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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Polittk Dr. Fr. Wilh. Lange; für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den Anzeigenteil Max Filter, sämtlich in Gießen.
Nr. 155 Erster Blatt 180. Jahrgang Donnerstag, 3. Juli 1930
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Sonntags und Feiertags JHv " O
ä GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Annahme der Amnestievorlage im Reichstag.
Endlich Amnestie!
Don unserer Berliner Redaktion.
Der Reichstag hatte auf den Mittwoch die Abstimmungen über die Amnestievvrlage zurückgestellt. Und das in der Hauptsache wohl, um ollen Abgeordneten Gelegenheit zu geben, schleunigst nach Berlin zurückzukehren, sich an der Abstimmung beteiligen zu können. Das Wesentliche an dieser Amnestievorlage ist, dah sie in die Rechte der Länder eingreift, in deren Händen die Iustizhoheit liegt. Es war also notwendig, eine verfassungsändernde Mehrheit zustande zu bringen, um die Landesregierungen zu zwingen, die sogenannten Fememörder freizugeben, keine neuen Verfahren einzuleiten und die Begnadigungsaktion auch auf die Delikte auszudehnen, die sich während der Besatzungszeit und des passiven Widerstandes an Ruhr und Rhein ereignet hatten. Dis zury letzten Augenblick war es fraglich, ob der Reichstag die Zweidrittelmehrheit aufbringen würde. Die Sozialdemokraten blieben unversöhnlich, auch die Kommunisten hatten bei den verschiedenen Lesungen der Amnestievorlage im Plenum und in den Ausschüssen erklärt, daß sie den Gesetzentwurf ablehnen würden. Am Mittwoch fielen sie jedoch plötzlich um. Das hatte seinen guten Grund. Die Amnestie erstreckt sich auch zum Teil auf Kommunisten. Die Sozialdemokraten überschütteten den Abgeordneten Torgler, der die Beschlüsse der kommunistischen Fraktion bekanntgab, mit Hohn und Spott. Es herrschte eine grobe Unruhe im Hause, so dah cs fast aussah, als würden Kommunisten und Sozialdemokraten handgemein werden. Präsident Löbe mußte wiederholt die Glocke schwingen und Ordnungsrufe erteilen. Rachdem dann noch der Sozialdemokrat Landsberg die ablehnende Haltung der Sozialdemokraten erneut begründet hatte, wurde zur Abstimmung geschritten. Sie ergab die vcrfassungsändernde Mehrheit mit 290 Stimmen für die Vorlage und 135 sozialdemokratischen Stimmen gegen die Degnadigungsaktion.
Cs ist erfreulich, daß' der Kampf um die Amnestie zum wirklichen Ende geführt worden ist, weil dadurch ein wesentliches Moment der Beunruhigung der öffentlichen Meinung künftig fortfällt. Die deutsche Oestentlichkeit hat ein Interesse daran, daß jetzt endlich Ruhe und Frieden einkehrt, wozu hoffentlich die Amnestie ihren Teil beitragen wird. Sie ist eine nationalpolitische Selbstverständlichkeit, nachdem dos Reich sich hat verpflichten müssen, sogar die rheinischen Separatisten zu begnadigen.
Sitzungsbericht.
Berlin, 2. Iuli. (DdZ.) Auf der Tagesordnung steht die dritte Beratung des Amnestiegesetzentwurfs.
Abg. von Lindeiner-Wildau (Ehr. R.) erklärt: Dem aus der Bevölkerung des besetzten Gebietes gebildeten Aus schuh, von dem die Anregung zu dieser Amnestie ausging, hätten anfangs auch viele Sozialdemokraten angehört, bis sie von der Parteizentrale z u - rückbeordert wurden. Cs sei jetzt im historischen Augenblick der Rheinlandbefreiung angebracht, mit der Verfolgung der sogenannten Femeverbrecher aufzu- hören. Diese Leute, deren Toten keineswegs gebilligt werden sollen, hätten sich bei ihrem Tun von Vaterlandsliebe leiten lassen. Die jetzige Amnestie müsse allerdings die letzte sein. Bei der Behandlung der späteren Einzelfälle müsse aber ein Ausgleich geschaffen werden mit der wesentlich milderen Behandlung der politischen Straftaten im kommenden neuen Strafrecht.
Reichsjustizminister Dr. B r e d t erklärt eine allmähliche Ueberleitung zu den Grundsätzen des kommenden neuen Strafrechts für wünschenswert. Irgendeine Einwirkung der Re- gierung auf das Reichsgericht sei aber nicht möglich. Der sozialdemokratische Reichsjustiz- minister Dr. Radbruch habe bei der Verabschiedung eines früheren Amnestiegesetzes erklärt, ein solches Gesetz habe nicht verfassungsändernden Charakter. Sollte heute die verfassungsändernde Mehrheit nicht erreicht werden, so werde das Reichsjustizministerium prüfen, ob eine solche Mehrheit überhaupt erforderlich sei.
Abg. Torgler (Komm.) erklärt: Die Annahme der Amnestie würde einigen revolutionären Arbeitern die Freiheit geben. Die Kommunisten würden darum in der Schluhabstim- mung_ der Vorlage zustimmcn. (Gelächter, Hört! Hört! und Pfuirufe bei den Sozialdemokraten.)
Abg. Landsberg (Soz.) erwidert: In der zweiten Beratung habe der Kommunist Pieck dasselbe Gesetz, für das die Kommunisten jetzt stimmen werden, als eine einseitige Maßnahme für die Rechtsputschisten und gegen die Arbeiterschaft bezeichnet. Die revolutionäre Gesinnung der Kommunisten zeige sich darin, daß sie mit dem Rerchsjustizminister und anderen Politikern einen Rückversicherungspakt abgeschlosen haben. Mit der vorliegenden Amnestie sollen Taten straffrei bleiben, .die mit viehischer Roheit begangen wurden und deren Täter feige die Verantwortung von sich abwälzen wollten. Cs wird dem Rechtsgefühl des Volkes dauernd schweren Schaden zufügen, wenn man sieht, dah der Reichstag die schlinnnsten Morde als Bagatelle behandelt.
Abg. Pieck (Komm.) erklärt, die Kommunisten wollten die Freiheit der gefangenen Arbeiter erreichen. Eie würden um diesen Preis auch die Freilassung der Fememörder in Kauf nehmen. (Lärm und Gelächter bei den Sozialdemokraten.)
Damit ist die Aussprache beendet. Gegen die sozialdemokratischen Stimmen werden die einzelnen Bestimmungen des Gesetzes angenommen. In der namentlichen Schluhabstimmung werden 290 Stimmen f ü r und 135 Stimmen gegen die Vorlage abgegeben. Präsident Löbe erklärt das Amnestiegesetz für angenommen, da die für verfassungsändernde Ge
setze erforderliche qualifizierte Mehrheit er - reicht sei. (Beifall rechts, Pfuirufe bei den Sozialdemokraten.)
Darauf folgt die zweite Beratung des Haushalts für
Versorgungen und Ruhegehälter.
Der Ausschuß ersucht in einer Entschließung die Reichsregierung, auf die Länder, die Gemeinden und Kommunalverbände usw. einzuwirken, daß mit Rücksicht auf die Unterbringung der Zivildienstberechtigten und zur Ersparnis von lieber- gangsgebührnissen die Anstellungsgrund- sähe unbedingt eingehalten werden.
Parteien und Deckungsprogramm.
Die Deutschnationalen lehnen ab.
Mit wechselnden Mehrheiten?
Berlin, 3. Iuli. (Tel.-Un.) Die deutschnationale Reichstagsfraktion hat in ihrer gestrigen Sitzung einstimmig beschlossen, das neue Dek- kungsprogramm des Kabinetts Drünina-Metrich geschlossen abzulehnen. — Aus dem einstimmigen Beschluß glaubt die „D. A. Z." folgern zu können, dah die Deutschnationalen die Gesetze zur Reform der Arbeitslosen- und der Krankenversicherung mitmachen würden. Sie wollten sich nach Auffassung der ,D. A. Z.' offenbar auch nicht in eine grundsätzliche Opposition gegen die Steuergesehe begeben, sondern hielten diesen Teil des Deckungsprogramms nurinseinerjehi- gen Form für nicht tragbar. Das Blatt erwartet, daß die Deutschnationalen bei der Ausschußberatung der neuen Gesetze mit eigenen Vorschlägen hervortreten. Der „Lokal- anzeiger stellt fest, die Deutsche Volkspartei sei der Hoffnung, ihre Abänderungsvorschläge würden mit Hilfe der Deutschnationalen und der - Wirtschaftspartei eine Mehrheit finden, so dah Brüning dann nicht auf die Sozialdemokratie angewiesen wäre. Alles derartige seien Rechnungen mit mehreren Unbekannten und einigen Unwahrscheinlichkeiten, die man einstweilen auf sich beruhen lassen könne. Die „Deutsche Zeitung" weist darauf hin, dah Hugenberg Recht gehabt habe, als er im Frühjahr darauf hinwies, dah das Kabinett Brüning keine grundsätzliche Rechtsschwenkung des Zentrums, sondern nur eine Fortsetzung des parlamentarischen S ch a u ke l s p i e l s bedeutete. Eine Folgerung vermißt die „^Deutsche Zeitung" noch in dem Beschluß der Deutsch- nationalen. Brüning scheine sich mit der Sozialdemokratie dahin geeinigt zu haben, daß diese die Verantwortung für die Steuervorlagen übernehme, sich jedoch der Verantwortung für die Arbeitslosenversicherung- und Krankenkafsenreform entziehe. Hier rechne man mit der Unterstütz ung der De u tschn a tionalen, denen man die Ablehnung dieser, wenn auch sehr bescheidenen Sparmaßnahmen nicht zutraue. Dieses Spiel sollte nach Auffassung des Blattes von den Deutschnationalen so schnell wie möglich durchkreuzt werden. Die Rechte habe weniger denn je Veranlassung, das Uebergangskabinett
zur Großen Koalition dadurch am Leben zu erhalten, dah es ihm ein bequemes Operieren mit wechselnden Mehrheitenermögliche.
Das Arbeitsbeschaffungs- Programm
Beschluß des Rcichskabinctls.
Berlin, 2.Iuli. (WTB.) Auf der Tagesordnung der heutigen Kabinettssitzung stand eine 2lnzahl Gesetze, welche der Durchführung des Arbeitsbeschaffungsprogramms der Reichsregierung dienen sollen. So verabschiedete das Reichskabinett u. a. den Entwurf eistes Gesetzes über Maßnahmen zur Verbilligung des mit öffentlichen Mitteln geförderten Kleinwohnungsbaues, ferner den Entwurf eines Gesetzes über die Bereitstellung von Kredit zur Förderung des K l e i n w o h - nungsbaues und des Straßenbaues (Daukredityeseh 1930). Außerdem wurde der Reichsarbettsminister zur vorgriffsweisen Inanspruchnahme von 100 Millionen Mark ermächtigt, welche im außerordentlichen Haushalt seines Etats zur Belebung des Baumarktes in Ansatz gebracht werden. Das Reichskabinett wird seine Beratung über das Arbeitsbeschaffungsprogramm und die Preissenkungsfrage in der nächsten Woche fortsehen.
Hindernisse für die Belebung des Baumarkts.
Berlin, 2. Iuli. (Priv.^Lel.) Die Aktion des Reichsarbeitsministers zur Belebung des Daumarktes, den man als eine entscheidende Schlüsselstellung des gesamten Arbeitsmarktes betrachtet, steht nahezu vor der Verwirklichung. Wie wir aus yutunterrichteten parlamentarischen Kreisen hören, bereitet aber die Frage des Preisa bbaus in der Bauindustrie, der als Voraussetzung für die Vergebung von 250 Millionen Reichsgeldern von Stegerwald verlangt wird, noch große Schwierigkeiten, da augenscheinlich die dafür vom Reichswirtschaftsministerium übernommenen Verhandlungen nicht recht in Gang kommen wollen. Hinzu kommt noch, dah die Rechtsprechung der Kartellgerichte, die tn jüngster Zeit eine Anerkennung Der sogenannten Submissions-Kartelle gebracht hat, die Situation für die Stegerwaldschen Pläne noch mehr verschlechtert.
OieBefreiungsfeiernim Rheinland
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Oben: Die Menge bei der Feier in Speyer. — Unten: Reichsinnenminister Dr. Wir großen mitternächtlichen Feier in Mainz.
3n einer weiteren Entschließung fordert bet Ausschuß Beschleunigung und Vereinfachung bei Verfahrens in Versorgungssachen.
Adg. R o h m a n n (Soz ) begründet den sozialdemokratischen Entwurf eines Pensionskürzungsgesetzes. Danach soll die Pension
Die Strefemannbüste von Professor Seger, die nm Tage der Befreiung der Rheinlande im Auswärtigen Amt ihre Aufstellung fand.
eines pensionierten Beamten oder das Wartegeld eines Wartegeldempfängers gekürzt werden um die Hälfte des Betrages, wenn das gesamt« Privateinkommen des ^Beamten, das er neben der Pension hat, den Betrag von 6000 Mk. jährlich übersteigt. Die Höchstpension soll. 12 000 Mark betragen.
Abg. Frau Reihe (Soz.) erfiärte, die Novelle jum Versorgungsgeseh bringe schwere Schädigungen für die Kriegshinterbliebenen. Die Versorgung der Kriegerwitwen sei unzureichend.
Abg. Dr. Krone (Z.) führt aus, die Zahl der unberechtigten Versorgung Sansprüche sei außerordentlich groß. Roch immer mühten 70 bis 80 Prozent der Anträge abgelehnt Werdern Der Redner erklärt sich einverstanden mit einer von den Sozialdemokraten eingebrachten Entschließung, in der die Erhöhung des Aufwands für Kapitalabfindung im Rechnungsjahr 1930 auf 90 Millionen verlangt wird.
Dank an die rheinischen Zeitungen.
Die Presse im besetzten Gebiet im Kampf um die Freiheit.
Der Vorsitzende des Vereins deutscher Zei- tungsvcrleger Kommerzienrat Dr. Krumb- h a a r widmet der Presse des geräumten Gebiets folgende Zeilen:
Befreit vom Druck fremder Gewalt sind mit dem Abmarsch der fremden Besatzung auch wieder die Zeitungen in den Rheinländern Sie haben in den verflossenen schweren Iahren einen Hauptteil der Zwangsmahregeln, der Willkürfchaft und des Säbelregiments getragen, mit dem die Besatzungsmächte bald stärker, bald schwächer die deutsche Bevölkerung am Rhein bedrängt und in ständiger Unsicherheit gehalten haben. Die deutschen Zeitungen am Rhein können deshalb mit vollem Recht einen Haup11eil des Dankes, den das gesamte übrige Deutschland den befreiten Gebieten zollt, beanspruchen und mit freudigem Stolze ent- gegennehmen.
Unser aller Dank gilt den deutschen Brüdern und Schwestern, die für das gemeinsame Vaterland und das gesamte Deutschtum unendlich Schweres und Bitteres zwölf Iahre hindurch getragen haben. Wenn diese Kraft im Leiden, auf das unbesetzte Deutschland überströmend, sich dort in Kraft zum Handeln verwandelte, so gilt das in besonderem Grade für den tiefwirkenden i beeilen Einfluß, den die Zeitungen im besetzten Gebiete auf bie Presse des übrigen Deutschlands auszuüben vermochten. Die Gefängnis- und hohen Geldstrafen, die Fälle jahrelanger Verbannung vom Wohnort, von der Familie unb von dem Unternehmen, die so mancher Verleger unb Verlagsleiter, fo mancher Redakteur und Zeitungs- mitarbeiter durch die Besatzungsmächte hat erdulden müssen, sind für die Zeitungen des unbesetzten Deutschlands Ansporn und Gewissensmahnung geworden. Die dem Zugriff fremder Gewalten nicht erreichbare deutsche Presse hat die Hilferufe, die Ausbrüche der Verzweiflung und den unaufhörlichen Protest der Unterdrückten immer und immer wieder aufgenommen unb mit verhundertfachtem Widerhall an die Welt weitergegeben. Sie kann es sich heute zur Ehre anrechnen, die Befreiung der Rheinlande mit vorbereitet zu haben.
Unvergeßbar muß bleiben, dah aus dem gemeinsamen Dulden und Leiden ein tiefes Gefühl


