Ausgabe 
6.10.1930
 
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Tagung des hessischen Handwerks und Gewerbes.

(Eigener Bericht desGießener Anzeigers".)

Die Stabt Alsfeld war am Samstag und gestern die Stätte einer bedeutsamen Tagung: des diesjährigen HessischenHandwerker- und Gewerbetages. Don der Bevölkerung der Stadt und ihrem Bürgermeister Dr. B ö l - sing als Vertreter der Stadtverwaltung wurde den Gästen ein herzlicher Empfang bereitet, der sowohl in der organisatorischen Vorbereitung wie auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Be­reicherung der Tagungsstunden überzeugend zum Ausdruck kam. Den umsichtigen Gastgebern wurde denn auch am Schlüsse der Tagung verdienter­maßen Dank und Anerkennung ausgesprochen.

Oer Begrüßungsabend als Auftakt.

Aach der Tagung des Landesausschusfes am Eamstagnachrnittag, die hauptsächlich der Vor­bereitung der Hauptversammlung galt, fand am Samstagabend im großen Saale desDeutschen Hauses" bei starker Beteiligung ein B e - grüßungsabend statt. Der Saal war bis auf den letzten Platz beseht. Das reichhaltige Unterhaltungsprogramm wies in bunter Ab­wechslung Darbietungen der Gesangvereine Liederkranz" undHarmonie", sowie des Als­felder Turnvereins, ferner mehrere lebende Bil­der auf, von denen namentlich das letzte Bild, die Huldigung des Handwerks an den Reichs- prasidenten von Hindenburg, stürmischen Beifall fand. Glasermeister L e n t h als Vorsitzender des Ortsgewerbevereins Alsfeld begrüßte in kernigen Worten die Gäste. Ministerialrat Hechler. Darmstadts als Vertreter des Hessischen Mini­steriums für Arbeit und Wirtschaft überbrachte dessen Grüße. Bürgermeister Dr. Völsing sprach namens der Stadtverwaltung, gab seiner Freude über den guten Besuch der Tagung Aus­druck und begrüßte besonders die Vertreter aus dem befreiten rheinhessischcn Gebiete. Es sei auch eine selbstverständliche Aufgabe der Gemeinden, das Handwerk zu fördern, dem er wieder bessere Zeiten wünschte. Rarnens der Handwerkskammer überbrachte deren Vorsitzender A o h l, Darmstadt, Grüße zu der Tagung, die in eine außerordent­lich schwere Zeit der Wirtschaftskrise falle. Den Höhepunkt des Abends bildete die glänzende Aufführung des 6. Aktes mit Schwerttanz aus dem Festspiel zur 700-Iahrfeier der Stadt Als­feld:Im Sturm des großen Krieges" von Oberreallehrer Karl Dotter, das teilweise infolge des stürmischen Beifalls wiederholt wer­den mußte. Die entsprechende musikalische Um- rahmung des Abends hatte das unermüdliche Alsfelder Zugendorchester unter Leitung von Oberreallehrer Dotter übernommen, der sich seiner Aufgabe vortrefflich entledigte.

Oie Hauptversammlung fand am gestrigen Sonntag vom Vormittag bis in den Nachmittag hinein im großen Saale desDeut­schen Hauses" statt. Mehrere hundert Vertreter des Handwerks und Gewerbes aus dem ganzen Hessen­land: insbesondere natürlich viele aus Oberhessen, füllten den großen Saal und die Empore bis zum letzten Platz.

Oie Eröffnung.

Der Vorsitzende des Hessischen Handwerker- und Gewerbsverbandes, N o h l (Darmstadt), begrüßte in feiner Eröffnungsansprache besonders die Behörden­

oertreter und die sonstigen Ehrengäste. Dann be­tonte er, daß man der Wirtschaft trotz aller War­nungen zu viel zugemutet habe, und auch das Hand­werk jetzt verzweifelt um sein Bestehen ringe. Er sagte dann u. a. weiter:

Man hat feit der Umänderung unserer Staats­form zu viel Gesetze gemacht, die zur Lahm- legung der Wirtschaft führen muhten.

Wir haben uns Wohlfahrtseinrichtungen gegen den Willen der Wirtschaft gestattet von einer Ausdehnung, die sich nur ein Staat erlauben kann, der über viel Geldmittel verfügt. Es war, als wenn wir den Krieg gewonnen hätten. Man dachte zu wenig an die Beschaffung von Arbeit für das Volk. Die Einrichtung der Wohl­fahrt war die Hauptsache. Die Reichsregierung sucht nun allerhand Auswege. Da erschien als erstes wieder die Preissenkung in der Wirtschaft und im Handwerk. Die Reichsbahn erhöhte ihre Tarife, und dem Handwerker, der für die Reichsbahn Arbeit liefern wollte, wurde zugemutet, wenn er als billigster bei den Sub­missionen auf Arbeiten reflektierte, nochmals einen ganz unerträglichen Rachlaß einzugehen. Also wieder und immer wieder wird am Klei­nen angefangen, und die eigentlichen Urheber der Heberteuerung, Syndikate, Trusts usw., wer­den geschont. Wo es galt, haben wir uns ein­gesetzt für den von uns vertretenen Berufsstand. Unaufhörlich haben wir vermittelnd zwischen Handwerk und den maßgebenden Stellen gestan­den, aber e i n Berufsstand allein ist ohnmächtig gegen die Entwicklung eines solchen Rieder- ganges. Wir wissen, wie schwer es jedem ein­zelnen unserer Standeskollegen sein wird, sich und seine Familie in diesen ungeheuerlichen Zeiten zu ernähren. Wir sehen zwar mit großem Bedenken den kommenden Monaten entgegen, verlassen uns aber auf uns selbst. Rur stellen wir die Forderung, daß

zur allmählichen Beseitigung der enormen Schuldenlasten des Reiches, des Staates und der Kommunen äuherfte Sparsamkeit im haus­halt geübt wird. Die Steuergesetzgebung muh vereinfacht und so gestaltet werden, dah die Lasten gleichmähig und gerecht verteilt sind.

Heute dreht es sich noch um die E r h a lt u n g unseres Eigentums. Das Handwerk muß in diesen schweren Stimden zusammen stehen und seine Geschicke selb st in die Hand nehmen. Der Ruf nach Besonnenheit in de r A o t soll uns vernünftig machen. Mit festem Arbeitswillen wird das deutsche Hand­werk sein Schicksal -auch in Zeiten dieser Rot mei­stern, wenn es geschlossen zusammen- st eh t. Durch seinen Fleiß und Arbeit sollen auch wieder bessere Tage kommen, nicht nur für bas Handwerk, sondern für das gesamte deutsche Vaterland.

Hierauf übermittelte Ministerialrat Hechler. (Darmstadt) die Grüße und besten Wünsche der Regierung.

Kreisdirektor Dr. Stammlur (Alsfeld) be­grüßte die Tagung namens des Kreises Alsfeld würdigte die große Bedeutung des Handwerks und Gewerbes für die Volksgesamtheit in tref­fenden Worten und schloß mit besten Wünschen für den Handwerker- und Gewerbestand. ^.Bürgermeister Dr. Völsing (Alsfeld) hieß die Gaste im Aamen der Stadt Alsfeld will- kommen, wies darauf hin, daß in Alsfeld von

jeher Handwerk und Gewerbe Mittelpunkt des kommunalen Lebens seien, und begrüßte es mit Genugtuung, daß Handwerk und Gewerbe zu dieser Tagung nach Alsfeld gekommen seien. Er bezeichnete die Tagung als eine R o 11 a g u n g , die aus der Rot der Zeit entstanden sei und wünschte, daß die Beratungen den Teilnehmern einen Lichtblick geben möchten.

Rach kurzen Dankesworten des Verbandsoor- sihenden folgten die Hauptberatungspunkte.

Oie Vorträge.

Zunächst sprach Dr. Wagner (Marburg) über dieBe deu tung und Aufgaben des deutschen Handwerks in der wirt­schaftlichen und politischen Krisis der Gegenwart". Rach einem Rückblick auf die Entwicklungsgeschichte des Handwerks seit der Mitte des vorigen Iahrhunderts kam der Redner zum Kernproblem seines Themas.

Er hob eindringlich die Rachteile der Tatsache hervor, dah der gewaltigen vereinigten Macht der Kartelle, Trusts und Syndikate der Mittelstand noch immer als einzelner gegenübersteht.

Sodann nahm er Stellung gegen die Betätigung der öffentlichen Hand in der Wirtschaft, schilderte die große Bedeutung des Mittelstandes und des Handwerks für das Volksganze und warnte, den Mittelstand noch tiefer herabzudrücken, da unser Volk dann schließlich beim Bolschewismus enden werde.

Aus wirtschaftlichem und standespolitischem Wege müsse das Handwerk sich aus der Rot der Zeil herausarbeiten.

Zu diesem Zwecke empfahl der Redner in wirt­schaftlicher Hinsicht unbeöyigte Einigkeit im Hand­werk und Zusammenschluß in Handwerker-Ge­nossenschaften. Standespolitisch sei der Mittelstand aus das Beispiel der Gewerkschaften hinzuweisen. Handwerk und Gewerbe müßten sich eine feste standespolitische Organisation schaffen und diese in die Waagschale werfen.

Standespolitik müsse über Parteipolitik gehen. Mißgunst und Berufsneid seien im Handwerk und Gewerbe zu unterdrücken. Der Mittelstand könne nur weiter existieren, wenn er solidarisch sei und seinen Führern folge. Rur auf der Grund­lage eines festgefügten Mittelstandes könne unser Volk auf die Dauer bestehen. Darum sei im ge­samten Volksinteresse die Erhaltung und Aus­breitung eines gesunden Mittelstandes notwendig.

Der zweite Redner.

Als zweiter Redner sprach Syndikus Dr. Vier­rath- Berlin überAufstieg oder Nieder- gang, Schicksalsfragen d e s deutschen Handwerk s". Der Redner polemisierte in schar­fer Form gegen die Politik im vergangenen Jahr­zehnt und betonte, die bisherigen Kabinette hätten uns mehr hineingeritten, als geholfen. Diese Politik werde heute noch getrieben, und dabei gehe das Volk zugrunde. Sodann steigerte der Redner seine Vorwürfe gegen das parlamentarische System und gegen die führenden politischen Kreise weiter, worauf derRegierungsvertreterMinistcrial. rat Hechler den Saal verließ. Der Redner betonte dann u. a., wenn der Mittelstand bessere Zeiten herbeiführen wolle, bann müsse er hinein in die Stellen, wo Einfluß vorhanden sei.

Der Mittelstand dürfe nicht nur an sein Geschäft denken, sondern müsse auch am Staat und im kommunalen Gemeinwesen Mitarbeiten.

Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen beschäf­tigte sich der Redner u. a. mit der Auswirkung der Beamtenbesoldungs-Erhöhung von 1927, mit den Lohnsteuersenkungen und mit dem Anwachsen der

31. Fortsetzung.

Nachdruck verboten.

Helene Chlodwigs Schuld und Sühne. Roman von 3- Schneider-Foerstl.

Llrheber-Rechtschutz durch Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.

Traumhaft scheu erglühten die Christrosen unter der Decke des Schnees, die der Himmel als schützender Mantel über sie warf. Mit zagen ^Fingern brach sich in Frankes Herzen das Hoffen Bahn und grub sich durch Zorn und Groll den Weg zur Liebe, der solange verschüttet gewesen war. 3n sich hineinhorchend dachte er den Wor­ten der Mutter nach:Sie hat dir alles über­lassen und nichts für sich behalten. Gibt dir das nicht zu denken?"--llnö weiter hatte sie ge­

sagt:Wenn du den Brief in Ruhe liest, mußt du doch fühlen, daß er unter unsäglichem Leid geschrieben ist."

.Unter unsäglichem Leid!"

Helene, was liegt zwischen uns?--Zum

Ersten Male kam es ihm zum Bewußtsein, daß etwas zwischen ihnen sein mußte, was sie von­einander getrennt hatte. Ihr Bries ruhte seit zenem Tage in seiner Brieftasche verborgen. Unleserlich, in der Schwärze der darübergeflos- lenen Tinte, war doch jedes Wort in seinem Erinnern geblieben:Ich nehme alle Schuld auf nnch. Du kannst mich wegen böswilligen Ver- lassens anklagen und wirst das Gesetz immer aus deiner Seite finden."

Das Gesetz! Lächerlich! Was hatte das Ge- fetz mit ihrer und seiner Liebe zu tun?

Sollte dir Bert einmal lästig fallen, so bringe ihn mir. Meine Arme sind immer für ihn gc- öffnet! 2Eit tausend Wonnen, Just!"--Mit

taufenö Wonnen! So sehr liebte sie Ihn! Und trohdeni ihr Verzicht:Ihn überlasse ich ganz deiner Liebe und Sorge. Ihm schenke ich nichts ^ge.ihm, dah ich es bis zum letzten BluEtropfen für ihn zu verströmen be- reit bm. Etwas Besseres habe ich nicht zu geben.

Helene, pur ein einziges klares Erkennen das deine Worte enträtselt. Warum entsagst Äer alles liebst? Warum ver» bannst du dich selbst, wenn deine Seele sich dabei verblutet? J

'-Do? dir^ mein Iust, knie ich und danke dir für die sechzehn Iahre des Glückes! Für jede Stunde der Liebe und Seligkeit, die mir an deiner Seite wurde!

Helene, war ich denn verblödet, dah ich aus diesen Worten nicht den Schrei der Sehnsucht horte, der von deinem zu meinem Herzen rief? War ich denn so von jedem Gott verlassen, dah ich nur meiner Qual gedenkend, die Verzweif­lung deiner Seele nicht fühlte und dich der Sünde zieh, ein dirnenhaftes Weib zu fein? Unö hast mich doch deiner Liebe und Treue bis ans Ende versichert?

Draußen ging der Sturm zur Ruhe. Klein- Iust sprach zuweilen im Traum. Sein ruhig klopfendes Herz wußte nichts von der Qual des anderen, das Seite an Seite mit ihm schlug.

Helene, wo finde ich den Weg, der mich bis r sührt, die dein Geheimnis ver­

schließt? Ich will sie erbrechen und stünde Mord und Blut dahinter.

Von dem Ietzt rannen seine Gedanken in die Vergangenheit zurück, in die Tage ihrer kurzen Brautzeit. Sie lehnte im Garten an seiner Schul- klagte:Du hast mich'krank gemacht! Vielleicht muh ich sterben daran!"

Stand er nicht hier schon an der Schwelle des großen Rätsels? Wie ein Pfeil schoh baß Er­innern auf an jenen Morgen, wo sie ihm, bleich toie_ der Tod, entgegengekommen war. Sie war verändert gewesen wie ein Mensch, der inner­halb vierundzwanzig Stunden ein anderer ge- tooröen ist:Ich habe mich an einer Schnur ge­würgt sie rih." Und dann das schaudervolle Bekenntnis:Ich habe es selbst getan, weil ich unheilbar krank bin.

Unheilbar krank!

3$ Rarr!" Der kleine 3uft schrak jäh auß feinem Traum empor. Franke drückte ihn sachte wieder zurück. Er hatte ihre Worte streng sachlich genommen und sie die Aermste hatte von dem Siechtum ihrer Seele gesprochen.

ou mein armes, gehetztes Weib!" Welche Last schleppte sie neben ihm her durch alle die 3ahre, an welchen sie Seite an Seite mit ihm gegangen war?

llnö toieöer suchte und suchte er und fand Die Türe nicht zu dieser allerletzten Kammer, bis an deren Schwelle er vorgedrungen war.

llnö wieder bohrte er sich den Weg in die Vergangenheit. Zäh und verbissen überdachte er die Stunden vom ersten Male seines Zu« sammentreffens mit ihr: Die Fahrt herüber

Dolepp, wie sie am Waldsaum das weihe Tuchlein flattern lieh.

Aversons Gesicht tauchte im jähen Schüsse auf und versank wieder.--Der nicht' __

war treu! 3hr Freund und seiner! Ein ?er cmen Mann beschmutzte wie diesen. t ^min? ~ Wie ein Peitschenhieb fuhr es über ihn hin, dah sich fein ganzer Körper bäumte.

rnach der Grohmama, fühlte W zuruckgedrängt und murmelte unverständliche Worte tn das Kissen. Franke krallte die Finger in das Leinen und biß in die Lippen, bis er u3lut verspürte.3ch bin schon einmal verhei­ratet gewesen!

Selene, in diesem kurzen Geständnis jener Vormittagsstunde liegt dein Geheimnis ücr- Eert. Hier begann ihre Lüge! Hier Wahrheit ab und ging Öen

OSeg öer Schuld und des Betruges, der Zuletzt u ®Den9eftrul)l> der Verzweiflung endete. Und aus dem es keine Rettung mehr gab von ihm zu trennen. ' ii. RQDort^.l8re£ Briefes glaubte er nun Jinrote butter hatte geurteilt wie eine S* Herrn. Er war unter unsäglichem Leid

geschrieben und seine Seele hatte die Qual der ihren nicht geahnt.

Hnd sie, die arme verzweifelte Frau, hatte wohl Stunde um Stunde gewartet, dah er käme! Daß er frage! Dah er sie zurückhole in seine Arme, heim zu sich und den Kindern! Und nichts von alledem hatte er getan! Wie ein gekränkter Pascha hatte er hier auf Rottach-Berghof ge- selien und hatte sie ihrer Rot und Verzweiflung überlassen, als ob es sich um eine Fremde, Un­geliebte handle und nicht um das Weib, das sechzehn 3ahre lang in Treue an feiner Seite gegangen war.

Älein-^uft fühlte sich plötzlich aus feinem Kinderschlaf gerissen und mit Küssen überschüttet. Lächelnd hob er die Arme und schlang sie um Den Hals des Mannes, der ihn immer und immer wieder an seine Brust drückte.

Der Kleine lächelte noch, als das Köpfchen wieder gegen das Herz des Vaters gesunken war und dort liegen blieb bis zum Morgen, wo die helle, strahlende Wintersonne ihn aus weih­nachtsseligen Träumen weckte.

Gott, wie Papa schreibt!" sagte Sabine und Aich das Blondhaar aus der Stirne, um im Dacken zu knoten. Der Spiegel warf das Bild Hellas, die hinter ihr stand, zurück. Die Hände welche den Bogen hielten, zitterten leicht. 3hr Mund war zum Weinen verschoben und prehte sich hart aufeinander.

Wenn ich nicht solche Furcht vor ihm hätte! Einen, den man zum Schafott bringt, kann das Herz nicht ärger klopfen wie mir.

Er hat uns aber doch immer geliebt! Er war doch immer gut zu uns - früher wenigstens", mahnte Sabine.Dah er durch Huberts Unglück ein anderer geworden ist, darfst du ihm doch Nicht als solche Schuld anrechnen.

Ach du! Du betrachtest es eben nur von öcmem Standpunkt aus." Hella rief es in zor­niger Verzweiflung und Selbstanklage und blickte ans Fenster tretend, noch dem See, der in gleich­förmigen Wellen kreiste.Einmal!--Einmal

nur möchte ich noch--

»Was möchtest du denn, Hella? Sabine legte Die Hand auf die Schulter der Schwester und lehnte ihr Gesicht an deren Wange. Mit der Linken streichelte sie ihr den Arm herab.

Ohne sich umzusehen, den Blick noch immer auf Den See gerichtet, seufzte die Aelteste:Roch einmal so glücklich fein, wie ich es früher war"

Sabines Arme glitten herab.3ch begreife dich jetzt m so vielem nicht mehr."

Das glaube ich wohl! Aber lah nur!" Die 2^ere schob die Schwester heftig von sich: Ich habe es der Mama versprochen, daß ich nicht mit dir über all diese Dinge spreche die - ach Sabine! - Ich - Mit eben dem­selben Ungestüm, mit dem sie vorher die Schwe­ster von sich geschoben hatte, warf sie jetzt die Rrme um deren Hals und drückte das Gesicht gegen ihre Schulter.

Die Hände der Iüngeren streichelten immerzu über den blonden Kopf und hielten die Sech­

Gewerbesteuer usw., wobei er hervorhob, von Steuergerechtigkeit sei heute gar nichts zu spüren. Er übte bann scharfe Kritik an den außerordentlich hohen Sozialauswendungen, womit er aber gegen eine in vernünftigen Grenzen gehaltene Sozialfür- sorge nichts sagen wollte, und an dem ungeheuer­lichen Anwachsen der Verwaltungskosten. In diesem Zusammenhang sprach er von vier inneren Feinden: 1. die ungeheure Verwaltungsaufblähung, 2. das Rosen der Gefetzgebungsmaschine, 3. die lieber- spannung des sozialen Gedankens, 4. die Bewilli- gungssreudigkeit der Parlamente. Er nahm Stel­lung gegen die Ernennung von Beamten aus politischen Gründen auf Grund des Parteibuches und gegenden unheimlichen Bildungsfimmel". Er sprach sich nachdrücklich für den Grundsatz des Be­rufsbeamtentums und für entschiedenste Sparsam­keit in der Verwaltung aus.

vom Handwerk und Gewerbe müsse zur Durch­setzung seiner Forderungen Im Staate mehr Solidarilälsgefühl, der Ausbau feiner wirt­schaftlichen Macht durch Schaffung von Genossen­schaftsbanken, mehr Opfersinn gefordert werden.

Danebe müsse die Berufsausbildung noch besser wer­den, die Nutzbarmachung kaufmännischer Grundsätze im Betrieb, rationelle Ausnutzung des Materials und geschickte Reklame bei der Kundenwerbung seien weitere Erfordernisse. Die Handwerker und Gewerbetreibenden müßten ferner zuerst Kollegen und dann erst Konkurrenten, sie müßten eine Le­bens- und Schicksalsgemeinschaft von Persönlichkeiten sein. Auf diesen Wegen könnten sie auch mehr Macht im Staate erringen.

Aussprache.

Ministerialrat Hechler, der nach dem Vortrage von Dr. Vierrath wieder im Saale erschien, protestierte entschieden gegen die Ausführungen des Redners, dessengehässige und unverantwortliche Ausdrücke gegen die Reichsregierung und die Landes- regierung er entschieden zurückweise".

Dr. Vierrath gab seinem Bedauern darüber Ausdruck, daß bei dem Regierungsvertreter ein solcher Eindruck seiner Worte entstanden sei. Don Gehässigkeit sei ihm nichts bekannt, ihm habe auch jede Absicht der Kränkung, der Beleidigung oder Beschimpfung der Behörden und Regierungen fern­gelegen.

Ministerialrat Hechler nahm mit Befriedigung von dieser Erklärung Kenntnis, die es ihm ermög­liche, weiter an der Sitzung teilzunehmen.

Nach einer kurzen Verhandlungspause gab der Vorsitzende Nohl eine Erklärung ab, in der der Zwischenfall außerordentlich bedauert und erklärt wurde, daß das Handwerk, fine bisher schon, auch künftig die guten Beziehungen zur Regierung auf­recht zu erhalten wünsche. Nach feiner Ueberzeugung habe der Vortragende zwar temperamentvoll ge­sprochen, aber sicherlich niemand beleidigen wollen.

Oer JReR der Tagesordnung.

Der Vorsitzende R o h l erstattete sodann die Jahresberichte der Ausschüsse. Anschlie­ßend folgte eine Aussprache über die Vor­träge und die Ausschußberichte, in der den Dar­legungen des Vortragenden zugestimmt und die Berichte gutgeheihen wurden. Die Iah res» r e ch n u n g wurde nach der Prüfung durch den zuständigen Ausschuß gutgeheihen.

Anschließend berichtete Handwerkskammer­direktor Schüttler, Darmstadt, über eine -Reihe von Anträgen, die entsprechend Öen Ausschußbeschlüssen weiter behandelt werben sollen. Die Anträge haben u. a. zum Gegen- ftanö: Schärfere Bekämpfung der Schwarzarbeit, Schuh von Handwerk und Hausbesitz gegen die andauernde Erhöhung der Gemeindesteuern, Stel­lungnahme gegen die vermehrte Inanspruch- nahme der Sondergsbäudesteuer für allgemeine

zehnjährige umfaßt, bis sie wieder ruhiger ge­worden war.Wir müssen packen, Hella. Denke an morgen abend! Da holt uns Bödlinger mit &em Schlitten in Tegernsee. Freust du dich denn gar nicht auf zu Hause?"

Ich habe nur Angst! Solch unerklärliche 2Inglt. Ich springe noch in den See oder vom Balkon oder Sabine begriff nicht, warum öie Schwester plötzlich mit einem hellen Schrei nach dem Fenster zurückwich und abwehrend den Arm hob.

Im Rahmen der Türe stand Franke und sah nach den Töchtern hinüber. Der Hut, den er in ber Hand trug, kollerte zu Boden, so wild hatte Sabine sich an feine Brust geworfen:Vater! Sie hob das Gesicht und ließ die Augen über fein ergrautes Haar streichen. Ihr roter, weicher Wund blühte dem schmerzverzogenen des Mannes entgegen, der über sie hinweg nach seiner Aelte- sten sah, deren Gesicht blaß vom Fenster her- überleuchtete.

»Hast du meinen Brief nicht bekommen, Hella?

Sie stand wie angewurzelt. Rur ihre Augen schrien. Dann schob sich Fuß um Fuß, bis sie nur noch ein Meter Abstand von ihm trennte. 3hre Hand hob sich und glitt wieder an dem Zin.de herab. Seinen ganzen Anblick, jede Strähne ergrauten Haares empfand sie als eine Anklage. Sein leidgezeichnetes Gesicht, das von durchkämpften Rächten und durchgerungenen Ta­gen sprach, war ihr noch nie so erbarmens- unö liebenswert erschienen, als sie es jetzt vor sich^sah.

Ich bin schuldig geworden, Vater", stammelte sie leise. Sie bemerkte fein tiefes Erblassen und hob ihm bittend die Hände entgegen.Richt so. Vater! Richt so! Schuldig an dir!"

Er hatte den Arm zu spät nach ihr ausgestreckt. Sie lag vor ihm in den Knien und lehnte das Gesicht gegen seine Hüfte, fühlte seine Hand auf ihrem Scheitel ruhen und griff danach, um ihre Lippen Darauf zu pressen.

Sabine schlich sich wortlos aus dem Zimmer und drückte die Türe hinter sich zu. Was der Vater jetzt mit der Schwester zu sprechen hatte, sollte niemand außer ihnen hören.

Als sie nach einer Viertelstunde wieder zurück- farn, saß er auf dem kleinen Divan und sprach ruhig mit Hella, deren Blick mit hingebender Liebe und bedingungslosem Vertrauen an ihm hing.

Er winkte ihr zu und sagte gütig:Ihr fahrt morgen nach Hause. Onkel Averson kommt euch cni0c9®n. In München erwartet euch die Großmama."

Sabines Augen standen Dott weher Angst.

lst in guten Händen, Kind. Professor Klahn hat meine Ditte erfüllt und verbringt fein Weihnachten auf Rottach-Berghof. - Außerdem i]t auch Graf Donnerswoda feit vorigem Sonn­tag unser Gast.

Vater!" Sabine legte von rückwärts die Arme um feinen Hals und drückte ihr junges Gesicht an fein hager und bleich gewordenes.

(Fortsetzung folgt.)