Ausgabe 
6.10.1930
 
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..»viuuy, v. wiiOVCI 1930

Siegener Anzeiger (ivenerai-Aiizeiger für rvveryee>.,

Nr. 233 Zweites Blau

Das Krühstück von Bar-le-Ouc.

poincare la guerre."

Die bevorstehende Rückkehr Poincares in die aktive Politik Frankreichs hat längst ihre Schatten vorausgeworfen. Die inner- politifche Stellung des Außenministers Vriand war bereits vor Beginn der Genfer Böller» bundsarbeiten nicht.mehr sonderlich fest. Das Scheitern seiner Paneuropa-Pläne, denen be­kanntlich in Gens ein Begräbnis erster Klasse bereitet wurde, das Mißlingen der Flottenver­ständigung mit Italien und die Behandlung einer Reihe ooft eigentlichen Dölkerbundsangelegen» heiten hat die Position Driands in der fran­zösischen Oesfentlichkeit so sehr geschwächt, daß es für seine innerpolitischen Gegner, allen voran für Herrn Coty, eine Kleinigkeit war, ihm bei

PoincarS und Glemenceau, dessenjunger Mann" Tardieu lange Iahre hindurch gewesen ist, resultiert. Wenn aber der Friede zwischen diesen beiden Männern zustande gekommen ist, dann darf man gewiß auch ohne weiteres ver­muten, daß zwischen ihnen für die nächsten Monate sehr bestimmte innerpolitische Abma­chungen getroffen worden sind.

Sie dürften sich nicht nur auf die Ausbootung Briands beziehen, fondern auch wohl daraus, daß Poincare an der Spitze des französischen Kabinetts die Möglichkeit bekommt, seine Kandidatur für die Wahl des Prä­sidenten der Republik, die im Früh­jahr nächsten Iahrcs stattfindet, entsprechend vorzubereiten. Er hat eine solche Gelegenheit schon einmal, vor dem Kriege, mit all dem Ge»

Artstide Briand.

seiner Rückkehr nach Paris ein en unfreund­lichen Empfang zu bereiten. Da nun auch zwischen dem Ministerpräsidenten Tardieu und Briand starke persönliche und politische Kontro­versen bestehen. Tardieu also absolut kein In­teresse daran hat, seinen Außenminister länger zu halten, als das unbedingt erforderlich ist, muh man beim jetzigen Stand der Dinge damit rechnen, daß Briand in absehbarer Zeit aus dem Amte scheidet.

Das aber scheint geradezu eine der D o raus- f e h u n g e n für die Rückkehr Poincares in das politische Leben zu sein, und das geheimnisvolle Frühstück von Bar-le°Duc, an dem neben Poin­care noch Tardieu und der französische Kriegs­minister M a g i n o t teilnahmen, kann diese Ver­mutungen nur verstärken. Schon seinerzeit, als Poincare dem Präsidenten der Republik für seine Rachfolge Tardieu vorschlug, da er sich selbst den Anforderungen des Amtes gesundheitlich nicht gewachsen fühlte, ließ er keinen Zweifel dar­über, daß er zu gelegener Zeit selbst wieder an dessen Stelle zu treten gedenke. Der zähe Lothringer ist inzwischen genesen, und man darf wohl annehmen, daß er in Bar-le-Duc Tardieu an die Innehaltung der Abmachungen erinnert hat, die seinerzeit nach dem Sturz des Eintags­ministeriums Chautemps zwischen ihm und Poin­care getroffen wurden. Wenn Tardieu nun also augunften Poincares den Sessel des Minister­präsidenten wieder räumen muß, um sich mit dem bescheideneren Stuhl des Innenministeriums zu begnügen, so darf man wohl weiter annehmen, oaß beide endgültig ihren Frieden miteinander geschlossen haben. Denn sie waren in der Rach- rricgszeit oft einander sehr scharfe politische Geg­ner, was ja schon aus der Feindschaft zwischen

Raymond Poincarö.

schick und der kalten Lieberlegung wahrgenom­men. die ihm eigen sind. Aus jener Zeit, in der er vor dem Kriege Ministerpräsident war. stammt das geflügelte Wort:Poincarö 1 a guerre. Er hat das Versprechen, das in diesen furchtbaren Worten liegt, dann als Präsident der Republik eingelöst; er war der Kriegspräsident Frantreichs. Machen wir uns deshalb keine Illusionen darüber: ge­lingen die innerpolitischen Pläne Poincares und Tardieus, so werden wir uns innerhalb ver­hältnismäßig kurzer Zeit auf dem Felde der europäischen Politik wieder vor ähnlichen Zu­ständen finden, wie sie die Vorkriegszeit und ihre verhängnisvolle Entwicklung charakteri­sierten. Auf die Gegenwart bezogen bedeutet das, daß die französische Politik sich noch hart­näckiger als bisher an den Buchstaben von Verträgen klammern wird, deren Llner- füllbarkeit durch die wirtschaftlichen und poli­tischen Tatsachen der Rachkriegszeit längst er­wiesen ist. Es bedeutet, daß Frankreich jedem etwaigen Revisionsverlangen Deutschlands mit Einsatz seiner ganzen Kraft widersprechen wird, es bedeutet, daß die deutsche Forderung auf Abänderung der Ostgrenzen von der französi­schen Oesfentlichkeit noch zäher bekämpft werden wird, als das schon bisher geschehen ist. Poin­care - das ist heute nicht mehr der Krieg, sondern die Verewigung des Krieges, mit brutalen Diktaten, die nicht auf deutsche und europäische Lebensbedürfnisse, son­dern ausschließlich auf die französischen Hege­monialpläne zugeschnitten sind.

Es wird gut sein, daß wir uns in Deutschland rechtzeitig auf diese Tendenzen und ihre Ent- wicklunasmöglickkeiten einrichten. Wir müssen

uns klar darüber werden, daß der Abschnitt der Locarnopolitik mit der Rückkehr Poincares in das politische Leben Frankreichs endgültig ab­geschlossen ist. Wir müssen erkennen, daß die Verhältnisse, wie sie sich voraussichtlich schon in der nächsten Zukunft entwickeln werden, zwar nicht neue Methoden in der deutschen Außen­politik - sie werden diktiert von der macht­politischen Schwäche Deutschlands - wohl aber eine neue Dynamit erfordern. Wir müs­

sen uns weiter darüber klar werden, daß wir uns die Freiheit, die uns alle bisherigen Re- parationsverhandlungcn und Reparat onsobma- chungen schuldig geblieben sind, nur erkämpfen können, wenn wir uns sofort mit festem Willen daran machen, unsere Kraft durch zielbewußte Regeneration von innen heraus neu aus­zubauen und sie dann an der außenpolitischen Front einzusetzen.

Schacht spricht ein offenes Wort.

Oer ehemalige Reichsbankpräsident kündigt in Neuyork die Notwendigkeit eines ReparaiionsmoratoriumS an.

Reuyork, 3. Ott. Der frühere Reichsbank- präsident Dr. Schacht hielt auf einem Festessen in der amerikanischen Handelskammer auf Verlan­gen interessierter Kreise eine Rede über das Reparotionsproblem. Zahlreiche Versprechungen seien von den Alliierten nicht eingehalten wor­den, man brauche dabei nur an Eupen und Malmedy, Oberfchlesien, die Minderheitenfrage und die Abrüstung zu denken. Durch die Be­schlagnahme des Privateigentums und die Aus­lieferung ungeheurer Sachwerte sei Deutschland alles genommen worden, was von einem Volke zum andern überhaupt übertragbar war. Darüber hinaus verlange man von Deutsch­land noch Reparationszahlungen. In der Welt herrsche allgemeines Mißtrauen. Eine Wirtschaftskrise ungeahnten Ausmaßes drohe neue soziale Llnruhcn herbeizuführtzn. Richts sei verderblicher und gefährlicher, als abzuwarten und zu sehen, was kommen werde. Sofortiges Handeln sei notwendig. Der Lebensstandard aller Völker müsse durch internationale Zusam­menarbeit erhöht werden, und zwar nicht nur, um Deutschland zur Aufbringung seiner Repara­tionszahlungen zu helfen. Deutschland sei außer­stande, sich neue Märkte zu erobern, da sich andere Völker entweder dagegen sperrten oder aber nicht kaufen könnten. Da keine Substanz mehr vorhanden sei, müsse Deutschland Geld verdienen, um seinen Reparationsver­pflichtungen nachkommen zu können. Der Kardi­nalfehler der sozialistischen Politik sei es gewesen, der Welt und der deutschen Arbeiterschast vor­zumachen, daß das Reich in der Lage sei, die Reparationszahlungen zu leisten. Seit der Haager

Konferenz beginne der kleine Mann in Deutsch­land einzusehen, daß er an den Wiedergut­machungsverpflichtungen direkt inter- efsiert sei. da er mit seinem eigenen Verdienst dafür aufkommen müsse. Darauf sei der Umschwung zurückzufnhren. wie er in dem Ausfall der Reichstagswahlen zum Aus­druck gekommen sei. Das deutsche Volk fühle sich in seiner nationalen Würde fortgesetzt mit Füßen getreten. Die ihm auferlegten Bedingun­gen seien unerfüllbar. Diese Erkenntnis habe die verständliche Reaktion verursacht.

Schacht gab dann seiner gespannten Zuhörer­schaft eingehend die Gründe bekannt, die ihn nach der Haager Konferenz zur Ableh­nung des Voung-Planes veranlaßt haben. Diese Gründe seien einmal die weitere Beschlagname des deutschen Eigentums gewesen, ferner die Einführung der politischen Sanktions­klausel, die die Möglichkeit zur Anwendung von Gewaltmaßnahmen bedeute Die gegenwärtige Lage in Deutschland, die eine Folge seiner kata­strophalen Wirtschaftslage sei, gebe dem Reichs­kanzler Brüning unzweifelhaft das Recht, ein Moratorium zu verlangen« Der Reichskanz­ler schrecke aber vor diesem Mittel zurück, um die Welt nicht zu beunruhigen. Aber der An­trag auf ein Mc^atorium werde eines Tage« bestimmt kommen. Schachts persönliche Ansicht sei. daß Brüning jetzt eine Atempause einlegen wolle durch eine neue Anleihe. Brüning wolle der Welt Gelegenheit geben, die Reparationsfrage für eine endgültige und trag­bare Lösung noch einmal zu gemeinsamer sach­licher Arbeit zu überprüfen.

Aerzie-Tagung in BadNauheim.

4 Bad-Rauheim, 3. Ott. Von etwa 150 deutschen und ausländischen Aerzten ist t>er 7. Fortbildungslehrgang für Aerzte be­sucht. der von der Vereinigung der Bad-Rauhei- mer Aerzte veranstaltet wird und als Gesamt­thema diePathologie und Therapie der Zirkulationsstörungen" behandelt. In zum Teil sehr aktuellen Einzelreferaten spra­chen gestern und heute Prof. Koch (Berlin) über Der funktionelle Dau des Herzens". Prof. Mo­ritz (Köln) überDas Spiel der Herzklappen", Prof. Veil (Iena) überHerz und endokrine Er­krankungen", Prof. Koppang (Oslo) überHerz- und Aortenlues". Prof. Hildebrandt (Gie­ßen) überPharmakologie der Herz- und Ge- fäßkronkheiten", Prof. o. o. Delden (Berlins über Kreislaufanalepsis", Prof. Cbbecke (Bonn) über Gefäßreaktionen und Blutversorgung der Riere", Prof. Grafe (Würzburg) überKreis­laufstörungen bei Stoffwechselkrankheiten", Prof. Seyderhelm (Frankfurt) überOperation und Herz" Prof. Munk (Berlin) überDie sog. periphere Arteriosklerose".

Der dritte Tag wird noch folgende Referate bringen Dr. Kutschera HAichbergen, Wien) »Herzschwäche und Myodegeneratio cordis", Prof Freudenberg (Marburg)Die Beteiligung

des Herzens bei der infantilen Tetanie", Dr. H. Sachs (Berlin)Die Kreislaufstörungen des Schulkindes", Prof. Katfch (Greifswald)Lieber Erfahrungen mit der Schlagvolumenbestimmung".

Der Lehrgang wurde vom Dorsihenden der hie­sigen Aerztevereinigung, Sanitätsrat Dr. Hahn, im Hörsaal des Medizinischen Instituts eröffnet. Als Gäste hieß Dr. Hahn u. a. willkommen: Kurdirektor v. Böhmer, Bürgermeister Dr. Ahl. Ministerialrat Schrohe von der Ministerialabtei- lung für öffentliches Gesundheitswesen, den Dekan der Gießener medizinischen Fakultät, Prof. Hildebrand. Einem ge­selligen Beisammensein im Kurhaus wohnte gestern abend Finanzminister Kirnberger bei, 5er Gelegenheit nahm, die Gäste namens der hessischen Regierung herzlichst zu begrüßen.

2$. Bad-Rauheim, 4. Ott. Aus Anlaß der Aerztetagung fand gestern abend im kleinen Büh­nensaal des Kurhauses vor ausverkauftem Hause eine Aufführung des LustspielesDie Prin­zessin und der Eintänzer" durch das Gießener Stadttheater statt. Die Dar­stellung und die Bühnenausstattung waren aus­gezeichnet und verhalfen dem Stück zu einem großen Erfolg.

Sternfahrt durchHinimi undHölle

Von Hermann Linden.

3a, nun also traten wir heraus auf die Straße, in den frühen, geräuschlosen Morgen, schon aber tropfte wieder häßlicher Regen aus feindlichen Wolken herab, die Dögel fangen nur mit wenigen Schnäbeln, Fabriksirenen schrien in der Ferne, er aber stand da, willig und rennbereit, in dunkelbraunem Glanze, mit der Standarte ge­schmückt.

Wir streichelten ihn, guckten ihm noch einmal hinein in den stählernen Leib, stiegen ein. Die kleine Frau mit dem schlauen Kindergesicht, der rundliche Monteur, ich. die Handkoffer und Decken und dann er, er, der unser aller Genick in der Hand haben sollte, zwei Tage lang.

Dann fuhren wir los.

Himmel und Hölle, durch die wir fuhren, liegen beide auf unserer Erde.

Der Himmel waren die kurzen Augenblicke der geizigen Sonne, ungeahnte, entzückende land­schaftliche Motive und vor allem der Rausch des Tempos, der rasenden Leichtigkeit, wenn er dahinschob, flog, glitt, hundertundzwanzig Kilo­meter die Stunde, wie konnte er das nur, unser Freund, zweiundzwanzig Zentner ist sein Ge­wicht? Weil er einen silbernen Adler vorne an der Stirne trägt?

Die Hölle hingegen war der Regen, der ver­flucht fein soll, der Hagel dito! der uns seine kalten, spitzen Cisstacheln in die freien Ge­sichtsstellen stieß teuflischer jedoch als diese himmlischen Plagen waren jene Schurken, die ohne Signal um die Kurven fuhren, zehnmal haben sie unsere Gesichter erbleichen lassen auf dieser Fahrt, wären wir der Staat, wir hätten ihnen die Führerscheine zerrissen!

Alle Insassen des Wagens haben eine Funk­tion. Die kleine Frau neben dem Fahrer notiert die Kilometer, kneift fortgesetzt die elektrische Hupe und verteilt Brote und Zigaretten. Der Monteur hat die Landkarte in der Hand und verfolgt die Orte. Llmwege gefährden die Punkt­zahl. Ich gucke in die Lust, verwünsche den Regen und fresse die Landschaft. Die kalte Miene des Fahrers zeigt uns Rückwärtssihenden die Spiegel­laterne rechts.

Tempo ist nur spürbar im offenen Auto. In ihm allein merkt man die wahre Geschwindig­keit. Im Flugzeug sitzt man wie in einem Zim­mer. 3m offenen Auto aber sitzt man mitten in der Luft Mit hör fif» fteiaernben Sckmelliakeit

verändert sich der Aggregatzustand der Lust. Ganz empfindlich bei windigem Wetter. Die Lust wird hart. Bei achtzig Kilometer Geschwindig­keit fängt fie an zu schmettern, und bei hundert zerbricht sie ständig wie Glas.

Zuweilen verliert der Fahrer meine völlige Sympathie. Wenn er über Cisenbahngeleise fährt oder abschüssige Böschungen herab. Hopsa, geht es da, und wir zwei, der Monteur und ich, die wir hinten sitzen, fliegen empor wie auf einem Pferdesattel. Wir fallen doch noch einmal her­aus Der Monteur ist dicker als ich, er fliegt nicht so hoch Dieses Fahren ist kein reines Dergnü- gen. Man kann es sich nicht leisten, sich gemütlich in den Fond zurückzulegen. Man darf die Land­schaft nicht anträumen. Man muh auf fein Leben achtgeben Roch nie habe ich so viel körperliche Akrobatik getrieben Sofort, wenn das schwere Tempo einsetzt, muh man seinen Körper strategisch placieren. 3ch bohre Schuhspitzen, Ellenbogen und Fäuste in das Lederpolster, sehe mich tief und schräg, lege mich bei linken Kurven nach links, bei rechten Kurven nach rechts und be­dauere mein geringes Gewicht. Aber es nützt nur relativ. Hopsa, springt der Wagen:Herr", schreie ich den Fahrer anich wiege nur einhundertzwanzig Pfund!" Aber mein Ruf zer­bricht wie die Luft. Der Fahrer hört ihn nicht. Er fährt und fährt. Immer geht es noch einmal gut vorbei. Diese Sprünge sind etwas für die Freunde des süßen Grauens.

Durch bayerische Dörfer und Städte fahren wir, Städte, in denen die Bischöfe sitzen und Dörfer, für die ein Automobil eine Sensation ist Alte Mütter stehen auf ihren hohen Haus­treppen und starren dem blitzenden Teufel nach, Dauernkinder reihen den Mund auf wie die Würzburger Drückenlöwen, auf dem Bamberger Marktplatz läßt ein Weißbinder feinen Färb« topf fallen, er hätte das nicht zu tun brauchen. So schrecklich sind wir doch nicht.

Zwischen einem halben Dutzend Straßen müssen wir jeweils jonglieren, bis wir die fahrbare gefunden haben.

Wir Automobilisten find die Tyrannen der Landstraße. Wir finden daher wie alle Despoten widerspenstige Untertanen. Zwar nicken im All­gemeinen die Gäule gleichmütig vorüber, die scheckigen Köpfe der Kühe biegen scheu zur Seite und das gackernde, piepsende Federvieh stiebt entsetzt vor dem Hupengeschrill auseinander aber unter all diesen Tieren, Radlern und wan­dernden Rucksäcken ist manche bocksbeinige Ratur. Aber da gibt es Straßen in den Wäldern der

Rhön, die Lahn, entlang, im Taunus. Straßen, durch Wälder laufend, die hundert Kilometer lang kein menschlicher Fuß und kein Pferdehuf betritt, selten ein Radler überfährt hier ent­wickelt unser brauner, ehrgeiziger Freund erst seine eigentlichen Kräfte.

Die Hand des Fahrers greift ihm mit einem Hebel tief in das Herz und nun beginnt er zu rennen. Die Luft knirscht und klappert. Zer­brechendes Glas. Spanische Kastagnetten. Wie saust er dahin! Fliegend. Leicht und leise. Einem Schlittschuhtänzer vergleichbar, der über das Eis hinfliegt.

Gottes und unsere Welt ist schön.

Das Leben ist herrlich.

Man vergißt das oft.

Aber immer wieder muh man es bekennen.

Monteur, Monteur", lache ich,was ist denn mit 3hnen los, 3hr Gesicht, das heute morgen rot war und pausbäckig wie ein Apfel, ist ja ganz elefantengrau geworden? Eine Staub­kolonie?"

Er gnnst und deutet auf mein eigenes.

3ch ziehe den Spiegel.

Wir beide schon haben den Schmutz eines gan­zen Landes im Gesicht.

Ach, wie aber wird der Wagen erst aussehen?

Auch die Seifenfabriken werden Ruhen ziehen aus dieser Fahrt.

Zuweilen wird getankt. Dann murrt er, der Wagen. Stillstehen ist nichts für ihn. Das muh er oft genug in der Garage.

Wir werden, wenn wir so weiter fahren, bald am Ziele fein, wir werden, da wir viele Kon­kurrenten schon überholt haben, die höchste Kilo­meterzahl erreichen, wir werden müde und blaß, aber lachend aus dir heraussteigen, brauner Renner, ein Bad wird auf dich Hernieder­rif chen ...

Roch aber fahren wir, fahren, fahren.

3rrftnnig vergnügt flattert die Standarte am linken Rande der Glasscheibe.

Pfützen spritzen auf als schmutzige Fontänen.

Rach zeitraubenden Serpentinen kommen wie­der lange Straßen. Sie haben oft tiefe Mulden. Zuweilen sehen sie aus, als würden sie lebendig, würden sich bewegen, geringelten Schlangen gleich, die ihre Leiber auf- und niederrollen.

Wir fahren.

Für uns gibt es nichts als die Richtung.

Tannenduft vermischt sich mit Düngergestank.

' Wieder beginnt es zu regnen. Dennoch sind die Dorfstrahen voller Kinder. Sie gellen eine Salve in den <5fai*b unseres Renners

Wir fahren durch die Zielstadt auf den Cmp- fangsplatz.

Die Musik schmettert jedem Wagen eine Ova­tion entgegen. Mädchen bringen Blumen, Sekt und Brote. Die einfahrenden Wagen reihen sich auf. Photographen haben zu tun. Wir können das gereichte Glas nicht sofort nehmen. Die Handschuhe lassen sich so schwer ausziehen. Sie sind durchnäßt.

Wir betrachten unseren Renner.

Der Schmutz eines ganzen Erdteiles klebt an ihm.

Lind noch etwas.

Eine Taube.

Sie hängt unter dem Motor. Sie ist tot. Fristete vielleicht einige Minuten vorher noch ihr zartes Leben. Flatterte in den stählernen, sausen­den Tod.

Hochschulnackrichten.

Der namhafte Leipziger Germanist, Ge­heimrat Professor Dr. phil., Dr. theol. h. c.» Dr. med. h. c. Eduard Sievers feiert am 6. Ok­tober das 60jährige Doktorjubiläum. Fachliterarisch hat sich Geheimrat Sievers be­sonders auf dem Gebiete der altgermanifchen Philologie, Phonetik und Metrik betätigt. Die von Sievers begründeteSchallanalyse" erregte in Fachkreisen erhebliches Aufsehen. - In der Philosophischen Fakultät der Universität R o st o ck ist der außerordentliche Professor für verglei­chende Sprachwissenschaft, Dr. Leo Weisger­ber vom 1 Oktober 1930 ab zum ordentlichen Professor ernannt worden.

Aus Anlaß der Eröffnung des neuen Per­gamon-Museums in Berlin sind von einem ungenannten Deutsch-Amerikaner 50 000 Mark für die weitere Erforschung und Erhaltung der Altertümer zu Pergamon gestiftet worden. Durch diese hochherzige Zuwendung wird der Leiter der Ausgrabungen, Geheimrat Direktor Dr. Th. Wiegand, instandgesetzt, zahlreiche Probleme, die das Gebiet der alten Stadt Pergamon noch bietet, ihrer Lösung entgegenzuführen.

Profeffor Dr. Friedrich Ludwig, der Rektor der Göttinger Universität während des ©tu* dienj^hres 1929'30, ist verstorben. Professor Ludwig stand im 58. Lebensjahre und ist einem schweren Herzleiden erlegen. Er hatte in Mar­burg und Straßburg studiert, habilitierte sich 1905 in Straßburg und kam 1920, als er von den Franzosen aus Straßburg vertrieben wurde, nach Göttingen. Hier übernahm er den Lehrstuhl für Musikgeschichte.