ttändNch wird hinsichtlich des Umfanges der Anleihe auch die Tragfähigkeit des Marktes sorgfältig abgetastet werden mühen. Diese Erweiterung der auf die Arbeitsbeschaffung gerichteten wirtschaftspolitischen Maßnahmen nach der Kapitalmarktseite ist um so wichtiger, als im Zeitpunkt einer verstärkten volkswirtschaftlichen Umsatztätigkeit der Bedarf an mittelfristigen Krediten wieder verstärkt heroortreten wird. Mit vollem Recht wird darauf streng geachtet, daß die zwecks Arbeitsbeschaffung erteilten Aufträge nicht zu ungerechtfertigtem Gewinn seitens des Auftragnehmers führen. Da aber für eine Reihe von Aufträgen neue Produktionsmittel auf dem Kreditwege beschafft werden müssen, andererseits die Aufträge nur geringe Ueberschüsse erbringen werden, wird die Rückzahlung der Kredite eine die normale Kreditmauer übersteigende Zeit in Anspruch nehmen, und man wird daher Vorsorge für die Bereitstellung mittelfristiger Kredite treffen müssen.
Des weiteren wird aus die infolge der Besserung der Znlandkonjunktur eintretende Erhöhung der Rohstoffimporte und chre Bezahlung das besondere Augenmerk gerichtet werden müssen. Es muß alles geschehen, um den Gläubigern und Lieferanten Deutschlands klar zu machen, daß ein Deutschland mit passiver Handels- und Zahlungs
bilanz das stärkste Hindernis für den Wiederaufbau des internationalen Handels und damit der schwerste Nachteil gerade für die Gläubigerstaaten ist. Betrachtet das Ausland nach wie vor diese lediglich vom Standpunkt der Liquidierung der Vergangenheit und nicht vom Standpunkt des Wiederaufbaues der Zukunft, verweigert es mit Rücksicht auf die alten Schulden Deutschland jene Rohstoffe, die es zur Wiederherstellung sei- ner Wirtschaft braucht, so wird Deutschland — in noch höherem Maße als bisher — daran denken müssen, sich von jenen Rohstoffen unabhängig zu machen, ein Problem, das sicherlich weitgehend lösbar ist, wenn Wirtschaftspolitik, Technik und die Kreditapparate so zusammenarbeiten, wie das Gesamtwohl es erfordert. Die nächsten Monate werden lehren, ob das Ausland es wirklich darauf ankommen lassen wird, den größten und stärksten Abnehmer nicht mehr zu beliefern. Auf jeden Fall begründet die Erkenntnis dieser Zusammenhänge die Notwendigkeit, den starken Impuls, den die Maßnahmen der Regierung der Wirtschaft gegeben haben, zur höchstmöglichen Entfaltung kommen zu lassen und gleichzeitig die begrenzten Mittel durch die konzentrische Verwendung so planvoll und wirksam wie möglich einzusetzen.
Johann Sebastian Vach in unserer Zeit.
Zum Tage der Kirchenmusik am Sonntag Kantate.
Don Thomaslantor Professor D. Dr. Karl Straube.
Der kommende Sonntag Kantate (29. April) wird in den evangelischen Gemeinden Deutschlands zum ersten Mal ein- heit-lich als Tag der Kirchenmusik festlich begangen. Durch diese Kantate-Feiern soll der reiche Schatz der evangelischen Kirchenmusik in den Gemeinden wieder lebendig gemacht und mit dem gottesdienstlichen Leben eng verbunden werden. Die Reichskirchenregierung hat den Gemeinden empfohlen, die Kollekte der Kantate-Vesper dem Reichsverband für evangelische Kirchenmusik zur Verfügung zu stellen.
Durch die allsonntägliche Aufführung der Bach- Kantaten im Rundfunk hören Kreise aller Alters- und Bildungsstufen die herrlichste und reifste Frucht des Lobgesanges in der evangelischen Kirche. Bachs Kantaten sind das Zeugnis einer „lebendigen" evangelischen Kirchenmusik, die dem Herrn jeden Sonntag wirklich ein „neues" Lied (Canticum novum) darbrachte. Don Trinitatis 1723 bis Trinitatis 1724 komponierte Bach allein 20 bis 25 Kantaten, und bei seinem Tote hinterläßt er fünf Jahrgänge von je 59 Kantaten, in denen jeweils der religiöse Inhalt eines ganzen Kirchenjahres musikalisch gespiegelt ist.
Diesem äußeren Reichtum entspricht der innere. Unendliche Mannigfaltigkeit der Formen und des Ausdrucksinhaltes von tiefer Trauer bis zur höchsten Sieghaftigkeit, Choralphantasien als ideale Synthese von volkhafter Substanz und letzter künstlerischer Vollendung sind Zeugnis seiner schöpferischen Kraft.
Dennoch besitzen Bachs Kantaten nicht die Volkstümlichkeit, die man im Verhältnis zu ihrer künstlerischen Bedeutung erwarten müßte. Weit davon entfernt, Allgemeingut zu sein, haben sie im Musikleben der Gegenwart nur wenig Raum. Vielleicht ist diese Tatsache daher zu erklären, daß die Kantaten, für den Gottesdienst gedacht und geschrieben, keine Konzertmusik sind und daher in den Kirchenraum gehören. Sie erwachsen aus dem Charakter eines bestimmten Sonntags und bleiben ohne vorausgehende Evangelienlesung, wie sie ihrer ursprünglichen liturgischen Stellung
entspricht, größtenteils unverständlich. Ihre schnelle Vergessenheit mit dem Tode des großen Kantors erklärt sich nicht nur aus der musikalischen S t i l w e n d e, die nach 1750 eintrat, sondern mindestens ebenso sehr aus dem Absterben des religiösen und vor allem des liturgischen Bewußtseins in der Aufklärungszeit, die zu einer fortschreitenden Entfremdung von Volk und Kirchenmusik führten. —
Das Problem einer wirksamen (Erneuerung der Bach-Kantaten ist daher vor allem ein liturgisches. Alle Wege zu einer Wiederbelebung werden solange unfruchtbar sein, solange es nicht gelingt, in unserem Volke neues Ver- stöndnis und eine neue Aufgeschlossenheit für den Rhythmus des christlichen Kirchenjahres zu wecken. Theologen und Kirchenmusiker müssen auf diesem Wege vorangehen. Wer freilich eine Ad- ventskantate von Bach im Mai in einem Konzertsaal vorführt, der ist weit davon entfernt, dem genannten Ziele zuzustreben; wer aber am Reformationsfest einmal den Versuch macht, im Gottesdienst Bachs herrliche Kantate „Gott der Herr ist Sonn und Schild" im Wechsel mit Lesungen zu singen, der spürt etwas von der lebendigen, wort- verkündigenden Kraft, die von dieser Musik aus- gehen kann. So darf die Kirche nicht mehr länger säumen, der Bach-Kantate die natürliche Heimat und das sinngemäße Wirkungsleben wiederzugeben. Nicht im Konzertsaal darf sie „zur Schau gestellt" werden, sondern im Gotteshaus muß sie kirchliches wie menschliches Leben formen helfen.
Die Deutsche Evangelische Kirche ruft in diesem Jahre zu einer besonders festlichen Gestaltung des Sonntags „Kantate" auf (29. April). „Singet dem Herrn ein neues Lied!" Gewiß ein Ruf an die Gemeinde, ein Appell an den Einsatz aller Kräfte zum Lobgesang Gottes. Nicht aber auch ein Ruf an den schaffenden Musiker der Gegenwart? Wer komponiert d i e Kirchenkantate zum Feiertag der nationalen Arbeit? Wer schreibt die kirchliche Festmusik zum deutschen Erntedanktag? Wer schenkt uns zum Volkstrauertag eine „Musikpredigt", die den Boden auflockert für die Wortpredigt? Wenn dieser Ruf gehört wird, wenn diese Möglichkeiten einmal wirklich werden — erst dann werden auch Form und Dasein der Bach-Kantaten neu begriffen werden.
Geschichten ans aller Welt.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
30000 Pfund Sterling für eine gute Suppe.
(th) Neuyork.
Von den jährlichen englischen Sweepstakes-Losen ist ein einziges mit einem Gewinn von 30000 Pfund Sterling nach Amerika gefallen. Dieses Gewinnlos hat eine eigenartige Geschichte und erzählt eine Episode von Zufall und Schicksal:
Die Gewinnerin ist eine Frau Merringer, die zusammen mit ihrem Gatten in der Küche eines großen Neuyorker Speiserestaurants wirkt. Dort kochte sie nun eines Tages eine so gute Suppe, daß einer der Gäste sich unbedingt erkenntlich zeigen wollte, nachdem er fünf Teller von dieser Huppe geschluckt hatte. Ein Trinkgeld wollte er dem Koch nicht anbieten bzw. seiner Frau — und so schickte er denn ein Lotterielos, das er vor einiger Zeit gekauft hatte, in die Küche hinunter.
Mrs. Merringer lächelte und steckte das Los ein. — Aber als nun vor einigen Tagen die Gewinnnummern durch den Rundfunk mitgeteilt wurden, erinnerte sich Mrs. Merringer, eine ähnliche Nummer, wie jene, die die 30 000 Pfund gewann, schon einmal gehört zu haben. Sie prüfte die Nummern — es war wirklich ihr Los
So besteht also zwischen einer guten Suppe in einem Neuyorker Hotel und diesen 30 000 Pfund ein direkter Zusammenhang. Der Schenker des Loses über ist ihr vollkommen unbekannt. Auch wird ihm dieser Vorgang entfallen fein.
Als man der Gewinnerin die übliche Frage vorlegte, was sie mit dem vielen Geld zu tun gedenke, antwortete sie zielsicher: nach Hause in ihre süddeutsche Heimat fahren, sobald sie Ferien bekomme. Das sei ihr größter Wunsch.
Belohnte Mildtätigkeit.
(-) Nizza,
„Wohltun trägt Zinsen." Die Wahrheit dieses Sprichworts hat sich wieder einmal in vollem Lichte gezeigt. Auf der Promenade des Anglais in Nizza — der berühmten Straße, die am Ufer des Mittelmeers entlang führt, und auf der die elegante Welt im Sonnenschein lustwandelt —, sprach ein zerlumpter Bettler die Leute an und bat mit kläglicher Stimme um ein kleines Almosen. Niemand hatte etwas für ihn übrig, vis endlich ein Londoner Juwelier dem Manne zehn Franken schenkte.
Selbstverständlich dachte der Engländer längst nicht mehr an die Geschichte, — aber wer beschreibt sein Erstaunen, als er in London, wohin er zurück- gekehrt war, plötzlich durch eine Bank ein ganzes Paket Geldscheine erhielt.
Das Geld stammte von dem Bettler, der ihm dazu schrieb: „Ich bin eine Wette eingegangen, ob jemand auf der Promenade des Anglais mildtätig genug sein würde, mir eine Gabe zu geben. Sie waren der einzige, von dem ich etwas bekam, und deshalb übersende ich Ihnen mit Vergnügen die Hälfte des durch die Wette gewonnenen Betrages. Es war recht schwierig für mich, Ihnen in der Menschenmenge unbemerkt bis zu Ihrem Hotel zu folgen und Ihren Namen sowie Ihre Adresse zu erfahren."
Es ist anzunehmen, daß die Bettler auf Nizzas elegantester Straße nun mehr Glück haben werden. Man kann ja nie wissen...
Kampf um den Waschplatz.
(d) Mailand.
In dem kleinen piemontefischen Oertchen Fene- strella herrschte in den letzten Wochen ungeheure Aufregung. Besonders waren es die jungen und alten Damen des Ortes, die diese Aufregung schürten, so daß es sogar zu Demonstrationen vor dem Rathause kam. Die Sache verhielt sich' folgendermaßen:
Fenestrella liegt am Pelice, einem kleinen Nebenflüßchen des Po, das auf einem Gletscher des
Mont Genevre entspringt und bdi Fenestrella zwl- scheu mächtigen Steilufern dahinschießt. An einer einzigen Stelle nur gibt es einen flacheren Ufer- fleck, an dem man bis an den Fluß herankann. Und diese Stelle ist der allgemeine Waschplatz der Fene» streller Damen. Bekanntlich wäscht man überall in Italien im fließenden Wasser, wo solches vorhanden ist. Man kann sich also die Empörung der Frauen von Fenestrella vorstellen, als kürzlich durchsickerte, ein Turiner Seifenfabrikant stehe mit der Stadtverwaltung in Verhandlungen, um diesen flachen Uferstreifen zu erwerben. Er wolle darauf ausgerechnet eine — Seifenfabrik errichten. Die Empörung steigerte sich noch, als man vernehmen mußte, daß die Stadtverwaltung aus Gründen der Finanzpolitik dem Vorhaben des Turiners nicht abgeneigt gegenüberstehe. Kaum hatte diese Kunde das Städtchen durcheilt, als sich schon ein Demonstrationszug von wütend schreienden und gestikulierenden Frauen und Mädchen dem Rathaus näherte, um dem Herrn Podesta, dem Bürgermeister, gehörig den Marsch zu blasen. Da die Kundgebungen auch in den nächsten Tagen mit unverminderter Leidenschaft andauerten, sah dieser keinen anderen Ausweg, als sich telegraphisch an den Präfekten der Provinz mit der Bitte um Verhaltungsmaßregeln zu wenden. Dieser hohe Herr, der seine Pappenheimerinnen zu kennen scheint, verfügte, daß der Turiner Seifenfabrikant sich einen anderen Bauplatz zu suchen habe. Denn schließlich, meinte er, beginnt die Reinlichkeit zuhause, wie für den Engländer („Charity begins at dorne") die Wohltätigkeit daheim beginnt. Die Damen von Fenestrella können also wieder im Pelice waschen.
Kleine Ursachen - große Wirkungen.
(D.Z.) Budapest.
Dor dem Zivilgericht in Budapest schweben vier große Prozesse, die auf die Irrfahrt einer Billard» kugel zurückgehen. In einer Villa der ungarischen Hauptstadt vertrieben sich vor einiger Zeit der Besitzer und sein Gast die Zeit mit Billardspielen. Dabei flog eine etwas energisch gestoßene Kugel durch das geöffnete Fenster in das Zimmer einer eng benachbarten Villa, dessen Fensterscheibe sie zertrümmerte; außerdem zerschlug sie noch eine kostbare chinesische Vase. Eine in Dem Zimmer befindliche Katze sprang in ihrem Schrecken auf den Tisch, wo der Spirituskocher einer Teemaschine brannte. Der Spirituskocher fiel um, und die Tischdecke geriet in Brand. Mittlerweile waren die beiden Billardspieler der Kugel durch das zertrümmerte Fenster gefolgt. Sie kamen gerade noch zur rechten Zeit, um den Brand der Tischdecke zu ersticken. Ihr Auftreten erwies sich aber in anderer Beziehung als verhängnisvoll. Die Besitzerin der Villa, eine bereits betagte Frau, wurde durch den Lärm aufmerksam. Als sie das Zimmer betrat und die brennende Tischdecke nebst den zwei unbekannten Männern erblickte, fiel sie in Ohnmacht. Sie konnte sich von dem Schrecken nicht wieder erholen und starb nach wenigen Stunden. Die Leidtragende war ihre Nichte, die zur Universalerbin eingesetzt werden sollte. Der überraschende Tod der Frau verhinderte die Abfassung des geplanten Testamentes, so daß die Nichte um die Erbschaft kam. Sie verlor auch ihren Verlobten, der eine gewagte Jndustriegrün- dung mit der Erbschaft feiner Verlobten zu finanzieren gedachte und die Verlobung auflöste, als er sich um seine Hoffnung betrogen sah. Die Gründung verfiel dem Bankerott, und die Gläubiger des jungen Mannes hatten das Nachsehen. Verwickelte Entschädigungsklagen beschäftigen das Gericht. Und alles wegen einer fehlgegangenen Billardkugel!
Der Bombenleger.
(web) Istanbul.
Diese Geschichte mit der nach einem Wallace- Roman klingenden Ueberschrift beschäftigt zur Zeit das Jnstanbuler Gericht — zum Gaudium der
S)ie echte und die falsche Doralies Roman von Anny von Panhuys.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag, Halle (S.) 28 Fortsetzung. Nachdruck oerboten!
„Noch nicht ganz. Als ich vorhin von dem Reichtum sprach, der mir jetzt gehört, geschah das, von der Voraussetzung ausgehend, daß wir uns eines Tages heiraten, würden und Sie dann genau so reich wären wie ich, daß Sie teilhaben würden an der Erbschaft. Herr Freese starb in dem Glauben, dasi wir beide verlobt wären und uns heiraten würden. Er diktierte Justizrat Stein in unserer Gegenwart Sätze, die sich direkt darauf bezogen. Ich behalte leicht und gut und kann Ihnen die Sätze wörtlich wiederholen. Sie lauten, ohne das für uns augenblicklich Unwichtige: Mein gesamtes Eigentum vermache ich meiner Sekretärin, Fräulein Regina Granen, die ich liebgewonnen hatte wie eine Tochter. Ich wünsche, daß Regina Graven in ihrer Ehe recht glücklich wird, und möchte ihr und ihrem zukünftigen Gatten, der mir ebenfalls sehr wert ist, das Leben dadurch etwas erleichtern." Sie blickte ihn ernst an. „Sie sehen, der Irrtum ist noch nicht ganz aus der Welt geschafft."
Er zuckte die Achseln:
„Ich verstehe Sie nicht!"
„Dann wären Sie nicht der gute Jurist, der Sie doch sind", gab sie zurück. „Sie verstehen mich ganz genau. Aus den eben angeführten Sätzen geht doch klar und deutlich hervor, daß unserem gemeinsamen alten Freund, der Sie viel länger kannte als ich, daran lag, uns beiden fein Hab und Gut zu hinterlassen, daß sein Testament, wenn es auch auf meinen Namen lautet, ebenso für Sie wie für mich gilt. Der Irrtum ist deshalb erst völlig aus der Welt geschafft, wenn wir die Erbschaft geteilt haben werden."
Er hatte natürlich schon vorhin verstanden, was Regina meinte, und erwiderte:
„Die Auslegung des Testaments ist Ansichtssache Es ließe sich darüber streiten. Ich stehe auf dem Standpunkt, Jobst Freese hat das Testament auf Ähren Namen gemacht, und deshalb sind Sie allein seine Erbin, da unsere Ehe nicht zustande gekommen ist."
Sie dachte, wie das klang: da unsere Ehe nicht zustande getommen ist! Einen Stich gab es ihr, weil es so sachlich nüchtern über feine Lippen geglitten.
Sie antwortete:
«Äch stehe auf dem Standpunkt, das Testament basiert, so wie es gemacht wurde, völlig auf der Grundlage unserer kurz zuvor stattgefundenen Ver
lobung." Sie bemühte sich ebenfalls, sich recht sachlich auszudrücken, und schloß: „Deshalb müssen wir teilen."
Er wehrte ab:
„Ich bin überzeugt, Jobst Freese hätte auch ohne unsere Verlobung in dem Augenblick, als er Todesahnungen empfand und sein Testament machen wollte. Sie zu seiner Erbin eingesetzt. Ich weiß genau, er hatte sie schnell in fein Herz geschlossen. Mehrmals hat er zu mir geäußert, er hätte, feit Sie in feinem Hause lebten, das Gefühl, eine geliebte Tochter lebe bei ihm."
Regina erwiderte:
„Gut, das mag wohl alles stimmen, aber wenn er nicht von der Voraussetzung unserer zukünftigen Ehe ausgegangen wäre, würde er Sie im Testament nicht unbedacht gelassen haben."
Er zuckte die Achseln.
„Wir wissen das aber nicht bestimmt."
Sie drängte:
„Wollen teilen, bann ist alles in Ordnung."
Er wehrte wieder ab, diesmal aber fast heftig: „Das käme mir vor, als ob Sie mir etwas schenken wollten. Nicht einen Pfennig nehme ich von Ihrem (Erbe."
Sie machte eine hilflose Bewegung, sagte erst nach einer Weile:
„Wir werden noch darüber sprechen. Erst gestern wurde der liebe alte Herr ins Grab gelegt, da wollen wir doch nicht gleich Streit anfangen um fein Erbe."
Er gab sofort zu:
„Sie haben recht, Fräulein Graven."
Sie dachte, wie klang es so fremd und kalt, daß er sie wieder Fräulein Graven nannte, und es hatte doch nur ein paar Tage gedauert, das „Du!" Schnell hatte sie sich daran gewöhnt; es war eigentlich von Anfang an gewesen, als müsse es so sein. Es lag wohl an der ganzen Art Holm Meerholds, daß sie sich überhaupt so rasch mit ihm angefreundet. Sie grübelte: Wie schade, daß nun die schöne Freundschaft zerbrochen war durch den Irrtum; denn von jetzt an mußte der ja immer störend zwischen ihnen stehen.
Sie faßte nach dem Ring, wollte ihn abziehen.
Er erriet ihr Vorhaben.
„Behalten Sie doch, bitte, den Ring! Ich sagte das schon vorhin: Tragen Sie ihn in feiner richtigen Eigenschaft, und wenn Sie einen Freund brauchen, mag Sie der kleine Ring daran erinnern, wer Ihr Freund ist."
Ihr Stolz, ihre weibliche Eitelkeit waren schwer verwundet, aber trotzdem taten ihr die Worte gut. ^olm Meerhold wollte ihr Freund bleiben. Die Gewißheit war beruhigend, war wohltuend.
Sie erwiderte leise: ,Hch danke Ihnen und werde Den Ring weiter tragen."
(Er nidte. „Das freut mich. Wenn Sie mich also brauchen, rufen Sie mich. (Es wird vielleicht hier noch mancherlei zu ordnen fein. Ich werde zunächst
von selbst nicht mehr kommen, aber wenn Sie sich ein wenig in Ihre durch den Todesfall veränderte Lage gefunden haben, bitte ich Sie, mich zu benachrichtigen, damit wir dann gemeinsam die Arbeit fertigstellen, die Jobst Freese mit mir begonnen. Es war ein letzter Wunsch von ihm, daß ich sie vollende auf Grund der Notizen, die er Ihnen diktiert."
Ein mattes Lächeln huschte über das Gesicht Reginas.
„Ich werde wohl bald mit dem Ordnen der Notizen anfangen und noch manches dazu aufschreiben, was der liebe alte Herr beim Diktieren erklärend für mich hinzugefügt. Ich freue mich sehr auf die Arbeit."
(Er fragte: „Und wann werden Sie mit Ihren Unterrichtsstunden beginnen? Sie wollen sich doch auf das Abitur vorbereiten?"
Sie sann ein Weilchen nach. „Es ist für mich wohl besser, wenn ich damit warte, bis das Buch zusammengestellt ist, damit ich tagsüber tüchtig bei der Arbeit bleiben kann."
(Er erhob sich. „Das ist mir natürlich sehr ange- uehm — ich danke Ihnen herzlich, Fräulein Graven. Und jetzt muß ich gehen."
Wie es sie plötzlich störte, das steif klingende: Fraulein Graven. Sie reichte ihm die Hand. „Auf Widersehen!"
Er verneigte sich, und sie stand am Fenster hinter dem Vorhang, sah ihm nach, wie er durch das Gittertor auf die Straße hinaustrat. Es begann schon wieder zu schneien.
Regina Graven öffnete das Fenster und sah Holm weiter nach, bis er ihren Blicken entschwunden war. Die frische Schneelust tat ihrer heißen Stirn gut, uno sie merkte kaum, daß sie lange so dastand am offenen Fenster und sich die weißen, schimmernden Flöckchen, wie winzige Insekten aus einer Märchen- roelt, m ihr Goldhaar verflogen. Ihr war seltsam bange und bedruckt ums Herz.
Die Wirtschafterin trat ein, um etwas zu holen. Regina drehte sich um.
Meine Verlobung ist aus, Frau Malwine. Wir wollen lieber nur Freunde sein, Holm Meerhold und ich. Ein wenig heiser klang die Stimme.
Frau Malwine schüttelte den Kopf. Schade!" Der alte Herr war doch so froh über die Verlobung! Jammerschade!"
Regina zuckte die Achseln; es war eine müde Bewegung.
*
Lutz Gärtner befand sich bei Doralies Wolfram (Er war ein paar Monate in Frankfurt gewesen batte im Büro seiner Firma gearbeitet und war nun gekommen, um Abschied von seiner Braut zu nehmen vor seiner bevorstehenden Rückkehr nach Indien. Doralies war vor Kummer ganz außer sich und fiel ihrem Verlobten immer wieder um den Hals, bat: „Nimm dich nur vor Krankheiten in
acht und komm gesund wieder heim. Das ganze lange Jahr werde ich nichts weiter tun als auf dich warten, Lutz."
Ihr Vater lächelte: „Das kannst du ja tun, aber du brauchst dich dazu nicht in dein Kämmerlein zu verkriechen. Weil du dich in letzter Zeit verhältnismäßig vernünftig benommen, darfst du mich auf Reifen begleiten. Dann wird dir die Zeit nicht ganz so lang werden wie daheim, denke ich."
Lutz Gärtner lachte: „Passen Sie nur gut auf, lieber Schwiegervater, daß Doralies Sie wirklich s e l b ft begleitet und Ihnen nicht etwa eine Stell- Vertreterin mitgibt."
Ein paar Tage vergingen den Liebesleuten im Fluge, und bann kam der letzte Tag, der letzte Kuß.
Fritz Wolfram fand sein Mädel nach dem Abschied mit verweinten Augen in ihrem Zimmer, als er sie suchte, um etwas mit ihr zu besprechen, fand „die Henseln", wie er die Wirtschafterin oft nannte, in voller Tätigkeit, ihren Liebling zu trösten.
Er schüttelte den Kopf. „Mußt dich nicht so gehen lassen, Doralies. Eine wie du, so ne luftige kleine Person, eignet sich nicht zur Heulsuse. Komm nach- her zu mir runter, wollen unseren Reiseplan festlegen."
Ein halbes Stündchen später erschien sie schon in seinem Arbeitszimmer, und Fritz Wolfram begann: „Ich schlage vor, mir reifen nach Garmisch-Partenkirchen, um ein bißchen Wintersport zu treiben — ich bin in letzter Zeit etwas dicklich geworden." Er sah sie ernst an. „Zuerst aber fahren wir nach Berlin. Mir gefällt es nämlich gar nicht, wie schief Frau von Stöbnitz deinen Streich auffaßt, und ich mochte, sie soll dich kennenlernen. Daß sie dich mal vor sechs Jahren sah, davon hat sie offenbar nicht die geringste (Erinnerung zurückbehalten, sonst hätte sie auf gar keine andere reinfallen können. Du ähnelst der Doralies von vor sechs Jahren doch immer noch sehr."
Doralies zog die Stirne kraus.
„Für mich ist's aber sehr peinlich, mit ihr zu- sammenzutreffen."
„Darauf kommt es nicht an, ob es dir peinlich ist. Ich hatte es für meine Pflicht, mit dir bei ihr Besuch zu machen, damit du dich persönlich bei ihr entschuldigen kannst."
Doralies verzog den Mund.
Ihr Vater hielt nur mühsam ein Lächeln zurück.
„Ich möchte die dumme Sache ordnen, und das geht einfach nicht, ohne daß du dich bei Frau von Stöbnitz entschuldigst."
Doralies seufzte so laut wie möglich. Aus aller- tiefstem Herzensgrund kam der Seufzer: „Wenn es durchaus nicht anders geht!"
Die Reisevorbereitungen wurden schnell erledigt, und schon drei Tage später nahm Doralies zärtlichen Abschied von Frau Hensel.
* ^Fortsetzung folgte


