Ausgabe 
3.6.1930
 
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Nr. 128 Erstes Blatt

180. Jahrgang

Dienstag, 3. Juni 1930

Erscheint tögltH,außer Sonntag» und Ferertag»

Beilagen: Vie Illustrierte

Gießener Familien blätter Heimat im Dill»

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Fünfzig Jahre V.D.A.

An der Wiege des größten deutschen Kulturvereinü.

Don Dr. Walther Hötting.

An Pfingsten begeht Deutschlands größ­ter Kulturverband. derDereinfürdaS Deutschtum im Ausland, in Salz­burg das Fest seines fünfzigjährigen Be­stehens.

Wenn ein Anlaß feiernswert ist. dann ist es der Tag, an dem sich deutsche Männer auf die Pflicht besonnen, zur Erhaltung deut- schenBvlkstums jenseits derRcichs- grenzenund in den bedrohtenGrenz- gebieten etwas Durchgreifendes zu tun. Da­mals, fo um daS Jahr 1880 sah es vor allem in der Donaumonarchie für das deutsche Element recht trübe aus. Tschechen, Polen, Ungarn, Ru­mänen und Italiener gewonnen ständig an Bo­den. gewannen immer mehr Einfluß auf die Regierung in Wien. In Erkenntnis der ständig wachsenden Gefahr gründeten Deutschösterreicher aller Richtungen und Parteien den Wiener Deutschen Schulvcrein. Ihn hoben aus der Taufe Männer wie Dr. Engelbert P e r n et- storfer. der Begründer der österreichischen So­zialdemokratie, Dr. Diktor A d l e r . der im Jahre 1918 die Republik Deutschösterreich ausrief, der Historiker Heinrich F r i e d j u n g und andere. Gin Jahr spater entstand in Berlin der All - gemeineDeutscheSchulverein. der sich seit 1918 Verein für das Deutschtum im Ausland nennt. 2m Zeichen der Anschluß­bewegung sind beide Vereine feit kurzem zu einer mächtigen Organisation zufammengeichlossen, die nicht weniger als zwei Millionen Ulitalieber zählt und damit als her größte deutsche Kultur­verein angesprochen werden darf.

Aus ganz kleinen Anfängen wurde hier auf dem Gebiet der Fürsorge für das geistige Wohl unserer 30 Millionen im Ausland lebenden Volksgenossen Großes geschaffen. Den Anstoß zu einer organisierten praktischen Arbeit für das Deutschtum hat ein schlichter Priester gegeben, her, abseits des lauten Weltgetriebes, in Süd­tirol an der damals schon hart umstrittenen Sprachengrenze amtierte und darunter litt, baß sich die Tiroler Landesregierung um feine rings­um von italienischen Gemeinden umklammerten Deutschen im Ronsberggebiet südöstlich von Me­ran wenig kümmerte. FraNz Taver Mit­terer, so hieß dieser Seelsorger, hatte alle Mühe, seinen Psarrkindern überhaupt ein rich­tiges Deutsch beizubringen. Alle seine Amtsvor­gänger waren Italiener gewesen, die den deut­schen Alpenbauern keine Predigt in der Mutter­sprache halten konnten. Am Sonntagnachmittag hatte immer ein Bauer den Rosenkranz vorbe­ten müssen, damit die Leute wenigstens ein paar Mutterlaute in der Kirche zu hören bekamen. Mitterer lenkte in Wort und Schrift die Auf­merksamkeit der österreichischen Oesfentlichkcit auf das langsame, aber unaufhaltsame Versinken deutscher Volkssplitter im fremdsprachigen Grenz­gebiet. Auch einem deutschen Arzt, dem Frank­furter Dr. August Lotz, her eines Tages als begeisterter Alpinist in Mitterers stilles Dorf gekommen war, hatte der Kurat seine Rot ge­klagt. Lotz hatte schon als Student durch den Um­gang mit deutschstämmigen Studienfreunden aus Ungarn vorn nationale^)aseinskampf der Sieben­bürger Sachsen gehört. ^Das diese, die mit vollem Stolz erzählen konnten, wie sich ihr kleines Volks­tum an den Westabhängen der Karpathen selbst tapfer behaupte, mitgeteilt hatten, hatte aber bei weitem nicht an die seelische und nationale Rot hcrangercicht, die Dr. Lotz von Mitterer über Südtiro zu hören bekam. Rach Frankfurt zu­rückgekehrt, schrieb Dr. Loh ein Büchlein, in hem er berichtete, was er auf feiner letzten Berg­fahrt jenseits des Brenners erlebt hatte. In dem Vorwort zu diesem Buch bat er die Leser, mit ihm zu überlegen, wie man weiteren Beraubun- gen deutschen Volksgebietes entgegentreten könne. Ein Südtiroler Priester und ein Frankfurter Arzt also waren cs, die eigentlich den Grundstein zu dem heute so machtvollen Verein für das Deutschtum im Ausland gelegt haben.

Diesem kommt es, heute noch wie vor 50 Jah­ren, im wesentlichen daraus an, durch großzügige Forderung auslandsdeutscher Schulen,Vereine und Wohlfahrtseinrichtungen zu verhindern, daß Mil­lionen Deutsche ihrem Volkstum und, als mora lische Stützen ihrer Heimat, damit auch dem Reich verloren gehen. Das traurige Beispiel von Millionen Deutsch-Amerikanern, deren Ramen, sofern auch diese nicht schon amerikanisiert sind, nur noch die deutsche Herkunft verraten, die aber längst in der angloamerikanischen Rasse und Kultur aufgegangen sind, beweist deutlich genug, öaß von der alten Heimat her alles getan werden muß, um die Beziehungen zwischen Mutterland und Auswanderern am Leben zu erhalten. So bitter die Zeitenwende des Jahres 1918 gewesen sein mag. für die Arbeit am Deutschtum hatte sie einen tiefen Sinn; er st jetzt erkannte man in dem zerstückelten Deutschland so recht, was es heißt, in einem fremden Staat zu leben. In den losgetrennten Gebieten wurde mancher plötzlich zu einem Ausländer, der mit deutschem Wesen nichts mehr zu tun haben durfte. Das Schick­sal unserer Grenzlanddeutschen erst vermittelte der großen Masse des deutschen Vol­kes das Denken, Fühlen und Sorgen aller jener Millionen Volksgenossen, die schon immer draußen in der Fremde, in geschlossener Siedlung oder vereinzelt, gelebt hatten. Die wegen ihres Fest- haltens an der alten Staatsangehörigkeit durch

Das Eisenbahnunglück bei Moniereau.

Die Irümmerftätie bei SRowterea« südlich von Paris, wo der Schnellzug noch Marseille entgleiste.

Das Reichskabinett berät das Ausgabenfenkungsgeseh.

Die Wahrscheinlichkeit eines Attentats.

Paris, 2. Juni. (WTD.) Die polizeiliche Un­tersuchung über hie Arfache des Zugunfalles von Montercau und über die int Zusammenhang damit umlaufenden Gerüchte über einen Akten- tatsversuch haben nach den bisherigen Fest­stellungen ergeben, baß eine Pinasse, hie am ilfer vertäut war, abgetrieben unb gegen b i e Pfeiler her Eeinebrücke von Monte­reau gestoßen ist. Die Drücke liegt oberhalb des Viadukts, über den die Eisenbahngleise füh­ren. Es wurde festgestellt, daß drei Taue ge- l ö st worben sind. Es scheint sich auch hier um ein Attentat zu handeln, jedoch nehmen die mit der Untersuchung betrauten Personen nicht an, baß es irgendwie mit die Ursache der Ent­gleisung des Zuges gewesen ist.

Die Untersuchung der Ursache des Eisenbahn­unglücks hat noch keine weitere Aufklärung ge­bracht. Während die meisten Blätter die Mög­lichkeit eines von kommunistischer Seite vorbe­reiteten Anschlags erörtern, bezweifeltPopu- laire" einen Sabotageakt, da ein in voller Fahrt befindlicher Zug nicht einmal durch einen schweren Lastkraftwagen zur Entgleisung gebracht werden könne, geschweige denn von einem kleinen Trans- portwagen Bedenklicher sei die Tatsache, daß ferade am 31.Mai eine Weis ung er- assen worden fei, an dieser Kurve, die früher wegen schlechten Zustands der Gleise nur mit 30 Kilometer Geschwindigkeit befahren werden durfte, bis 90 Kilometer Geschwindig­keit einzuschlagen. Habe man etwa durch diese plötzliche Vorschrift für ein beschleunigtes Tempo des Zuges des Ministerpräsidenten Tardieu sor­gen wollen?

Berlin, 2.3unl. (OB.) Da« Reichskabinett hielt heute abenb eine Sitzung ab, bie sich mit lau- senden Angelegenheiten beschäftigte. Die Finanz­fragen, vor allem das in ihrem IHittelpunfl stehende Ausgabenfenkungsgeseh, werden erst in der morgigen Kabinettssitzung beraten werden. Das Kabinett will das Ausgabenfenkungsgeseh f o schnell w i e möglich verabschieden. Dagegen glaubt man in politischen Kreisen nicht, daß die par­lamentarische Erledigung noch vor der großen Ferienpause erfolgen wird. Die über den Inhalt des Entwurfs in der Presse veröffentlichten Einzelheiten beruhen, wie wir von unterrichteter Seite erfahren, zu einem Teil auf bedauerlichen Indiskretio­nen, deren Urfprung mit aller Schärfe nachgegan­gen wird, zum anderen Teil auf phantasievollen Kombinationen. Der Entwurf sieht nicht einen Abbau des zur Zeit in Dienst befind­lichen, sondern eine allmähliche entsprechend dem Abgang von Beamten durchzuführende Zurück- schraubung des Bea m t enförpers der Blinifterien um 10 v. h. vor Auch an an- deren Stellen wird, soweit es fachlich möglich ist, in diesem Sinne oorgegangen werden können. Pen- fionskürzungen sind nur für die Doppel­verdiener in einem beschränkten Umfange vor­gesehen. 3m übrigen war das Ausgabensenkungs- gefetj schon von der letzten Regierung in Aussicht genommen. Ls versucht, die Forderungen zu er- füllen, die feit langem vom Parlament und der Oef-

fentlichkeit jum Zwecke einer wirklichen Ausgabensenkung nachdrücklichst gefordert wurde.

Man glaubt, daß die Rloldenhauerschen Vorschläge zur Deckung de» Defizits noch manche Abänderung erfahren werden, da vor allem sein Jl o t o p f e t, da» im Grunde genommen auf eine Gehaltskür­zung hinauvläust, von der Dolfepartei bekämpft wird. L» würde bei einem Satz von 3 bis 4 Pro;, rund 400 Millionen Mark Einnahmen bringen, wenn man es nur auf die verficherungsfreien Ge­haltsklaffen befchränkt, affo bei Gehältern über 500 Mark in Ansatz brächte. Um eine parlamentarische Erledigung dieser Pläne zu ermöglichen, spielt man in Regierungefreifen mit dem Gedanken, Ausgaben- senkungsgeseh und Sanierung der Arbeitslosenver­sicherung miteinander zu verbinden.

Die (Ernennungen im auswärtigen Dienst.

Berlin, 2. Juni. (WTD.) Der Herr Reichspräsident hat die in Aussicht ge­nommenen Ernennungen für bie Dotschafterpo- ften in London und Rom fowie für den Posten des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes nunmehr vollzogen. Botschafter Sthamer in London wird am 1. Oktober d. I. in den Ru­hestand treten. Zu seinem Rachfolger ist der Botschafter in Rom Freiherr von Reu­rath, zum Dotfchafter in Rom der Staats­sekretär des Auswärtigen Amtes v. Schubert und zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes

den Krteg in die Heimat zurückge tri ebenen Aus­ländsdeutschen sowie die andern Hunderttausend die in den Ostgebieten, in Schleswig, in Elsaß- Lothringen der fremden Staatsgewalt wichen, haben dafür gesorgt, daß man heute in bet Zeit her Rot mehr vom Schicksal des Auslands- beutschtums weiß als in ben Tagen bes Glückes, wo nur der bei privaten wie bei amtlichen Stellen als Deutscher galt, her einen deutschen Reisepaß vorweiscn konnte. Damals war es doch leider, fo daß ein guter Deutscher aus Ru­mänien Rumäne war. ein Pole oder Franzose aber, wofern er nur die deutsche Staatsange­hörigkeit aus dem Papier (wenn auch nicht im Herzen- befaß, zum deutschen Volk zählte.

Schon der Weltkrieg hatte der Arbeit des Vereins für das Deutschtum im Ausland einen neuen unerwarteten Ausschwung gegeben. Hunderttausend« von Deutschen, bie auf bic ver­schiedenen Kriegsschauplätze verschlagen wurden, lernten draußen, mitten in russischer, rumänischer, serbischer oder polnischer Umgebung, deutsche Städte, deutsche Dörfer und einsame deutsche Gehöfte kennen, in denen es in Sprache, Religion und Lebensart so zuging, wiebei Muttern". Man muß Ausländsdeutsche selbst erzählen hören, wie deutscye Soldaten erstaunt ausriefen:Hier sind ja Deutsche!?" Dieses Erlebnis haben viele

gehabt. Kein Wunder drum, wenn her Verein für daS Deutschtum im Ausland heute zwei Millionen Mitglieder zählt, während es vor dem Kriege nur 160 00? waren. Wenn her Verein jährlich an zwei Millionen Mark für die Erhal­tung deutschen Wesens in der Welt ausgeben kann, so ist das der Tatsache zu verdanken, daß et nach dem Kriege eine Massenbewe­gung geworden ist, die alle Kreise des deut­schen Volkes erfaßt. Die Gewerkschaften wenden heute ihr Interesse dem VDA. zu, der früher nicht ihre Sympathie besaß, weil er einst ein Verein der besseren Leute" gewesen war. Sie wissen, daß der deutsche Arbeiter unb Ange­stellte, bet im Auslanb um seine Existenz kämpft, sich auch in bet Fremde als Deutscher fühlen unb betätigen muß, weil ihm bas hohe Riveau her deutschen Kultur günstigere Daseinsberechti­gungen sichert. Daher soll er vor allem seine Kinder in deutsche Schulen schicken. Die Errich­tung deutscher Schulen überall dort, wo es Deutsche in nennenswerter Zahl gibt, ist darum bie Hauptaufgabe des DDL

Staaten, bie für ihre Minderheiten nichts übrig haben, werden niemals Freunde des VDA. sein. So wat es schon zur Zeit seiner Gründung, als ihn die Verfolgung der deutschen Sprache in Allgarn auf den Plan rief. In Angarn fanden

damals lärmende Protestversammlungen gegen ben beutschen Verein statt. Aber auch im eigenen 2anb gab cs febr viele Gegner, bie es für ftaata* gefährlich ansahen, baß sich ein beutscher Schul­verein in bic inneren Verhältnisse eines fremben Lanbes einmischte. Selbst Bismarck rückte von hem gegen Angarns Schulpolitik protestkerenden Verein sowie von ben beutschen Abgeorbneten, die im Budapester Parlament für die Rechte der Siebenbürger Sachsen unb bet Schwaben in Ba­nat eintraten, ganz entschieden ab. Der Kanzlet, bet bie ®ermanifierung der Ostmarken betrieb, konnte allerbings auch nicht gut den Ungarn Entnationalisicrungspolitik vorwerfen. Bismarck erklärte damals:In einem Verein kann ein Professor mehr reden, als zehn Minister ver­antworten können, und auch die ungarische Regierung hat mit Abgeordneten zu tun, die sich nicht durch das Staatsinteresse biszipli- meren lassen." Später freilich ist das Verhältnis zwischen dem Auswärtigen Amt und dem VDA. entschieden besser geworben. 2m letzten 2ahrzehnt haben allein drei Diplomaten den Verein ge­leitet, der ehemalige Gesandte v. Reichenau, der frühere Staatssekretär des Auswärtigen, v. Hintze und der Gesandte von dem Dusche-Haddenhausen, der noch heute den Vorsitz inneßat