Das Rätsel, einer Frühlingsnacht
Roman von Gert Rothberg.
Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Verlag, Halle, Saale
12 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Wenn Sie solide Absichten haben, werde ich Ihnen gewiß nicht im Wege stehen. Im anderen Falle aber rate ich Ihnen, sich nach einer anderen Herzdame umzusehen."
Das war deutlich genug, ließ nichts zu wünschen übrig!, mochte der Baron Forstner denken. Ein bißchen nachdenklich zog er an seiner Zigarre.
„Man kann hier, gerade hier an diesem Ort, den Begriff ,solid' sehr schlecht vom Leben unterscheiden. Meinen Sie nicht?"
Die Frage ließ Schlüsse zu. Härtlingen dachte einen Augenblick nach, dann sagte er:
„Ich habe nicht die Absicht, mir eine Frau zu suchen: ich suche Gesellschaft, um mich zu betäuben."
„Ich verstehe!"
Ringsum lachte, tanzte, trank, flirtete man. Und mitten in dieser Atmosphäre standen die zwei Männer sich gegenüber. Schafften Ordnung zwischen sich.
„Frau Lucie bedarf einer festen, liebevollen Hand; sie wird eine gute Frau sein, wenn sie in gute Hände kommt."
Härtlingen sagte es ruhig, sachlich, und sah dabei sehr aufmerksam den Ringen seiner Zigarre nach.
„Und — wie — ich — meine, man möchte doch klarsehen, lieber Härtlingen! Sie verstehen", sagte ein bißchen ungewiß Baron Forstner.
Rudolf Härtlingen sah ihn groß an, dann hatte er verstanden.
„Lieber Forstner, mein Wort! Frau Lucie hat mir nie nahegestanden!"
Mit einem befreiten Lächeln reichte der andere ihm die Hand. Sie gingen nach einer Weile zu den Damen zurück.
Frau von Sellinger gab dem Baron Forstner ganz zerstreute Antworten. Ihr Blick ruhte auf Rudolf Härtlingens stolzer Figur. Er tanzte gerade mit Miß Glodin. Lag sein Arm nicht etwas zu fest um die biegsame Taille der schönen Amerikanerin?
An diesem Abend weinte Lucie von Sellinger heiße Tränen in ihre Kissen, denn sie hatte den Be- weiß, daß Graf Härtlingen ihr niemals gehören würde.
Aber der Amerikanerin auch nicht. Keiner Frau! Er trieb nur mit allen sein Spiel. Seine große, starke Liebe, seine Treue, würde keine Frau mehr besitzen. Aus dem Gespräch mit dem Baron Forstner hatte sie es herausgehört.
Das war nun das Ende ihrer stolzen Hoffnungen.
Dazu war sie hierhergekommen? Dazu? Nm nun gedemütigt und verzweifelt abzureisen?
Wie hatte Forstner zu ihr gesagt?
„Mein Freund Härtlingen hat sehr Schweres erlebt. Er sagt es frei und offen heraus, daß er wahrscheinlich nie wieder heiraten wird; und es gibt Frauen, die sind zu schade für einen Mann, der sich nur betäuben will und der nicht mehr anLiebe und Treue glaubt."
Dabei hatte Forstner sie so seltsam angesehen.
Liebte er sie?
Wie bedauerlich das wäre! Er war ihr sehr sympathisch, aber sie kannten sich doch viel zu wenig. Und — den Vergleich mit Rudolf Härtlingen hielt er nicht aus. Nicht im entferntesten!
Frau Lucie weinte sich in Schlaf. Jetzt dachte sie nicht einmal an ihren stets so sorgfältig behüteten Teint.
*
Am anderen Tage betrat Graf Härtlingen die Spielsäle in dem Augenblick, als ein alter, hagerer, sehr elegant gekleideter Herr mit lautem Hallo von einigen Herren begrüßt wurde.
Härtlingens Gesicht wurde kalt, ablehnend, finster.
Lelias Vater!
Herr Schwarzkoppen!
Richtig!
Das hätte er doch gleich bedenken müssen, daß er auf diesen Herrn hier in Monte Carlo stoßen konnte.
Der sah ihn vorläufig noch nicht. Seine blauen Augen blitzten in noch jugendlichem Feuer über die Spieler hin. Man sah es ihm ordentlich an, wie ihn das Fieber packte, wie er es gleichsam nicht mehr erwarten konnte, sich mit an den Tisch zu setzen, zu spielen!
Kurz, sachlich erwog Graf'Härtlingen, was zu geschehen hatte, wenn dieser Herr Schwarzkoppen ihn bemerkte. Man mußte selbstverständlich auch für diesen Fall gewappnet sein.
Ruhig ging Graf Härtlingen an der Gruppe vorüber.
Die lebhaften Augen Herrn Schwarzkoppens gingen umher, entdeckten plötzlich eine, hohe Figur im eleganten Smoking, sahen dunkles, schlicht zurück- gekämmtes Haar, sahen ein braunes Gesicht.
Erschrecken breitete sich über das Gesicht des alten Herrn. Ja, jetzt war er plötzlich ein alter Mann. Das Gesicht veränderte sich, wurde faltig, welk!
„Diese schlechte Luft hier", meinte Schwarzkoppen, als er die erstaunten Gesichter der anderen Herren ah.
Härtlingen wußte, daß Schwarzkoppen ihn ge- ehen haben mußte. Er wandte sich plötzlich um, ging auf den Herrn zu.
„Ah,freut mich sehr. Ihnen hier zu begegnen! Bitte, lassen Sie sich aber jetzt durchaus nicht tören, wir können die kleine geschäftliche Angelegenheit ebensogut ein anderes Mal besprechen."
Der alte Herr blickte ihn versteinert an. Dann verstand er. Seine Lippen zuckten.
Rudolf Härtlingen hatte seinem ehemaligen Schwiegervater nicht einmal mehr die Hand gegeben.
Der elegante alte Abenteurer fühlte plötzlich, wie ihm das Wasser in die Augen stieg.
Sein Leben, sein ganzes, erbärmliches Leben kam ihm plötzlich zum Bewußtsein.
Lelia!
Sein unglückseliges Kind!
Was für ein Vater war er denn gewesen? Mußte nicht alles so kommen, wie es gekommen war? Folgerichtig war es gekommen, und die Schuld an allem trug er, der Vater. Auch sein Sohn war ein Opfer der falschen Erziehung, des schlechten Beispiels, das ihm sein Vater gab.
Lelia!
Seine berückend schöne Lelia war die Gattin dieses Mannes dort gewesen. Dieses Mannes, der großzügig eine Rente aussetzte für den Schwiegervater, nachdem er erfahren hatte, daß rings um die Familie Schwarzkoppen dunkle Schatten waren.
Armut, die man durch ein abenteuerliches Leben zudeckte!
Wie mußte dieser Graf Härtlingen ihn, den Vater, verachten!
Wie sehr war er im Recht, wenn er es tat!
Nicht einmal die Hand gab er ihm mehr.
Wie aus einem schweren Traum erwachend, blickte er um sich. Aber er sah nur fremde, bekannte, dennoch fremde, neugierige Gesichter.
Schwarzkoppen sank wieder in feine folternden Vorstellungen zurück.
War es ein Wunder, daß seine jüngste Tochter vor ihm floh? Daß sie jede Gemeinschaft mit ihm ablehnte?
Sie, die rein und schuldlos war, und die sich voll Abscheu von einem solchen Vater wandte? Wo mochte sie sein, seine schöne, kleine Gertraude?
Sie war nach ihrer Mutter geraten, die Kleine. Ihre Mutter war auch immer rein und schuldlos geblieben. Sie hatte das Leben weit von sich gewiesen — dieses Leben, das der Gatte ihr boj. Sie hatte es nie verwunden, so von ihm getäuscht worden zu sein, und so war sie, eine geborene Komtesse Hellenohlen, einsam in der Fremde gestorben. In ihr Elternhaus hatte sie nicht wieder zurückgekonnt, das war ihr durch ihre Heirat verschlossen.
Solange Maria lebte, waren die Kinder gut gewesen. Aber nach ihrem Tode hatte es sich gezeigt, daß Lelia und Otto nur zu gern in das freie Abenteuerleben sich mit hineinstürzten.
Gertraude war noch zu jung, lieber sie konnte er sich fein Urteil bilden. Aber er gab sie in eine erstklassige Pension, und er bezahlte auch die Gelder pünktlich, damit er ja nur beruhigt sein konnte, daß sie gut aufgehoben war. Er besuchte sie ab und zu einmal; oberes mochten manchmal Jahre vergangen sein, ehe er einmal hinkam. Und das Kind war auch ablehnend gegen ihn und seine Geschenke. Manchmal hatte er das stille, feine Geschöpf gehaßt. Weshalb lebte dieses Kind überhaupt? Es kostete ihn
nur unnützes Geld. Denn die Pension der Madame Chere war nicht billig. Aber er ließ sie doch immer wieder dort. Es mochte irgendein Instinkt in ihm gewesen fein, das Kind trotz allem in den guten Händen zu lassen.
Lelia!
Wie anders war sie?
Begierig griff sie nach jeder bunten Stunde: sie wußte wohl zunächst nicht, daß sie nur ein Lockvogel für die Gimpel war, die ihr Vater zu fangen beabsichtigte.
Er hatte auch wirklich nicht viel Zeit gehabt, sich um sie zu kümmern. Sie hatte nur da zu sein mit ihrer köstlichen Schönheit. Sie zog die reichen Männer an, die sich dann sehr gern mit ihrem Vater zu einem Spielchen niederliehen.
Das war ein Leben, wie es ihm behagte!
Aber — war es denn ein ehrenwertes Leben gewesen?
Der alte Lebemann senkte tief den grauen, sorgsam frisierten Kopf.
Die Herren lächelten.
Was hatte er denn nur, der immer fidele alte Herr?
Hing fein plötzliches, verändertes Benehmen etwa gar mit dem schönen, großen Kerl dort drüben zusammen?
Guido Schwarzkoppen richtete sich auf. Die Hand fuhr in die Westentasche, klemmte im nächsten Augenblick das Monokel ein. Steif aufgerichtet, ein wenig stelzend, ging der alte Herr dann zum Spieltisch hinüber.
Und an diesem Abend gewann Herr Schwarzkoppen unheimlich. Hier, an diesem Tisch, kam keine Geschicklichkeit, fein Korrigieren des Glücks in Frage, hier hatte Herr Schwarzkoppen, der staatenlose, elegante Abenteurer, wirklich einmal die launische Glücksgöttin Fortuna zur Freundin!
Schwarzkoppen gewann, gewann immer wieder.
Und kühl und spöttisch lächelnd lehnte unweit von ihm der Mann, der durch seine Annäherung an die Familie Schwarzkoppen so viel gelitten hatte.
An diesem Abend gewann Herr Guido Schwarzkoppen. Vielleicht hieß er auch gar nicht Schwarzkoppen? Jedenfalls gewann dieser Mann außer einem Vermögen noch viele neue Freunde, denn sie sind immer in Menge da, wenn ein Mensch vom Glück begünstigt ist.
Aber im Gesicht des alten Spielers stand noch immer dieses abwesende, verlorene Lächeln.
Und es wurde an diesem Abend durchaus nicht idel. Durchaus nicht!
Guido Schwarzkoppen ging gegen Morgen allein in den Anlagen spazieren.
Und dachte weiter über sein Leben nach, das ja gar kein Leben gewesen war. Sondern — eine einzige Missetat an feinen Kindern.
(Fortsetzung folgt.)
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