezogen und sich zu Bergen ineinanderschoben. Obwohl Gewitter drohte, konnten wir es uns nicht versagen, noch spät bis zum Dom am Meer hinunterzugehen. So hell- erleuchtet die Hauptstraßen waren, so düster waren die Gassen. Welches Gewirr von engsten, aber tau­beren Gassen in dieser kleinen Stadt! Welche Bogen­gänge, Binnenhöfe, Treppenläufe unter Arkaden, bis hoch hinauf in die oberen Geschosse. Welche Loggien und Balkone. Wie kühl muß es in diesen uralten Gebäuden, die oft genug anPalazzi" ge­mahnen, im Sommer sein .. wie wenig müssen ihnen die Winterstürme der Adria anhaben können ..

Durch die Oesfnung eines Vicolo traten wir auf den freien Platz am Meer, der die Kathedrale trägt. Ihr schmaler fteilragenber Glockenturm stand, umflammt von hyazinthblauen Blitzen, gegen den drohenden Nachthimmel. Im Hohlen seiner schlan­ken, romanischen Fenster, fingen sich die blauen Feuer. Sie glitten hastig, unaufhörlich, über die bleiche Fassade, küßten die traumhaften Säulen und Knäufe der Rundbogen einer früheren Loggia, welche jetzt als Blenden neben dem Hauptportale in der Mauer ruhen, und zauberten immer wieder nur sekundenlang die überreichen Steinranken und Tierornamente des Eingangstores, ja selbst das Filigran- und Figurenwerk der berühmten Bronze- türe in das gebannte Auge .. Sie liefen die Stufen der breiten Freitreppe hinunter bis auf die seitliche Mauerbrüstung, die niedrige, die auf das Meer weist. Welches Me«r in dieser herbstlichen Gewitter- nacht. Die warmen Winde stöhnten, seufzten über den fiebernden Wogen, die stahlblauen Schwerter rifjen die entferntesten Horizonte auf, ihr jäher Glanz funkelte in Wellenmulden nach, lief gegen die Ufer mit und zerbrach an der Böschung .. Die langhintrommelnden Donner kamen näher .. Wir wandten uns zur Heimkehr. Zu spät. Der Wolken­bruch überraschte uns an der ersten Straßenecke. Wir flüchteten in einen Binncnhof. Fast eine Stunde lang wütete das Wetter. Dann erst konnten wir uns durch triefende Gassen nach Hause tasten. Die Schritte hallten an den toten Wänden. Kein Mensch war um diese Stunde noch draußen. Es war lange nach Mitternacht. Als wir vor unserem Gaschos angekommen waren und die Blicke aufwärts wan­den. sahen wir, daß Sterne funkelten Die Lust war stark und wunderbar belebt. Die feuchten Palmen­wedel vor S. Francesco schlugen im reinen, ge­kühlten Wind. Schweres, bröckelndes Gold, hingen

| die Sterne im Nachtraum.

I In der Frühe des nächsten Tages faß ich an der

Südostseite des Hafens, da, wo man den Blick auf die gefüllteste Schichtung der Häuserwände und der Dächer des alten Trani hat. Es war ein heißer, dunkelblauer Frühlingsmorgen. Goldbraune Segel lagen zur Ausfahrt bereit. Mich hielt das weiße und gelbe Gewühl des Hafenbogens .. Immer wie­der: Levante .. Orient ..

Dann ging ich hinüber in den schönen,, stillen Park, in dem die dunkelblauen Winden blühten .. Und blieb an der blendenden Steinbalustrade, dicht über dem Meere .. Dergißmeinnichtspiegel. Soll ich hinausrudern? Nein. Ruhen am Rande. Blaue Winden bis auf meine Schläfen niederhängend Süße Kelche mit hellroten Zungen. Hauchend gegen glücklichen Mund.

Abenteuer des Fallschirmspringers.

3n unserer unromantischen Zeit ist der Be­ruf des Fallschirmspringers einer der wenigen, die in den Augen der großen Menge noch mit dem Reize des Geheimnisvollen umkle'.det sind. Daß man es aber auch hier mit ganz natür­lichen Dingen, mit einer Auswirsiing Physi- | kalischer Gesetze zu tun hat, die sich trotz aller ge­fährlichen Zufälle in hohem ®ra'>e vorhersehen und beherrschen lassen, davon plaudert John Tranurn, der 3nhaber der Weltmeisterschaft für Falsichirrnabsprünge, in einer englischen Zeit­schrift.Gewöhnlich stellen sich die Leute einen Fallschirmspringer als eine Art milden Geistes­kranken vor und sind dann ganz überrascht, in ihm einen Mann zu finden, der Fallschirme genau so prüft wie ein 3ngenieur eine neue Maschine und ebensowenig an seinen Ruhm und an Sen­sation, sondern an die Festlegung wissenschaft­licher Tatsachen denkt. SS würde töricht sein, wenn ich versichert«, daß das Fallschirmspringen eine ganz sichere Angelegenheit ist und nicht mehr Wagemut und Geschicklichkeit erfordert als der Sprung von einem fahrenden Omnibus. Am dichtesten hat mich der Tod bei einem Sprung auf einem 3ahrrnarkt in Amerika gestreift. Einer meiner Tricks bestand darin, ein Seil im Mittel­punkt des Fallschirmes zu befestigen. Rach mei­nem Absprung zog ich diese Leine, bis der Fall­schirm wie ein leeres Eiscreme-Hörnchei aus­sah. Dann, nachdem ich einen Teil meines Falles in dieser Weis« zurückgelegt, ließ ich die Leine loS, um in der normalen Weise herabzufallen. Aber an diesem Tage kam es anders: das Seil in der Mitte riß, verwickelt« sich und verhinderte das Deffnen d«S Schirmes. Zum Unglück war die Stelle deS Schadens 4 Meter über mir und ich fiel mit unglaublicher Geschwindigkeit immer tie­

fer der Erd« zu. Da gelang es mir glücklicher­weise, mich an den Stricken hochzuarbeiten, den hindernden Knoten.zu lösen. Avrr ich landete mit einem Ruck, der a'le meine Knochen durcke.n- anderwarf. Einmal habe ich eine Fall'chirm- springerin gerettet, deren Fallschirm an dem Flugzeug hängen geblieben war und sich nicht öffnen konnte: sie selbst hing ar.gcflammert an seinem Ende. Cs gelaig mit, zu ihr hinabzu- Hettern und sie aus ihrer gefahrvollen Lage zu befreien, indem ich sie ins Flugzeug hinein- holte. Wiederholt habe ich mitten in der Luft meinen Fallschirm mit dem eines andern Svrin- gers getauscht, was ganz abenteuerlich klingt, in Wirklichkeit aber ein Kinderspiel ist, und an­dere Dummheiten im Flug ausgeführt. Schwierig ist auch in meinem Beruf, wie in allen Dingen, der Anfang. Beim ersten Versuch eines Ab­sprungs sind die empfangenen Eindrücke alles andere als angenehm. Ich habe Anfänger ge­sehen, die die gräßlichsten Grimassen zogen, wem sie sich dem, was sie für den sicheren Tod hiel.en, entgegensa'len ließen. Aus dem Scha'ott kann ein zum Tode Geführter keine größere Todes­angst in den Mienen zur Schau tragen. Einig« starren wie gebannt zur Erde wie ein Vogel auf eine Schlange, andere bissen die Zähne zu­sammen und schlendern sich hinaus, während noch andere mit einem Blick auf ihre zurückbleiben- den Kameraden sich einfach loslasien. AUe aber sind eine Deute einer krankhaften Hysterie, die sie alles vergessen läßt, was sie in 10 bis 12 Wochen des Unterrichtes auf der festen Erde gelernt haben. Wenn sie aber erst einmal ihren ersten Sprung hinter sich haben, dann lachen sie über ihre Aengste. Ein regelrechler Fallschirm­absprung muß sich folgendermaßen vollziehen: Rach einem Blick auf das Gelände unten und Abschätzung der Entfernung, was gar nicht schwer und Uebungs'ache ist, stößt man sich ab und springt Dom Flugzeug. Man wird nicht, wie oft geg'aubt wird, zunächst rundum gewirbelt, son­dern fällt gleich in der naturgemäßen Lage des Falles, d. h. kopfabwärts. Eine andere Möglich­keit für den Fall gibt es gar nicht. Wenn man sich von der Flugmaschine losgemacht hat, muß man den Oeffnungsring des Fallschirmes, der bei allen modernen Apparaten am Sih angebracht ist, ziehen. Durch diesen Zug löst sich die Der- scknurung des Fallschirmes, und «s geht in lu­ftiger und sicherer Fahrt abwärts zur Mutter Erde. Sobald sich der Fallschirm geösfnet hat, nimmt der Flieger eine aufrechte Stellung ein. Ich habe an viele Dinge während meines Flu­ges gedacht, aber nie mir darüber Gedanken ge­macht. waS bei der Landung geschehen würde.*