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Nachdruck verboten!

1. Fortsetzung.

Wiedersehen!"

Die Frau blickte mißtrauisch hinter dem jungen Mädchen her. Dann ging sie schnell hinein in die warme Stube, wo ihre zwei pausbäckigen Buben

Habseligkeiten befanden.

Jetzt konnte sie aber diese Last kaum noch tragen. Und nun wurde es auch schon dunkel um sie. Und sie hatte noch ein ganzes Stück durch den Wald zu laufen.

Käthe war durchaus nicht furchtsam. Aber in einer unbekannten Gegend ganz allein in der Dunkelheit durch den Wald gehen, das brachte doch ein angst­volles Gefühl in ihr auf. Aber dann dachte sie:

Der liebe Gott ist immer bei mir!

Und sie schritt weiter. Immer weiter und kam in das große Dorf. Hohe, neue Häuser standen gleich zu Anfang eine ganze Reihe. Und es sah auch sonst sehr gepflegt aus. Käthe sah es trotz der Dunkelheit im Schein der Laternen.

Sie fragte eine freundliche Frau nach dem Weg zum Bahnhof und erhielt Bescheid, daß der nächste Querweg dahinführe. So an fünf Minuten noch!

Käthe Randolf war froh. Und sie spürte einen furchtbaren Hunger. Ob sie sich etwas zu essen kaufte, wenn sie etwa lange auf den Zug warten mußte? Auf den Zug, der sie in die Hauptstadt, nach Berlin bringen sollte!?

Nein!

Es war doch vielleicht besser, sie wartete noch mit einer Geldausgabe. Auch mußte sie erst wissen, wie­viel die Fahrt kosten würde. Wenn sie noch ein paar trockene Brötchen erstand, dann würde sie es aushalten. Und Käthe kaufte dicht am Bahnhof in einem Bäckerladen noch ein paar Semmeln, und sie war ganz glücklich, als sie die Uhr sehen konnte, die über der Tür hing.

Zehn Minuten nach 17 Uhr war es!

Wissen Sie vielleicht, wann der nächste Zug nach Berlin geht, Frau Meisterin?" fragte sie leise.

Ein Blick nach der Uhr, die eingebettet in Fett­polster am Handgelenk der Frau saß. Dann kam die Antwort ölig, langgezogen:

Ja, in einer halben Stunde!"

Ich danke Ihnen sehr ich bin hier fremd. Auf Wiedersehen!"

Und so fuhr sie nach Berlin. Fuhr voller Hoff­nungen und voll von grenzenlosem Vertrauen in die große unbekannte Stadt, die ihr Arbeit und Brot schenken würde. Und sie hatte keine Ahnung, daß es dort schon viele Tausende von Menschen gab, die auch schon lange auf Arbeit warteten und auch hungerten. In einer Art wohligem Dämmerzustand fuhr sie dahin. Und dann war sie wohl gar ein bißchen eingeschlafen, denn eine gutmütige Stimme klang:

Heda, Fräuleinchen, die Fahrkarte, bitte! Dann können Sie ja weiterschlafen."

Und Käthe reichte ganz verlegen die Fahrkarte hin, die sie bisher krampfhaft in der Hand gehalten hatte.

Auf der nächsten Station stiegen zwei Herren ein. Ein großer, dunkler, und ein schlanker, blonder.

Der Blonde lachte laut auf, ließ sich auf die Bank fallen, sagte:

Uff! Der Tante Bredow und ihren schnatternden Töchtern wären wir entwischt. Puh das hätte ja zu allem andern Pech noch gefehlt! Meinst du nicht, mein lieber Arndt?"

Der Große, Dunkle lachte nicht. Er sagte nur miß­mutig:

Was du da wieder angestellt hast! Frau von Bredow hat uns sicher gesehen."

Bestimmt hat sie das! Aber in der dritten Klasse vermutet sie uns nicht. Sie wird glauben, sie hat Gespenster gesehen. Das hätte ja noch gefehlt! Seit drei Jahren macht sie Jagd auf mich, und immer wieder bin ich ihr entwischt. Ich will nun mal nicht in die Familie. Lieber laß ich mich totschlagen."

Udo!"

Der Ruf sollte den Blonden warnen, denn man war doch schließlich nicht allein im Abteil. Der lachte aber noch immer vergnügt, hatte längst das kleine ängstliche, armselige Geschöpfchen in der Ecke ge­

Weihnachtsschnitzereien machten.

Käthe aber ging zum Bahnhof. Jetzt spürte sie die schmerzenden Füße kaum noch. Sie würde sich in der Bahnhofshalle schön ausruhen, und dann wurde sie im warmen Wagen sitzen. Und vielleicht würde sie sogar ein bißchen schlafen können.

Und sie saß dann still in der Wartehalle und " d eine Bauersfrau sah ihr ganz

| erstaunt zu, wie die trockenen Semmeln so schmecken konnten. Aber sie dachte gar nicht daran, dem Mädel- chen ein Stück Wurst zu schenken, und sie hatte doch so viele schöne Würste in ihrem Tragkorb, der prall gefüllt vor ihr stand.

Dann wurde der Schalter geöffnet, und Käthe erstand ihre Fahrkarte. Sie war ja ein bißchen zu­sammengefahren, als sie den Preis hörte, aber dann war sie doch froh, im Besitz der Karte zu sein.

Ski« M MM

Vornan von Gert Gothberg

Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.).

Käthe lief viele, viele Stunden. Dann war sie

aber zum Umfallen müde, und sie hatte dann auch. un^ [je saß dann noch die Entfernung bis zum nächsten Ort unter-1 jhre Semmeln. Und schätzt. Eine Uhr besaß sie nicht. Die^urmuhren der | erstaunt au, wie die verschiedenen Ortschaften waren bisher immer maß­gebend für sie gewesen bei dieser weiten, herrlichen Wanderung. Der Koffer war auf einmal so schwer. Unendlich schwer war er. Und es war doch noch immer der Koffer, den sie heute früh mit auf die Reise genommen hatte, und in dem sich ihre wenigen

streift und dachte nun gar nicht daran, sich zu­sammenzunehmen.

Die Herren setzten sich, und der große Dunkle musterte unauffällig das feine, schmale Gesicht des Mädchens. Und dann wandte er sich ab. Fast lag es wie ein stilles Bedauern um seinen Mund.

Udo von Bodenstein erzählte vom letzten Pferde-

Jock'ei Molander war einfach fabelhaft. Na, Stall Windstorp hält den fest, das ist sicher. Der Kerl muß gut verdienen. Na, ja muß er! Kann sich eben doch eines Tages sein Genick brechen. Diese Aussicht hat er wenigstens vor jedem Rennen."

Arndt von Berken schien das Gespräch auch zu behagen. Pferde das interessierte ihn immer.

Und die Herren plauderten.

Käthe aber tat, als ob sie schliefe. Aber sie hörte jedes Wort. Sie hörte jedoch hauptsächlich bie tiefe Stimme des hochgewachsenen Herrn, der so sachlich und kurz von verschiedenen Pferden sprach. Es gab Fachausdrücke, die sie nicht verstand. Und auch gar nicht verstehen wollte. Sie wollte nur diese Stimme hören, die unsagbar beruhigend wirkte. Schützend klang diese tiefe, schöne Männerstimme.

Und Käthe wußte nicht, daß der Blick des Herrn immer wieder ab und zu auf ihr ruhte, und daß er auch mit leisem Bedauern das dünne Mäntelchen streifte, das da neben dem Mädchen hing.

Die Herren fuhren auch nach Berlin. Käthe ent­nahm es dem Gespräch. Sie hörte jetzt auch genau hin. Denn vielleicht konnte sie ein bißchen aus dem Gespräch lernen, soweit es Berlin anbetraf. Sie war doch gar so unbekannt und fremd. Aber die Herren sprachen vom HotelKaiserhof", und da dachte Käthe, daß sie in einem solchen vornehmen Hotel niemals wohnen konnte. Sie hatte doch nur einige Mark bei sich.

Der blonde Herr beugte sich auf jeder Station hinaus. Dann kam er wieder mit enttäuschtem Ge­sicht zurück. Einmal sagte er:

Die Tante Bredow scheint wirklich mit sämtlichen fünf Töchtern nach Berlin zu fahren. Und ich hatte mich der Täuschung hingegeben, daß sie einen ihrer gefürchteten Besuche in einer der einige Stationen von ihrem Gute entfernt wohnenden Familien machen wolle. Wie sollen wir denn in Berlin aus dem Zug kommen? Sie stellt uns ja und wir werden sie nicht mehr los. Du wirst sehen, Arndt, die werden wir nicht wieder los. Und nun hab' ich ausgerechnet dich im Schlepptau! Dich! Sie hat mir längst in den Ohren gelegen, dich mit nach Bredow zu bringen. Immer hab' ich's abgelehnt mit der sach­lichen, wahrheitsgemäßen Begründung, daß du dich nirgends hinschleppen läßt. Sie war schwer ver­schnupft. Sie kennt deine finanziellen Verhältnisse genau, und nun kannst du dir denken, wie da einer Mutter, die fünf Töchter zu versorgen hat, zumute ist. Aber du nimmst ja doch keine von den Mädels. Wenn nicht mal mir eine imponiert! Die sind mir alle viel zu robust. Ich liebe etwas Feines, Zartes,

Liebes, was man maßlos v,erwöhnen und vech t-

scheln 'kann. Nicht solche selbstsichere und rob» l

Trampel!" ,

Udo!" !

Der wippte vergnügt auf der harten Bank und nieder. Dann sagte er:

Laß mich doch! Du ninsimst die Bredows stimmt nicht. Du mit deinem^ verwöhnten Geschn, Ob nicht schon ein Damenschuh dich meilenweit f( treiben könnte! Ich weiß doch Bescheid! Wenn! Schuh nicht klein und elegant ist."

Ein kleiner Fuß im groben, hohen Schnürsties chen kroch ganz an die Bank, auf der seine Besitze saß. Käthe Randolf wurde immer kleiner, schny in ihrer Ecke. Und krampfhaft hielt sie die 2fa geschlossen. Sie sollten weiterhin denken, daß' ganz fest schlafe.

Und der Zug brauste durch die Nacht. Dielle, kam schon bald Berlin. Dann würden die fier aussteigen. Licht und Frohlaune würden sie umgei und ein verlassenes Menschenkind würde < auf dem Bahnsteig stehen, würde nicht wissen, wo- es sich zuerst wenden solle. Und sie, Käthe Ran-r würde nie wieder die schöne, tiefe Stimme Ijöm die sich wie ein warmes Trostwort in ihr senkte.

Wenn doch die Fahrt nach Berlin noch recht lon, dauern würde! Noch recht, recht lange!

Wie lange hast du dir eigentlich Urlaub gen^ men, lieber Arndt?"

Udo von Bodenstein fragte es und besah interessiert des Freundes eleganten grauen Sei!» binder, der ihm ausnehmend gefiel.

Urlaub? Gar keinen! Ich bleibe, solange esq gefällt. Jetzt im Winter kann ich ja sehr gute kommen, und Brigitte macht ja alles nach meng Wunsch. Die wird mit der ganzen Bande frat, fertig."

Er ist verheiratet!, dachte Käthe: eine große T--:, rigkeit war in ihr. Aber sie wußte das viell^ nicht einmal. Sie wußte nur, daß diese Fahrt ha» lich war, weil der hochgewachsene Fremde mitJmi schönen, tiefen Stimme da war. Und was für gcc-, durchdringende Augen er hatte! Wenn sie ihnkh noch einmal genau ansehen könnte! Ob sie es wM>

Käthe öffnete die Augen und sah mitten birst in die großen, dunklen, durchdringenden Mämm äugen, die ihr bis in bie Seele drangen. Erschaum) schloß sie die ihren wieder.

Arndt von Berken aber starrte plötzlich finfttr r Boden.

Udo von Bodenstein griff nach dem Handkosft aus braunem Juchten.

In fünf Minuten sind wir auf dem AniM Bahnhof. Und dann raus und durch die Spem wenn wir nicht doch noch der Tante Bredow in I ausgebreiteten Arme laufen wollen."

(Fortsetzung folgt!)

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