echte und die falsche ^ovalies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.)
5. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Ein Gläschen Tokaier trank sie zuletzt, und der ungewohnte Genuß umnebelte ein bißchen ihre Sinne. Das Bad, das gute Nachtmahl und der Wein hatten ihre Angst beinah verscheucht.
So gut wie hier hatte sie es noch nie gehabt.
Sie gähnte herzhaft und schaltete das Licht aus, ging hinüber in das Schlafzimmer. Sie ließ das Nachttischlämpchen aufleuchten und den Lüster verlöschen, dann legte sie sich ins Bett und zog die dicke Steppdecke über sich. Jetzt mußte auch das kleine Nachttischlämpchen verlöschen, und nun schlief Regina ein, schlief bald schwer und tief.
Keinen einzigen Gedanken an das Abenteuer, in das sie sich gewagt hatte, nahm sie mit hinüber in ihren Schlaf, und der Traumgott kam auf leisen Sohlen und warf ihr einen der unzähligen Träume zu, die er bei seiner allnächtlichen Wanderung mit sich führte. *
Unten, in einem sehr behaglichen Zimmer, hatte sich Edda von Stübnitz zu ihrem Man^e und Doktor Peter Konstantin gesellt. Die drei hatten ein Fläschchen leichten Mosel vor sich stehen und rauchten.
Frau Edda sagte: „Ein größeres Rätsel als Dora- lies Wolfram ist mir noch nicht vorgekommen. So wie ich sie sehe, paßt sie aber auch nicht im entferntesten zu dem Bild, das mir ihr Vater von ihr entworfen hat. Ihr Benehmen ist sehr höflich, ihre klassischen Züge zuweilen fast streng, die Augen haben seelische Tiefe. Es liegt etwas — wie soll ich mich ausdrücken — Verinnerlichtes über ihrem Aussehen und Wesen; ich kann sie mir beim besten Willen nicht auf den höchsten Aesten eines Baumes vorstellen oder das Treppengeländer hinunterrutschend."
Peter Konstantin strich leicht über sein braunes, zurückgebürstetes Haar.
„Die Vorstellung ist einfach unmöglich."
Otto von Stübnitz meinte langsam: „Aber dein Jugendfreund muß seine Tochter doch am besten kennen, und wir, lieber Konstantin, haben wohl mehr als viele andere Gelegenheit, zu beobachten, wie sehr das Aeußere eines Menschen täuschen kann. Ich will Sie nur an einen ganz krassen Fall erinnern: Die dreifache Mörderin, die aussah wie eine hübsche höhere Tochter, die eben erst aus dem Lyzeum entlassen war."
Peter Konstantin neigte zustirümend den Kopf, lächelte: „Jedenfalls bin ich gespannt, was sie hier zuerst anstellt; sowas kann ja ganz amüsant sein."
Frau von Stäbnitz lächelte auch.
„Heute war sie von der Reise und der neuen Umgebung etwas verdattert; dazu gesellte sich Heimweh. Sie scheint sehr an ihrem Zuhause zu hängen. Ihre Augen waren feucht, und ihre Hände zitterten, als ich oben mit ihr sprach, und sie gab zu, Heimweh zu haben. Wenn sie sich erst hier heimisch fühlt, kommt wahrscheinlich ihre wahre Natur wieder zum Durchbruch. Aber sie gefällt mir gut, sie ist mir sympathisch."
Ihr Mann nickte: „Ich sah sie nur flüchtig, aber glaube das unterstreichen zu können."
Man trennte sich. Peter Konstantin wohnte ganz in der Nähe.
Die Nacht verging und der Tag zog herauf. Die alte hohe Standuhr unten in der Halle holte siebenmal zum Schlag aus, da zuckten Reginas Lider, und sie blinzelte, noch etwas schlaftrunken, in das mattgraue Tageslicht, das sich herbstlich-unfreundlich durch die nicht ganz geschlossenen Vorhänge stahl.
Im nächsten Augenblick war sie sich darüber klar, wo sie sich befand, und zugleich legte es sich wie ein Alpdruck auf ihre Brust. Sie schloß wieder die Augen und dachte nach. Was sollte sie tun? Das einfachste wäre es wohl: die volle Wahrheit in einem Briefe zu gestehen und sich auf und davon zu machen. Es würde wohl keiner danach fragen, wo sie geblieben wäre, und Doralies, die Zungengewandte, und nie Verlegene, würde schon alles wieder einrenken. Sie aber befand sich wenigstens in Berlin und konnte ihr Heil versuchen, Arbeit zu finden. Ganz gleich als was. Sie mußte sich doch durchringen. Sie besaß ja außer den dreihundert Mark, die ihr Doralies gegeben hatte und die sie nicht angreifen durfte, wenn sie hier fortging, noch fünfzig Mark. Aber Doralies hatte ihren Koffer mitgenommen; sie konnte sich doch nicht in das große Berlin hineinwagen ohne Sachen. Keine Wirtin würde sie ohne Gepäck aufnehmen.
Die Koffer von Doraljes wollte sie sich nicht aneignen, das wäre ihr wie Diebstahl vorgekommen. Und wie sollte sie auch mit irgendwelchem Gepäck aus dem Hause kommen?
Sie sann und grübelte, sprang schließlich aus dem Bett — das Bad lockte. Erfrischt schlüpfte sie in ihr Kleid, das sie auf der Reise getragen hatte. Ihr bestes Kleid. Blaues Tuch mit blauem Samtschal. Es stand ihr sehr gut. Und als sie sich im Spiegel besah, glitt ein ganz leichtes Lächeln über ihr Gesicht. Sie gefiel sich.
Doch das Lächeln zerrann rasch vor den Selbst- vorwürfen, mit denen sie sich belastete.
„Schämen muß ich mich?" sagte sie laut, gegen das Glas gewandt. Sie überlegte wieder, was sie tun sollte. Eigentlich war sie jetzt machtlos. Das einzige, was ihr zu tun möglich blieb, wäre das, Frau von Stäbnitz die volle Wahrheit zu gestehen.
Sie wollte Mut dazu fassen, nahm sie sich vor. Sie empfand leichten Hunger.
Sie kUngelte. Das Mädchen von tags zuvor erschien bald. Nahm den Wunsch entgegen, erwiderte dann freundlich: „Frau von Stäbnitz bittet, falls das gnädige Fräulein schon fertig und Lust dazu hätte,' zum Frühstück hinunterzukommen."
Regina dachte, da sie fix und fertig angekleidet war, das Mädchen würde das unten wohl sagen. Also mußte sie hinuntergehen. Sie nahm sich vor, nach dem Frühstück Frau von Stäbnitz um eine Unterredung zu bitten, ihr die Wahrheit zu gestehen.
Sie folgte dem Mädchen in das Eßzimmer, rechts von dem hallenartigen Eingang, und fand das Ehepaar schon am Frühstückstische. Doch mußten sich beide eben erst niedergesetzt haben; es war noch kein Kaffee eingeschenkt.
Regina wünschte „Guten Morgen!" Ihre ein wenig tiefe Stimme bebte leicht, kaum wahrnehmbar. Der Gruß wurde freundlich erwidert.
Frau von Stäbnitz bot ihr den Platz zu ihrer Linken an. Ihnen beiden gegenüber saß der berühmte Verteidiger, dessen markante Persönlichkeit eine große Rolle spielte in den meisten Sensationsprozessen, die Interesse erregten weit über die Grenzen Berlins hinaus.
Frau von Stäbnitz goß erst ihrem Manne, dann Regina Kaffee ein, fragte: „Wie hast du geschlafen, Kind! Und vor allem — hast du etwas Nettes geträumt?"
Regina errötete ein wenig, denn eben fiel ihr erst ihr sonderbarer Traum ein.
Sie antwortete: „Ich schlief sehr gut, mein Traum aber war sehr töricht. Ich träumte, ich stand neben einem Herrn, dessen Gesicht sich hinter einer Maske verbarg; er kam mir bekannt vor, und doch wußte ich nicht, wer er war. Er hängte mir ein talar- äynliches Kleidungsstück um, es konnte eine Anwaltsrobe (ein; bann nahm er meine Hand und sagte etwas, was ich nicht verstand, und damit war der Traum auch schon zu Ende."
Sie verschwieg, daß sie der Maskierte geküßt hatte, sie brachte es nicht über ihre Lippen.
Herr von Stäbnitz lächelte ein wenig.
„Ein etwas dunkler Traum, Doralies — nicht wahr?"
Reginas schlechtes Gewissen fand: Es war ein Etwas in den leicht verschleierten Augen des Berühmten, das ihr bedrückend schien.
Herr von Stäbnitz mußte bald fort. Seine Frau aber blieb mit ihr noch am Kaffeetisch zurück, fragte nach Mooshausen; das Interesse für die alte Heimat war wieder da. Es schmeckte Regina trotz allem, und der Kaffee yiachte ihr Denken ganz frisch.
Frau von Stäbnitz war schwarzhaarig und hatte frische Farben, ihre hellbraunen Augen blitzten zuweilen jung und froh. Sie sah auch noch nicht alt aus, war vor allem sehr gepflegt und tadellos gekleidet, schon am frühen Morgen. Regina sagte tapfer „Du" zu ihr, nannte sie mehrmals „Tante Edda". Sie dachte, es würde ja rasch genug zu
Ende fein mit der Vertraulichkeit. Noch aber was es nicht so weit; das Frühstücksstündchen, das anfing, ihr zu gefallen, dehnte sich so angenehm längs aus.
Frau von Stäbnitz meinte: „Heute abend kannst du mich zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung begleiten. Verschiedene bekannte Künstler werden bei der Vorstellung mitwirken. Sie nannte Namen, dir Reginas Augen aufleuchten ließen. Wie hatte sie sich schon immer danach gesehnt, diese Künstler zu sehen und zu hören, deren Namen man in ganz Deutschland kannte und oft auch in anderen Ländern, bis weit drüben über dem Ozean. Erschreckt grübelte sie: am Abend würde sie ja schon hier weg sein, mit Schimpf und Schande fortgejagt; besten» falls hieß man sie, sich rasch und still zu entfernen.
Frau von Stäbnitz sprach eifrig weiter: „Hast du was Hübsches anzuziehen für den Abend? Das Kleid, das du trägst, ist nett, aber es müßte für den Zweck doch eigentlich etwas anderes fein." Sie blickte fragend: „Was hast du mitgebracht, Doralies? Dein Vater bat mich, nötigenfalls hier Anschaffungen für dich zu machen."
„Was ich mitgebracht habe? Ich weiß es nicht genau!" Regina war blaß geworden. Sie hatte keine Ahnung, was für Kleider Doralies in den großen Koffer gepackt hatte. Sie atmete schwer und kämpfte mit sich. Sie wollte nun lieber sofort ihr Bekenntnis ablegen. Schon wollte sie das erste Wort über ihre Lippen zwingen, als es anklopfte. Doktor Peter Konstantin trat ein, küßte der Frau des Hauses die Hand, streckte.Regina die Rechte hin.
„Nun, gut geschlafen, Fräulein Wolfram?"
Sie lächelte höflich. „Jawohl, Herr Doktor, ausgezeichnet."
Sie faß ganz beengt da; sie wußte jetzt, an wen sie der maskierte Herr, der sie in dem seltsamen Traum geküßt, erinnert hatte. An Peter Konstantin, den sie am Abend zuvor zum ersten Male in ihrem Leben gesehen.
Frau von Stäbnitz erhob sich.
„Sie wollen natürlich zu meinem Mann, lieber Doktor. Er ist in seinem Arbeitszimmer. Aber vorher noch eine Frage: Mein Mann hat heute abend keine Zeit; wollen Sie uns Damen nicht in die Wohltätigkeitsveranstaltung begleiten? Ich habe drei Plätze."
Sein Blick hing ein paar Herzschläge lang auf Reginas Gesicht, Dann verneigte er sich.
„Mit dem allergrößten Vergnügen, gnädige Frau."
Frau von Stäbnitz nickte Regina zu: „Komm, Doralies, wir wollen nach oben gehen. Ich werde mir deine Kleider ansehen und schauen, ob etwas Geeignetes für den Abend dabei ist. Will doch Staat machen mit meinem Pflegetöchterchen!"
Regina dachte, das paßt jetzt gut. Oben war man wohl allein und ungestört, oben mußte sie sich die Lüge vom Herzen heruntersprechen.
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