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Nr. 228 Sechstes Blatt

Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesten) Samstag, 29. September 1934

Haltet die Treue Eurem heimischen Theater!

Dem Gießener Gtadttheater zum Geleit.

Reichsstatthaller Sprenger:

Das deutsche Theater muß eine Pflegestätte deut­scher Kultur wieder werden, sein und bleiben. Das erwartet das deutsche Volk im Nationalsozialistischen Staate von seinen Theater-Leitern.

Das deutsche Volk muß aber auch den Theater- Leitern die Möglichkeit geben, diesem hohen Zwecke zu dienen. Die Volksgenossen Gießens und seiner näheren und weiteren Umgebung müssen daher alles daran setzen, das Theater zu halten und zu stützen.

Der jährliche Mietplatz ist die beste Unterstützung. Helft also zusammen, damit das Gießener Stadt­theater das sein kann, was wir vom deutschen Theater verlangen.

Gaupropagandaleiter Mütter-Scheid:

Das Theater war einst der Mittelpunkt des gei­stigen Lebens; hier wurde umder Menschheit große Gegenstände" gerungen. Und wenn wir Na­tionalsozialisten vor der Machtübernahme so oft scharfe Angriffe gegen das Theater richteten, so nur deshalb, weil wir sahen, wie unter der Führung von Juden das Theater mißbraucht wurde im Dienste jüdisch-marxistischer Volkszersetzung. Ich will hier nur an eines der erfolgreichsten Stücke erin­nern: LampelsRevolte im Erziehungsheim", in dem in geradezu raffinierter Weife alle'Zusammen­hänge so gedeutet wurden, daß nur der Kommunis­mus als vernünftige Lösung erschien. Das Stück war so wirksam, daß selbst die Zuschauer, die bei einem Sieg des Kommunismus mit vernichtet wor­den wären, von dem Rausch der Begeisterung mit ergriffen wurden und sich an den elementaren Ovationen beteiligten.

In anderen Stücken wurden systematisch alle für uns gültigen Begriffe zernagt. Eine gefährlicher Sumpf breitete sich auf der Bühne aus.

Dies alles war deshalb so gefährlich, weil es keine wirkungsvollere Ueberzeugungsmöglichkeit gibt, als die des Theaters.

Das Theater hat die Kraft, hinabzuziehen in den Sumpf, aber es hat auch die Kraft, hinaufzutrei­ben auf Höhen in Licht und Klarheit.

Im Dritten Reich soll das Theater nicht nur die Bedeutung wiedererlangen, die es einst zur Zeit der Griechen, zur Zeit Shakespeares und bei uns zur Zeit Lessings, Goethes und Schillers hatte, seine Bedeutung soll darüber hinaus noch gesteigert wer­den. So wie die Massen in unsere politischen Ver­sammlungen strömten, so wird das Theater wieder überfüllt sein, wenn die nationalsozialistischen Dich­ter da sein werden. Und sie werden kommen. Die alles umfassende und erfassende nationalsozialistische Weltanschauung wird sich einst in ungeheurer Kraft in Bühnenwerken ausdrücken; nicht so, daß Schau­spieler etwa nationalsozialistische Leitartikel vortra­gen, sondern vielmehr so, daß alle Zusammenhänge in unserem Volk und in der Welt im großen und kleinen von den neuen Dichtem gedeutet werden. Machtvolle und belebende geistige und seelische Ströme werden dann von der Bühne ihren Lauf nehmen.

Mancher wird sagen:Das ist schön. Wenn es soweit ist, komme ich selbstverständlich auch." Wie viele gibt es, die heute sagen:Hätte ich den Hitler doch nur früher schon beachtet und wäre ich doch nur früher in die Bewegung gekommen!" Auch zu kommen, wenn andere den Kampf gekämpft und den Sieg errungen haben, ist leicht und billig.

Wer es versäumt hat, an der großen politischen Entwicklung tätig mitzuwirken, versäume es nicht, rechtzeitig Anteil zu nehmen an der künstlerischen.

Wir werden das Theater bekommen, was wir haben wollen. Deshalb ergeht der Ruf an alle, die nicht geistig und seelisch unterentwickelt oder gar

taub sind:Helft mit, das Theater des Dritten Reiches schaffen!"

Kreisdirektor und Kreisleiter Klostermann:

Wenn Lern Führer im Rahmen der Erziehungs­arbeit am deutschen Volke die kulturellen Belange auf allen Gebieten besonders am Herzen liegen, dann ist es Pflicht der Bevölkerung, an diesem Auf­bau mitzuarbeiten. Du hilfst, deutscher Volksgenosse, wenn du der Theaterverwaltung die Möglichkeit gibst, nicht nur vorhandenes KuUurgut zu pflegen, sondern auch in bfe Lage versetzt, jungen aufstreben­den Künstlern Gelegenheit zu geben, ihre Gedanken und Ideen in die breite Masse des Volkes zu tragen. Dann hilfst auch du am Aufbau der Nation.

Oberbürg'.rmersier ZRther:

Das Gießener Stadttheater, als Denkmal bürger­lichen Gemeinsinns errichtet, muß im neuen Staate dein deutschen Kulturleben vorbildlich dienen. Durch Gemeinsinn und enge Volksverbundenheit getragen, wollen wir unablässig bemüht sein, gemeinsam die deutsche Kunst zu stärken und zu stützen. Jeder ein­zelne Bürger muß sich mit dieser der ganzen Gieße­ner Bevölkerung gehörenden Kulturstätte verbunden fühlen und bereit sein, zur Fortentwicklung nach sei­nen Kräften mitzuwirken. Ich bitte darum, daß alle Kreise der Bevölkerung die Stadtverwaltung in ihrem Bestreben unterstützen und die Leistungen unserer Künstler durch regelmäßigen Besuch des Theaters anerkennen. Durch Unterstützung deutscher Kultur und deutscher Kunst vorwärts in eine bessere Zukunft!

St.-Gau-Kulimwart Dethge:

Unsere so ungeheuere Gegenwart, Krieg und Nach- kriegserschütterungen des gesamtes Erdkreises hei­schen ihre Gestaltung. Presse, Rundfunk, Film sie alle sind Barometer der Zeit aber das emp­findlichste und darum kostbarste und zuverlässigste Instrument ist die Schaubühne; beim dieses Baro­meter hat den empfindlichsten Aufnahme- und Wie- dergabeapparat, den wir kennen, solange die Welt steht: das Herz und das seherische Auge des ge- stattenden Dichters.

Wer den Spiegel seiner Zeit erblicken, wer auch manchmal selbst zwischen den Zeilen lesen lernen will, und wer gar all diese Belehrung, Erhebung und Bereicherung auf dem Wege scheinbar harmloser Unterhaltung sich verschaffen will, der helfe mit am Aufbau dieses kostbarsten Instru­mentes am Aufbau der Schaubühne seiner Na­tion, die von uns noch zeugen wird, wenn unsere Leiber längst verfallen sind.

Oberregierungsrat Dr. Schönhals:

Das deutsche Volk will in seinem Theater eine Stätte sehen, die ihm mit wahrer, echter, aus deut­scher Gemütstiefe geborenen Kunst Stunden der Er­bauung bereitet und es mit Dichter und Darsteller zu einer inneren Erlebnisgemeinschaft zusammen­führt. Auch das Stadttheater Gießen ist dazu be­rufen, an der künstlerisch kulturellen Erneuerung, die die Schaffung des deutschen Nationaltheaters zum Ziele hat, mitzuarbeiten. Mögen auch in der kommenden Spielzeit alle Kreise der Bevölkerung durch aktive Anteilnahme diesen Gedanken tragen und mitgestalten helfen und durch regen Besuch le­bendigen Anteil nehmen an der Aufwärtsentwick­lung unserer Theaterkunst.

Professor D. Heinrich Dornkamm, Rektor der Landesuniversität:

Universität und Theater, die Stätte der schmuck­losen Lehre und der Raum der bewegten Phan-

tasie, dürfen sich glücklich preisen, wenn sie in einer Stadt zusammengeführt werden. Sie reden von dem gleichen Leben, die eine gerichtet auf Ueber- zeugung und Einsicht, das andere auf Vergegen­wärtigung alles Menschlichen und Ueberwältigung des Empfindens. Beide sind der gleichen Stunde des Volkes unterworfen und erhalten ihre tiefsten Kräfte von ihm. Wir haben in Deutschland eine hohe Schauspielkunst, aber wenige Dichter; wir haben eine hochbefähigte, methodensichere Wissen­schaft, aber wenige schöpferische Gestalter. Es gab Zeiten, in denen beides anders war. Wir erhoffen von der unser Volk durchpulsenden Bewegung, daß sie mächtige und ursprüngliche Kräfte erwecken wird. Dazu müssen aber die Stätten der deutschen Kultur in gegenseitiger Verantwortung verbunden sein. Das Theater muß sich seiner erzieherischen Aufgabe, die in einer Universitätsstadt einen be­sonderen Raum hat, bewußt bleiben. Und die Uni­versität muß dem Theater geistige Kräfte und tat­kräftige Unterstützung zuführen. Darum rufe ich zu einer festen Gemeinschaft zwischen dem Theater und allen Gliedern der Universität, Dozenten, Beamten und Studenten auf.

Amtsleiter Heß:

Das Theater als Pflegestätte deutscher Kunst und Wahrerin deutschen Volkstums deutet die Gegen­wart, hütet die Vergangenheit und trägt so bei zur Bildung des Charakters.

Es ist Pflicht jedes guten Deutschen, das Theater zu unterstützen und mitzuhelfen an dem kulturellen Aufbauwerk unseres großen Führers.

Kreisamtsleiter der 7!S-Hago Schimmel:

In diesen Tagen wirbt das Stadttheater Gießen um Besucher für die Spielzeit 1934/35. Ich bitte daher den gesamten gewerblichen Mittelstand (Handel, Handwerk und Gewerbe) auf das best­möglichste, den Gedanken der Reichsreaierung die Pflege der deutschen Kunst durch den Besuch des Stadttheaters Gießen in die Tat umsetzen zu helfen, damit gerade heute mehr als je das Theater Gemeingut des ganzen Volkes wird.

Dr. Ruckelshausen

Deutsche Bühne:

Theater ist die Kulturart, welche am tiefsten und nachhaltigsten den Volksgenossen ergreift. Denn das Leben selbst, das uns alle angeht, wird auf der Bühne von lebensvollen Schauspielern dargestellt. Die Lebensfreude des Lustspiels beschwingt auch uns, und durch das vaterländische Schauspiel werden Geschichte wie künftiges Schicksal unseres Volkes offenbar. Echt deutsche Weltanschauung und Lebens­auffassung werden durch deutsches Theater in uns geweckt und vertieft. Dem Theater fernbleiben hieße daher, keinen Willen zur deutschen Kultur wie Kunst haben.

Karl Christ kreiswarl der NS.-GemeinschastKraft durch Freude".

Als ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns wurde das Gießener Stadttheater gebaut, als ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns steht es nun Jahrzehnte hindurch und gab vielen Volksgenossen im Kreise Gießen Kraft und Freude. Dieses Gießener Stadt­theater ist eines der schönsten im Reich. Man frage nur einmal die Fremden, die das Theater besuchen, oder man ziehe selbst Vergleiche mit anderen Thea­tern in anderen Städten immer wird man hören oder selbst feststellen können, daß unser Gießener Stadttheater eine seltene Geschlossenheit zeigt, daß

von ihm ein Hauch ausgeht, der einem schon beim Betreten des Vorraums in der Ahnung kommender freudiger und erhebender Stunden das Herz höher schlagen läßt. Diefes Haus bürgerlichen Gemeinsinns ist ein Theater des Volkes, und seine Erhaltung und sein weiterer Ausbau liegt der NS.-Gemein« schäftKraft durch Freude" im Kreise Gießen be« sonders am Herzen. Ein Theater des Volkes! Nicht ein Theater der wenigen, die essich leisten können"« sondern das Theater aller.

Im Reiche des Volkskanzlers ist das ja auch gap nicht anders möglich. Alles, was das Volk bewegt« Liebe und Treue, dramatisches Geschehen und ro« mantisches Erlebnis, tiefstes Leid und fröhlichste Ausgelassenheit alles dies erscheint in vollendeter künstlerischer Wiedergabe vor diesem Forum des Volkes. Die Herzen aller, denn gute Kunst ergreift jeden, werden bewegt, mitgerissen, aufgerichtet und gewinnen Kraft durch Freude.

Das Gießener Theater ist für die NS.-Gemein- schäftKraft durch Freude" der Mittelpunkt in dek Wiedergabe bester deutscher Kunst im Kreise Gießen und darüber hinaus. Deshalb: Jeder Volksgenosse aus Stadt und Kreis Gießen sollte wenigstens ein­mal im Winter im Stadttheater gewesen sein. Es darf und braucht keiner zu denken, daß er da nicht hingehöre jeder hat als Glied unseres sauberen und herrlichen Volkes ein Anrecht darauf. Die NS.- GemeinschaftKraft durch Freude" im Verein mit der NS.-Kulturgemeinde wird es möglich machen« daß jeder Volksgenosse das Theater besuchen kann«

SS-Sturmbannführer Zakober:

Es ist das Privileg des Künstlers, die feinsten geistigen Strömungen und. Richtungen zu ahnen, zu fühlen und zum Ausdruck zu bringen.

Künstlerisches Schaffen aber findet eindringlichste Darstellung im Theater und in der Musik.

Durch regen Theaterbesuch werden typisch deut­sches Künstlertum gefördert, so die Quellen deut­schen Wesens geöffnet und was wesentlich ist* aus ihnen geschöpft.

Stellvertr. Führer der Studentenschaft Hans Fritz Schuster:

Kommilitonen! ZurUniversitas gehört auch das Theater, deshalb helft durch eueren Besuch mit, es zu erhalten und zu fördern!"

Rundfunkprogramm

Sonntag, 30. September.

6.15 Uhr: Hafenkonzert. 8.15: Nachrichten. 8.25k Gymnastik. 8.45: Choralälasen. 9: Evangelische Morgenfeier. 9.45: Deutsches SchatzkästleinWald­lust und Gartenfreude". Zum Erntedankfest. 10.15$ Chorgesang. 11: Heinz Steguweit liest heitere Kurz­geschichten. 12: Reichssendung: Deutscher Erntedank­tag 1934. 13: Reichssendung: Deutscher Erntedank­tag 1934. 15: Reichsjendung: Deutscher Erntedank­tag 1934. 17.30: Von Köln: Alte Bauerntänze und Bauernlleder. 18.30: Kammermusik. 19.30: Der Zeit­funk bringt den Sportspiegel des Sonntags. 20 bis 2: Deutscher Erntedanktag 1934.

Montag, 1. Oktober:

6 Uhr: Bauernfunk. 6.15: Gymnastik I. 6.30$ Gymnastik II. 6.45: Frühmeldungen. 6.55: Morgen­spruch Choral. 7: Frühkonzert. 8.30 bis 8.45: Gymnastik. 9: Werbeoeranstaltung für das Stadt­theater Trier. 9.20:Alte Sonate Lieder für Alt". 10: Nachrichten. 11.45: Sozialdienst. 12: Mit­tagskonzert I. 13: Saardienst. 13.10: Nachrichten aus dem Sendebezirk. 13.15: Mittagskonzert IL 14.15: Nachrichten. 14.30 Wirtschaftsbericht. 15: Nachrichten. 15.15: Kinderstunde: Jetzt basteln wir! 15.30:... trotzdem lachen!" Zwiegespräch über heitere Romane. 15.45: Studenten von heute. 16: Nachmittagskonzert des Philharmonischen Orchesters^ 18: Stunde der Jugend: Unsere Mädels beim Sport! 18.15 Uhr: Dichter am Bodensee: Wilhelm Schäfer. 18.45: Unterhaltungskonzert. 19.45: Das Leben spricht! Soziales Funkbild. 20: Nachrichten« 20.10: Saar-Umschau. 20.30: Orchesterkonzert. 21.30t Gesicht einer Straße. Hörfolge. 22: Nachrichten«

Geschichten beim Zagdsrühstück.

Baltische (Erinnerungen

von Herbert v. Hoerner, GOS.

Der alte Baron H. war berühmt als Schütze, aber zugleich berüchtigt, wegen feiner unbändigen Schießlust, vor der selbst die Elchkuh nicht sicher war.

Nun war da einmal Treibjagd angesagt bei sei­nem Gutsnachbarn, dem jungen Baron B., der sich selbst für einen sehr feinen Jäger hielt und es besonders auf die Schonung feines Rehstandes ab­gesehen hatte. Ricken durften bei ihm, das ganze Jahr über, nicht geschossen werden. Zur Treibjagd hatte er, wohl ober übel, auch seinen alten Nach­barn einladen müssen, aber wohl war ihm dabei nicht wegen der Ricken.

So ging er also vor Beginn der Jagd auf den Alten zu und bat ihn:Nicht wahr, mein lieber Baron H., Sie sind so gut und schonen mir meine Ricken. Das ist sozusagen Bedingung."

Das war wohl deutlich genug. Die Antwort wurde in den Bart geknurrt:Selbstverständlich!" Aber niemand glaubte so recht an dies Ver­sprechen.

Die Treibjagd war im Gange. Der alte Baron H. stand auf dem ihm angewiesenen Platz. Als nächster Schütze, zu seiner Bewachung, hatte sich der junge Jagdherr selber hingestellt.

Da entwickeln sich aus dem Treiben heraus zwei Nehe. Die Ricke voraus, der Bock hinterher, ein prachtvolles Paar. Gerade auf den Alten zu.

Was wird nun geschehen? Werden nicht gleich zwei Schüsse knallen? DieDoublette!" Dem Jagdherrn zittert fchon das Herz um die Ricke.

Aber nein, es fällt nur e i n Schuß. Der Bock liegt. Die trauernde Witwe geht in langen Sätzen davon.

Freudestrahlend, und so, als hätte er ihm etwas abzubitten, geht nach Beendigung des Treibens der junge Jagdherr auf feinen alten Gast zu und dankt ihm mit bewegten Worten, daß er die Rickedurch­gelassen" hat.Ich weiß, welche Ueberroinbung es Sie gekostet hat", sagt er.

Der Alte läßt, leise fnurrenb, bie Anerkennung feiner Tugenb über sich ergehen. Aber nachher, beim Frühstück, ist er verstimmt.

Er mag keinen Schnaps mehr trinken, er mag auch keinen Speckkuchen mehr essen. Er steht am Fenster, ber fröhlichen Gesellschaft ben Rücken menbenb, unb trommelt an bie Scheiben. Unb bazu murmelt'er etwas. Was hat er nur?

Einer ber fröhlich am Tische Schrnausenben steht auf unb geht zu bem Alten hin. Der trommelt im­mer mit zwei Fingern an bie Scheiben unb mur­melt bazu im Takt':Ich bin ein Aas, ich bin ein Aas, ich bin ein Aas."

Aber Herzensmensch, was ist bir?"

Da breht er sich um unb schreit, baß alle es hören:Na ja, aus bie Ricke klatschte mir boch ab!" Das heißt: Die eine Patrone seiner Doppelbüchse hatte, ber Ricke zum Heil, versagt.

*

Baron H. hat sich, nach langen Erwägungen unb emsigem Suchen in bitten Katalogen, aus Deutsch- lanb ein Gewehr kommen lassen; bas Neueste, bas Beste, bas Teuerste. Eine Schrotflinte ist es, Dop­pellauf, ber Schaft mit Schnitzereien verziert, der bunkle Stahl mit Silber ausgelegt.Zum Küssen schön!"

Unb wie sie schießt", versichert er. Aber eigent­lich hat er sie noch gar nicht so richtig ausprobiert.

Es ist Treibjagb im Walbe, bas Gelänbe un­übersichtlich. Die Schneise auf ber bie Schützen stehen, ist feine klare Linie. Durch Mooshumpel unb niebriges Gestrüpp behinbert, sieht man kaum zum nächsten Schützen. ~

Da will ein Hase, aus bem Treiben fommenb, zwischen ben Jägern burch. Baron H. schießt, unb ber Nachbarschütze schreit auf. Vom Hasen ist nichts mehr zu sehen.

Was ist benn los?"

Sie haben mir in bie Beine geschoßen.

Große Entschulbigung. Unb ber Angeschossene tröstet halb ben unglücklichen Schutzen, ber ganz verzweifelt ist. .,, .,

Aber Sie sehen ja, es ist gar nicht schlimm. Gottlob, baß ich meine Wasserstiefel anhab. Da geht so leicht nichts burch. Ein.paar blaue Flecken auf ber Wabe. Aber bas macht boch nichts."

Die Jagb geht weiter. Zum Frühstück versammelt sich alles im Hause bes Buschwächters. Die Stim­mung ist ausgezeichnet, unb um bas Gemüt bes alten Herrn zu schonen, spricht niemanb mehr von bem kleinen Mißgeschick.

Aber ihm ist bie Laune oerborben. Mürrisch sitzt er ba unter ben Fröhlichen unb spricht kein Wort Bis schließlich wieber ber Angeschossene bas Wort an ihn richtet: Er möge boch bie Sache nicht so tragisch nehmen. ____ ,

Kann jebem mal passieren. Unb sehen Sie boch her Die Schrote finb ja gar nicht burchgegangen."

Da bricht er aus:Das ist's ja eben! Dies Suber von einer Flinte! Zweihunbert Rubel hab ich bafür bezahlt unb jetzt schießt sie nicht mal auf achtzig Schritt burch Stiefelleber!"

Wieber ist Jagb. Unb wieber hat man sich zum Jagbfrühstück versammelt im Hause bes Buschwäch­ters, in besten Revier getrieben würbe.

Aber warum hat benn wieber ber alte H. sich abseits gesetzt, fernab von Heringspfännchen, Kom- morgenroieber unb Strickbeersaft, fernab allem Schnapse?

Er hat sich einen Stuhl ans Fenster gerückt. Dort sitzt er, ein Bein übers anbre geschlagen, hält ein Buch in ber Hanb auf bem Knie unb lieft.

Er lieft!" Als man auf biefen Vorgang auf­merksam würbe, bleiben zwischen Pomeranzen unb Speckkuchen bie Münber offen stehen, unb bas Ge­spräch verstummt. Es ist, als beobachte man etwas noch nie Dagewesenes.

Wer hätte auch jemals schon ben alten H. lesen gesehen?! Sein Buch ist Walb unb Felb. Die Schrift, beren Kunbiger er ist, bas ist bie Spur bes Wilbes im Schnee.

Seht boch ben Bücherwurm!" sagt einer ber Erstaunten. Unb ein anbrer spöttelt:Kann er benn überhaupt lesen?"

Der Alte ist so vertieft in bas Buch auf feinen Knien, baß er meber bie Stille, bie plötzlich ent­stauben ist, wahrnimmt, noch bie Bemerkungen, bie über ihn fallen, hört.

Ein Neugieriger ist leise hinter ihn getreten, unb blickt ihm über bie Schulter, um zu sehen, was bas für ein Buch fei, bas ben, ber sonst nicht Bücher lieft, fo sehr zu fesseln vermag, baß er barüber aus bem Kreise feiner Freunbe wie in eine anbre Welt entrückt erscheint.

Ein beutsches Buch ist es, burch irgenbeinen Zu­fall in bas Haus bes lettischen Walbhüters ver- fchlagen. Schon möchte ber Neugierige nach bem Titel bes Buches fragen. Aber ba gibt auch fchon ber ßefenbe bie Antwort.

Er schlägt sich mit Hanb unb Buch aufs Bein, baß es klatscht, lacht ein lautesHaha!" unb ruft begeistert:Aber biefer Leberstrumpf ist boch ein verfluchter Kerl!"

Die Schulmeister des Komponisten.

Bei einem Besuch im Hause eines Musikfreunbes fanb Mozart Gefallen an bem zwölfjährigen, fpäter berühmt geworbenen Sohn, ber sehr brav Klavier spielte. Der Kleine sagte ihm, er mochte auch gern schon komponieren unb wie man bas anfange.Wie man bas anfängt?" lachte ber Mei­ster.Gar nicht!"Aber etwas muß man boch bazu tun?"Bewahre! Nur abwarten!"Sie haben boch schon komponiert, als Sie noch viel kleiner als ich waren r »Freilich hab ich das!"

meinte Mozart.Aber eines habe ich nicht getanf nach einem Rezept gefragt! Man muß es in sich haben. Wenn man bas hat, bann brückts und quälts einen. Dann muß man es machen, unb man machts auch frei unb fragt nicht brum!" Unb als ber Knabe traurig meinte:Aber es muß boch ein Buch geben, woraus man es lernen kann", er« miberte Mozart:Schau, mein Junge! Das ist wieber nichts! Hier, hier unb hier!" Er zeigte auf Ohr, Kopf unb Herz.Hier ist alle Weisheit! Wie's bie brei Lehrer haben wollen, so kann mans ge­trost hinschreiben! Der vierte Schulmeister finbet sich hinterher ganz von selber!"

Kunst und Wissenschaft.

Jbeenwellbewerb für INosaikenlwürfe.

Der Jbeenwettbewerb für bie Erlangung von Entwürfen zur Ausführung in Mosaik im neuerbauten Kongreß-Saal bes Deutschen Museums in München hat nach feinem Bekanntwerben in ber Tagespresse nachhaltiges Interesse in ben Kreisen bilbenber Künstler gefunben. Der Große bes Wett­bewerbs entsprechend finb auch bie Preise bemessen worben. Insgesamt kommt ein Betrag von 50 000 RM. zur Verteilung. Der erste Preis ist mit 5000 RM., vier zweite Preise finb zu 2500 RM. ausgesetzt. Ferner finb jehn Preise zu je 1000 RM^ unb 50 Ankäufe im Betrag von je 500 RM. vor« gesehen. Zur Teilnahme berechtigt' finb alle Mit- glieber bes Bunbes Deutscher Maler unb Graphiker e. V., bem zustänbigen Fachverbanb in ber Reichs« fammer ber bUbenben Künste. Wie aus ben bishe­rigen Anforderungen ber Unterlagen zu schließen ist« scheint bie Beteiligung erfreulicherweise sehr rege zu werben.

Dreißig Lehrstühle an französischen Universitäten eingefpart.

Das Unterrichtsministerium in Paris hat an ben französischen Universitäten breißig Lehrstühle aufgehoben. In Paris kommen zehn in Fort­fall, so bei ber philosophischen Fakultät der Lehr­stuhl für griechische Poesie, byzantinische Geschichte und Geschichte der französischen Sprache, an der ju­ristischen Fakultät die Lehrstühle für Zivilprozeß, recht und Pa^rdektenlehre, an der medizinischen Fa­kultät die für innere Pathologie und medizinisch, chirurgische Anatomie, an der naturwissenschaftlicyen Fakultät bie für Elektrotechnik, organische Chemie und Botanik. Es handelt sich um Einsparun­gen, durch die, wie das Unterrichtsministerium er­klärt, bie Studierenden nicht zu kurz kommen wer­den, da bie betreffenben Unterrichtszweige auf an­dere Lehrstühle übergehe^