lösender Revolutionär, sondern gewissermaßen ein „(Erfüller".
Wenn es wirklich so wäre, daß das Christentum auf deutschem Boden etwas Artfremdes wäre, so wäre zu seiner Abstoßung damals der Zeitpunkt ungeheuer günftig gewesen; in Italien, im Ursprungsland der römisch-katholischen Kirche, herrschte bereits ein verblüffendes Heidentum und warum hätte nicht in Deutschland dasselbe möglich sein sollen? Es war alles bereit dazu und die Wahrscheinlichkeit, daß der Zeitgeist sich in einem Ulrich von Hutten verkörperte, war viel größer, als daß dies in einem Luther geschah. Es ist nicht so gekommen, sondern in einem Volk, politisch so zerrissen wie möglich, ging mit einem Male das Unerwartetste und Unwahrscheinlichste wie ein Stern auf und zog aller Augen auf sich: jene Flammenspitze des Evangeliums: Alles in der Gesinnung, nichts in der Form! — Wir sagen: Der lebendige Gott kann, wenn er will, auch alle Interessen, Art- gemäßheiten und sonstige Relativismen durch alle Sinnlichkeit und alle Furcht des Menschenherzens hindurch in eine Tiefe reden, wo e r ohne weiteres erkannt wird. Das ist die Tiefe, wo in uns allen das Unbedingte wohnt, das Gewissen, das Organ für Gott. Alles im Gewissen, nichts an der Oberfläche des Tuns. Das war Luthers „Erfüllung" des I. Glaubensartikels an Gott den Schöpfer und Herrn: die Befreiung des christlichen Glaubens an den lebendigen Gott von den Verschanzungen der antik-mittelalterlichen Werkgerechtigkeit.
Aber wie das Gesagte auf deutschem Boden immer wieder wahr wird, wie die ernst genommene deutsche Not immer wieder zu dem persönlichen lebendigen Gott treibt, dafür noch ein leuchtendes Beispiel: E. M. Arndt. Als Arndt als Flüchtling in Rußland den „Katechismus für deutsche Soldaten" schrieb, war er 43 Jahre alt, in einem Alter, wo der reife Mann seine Ueberzeugung kaum zu wandeln pflegt. Aber dieser Katechismus bezeugt eine große „Sinneswandlung". Wenn damals alle Welt Napoleon als den Gottesgesandten pries, dem gegenüber jeder Widerstand nutzlos sei, so konnte Arndt jetzt gerade das Geschlecht der Befreiungskriege zur Tat aufrufen, zum Kampf gegen den Feind des Friedens, den Zertrümmerer der Völker und deutscher Ehre. In seiner Jugend hatte Arndt noch einem antik-heidnischen Schicksalsglauben gehuldigt. Jetzt beseelte ihn ein inbrünstiger Glaube an die Macht, die das Gerechte will und die Verletzung ihrer ewigen Ordnung ahndet. Nur solcher Glaube konnte die Menschen mit der Kraft für die große Befreiung erfüllen. Daher glaubt er an Gott als „umfassenden Täter, als absolute, allmächtige Verson". „So tritt das Gewaltige in dem Schicksal, das Göttliche über dem Schick- s a l aber in einzelnen Wundererscheinungen in die Welt" (Aus. Hans Kern: E. M. Arndt, der ewige Deutsche.) Das größte dieser Offenbarungswunder ill Christus. Dkefe Ueberlegungen ließen Arndt den Anschluß an das protestantische Christentum finden, ja er wurde selbst ein streitbarer Kämpfer im Geiste Luthers.
Der Allerheiligentag in Hessen.
Da die Vorbereitungen für den Erlaß einer endgültigen Verordnung über den Schutz staatlich nicht anerkannter kirchlicher Feiertage in Hessen noch nicht abgeschlossen sind, ordnet der hessische Staatsminister — Abt. la, Polizei — für den Allerheiligentag am 1. November 1934 die gleiche Regelung wie für den Mariä Himmelfahrtstag an. Der Allerheiligentag kann daher für dieses Jahr in den überwiegend katholischen Gemeinden entsprechend dem bisherigen Brauch gefeiert werden.
Vornolizen.
— Tageskalender für Mittwoch. Ortsgruppe Gießen-Süd: 20.30 Uhr, Hotel Kobel, Zelle 1, Zellenversammlung. — NSLB. Kreis Gießen: 16 Uhr, Cafö Leib, Kreisversammlung; Arbeitsgemeinschaft „Musik", 14.30 Uhr, Singsaal des Lyzeums, Orchesterprobe. — Stadttheater: 19.30 bis 22 Uhr
„Traviata"» — Lichtspielhaus, Bahnhofstr.r „Krach um Jolanthe". — VDA. Ortsgruppe Gießen: 20.15 Uhr, Aula der Universität, Graf Luckner erzählt aus dem Leben des Seeteufels. — Oberhessischer Kunstverein, Turmhaus am Brandplatz: 16 bis 17 Uhr, Gemäldeausstellung.
OerTag der Hausmusik und dieGchule.
Die Ministerialabteilung für Bildungswefen, Kultus, Kunst und Volkstum hat zum Tag der deutschen Hausmusik am 20. November folgende Der- fügung an die Direktionen der höheren Schulen, der gewerblichen Unterrichtsanstalten und an die Kreis- und Stadtschulämter gerichtet:
„Um unser Volk auf die Notwendigkeit einer planmäßigen und nachdrücklichen Pflege der Hausmusik hinzuweisen, hat die Reichsmusikkammer eine Arbeitsgemeinschaft für Hausmusik eingerichtet und dieser auch die Durchführung des Tags der deutschen Hausmusik übertragen. Zum Mitarbeiterkreis dieser Arbeitsgemeinschaft gehören wesentlich die Schulen. Durch sie kann eine unmittelbare Verbindung zu der begabten Jugend geschaffen werden. Dann ist die Zusammenarbeit zwischen Schulmusiklehrern und freien Musikerziehern eine der wesentlichen Voraussetzungen für die erfolgreiche und gründliche Belebung der Hausmusik und für die Werbung des Verständnisses in der Jugend für den Wert eigener
musikalischer Betätigung. Schulräume kommen für musikalische Veranstaltungen in besonderem Maße in Betracht.
Um die Vorbereitungen aller Veranstaltungen zum Tag der deutschen Hausmusik umfassend durchführen zu können, empfehlen wir, in allen größeren Orten zwecks Bildung eines Arbeitsausschusses mit der Ortsmusikerschaft der Reichsmusikkammer bzw. mit dem städtischen Musikbeauftragten die Verbindung sofort aufzunehmen. Die Größe und Zusammensetzung dieses Ausschusses hängt ganz von den örtlichen Verhältnissen ab. Wichtig ist ferner die Fühlungnahme mit den Kulturämtern der Partei, Arbeitsfront, NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", NS.-Frauenschaft und Hitler-Jugend.
Die reibungslose Durchführung aller Schulveranstaltungen ist durch diese Ausschüsse zu regeln."
Das Gesetz
über das Schlachten von Tieren.
Das Kreisamt Gießen veröffentlicht im neuesten Amtsverkündigungsblatt die nachstehende Bekannt- machung des Hessischen Staatsministers vom 24. Oktober 1934 betr. das Gesetz über das Schlachten von Tieren vom 21. April 1933, mit dem Auftrag an die Polizeidirektion Gießen, die Ortspolizeibehörden und die Gendarmeriestationen des Kreises, die Befolgung dieser Vorschriften zu überwachen. In der Bekanntmachung heißt es:
Nach §1 des Gesetzes über das Schlachten von Tieren, vom 21. April 1933, sind warmblütige Tiere beim Schlachten vor der Blutentziehung zu betäuben. Der § 4 der Verordnung über das Schlachten
von Tieren, vom 21. April 1933, besagt, daß mit der Blutentziehung erst nach oorangegangener Betäubung begonnen werden darf. Die Betäubung kann nach § 6 dieser Verordnung neben anderem auch mittels elektrischen Stromes erfolgen unter der Voraussetzung, daß die dazu in der Praxis erprobten und bewährten Apparate verwendet werden. Diese Apparate müssen so eingerichtet sein, daß Unfälle durch Berührung stromführender Teile nicht Vorkommen können. Sie dürfen nur durch unterwiesenes Personal gehandhabt werden.
Die Art und Methode der Blutentziehung nach erfolgter Betäubung bleibt dem Ermessen des Schlachtenden überlassen.
Das Hessische Staatsministerium (Abteilung für öffentliche Gesundheitspflege) hat hierzu Folgendes anaeordnet:
Die Erlaubnis zur Aufstellung solcher Apparate zur elektrischen Betäubung von Großvieh und Kälbern bedarf jedesmal ministerieller Genehmigung. Letztere wird nur erteilt für öffentliche Schlachthäuser, die unter einer geregelten veterinärpolizeilichen bzw. tierärztlichen Aufsicht stehen.
Die elektrische Betäubung von Großvieh und Kälbern darf nur durch einen besonders unterwiesenen Schlachthofangestellten in Gegenwart eines tierärztlichen Beschauers vorgenommen werden. Die Verwendung elektrischer Betäubungsapparate für Groß
vieh und Kälber in den Einzelmetzgereien der Gemeinden ohne Schlachthauszwang ist verboten.
Oie UeSerwachuug der Fleifch- und Wurstpreise.
Das Kreisamt Gießen veröffentlicht im neuesten Amtsverkündigungsblatt die im „Gießener Anzeiger" Nr. 250 vom 25. Oktober bereits abgedruckte Anordnung des Hessischen Staatsministers Jung über die Fleisch- und Wurstpreise in Hessen. Das Kreisamt beauftragt die Ortspolizeibehörden und die Gendarmeriestationen des Kreises, die Durchführung dieser Anordnung streng zu überwachen, insbesondere in der Richtung, daß ab 1. November 1934
1. die Fleischwaren in den Verkaufsläden der Metzgereien nach Qualitäten gekennzeichnet werden,
2. genügend Fleisch und Wurstwaren zu billigeren als den in der Anordnung des Staasministers angegebenen Höchstpreisen in den Metzgereien feilgehalten werden oder mit anderen Worten, daß Durchschnittswaren im wesentlichen zu den gleichen Preisen wie bisher den Verbrauchern zur Verfügung stehen. Sollten Verfehlungen zur Kenntnis der Polizei oder der Gendarmerie kommen, so ist dem Kreisamt umgehend zu berichten.
Oie Verlosung von Auslosungsrechten der städtischen Ablösungsanleihe.
Die Bürgermeisterei veröffentlicht in unserem heutigen Anzeigenteil das Ergebnis der Verlosung von Auslosungsrechten der Ablösungsanleihe der
vor dem Bahnhofsgebäude hielt das große dunkelblaue Auto Direktor Kutschners. In heiterem Geplauder schritt Edelgard neben Direktor Kutschner dem Wagen zu. Der Chauffeur öffnete ehrerbietig den Schlag. Beide fliegen ein. Der Chauffeur nahm seinen Platz ein. Schon glitt das Auto in schneller Fahrt die Straße entlang und war bald den Blicken Willy Frankes entschwunden.
Er sah dem blitzenden Gefährt nach. Das hätte Aenne Lehmann sehen sollen, das freche Dina. Jetzt hätte sie ihm geglaubt. Fein hatten die beiden es sich ausgedacht. Gleich vom Büro zusammen miteinander fortzufahren, das wagten sie doch nicht. Vor allem nicht dieser ehrbare Direktor Kutschner. Hatte er ihm, Willy Franke, nicht einmal erklärt:
„Herr Franke, eine der jungen Damen in der Korrespondenzabteilung hat sich darüber beschwert, daß Sie nicht immer den sachlichen Ton festhielten, der im Interesse einer geordneten Zusammenarbeit nötig ist. Ich sage Ihnen mit aller Bestimmtheit: Wer sich hier im Betriebe auch nur das Geringste einem jungen Mädchen gegenüber zuschulden kommen läßt, hat seine Kündigung zu gewärtigen. Ich bitte, sich danach zu richten."
Diese Worte kamen Willy Franke angesichts seiner Entdeckung wieder in den Sinn. Da sah man, wie weit es mit der Sittenstrenge des „Alten" her war'
Seine moralischen Richtlinien galten auch nur für die Angestellten, aber nicht für ihn selbst. Kutschner hatte wohl mcht geglaubt, daß man seiner Freundschaft zu Edelgard von Dönitz auf die Spur kommen würde. Er hatte sein Auto vermutlich schon alle Tage an diesen abgelegenen Bahnhof bestellt, um bann ungestört mit Edelgard daoonfahren zu können. Ader wenn man ihn, Willy Franke, überlisten wollte, dann mußte man früher aufstehen. Nun, es würde einmal doch die Stunde kommen, wo ihm sein Wissen eine wertvolle Waffe gegen diese hochnäsige Edelgard werden würde.
Willy Franke war denn wohl auch der einzige der die Nachricht von der Abberufung Direktor Kutschners mit Freude aufnahm. Alle anderen hier im Betriebe bedauerten es. Die Nachricht schlug wie eine Bombe ein. In allen Abteilungen sprach man davon. Und alle Stimmen waren sich einig darin wie schöbe es wäre, einen so gerechten Chef wie Direktor Kutschner zu verlieren.
Freilich, er hatte viel von seinen Untergebenen verlangt, er war rücksichtslos, wo er Unfähigkeit ober Trägheit gesehen hatte. Aber er war auch bereit, Tüchtigkeit und Streben anzuerkennen unb oor allem, er hatte ein Herz für persönliche Not. Manch einer ber Angestellten, in besten Familie Krankheit ausgebrochen, hatte bie Milbtätigkeit Kutschners zu spüren bekommen. Manch einer ber um eines kleinen Versehens willen für sein Fortkommen unb seine Stellung gefürchtet, war von Kustchner mit ein paar ernsten, aber menschlichen Worten wieder ins rechte Gleis gebracht worben Alle hatten gern ihre besten Kräfte an bie Arbeit gesetzt. Denn Kutschner selbst war ein Vorbild an
MMMMeisl?
Roman von Klothilde v. Stegmann.
3. Fortsetzung. Nachbruck verboten!
Dabei sah sie sich, Zustimmung heischenb, im Kreise ihrer Kolleginnen um, unb all die Mädels, die Blonden unb bie Braunen, bie Leichtsinnigen unb bie Ernsten, nickten Aenne Lehmann zu.
„Nein, nie unb nimmer würbe man von Ebelgarb von Dönitz etwas Schlechtes glauben."
Willy Franke wurde wütend.
„Na, und wenn ich's euch beweisen würde?" fragte er herausfordernd. „Die beiden haben sich ja gestern abend so zärtlich voneinander verabschiedet. Und ber Alte hat richtige Glubschaugen gemacht, unb eine Stimme hat er gehabt wie ein Troubadour, wie er gesagt hat: Ich komme bald wieder, vielleicht schon morgen. Na, da kann sich ja mal eine von euch mit mir zusammen am Bahnhof Wannsee aufbauen. Da werdet ihr sie ja sehen, die feine Edelgard, unb ihren Freunb. Wie roär’s benn, Fräulein Aenne? Ich bin gern bereit, Sie zu begleiten."
Aenne Lehmann roanbte sich verächtlich ab.
„Ich verzichte auf Ihre Begleitung, Herr Franke! Und daß Sie's nur wissen, hier von uns Möbels gibt sich keine bazu her, bem Fräulein von Dönitz nachzuspüren. Für bie leg' ich meine Hanb ins Feuer."
„Das sollten Sie lieber nicht tun", sagte Willy Franke. „Wäre schade um die Hand, bie doch so süß ist."
Er versuchte dabei, nach Aenne Lehmanns Finger zu greifen. Klatsch! Willy Franke fuhr zurück. Aber Aenne Lehmann hatte gut gezielt. Schon sah eine Ohrfeige ihm im Gesicht.
„Finden Sie die Hand jetzt auch noch so süß?" fragte sie, als er sich mit einem wütenden Gesicht die hochrot gewordene Wange rieb. „Damit Sie nun endlich Ihren bösen Mund halten. Und damit Sie's wissen: Das Berühren der Figüren mit den Pfoten ist verboten."
„Den Schlag werde ich Ihnen heimzahlen!" sagte Willy Franke rasend, unter dem hellen Gelächter ber umstehenden jungen Mädchen. „Ich werde mich beim Personalchef über Sie beschweren!"
Aenne Lehmann war schon an der Tür:
„Warum denn nicht gleich bei Herrn Direktor Kutschner selber, Herr Franke? Wollen wir gleich gehen? Na, denn man los! Ich nehme dann bie Mädels hier alle als Zeugen mit. Es wird Herrn Direktor Kutschner außerordentlich interessieren, warum ich Ihnen eine geklebt habe. Sie wollen sich wohl noch besinnen? Bitte schön, ganz wie Sie meinen. Und wenn Sie sich doch noch beschweren wollen, dann holen Sie mich doch bitte im Labora- torium ab. Sehen Sie, wenn's zu Herrn Direktor Kutschner geht, da lasse ich mich sogar von Ihnen
In der Folgezeit hütete sich Willy Franke, weiter über Edelgard zu reden. Ein paarmal war er ihr abends heimlich nachgegangen, um zu sehen, ob sie sich irgendwo mit Direktor Kutschner träfe.
Und wirklich, an einem Abend hatte er Glück. Er hatte Edelgard von dem Büro bis zu dem Vorortbahnhof verfolgt, der unweit des Werkes lag. Neben ihr war er in ein Abteil gestiegen, von ihr ungesehen. Zu seinem Erstaunen stieg Edelgard aber bereits an ber nächsten Station aus. Warum tat sie bas? Sie mußte boch mit ber Bahn bis weit nach bem Westen fahren, um ben Anschluß nach Wannsee zu bekommen. Wenn ba nur nichts bahintersteckte! Im letzten Augenblick, als ber Zug schon roieber anfuhr, sprang Willy Franke noch aus dem Abteil.
Edelgard war schon in bem Menschengebränge am Bahnhofsausgange untergetaucht. Aber er sah ihr kleines blaues Jäckchen unb den kleinen blauen Hut immer wieder zwischen ben Menschen auftauchen. Eilig ging er hinter ihr her, bie Treppe hinunter. Unb ba blitzte es triumphierenb in seinen Augen auf.
Dort an ber Sperre stand Direktor Kutschner, jetzt lüftete er ehrerbietig den Hut. Ein freudiges Lächeln stand in seinem Gesicht, als er Edelgard begrüßte.
Willy Franke ließ absichtlich zwei, drei Leute vor sich durch die Sperre gehen. Dann erst folgte er. Und nun sah er, was er schon erwartet hatte:
I begleiten. Und das wollten Sie doch so gern —
1 nicht wahr?"
Bleich vor Wut stand Franke ba. Er wollte ge- rabe etwas Zorniges sagen, als einer ber Abteilungsleiter um bie Ecke bog. Da stoben all bie Möbels mit einem letzten spöttischen Gelächter davon, denn die Pause war eigentlich schon längst vorüber. Schon waren sie alle hinter der großen Tür verschwunden, bie ben Quergang abschloß.
Willy Franke, ber mit bem Rücken zum Seitengang geftanben hatte, sah ben Abteilungsleiter nicht gleich.
Nun fuhr er herum. Denn bie scharfe Stimme bes Vorgesetzten klang hinter ihm:
„Na, Herr Franke, seit wann arbeiten Sie denn im Korribor? soviel ich weih, ist die Pause längst vorüber."
„Ich habe — ich wollte", stotterte Willy Franke.
„Sie wollen vermutlich wieder hier irgendwo ein kleines Privatgespräch abhalten. Aber es wäre besser. Sie wären pünktlich an Ihrem Arbeitsplatz. Merken Sie sich das!"
Willy Franke ging eilig in sein Büro. Seine Wange brannte noch, denn Aenne Lehmanns Hand war nicht gerade zart gewesen. Schlimmer aber brannten in seinem Herzen Wut unb Rachegefühl. Diesen Anschnauzer bes Abteilungsleiters — auch ihn hatte er eigentlich Ebelgarb von Dönitz zu Derbanten, genau wie bie beschämenbe Szene mit dieser frechen kleinen Lehmann. Nun, es würde einmal ber Tag kommen, wo er es ihr heimzahlen würde.
Gedächtnisfeier der Gießener SA. Kartenbedarf der Stürme umgehend bestellen!
Die SA.-Standarte 116 veranstaltet am 9. November für die SA. des Standorts Gießen im Stadttheater eine Gedächtnisfeier für die am 9.November 1923 an der Feldherrnhalle in München gefallenen SA.-Kameraden. 3m Anschluß an die feierliche Ehrung der Feldherrnhallen-Gesallenen wird das Schauspiel „Cangemartf“, der Opfergang der deutschen Jugend, aufgeführt.
Die SA.-Stürme des Standorts Gießen melden ihren Bedarf an Eintrittskarten zu diesem Abend der Heldenehrung bis zum Samstag. 3. November, vormittags, an die Standarte 116, Standarlengebäude.
Stadt Gießen vorn 26. Oktober. Die Auszahlung finbet, am 2. Januar 1935 statt. Interessenten seien auf bie Bekanntmachung besonbers hingewiesen.
Platzmusik unserer Militärkapelle.
Arn morgigen Donnerstag, 1. November, wirb unsere Gießener Militärkapelle unter Leitung von Obermusikmeister K r a u ß e auf bem öanbqraf- Philipp-Platz um 16,30 Uhr Platzmusik oeranftal. ten. Die Vortragsfolge bringt.
1. Aufbruch ber Nation? Marsch von Stieberitz.
2. Aufzug ber Meistersinger a. b. Oper „Die Meistersinger von Nürnberg" von Wagner.
3. Ouvertüre zur Oper „Das Glöckchen bes Ere- miten" von Waikart.
4. Der verklungene Ton! Lieb von Sullivan.
5. Rosen aus bem ©üben! Walzer von Strauß.
Reichsmittel zur Anschaffung von Obstbaumspritzen für Obstbauvereine.
Nach einer Verfügung bes Reichsministers für Ernährung unb Landwirtschaft vom 27. September werben im Rahmen ber Maßnahmen zur Förberung ber lanbwirtschaftlichen Erzeugung auch Reichsmittel zur Beschaffung von Obstbaumspritzen für Obstbauoereine zur Verfügung gestellt. Es werden nur Karrenspritzen ober Pumpen zum Ein- bauen ober zwei Rückenspritzen, jeweils mit Zubehör, jeboch nur einer Schlauchleitung, abgegeben. Empfangsberechtigt finb in erster Linie jene Obft- bairoereine, bie bisher schon eine planmäßige Bespritzung ber Obstbäume in ber Gemarkung ober eines größeren Teiles berselben im Winter burch- führten, mit anschließenber mehrmaliger Bespritzung im Frühjahr bzw. im Vorsommer. Die Spritzen werben von ber Lanbesbauernschast als Leihspritzen abgegeben unb unterstehen ber Aufsicht unb Verwaltung ber Hauptstelle für Pflanzenschutz in Gießen. Melbungen haben auf besonbers vorgeschriebenem „Antragsblatt" spätestens zum 1. Dezember 1934 an ben zuständigen Obstbaubeamten zu erfolgen. Die weiteren „Bedingungen", sowie bie „Antragblätter zur Melbung finb bei bem zustänbigen Obstbaubeamten erhältlich.
Deutsche Arbeitsfront.
NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude".
An bie Betriebswarte ,Kraft burch Freube"!
Für kommenden Sonntag, 4. November, abends 7 Uhr, zur Oper „L a Tr a v i a t a" hat uns das Stabttheater Gießen 300 Plätze zur Verfügung ge- stellt, unb zwar: 100 zu 1,75 Mk. (1. Sperrsitz), 100 zu 1,50 Mk. (2. Sperrsitz), 100 zu 1,25 Mk. (3. Sperrsitz). Also ganz erstklassige Plätze zum halben Preis.
Wir wollen unseren Arbeitskameraben, die weni- ger als 200 Mark, im Monat verdienen, bie Gelegenheit bieten, eine gute Oper zu besuchen.
Wir bitten Sie beshalb, umgehenb eine Liste in Ihrem Betrieb aufzulegen und uns ben Bebarf an Karten zu melben. Wer 3 unb mehr Kinber Hal unb ein Gehalt bis zu 300 Mark, kann ebenfalls diese Karten kaufen.
Die Betriebswarte bzw. Betriebsgemeinschafts- roalter haften mir dafür, baß bie Gehaltsgrenze nicht überschritten wird. Letzter Meldetermm Donnerstag, 1. November 1934.
Voranzeige!
Am Sonntag, 11. November, nachmittags 3 Uhr, „Krach um Jolanth e", Lustspiel. Auch hierfür haben wir Ausnahmepreise. Die Preise werden noch bekanntgegeben. Karten sind ebenfalls durch die .Betriebswarte „Kraft durch Freude" zu haben.
B a ste l - A u s st e l l u n g.
Wir erinnern bie Betriebswarte nochmals an bie Melbungen über Bastler in ihren Betrieben.
Oie Trommel ruft!
Dieses Motto hat bas Jungvolk, Stamm I Welfen, Gießen, gewählt, um am kommenden Sonntag einen Werbeabenb burchzuführen. Im Caf6 Leib finbet biefe Veranstaltung um 20.15 Uhr statt, ein Elternabenb, ber ausschließlich vorn Deut-
Pflichttreue unb Fleiß. Sein Betrieb war ein Musterbetrieb, in bem sich alle, von ben Abteilungsleitern bis zum kleinen Angestellten, als Glieder eines Ganzen fühlten. Und nun sollte Kutschner weggehen?
Wer würde an seine Stelle treten? Unb wie würde der neue Chef sein? Man riet unb riet, aber der Name wurde nicht bekannt.
Als Kutschner, nachdem sich die Nachricht von seiner Berufung nach Neuyork verbreitet hatte, am Morgen durch bie zahlreichen Zimmer seiner Abteilungen ging, spürte er aufrichtige Trauer. So war es ihm boch wirklich gelungen, wonach er jahrelang gestrebt hatte, auch bie Herzen ber ihm Untergebenen zu gewinnen. Das war eine kleine Freube unb ein kleiner Trost. Aber wirklich, ber Trost war nur gering. Es wurde ihm schwer, aus seinem Ar- beitsbereich zu scheiben. Aber brüben in Amerika erwartete ihn ein viel größeres Arbeitsgebiet.
Nur von Ebelgarb fortzugehen, bafür gab es keinen Trost. Ob in ihrem Herzen etwas für ihn sprach? Er wagte es nicht zu glauben.
„Zwanzig Jahre liegen zwischen uns", dachte er, „zwanzig Jahre. Zwischen zwanzig unb vierzig liegt ein ganzes Leben, ein Abgrunb.
„Aber wie vertrauensvoll, wie warm ist sie bir doch entgegengekommen", sagte bie Sehnsucht in ihm. Wie harmonisch waren bie Stunden draußen zusammen in ber Villa Dönitz in Gemeinschaft mit ber Mutter, wie anregenb bie Gespräche auf ben Spaziergängen in ben schönen Wölbern Wannsees und an ben schimmernden Seen, wie vertrauensvoll hat sie von ihrem Leben zu bir gesprochen, hat bich teilnehmen lassen an ihren Hoffnungen unb Sorgen. Sollte das nicht alles ein Zeichen von Liebe fein?*
Aber sofort meldete sich der Zweifel:
„Täusche dich nicht", sagte dieser Zweifel, „gaukle bir nicht etwas vor, was bu bir wünschest unb was vielleicht nichts ist wie ein Traum. Wohl war Edelgard vertrauensvoll und offen zu bir, wohl haben ihre geliebten Augen bich innig angeschaut. Ader weißt bu gewiß, ob bies alles Zeichen einer erwachenden Neigung ihres Mäbchenherzens waren? Vielleicht sieht sie in bir etwas wie einen älteren Bruber? Einen Ersatz für bas, was ber Weltkrieg ihr nahm. Sie hat roeber Vater noch Bruber mehr. Vielleicht sehnt sie sich trotz all ber inneren Ver- bunbenheit mit ber Mutter boch nach einem männlichen Geist, bem sie sich anvertrauen kann. Gerade, baß ber Altersunterschieb zwischen ihr unb bir so groß ist, kann ber Urgrunb ihres Vertrauens fein.
„Aber es wäre ja nicht bas erstemal", schwang roieber eine zarte Hoffnung in ihm, daß ein Mädchen von zwanzig Jahren einen Mann von vierzig liebt. Edelgard hat so viel Leid erfahren. Ihr ganzes sorgloses Dasein hat sich so jäh gewandelt. Der Ernst Des Lebens ist ihr so früh zum Bewußt» sein gekommen. Wie, wenn dies alles ihr Gemüt so gereift hätte, daß sie nur auf den Menschen und nicht auf bas Aeußere ber Jugenb sieht?"
(Fortsetzung folgt!)


