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Wehr und Waffen.

Strategie unb Schachspiel.

Von K. v. Schoch, Generalleutnant a. O.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß jedes Kampf­spiel, sei es körperlicher Art, wie etwa ein Ring­kampf oder Wettlauf, sei es geistiger Natur, durch­aus geeignet ist, nach verschiedener Richtung er­zieherisch zu wirken. Unter den rein geistigen Kampf­spielen nimmt das Schach, nicht mit Unrecht das königliche Spiel genannt, auch als Mittel zur Erziehung weitaus die erste Stelle ein. Das ergibt sich daraus, daß kein anderes Kampfspiel auch nur annähernd dem Ernstfall so nahe kommt, wie das Schach. Natürlich kann von einer völligen Aehn- lichkeit keine Rede sein, fehlt doch das Entscheidende: die unermeßlich schwere Verantwortung, die der Feldherr nicht nur für das Leben der Hundert­tausende, ja Millionen Soldaten trägt, die ihm unterstellt sind, die mindestens eben so schwer wiegt, wie das Bewußtsein, daß das Sein oder Nichtsein seines ganzen Volkes letzten Endes von richtigem oder falschem Entschluß abhänaen. Davon abgesehen ergeben sich für das Schach Ähnlichkeiten sowohl mit der Kriegsführung im Großen (Strategie), wie auch mit der Einzelschlacht, die geradezu verblüffend genannt werden dürfen. Es seien nur einige her­ausgegriffen:

Der ältere Moltke hat in seinen Kriegslehren das schwerwiegende Wort geprägt:Fehler im ersten Aufmarsch lassen sich in der Regel während des ganzen Feldzuges nicht wieder gut machen". Ersetzen wir die Bezeichnungerster Aufmarsch" durch die Worteerste Entwicklung", so ergibt sich die Parallele von selbst, denn jeder Schachspieler weiß, daß die bessere Anfangsentwick­lung wenn nicht immer, so doch in sehr vielen Fällen ein entscheidendes Uebergewicht verleiht: das geht so weit, daß bei verschiedenen Eröffnungen das freiwillige Opfern eines Bauern oder sogar einer Figur in Kauf genommen wird, um den Preis einer besseren Angriffsstellung.

Mit diesem Wort Angriff sind wir von selbst zu einer weiteren Ähnlichkeit gekommen: Nur der Angriff verbürgt den Endsieg, denn beim Schach wie im Felde gilt es, dem Gegner unfern Willen aufzuzwingen, und das kann niemals durch starre Abwehr, sondern nur durch Angriff gelingen. Natürlich schließt das nicht aus, daß man im Kriege wie im Schach sich zunächst einmal auf die Ver­teidigung beschränkt, den Gegner anrennen läßt und erst, wenn man eine Blöße entdeckt, zum Gegenangriff ausholt. Immerhin ist diese Kampf- weise die schwierigere schon deshalb, weil man da­bei von den Maßnahmen des Gegners abhängig bleibt, diesem also die Initiative überläßt, die Wahl der Angriffsrichtung, die Gruppierung der Kräfte, die Ueberraschung, den inneren Schwung, den eben nur der Angriff verleiht. Ich darf dabei erinnern, wie im Frühjahr 1918 die Truppen unserer West­front es geradezu als Erlösung betrachteten, end­lich nicht mehr Amboß, sondern Hammer zu sein. Und wie stark auch beim Schachspiel die lieber» legenheit des Angriffs ist, scheint mir daraus her- vörzugehen, daß unter 75 Meisterpartien 45mal der anziehende Weiße gewonnen hat, der Schwarze hingegen nur 30maL Eingeschaltet sei hier noch, daß weitaus die spannendsten Kämpfe sich ent­wickeln, wenn beide Gegner im Angriff die Entscheidung suchen (Tannenberg, wo bekanntlich noch am letzten Kampftag neue russische Truppen im Rücken der Deutschen auftraten), so auch beim Schach, wenn sowohl Schwarz wie Weiß auf Matt stehen und alles nur davon abhängt, wer zuerst den Entscheidungszug erzielt.

Der ältere Moltke hat eine weitere bedeutsame Lehre geprägt, die wir ohne Zwang auch auf das Schach anwenden können:Kein Operationsplan reicht mit einiger Sicherheit über das erste Zusammentreffen mit der feindlichen Haupt­macht hinaus". (Nur der Laie glaubt im Verlauf eines Feldzuges die konsequente Durchführung eines vorausgeplanten, in allen Einzelheiten überlegten unb bis ans Ende feftgehaltenen ursprünglichen Gedankens zu erblicken.)Bei den Operationen begegnet unferm Willen sehr bald der unabhängige Wille des Gegners. Die Operationen hängen also nicht nur von den eigenen Absichten, sondern auch von denen des Gegners ab, diese vermögen wir nicht anders zu brechen, als durch das Mittel der Taktik, durch das Gefecht." Beim Schach begegnet in ähnlicher Weife dem Willen des Angreifers jener von Schwarz, der es in der Hand hat, in welche der vielartigen Ver­teidigungen er einlenken will: und in der Regel wird auch erst nach dem ersten Gefecht, dem Mittel­spiel, der Entschluß gefaßt werden können, wie der Endkampf zum Matt aufzubauen und durchzu­führen ist.

Wie in Strategie und Taktik bieten sich auf dem Brett zwei Hauptkampfarten dar: der Angriff gegen einen Flügel oder der Durchbruch im Zentrum. Eine große Umfassung, insbeson­dere eine solche der beiden Flanken ist schon aus dem Grund kaum möglich, weil die räumliche Be­grenzung des Schachbrettes ein weites Ausholen verbietet, etwa ähnlich wie im Weltkrieg die neu­trale Schweiz und die Nordsee zu einem rein fron­talen Abringen nötigten. Gerade aus dieser räum­lichen Begrenzung ergibt sich aber auch die Folge­rung, daß im Stellungskrieg der reine Frontal­angriff sowie der Durchbruch eine Bedeutung er­langten die sie aus dem gleichen Grund im Schach stets schon besaßen: hier bringt die mehr ober minber freiwillige Preisgabe der Mitte durch Ab­tauschen von Bauern häufig die Gefahr, durch­brochen zu werden.

Ein wichtiger Grundsatz ist Schach unb Krieg weiter gemeinsam, daß man zur Hauptentscheidung möglichst alle verfügbaren Kräfte heran­ziehen soll unb baß man niemals bie Kräfte gleich­mäßig verzetteln barf, vielmehr immer einen Schwerpunkt für ben Angriff wählen muß, für ben man niemals zu stark fein kann. Das Moment der Ueberraschung, bie rechtzeitige Berech­nung aller denkbaren Gegenmaßregeln des Feindes, das Erkennen und Ausnützen jeder feindlichen Schwäche, das weite Vorausfehen und kühle Ab­wägen der verschiedensten Möglichkeiten, bann aber wieder das oft blitzartige Zugreifen sind durchweg Eigenschaften, dem Schachspieler ebenso unentbehr­lich wie dem Feldherrn. Unendlich wichtig (man denke an die unselige Marne-Schlacht) bleibt der Mut, im entscheidenden Augenblick bie Nerven nicht zu verlieren und der unumstößliche Wille zum Sieg.

Freilich gibt es im Schach unendlich öfter als in der rauhen Wirklichkeit ben Ausgang ohne Sieger und Besiegten: das remis gehört in der

Schlacht zu den allergrößten SeUenheiten: entweder kommt es zum völligen Matt (Entscheidungs­schlacht) oder einer der beiden Führer bekennt.sich als geschlagen, indem er das Schlachtfeld räumt, er gibt auf. Diesen Charakter des Aufgebens tragen fast alle Schlachten und Gefechte aller Zeiten, ein völliges Mattsetzen, ein Cannä, Sedan und Tannenberg blieben selbst einem Napoleon versagt. Als Beispiel für ein remis im Großen, d.h.

im ganzen Feldzug, kann derSiebenjährige Krieg herangezogen werden, der in der Frage der Grenzen einen Status quo ante bestimmte. Für das rechtzeitige Aufgeben eines Krieges aber mag 1866 dienen, wo Oesterreich nach der schweren Niederlage von Königgrätz die Hoffnung auf Sieg aufgab, während die französische Republik nach Sedan noch fast ein halbes Jahr sich nicht als matt­gesetzt bekennen wollte.

polnische Militärautarkie.

Das erstarkende Polen setzt alles daran, sich eine eigene Rüstungsindustrie zu schaffen, sich von der Versorgung seines Heeres mit Bekleidung, Waffen und Gerät vom Auslande nach und nach völlig unabhängig zu machen. Für die Heeres- bekleidung dürfen fortan nur inländische Roh­stoffe verwandt werden. Polnische Wolle, polnische Leinwand soll an die Stelle ausländischer Baum­wolle treten. Die Fertigung von Handfeuerwaffen und Infanteriemunition ist schon so weit vorge­schritten, daß nicht nur der Friedens- und Kriegs­bedarf des Heeres sichergestellt ist, sondern darüber hinaus schon erhebliche Mengen zur Ausführung gelangen. Der Bau von Geschützen, die Herstel­lung von Artillerie munition ist so geför­dert, daß die Selbständigkeit in Kürze erreicht wer­den wird.

Für den Bau von Kraftfahrzeugen, Kraftwagen und Flugzeugen laufen zur Zeit noch Verträge mit ausländischen Werken. Doch macht sich die polnische Rüstungsindustrie bereit, nach ihrem Erlöschen sofort in die Bresche zu sprin­gen. Bereits vor einem Jahre wurde dem Sjem ein 2Vs Tonner, dem englischen Vikkers-Tank nach­gebauter Kampfwagen, alsPolens Stolz" vorge- sührt. Der Bau einer stäa11ichen Kraft­wagenfabrik geht feiner Vollendung entgegen. Sie soll die Ausrüstung des polnischen Heeres mit Kraftwagen und Krafträdern jeder Größe sicherstel­len. Mit der polnischen staatlichen Flugzeug-

Fadrik in Biala-Podaska wetteifern Privatwerke in Lublin, Warschau, Bromberg und Krakau im Bau und in der Instandsetzung von Heeresflugzeu- gen. Besonders stolz ist man auf die MotoreJu­piter" undMerkur", die der Kriegsminister vor dem Sejm als bie besten Flugmotore der Welt lobte, auf ein Maschinengewehr für Flugzeuge, das in der Minute 1300 Schuß abzugeben vermag.

Großen Wert legte man auf die Herstellung von G a s s ch u tz m i 11 e! n. Die in Einführung begrif­fene neue Gasschutzmaske soll Augengläser aus einem Glas, das nicht schwitzt, besitzen. Auch die Marine greift wenigstens durch Bestellung kleiner Hilfsschiffe (Flußkanonenboote, Kutter, Motorboote) auf heimische Werften zurück, muß aber für den Bau größerer Fahrzeuge (Minen-, Torpedo-, Unter­seeboote) noch ausländische Wersten bevorzugen. Die Rüstungsindustrie ist im Laufe der letz­ten Jahre aus den militärisch gefährdeten Grenz­gebieten fast restlos in das Innere des Lan­des, etwa in ben Raum WarschauPetrikauRa­dom, verlegt worden. Die Umstellung der ge­samten Friedensindustrie auf Kriegs­fertigung ist mobilmachungsmäßig vorbereitet. Der Heereshaushalt für 1933/34 wirft 35,02 Pro­zent für Rüftungszwecke aus, ohne Zweifel eine Summe, die mehr als genügen sollte, die polnische Rüstungsindustrie mit lohnenden Aufträgen zu versehen. By.

Frankreichs schwerste Stunde.

Oie Jlivelle-Offensive im Frühjahr 1912.

In dem großen Kriegsrat der Führer der Entente vom 6. bis 8. Dezember 1915 in Chantilly wurde beschlossen, daß möglichst an allen Frontteilen und zu gleicher Zeit großangelegte Angriffe mit be­schränkter Zielsetzung ftattfinben sollten. Man wollte die Deutschen beunruhigen, ihre Kräfte langsam ab­nutzen und sie über die eigentlichen Absichten der Entente im unklaren lasten.

Da platzte am 21. Februar 1916 der Falken» haynsche Stoß auf Verdun in diese Entente­pläne hinein und gab dem Kriegsjahr 1916 ein ganz anderes Gepräge. Joffre mußte auf feine großange- legten Offenfivpläne verzichten. Nicht die Somme- offensive, sondern Verdun wurde das be­stimmende Moment. Ja, im Verlaufe der Kämpfe um Verdun tauchte im französischen Generalstab die Frage auf, ob man nicht Verdun ganz fallen lasten sollte, um an den anderen Frontteilen freie Hand zu bekommen. Eine Frage von schwerwiegen­der Bedeutung, wenn man bedenkt, daß von den 96 französischen Divisionen 53 durch Verdun ge­bunden waren. Die wütenden Anstürme der Deut­schen ließen diesen großzügigen Plan nicht zur Tat werden, unb so konnte der Franzose statt mit 39 nur mit 15 Divisionen an der Somme eingrei­fen. Auch die Engländer konnten ihr Wort nicht halten. Sie traten statt mit 25 nur mit 15 Divisio­nen an der Somme an. Das Saloniki-Unternehmen und Aegypten, die ihren Gedankengängen näher lagen, hatten sie gezwungen, sich auf dem französi­schen Kriegsschauplatz Beschränkungen aufzuerlegen. So schrumpfte das großangelegte Durchbruchsunter­nehmen zu einer Operation verhältnismäßigen ge­ringen Umfangs zusammen, und der Verlust von etwa 750 000 Franzosen und Engländer stand nicht im Verhältnis zu dem erreichten Geländegewinn.

Aber nicht nur bie Zahl der Menschen, sondern auch ihre moralische und seelischeKraft waren stark zurückgegangen. Dieses vergebliche Rin­gen, das überall in Qualm, Trommelfeuer und Gas erstickte, war für den französischen Elan auf die Dauer unerträglich. Es kam noch hinzu, daß die Vernichtuna des rumänischen Heeres durch Falken- hayn und Mackensen, auf das man so große Hoff­nungen gesetzt hatte, einen geradezu niederschmet­ternden Eindruck auf Heer und Volk machte. Wie war es nur möglich, daß die Deutschen, die doch auch ungeheure Verluste zu verzeichnen hatten, nun auch noch Rumänien niebermerfen konnten? Wie immer suchte man in Frankreich nach einem Sün- benbock und machte General Joffre für alle Miß­erfolge verantwortlich. Er mußte im Dezember 1916 weichen unb wurde durch General N i v e l l e er­setzt, den man denSieger" von Douaumont unb Vaur nannte, die die Deutschen am 24. Oktober unb 1 November aufgegeben hatten Neue Hoffnungen keimten in Frankreich auf, bie aestärkt wurden durch bas Friedensangebot der Mittelmächte vom 12. Dezember 1916Deutschland streckt die bet­telnde Hand zum Gegner und macht ein Friedens­angebot, weil es sich besiegt fühlt", so urteilten die Franzosen, um Volk und Heer zu einer letzten ge- wattigen Krastanstrengung dnzusvomen

Nivelke wollte sich durch einen Nernichtungsschlag Bewegungsfreiheit schaffen, er hoffte die festungs­artige Verteidigungslinie der Deutschen überrennen und zum Bewegungskrieg übergeben zu können, durch den dann die ganze Front der Deutschen auf­gerollt werde Er.der Emvorkömmling", wie man bpn hinnen Artilleriegeneral nannte, setzte sich trotz aller Widerstände, bie ihm aus den eigenen Reiben und den Reihen der Parlamentarier erwachsen waren, durch, und es kam zu der Doppelschlacht an der Aisne und in der Chamvaane, durch deren Zanaenangriss man die deutsche Linie auseinander- zureißen hoffte. Von Arras bis Bapaume standen bie Engländer zum Angriff bereit.

Der französische Generalstab hatte aber die Rech­nung ohne die Deutschen gemacht. Er nahm an, daß di" Verhältnisse noch die nleirhen seien, wie im Juli 1916, zu welcher Zeit Falkenbayn noch die Leitung hatte. Inzwischen waren Hinden­burg und Ludendorff an seine Stelle ge­treten. Beide gingen durch das sogenannte .^Hinden- buranrogramm" mit eiserner Energie daran, die deutsche Front mit all' den technischen Kampfmit­teln zu versehen, deren Beschaffung in der Aera

Falkenhayn vernachlässigt worden war. Ferner aber machten sich beide Führer frei von dem starren Verteidigungssystem der Vergangenheit und führ­ten die tiefgegliederte, schachbrettartige Verteidi­gungslinie ein, die Menschen ersparte und durch ihre Elastizität einen Durchbruch verhinderte. Die Hauptsache aber, die den Franzosen entging, und an die man im französischen Generalstab nicht glauben wollte, war die Tatsache Hindenburg zog sich zurück! Er führte ein Rückzugsmanöver allergrößten Stils mit wunderbarer Präzision und ungestört vorn Feind auf die wohlvorbereitete Sieg- friedstellung aus und brachte dadurch, zumal der verlassene Geländestreifen vollkommen unwegsam gemacht wurde, die von den Franzosen beabsichtigte Zangentaktik zum Zweck eines Durchbruchs zum Scheitern.

Langsam und zögernd folgten die -Franzosen. Nach einem unerhörten Trommelfeuer unb in wo­chenlangen erbitterten und nervenzerrüttenden Kämpfen drangen die Franzosen in die tiefgeglie­derte deutsche Verteidigungsfront ein, aber alle Blutopfer waren vergeblich, der Durchbruch gelang nicht. Die kleinsten Erfolge wurden zu großen Siegen aufgebauscht, aber die Kämpfer an der Front erkannten immer mehr die Nutzlosig­keit ihrer Angriffe.

Am 18. April 1917 die französische Bevölke­rung war noch ahnungslos und hoffte immer noch auf den Sieg fuhr ein langer Lazarettzug in den Pariser Nordbahnhof ein. Ein diensteifriger Zei­tungsreporter warf Zeitungen in die Wagen, auf deren Titelbild ein zigarettenrauchender Poilu mit dem Gewehr im Arm über eroberte deutsche Schützengräben hinwegschreitet. Das war zuviel für die armen Verwundeten, die soeben aus der Hölle des Chemin des Dames und der Somme gekom­men. Der Zeitungsberichterstatter wurde verprügelt und mußte fliehen, die Wut aller Beteiligten stei­gerte sich so, daß der Zug aus dem Bahnhof ge­zogen werden mußte, um größeres Unheil zu ver­meiden. Da beginnt es in den Köpfen der Bevöl­kerung zu dämmern. Aus den Lazaretten hinter der Front sickern erschütternde Nachrichten durch. So hatte man z B. an einer Stelle nur für 15 000 Ver­wundete Sorge getragen, aber allein in den Tagen vom 16. bis 25. April strömten über 100 000 aus der Kampffront zurück. Es spielten sich Szenen ab, die an Grauen alles bisher Erlebte in den Schatten stellte. Es fehlte an Aerzten, Personal, Instrumen­ten, Medikamenten und Verbandstoffen, und so fanden Tausende und aber Tausende, die hätten ge­rettet werden können, einen elenden Tod. Und da vorne an der Front tobte der Kampf immer weiter. Zu Schlacken verbrannt kamen die Regimenter und Divisionen aus dem Schmelzofen der Front zurück. Aber auch die Deutschen hatten schwerste Verluste. Einzelne Regimenter hatten 80 v. H. ihrer Kampf­stärke verloren, aber bie Linie hielt. Was un­sere Truppen hier erlitten und geleistet haben, kann mit Worten nicht geschildert werden.

General N i v e l l e hatte aber, wie der englische Marschall H a i g in seiner burschikosen Weise im französischen Hauptquartier erklärte,einen schwe­ren Kinnhaken einstecken müssen". Die Stimmung in der französischen Armee wurde von Tag zu Tag gereizter, und am 3. Mai schlägt die Flamme der Rebellion hoch. Die 2. Kolonialdivision verweigert das Antreten, beim Infanterie-Regiment 370 in Soissons finden Versammlungen statt, Haß­reden sprühen hoch:

Nieder mit dem Krieg",Aus nach Paris,Zum Bahnhof gellen Rufe. Gendarmen, die sich den Meute­rern entgegenstellen, werden aufqehänqt, Bahnhof und Zug werden gestürmt, und unter dem Gesang revolutionärer Lieder fährt der Zug in Richtung Paris ab. Bei Villers-Cotteret hat man die Strecke gesperrt, der Zug wird von frischen Truppen um­zingelt und mit Zusammenschießen bedroht. Der Rausch ist verflogen, der Hauptmeuterer wird auf der Stelle erschossen. 5000 Russen, die sich hinter der Kampffront befinden, erlassen ein revolutio­näres Manifest, ihr Lager wird umstellt und durch Artillerie unter Feuer genommen. Die Desertionen nehmen ständig zu. Vom Januar bis Mai 1917 wurden 21 000 Flüchtlinge gezählt. General P e tain muß zugestehen, daß in 45 Divisionen der

Aufruhr ausgebrochen sei, selbst die 22 Jägerbatail- lone, die Elitetruppe der Franzosen, machen keine Ausnahme. In Paris und in der Provinz flackert es auf, aber die französische Heeresleitung greift, als sie die furchtbare Gefahr erkennt, mit rücksichis- loser Energie durch: jede Ausschreitung wird "im Keime erstickt, Todesurteile und Zwangsdeporta- tionen werden verhängt, Nivelle muß zurücktreten, und P e t a i n übernimmt die Führung. Ihm ge­lingt es, das zusammengebrochene Heer langsam wieder aufzurichten. Die ersten amerikani­schen Truppentransporte treffen auf dem Kontinent ein die Gefahr ist überstanden.

Und warum nutzten die Deutschen den Zu­sammenbruch des französischen Heeres nicht aus? Es hätte doch bei dieser Lage, die in diesem engen Rahmen nur angebeutet werden kann, gelingen müssen, eine Kriegsentscheidung herbeizuführen. Rolf Bathe hat in feinem vor kurzem erschiene­nen Buch:Frankreichs s ch w e r ft e S t u n be" eingehend und klar und mit dramatischer Wucht, gestützt auf französische und englische Quellen, diesen Kriegsabschnitt geschildert, und er kommt zu folgendem Ergebnis:

Hat der deutsche Nachrichtendienst in diesen Mo­naten so kläglich versagt, daß ihm die revoluttonäre Situation in Frankreich verborgen blieb? Zwei Aeußerungen von berufener Seite liegen uns vor, Ludendorff geht in feinen Kriegserinnerungen über diesen wichtigen Punkt mit wenigen Sätzen hin­weg. Der General sagt:Die Verluste der Fran­zosen waren so groß gewesen, daß die Moral der Armee zu leiden begann unb Meutereien vor­kamen, von benen allerbings nur spärliche Nach­richten nach unb nach zu unserer Kenntnis ge­langten. Erst später sahen wir klar."

Bathe berichtet weiter, baß bie Aeußerungen bes Kronprinzen Wilhelm im Gegensatz zu ßubenborffs Aeußerungen ftänben. Der Kronprinz behauptet, daß seine Heeresgruppe in Kenntnis der Zustände in der französischen Armee unserer Obersten Heeres­leitung den Vorschlag eines Durchbruchs in Richtung Paris gemacht habe, daß dieser Plan aber verwor­fen worden sei.Wo liegt des Rätsels Lösung? Ueberschätzte die deutsche Oberste Heeresleitung die Kraft der revolutioären russischen Armee? Fürch­tete sie eine zweite Brussilow-Offensive, bie bem roanfenben österreichischen Bunbesgenossen ben Rest geben würbe? Unterschätzte sie bie Agentenmelbun- gen unb Gefangenenaussagen? Hielt sie einen An­griff im Westen so lange für aussichtslos, bis in Rußlanb reiner Tisch gemacht unb bie Masse ber Ostbivisionen in Frankreich eingetroffen war? S o viele Fragen, so viele Rätsel! Jenseits bes Ozeans aber füllten sich bie Trcmsportbampfer mit ben ersten amerikanischen Divisionen.. Frisch? Säfte begannen in ben blutleeren Körper Frank­reichs zu fließen. Das Schickfalnahm feinen Lauf." L. G.

Motorisierte ORcitcrpatrouÜten

Es besteht kein Zweifel, ber Motor ist auf bem besten Wege, bas Pferb aus bem Heere, vom Kampffelbe, immer mehr zu verbrängen. Schon find in ben in ihrer Rüstung nicht beschränkten Länbern bie gesamten Nachschubkolonnen, die schwere, bie Flugabwehr-Artillerie, zum größten Teil auch schon der Gefechtsttoß ber Truppe motorisiert. Schon schreitet man zur Aufftellung völlig motorifierter Divisionen. Aber ber Motorisierung sinb auch Grenzen gesetzt. Auf weiten Strecken des Erb- balles ist bas Straßennetz einschließlich feiner Brücken noch nicht so bicht unb tragfähig ausgebaut, baß es eine motorisierte Kriegführung, ein lang- bauernbes Befahren mit schweren Kampffahrzeu­gen zuläßt. Die Gelänbigkeit, die Brennstoffversor- gung, der Luftschutz der Hunderttausenden von Kraftfahrzeugen, die eine Vollmotorisierung selbst eines kleines Heeres bedeuten würde, macht Kopf­zerbrechen. So wird man vor ber Hanb auf die Dienste unseres altbewährten Waffenkameraden, des Pferdes, nicht verzichten können, und auf bie Frage:Pferb ober Motor?" bie ausweichenbe Antwort geben:Nein: Pferb unb Motor!"

Selbst bie bereits völlig motorisiertenschnellen" Regimenter, Brigaben unb Divisionen, wie wir sie in Englanb, Frankreich unb Amerika vorfinden, und die an Stelle von Kavallerie-Divisionen zu weitausholenden Bewegungen, zu Umfassungen, Um­gehungen, zum Besetzen weitabgelegener, taktisch roid)tiger Engen und Höhen angesetzt werden sol­len, rufen, wenn sie an Ort und Stelle sind und mit dem Feind in Berührung treten, für die Aufklä­rung, für den Meldedienst nach Reitern, klagen über bas Fehlen berittener Truppen, bie natürlich b'.e Marschgeschwindigkeit der Motoren nicht würden halten können. Man ist daher in Amerika dar­auf verfallen, solchen motorisierten Verbänden a u f Kraftwagen verladene Eskadronen mitzugeben. Von ben zweiteiligen Fahrzeugen ist bie Zugmaschine zur Aufnahme ber Mann­schaften unb bes Gepäcks, ber Anhänger zur Aufnahme von acht Pferben bestimmt, bie quer zur Fahrtrichtung gestellt werben. Der Anhänger läßt sich mit wenigen Hanbgriffen in einen roinb* unb regengeschützten Stall umroanbeln. Man Der- roenbet nach Möglichkeit kleine, eble unb schnelle Pferbe, bie wenig Platz einnehmen. Man packt ihnen nur bas Allernotwendigste (Munition?) auf ben Sattel unb läßt ben Hauptteil bes Reitergepäcks auf bem Lastkraftwagen, zu benen bie Eskabrvn ia immer wieber zurückkehrt. So hofft man, Pferbe unb Reiter frisch unb leistungs­fähig an ben Feinb zu bringen unb ba- burch eine ibeale Vereinigung von Pferb unb Mo­tor im Dienst der Aufklärung unb Sicheruna ge­schaffen zu haben. By.

Büchertisch.

Frontsolbaten marschieren von ber Somme ins Dritte Reich. Von Karl E y s e n h u t. In festem Kunstbruckumschlag 20 Pf. Stahlhelm-Verlag G. m. b. H., Berlin SW 11. (569) Wie ber fünfzehnjährige Weg bes Stahl­helms aus ber heroischen Lanbschaft bes Krieges ins Dritte Reich führt, in bem sich bas Wollen aller beutfchen Frontsolbaten vollenbet, bas wird in dieser reich illustrierten Schrift knapp aber überzeugend dargestellt. Fünfzehn Jahre, das sind fünfzehn Abschnitte eines Kampfes, der unter wechselnden Formen stets gegen den gleichen Geg­ner, stets für das gleiche Ziel geführt wurde unter dem Wahlspruch:Nichts für uns, alles für Deutsch­land". Die gut ausgewählten Bilder veranschaulichen geschickt die einzelnen Phasen dieses Kampfes unb das ständige Wachstum des Stahlhelms zu der machtvollen Organisation ftontsoldatischen Wollens, die sich im Jahre der nationalen Revolution dem Führer Adolf Hitler zur Verfügung stellen konnte.