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Zeitfragen des Mittelstandes.

WirtfchaflSkriflS und Angestellte. Don Heinrich Äaerdach-Kronkfurt am Main, Gauvorsteber Im OHD.

Boa hea Hu»roirtung«n her Vtrtschaft«knsi« wer- den brüt« all, Bro3lf,rung»rr,t|« trfahl, und r» ist verständlich, toraa )<b« Gruppe zunächst die eigenen Schwterigkillea steht. 8« ist aber kaum zu viel be­hauptet, D<nn man frftfirat, bah die Lnaestellten- schätz gegenwärtig wohl ala der dedrängteste Stand onzulprrchen Ift, und A« darum erwaNen dort, daß dl, Allgemeinheit für ihre Log» Verständnis auf­bringt und ihren Wünschen Rechnung trägt. Ein Schwallchr auf di« zur Z«tt bestehenden Verhältnisse wirst der Bericht de« Landesarbeitsamtes Hessen sur die 3,1t vom 1. bi« 15. August b. 3-, nach dem für 16 577 arbeitssuchend« stausmannsgehilsen und Bureauangettellt, nur 71 offen, Stellen zur Brr- füaung standen. Bit Dirtschastskrisi« trifft die An­gestelltenschaft um |o stärker, al» die Rationalisierung und bi« Zusammenballung von Ange- fl « 111 n m aj | « n in den (Brofebrtncbtn di« Ar­beit in den Bureau« der Fadrikbetriebe erheblich umgestaltet und sozial, Gefahren für den Stand herausbeschworen hat. Die Oessentlichkeit darf diesen Dingen nicht glelchgültia gegenüberstehen, da ein gehobener und leiftungssahiger AngesleUtenstand so­wohl In wirtschaftlicher, al« auch In fulturrllrr Hin­sicht dor größter Bedeutung ist Wenn es nicht ge­lingt. breit« Mittelschichten zu erhalten dzw neu zu schaffen, wird e« nicht möglich sein, im Wirtschafts- leben die Energien zu entfalten, die für eine end­gültig« Besserung unserer volkswirilchaftlicken Lage notwendig sind, und im sozialen Leben die heut­igen Kulturgüter zu pflegen und sortzuentwickeln.

Ueber da« durchschnittliche Einkommen der Rauf- mannsgehllfen gibt eine umfangreiche Erhebung Aufschluß die der Deutichnationale Handlunas- aehilfen-Berband im Frühjahr 1929 burchgcsührt not und bet der etwa 170 000 Fragebogen aus allen Wirtschaftszweigen und aus allen Alters- und Ein- kommensstufe a verwertet worden sind. Es hat sich für die Zeit der Umfrage ein Durchschnitt», geholt von 258,61 Mark ergeben, das inzwischen noch gesunken sein dürste. Wenn man berücksichtigt, daß mit Gehältern in dieser Hohe nicht selten ver- heiratete Angestellte mit größerer 5kind«rzahl au»- kommen müssen, so tft ohne weiteres klar, daß eine starke Spannung zwischen den wirtschaftlichen Mög- iichkeiten und den beruflichen Ausgaben und sozialen Verpflichtungen de» Stande» entstehen muß. Trotz dieser Sachlage ist die Angestelltenschaft in der letzten Zeit mehrsach gezwungen gewesen, Angriffen auf Ihr Einkommen enlgegenAUtrclcn. Cs sei in ble­iern Zu|ammenhona an die Borgänge in der Ber­liner Metallindustrie erinnert, wo sich die Ange- stelltenoerbände mit einer generellen Einführung von Ruraarbelt unter gleichzeitiger Kürzung der Gehälter einverstanden erklären sollten. Der Bezug fester Monatsgehälter ist jedoch die wesentlichste wirtschaftliche Grundlage des AngcsteUtenstandes überhaupt, so daß die Angestelltenschaft in dieser Frage unter keinen Umständen nachgeben kann. In dem Bezirk der rheinisch-westfälischen Eisen- und Stahlindustrie will man den Angestellten eine Sen­kung der Geholter um 7,5 v. H. zumuten, um die Preise weiter herabsetzen zu können. Zwar sind die Löhne der Arbeiter durch den bekannten Oeynhause- ner Schiedsspruch schon gesenkt; doch lauft für die Angestellten ein Tarifvertrag, der selbstverkänblich, solange er besteht, eingehalten werden muß. Grund­sätzlich wichtiger ist, daß die Löhne der Arbeiter sehr viel bewealicher sind, al» die Gehälter der Ange- stellten. Sa die Löhne während der aufsteigenden Konjunktur verhältnismäßig schnell gestiegen sind, ift e» nur folgerichtig, wenn sie von der rückläufigen Bewegung werft erfaßt werden.

Daß im Gesomtrahmen der.Sozialpolitik auf die besondere Loge und die besonderen Aufgaben der Angestelltenschaft Rücksicht genommen werden kann und muß, zeigt sich auch bei der Betrachtung de» schwierigsten und bebeut|amften Problemes unserer Tage, der Arbeitslosigkeit, die für Arbeiter

unb Angestellte ein fehr verschiedene» Gesicht bat. ^""^end die Arbeitslosigkeit beim Arbeiter verhalt- nirmahig häufig, ober in her Regel nicht von langer Dauer ist, verliert her Angestellte seine Stellung seltener, ist aber anberfeit» im allgemeinen länger ohne Verdienst, al» der Arbeiter. Die führenden Angestelltenverbänbe hoben darum bie Forderung erhoben, daß die Angestellten au» der allgemeinen Arbeitslosenversicherung herausgenommen werden und ihnen die Errichtung von Ersatzkosten gestattet wird, bie si, nach ihren besonberen Bedürfnissen ge­stalten können. Man wirb gegen eine solch, Rege­lung nichts einroenben können, wenn zwischen den verschiedenen Bersicherungstrogern ein finanzielle» Ausgleichsverfahren burchgeführt wird. Allerdings kann herüber kein Zweifel bestehen, daß auch durch bie Einführung einer besonderen Stellenlosenver­sicherung für bie Angestellten bie Rot her älteren Beruf »an gehörigen allein nicht behoben werden kann. Rach den Erfahrungen der letzten Jahre wird e» sich nach meiner Ansicht nicht vermeiden lasten, den Betrieben eine gesetzliche Beschäftigungsoer- pflichtung aufzuerlegen, um wenigsten» dem größten Elend in diesen Kreisen zu steuern.

Die Angestelltenschaft beschränkt sich keinesweg» darauf, Forderungen zu erheben, sondern sie hat in Ihren Berufsverbänden eine großzügige Selbst- Hilfe organisiert. E» ist immer noch zu wenig bekannt, daß diese verbände neben ihren Wohl- fohrtseinridjtungen eine sehr umfangreiche und hoch­wertige Bildungsarbeit unter ihren Mitgliedern

Allgemeine 11 n I u ft ist da« Kennzeichen der Zelt. SS ist, al» ging unsere alte Erde durch einen kosmischen Raumabschnitt, der Kräfte, Stosse, Strahlen oder Schwingungen enthielte, die die Menschen toll, streitsüchtig, wild machen. Jeder ist gereut und sucht seinen Zorn an an­deren ouSzulossen, und do» Darwinsche Dori vomstruggle for life", vom Ringen um» Geben, Hot sich noch nie so kraß bewahrheitet, wie in unseren Togen.

Reben dem Proletarier und dem bedauerns­werten Arbeitslosen Hot der Mann au» dem Mittelstand besonder» schwer zu kämpfen. Der alte Wohlstand, da» behagliche Gedeihen, die herkömmlich« Sicherheit sie sind verschwunden oder nur noch in kümmerlichen Resten erhalten. Selbst der Begriff .Mittelstand" droht immer mehr zu zerbröckeln, die Grenzlinie dem Prole­tariat gegenüber wird immer flüssiger, und bet der allgemeinen Umschichtung wird e» Immer schwieriger, einigermaßen genau anzugeben, mä­hen ie Mittelstand ist und wer zu ihm gehört.

Wie sehr sich die Zeiten gewandelt haben, er­sieht man au» einer Tatsache, die noch kaum be­achtet worden ist: Früher war e» selbstverständ­lich dcfür ist, daß e» ihm so kratzig geht und er blieb, daß er da» Geschäft seine» Da ter» über­nahm, so daß nicht nur praktische Fachkenntnisse von Geschlecht zu Geschlecht weitergegeben, son­dern auch ehrwürdige Ueberlieferungen vererbt wurden. Heute kann man von jedem Da ter hören: .Da sei Gott vor, daß mein Sohn meinen entsetz­lichen Beruf ergreift I Der muh wo» andere» werden!" Traurige» Zeichen von Unlust, Leben»» enttäuschung und Verbitterung!

Der durch schwankenden oder stockenden Ge­schäftsgang, durch schlechten Eingang der Gelder, durch hohe Steuern und Abgaben, durch kleinliche und beengende GesetzeSvorschristen verärgerte Kaufmann, Handwerker, Gewerbetreibende, Bauer blickt sich um tn seinem LebenSkreise und sucht einen, dem e» anscheinend besser geht, der feine Sorgen nicht hat. der womöglich mit verantwort-

durchführen. Der Deutschnationale Handlung»-«- bilftn-Berbanb unterhalt B. rigrnr Schulen in London, Pari» und Barcelona, durch hie er der deutschen Wirtschaft erftNossige Auslandsvertreter und fremdfprochlich« Korrespondenten stellt Die Schulung der Angestellten durch ihre verbände, die sich auf all« Gebiete und Sparten der Angestellten- berufe erstreckt, hat eine doppelte Auswirkung, in- dem sie einmal dem Angestellten durch seine beruf­liche Ertüchtigung soweit die» überhaupt möglich ist seinen Arbeitsplatz sichert und anberfeit» auch volkswirtschaftlich gesehen von erheblichem Nutzen ist. Allerdings nehmen die Angestellten auf Grund ihrer Fähigkeiten und Leistungen in Anspruch. Inner­halb der Betriebe ausnahmslos al» Mltarbei - t e r gewürdigt und behandelt zu werden. Da» Betriebsrategesetz ist gerade in Zeiten der wirtschaftlichen Not von außerordentlicher Bedeu­tung. da e» bei richtiger Anwendung, Leitung und Belegschaft XU gemeinsamer Arbeit zusammensaßt. Die Unterrichtung der Angestellten über die betrieb­lichen Vorgänge und die Anhörung ihrer Vorschläge vor wichtigen Entscheidungen sind in Krifenzeiten wichtiger al» bei aufsteigender Konjunktur, weil nur dann alle sich bietenden Möglichkeiten erkannt und bei unvermeidlichen sozialen Härten eine verbitte- rung vermieden werden kann. Zur Ueberroinbung unserer wirtschaftlichen und sozialen Not ist die Parole Zusammenarbeit und gegensei­tige Hilfe notwendiger al» je.

lich dafür ist, daß e» ihm kratzig geht unb er stößt dabei auf den 'Beamten. Der Steuer­beamte und der Zollbeamte ,'chröpsen" ihn in unerhörtem Maße, der Gerichtsbeamte unb Der» waltungSbeamte find .kleinliche" Bureaukraten, die nur die Leute .schikanieren", der Polizei­beamte geht .rücksichtslos' vor, Post und Eisen­bahn sind .zu wenig entgegenkommend" und .nicht kaufmännisch genug eingestellt", der Leh­rer, die Gemeindebeamten, wie überhaupt die ganze Gcseilschast sind .nur da, um die Leute zu ärgern".

Daß diese unwirsche Beurteilung zu 50 vorn Hundert in der eigenen, psychologisch verständ­lichen Gereiztheit ihren Grund hat, kommt man­chem au» der Wirtschaft gar nicht zum Bewußt­sein. Daß alle diese Beamten auf Grund von Gesetzen, Verordnungen, Vorschriften so bandeln müssen, wie sie handeln, bedenkt er auch fauni. Und daß der Beamte, der ihn so .plagt", alle diese oft unliebsamen unb kleinlich anmutenden DesetzeSvorschristen nicht selbst gemacht hat, wird ebenfalls nicht in Rechnung gestellt. So wächst verzehrender Unfriede auf.

Dazu kommt noch ein anderes: Der mit Wind und Wogen draußen kämpfende Schiffer sieht hinter einer Mole ein Schifflein wohlgeschützt im ruhigen Fahrwasser liegen: Der Beamte ist glück­lich er hat ein s i ch e re» Dasein, die Mauer der wohlerworbenen Rechte beschirmt ihn vor der Sturmflut; dazu gibt e» viel zu viele Beamte, ja die Aufblähung de» Beamten.Apparate»" ist allein an den riesigen Fehlbeträgen in Reich, Ländern und Gemeinden schuld, die Beamten sind viel zu gut bezahlt, man sollte und könnte sie alle oder doch zum größten Teile abschasfen so hagelt e» Vorwürfe, Anklagen, Beschwerden.

Greifen wir zwei Beispiele herauS:

1. Zahl der Beamten:

Von einem Dundc-freund au» dem Saarge- biet erhält der Hessische Deamtenbund folgende Zuschrift:

Unfriede verzehrt.

Eine unpolitische und doch zeitgemäße Betrachtung.

Don Or. p. Elaß, 1. Vorsitzenden des Hessischen Äeomienbundes.

.In einem Artikel in der Saarbrücker Zeitung hat der Svndiku» de» hiesigen (öaarbrücfer) .Schutzverein» für Handel und Gewerbe", dem Zug« der Zeit folgend, sich gegen die Beamten ausgelassen. Er sprach u. a. auch von der .er­schreckenden Aufblähung" de» Beamtenkbrper» und wie» al» Beispiel aus da» Gutachten de» Reich»fparkommissa r» über die heftftche Staatsverwaltung hin. in dem bie Steige­rung der planmäßigen Beamten von 3 5 4 1 auf 1 2 383 feit 1914 sestgeftellt fein solll Sr knüpft daran bie Folgerung, daß e» bei den übrigen Devoaltungen de» Reich» und der Län­der nicht beffer bestellt fei..

Wir haben dem Freunde au» dem Saargebiet sofort die Aufklärung gegeben und nachgewiefen. daß feit 1914 durch eine Umgruppierung in Hessen u. a. vom Staate übernommen worden sind

bk Kommunalforstwarte... 215 Stellen, ba» Lande»theater ... , 62 .

Polizei und Gendarmerie . . . 3081

Volks'chulwe'en......4118 ,

Umwandlung de» AngesteUlen- verhältnisfe»...... 530 ,

Diese mehr al» 8330 Stellen sind also nicht

neu gefchassen; sie belasten auch nicht neu die Steuerzahler, sondern die Kosten sind einfach von einem Lastenträger (Gemeinde) aus einen anderen (Staat) übertragen worden, natürlich unter entsprechender Aenderung de» Finanzaus­gleich».

Die Zahl der eigentlichen Staatsbeamten in Hessen hat sich feit 1914 kaum merklich, jedenfalls längst nicht in dem De rhä11ni » der den Be­amten zugewiesenen Ausgaben, Demi ehrt

2. Besoldung Eine sührende deutsche Wirt- schastSzeitschrist schreibt wörtlich, eine Beamten­gruppe (Lehrer) habe .ba» vier- bi» fünf­fache Frieden »gehalt"! Jeder weiß da­gegen, daß in Friedenszeiten ein sagen wir 50- jähriger Vebrer ein Diensteinkommen von etwa 4200 Mk. gehabt bat und daß er heute ein Gehalt von etwa 5400 Mk. hat. Da» ist eine Steigerung um noch nicht 30 Prozent, aber nicht um 400 Prozent, wie die .Zeitschrift für Tefftilwirischaff* behauptet. Die Kaufkraft ist sogar noch viel geringer al» in der FriedenSzeit, denn die Reichs­mark ist nur 60 v. H. so viel wert wie die alte Goldmark. Dazu noch die unvergleichlich viel höheren Steuern und Abgaben.--

E» ist einfach nicht wahr, daß die Zahl der Beamten unverhältnismäßig aufgebläht ist, e» ist nicht wahr, daß der Beamte gehaltlich besser steht al» früher die vielen Hunderttausende von mittleren und unteren Beamten haben nicht» davon, daß e» einige Dutzende oder Hunderte von gutbezahlten hohen Beamten gibt von den unteren bi» weit in die mittleren Gruppen unb Stufen haben die Beamten nicht einmal pfänd­bare GehaltSbeftandteile! Und wenn man dir Beamten durch Angestellte ersetzen wollte, glaubt man, damit ein gute» Geschäft >u machen? Ein führender Wirtschaftler, der frühere ReichStag»- abgeorbnete Dr. M o st, hat schlüssig burch Zahlen nachgewiesen, baß ba» Angestelltensystem teurer ist, al» ba» BerusSbeamtensyftem.

.Der Beamte hat aber eine gesicherte Stel­lung, ein ruhige», sorgenlose» Leben!' Du lieber Gott, auch damit ist c» nicht mehr weit der. auch hier ist nicht alle» Gold, wa» glänzt. Auch der Beamte hat seine Sorgen. Hat man noch nicht» davon gehört, daß fortwährend da» Schwert de» Abbau» über seinem Haupte schwebt? Sehe dritte frei werdende Beamten stelle muh ein­gespart werden, und auch die ersten und zweiten Stellen sollen nur mit an anderer Stelle frei- werdenden Beamten besetzt werden. Sinstellung»- und Anstellungssperren .versüßen" da» Leben der jungen Leute, die gehasst haben, bald unter­zukommen und eine Familie gründen au können. Beförderung »sperren enthalten dem älteren Be­amten die Ausrückung vor. Der Urlaub soll ge­kürzt werden. Da» Dienstverhältnis auch der un­widerruflich angestellten weiblichen Beamten soll

Die Entfettung der Handwerksarbeit.

Don ßanbtpertetcimmcrbirettor Schüttler-Oarmsiabi.

Rationalisierung. Typisierung, Rormung, Mo­derne Sachlichkeit und wie sie alle sonst heißen, sind heute bie Schlagworte, die mit mehr ober weniger Berechtigung dazu herhalten müssen, angeblich vorhandene Fehler und Mängel in der Betriebsführung der einzelnen Srwerbsgrup- pen zu beseitigen und weite Zweige unserer Wirtschaft von Grund auf umzugestalten Zwei­fellos haben e» die Propheten dieser Richtun­gen nur allzu gut verstanden, durch groß auf­gezogene Reklame in Wort, Bild und Schrift für ihre Ideen zu werben, die Oefsentlichkeit einzuspannen und auch städtische, staatliche und RetchSbehörden ihren Zwecken nutzbar zu machen. Man fragte wenig danach, ob diese» Walten nicht mitunter geradezu sinnlo» wirkt, ob alte Kulturgüter zerstört, da» DolkSempsinden ver­letzt wurde oder gar diese Richtungen ganzen DerusSgruppen nach und nach zum Verderben werden müssen.

Zugegeben, daß in einzelnen Industriegruppen, auch in zahlreichen Betrieben, eine gewisse Ra­tionalisierung von Vorteil war und noch von Vorteil sein kann. Diese sollte aber doch nur bann geschehen, wenn tatsächlich wirtschaftliche Vorteile für den einzelnen Betrieb unb für die Gesamtwirtschaft erzielt werden, solche Ratio­nalisierungen nicht zum Schaden für einzelne Zweige der Wirtschaft sich auSwirken. Klar liegt c» wohl aus der Hand, daß von jeher je­der verantwortungsvolle GefchäftSmann feinen Betrieb den modernen Errungenschaften der Technik, der fortschreitenden Vervollkommnung der Hilfsgeräte und Materialien anpahte, stet» auf Rationalisierung im gesunden Sinne hin- ftrebte. Tie» schon, um sich selbst leistungsfähig au erhalten, den verwöhnter gewordenen Kon­sumenten Auftiebenftellen zu können.

Eine solche gesunde Rationalisierung wird auch im Handwerk angestrebt unb von helfen offiziel­len Vertretungen in weitestem Maße gefördert. E» geschieht die» immer unter dem Gesichts­winkel. die Qualitätsarbeit zu erhalten, die Eigenart handwerklicher Erzeugnisse trotz An­wendung moderner HilsSmittel zu wahren.

Dagegen haben die besonder» in der Groß­industrie unter dem Zeichen der .Rationalisie- nmg" vielfach vorgenommenen Umstellungen, die

Typifierungen, Rormungen und die sog. mo­derne Sachlichkeit in ihren Auswirkungen dem Handwerk schwerste Schäden gebracht. Die Um­stellungen in der Industrie legten unendlich zahl­reiche menschliche Arbeitskräfte lahm, die, um dem Elend der Erwerbslosigkeit zu entgehen oder diese» wenigsten» einigermaßen zu lindem, einen selbständigen Betrieb aufmachten oder ne­benher sog. Schwarzarbeit auSführten. Unge­wohnt mit geschäftlichen Gepflogenheiten, nicht mehr voll vertraut mit dem einstmals vielleicht erlernten Handwerk, stellen fie für diefe» in über­großer Zahl eine schwere Schädigung dar.

Die Typisierungen und Rormungen uniformie­ren die sonst in Handwerk«- ober auch in Fa­brikbetrieben angefertigten Gegenstände mannig- fälttgfter Art; sie nehmen diesen Gegenständen den PersönlichkeitSwert deS Produzenten, drücken alle» zur Massenware ohne Seele und Deist herab. Endlich ist die sog. moderne Sachlichkeit geeignet, in vielen Fällen jedem persönlichen Geschmacks- und Schönheit»empsinden den Todes­stoß zu versetzen. Man betrachte sich nur die moderne Bauweise, wie sie in einigen Städten der Rachbarschaft Frankfurt, Stuttgart und anderen in den letzten Jahren unter Leitung der Fanatiker moderner Sachlichkeit Triumphe feierte, lieber die architektonischen Wirkungen, die hygienischen Begleiterscheinungen, wie auch über bie katastrophalen finanziellen Folgen für die Städte, die sich zu diesen Experimenten her» Jiahen, zu urteilen, sei berufenem Stellen über­affen. Aber die verheerenden Folgen der kaffeßen Auswüchse auf viele HandwerkSzweige, die Herabdrückung der Menschenwürde der Be­wohner dieser mitunter sehr seltsamen Häuser­block», sollte doch einsichtigen Menschen zu den­ken geben. Mit allen Finessen her Rhetorik und noch so geistreichen unb wisfenschaftlich gehal­tenen Abhandlungen läßt sich die Tatsache nicht au» der Welt schassen, daß viele solcher Be­hausungen keinen Fortschritt, sondern einen Rück­schritt in der Wohnkultur bedeuten.

Unseren Volksgenossen, in der Mehrzahl ver­armt. bleibt in den meisten Fällen nur noch ba» eigene Heim al» Erholungsstätte. Diese» sinnig und dem einzelnen SchönheitSempsinden entspre­chend auszustatten, war immer Eigenart de» deut­schen Volke». Wa» sollen Wohnungen der mo» bemen Richtung, bie in ben angeblich ganz methodisch durchdachten Fällen wie zuchthaus- mähige Zellen auSgeftattet unb aneinanderge­reiht anmuten, ohne jede Schmückung, ohne jeden Haltepunkt für da» Auge zum Ausruhen, zum Erfreuen? Wahrlich e» ist bet svlchen Aus­

wüchsen ausgesprochener Kommunismus, der hier waltet, und zu bedauern sind die Menschen, die verurteilt werden, in solchen Räumen zu Hausen. Bedauerlich ist eS aber auch, daß e» so­weit kommen konnte und auch vernünftig den­kende Männer nicht mächtig genug waren, diesen Experimenten entgegenzutreten.

DaS Handwerk steht derartigen Erscheinungen wesensfremd gegenüber. SS denkt an die Groß­taten seines Stande», an bie alten und die neueren Kunstbauten, auch im Wohnungswesen, der DorkriegSjahre. die unsere Städtebllder zieren, von dem Willen und Streben wirk­licher Baukünstler erzählen und von HandwerkS- geist und Handwerkskönnen immerdar zeugen werden.

Wie mit den Bauten, so verhält eS sich auch mit den Möbeln und allzuoft mit den Woh­nungseinrichtungen. Alte Schlösser, Patrizier­häuser und Museen, aber auch die Einrichtungen gut bürgerlicher Familien zeigen noch den Geist alter Handwerksarbeit. An diesen Stücken kann der stille Beobachter feststellen, mit welcher Sorg­falt der Handwerksmeister seine» Amte» waltete, wie er selbst seine Freude an dem Entstehen eine» Werkstücke» hatte unb fein beste» Können hineinlegte.

Da» ist e» ja gerabe, wa» im Handwerk alle­zeit lebte, ober von den heutigen Strömungen gefährdet ist, bie Lust unb bie Liebe, die der Handwerker auf die Herstellung eine» Stücke» verwendet, da» er unter feinen Händen er­stehen sieht, in da» er fein ganze» Wissen, seine ganze Ku nfl fertig leit hinein legen will. Ich kann mir sehr gut denken, bah ein Handwerker fei e» Meister, Geselle ober vielleicht sogar ein henkender Lehrling von seiner Lchöpfung-kraft soweit gefaßt wird, daß er eine begonnene Ar­beit au» innerem Drange heraus zu Ende führen muß. selbst auf bie Gefahr hin, sich de» Der- brechen» her Ueberschreitung deS Achtstunden­tage» hierbei schuldig zu machen. Unser großer Dichter Schiller sagt so schön:

.Da» ist'» ja, waS ben Mengen zieret Und dazu ward ihm der Verstand, Daß er im inneren Herzen spüret. Was er erschafft mit seiner Hand/

Er trifft hiermit vollkommen, wa» ben Hand­werker beseelt, wenn er mit vollem Herzen bei feiner Arbeit ist.

Die modernen Strömungen wollen bie» aber nicht wahr haben, im Hasten und Eilen her Zeit mit immer neuen Ideen glaubt man solch senti­mentalen Regungen entgegentreten zu können.

bwbigt Massenproduktion in einheitlicher Form, Öde Gleichmacherei auf allen Gebieten, entgeiftigt unb entseelt hiermit die Handarbeit unb zer­schlägt Kulturgüter sittliche Werte unsere» Volke» in ungeheuerem Au-maß.

Und dock gibt e» nichts Reue» unter her Sonne, alle» ist schon einmal bagetoefen. Don her wissen­schaftlichen Altertumsforschung auS längst Der» gangenen Iahrhunberten unb Jahrtausenden, au» alten Völkerkutturen an» Licht gebracht, sehen wir in den modernen Erscheinungen im wesentlichen nur Rachahmunaen, Wiederholungen, Anlehnun­gen. Dielsach Dinge, die In dunklen Vorzeiten vielleicht auch nur Experimente harftelllen, von hem gefunden Empfinden ehemak» leben her Ge­schlechter vielleicht ebenfalls abgelehnt unb zu kurzer Lebensdauer verurteilt waren.

Da» Schöne, die Eigenart eine« Volke», feinen sittlichen und religiösen Lebensgewohnheiten Ent­sprechende rang sich empor unb wirb sich immer wieder emporrmgen, möaen die Zeiten auch noch so trübe fein, bie um Anerkennung verworrener Ibeen ringenben Geister noch so sehr sich ab» mühen.

IebenfaUS wird her Handwerkers!anb mit der ihm eigenen Zähigkeit, im Bewußtsein feine» Können», sich mit ben modernen Strömungen nicht kurzerhand abfinhen. Er wirb versuchen, mit erneuter Kraft ben Boden zurückzugewinnen, bet ihm entzogen wurde.

Da» Handwerk ift her Sachwalter her Quali­tätsarbeit, es kann wohl vorübergehend unter­drückt, überwuchert werden, aber bie Eigenart feiner Erzeugnisse, wie auch die Einstellung de» wertvollsten Teile» der deutschen Bevölkerung werden ihm wieder -um Siege verhelfen.

Kann man heute auch auf vielen Gebieten mit Jug unb Recht von einer öntleelung, einer Ent- gciftigung her Handwerksarbeit sprechen, so muß auch diese Prüfung vorübergehen und ein allge­meiner Umschwung in der Auffassung dessen wieder Platz greifen, wa» unser heutige», so arme» Leben noch einigermaßen leben-wert machen kann. Da» ist neben her Liebe zur Heimat bie Sehnsucht nach einem gemütlich auSgestatteten Heim, die Freude an schönen Erzeugnissen für ben täglichen Bedarf.

Vielleicht gibt dieser Aussatz manchem der Leser *u überlegen, was verloren gehen tarnt, wenn bie heutigen modernen Anschauungen weiter­greifen, sofern sie sich nicht selbst totlaufen; aber auch, was gewonnen werden tarnt, wenn diesen Richtungen, wenigsten» in ihren überspanntesten Auffassungen, einmal durch allgemeine Ablehnung begegnet wird.