Mehrheit im Rcichsrat noch nicht gesichert sei, heute reiche die Front der Abgeordneten, die eine Annahme dieses Vertrages für unmöglich hielten, und zwar nicht aus agitatorischen Gründen, sondern aus genauester Kenntnis der Ostvcrhältnisse heraus, schon weit in die demokratischen Reihen hinein.
Oer Panzerkreuzer B.
Daö Ncichökabinett Plant eine Zwischen« lösung. um einen Koalitionötonflikt zu vermeiden.
Berlin, 5. Febr. (Priv.-Tel.) Da es sich jetzt entscheiden must, ob auch der Panzerkreuzer b zum ersten Male etatisicrt werden soll, sind die Koalitionsparteien in Schwierigkeiten geraten. Bach den ursprünglichen Dispositionen mühten für den neuen Panzerkreuzer B in den Etat 1930 2,1 Millionen eingesetzt werden. Der Reichswehrminister, der an und für sich auf den Dau der Panzerschiffe besteht, hat aber dem Vernehmen nach zunächst davon 21 b - stand genommen, diese Summe in seinen Voranschlag einzuschen, was Wohl darauf zurückzuführen ist, bau die Sozialdemokratische Partei bereits mit aller Deutlichkeit zu verstehen gab. dah sie grundsätzlich eine solche An- forderung a b l e h n e n würde, da die Bewilligung dieser Summe einen späteren Bauentschlus; präjudiziere. Das Kabinett bemüht sich, den Kon- slikt in seinen eigenen Reihen zu vermeiden. Als ein Weg hierfür wird in Regierungskreisen der Vorschlag betrachtet, das Schiff im Etat mit einem nominellen, geringfügi- genBetrag — 100 000 Mark — erscheinen zu lassen, um es sozusagen präsent zu halten. Auf der anderen Seite würde der Reichs- wehrminiftcr an anderen Stellen des Wehretats sehr viel größere Ersparnisse— man spricht von mehreren Millionen — durchführen. Damit würde ohne Austrag der grundsätzlichen Frage vom Standpunkt der Finanznot des Reiches eine Zwischenlösung gefunden sein.
Protest gegen ein Darlehen für die Arbeitslosenversicherung.
Berlin. 5. Febr. (WB.) Der Hauptausschuh für die soziale Versicherung der Privatange st eilten, der in 37 Angestelltenorganisationen mehr als 800 000 Mitglieder vertritt, hat an die Reichsregierung ein Schreiben gerichtet, in dem er sich mit dem Plan eines Darlehens der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte an die Arbeitslosenversicherung beschäftigt. Bei der gegenwärtigen Lage der Arbeitslosenversicherung sei der HauptauSschuh für die soziale Versicherung der Privatangestellten der Meinung, dah ein Darlehen angesichts der völligenäln möglich keil derRück- zahluna als verloren oder mindestens a u f daS äußerste gefährde t anzusehen sei. Der Hauptausschuh erhebt gegen die aufgetauch- ten Pläne schärfsten Einspruch und ersucht die Reichsregierung auf das dringendste, von jedem Eingehen darauf Abstand zu nehmen.
Oie Kommunisten auf der Suche nach propaganbamaterial.
Hamburg, 5. Febr. (Priv.-Tel.) 3n der Hamburger Bürgerschaft erklärte bei der Aussprache über den mihglückten Aufstands- v ersuch der KPD. der sozialdemokratische Redner Senator E h r e n t e i t. dah der Großvater deS durch eine Kugel tödlich verletzten Lehrlings, der als Unbeteiligter in die ersten Zusammenstöße hineingeraten war, mitgeteilt hat, bei ihm seien Vertreter der KPD. gewesen und hätten die älnterschreibung eines Reverses an- getragen die Leiche seines Enkels der KPD. zur Beerdigung auszu liefern. Die KPD. werde die Beerdigungskosten übernehmen unb ihm außerdem noch 2000 Mk. bezahlen. Dieses Ansinnen ist von der Familie mit Entrüstung abgclehnt worden. Diese Mitteilung löste in der Bürgerschaft stürmische Entrüstung aus.
Herbst in Apulien.
Äon Albert H. tausch.
IV.
Monte Gargano.
(Manfredonia / Monte $. Angelo.)
Der Regen, der uns am Tage verschont hatte, fiel des Rachts. Aber am nächsten Morgen war der Himmel wieder klargefcgt, das Gewölk weit an den Horizont zurückgewichen, das Firmament in reiner Bläue über der vergoldeten Stadt gewölbt. Wir kauften (Elfen und Wein und brachen gegen neun Uhr nach dem Monte Gargano auf. Es war ein Sommertag, in den wir hinausfuhren, blau und rosa, ein ganz durchleuchteter, kristallener Tag ohne Schwere, ohne Dichte. Immer wechselte das Licht zwischen den beiden Grundfarben, die in weißes Gold gebettet lagen .. Dasselbe Land, das sich gestern in erdrückender Schwermut gezeigt hatte, schien nun so körperlos, nur noch ein Schein, als Hobe es seinen innersten Stoff verwandelt und keine andere Bestimmung mehr, als zu leuchten, wie das Feuer des Himmels cs ihm befahl. Nordostwärts ging die Fahrt, der 'Adria entgegen. Zu unsrer Linken, noch ganz in lila Dunst verborgen, lag das Gargano.Gebirge, jene Halbinsel, die den Sporen des italienischen Stiesels bildet und tief ins Meer gegen die dalmatinifchcn Gestade vorspringt. Sie formt im Süden mit der apulischen Küste den Golf von Manfredonia, den schönsten der westlichen Adria. Ueber diese kleine, verträumte Hafenstadt, in der nur selten ein Dampfer landet, gelangt man am raschesten In das Innere der einsamen Garganoberge, von ihr aus auch läßt sich die Halbinsel am leichtesten ostwärts bis zur Nord- kiiste umfahren. Nur um die Zeit, wo die großen Wallfahrten nach der Kirche des Heiligen Michael in Monte S. A n g e l o slattfinden, sieht die entlegene Landschaft Pilger aus allen Teilen der Welt. Kommt man zu anderer Zeit hinaus in das Bergnest, so findet man die Einsamkeit und Unberührtheit, die man zu finden wünschte .. Nur im Fluge — und kaum das einzelne Bildnis fest, haltend — nahm das Auge, was sich ihm barbot: Dclbaumgärten, Mandelgärten (wer ihre Blüte kennt In diesem Lande, weiß, was das Wort an Zauber birgt), weidende Herden, Füllen, springend in Gehegen, einsame Gehöfte, verlassene und oer- fallende Herrenhäuser, Eukalyptusbäume in kleinen Gruppen angepflanzt, um dem Fieber zu wehren, das diese Niederung des Candelaro heimsucht. Oft sind die Fenster mit dichtem Drahtgeflecht vergittert.
Attentat auf den Präsidenten von JReiifo.
Oer pfäsidenienwechsel. - Ortez Kufrio durch Pistolenschüsse am Kiefer leicht verletzt. — Oer Attentäter verhaftet.
Mexiko, 5. Jebr. (wv.) Die heutige Amls- (ibergabe durch den Uebergangspräfidenlen "P u r - les Gil an feinen ordnungsmäßig gewählten Rachfolger Pasquale Ortez H u b i o vollzog sich angesichts einer unübersehbaren Menschenmenge im Stadion der Haupt st adt Mexiko. Etwa 50 000 Personen, darunter das gesamte diplomatische Korps, wohnten dem feierlichen Akt bei. Der scheidende und der neue Präsident hielten Reden, die von der Menge stürmisch bejubelt wurden. Die Feier wurde empfindlich gestört durch ein A t t e n t a t auf den neugewählten Präsidenten. Ein junger Mann feuerte sechs Schüsse auf den Präsidenten R u b i o ab, als dieser nad) der Einführung in sein Amt den Rationalpalast verließ. Der Täter wurde fest genommen und im Jla- tionalpalast einem verhör unterzogen. Der wagen des Präsidenten setzte die Fahrt nach der privat- wohnung Rubios fort. Der Präsident wurde a m Kiefer verwundet. Die Kugel ist auf operativem Wege entfernt worden. Die Aerzte des Kron- kcnhaufes, in dem die Operation vorgenommen wurde, erklärten, daß der Zustand des Präsidenten nicht besorgniserregend fei. Der erste Schuh, der eine Kieferverlehung verursachte, ging um Haaresbreite an der Schlagader vorbei. Der Präsident erhielt auch eine Schutlerwunde, doch wird bekanntgegeben, daß- sein Zustand zu
Besorgnissen keinen Anlah gibt. Durch die von dem Attentäter abgegebenen sechs Schüsse wurden auch die Gattin des Präsidenten und seine kleine Richte Ofelia Ortega leicht verletzt. Der Attentäter erklärte bei seinem verhör Im Rationalpalast, er heiße Daniel Flores und fei 22 Jahre all. Er sei e i n Anhängervon Jose vasconcellos, der im Wahlkampf von Rubio geschlagen wurde.
Der frühere präsidenl Porte! Gil, der provi- forifch wieder die Leitung der Regierung übernahm, teilte der presse mit, dah Frau Ortiz Rubio bereits vor einigen Tagen einen anonymen Drohbrief erhielt, in dem es hieh, ihr Galle werde den Amlseid niemals leisten können. Gil führt in einer offiziellen Erklärung über das Attentat aus, dah die von Daniel Flores abgegebenen Schüsse den Präsidenten und feine Gattin verletzt hätten, während der Wagenführer unverletzt blieb. Glücklicherweise seien die Schüsse, obwohl Kopfstreifschüsse, doch nicht gefährlich. Die Tat zeige erneut, dah ungesunde Elemente im Lande seien, die vor nichts zurückschreckten und die Ration ins verderben stürzen möchten. Die Aerzte hoffen, dah der Präsident in einigen Wochen wieder her- gestellt fein wird. Die Schnhoerletzung am Unterkiefer sei nicht als gefährlich anzuschen, obwohl ein Knochenstück entfernt werden dürfte.
Oie Reichsregiemng empfiehlt die Haager Abmachungen.
Oie Oenkschriften zu
Berlin. 5. Febr. (Privat.) Die Reichs re- g i e r u n g hat den Gesetzentwürfen, die' durch den Poungplan notwendig geworden sind, bei der lieber- mittlung an die parlamentarischen Instanzen einige Denkschriften beigefügt, in denen versucht werden soll, das Verständnis des zur Inkraftsetzung des Berichtes vereinbarten Vertragslverkes zu erleichtern. Die Hauptdenkschrift entwickelt zunächst
die grundlegenden Unterschiede zwischen dem youngplon und dem Oawesplan.
Sie verbreitet sich ausführlich über die finanzielle Umgestaltung der deusichen Reparationsschuld, die bisher in zweifacher Beziehung festgelegt war, näm- lich durch den Londoner Zahlungsplan über 132 Milliarden und durch die Annuitäten des Dawesplans. Die Denkschrift gibt dann einen Ueberblick über die Ermäßigu n g e n , die die Reparationslast durch den Poungplan erfährt, und unterstreicht besonders die Vorteile, die in den Möglichkeiten des Moratoriums und der (Einberufung des „beratenden Sonderausschusses" liegen, ferner In der Verbindung der Reparationsfrage mit etwaigen Kriegsschulden Nachlässen der Gläubiger und in dem Fortfall des komplizierten Systems von Verpfändungen und Kontrollen. Für die Klarstellung des rechtlichen Verhältnisses des Neuen Planes sei der entscheidende Grundgedanke, daß die neue Regelung an sich vollständig und erschöpfend ist, so daß die früheren vertraglichen Abinachungen in keiner Weise zum Eingreifen und auch nicht zur Ergänzung herangezogen werden können. Damit wird der gesamte, für die Durchführung der Reparationen im Vertrag von Versailles geschaffene Mechanismus beseitigt. Die Darlegungen der Denkschriften über
den Voung-Gesehen.
die Sankiionsbestininiungen.
Sie ergeben, daß das Sanktionssystern von Versailles und der Londoner Vereinbarungen von 1924 beseitigt worden ist. Bei Schwierigkeiten im Rahmen der Durchführung des Neuen Planes finden lediglich die Verfahrensarten die- f e s Planes (Schiedsgericht) Anwendung. Selbst wenn von den Gläubigermächten behauptet wird, daß der außerhalb des Rahmens des Planes liegende äußerste Fall, d.h. Handlungen der deutschen Regierung, die ihren Willen beweisen, den Neuen Plan zu zerreißen, gegeben feien, sind sie gezwungen, zunächst die hoch st e internationale Instanz anzurufen. Ferner werden für den Fall einer für Deutschland ungünstigen Entscheidung dieser Instanz keineswegs Sanktionen, d. h. Strafmaßnahmen. festgelegt, sondern es wird lediglich entsprechend doltz gemeinen Völkerrecht die Wiedergewinnung der Handlung sfr e i h c i t konstatiert. Aus der Begründung des Gesetzes zur
Aenderung deü ^eichöbahngesetz-'S ist hervorzuheben, daß das Reich grundsätzlich berechtigt ist, Aenderungen am Reichsbahngesetz und an der Gesellschaftssatzung vorzunehmen, die durch eine Aenderung der Verhältnisse gerechtfertigt erscheinen oder deren tatsächliche Zweckmäßigkeit sich durch die Erfahrung ergeben habe. Voraussetzung ist lediglich, daß die Aenderungen die $ e ft immun g e n über öle Reparationszahlungen und die für sie vorgesehenen Garantien sowie den unabhängigen Charakter der Gesellschaft mit ihrer selbständigen Verwaltung nicht beeinträchtigen. Durch diese sogenannte Revi- sionsklausel ist also die Möglichkeit gegeben, daß der für die Dauer von 37 Jahren nicht übersehbaren Entwicklung des gesamten Verkehrswesens auch auf dem Gebiete der Reichseisenbahn Rechnung getragen werden kann.
nicht leicht fiedelt sich hier an, wer Grund und Boden erst erwerben muß ..
Plötzlich flattert ein purpurner Schein auf uns zu .. Wir sind dichter an den Gargano herange- fahren, seinem seltsamen Lichterspiel von nahem ausgesetzt .. Was geschieht dort drüben? Schleier um Schleier fallen, werden von unsichtbarer Hand zerteilt, fortgezogen, hochgehoben: in glühendem Rosa, das auf hellbraunem Grunde lagert, strahlt uns die entblößte Flanke des Gebirges entgegen — und steht und bleibt in diesem Alpenveilchenlicht unter enzianblauen Himmeln .. Wir halten, starren in das Wunder (als sei die Röte der letzten Mandel- blüte dort drüben an dem Felsgestein versickert) .. Dann nehmen wir — auf nun schneeweißer Straße — eine letzte Wende, eine letzte Höhe: und halten abermals: Adria — Adria! Dort, vor uns, nah und dennoch weit im silbernen Dampfen, das feidne, blaffe, blauende Meer .. ganz still, ohne Welle, ohne Schaum, ohne Segel .. Herüberblendend wie bleierne Spiegel, heiß, das Meer .. An es geschmiegt, fast in es hineingeschoben^ Manfredonia, erster der vielen apulischen Häfen, angeglüht von allen Träumen des Orients .. Hinein nach Manfredonia. Hellblaue, hellgelbe, rosarote Häuserwände. Esel, Maultiere, Karren, Melonen, ausgeschnitten: dunkel- rote, orangefarbene .. Duft von Melonen, von Trauben .. Duft aus Ställen .. Orient. Weiter .. Auf die Straße nach Monte S. Angelo. Nicht auf die neue, die nähere .. Auf die alte, die viel längere, welche sich nur langsam in die Berge windet und die weiten, die erschütternden Rückblicke auf Meer und Küste gibt .. An brennenden Steinwänden geht es hin. Oelbäume. Palmen. Oleander. Eidechsen lauern, laufen, äugen .. Wo sind wir? Zur Rechten das Meer, siedend in Silber und Bläue .. Wo sind wir? Iahe Wende: Verschluckt von braunen Bergfalten das Süd-Bild .. Aufwärts, in unzähliaen Kehren. Und immer wieder das gleiche Spiel. Wechsel der Bilder zwischen Felsgebirge und Süd-Meer .. Schluchten, Grate, Kämme, jenseitige Täler, Flanken, Gipfel, wandernde Wolkenschatten über alledem — Buchten, Küsten mit Silbersaum, runden, hellblauen Spiegeln in Goldfassung, ziehendem Segel, Windstreifen, hingeflirrten--und
schließlich alles dies vergessen: vor uns, weiß und silbergrau, auf ober Steinhöhe, überglüht von unerbittlicher Sonne, an die neunhundert Meter hoch: die höchste Stadt des ©arganogebirges: Monte S. Angelo.
Wir sind nicht als Wallfahrer gekommen, wenngleich wir die unterirdische Grottenkirche des Erz- engels betrachten. Ein schöner Bischofsstuhl aus Marmor, auf Löwen ruhend. Dumpfe, süßliche Luft aus Weihrauch und haftendem Nachduft menschlicher
Ausdünstung. Hinaus aus diesem lichtlosen Verließ. In den Bergwind hinauf. Oben vor dem Haupteingang zur Grottenkirche, ein alleinstehender, prachtvoller Glockenturm. Genug von Kirchen. Hier ist Gewaltigeres. Hier ist das unerhörte Schloß der normännischen Fürsten. Trümmer. Aber welche Trümmer! Welche zwingende Wucht eines Machtgedankens in diesen weißgrauen Mauern, in diesen Türmen, diesen Bastionen! Dort hinauf über Ircppenfteige — und von dort nicht mehr herunter, bis es Zeit zur Heimkehr wird .. Solche Blicke gibt es nur noch an einer Stelle: in (Enna, der höchsten Stadt Siziliens. Auf das ergreifende, glühende Gestein von Calascibetta und Leonforte. So hier auf die nördlichen Züge des Gargano .. Hinreißend, zum Aufschreien groß. Groß die Schau, wie die Seele der normännischen Herrscher, jene wundervolle Wikingerseele, die nicht mehr roh war und doch den gewaltigen Griff hatte .. O, welche Mittagshöhe! Aus den Boden, in bas warme, gebleichte ©ras .. Hier, im Bannkreis biefer Trümmer, fanb i ch das Heiligtum bes Monte Gargano.
Dilemma.
Äon Charlie Noettinghoff.
Kasimir ist dreiundzwanzig Jahre alt. ledig, sitzt dienstmüde in der Straßenbahn und lieft einen spannenden Roman.
Der Wagen ist sehr, sehr voll und plötzlich erblickt Kasimir schielenden 2luges eine vor ihm stehende, schaulelnde ältere Dame. Sofort hüpft ihm der Paragraph ..Plah-anbieten" des Moralkodex' ins Gedächtnis.
Aber Kasimir ist unerhört müde und steht nicht auf. Errötet innerlich, steht aber nicht auf. Er fühlt die Vernichtung schießenden Blicke der älteren Dame auf seinem Scheitel.
Kasimir beruhigt sein wogendes Gewissen mit wissentlich falschen Einschätzungen: „Ach was, eigentlich ist sie gar nicht so alt und schwach. Sicherlich ist sie strotzend gesund und gar nicht müde. Wahrscheinlich hat sie gaf keine Lust, sich hinzusetzen."
Die ältere Dame seufzt krampfhaft auf und sieht sich um. Kasimir gibt sich angestrengten, aber vergeblichen Versuchen hin, die schöne Romanstimmung von ehedem wieder Herzust.'llen. Es gelingt ihm nicht... Weiter tobt der Kampf mit dem „Moralkodex": ,Oskars Großmutter zum Beispiel spielt Tennis! Wenn ich aufstehe, dann fährt die 2Ute womöglich biS zur Endstation und ich habe meinen Platz gehabt. Wenn einem
Oie Schulen im hessischen Sparprogramm.
Lchulgclderßöhung und Bolksschullasten der Gemeinden.
Darmstadt, 5. Febr. (Wolffbureau. 3m Sofortprogramm der Hessischen Regierung ist vorgesehen, daß die Gemeinden für jede Volksschullehrer st eile einen Beitrag von 200 M k. leisten sollen. Gleichzeitig hatte der Kultusminister erklärt, daß den Gemeinden mit höheren Schulen aus der Schulgelderhöhung ein Ausgleich erwachse. 3n der Presse ist gegen die geplante Belastung der Gemeinden durch den Volksschullastenbeitrag z^T. scharf Stellung genommen worden. Wir haben uns daher die Zahlen über den Besuch der höheren Schulen und die Auswirkung der Schulgelderhöhung rerfchafst. Zu unte*.idealen |au) die Auswirkungen der Schulgelderhöhung im vergange..en 3ahr und die ab 1. April 1930 zu erwartende Mehreinnahme angesichts der bevorstehenden Erhöhung der Schülerzahl. 3n diesem 3ahre tritt zum erstenmal an den höheren Schulen der verstärkte Schülerzugang in die Erscheinung.
3n der ausgesprochenen Schulstadt Darmstadt betragen die Mehrausgaben für Volks- schulbeiträge 40 000 Mk.. die Schulgelderhöhung bringt ein Mehr von 64 000 Mk. und der verstärkte Schülerzugang weitere 6000 Mk., zusammen 72 000 Mk. Es verbleibt hier also eins Mehreinnahme von 32 000 Mark. — Auch für Gießen ist das Berhältnis noch günstig: Bei 14 000 Mk. Ausgaben betragen die Mehreinnahmen 26 000 Mk. bzw. 4000 Mk., zusammen 300C0 Mk., also einP 1 us von 16 000 Mark. — Für Worms betragen die entsprechenden Ziffern: Ausgabensteigerung 24 000 Mark. Einnahmensteigerung 24 000 Mk. bzw. 3000 Mark, zusammen 27 000 Mk.. also einP1 us von 300 0 Mk. — Für Michelstadt i.O.: Ausgabensteigerung 2200 Mk., Einnahmensteigerung 2300 bzw. 500 Mk., zusammen 2800 'Mk.. also ein Plus von 6 0 0 OK L — Für Mainz hatte die Presse eine Mehrbelastung von insgesamt über 100 000 Mk. herausgerechnet. Die entsprechenden Ziffern sind: Ausgabensteigerung 50 000 Mark. Einnahmensteigerung 39 000 bzw. 4000 Mark, zusammen 43 000 Mk.. also ein Minus von 7000 Mk. — Für Offenbach betragen die Ziffern: Ausgabensteigerung 42 000 Mk. Einnahmensteigerung 33 000 bzw. 4000 Mk., zusammen 37 000 Mk., also ein Minus von 5000 Mark. — Bei der Ausgabensteigerung ist bereits ein gewisser Wahrscheinlichkeitssah für Stelleneinsparungen berücksichtigt.
Oie Floiienkonferenz.
Der Bau von Ersatzlinicnschissen soll auf« gehoben werden.
London, 6. Febr. (WTB. Funkspnich.) In der „Daily News" fügt Wilson Harris: Es ist sicher, daß die Flottenkonferenz den Bau von Ersatzschiffen der gegenwärtigen Linienschiffe bis November 1936 au ff Rieben wird. Es werde ein Vorschlag geprüft, bereits jetzt eine Anzahl Groß fampffchiffe abzubrechen, nämlich acht britische, 6 amerikanische unb 3 japanische. Dies würde die Großkampfschiffe der drei genannten Länder auf 12, 12 und 7 vermindern, was beinahe dem ursprünglichen Washingtoner Verhält- n i s 5:5:3 entspräche. In diesem Zusammenhang sei die Haltung Frankreichs wichtig, da Frankreich beh Bau neuer Großkamps- schiffe erwäge, um ein Gegengewicht gegen bie „Ersatz Preußen" und ihre künftigen Schwe- fterschiffe zu haben. Dies sei aber keine wirkliche Schwierigkeit, benn Deutschland könne nur sechs Fahrzeuge dieses Schiffstyps bauen unb werbe es wahrscheinlich gar nicht auf diese Zahl bringen. In dem Artikel wird weiter ausgeführt, gestern abend hätten die Hauptdelegierten beschlossen, den Gedanken einer völligen Anschaffung der U-Boote fallenzulassen, dem Vernehmen nach soll aber der Versuch unternommen
der Wagen zu voll ist. so nimmt man sich eben ein Auto. 3ch habe nicht die Mittel dazu."
Kasimir windet sich innerlich unter den tadelnden Blicken sämtlicher Anwesenden. Er schielt einen jungen Mann an. dessen Kopf in bleiernem Schlaf ruckweise auf und nieder pendelt.
3dee: Er wird auch den Schlafenden markieren. Warum foU er nicht schlafen? Bitte! Kein vernünftiger Mensch kann ihm bann einen Vorwurf machen. Müde Leute schlafen eben und kümmern sich nicht um stehende Mitreisende, weil sie sie ja gar nicht sehen können, wenn sie die Augen zu haben!...
Kasimir beginnt intensivst zu schlafen, als sei er sein Leben lang Filmschauspieler gewesen.
„Ach, Kasimir!" ruft es da laut und froh neben ihm. Cousine Leni steht vor ihm, des Wiedersehens unbändig froh. Die ältere Dame steht auch noch vor ihm. Sie scheint nicht froh zu sein.
Kasimirs sämtliche Schweißporen öffnen sich.
Was tun? Was tun?... Man stelle sich vor: Er würde also aufstehen und Leni — er darf es keinesfalls mit ihr verderben! — feinen Platz anbieten... Was tut die ältere Dame, wenn Leni sich hinseht? Was tun die mitfahrenden Wageninfassen? Unb wenn Leni ihn blamiert, seinen Platz ausschlägt und der älteren Dame anbietet. Wie steht er dann da?! Was geschieht jedoch erst, wenn er sitzen bleibt? Rein, nein — er kann nicht sitzen bleiben!...
Entsetzlich!...
ilnb plötzlich schnellt Kasimir hochroten Kopses empor, vergißt den Roman unb ferne Akten- moppe, stoßt bie ältere Dame gegen das Knie unb Cent vor den Kopf, windet sich durch den Mittelgang unb springt ab...
Hochschulnachrichten.
Die Ernennung des Heidelberger Privatdozenten Dr. Karl Mannheim zum Ordinarius der Soziologie an der Universität Frankfurt am Main als Nachfolger von Prof. F. Oppenheimer ist erfolgt. — Ferner wurde der o. Professor D. Ernst Kohlmeyer von der Universi- tät Breslau in gleicher Eigenschaft in bie Theologische Fakultät der Universität Halle versetzt. Pros. Kohlmeyer übernimmt in Halle den Lehrstuhl der Kirchengeschichte als Nachfolger des Geheimen Konsistorialrats Johannes Ficker. — Der Göttinger Historiker Geheimrat Prof. Dr. Karl Brandl hat den an ihn ergangenen Ruf an bie Universität Berlin abgelehnt. —


