Nr.m Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Freitag, 29. Juni 1934
Aus Oer Provmzlalhaupistaoi.
»Kornblume,schlicht im Aehrenfeld.. /'
„Blaue Cyane! Du winkst dem Schnitter freundlich zwischen Aehren, auf daß dein Blau ihn an den Himmel mahne'" Diese hohe Aufgabe wird der schlichten blauen Kornblume, der Centauria Cya- nus, auch in einer griechischen Legende zugesprochen. Die Kornblumen kamen traurig zur Göttin Ceres und beklagten sich darüber, daß der Bauer nur die goldenen Aehren schätze und die blauen Blumen als Unkraut hasse und verachte; dieser Erzählung fügten sie die Bitte an, daß die Göttin ihnen statt der lichtblauen Blütenkrone auch eine mit Körnern gefüllte Aehre geben oder aber sie aus die Wiesen hinaus verpflanzen solle, wo das Auge des Wanderers bewundernd an ihnen haften werde. Aber Ceres befchied die Kornblumen wieder in das Kornfeld zurück mit den Worten: „Im wogenden Meer der goldenen Aehren sollt ihr Priesterinnen des Himmels sein, dessen blaues Gewand ihr tragt." Durch die Kreuzfahrer soll die Blume in Deutschland eingeführt worden sein; von da an gehörte sie zu dem deutschen Acker „wie das Salz zum Brot". Sie ist ein Symbol der Ernte und darf mit Aehre und Klatschmohn in keinem Erntekranz fehlen. Der Volksmund hat ihr verschiedene Namen gegeben. Auf Rügen nennt man sie „Trems" und in Pommern „Trembsen"; im Münsterlande ist daraus „Trämpst" geworden. Auch Reuters Onkel Bräsig nennt sie Tremsen und gibt Fräulein von Rom- bow auf ihre Frage, wo sie Kornblumen finden könne, den Bescheid: „Die will ich Ihnen weisen, daß es 'ne Lust ist, hier ganz dichtingbei aufs Görlitzer, da stehen Tremsen und Feuerblumen und mitten Wesel und Distelköpp, kurzum die ganze Plantasch." Der Dithmarscher nennt die Kornblumen „Blaumützerl", während die Schlesier und Schwaben „Sichelblumen" sagen. Beim Altmärker müssen sie es sich gefallen lassen, „Hungerblumen" oder einfach „Hunger" geheißen zu werden; denn er ist darüber vergrimmt, daß sie seinen Bienen die Flügel zerreißen, wenn sie nach der Heuernte ihren Nektar suchen. In Westfalen schließlich sagt man kurzweg „Quast".
Merkwürdigerweise werden die freundlichen blauer; Kornblumen in der Blumensprache als ein Sinnbild der Veränderlichkeit genannt: „Wer sein Herz wandelt und selbst nicht weiß, wo er bleiben will und seinen Wankelmut verstohlen trägt, der mag Kornblumen tragen, die sind blau und lustig- lich und färben sich weiß, sie mögen nicht lange ihre Farben behalten und zeigen ihren Wandel." Doch ist es ja nichts anderes als die Sonne, die das Korn reifen läßt, die auch der Blume allmählich die Farbe nimmt, und so besteht kein Recht, die kleine blaue Botin des Himmels solcher Unbeständigkeit im Charakter zu zeihen.
In Deutschland ist die Kornblume, die Lieblingsblume des alten Kaisers Wilhelm I., zum Sinnbild der Treue geworden. Der Monarch verband mit der Kornblume eine wehmütige Erinnerung an seine Kindheit in der Zeit von Preußens tiefster Erniedrigung: Als seine Mutter, die Königin Luise, mit ihm und seinem Bruder auf der Flucht nach Königsberg und Memel einen unvorhergesehenen Aufenthalt hatte, verließ sie mit ihren Kindern den Wagen und pflückte während der langen Wartestunden am Wegrain einen Strauß der schönen Blumen. In des alten Kaisers Arbeitszimmer hat darum ein Kornblumenstrauß zur Sommerszeit nie gefehlt und als hohe Anerkennung gewährte der Kaiser einmal einem seiner Offiziere bei der Adelsverteilung Kornblumen als Wappen- zeichen, die eine aufrecht stehend, die beiden anderen darüber gekreuzt. Rosegger gab ihnen mit den folgenden Worten eine tiefe Deutung: „Welch ein deutscher Fürst immer das Reich zur Einheit geführt haben würde, diese und gerade diese Blume hätte sein Symbol werden müssen. Weiß wohl jeder, der die Kornblume im Knopfloch trägt, wie sie gestaltet ist? Ein Kranz von vielen Sonderkrönlein vereinigt sich zu einer Krone, so wie Kai
ser Wilhelm die deutschen Fürsten vereinigt hat zum Kaiserreiche. Die Kornblume also ist das Zeichen der politischen Einheit Deutschlands, der Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches." Im Gedanken an den alten Kaiser und seine Mutter wurden vor dem Kriege alljährlich Kornblumentage veranstaltet, bei denen jedermann die blaue „Kaiserblume" im Knopfloch trug.
Und so wie die Kornblume vor dem Kriege in Böhmen als Symbol des Deutschtums getragen wurde, so ist sie auch in allerjüngster Zeit wieder auf der Plakette des Vereins für das Deutschtum im Ausland erschienen. C. K.
NSDAP. - Amt für Volkswohlfahrt.
kreisamlsleilung Gießen.
Achtung! Achtung!
Unsere Geschäftsräume befinden sich ab 27.3uni in den früheren Räumen der Kreisleitung der NSDAP. Gießen, Löberstraße 9.
NSV., Ortsgruppe Gießen-Ost.
Ausgabe der Sammelbüchsen: Samstag, 3 0. Juni, 13 Uhr, in der Geschäftsstelle, Kaiserallee 52. Ortsgruppenamtsleiter.
Amt für Volkswohlfahrt, Ortsgruppe Gießen-Süd.
Am Montag, 2. Juli, und Dienstag, 3. Juli, findet in der Ortsgruppe Gießen-Süd durch die NS.-Frauenschaft eine L e b e n s m i t t e l s a m m- lung für die NS. - Volkswohlfahrt statt. Es ist Pflicht eines jeden Volksgenossen, zur Linderung der immer noch bestehenden Not zu seinem Teil tatkräftig beizutragen. Ich bitte, die Lebensmittelspende zur Abholung bereitzuhalten.
Gez.: Zöll, stellv. OrtsgruppeRlmtsleiter.
NG.-Gemeiuschaft„Kraftdurch Freude"
Gleibergfesl am 15. Juli.
Am 15. Juli findet das alljährliche große Gleibergfesl statt, das in diesem Jahre von der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" zusammen mit der Gießener Studentenschaft ausgestaltet wird.
Wer die Burg Gleiberg kennt, wer jemals auf diesem einzig schönen Fleckchen Erde gewesen ist, wird es sich nicht nehmen lassen, zu diesem Fest zu erscheinen.
Die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" wird dafür Sorge tragen, daß das Gleibergfest 1934 allen Teilnehmern in bester Erinnerung bleiben wird. Zwei Kapellen sorgen für die Musik, ein gutes Kasperletheater spielt für die großen und kleinen Kinder die zwei Stücke: „Kasperl am Nil" und „Kasperl in Genf", ein Streichorchester der Arbeiter und Studenten spielt am Abend im inneren Ruinenhof ein kleines Abendkonzert bei Fackel-- beleuchtung, zum Schluß wird ein großes Feuerwerk von der Plattform der Ruine zum Himmel steigen.
Der Eintrittspreis beträgt 20 Pfennig, für Erwerbslose 10 Pfennig. Da auf dem Gleiberg nur ein beschränkter Raum zur Verfügung steht, werden bis zu 3500 Programme nur im Vorverkauf abgegeben.
Programme, die zum Eintritt berechtigen, sind zu haben:
1. Bei den Amtswaltern der Deutschen Arbeitsfront und den Betriebszellenobleuten der größeren Betriebe.
2. Bei den Amtswaltern der PO.
3. Beim Gießener Anzeiger und der Oberhessischen Tageszeitung.
4. Musikhaus Challier.
NS-Hago Kreisamtsleitung
und
kreisbelriebsgemeinfchafl handel und Handwerk in der Deutschen ArbeilsfronM
Ich habe Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß sämtliche Mitglieder der NS.-Hago sowie alle die-
Jungvolk trägt Botschaft...
*
Links oben: Die Staffel in Klein - Linden. Rechts oben: Stafettenwechsel in der Frankfurter Straße. Rechts: Uebergabe der Saarstafette an den Jungbannführer Grether. Links: die Stafette in Gießen. (Aufnahmen: Photo-Pfaff.)
Aus Anlaß des Jahrestages der Unterzeichnung des Vertrages von Versailles wurden am Mittwochabend an der deutsch-saarländischen Grenze Stafetten gestartet, die u. a. auch in fünf Läufen durch die Oberbanne des Gebietes Hessen-Nassau der HI. führten. Eine dieser Staffeln passierte gestern mittag auch unsere Stadt. .Gegen 13 Uhr übernahm das Gießener Jungvolk die Stafette in Klein-Linden und trug die Botschaft in raschem Laufe durch unsere Stadt. Der Lauf passierte folgende Straßen: Frankfurter Straße, Hindenburgwall, Gartenstraße und Kaiserallee, lieber die Grünberger Straße ver
ließ die Stafette das Stadtgebiet. Das Gießener Jungvolk war gleichmäßig auf die Straßen verteilt, so daß sich der Lauf sehr rasch vollziehen konnte. Geduldig harrten die Einzelnen auf ihrem Posten aus, bis die Staffel in Sicht kam um dann selbst ihr Teil zum Gelingen der Veranstaltung beizu- tragen. Die Stafette wurde viel beachtet und war ständig von vielen Kraft- und Radfahrern begleitet. Das Ziel der Staffel war der Römerberg in Frankfurt, wo die Urkunden von dem Gebietsführer entgegengenommen wurden.
jenigen Personen, welche durch die NS.-Hago in den GHG. (jetzt Kreisbetriebsgemeinschaft Handel und Handwerk), aufgenommen worden sind, der Deutschen Arbeitsfront angehören.
Das Kassieren der Mitgliedsbeiträge aller dieser Mitglieder geschieht nach wie vor durch die Kassenwarte der NS.-Hago.
. NS.-Hago Kreisamtsleitung.
Oer Pächterschuh bis zum 30. Juni 1935 verlängert. In der nächsten Ausgabe des Reichsgesetzblattes wird ein drittes Gesetz zur Aenderung des Gesetzes über Pächterschutz veröffentlicht werden. Durch dieses neue Gesetz wird der bestehende, aber zum 30. Juni 1934 ablaufende Pächterschutz bis zum 30. Juni 1935 verlängert.
Achtung! Falsche Mitgliedsabzeichen der NS.-Volkswohlfahrt.
Das Amt für Volkswohlfahrt bei der Obersten Leituna der PO. teilt mit: Es ist in der letzten Zeit wiederholt vorgekommen, daß Firmen das Mitgliedsabzeichen der NS.-Volkswohlfahrt unberechtigt und tn minderwertiger Ausführung her- gestellt und diese Fälschung in den Handel gebracht haben.
Das Mitgliedsabzeichen der NS.-Volkswohlfahrt wird lediglich von der Reichszeuy» m e i ft e r e i durch die Dienststellen des Amtes für Volkswohlfahrt an die Mitglieder der NSV. zur Verteilung gebracht. Das von der Reichszeugmeisterei herausgegebene Mitgliedsabzeichen ist auf der Rückseite mit den Buchstaben „R. Z. M." und
Die zerriffene Kette.
Äon Klaus Hellmut.
Der Kurdirektor ftieg von der Bar die läufer- belegte Wendeltreppe hinauf in die luxuriöse Halle des Hotels. Als er die letzte Stufe erklommen hatte, rief hinter ihm eine heisere, erregte Stimme:
„Herr Kurdirektor, bitte, sehen Sie —: das ist mir eben passiert!"
Ein schmaler, dunkeläugiger Herr im Smoking wies eine zartgliedrige goldene Uhrkette vor — den Rest einer Uhrkette.
„Die Uhr ist mir eben gestohlen worden! Die Kette wurde durchgeschnitten, ohne daß ich es bemerkt habe--"
Der Kurdirektor ging einige Stufen der Treppe hinab und betrachtete Den Uhrkettenrest durch das Monokel.
„Zerschnitten? — Es sieht mehr wie zerrissen aus. Haben Sie gar nichts bemerkt?"
„Nein, leider nicht; nicht das mindeste."
„Und verloren —?"
„Ausgeschlossen. Ich hätte es merken müssen. Eine so kostbare Uhr, mit Brillanten befett, da gibt man doch acht, nicht wahr?"
„Ich würde die Angelegenheit der Kriminalpolizei melden. Wenn ich der erste gewesen bin, dem Sie die Entdeckung Ihres Verlustes mitgeteilt haben, so stehe ich zur Zeugenaussage zur Verfügung — falls Ihnen daran liegen sollte. Immerhin weiß ich nichts Positives--"
Der kleine Herr erregte sich:
„Erlauben Sie, Herr Direktor — — ich hätte selbst die Polizei benachrichtigen können. Ob das wirklich für den guten Ruf Ihres Badeortes förderlich fein wird —?"
Der Kurdirektor zögerte mit der Antwort. Er musterte den eleganten Herrn. Vorhin hatte er ihn beim Spiel im offiziellen Spielkasino beobachtet. Der Herr spielte leidenschaftlich, setzte besinnungslos auf Zera und verlor beständig. Immerhin ein seriöser Gast, wohnte im ersten Hotel, hatte gestern im Tanzen den ersten Preis an sich gebracht.
„Darf ich Sie zu einer Aussprache in mein Büro morgen früh bitten?"
„Gern, Herr Kurdirektor!"
Als der Kurdirektor in die Halle trat, wandte sich der Badearzt Dr. Schirrmacher an ihn.
„Was wollte denn dieser absonderliche kleine Herr mit seiner Uhrkette? Er hat sie vorhin selbst zerrissen. Ich trat gerade zur Treppe, um in die Bar zu gehen, da sah ich unten diesen Kettenreißer. Er beflagt wohl sein Mißgeschick im Spiel und will tn Erregung die Kette zerfetzt haben, wie?"
„Nein, das hat er allerdings nicht behauptet. Er wollte mir nur melden, daß ihm jemand die Kette durchschnitten und die Uhr gestohlen habe."
„Donnerwetter, das ist raffiniert!"
„Haben Sie genau beobachtet, Doktor? Er hat selbst die Kette zerrissen? Und die Uhr? Vielleicht hat er die zerrissene Kette nur betrachtet?"
„Ich möchte jeden Eid leisten, daß ich gesehen habe, wie er die dünne Kette zerriß. Was er mit der Uhr gemacht hat, weiß ich nicht. Denn da er die Wendeltreppe hinaufblickte, trat ich zurück. Aber da die Sache mit dem angeblichen Diebstahl höchst unwahrscheinlich ist — eine Uhr aus der Tasche eines anderen zu zerren, dabei die Kette zu zerreißen — so —? Da stimmt doch etwas nicht!"
Am folgenden Morgen stand Herr Karl Soleck aus Prag im Zimmer des Kurdirektors, unvermindert erregt, heute indessen drohend und mit der bestimmten Forderung: Der Kurort möge ihm den Verlust ersetzen, dann würde die Angelegenheit „Diebstahl in einem Badeort" nicht an die Öffentlichkeit gelangen.
Durch das bestimmte, nicht gekünstelt wirkende Auftreten des Gastes ließ sich der Kurdirektor nur zu Andeutungen über die Beobachtung Dr. Schirrmachers herbei. .Schroff wehrte der Prager Herr ab:
„Wenn Zweifel an der Echtheit und der Zuverlässigkeit meiner Angaben bestehen sollten, dann bitte ich auf meine Kosten telegraphisch Auskunft über mich einzuholen. Ich bitte sehr darum. Und ich erkläre, daß ich Ihre Zurückhaltung begreife — solange Sie nicht völlig im Klaren über meine Person sind."
Die telegraphische Auskunft aus Prag lautete:
„Erstklassige Firma, Inhaber zur Kur in Bad I., bekleidet höchste Ehrenämter, unbedingt vertrauens- und kreditwürdig."
Die Nachforschungen nach der Uhr hatten unterdessen keinerlei Erfolg gehabt. Die Auskunft verwirrte die Angelegenheit noch mehr.
Alles sprach gegen den Verdächtigen: Hoher Spielverlust, Beobachtung des Badearztes Dr. Schirrmacher, die nervöse Ungeduld des Gastes, seine Scheu vor der Polizei, die Forderung auf Schadenersatz, plötzlich geplante eilige Abreise —
Die goldene Kette ohne Uhr lag auf dem Schreibtisch des Kurdirektors als Herr Soleck neuerlich erschien.
„Wie steht die Sache?", fragte Herr Soleck, und er fuhr, ohne die Antwort abzuwarten, erregt werdend fort: „Ich kann mir denken: noch immer auf dem gleichen Fleck. Das wundert mich nicht. Ich habe vorhin beobachtet, daß meine Uhr sich im Besitz des Grafen Falk befindet, Ihrer allerersten
Sportgröße. Offenbar hat der raffinierte Dieb die Uhr umgehend dem Grafen verkauft. Was sagen Sie nun, Herr Kurdirektor —?"
Der Kurdirektor sagte nichts. Er starrte den Kurgast verblüfft, mißtrauisch, fast zornig an. Seine Augen verrieten: Warum machst du uns solche Schwierigkeiten? Was soll das nun wieder?
Der Kurgast fuhr höflich und bestimmt fort:
„Sie sehen, die Sache wird immer peinlicher für Ihren Kurort. Aber vielleicht beobachten Sie erst selbst, daß der Graf meine Uhr wirklich trägt, eine- Uhr aus Grüngold, mit 16 Brillanten rundherum besetzt, schmal, vornehm."
Der Kurdirektor erhob sich. Sie gingen zum Fünf-Uhr-Tee ins Palace-Hotel. Der Graf tanzte. Man richtete es ein, daß man an einem Nachbärtisch ihn seine Nähe kam und ihn beobachten konnte.
„Sehen Sie," flüsterte der Kurgast aus Prag. „Jetzt nimmt er die Uhr. Sehen Sie, wie zärtlich er sie betrachtet. Das glaube ich! Sie gefällt ihm — ein herrliches Stück! — Was sagen Sie nun?"
„Bite, kommen Sie," ächzte der Kurdirektor.
In einer entlegenen Ecke der Hotelhalle fragte er:
„Wie hoch beziffern Sie Ihren Schaden, Herr Soleck?"
„Fünfzehnhundert."
Der Kurdirektor saß mit starrem Blick in dem Ledersessel. Er fuhr ärgerlich auf.
„Wie konnten Sie sich die Uhr nur entwenden lassen! Fünfzehnhundert — ausgeschlossen. Lieber lasse ich die Kriminalpolizei die Angelegenheit aufklären."
„Bitte! Und der Graf? Der Skandal —?"
„Bitte, geben Sie mir bis 3um Abend Bedenkzeit. Wann wollen Sie abreifen? Der Schnellzug fährt um 18.45 Uhr."
Zögernd erklärte sich der Kurgast aus Prag einverstanden. Er ging mit triumphierendem Lächeln. Der Spiegel in der Halle verriet ihn. Eine Sekunde nur. Der Kurdirektor erwachte in dieser Sekunde aus der Erstarrung. Er handelte endlich.
Die Kriminalpolizei in der Landeshauptstadt gab auf telephonische Anfrage bereitwilligst an, was man längst hätte in Erfahrung bringen können:
Der Herr, der eine zerrissene goldene Uhrkette ohne Uhr vorzeigt und für die gestohlene Uhr Schadenersatz verlangt, ist sofort festnehmen zu lassen. Ein gerissener Schwindler. Er tritt unter dem Namen eines seriösen Kurgastes auf, läßt Auskünfte auf den Namen des Namensträgers einholen, bezeichnet einen unbedingt einwandfreien Herrn der Gesellschaft als Träger der angeblich gestohlenen Uhr und hatte verschiedentlich mit seinen Erpressungen in Hotels und in Kurorten Erfolg gehabt.
Um 18 Uhr wurde Herr Soleck alias Peter Flammberg in der Kurverwaltung verhaftet. Der 3ug um 18.45 Uhr schaffte ihn bereits nach der Landeshauptstadt. Die Kette ohne Uhr ging neben« folgend in versiegeltem Paket den gleichen Weg.
Der Kurdirektor atmete auf.
Ein Aquarell Adolf Hitlers aus dem Kriege.
Man weiß von den Zeichnungen und Skizzen, die der Kriegsfreiwillige Adolf Hitler im Felde gemacht hat. Viele solcher Blätter hat er verschenkt, und aus dem Besitz von Kameraden und Freunden sind sie später in die Zeitungen und Zeitschriften gelangt. Unseres Wissens ist aber noch niemals eins seiner Aquarelle bekannt geworden. Im Juliheft der von Erich Czech-Jochberg herausgegebenen Monatsschrift „Das neue Deutschland" wird ein solches Aquarell des Führers in originalgetreuer farbiger Wiedergabe der Oeffent- lichkeit zugänglich gemacht. Das Aquarell stammt aus dem Besitz des Generals Engelhardt, Hitlers Regimentskommandeur beim Ref.-Jnf.-Jnf. 16 (Lift). Hitler hatte es seinem Kommandeur aus dem Felde gesandt zur Erinnerung an die Stelle, wo der damalige Oberstleutnant Engelhardt im November 1914 schwer verwundet worden war.
Das Aquarell stellt einen Gefechts st and in Flandern dar, den berüchtigten „Hohlweg von Wytschaete", um den so verlustreich gekämpft wurde. Wir sehen den schmalen Weg mit den engen Gefechtsständen, den zerfetzten Wald, die Ruine eines Gemäuers, die Einschläge vor dem herbstlich hellen Himmel. Der Weg ist menschenleer bis auf einen Schwerverwundeten, aber man spürt die unmittefr bare Nähe der Front und man fühlt gleichzeitig, aus welcher Erschütterung das Blatt entstanden ist. Hitker schreibt in einem Brief in die Heimat, als er von der Verwundung seines verehrten Komman- deurs berichtet: „Es war der furchtbarste Augenblick meines Lebens." Hitler war Meldegänger, er stand mit anderen an jenem Tage vor dem Gefechtsstand, als ein Granatvolltreffer dort einschlug. Drei Tote, mehrere aufs schwerste Verletzte, darunter der Kommandeur, dem Granatsplitter die linke Hand und die Oberschenkelpartie zerrissen hatten. Hitler erkannte, daß Verblutungsgefahr drohte, griff sofort zu und stillte mit einem Notverbaud aus Moos und Telegraphendraht das Blut. Er rettete damit feinem Kommandeur das Leben. So ist diefe- Aquarell von Hitlers Hand ein menschliches, künstlerisches und geschichtliches Dokument zugleich.


