Ausgabe 
4.12.1930
 
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Maffenverhastungen von Nationalsozialisten im Kreise Breslau

Der polizeiberichi.

Breslau, 3. Dez. (TU.) Wie vom Polizeipräsi- dlum mitgctcilt wird, wurden in der Nacht zum Mittwoch in 3 ä j d) t o ro i 0 im Kreis Breslau etwa 150 Mitglieder der nationalsoziali­st i s ch e n Sturmabteilung, darunter auch Sanitäter, uniformiert, feldmarschmäßig aus­gerüstet und bewaffnet f e st g c st c l l I. Sic waren im Schlosse des Gutshofes des Ritterguts- Pächters von Ocllffen untergebracht. wo die Unter­kunft in Sälen vorbereitet war. Ei» noch in der Nacht hinzugezoaencs Schutzpolizeikommando stellte eine Menge Wanen, darunter scharf geladene Kara­biner, Pistolen. Handgranaten, Munition und Hieb­waffen aller Art fest. Die vorläufig fest genom­men en Nationalsozialisten wurden aus Lastkraft­wagen dem Polizeipräsidium zugesuhrt, wo die weiteren Vernehmungen stottsinden. Wie von der Kriminalpolizei mitgeteilt wird, sind insge­samt 3 5 0 Personen fe st genommen wor­den. Die Festgenommenen bestreiten, an einer Feld- dicnstübung teilgcnommcn zu haben und geben zum größten Teil an, dass sie einer Einladung des Rit- tergutsbcsihcr von Öcllsfen gefolgt seien. Alle be­streiten weiter, Massen bei fid) getragen zu haben. Wie die Polizei mittcilt, wurden Massen bei den Verhafteten tatsächlich nicht ge­sunden. Sie sollen aber im Stroh versteckt Sclcgen haben. In Gewahrsam der Polizei befinbcii ch bisher zwei Karabiner, eine Armeepistole, eine Mauserpistole. ein Browning, drei Stielhandgrana- ten und einiges andere. Als die Festgenommenen im Breslauer Polizeipräsidium cintrafen, bildeten sich gröbere Menschenansammlungen. Bei einem der Festgenommenen fand die Kriminalpolizei einen unterschriebenen Befehl, der zum Ausmarsch mit unbekanntem Ziele in seldmarschmäßi- ger Ausrüstung aufsorderte. Bei der Festnahme wurden von den Polizeibcamten Schreckschüsse abgegeben, da mehrere Nationalsozialisten durch die Fenster des Schlosses zu flüchten versuchten.

Darstellung

-er Nationalsozialisten.

Gegenüber dieser Darstellung der Polizei ver­breitet der nationalsozialistische »Angriff" eine Darstellung, die von einem regelrechten Feuer­überfall der Polizei auf da- Schloß des

Herrn von Oellffen spricht. Mannschaften derDres- laucr Schupo hätten das Rittergut umstellt und sofort Feuer auf Personen gegeben, die aus dem Gebäude kamen und sich nach dem Grund der Aktion erkundigen wollten. Die Polizei habe 2lexte, Beile und Iagdwaffen des Schloß Herrn beschlagnahmt.. Die Poli­zeiaktion sei auf Grund von Denunziationen er­folgt, da Herr von Oellffen sehr viele Aaiional- sozialisten in feinem Landwirtschaftsbetrieb be­schäftige. Es handele sich höchstwahrscheinlich um einen Racheakt.

Eingreifen Hitlers.

Vermutlich Angehörige verschiedener nationaler Verbände.

Berlin, 4. Dez. (ERB.) Zu den Wafsenfun- den in Iäschkotvitz und der Verhaftung von 350 Rationalsozialisten berichtet die DAZ.. daß die Rationalsozialistische Partei von der Veranstaltung mit aller Entschiedenheit a b r ü ck e. Adolf Hitler habe auS Berlin folgendes Tele­gramm gesandt: .Der seit langem bestehende Be­schluß der politischen Leitung der Partei, jeden rücksichtslos auSderParteizuentfernen, der illegale Mittel tm polnischen Kampf anwendet, wird auch in diesem Falle zur Anwen­dung gebracht werden."

Wie die politische Leitung der Ra'.ionalsoziw- listischcn Deutschen Arbeiterpartei in Berlin zu den Vorgängen in Iäschkowitz mitteilt, seien feit dem Verbot der Ortsgruppe VreSlau auch alle Sturmabteilungen aufgelöst worden, so daß eS sich hier also nicht um eine Sturmabtei­lung handeln könne. Bei den Festgenommenen soll eS sich vielmehr um Mitglieder verschie­dener nationaler Verbände handeln. Auch eine Anzahl früherer nationalsozialistischer SA.-Leute sollen sich unter den Festgenommenen befinden, jedoch niemand, der vor der Auslösung der Ortsgruppe VreSlau der Rationalsozialisti­schen Deutschen Arbeiterpartei an führender Stelle gestanden habe.

Kommunisteniurnutte in Hamburg Leipzig und Chemnitz.

Hamburg, 3. Dez. (WIB.) Etwa 250 Kommu­nisten, teilweise in roter Marineuniform, zogen heute abend durd) den Außensleinweg, wo ihnen mehrere Ordnungspolizisten entgegentralen, die mit Dohlen und veschimpsungen empfangen, zu Boden gerissen, geschlagen und ge­treten wurden. Inzwischen herbeigerufene Polizci- verstärkung muhte von den Gummiknüppeln Ge­brauch madjen. In der Rohe des Groh-Reumarktes wurde mit Messern auf die Beamten eingestochen, wobei ein Polizeihauptmann einen Messerstich in den Rücken und erhebliche Ge- fichtvoerlehungen erhielt, während ein Polizei- wochtmeister durch Messerstiche in die Haupt­schlagader gelötet wurde. Die Kommunisten flüchteten schließlich und entkamen bi» auf zwei im Schuhe der Dunkelheit.

Blutige Zusammenstöße in Leipzig.

Leipzig, 3. Dez. (WTB.) Zu schweren Zu- san.menstößen zwischen Kommunisten und Polizei, bei denen acht Personen verletzt wurden, kam es in den späteren Rachmittagsstunden in der Leipziger Innenstadt bei einer Demonstration, zu der die KPD. ausgerufen hatte. Die Teil­nehmer zweier Versammlung:» trafen sich gegen 6 Llhr aus dem Schiller-Platz in der Rähe des Reichsgerichts und wurden dort von einem Redner aufgefordert, im ge­schlossenen Zuge zum Rathaus zu marschie­

ren. Aus dem Wege dorthin traten den Demon­stranten Polizeimannschaften entgegen, die die Massen auSetnanderzu'.reiben suchten. Dabei kam eS zu schweren Zusammenstößen, in deren Verlauf die Polizei von der Schuß­waffe Gebrauch machte. Es sind im ganzen neun Personen verletzt worden. Von diesen ist eine im Krankenhaus gestorben. In den Stadtverordnetenkollegien kam eS zu Tu­rn u l t s z e n e n zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten. Ein lornmunistischec Stadtverord­neter, der den Sozialdemokraten Arbciter- mörder und andere Beschimpfungen zuricf, wurde für zwei Sitzungen ausgeschlossen. Er weigerte sich, den Saal zu verlassen und mußte mit Gewalt entfernt werden.

Demonstrationen in Chemnitz.

Chemnitz, 4. Dez. (WTB.) In den Abend­stunden des Mittwoch versuchten Kommunisten trotz deS im Zusammenhang mit dem Teilstrcik der Straßenbahner vorgestern erlassenen p o l i - zeilichen Verbotes in geschlossenen Trupps aus den Straßen zu demonstrieren. Als im Stadt­teil Sonnenberg ein solcher Demonstrationszug a u s g e l ö st werden sollte, nahmen die Demon­stranten gegen die Polizei eine drohende Haltung ein. Die zogen sich dann in ein Streiklokal zurück und bewarfen von dort aus die Beamten mit Steinen. Rach Abgabe mehrerer Schreckschüsse schritt die Polizei zur Räumung des Lokals, nahm etwa 120 Demonstranten fest und brachte sie nach dem Polizeipräsidium.

Abg. Dr. Leuchtgens (Ldbd.) lehnt die An­träge ob. Llnterstützung der Erwerbslosen ist Sache des Reichs und der Gemeinden. (Zwischen­ruf:Mnb die Landwirtschaftshilfen"?) Viele Landwirte erzielen heute noch nicht die Sähe der Erwerbslosen. Die Dotationswirtschast der Re­gierung steht in Widerspruch mit unserer Auf­fassung über die Budgetrechte des Landtags. Weiterberatung Donnerstag.

Oer Reichsbund der höheren Beamten

Berlin, 2. Dez. (TU.) Der geschästsführende Vorstand des Reichsbundes der höheren Be­amten hat zur Rotvervrdnung folgende Ent­schließung geiaht:Der Reichsbund der höheren Beamten hält daran fest, daß die soeben durch Rotverordnung verfügte Gehaltskürzung einen Verstoß gegen Artikel 129 der Reichsverfas­sung darstellt. Er wird daher gemäß seiner durch die Gutachten namhafter StaatSrechtlehrer ge­stützten Rechtsaufsassung die gesetzlichen Mittel anwenden, um die Rechte der Be­amten zu wahren. Diesen Standpunkt muß er um so stärker betonen, als die geplante Bela­stung für die Beamten wirtschaftlich nicht tragbar ist".

Kehlgeschlagenes Attentat auf den spanischen Ministerpräsidenten.

M a d r i d, 3. Dez. Der politische Redakteur der ZeitungEl Sol", L l i z o , hat heute nachmittag bei einer Dressebefprechung auf Mi­ni st erpräsidentDerenguereinen R e- volverschuß abgegeben, ohne ihn jedoch zu treffen. Llizo hatte vor dem P^esseempsang sei­nen Kollegen mitgeteilt, daß er seine Tätigkeit als politischer Redakteur te8 genannten BlatteS nie» verlege. Er hielt sich bis zur Ankunft DerenguerS von feinen Kollegen abseits und, als der Minister­präsident sich, wie üblich, im Kreise der Iourna- listen befand, zva Llizo einen Revolver. Die Umstehenden stürzten sich auf ihn und konnten

Die Mnterbe>hl,se in Hessen.

Die Plenarsitzung dcS Landtags.

D a r m st a d t, 3. Dez. Auf der Tagesordnung steht die Weitcrberatung der W int erbe i- Hilfe/

Abg. Reuter (So).) spricht den streikenden Metallarbeitern im Rhein-Maingau seine Sym­pathie aus. Die gestrigen Vorfälle waren be­stellte Ar. eit der Äonvmunlften. Die Sozialdemo­kratie hat gerade in diesem Iah re bewiesen, daß sie sich von keiner Partei in ihrer Fürsorge für die Arbeiterschaft übertreten läßt.

Abg. Dr. Werner (Rat.-Soz.) erklärt: So­lange Hessen für daS Landestheater und seine Gesandtschaft Millionen ausgibt, kaim eS auch für die Arbeitslosen vorbildlich sein. Den vor­liegenden Anträgen stimme ich zu. Produktive Crwerbslosenfürsorge ist nur wirksam, wenn die Millionenmittel über den Wohnungsbau beson­ders der zinslosen Genossenschaften über Stra­ßenbau und Meliorationen Über Ocdlandkulturen usw. geleitet worden.

Abg. Sumpf (Komm.) sieht in dem ArbeitS- losenversicherungsgesetz ein völliges Fiasko und prophezeit den Sieg der Thälmann-Partei. (Zwi­schenrufe der kommunistischen Opposition:Hör doch auf mit deinem Schwindel!")

StaatSrat Karcher stellt fest, daß der Vor­redner die Arbeitsbeschaffung überhaupt be­dauert und dabei von der Art der Durchführung kaum eine Ahnung hat. Bei den Arbeiten wer­den die Tariflöhne bezahlt. SS find im diesjäh­rigen Programm Hin-Verbilligte Arbeiten tm Be­trage von etwa 12,5 Millionen Mark durchge­führt worden. t

2lbg. Wesp (Z ) begrubt das energische Gin- greisen der Regierung Brüning zur Rettuna der Sozialversicherung. Der radikale Lohneingriff bei den Metallarbeitern im Rhein-Maingebiet ist un­verständlich. Die Zentrumsarbeiter werden dem neuen BergleichSvorfchlaa tm Lohnkonfltkt zu. stimmen.

den Schuh ablenfen, so daß die Kugel in die Decke drang. Llizo beschränkte sich aus die Erklä­rung:3d) habe eine anarchistische Pro­testkundgebung gegen das soziale Regime, das Ew. Exzellenz vertreten, machm wollen. Llizo ist der Polizei übergeben worden. General Deren- guer und die Ioumalisten glauben, daß Llizo in einem Anfall von Geistesgestört- he i t gehandelt hat. Rach anderen Meldungen hat Llizo nicht auf General Derenguer angelegt, son­dern in die Luft geschossen. Der General habe ihn gefragt: »Was wollten Sie tun, da Sie doch nicht auf mich geschossen haben?" Llizo habe erwidert:Ich wollte nur energisch, aber ohne Blutvergießen, gegen das von Ihnen vertretene Regime p r o t e st i e r e n." Rach allgemeiner An­sicht handelt es sich um einen Geistesgestör­ten, der lediglich die Ausmerkscimkelt auf fich lenken wollte. General Derenguer erklärte den Ioumalisten, daß dieser Zwischenfall keine Be­de u t u n g habe.

Antifaschistische Geheim- organifationen ausgehoben.

Zahlreiche Verhaftungen in Italien.

Rom 3. Dez. (TU.) Nach einer amtlichen Mit­teilung hat die italienische Sicherheitspolizei eine Geheimorganisation ausgehoben, die zum Jahrestage des Marsches auf Nom Anschläge gegen die öffentliche Ordnung plante. Die Verhafteten es handelt sich um 24 namentlich genannte Personen, darunter zwei Frauen seien gestcindig: sie sind dem Sondergerichts- hofzumSchutzedesStaatesübergeben worden. Ferner sind von der Sicherheitspolizei d i e Fäden kommunistischer Organisatio­nen in den Gebieten Emilia und Romagna auf- gedeckt worden. Die Verhafteten wurden ebenfalls dem Sondergerichtshof zum Schutze des Staates über­antwortet. Schließlich hat die Sicherheitspolizei i n Rom drei Personen verhaftet, die sich mit der geheimen Verbreitung a n t i f a s z i st i ° scher Schriften befaßten. Nach der gleichen amtlichen Mitteilung wird der Genueser Philo­

sophieprofessor Rensi wieder aus der Hafk entlassen, nachdem sich keine bestimmten Beweise gegen ihn ergeben hatten, und er In einem sein Ver­halten erklärenden Schreiben darauf hingewiesen hatte, daß er sich im Anfang der faschistischen Be­wegung angeschlossen und den Wunsch habe, sich nur seinem Studium zu widmen.

Oie Bildung des österreichischen Kabinetts.

Wien, 3. Dez. (WTB.) Die Verhandlungen des mit der Kabinettsbildung beauftragten Dr. Ender sind heute abend erfolgreich abgeschlossen worden. Danach wird sich das Kabinett folgen­dermaßen zusammensehen: Dr. Gnder, Bun­deskanzler, Dr. Schober Vizekanzler und Aeußeres, der Landbündler Winkler Inneres, Finanzen der bisherige Finanzminister Dr. I u ch. Iustiz der Großdeutsche Dr. Schürff, Lend­wirtschaft der Christlich-Soziale T h a l e r, Un­terricht der bisherige christlich-soziale Unterrichts. Minister Dr. Czermack. «Soziale Verwaltung wahrscheinlich ein Beamter, HeereSmlnisterium V a u g o i n.

Ein Australier wirk" Generalgouverneur von Australien.

London, 3. Dez. (TLl.) Der König hat auf Empfehlung des australischen Ministerpräsidenten Scullin den australischen Oberrichter Sir Alfred Isaacs zum Generalgvu- Verneur Australiens ernannt. Er ist der Racksolger Lord Stonehavens. Diese Mit­teilung deutet auf einen wichtigen Schritt vor­wärts in der Geschichte der Dominien. Isaacs ist der erste Australier, der diesen Posten inne- haben wird, und er ist der erste Generalgouver- ncur, der nicht durch England, sondern durch die Dominien selbst vorgeschlaaen wird. DaS Ministerium für die Dominien hatte von der Ernennung keine Ahnung, bis die offizielle Mitteilung aus dem Hause der australischen Re­gierung in London erfolgte.

Die deutsche ObeWesien-Aote veröffentlicht.

Deutschlands Antrag an den Dölterbundsrat.

Berlin, 3. Dez. (WTB.) Die deutsche Rote wegen der polnischen Terrorakte gegen Angehö­rige der deutschen Minderheit bet den Wahlen in Polen, die heute veröffentlicht wird, besteht aus einem Begleitschreiben an den Ge­neralsekretär des Völkerbundes Sir Eric 5)r Ulti­mo n ö und einer eingehenden 5) a r jt e I t*li n g der vorgekommenen Gewalttaten. In dem Be­gleitschreiben heißt es, daß die in Polnisch- Oberschlesien gegen die deutsche Minderheit ver­übten Gewalttaten eine flagrante Ver­letzung der Bestimmungen der Gen­fer Kvnven tion vom 15. Mal 1922 darstel- len. D'.e deutsche Regierung, die gemäß Artikel 72 Absatz II der Konvention d i e Aufmerksam­keit des Völkerbundsrats auf diese Vorgänge lenkte, bittet den Generalsekretär, ver­anlassen zu wollen, daß die Angelegenheit auf Sie Tagesordnung der nächsten Ta­gung des Dölkerbunbsrats gesetzt werde. Es folgt eine dokumentarische Darstellung der Gewalttaten. In zwei Anlagen find der Rote das Wahlplakat des Verbandes fchlesischer Auf­ständischer und das Wahlplakat des Westmarken- vcreins, Bezirk Schlesien, beigegeben.

Zusammensassend wird festgestellt: Große Teile

der deutschen Minderheit sind durch willkürlich« Maßnahmen der Behörden von der Aus­übung des Wahlrechts ausgeschlos­sen worden. Soweit die Minderheit von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen konnte, wurde die geheime Stimmabgabe unmöglich ge­macht. Der Terror, unter dem die deutsche Minderheit leidet, geht im wesentlichen vom Aufstä ndischenverband aus, der die Ak­tion gegen das Deutschtum zielbewuht vorbereitet und durchgeführt hat. Der Verband arbeitet im einzelnen mit den Be­hörden. Der h v ch ste De am te von Polnisch- Oberschlesien ist Vorsitzender, viele hohe Be­amte sind führende Mitglieder. Die Polizei vernachlässigt durchweg ihre Pflicht, indem sie gegen die Gewalttätigkeiten, denen die Minderheit ausgesetzt ist, entweder überhaupt nicht oder doch nur in völlig unzurei­chendem Maße eingreift. Die deutsche Re­gierung erwartet, daß der Völkerbundsrat die­jenigen Maßnahmen ergreift, die notwendig sind, um dem Zustand der Rechtlosigkeit und CÖe- druckung abzuhelfen, unter dem die deutsche Minderheit in Oberschlesien zu leiden hat.

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Dr. Schacht über die Eindrücke auf seiner Amerikareise.

Bremen, 3. Dez. (TU.) Auf Einladung der Bremer Handektzkammer sprach Dr. Schacht über seine Eindrücke in Amerika. In jeder Versammlung ist mir die Frage vorgelegt worden, was i st es mit Hitler? Das Interesse der amerikanischen gebildeten Jugend an der Entwicklung Deutschlands ist außerordentlich lebhaft. Ich habe oft bei den Studenten das Verständnis dafür gefunden, daß es eine Absurdität ist. die deutsche Jugend für zwei Generationen mit diesen großen Zahlungen belasten zu wollen. Die Dinge, die ich in meinen Vorträgen mitgeteilt habe, erwiesen sich fast überall als sehr überraschcnd für die Zuhörerschaft, so u. a. die Tatsache, daß unser Haushalt für Reich, Staat und Gemeinde und für die sozialen Versicherungszwecke von 8 Milliarden im Jahre 1913 auf über 30 Mil- Norden angewachsen ist, so daß beinahe die Halste unseres Nationaleinkommens für ösfentliche "Abgaben in Anspruch genommen ist. Ich habe darauf hingewiesen, daß Deutsd)land von allen flüssigen Mitteln die man in Zahlung geben kann, entblößt ist, daß es seine ausländischen Investitionen durch die Miß- achtung des Pi.vateigeniums verloren hat, daß wir nad) amerikangcher Schätzung über 2 5 M i l- 1 i a r b e n zwischen W aff e n st i 11 st a n d und Ingangsetzung des Dawesplanes be­zahlt haben. Deutschland kann nur aus dein Einkommen zahlen, so daß es seine Aus­fuhr steigern muß.

Ich habe bekonk, daß Deutschland den abso­lutesten und ernstesten Wunsch hat, alle pri­vaten Verpflichtungen zu erfüllen, daß e» aber auch an Deutschland ist, sich die Frage oorzu- legen, ob es nicht gegen seine privaten Gläu­biger leichtsinnig handelt, wenn e» seine pri­vaten Schulden dauernd vermehrt, umpolitlscheTributezuzahlen. Ich glaube, daß wir auch für die Zukunft daran sesthaltcn müssen, daß die privaten Leistungen unter allen Umständen vorangehen müssen, und daß wir diejenigen, die Deutschland Geld ge­liehen haben, in diesen Jahren in dem guten Glauben, seiner Wirtschaft zu nützen und Deutschland wiederaufzuhelfeu, unter keinen Umständen enttäuschen dürfen.

Weiter ging Dr. Schacht auf die Vorwürfe der Linkspresse und der Linksparteien ein, er schä­dige den deutschen Kredit im Aus and, wenn er eine wahrheitsgemäße Schilde­rung der deutschen Verhältnisse gebe und führte dabei aus:Ich habe nicht diesen Ein- druck. Den deutschen Kredit schädigt man, wenn man nach den sogenannten Hitlerwahlen in alle Welt

binaustelegraphiert, daß wir in Deutschland dor einem neuen Bürgerkrieg stehen. Den deutschen Kredit schädigt man, wenn man die so- zialistischeVerschmendungswirtschast, die wir durch nun sieben Jahre getrieben haben, n i cht endlich ab st eilt. Den deutschen Kredit schädigt man, wenn man von , den Vertretern der einzelnen Munizipalbehörden dauernd von Prolon­gationen reden hört. Das sind Dinge, die dem Aus­land zeigen, daß wir unsere Lage n i ch t k e n - n c n und das ist das todjlinunftc, was einem Bank­kunden passieren kann. Das Einzige, was auf die Dauer, auch wenn wir unsere inneren Verhältnisse in Ordnung bringen, immer wieder den beutfdxn Kredit ruinieren wird, ist, wenn wir die politischen Zahlungen fortsetzen, ohne die Voraussetzun­gen des Poungplanes, daß wir sie aus eine m Ueberschuh, insbesondere unseres Exports zahlen."

Anfd)ließend betonte Dr. Schacht, er habe den Eindruck, daß, soweit die internationalen Beziehun­gen in Frage kämen, Amerika in allererster Linie an der Abrüstungsfrage interessiert fei. Er sei der festen Ueberzeugung, daß Amerika keinen Finger rühren werde, wenn nicht die Abrüstungsfrage weitergeführt werde. Wenn sich Frankreich nod) einmal auf die Sanktionen des Haager Schlußprotokolls berufen sollte, werde Deutschland die moralische Meinung der ganzen Welt hinter sich haben. Dr. Schacht betonte zum Schluß: So hat also Amerika durchaus begriffen, daß der Youngplan eine ökonomische Lösung bcs Reparationsproblems vorsieht, und id) würde es begrüßen, wenn man in Deutschland endlich, anstatt dauernd auf den Youngplan zu schelten, diese ökonomische Grundtendenz des Poungvlanes als Waffe benutzen würde, denn der Poung- plan sieht vor, daß nur auf ökonomischem Wege die Reparationen erzielt werden könnten. Das Ge­samtresultat aber bleibt, daß wir von keinem ande­ren in der Welt irgendeine Initiative zu erwarten haben. Nur eigene 9 n i t i a t i o e von deutscher Seite kann uns in dieser Frage weiterbringen. Es geht uns in Deutschland so schlecht, daß uns gar nidsts übrig bleibt, als die Initiative zu ergreifen. 9d) habe den festen Glauben, daß. wenn Deutfdj- land sein Schicksal selbst in die Hand nimmt, es die anderen Mächte überzeugen wird, daß entweder auf ökonomischem Wege Abhilfe geschaffen werden muß, ober daß dieses Problem ein für allemal ver­schwinden muß. Wenn wir aber stillsitzen und vom einen zum anderen Mal immer wieder durch kleine Mittelchen uns und die Welt im Unklaren lassen über die wahre Situation, so werden wir gar nichts erreichen und werden den Zeitpunkt nur immer un­günstiger für uns gestalten.