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Wohnungen zu bauen, bic bie Wohnungsuchenden nicht bezahlen Vnnten.

E, sei vorgesehen, den öffentlichen Wohnungs­bau in steigendem Matze durch den privaten zu erfehen. Damit billige Wohnungen geschaffen werden, dazu seien allerdings Zuschüsse nötig, jedoch sei zu erwarten, datz der Bedarf an kleinen Wohnungen nach fünf Jahren gedeckt fei und die öffentliche Bauwirffchaft mehr oder weniger ein­geschränkt werden könne, wichtig seien ferner Schaffung und Förderung von Siedlungen und

Erbauung von Eigenheimen.

3n Verfolg des Gesamtplanes würde es gelin­gen .in wenigen Jahren die Mietzinssteuer zu beseitigen. Bei dieser Regelung der Dinge würde zunächst ein Teil der Hauszinsstcuer frei und für Senkung anderer Steuern verwen­det werden.

3um Schluß seiner Ausführungen sprach der Minister über die Llrsachen, die den Zusam­menbruch aller Preise der Rohstoffe und landwirtschaftlichen Produkte bewirkten. Hierauf müsse nicht nur die Wirt­schaftspolitik, sondern auch die Ausgabenpolitik von Reich, Ländern und Gemeinden eingestellt werden. Wir seien in den vergangenen Jahren getäuscht worden durch den Zustrom ausländischen Kapitals aut dem Anleihewege und hätten über unsere Verhältnisse gelebt, das deutsche Volk habe in den vergangenen sechzehn Jahren aber so Unerhörtes geleistet, daß man ihm zutrauen dürfe, es werde auch die gegen­wärtigen Schwierigkeiten überwinden. Zeit und Mittel seieg vorhanden: nur sei dies lediglich eine Willensfrage, bei der man aller­dings von der Erkenntnis ausgehen müsse, daß wir in unseren Entschließungen nicht frei seien. Die Regierung habe den Weg gezeigt. Es sei am deutschen Volke, diesen Weg zu gehen.

Nie Lage.

Die Reichsregierung wird auf beschleunigte Beratung dringen

Berlin, 1.Oft. Wie wir erfahren, wird die Reichsregierung darauf dringen, daß die Bera­tung des Reformprogrammes im neuen Reichstag schnell vonstatten geht. Die Meldung der Deut­schen Allgemeinen Zeitung, daß der Reichstag schon zum 6. Oktober zusammenberufen werden soll, entspricht, wie wir von zuständiger Stelle hören, nicht den Tatsachen. Es bleibt viel­mehr bei dem ursprünglichen Term in des 13. Oktober, da eine frühere Zusammen­berufung des neuen Parlamentes schon aus tech­nischen Gründen kaum möglich erscheint. Die Auf­nahme, die das neue Reaierungsprvgramm in der Presse gefunden hat, läßt darauf schließen, daß die Wider st ände im Reichstag sehr erheblich sein werden. Die Sozialdemo­kratie tut, als ob wir noch mitten im Wahlkampf seien, sie behauptet, daß das neue Regierungs- Programm allen Bevölkerungsschichten Opfer zu­mute, nur nicht den Besitzenden. Auch auf der rechten Seite der politischen Front ist der Wider­spruch stark, die nationalsozialistische Presse geht sogar so weit, mit der Möglichkeit der Zitierung des 'Reichspräsidenten vor den Staatsgerichtshof zu spielen, falls das Kabinett Brüning sich dikta­torische Befugnisse anmahen sollte. Die Frage, ob und in welcher Form das Kabinett nach dem Zusammentreten dos Reichstages umgebildet wird, steht einstweilen noch im Hintergrund des pvlittschen Interesses, sie wird aber sehr bald akut werden, wenn es sich darum handelt, dem Kabinett ein stärkeres politisches Relief zu geben.

Brüning beginnt mit Verhandlungen.

UmdieUnterstützungPrcutzensimReichsrat

Berlin, 1. Oft. (TLl.) Zu dem gestrigen Ernp- fang des Reichskanzlers beim Reichspräsi­denten verlautet von unterrichteter Seite, daß der Reichspräsident nach dem Vortrag Dr. Brü­nings die Absichten des Reichskanzlers im vol­len Umfange gebilligt hat. Sicherem Vernehmen nach hat auch Dr. Brüning sich in seinem Vortrage nicht nur darauf beschränkt, die Grundzüge des Wirtschasts- und Finanz- Plans zu entwickeln, sondern er hat auch seine politischen Absichten zur Verwirk­lichung dieses Programms dargelegt.

Die Unterredung zwischen dem Reichskanzler und dem Preußischen Ministerpräsi­denten, die bekanntlich gleichfalls am Diens­tag stattfand, hat, der gleichen Quelle nach, ergeben, daß Dr. Braun dem Reichskanzler die Unterstützung der Preußischen Staatsregierung im Reichsrat bei der Behandlung der einzelnen Gesetzentwürfe z u g e s a g t hat. Ein formeller Beschluß der Preu­ßischen Regierung hierzu liegt noch nicht vor. Da aber der preußische Finanzminister Dr. Höp- k e r - A s ch o f f ständig an den Beratungen des Reichskabinetts teilgenommen hat, ohne daß er zu dem Gesamtplan Einwendungen er­hoben hätte, rechnet man in der Reichskanzlei mit der Unterstützung Preußens.

Ueber die weitere Behandlung des Gesamt­planes sind noch keine näheren DiSposittonen getroffen worden. Man nimmt an, daß der Kanzler im Laufe der nächsten Tage Ver­handlungen mit den Führern aller in Betracht kommenden Parteien aufnehmen wird. Eine Unterredung, die er am Dienstagabend noch mit den Vertretern der So­zialdemokratie, Hermann M ü l l e r-Franken und Wels gehabt hat, ist durchaus inoffizieller Ratur gewesen und hat lediglich zur Unterrich­tung der beiden Sozialdemokraten gedient. Der erste offizielle Empfang der SPD.-Dertreter ist für Donnerstag vorgesehen. Von den Ratio­nalsozialisten sollen für die Verhandlun­gen mit dem Reichskanzler angeblich der thürin­gische Innenminister Dr. Frick und Rechts­anwalt Dr. Frank ausersehen worden sein. Der Reichskanzler wird am Donnerstagvormittag zunächst den Grafen Westarp von der Kon­servativen Volkspartei im Beisein des Ministers Schiele empfangen, darauf von den Sozial­demokraten die Abgeordneten Wels und Her­mann Müller: die Reihenfolge der übrigen Parteiführerempfänge steht noch nicht fest.

Oie Gorgen der Städte.

Berlin, 1. Oft. (TU.) Im Anschluß an die Hauptversammlungen des Deutschen und Preußi­schen Städtetages wurde eine Abordnung des Vorstandes des Deutschen Städtetages vom Reichskanzler Dr. Brüning in Gegenwart der

Minister Dr. Dietrich und Dr. Sieger- wald empfangen. Die städtischen Vertreter leg­ten insbesondere das Problem der Wohl­fahrtserwerbslosen und die Rotwendig­keit der Reuregelung der Krisenfürsorge dar. Die Aussprache gab Uebereinstimmung, daß die erforderlichen Reformmahnahmen m i t größter Beschleunigung durch ge­führt werden müssen. Die Rotlage der Gemein­den erfordert nach Auffassung der Gemeinde­vertreter eine sofortige Abhilfe durch Aus­dehnung der Krisenfürsorge, die sei­tens des Reiches in den nächsten Wochen grund­sätzlich umgestaltet werden soll.

Arbeitsminister Stegerwald über die Sparmaßnahmen.

Berlin, 1. Oft. (Tel.-Un.) In einer Unter­redung erklärte der Reichsarbeitsminister Dr. Ste­ge r tu a l b u. a., daß heute in allen Kreisen Ueber­einstimmung darüber herrsche, daß der 1927 mit der Neuordnung der Beamtenbesoldung beschrittene Weg falsch gewesen sei und daß nun- mehr weitgehend zum Ausgangspunkt von 1 9 2 7 zurückgekehrt werden müsse. Das deut­sche Preisniveau siehe gegenwärtig mit an der Spitze von allen Ländern und dieses Preisniveau müsse baldigst herunter, wenn Deutschlands wirtschaftliche Lage sich nicht versteifen und damit die Arbeitslosigkeit verewigt werden solle. Die Ge­stehungskosten -der deutschen Wirt­schaft müßten herabgedrückt werden. Die deutsche Wirtschaft habe an Lohn- und Gehalts­abgaben sowie für Abgaben an die öffentliche Hand 65 Milliarden Mark aufzubringen, hiervon gingen über 27 Milliarden an Reich, Länder, Gemeinden und Sozialversicherung. Da von diesen 27 Milliarden die Landwirtschaft aber nur zwei Milliarden auf­bringe, sei der Rest von 25 Milliarden aus Industrie, Gewerbe, Handel, Ver­kehr, freie Berufe, Beamte, Ange­stellte und Arbeiter abgewälzt worden. Diese gewaltigen Beträge lähmten und be­drückten die gewerbliche und indu­strielle Wirtschaft. In der gegemvärtiaen Wirtschaftskrise verringerten sich trotz Erhöhung der Steuersätze die Steuereingänge und vermehrten die Arbeitslosigkeit. Vom Januar bis Ende September 1930, also in neun Monaten, seien Volk und Wirt­schaft in Deutschland mit 3,4 Milliarden neu belüftet worden, also um mehr als vor dem Kriege der gesamte Haushalt des Reiches betragen habe. In solcher Lage seien Steuererhöhun­gen nicht mehr möglich. Seien infolge ver- stärkter Arbeitslosigkeit erhöhte Ausgaben unver- meidbar, müßten diese durch Einsparungen an anderer Stelle aufgebracht werden. In diesem Zusammenhang müsse man die in Aussicht genommene Gehaltskürzung der Beamten und auch die sozial unangenehmen Abstriche am Haushalt 1930'31 ansehen. Keine Reichsregierung, keine Lau- desregierung und keine größere Gemeinde komme in den nächsten Jahren um Gehaltskürzungen herum. Das liege in der Macht der Tatsachen und nicht etwa an irgendwelcher Mißgunst gegenüber den Beamten. Es gehe in der nächsten Zeit um mehr als Wirtschafts, Finanz- und sozialpolitische Einzelfragen. Es gehe darum, ob Staat, Demokratie und Wirtschaft gerettet werden sollten ober ob Deutschland in den Abgrund treiben solle.

Konstituierung der Landvottpartei.

Die Partei fordert Regierungsumbildung mit Kurs nach rechts

Berlin, l.Ott. (TU.) Unter dem Vorsitz des Parteiführers Höfer, St.Bernhard, traten Parteivorstand und Reichstagsfraktion der Ehristlich-Rationalen Dauern- und Landvolkpartei zusammen. Die Fraktion wählte den Abgeordneten D ö b r i ch einstimmig zum Fraktionsvorsitzenden und wird im Reichstag unter dem HamenDeutsches Landvolk (Christlich-Rationale Bauern- und Landvolk­partei)" auftreten. In einer Entschließung zur pvlittschen Lage heißt es, daß die Stellung der Partei zur Reichsregierung auch jetzt völlig frei sei. Der bei der Wahl zutagegetretene Vowswille verlange eine entschieden natio­nale Politik und eine stärkere Berück­sichtigung d er rechtsgerichteten Kreise auch in der Regierung. Diese Regierung müsse ein Kabinett der natio­nalen Führung sein. Es wird deshalb eine Hmbil&ung der Reichsregierung auch unter Heranziehung der RSDAP. gefordert, sofern diese zur verantwortungsbewuß­ten Mitarbeit bereit fei. Eine Regierung, die marxistisch beeinflußt sei, oder auch nur von marxistischen Parteien geduldet werde, wird ab» gelehnt. Die Mehrheit des deutschen Volkes verlange eine Abkehr von den bisherigen Wegen der deutschen Außenpolitik und den Kampf um die Befreiung von den Tributlasten. Das Regierungsprogramm enthalte davon kein Wort. Die Pläne zur Rettung der deutschen Landwirtschaft hätten sich trotz aufopferndster Tättgkeit ihres Vertrauensmannes in der bis­herigen Reichsregierung nicht in dem erhofften Maß durchsetzen lassen. Weiter wird eine grund­sätzliche Abkehr von dem bisherigen System der Handelspolitik gefordert.Rur eine Regierung, die zu durchgreifenden Maßnahmen nicht nur auf den Gebieten der Finanz-, Wirtschafts- und Sozialpolitik, sondern auch auf denen der Außenpolitik und der notwendigen (Ber­fa ff u n g 6 r e f o r m entschlossen ist, kann auf Unterstützung der Partei rechnen."

Oie Stellung

der Nationalsozialisten.

Untragbar" sagt derBölkischeBcobachter.

München, 1. Oft. (TU.) Zum Finanzpro­gramm der Reichsregierung schreibt der »Völ­kische Beobachter" u. a.:Was wir hier als Sanierungsprogramm vorserviert erhalten, ist eine furchtbare Volksbelastung, der­art furchtbar, daß endlich wohl auch den locarno- tollsten Wählern Hören und Sehen vergehen wird. Auch die deutschen Beamten können jetzt gemeinsam mit allem Volk zusehen, daß die Börse und Großbanken ebenso wie Großwaren­häuser ungeschoren davonkommen, die schaffende Ration aber die Folgen der zwölfjährigen ver­brecherischen Politik zu tragen hat. Wir begrü­ßen allerdings die Gehaltskürzung des Reichs­präsidenten, der Minister und der Diäten der Abgeordneten. Während der ganzen Jahre ist es weder den Marxisten, nc^h den Bürgern

eingefallen, hier etwas vvrzunehmen. Erst als die RSDAP. sich als die Stimme des gequälten Volkes meldete und Abbau von oben forderte, und als schließlich der 14. September zeigte, was die Glocke geschlagen hatte, da bequemten sich endlich die Herren, auch bei sich etwas zu kürzen." Schließlich kommt das Blatt zu dem Ergebnis, daß das Programm der Brüning-Richtregierung untragbar sei, denn es tue nichts anderes, als die Voung-Sklaverei zu stabilisieren und es fordere vom deutschen Volk die Anerkennung, ein versklavtes Volk zu sein und es bleiben zu wollen.

Rothermere und seine Kritiker

London, 2. Oft. (WTB. Funkspruch.) Lord Rothermere ycröffentlicht heute in derDaily Mail" einen AufsatzMein Artikel und seine

Krittker", bt dem er den Idealismus der Raxtz- kriegsjugend lobt und seinen Kritikern, die et als eine Bande törichter alter Poli­tiker bezeichnet, vorwirft, daß sie unfähig seien, zu begreifen, wie unzeitgemäß ihre An­sichten geworden sind. Er fordert die Sieger­staaten auf, den gefährlichen Druck, den sie auf Deutschland ausübten, durch Eröff­nung direkter Besprechungen mit Deutschland zu erleichtern. Hitler gibt et den Rat, sich Mussolini zum Vorbild zu nehmen, womit er Deutschland einen großen Dienst erweisen würde. Ferner ermahnt er die Rationalsozialisten, nach dem Vorbilde des Grün­ders des Faschismus den Antisemitismus als ein törichtes Ueberbleibsel mittelalterlichen Vorurteils aus ihrem Programm weg- z u l a s s e n.

Die öunberiWfeier her berliner Museen.

Oie Festrede von Generaldirektor Prof. Or. Waeholdt.

Berlin, 1. Oft. (WTB.) In der Alten Aula der Berliner Universität fand heute mittag der Festakt anläßlich der Hundertjahrfeier der Berliner Museen statt, wozu sich zahlreiche Museumsleiter und Kunstfreunde des Auslands eingefunden haben.

Rach einer musikalischen Einleitung ergriff der Generaldirektor der staatlichen Museen, Professor Dr. W a e h o l d t, das Wort. Er begrüßte zu­nächst die Ehrengäste, insbesondere die Vertreter der Reichsregierung, des Reichstages und des Reichsrates, der preußischen Staatsregierung, des Preußischen Landtages und des Staatsrates so­wie der Stadt Berlin. Schon in der Vorgeschichte der Museen, so sagte Generaldirektor Waetzoldt, prägen sich als Zielsetzung aus die pädagogische und die wissenschaftliche Absicht. Die preußischen Schlösser waren bereits unter Friedrich dem Gro­ßen bis zu einem gewissen Grade museumsartig zugänglich. Zum wahren geistigen Ahnherrn der Berliner Museen ist Humboldt geworden. Die Berliner Museen sind Staatsinstitute. Der Staat erblickt in ihnen eine der vornehmsten Formen der Repräsentation staatlicher Kulturpolitik. Der Erbbesih der Hohenzvllern an Kunstwerken ersten Ranges war nicht mit den alten Kunstschähen der Wittelsbacher, Wettiner oder gar der Habs­burger zu vergleichen Hier muhten fachmänni­sches Wissen *inb historischer Sinn den neuen Sammlungen eine eigene Physiognomie geben.

Bei der Eröffnung des Alten Museums 1830 konnte die Gemäldegalerie bereits als eine statt­liche Sammlung in die Erscheinung treten. Das Stammhaus der Berliner Museumsfamilie ist das Alte Museum am Lustgarten Schon

nach einem Jahrzehnt faßte Friedrich Wil­helm IV. den Entschluß, die ganze Spreeinsel hinter dem Museum zu einet Freistätte für Kunst und Wissenschaft umzuschaffen In dieser Feierstunde sehen wir die musealen Dinge in festlicher Beleuchtung. Freude und Sorge Hin­gen heute zusammen. Die berechtigten Klagen einzelner Abteilungen sollen von der Iubiläums- rethorik nicht übertönt werden. Preußen ist stets ein armer Staat gewesen, Preußens- Volk ist aber in seiner Armut immer wieder schöpferisch geworden.

Eine weitere Ansprache beim Festakt hielt der preußische Kultusminister (Stimme; Reichsinnen­minister Dr. Wirth verlas folgendes

Glückwunschschreiben des Reichspräsidenten.

Sehr geehrter Herr Generaldirektor!

Zur heutigen Feier des 100jährigen Bestehen« der preußischen staatlichen Museen spreche ich meine herzlichen Glückwünsche aus. Entstanden in schwerer Zeit, begehen die staatlichen Museen nach glänzender Entwicklung wiederum in schweren Tagen ihre Jahrhundertfeier mit der Eröffnung dreier bedeutender Neubauten. Möge der zähe kulturelle Lebenswille, der sich in der Durchführung der durch Zeitlage und Hemmnisse besonderer Art erschwerten baulichen und inhalt­lichen Erweiterung der Museen bekundet, unserem Vaterlande erhalten bleiben und auch in Zukunft reiche Früchte tragen.

Mit freundlichem Gruß

(gez.) von Hindenburg.

Oie Plädoyers gegen die Ulmer Reichswehroffiziere. Oer Reichsanwatt beantragt je zwei Jahre sechs Monate Festungshaft gegen alle drei Angeklagte.

Das Plädoyer des Reichsanwalts

Leipzig, 1. Oft. (WTB.) Am 7. Verhand­lungstage beginnt Reichsanwalt Dr. Ragel sein Plädoyers Von vornherein spreche ich aus, daß ich die Angeklagten der Vorbereitung des Hochverrats im Sinne der Anklage für schul- d i g halte. Die Angeklagten wollen freilich als Programm für das Heer die Durchführung des Befreiungskampfes haben. Dabei muh ich mich wundern, daß sie gar nie bemerkt haben, daß die Reichsregierung im Zusammen­wirken mit den Regierungen der deutschen Län­der diesen Befreiungskampf schon seit vielen Jahren führt. Die Reichsregierung hat gekämpft für die Befreiung des widerrechtlich besetzten Ruhrgebietes, die Befreiung der sogenannten Sanktionsgebiete, die zweite Kölner Zone, sowie für die Befreiung des ganzen Rheinlandes, und fie führt ihren Kampf weiter um die Wieder­einverleibung des Saarlandes.

Auch die Angeklagten werden kaum bestreiten können, daß Erfolge doch gewiß schon erzielt worden sind, gewiß nicht solche Erfolge, wie wir sie alle selbst wünschen möchten, jedoch muß um jede einzelne kleine Frucht eines Erfolges lange Zeit hart gerungen und gekämpft werden. Es ist von Oberst Beck erklärt worden, daß dieselben schweren Probleme, die die Offiziere be­drückt haben, auch bei den höheren Kom­mandostellen empfunden wurden. Daher hatten die Angeklagten keinen Anhalt dafür, daß etwa die Ansichten im Reichswchrministerium durchaus anders wären, vor allem keinen Anhalt dafür, daß das Reichswehrministerium das Heer entmannen wollte. Wenn die Angeklagten das angenommen haben, sv konnten sie nur von einer grenzenlosen Selbstüberhebung beseelt ge­wesen sein. Die Angeklagten wollten damals, was sie wirklich beseelte, nicht zur Kenntnis ihrer Vor­gesetzten bringe^ sondern es sollte vorläufig vor den Vorgesetzten geheimgehalten wer­den. Daß sie ihptz Pläne geheimhalten wollten, wird erklärlich, weil sie aus ihrer Unzufrieden­heit heraus ein aktives Eingreifen des Heeres in die Politik herbeiführen wollten.

Dabei hofften sie auf Rückhalt und Unter­stützung in München. Was damals im einzel­nen in München besprochen worden ist, hat sich nicht voll aufklären lassen. Vielleicht haben die Eindrücke, die die Angeklagten bei ihrem Mün- chener Besuch von der Organisation der NSDAP, erhalten haben, besonders auf sie eingewirkk. Sie werden aus ihrer Einstellung gegenüber der Reichs­wehr der Meinung gewesen sein, daß die national­sozialistischen Sturmabteilungen nicht nur eine Polizeitruppe sein sollten, dazu bestimmt, die natio- nalsozialistische Propaganda und Parteitätigkeit zu schützen.-Sie werden der Meinung gewesen sein daß es der NSDAP, nicht genüge, langsam von Wahl zu Wahl schrittweise oorzubereiten, und lediglich auf legalem Wege die von der gegenwärtigen Verfassung geschlagenen Fesseln zu lösen. Die Aus- sage des obersten Parteiführers, daß er sich für die Durchsetzung seiner Ziele nur legaler Mittel be­dienen wolle, lag damals noch nicht vor. In den nationalsozialistischen Schriften war auch davon die Rede, daß Kopfe in den Sand rollen sollten, aber nicht gefagt, daß es sich bann um die V o l lst r e ck u n g vonUrteilen eines legalen Staats g'erichtshofes handeln

sollte. Die Angeklagten haben das Unternehmen mit Bewußtsein und Vorsatz ausgeführt und auch gemeinschaftlich gehandelt. Hiernach sind sie wegen Vorbereitung des Hochverrats zu be- strafen.

Der Reichsanwalt stellte sodann den bereits ge­meldeten Strafantrag auf je 2 Jahre 6 Monate Festungshaft unter Anrech­nung der vollen Untersuchungshaft gegen alle drei Angeklagten und Dienstentlassung gegen Ludin und Scheringer.

Die Verteidiger

Als erster Verteidiger nimmt sodann Rechts­anwalt Dr. Frank II. aus München für den Angeklagten Oberleutnant von Wendt das Wort. Es wandte sich zunächst dagegen, daß der Reichs­anwalt es unterlassen habe, die rechtlichen Mög­lichkeiten der Beurteilung des Verhaltens der Angellagten vom rein menschlichen Standpunkt aus zu betrachten. Wendt und die beiden anderen Angellagten mühten freige­sprochen werden, weil sie unschuldig seien, un­schuldig deshalb, weil nur ein einfaches Politi­sieren, eine explosive Gedankenäuße- rung junger idealer Menschen vor- liege. Der Vorsitzende der RSDAP. Hlller habe unter Eid ausgesagt, daß seine Partei ledig­lich auf legalem Wege ihre Ziele zu er­reichen suche, im Gegensatz zu der Kommunisti­schen Partei, die den Umsturz mit allen zur Ver­fügung stehenden Mitteln erstrebe. Die Ange­klagten hätten nicht einmal parteipoli­tisch gedacht. Der Zweck ihrer ganzen Rede sei eine Zusammenfassung aller national Denken­den in der Reichswehr gegen das Unternehmer­tum der Straße gewesen. Auf Ihr Urteil, meine hohen Herren, so schloß der Verteidiger, schaut die ganze Welt, weil aus diesem Urteil die Kenntnis kommen soll, ob es wirklich notwendig ist, den nationalen Gedanken im Wegie eines Hochverratsverfahrens vorwärts zu tragen oder ob es nicht doch möglich ist, daß als Lehre dieses Prozesses hervorgeht: Hütet euch, die Reichswehr anzutasten! Der Wille des Reichsheeres besteht darin, im Dienste der Gesamtheit zu stehen, aber nicht im Dienste einzelner politischer Parteien.

Rechtsanwalt K a rn e ck e - Berlin, der Verteidiger des Leutnants Ludin stellt fest, baß der Konflikt der jungen Offiziere letzten Endes in dem Satz wur­zelt: Die Reichswehr ist das Instrument der Reichsregierung. Da die Reichsregierung des Vertrauens des Parlaments bedürfe, so könne man Reichsregierung gleichsetzen mit parlamen­tarischer Mehrheit. Sei eine solche parla­mentarische Mehrheit pazifistisch eingestellt, so sei der Geist der Regierung den Aufgaben der Wehr­macht diametral entgegengesetzt. Von seilen der Reichsregierung sei nichts geschehen, den Ehrgeiz zu stärken ober auch nur bie Angehörigen ber Wehrmacht vor ben Angriffen von links zu schützen. Demgegenüber hätten die jungen Offiziere die Aufgabe vor sich gesehen, eine Annäherung ans Volk wieder herbeizuführen. Es fei nicht ver­wunderlich, wenn die Offiziere aufs ernste sich mit dem Gewissenskonflikt auseinandergesetzt haben, unter Umständen auf ihre Volksgenossen von rechts oder von links schießen zu müssen: denn der Soldat sei keine bloße Maschine, sondern ein Mensch von Fleisch und BlUt. Die An»