Nr. 228 vierter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Zamrtag, 20. September 1934
h
iv >'
'.. <
■ •
■ .
■
-EM f
K
Reicher Segen füllt die Säcke.
Wer jetzt über Land gehen kann, vielleicht Tage eines späten Urlaubs genießen darf und über die Berge und durch die Täler unserer oberhessischen Heimat streift, dem muß das Land wie verzaubert erscheinen. Das Licht der Sonne liegt in weichem Glanze über Wäldern und Feldern — die Bäume des Laubwaldes beginnen sich zu verfärben, und wenn sie auch noch nicht im goldverbrämten Farbenkleid des späten Herbstes prangen, so lassen sie doch schon ahnen, daß die Natur zur Ruhe zu rüsten beginnt. Die ersten dürren Blätter rascheln zu Füßen. Im Walde ist überall tiefe Stille.
Anders auf den Feldern. Nicht etwa, daß es da übermäßig laut herginge — nein! — aber viel Leben herrscht in diesen Tagen auf allen Aeckern, denn die Zeit der Kartoffelernte ist gekommen und damit eine Zeit, in der Bauer und Bäuerin, Knecht und Magd, die Großeltern oft und die Kinder den ganzen Tag über im Felde sind und hart arbeiten müssen. Der Bauer ist sich dessen bewußt, daß er sich — gegenüber dem Städter — als sein eigener Herr auf eigenem Grund und Boden betrachten darf. Mancher Städter wird ihn darum vielleicht beneiden. Sicherlich aber wird der Spaziergänger den Landmann nicht beneiden, wenn er sieht, wie gerade jetzt auf den Feldern körperlich schwer gearbeitet werden muß, um die Ernte einzubringen, für die der Bauer im Sommer so viel bangen mußte. Die größte Sorge' ist nun aber vorbei, denn die Ernte ist in vielen Teilen unseres oberhessischen Landes besser, ja mancherorts sogar mengenmäßig sehr gut ausgefallen, so daß der Bauer mit einer gewissen Freude am Werke ist.
Kartoffelernten ist ein schlichte Arbeit. Alt und jung, meist die ganze Familie, soweit sie der körperlichen Arbeit gewachsen ist, arbeitet in einer Reihe nebeneinander. Jedermann hat den Karst in der Hand, der zunächst vorsichtig hinter dem einzelnen Kartoffelstock angesetzt und dann leicht durchgezogen wird (damit die Knollen nicht verletzt werden). Der Stock wird ausgerissen, und schon rollen die erdfeuchten Knollen in die Furche. Die Bauern gehen dabei nicht alle gleichmäßig vor. Wohl die meisten unserer Bauern arbeiten mit dem Karst und mit der Hand; auf größeren Höfen jedoch hat die Kartoffelerntemaschine längst Eingang gefunden. Wieder andere Landwirte stürzen die .Kartoffelfurche mit dem Pflug. Auf feuchten Böden werden die Kartoffeln meist noch etwas liegen geilassen; die Sonne hilft in diesen Tagen rasch trocknen. Vielfach werden die Kartoffeln auch gleich in 'Säcke gefüllt, und hinter den Arbeitenden entsteht idann jene typische Sackreihe, die dem Beobachter 'schon von weitem verrät, daß die Kartoffeln ge- । erntet werden. Gegen Abend sährt dann der kurze, > gedrungene Wagen an, und es wird aufgeladen. ! Das gibt oftmals schwere Fuhren, und die Räder i knarren tn den Achsen.
Der Bauer und seine Helfer sind gewohnt, kräftig i zuzugreifen, wenn Erntearbeit zu leisten ist. Der !Tag beginnt dann sehr früh und endet spat. Wqh-
Den ganzen Tag bücken — harte Arbeit auf dem Kartoffelfeld.
OieLagb im Oktober
Hirsches zu Ende geht, tritt das Damwild tn Die Brunft.
Am 1. Oktober beginnt -in Hessen bie Schußzeit für weibliches Rehwild, in Preußen am 16. Oktober. Es wird hoffentlich in diesem Jahre zum letzten Male sein, daß diese dauernd Verwirrung schaffenden verschiedenen Schußzeiten bestehen. Wenn am 1. April die Jagdgesetzgebung der Lander aufhört, werden die Jäger endlich die gleichen Schußzeiten haben, für die sie schon so lange kämpfen. Zum ersten Male erfolgt in diesem Jahre der Abschuß nach einem bestimmten, vorgeschriebenen
Der edle Hirsch, der König des deutschen Waldes, hat seine hohe Zeit. Das Schreien der Hirsche in kalter Herbstnacht ist Musik für das Jägerohr. Der Abschuß erstreckt sich in diesem Jahre fast ausschließlich auf „Abschußhirsche", deren Erhaltung nicht im Interesse des Wildstandes liegt. Dem Abschuß von Kahlwild, der am 16. Oktober beginnt, ist seitens der Jagdbehörden besondere Aufmerksamkeit geschenkt worden. Die Frage der Erhaltung eines gewissen Rotwildstandes in unseren Wäldern bei möglichst geringem Feld- und Waldschaden hängt aufs engste mit einem ausreichenden Abschuß von Kahlwild zusammen. Ein gesunder Bestand an guten Hirschen, an denen der Weidmann seine Freude hat, ist das Ziel der neuen jagdlichen Gesetzgebung, nicht die Heranzucht großer Bestände von Kahlwild. m
Wenn gegen Monatsmitte die Brunft des Rothirsches zu Ende geht, tritt das Damwild tn die
„Heut will ich suchen, morgen aehts ans Treiben, Und übermorgen winkt der Vogelherd, O könnt es Herbst im ganzen Jahre bleiben, Dann hätt' ich alles, was mein Herz begehrt." Der Herbst beginnt, die Hauptjagdzeit des Jahres steht vor der Tür.
Plan. Kugelschuß und Planabschuß, dabei zahlenmäßige Festlegung auf eine bestimmte, dem Bestand angepaßte Abschußzahl, der Erfolg noch nicht zweier Jayl'e, der Wunsch vieler weidgerechter Jäger, um den sie gerade in Hessen vergeblich zu kämpfen schienen. Die Zeit der Rehschlachten, des Ausschindens der Jagden im letzten Pachtjahr, der hemmungslosen Grenzjägerei sind vorüber. Wem es nicht gefällt, der mag der Jagd den Rücken kehren. Gewarnt seien die, welche glauben, heimlich sündigen zu können. Es sind bereits Jagdscheine entzogen und ihre Inhaber damit aus dem Kreise der deutschen Jägerei ausgeschlossen worden. Auch beim Rehwildabschuß geht in vielen unserer Reviere das Bestreben derjenigen Dienststelle, die den Abschuß festsetzte, dahin, den Bestand an Ricken herabzusetzen und den an Böcken zu heben. Die Sucht danach, möglichst viel an die Wand zu hängen, hat zu einem übertriebenen Bockabschuß geführt, während sich die Ricken der Mißachtung vieler Schützen erfreuten. Die Folge sind Bestände mit völlig falschem Geschlechtsverhältnis. Weiter hat es dazu geführt, daß in manchen Revieren Bestände vorhanden . find, die aus Gründen des Waldbaues verringert werden müssen. Es wird daher erwartet, daß der festgesetzte Abschuß tatsächlich durchgeführt wird. Wer einmal damit begonnen hat, im herbstlichen Wald dem schwachen Kitz, der alten Ricke ahne Kitz eine saubere Kugel anzutragen, der wird, wenn er wirklich Jäger ist, auch daran bald Freude haben und seinen Stolz darin suchen, seinen Abschuß ohne Fehler und ohne verludertes ober krankes Wild durchzuführen.
Am 1. Oktober beginnt in Preußen die Schußzeit des Hafen. Hessen läßt dem braven Mümmelmann noch bis 16. Oktober Ruhe. Die Hasenstrecke
Die gefüllten Säcke warten auf den Wagen ...
wird dieses Jahr sicherlich gut werden. Gewarnt sei vor dem Unfug, größere Mengen Hasen schon in den nächsten 2 bis 3 Wochen abzuschießen. Der Berliner Wildhandel hat im Vorjahre schließlich die Abnahme der „Häschen" verweigert, weil sie noch nicht zu verwerten waren. Das ist Versündigung am Volksvermögen. Der Abschuß des Niederwildes ist zahlenmäßig nicht geregelt. Es sieht aber das Gesetz vor, daß er dann eingeschränkt oder gar eingestellt werden kann, wenn der Revierinhaber die Jagd übermäßig und damit unwaidmännisch ausübt. Diese Einschränkung kann und soll vor allem auf das Folgejahr übertragen werden. Zu solch un- waidmännischem Jagen zählt es, wenn fortgesetzt die Suchjagd auf Hasen ausgeübt wird, wenn gar dann noch eine Treibjagd folgt, wenn dasselbe Revier mehrmals getrieben wird, ober wenn der Hasenabschuß vorwiegend auf dem Anstand, mög» lichst noch am Walde des Nachbarn, sich abspielt. Derartige, an dieser Stelle schon immer angeprangerte Dinge müssen aufhören, wenn das Weidwerk so betrieben werden soll, wie die nationalsozialistische Auffassung von der Stellung des Jägers zum Wilde es verlangt.
Die Hühnerjagd kann noch ausgeübt werden. Ihr Ausfall entsprach so wenig den Erwartungen, daß es besser wäre, den noch vorhandenen Bestand zu hegen.
Am 1. Oktober beginnt auch die Jagd auf den Fasan. Im Gegensatz zum Huhn scheint der Fasan den Sommer besser überstanden zu haben. Die Revierinhaber, in deren Reviere durch den Verein „Hubertus" Fasanen ausgesetzt wurden, wissen sehr Erfreuliches zu melden. Auch in anderen Revieren hat der bunte Vogel sich eingestellt. Das Mindeste, was nun von jedem Jäger verlangt werden sollte, ist zunächst noch grundsätzliche Schonung der Hennen und Fütterung. Wer dagegen verstoßt, gehört an den Pranger, denn er handelt nur zu seinem Eigennutz. Das gilt vor allem für diejenigen, die noch nie etwas für die Einbürgerung und Erhaltung des schönen Wildes getan haben. Sie säen nicht, aber sie ernten meist um so gründlicher.
Die Waldschnepfe ist auf dem Zuge nach Süden, gegen die im Frühjahr verpönte Suchjagd ist jetzt nichts einzuwenden.
Auch die Enten sind auf dem Zuge. Die Erpel tragen wieder ihr Prachtgefieder. Das sollte dem Weidmann Veranlassung geben, die Ente zu schonen und nur Erpel zu schießen. Denn der Entenbestand hat in diesem Jahre nach vielseitigen Meldungen unter dem Austrocknen der Gewässer wieder stark gelitten.
Grimbart, der Dachs, ist feist. Wo er gegraben werden soll, beginnt man bald. Sein Bestand ist in unseren heimischen Revieren meist so, baß einer unbebingten, völligen Schonung nicht bas Wort gerebet werden kann.
An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß die Verwendung jeglicher Tellereisen durch das Reichsjagdgesetz bei Androhung empfindlicher Bestrafung verboten worden ist. In sehr vielen Revieren war
Kartoffelernte auf heimatlichen Feldern.
Von den Flammen geht — man wird sich als | Junge nur selten darüber klar — ein fast dämonischer Zwang aus. Man muß sich der eigenen Jugend entsinnen, um zu wissen, wie man in die Flammen starrte und das geschäftig züngelnde Element mit den Augen und mit offenen Sinnen verfolgte. Mit welch differenzierten Gefühlen stand man doch als Junge vor der hemmungslosen Gewalt des Feuers. Und vielen Erwachsenen geht es nicht viel anders noch heute.
Manche Kartoffel, in rascher Nachlese in den Furchen gefunden, wandert in das Feuer und wird später mit schwarzverkohlter Schale, geröstet, mit großer Geschicklichkeit und aller Vorsicht wieder aus der glühenden Asche gelotst. Geröstete Kartoffeln aus dem Kartoffelfeuer auf dem Feld können besser । schmecken als der beste Braten. —
Erst wenn die Sonne hinter den Hügeln verschwun-1 den ist und der Abend hereinbricht, wenn es kühler wird und die Feuer kleiner und kleiner flackern, i um schließlich ganz zu verlöschen, wird es stiller auf den Feldern. In den Dörfern werden bann die schweren Säcke abgeladen, und wenn das Vieh und das Haus versehen sind, dann erst finden der Bauer und feine Angehörigen, finden Knecht und Magd die wohlverdiente Ruhe ...
rend in den letzten Furchen noch gejätet und gehackt wird, stehen schon wieder Pflug und Egge bereit. So ist die Zeit der Kartoffelernte für den Bauern immer harte Zeit der Arbeit, der Erfüllung, aber auch des verdienten Lohnes. Nur eine Frage wird im Geiste immer wieder erwogen: „Wie werden sich die diesjährigen Kartoffeln auf dem Lager halten!?" Eine sehr wichtige Frage! —
Die Kartoffelernte hat aber auch eine romantische Seite. Zwar die Alten sehen nüchterner, die Jugend aber ist, wie Jugend zu jeder Zeit, mit Begeisterung beim Kartoffelfeuer. Lange Rauchfahnen, von der kühleren abendlichen Luft dicht am Boden gehalten, wehen über das Land. Der herbe Geruch ist überall spürbar. Ja, selbst im Walde mischt er sich mit dem Duft der Tannen und Fichten. Ei.y rechter Junge wird am Kartoffelfeuer nicht fehlen. Die Mädchen interessiert das nach einer alten Erfahrung weniger. Kartoffelkraut verbrennen ist auch eine ausgesprochene Jungensarbeit. Da schleppen sie denn das Kraut herbei, und wenn der Haufen hoch genug ist, dann wird er — schönster Augenblick — in Brand gesteckt. Weißer und gelblicher Qualm steigt in dichten Schwaden auf, und je größer der Qualm ist, desto größer ist die Freude der Jungens.
Die Jugend umlagert das Kartoffelfeuer.
••
Heimkehr am fpütea Abends
L».


