Nr. 173 Erstes Blatt
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Ltnglückliches Oesterreich
Das tragische Schicksal des Menschen und Politikers Dr. Dollfuß hat sich furchtbar erfüllt. Eine Handvoll ehemaliger österreichischer Bundessoldaten, die man wegen politischer Unzuverlässigkeit aus dem Heeresdienst entlassen hatte, versuchte, die Regierung Dollfuß abzusetzen. Diese kleine Gruppe von Aufständischen hat im Verlauf ihrer Aktion schwere Blutschuld auf sich geladen, als sie den Bundeskanzler niederstreckte und ihn selbst damit zum Märtyrer seiner eigenen Politik machte. Uns erfaßt tiefes menschliches Mitgefühl mit diesem Manne, an dessen lauterem Wollen und persönlicher Sauberkeit wir nicht zweifeln können. Aber wir sehen in seinem Tode zugleich eine eindringliche und e r n st e Mahnung an seinen Nachfolger, nicht weiter die Spitzen der Bajonette gegen die Mehrheit des Volkes zu richten, die es nicht fassen kann, daß man Oesterreich zum Spielball fremdländischer Interessen machte, daß man ein artfremdes Regiment aufrichtete und daß man noch nicht einmal die Stimme der Bürger, Bauern und Arbeiter in freier und geheimer Wahl sprechen ließ.
Alle Berufe und Stände Oesterreichs haben schwerstes Leid tragen müssen in diesen letzten Jahren. Das Blut der Arbeiterschaft ist geflossen. Das Bauernvolk seufzt unter den katastrophalen wirtschaftlichen Verhältnissen, Handel und Wandel stocken und schwinden. Der Fremdenverkehr liegt ganz darnieder. Die Attentate und Anschläge ließen das Land nicht zur Ruhe kommen. Und nirgends öffnete sich ein Weg nach aufwärts. In dieser allgemeinen Verzweiflung konnte man seit Monaten schon damit rechnen, daß eines Tages einmal die Katastrophe eintreten würde. Dollfuß bat hohen Einsatz gewagt, und er hat Spiel und Leben verloren.
Schon seit geraumer Zeit versuchte man, die Schuld an den unhaltbaren innerpolitischen Zuständen in Oesterreich Deutschland zuzuschieben. Man war bemüht, eine internationale Intervention in Berlin vorzubereiten und dazu auch Mussolini zu gewinnen. Die deutschfeindliche Presse des Auslandes hatte diesen Gedanken mit Freuden ausgenommen. Die Ereignisse des gestrigen Tages haben, geschürt durch zweideutige Bemerkungen und Verlautbarungen durch den Wiener Rundfunksender, der Pressehetze neuen Austrieb geaeben. Obwohl alle Anzeichen darauf hindeuten, daß wir es mit rein innerpolitischen Vorgängen O e st e r r e i ch s zu tun haben, wird auch jetzt wieder in einem Teil der ausländischen Blätter eine reichsdeutsche Beteiligung an den Unruhen künstlich konstruiert.
Nichts, aber auch gar nichts deutet darauf hin, daß irgendwelche Fäden nach Deutfchlannd gelaufen wären. Es steht vor allem authentisch fest, daß die Aufrührer österreichische Staatsangehörige sind. Noch nicht einmal die politische Richtung der 144 ehemaligen Heeresangehörigen, die gefangen gesetzt worden sind, ist einheitlich. Völlig eindeutig und über jeden Zweifel erhaben ist die Stellungnahme der Reichsregierung, als die blutigen Vorfälle bekannt wurden. Sie hat sofort die deutsche Grenze gegenüber dem österreichischen Nachbarstaat abgeriegelt. Eine scharfe Sperre ist ferner über die Gemeinschaftslager österreichischer Flüchtlinge verhängt worden, die zum Teil Hunderte von Kilometern von der Grenze entfernt liegen, um diesen jede Möglichkeit zu nehmen, irgendwie aktiv an den sich entspinnenden Kämpfen teilzunehmen. Das Gerede von dem angeblichen „Aufmarsch der österreichischen Legion" entbehrt jeder Grundlage.
Genau so unantaftbar ist das Verhalten der Reichsregierung gegenüber der Vermitt- l u n g s a k t i o n, zu der sich der deutsche Gesandte in Wien, Rieth, auf vielfaches Drängen österreichischer Mini st er bereitgefunden hat. Wenn man auch der Ansicht sein darf, daß Rieth nur deswegen seinen Schritt unternahm, um der österreichischen Regierung behilflich zu sein und um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, so ist doch seine sofortige Abberufung verfügt worden, um jeden Schein zu vermeiden, als ob man ihn seiner persönlichen Verantwortung für seinen eigenmächtigen Schritt entledigen wolle. Gerade dieser Entschluß der Reichsregierung hat im Auslande den denkbar besten Eindruck gemacht.
Noch einen völlig schlüssigen Beweis gibt es, der die Mitwirkung nationalsozialistischer Kreise als ausgeschlossen erscheinen läßt. Die A u f - r ü h r e r haben ihn s e l b st gegeben, als sie im Rundfunk Dr. R i n t e l e n als neuen Bundeskanzler ausriefen. Niemals würden Nationalsozialisten im Falle eines Putsches ausgerechnet einen christlich-sozialen Führer auf den Schild erhoben haben, wie es der österreichische Gesandte in Rom gewesen ist. Dazu kommt noch ein weiteres. Dr. R i n t e l e n ist eine Figur, die ungefähr mit dem erschossenen General Schleicher verglichen werden kann. Er unterhielt Beziehungen nach allen Seiten hin. Er liebäugelte mit den Christlich-Sozialen wie auch mit den Nationalsozialisten. Er unterhielt Beziehungen zum Bundesheer wie zur Heimwehr. Für diese Art Staatsmann ist heute kein Platz mehr. .
Und schließlich darf auf das erschütternde Beileidstelegramm des Reichspräsidenten von Hindenburg, sowie auf den Abbruch des Besuchs des Führers in Bayreuth hingewiesen werden, um auch stimmungsmäßig die Trauer unserer Reichsregierung über die neue schwere Prüfung des Brudervolkes zum Ausdruck zu bringen. ,.
Nach alledem muß es als u n g e h e u e r l l ch bezeichnet werden, wenn gewisse ausländische Kreise
papen geht als Sondergesanbier nach Wien.
Oer Führer will zur Entspannung der Gesamtlage beitragen und insbesondere das Verhältnis zu Oesterreich wieder in normale und freundschaftliche Bahnen geleitet sehen.
Berlin, 27. 3uli. (DRV.) Reichskanzler Adolf Hiller Hal an Vizekanzler von Papen nach- slchendes Schreiben gerichtet:
„B a y r e u t h, 26. Juli 1934.
Sehr verehrter Herr v. pap en!
Im Verfolg der Ereignisse in Wien habe ich mich gezwungen gesehen, dem Herrn Reichspräsidenten die Enthebung des deutschen Gesandten in Wien Dr. Rieth von seinem posten vorzuschlagen, weil er auf Aufforderung österreichischer Bundesminister bzw. der österreichi- chen Aufständischen sich bereitfinden ließ, einer zwischen diesen beiden getroffenen Abmachung bezüglich freien Geleites und Flucht der Aufständi- chen nach Deutschland ohne Rückfrage bei der deutschen Reichsregierung seine Zu- timmung zu geben. Der Ge sandte hat damit ohne jeden'Grund das Deutsche Reich in eine interne österreichische
hervorgeht, daß die deutsche Regierung den Ereignissen in Wien völlig fernsteht, werden sehr beachtet. Die Schließung der Grenze, die Abberufung des deutschen Gesandten in Wien, die Ankündigung, daß alle österreichischen Aufständischen, die versuchen, die deutsche Grenze zu überschreiten, verhaftet werden, das Beileidstelegramm des deutschen Reichsaußenministers und der Beschluß des Reichskanzlers „angesichts der bedauerlichen Ereignisse in Oesterreich an keinen weiteren Vorstellungen der Bayreuther Festspiele teilzunehmen", haben ihren Eindruck nicht verfehlt.
„Nie deutsche Haltung einwandfrei."
Eine vernünftige englische Stimme.
London, 27. Juli. (DNB. - Funkspruch.) In einem Leitartikel sagt „Daily Mai l": „Herr Hitler hat Schritte getan, die zeigen, daß das vom Reichspräsidenten von Hindenburg bekundete Beileid zum Tode des Bundeskanzlers Dollfuß nicht bloß formal ist. Die Besorgnis vor internationalen Verwicklungen hat sich infolge
der Vorsicht und Zurückhaltung der Nachbarn Oesterreichs erheblich vermindert. Die deutsche Haltung ist einwandfrei gewesen."
Außerordentliche Tagung des Völkerbundsrats?
Paris, 27.Juli. (DNB.-Funkspruch.) Die getarnte Iranzösische Presse bespricht weiter die Vorfälle in Oesterreich und beschäftigt sich mit den Folgen, die daraus entstehen könnten. Der „E x - c e l s i o r" glaubt ankündigen zu können, daß man bei den Verhandlungen zwischen Paris, London, Rom und Genf den Zusammentritt einer außerordentlichen Völkerbundsratstagung in der nächsten Woche ins Auge fasse, und zwar unter Bezugnahme auf Artikel 11 des Völkerbundsstatuts. Der Rat werde wahrscheinlich einen aus dem mit der Verfolgung der Angelegenheit beauftragten Großmächten zusammengesetzten Ausschuß ernennen. Im übrigen erklärt der. „Excelsior", daß sich Frankreich zurückhal- t e n d zeigen werde. Es werde keine Initiative ergreifen, aber es werde die Ereignisse mit der größten Aufmerksamkeit verfolgen.
Angelegenheil hineingezogen. Das At- tenlal gegen den österreichischen Bundeskanzler, das von der deutschen Reichsregierung auf das schärfste verurteilt und bedauert wird, hat die an sich schon labile politische Lage Europas ohne unsere Schuld noch weiter verschärft. Es ist daher mein Wunsch, wenn möglich zu einer Entspannung der Gesamtlage beizutragen und insbesondere das seit langem getrübte Verhältnis zu dem deutsch- östecreichischen Staat wieder in normale und freundschaftliche Bahnen geleitet zu sehen.
Aus diesem Grunde richte ich die Bitte an Sie, sehr verehrter Herr v. p apen, sich dieser wichtigen Aufgabe zu unterziehen, gerade weil Sie seil unserer Zusammenarbeit im Kabinett mein vollstes und uneingeschränktes Vertrauen besahen und besitzen.
Ich habe daher dem Herrn Reichspräsidenten vorgefchlagen, daß Sie unter Ausscheiden aus dem Reichskabinett und Entbindung von dem Amt als Saarkommissar, für eine befristete Zeit i n Sondermission auf den poften des deutschen Gesandten in Wien berufen werden. In dieser Stellung werden Sie mir unmittelbar unter st ehe n.
Indem ich Ihnen auch heute noch einmal danke für alles, was Sie einst für die Zusammenführung der Regierung der nationalen Erhebung und seitdem gemeinsam mit uns für Deutschland getan haben, bin ich Ihr sehr ergebener
gez.: Adolf Hiller."
Wiederaufhebung der Sonder-Grenzsperre.
Berlin, 26. Juli (DNB.) Die Reichsregierung hatte, um jede Möglichkeit eurer Beteiligung an den österreichischen Ereignissen von vornherein auszuschließen, bereits am 25. Juli 1934, 16 Uhr, die völlige A u s r e i s e s p e r r e gegenüber Oesterreich für alle Reichsangehongen und tn Deutschland aufhaltsamen österreichischen Flüchtlinge angeordnet. Die daraufhin von dem Reichsminstter des Innern zur Durchführung dieser Ausrelse- sperre getroffenen Maßnahmen sind heute nach- mittag als' durch d i e Verhältnisse überholt wieder aufgehoben worden, Für den Reiseverkehr mit Oesterreich gilt nach wie vor das Gesetz über die Beschränkung der Resten nach der Republik Oesterreich vom 29. Mal 1933.
Starke Beachtung der reichsdeutschen Maßnahmen in London.
London. 26.Juli. <DRB^ Die in Berlin unternommenen bedeutsamen Schritte, aus denen
Das Bundeskanzleramt in Wien, das von den Aufständischen besetzt wurde.
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Keine deutsche Stelle beteiligt.
Sämtliche Anweisungen der Reichsregierung sofort und restlos durchgeführt.
Berlin, 26. Juli. (DRV.) Amtlich wird ungeteilt: Roch in der gestrigen Rächt wurden von der R e i d) s r e g i e r u n g Untersuchungen a n - g e ft e 111, ob sich irgendeine deutsche Stelle im Zusammenhang mit den österreichischen Vorgängen eine direkte oder indirekte Beteiligung Hal zuschulden kommen lassen. Die im Laufe des heutigen Tages abgefdjloffene eingehende Prüfung und Vernehmung ergab, daß keine deutsche Stelle in irgendeinem Zusammenhang mit den Ereignissen steht, sowie daß alle nach Bekanntwerden der Vorgänge erlassenen Anweisungen sofort und restlos durchgeführt wurden. Insbesondere erfolgte, um jedes unerwünschte Ueberschreiten der Grenze zu verhindern, eine durchgehende Absperrung sämtlicher Straßen nach Oesterreich, während andererseits den Insassen der Anhaltelager der österreichischen Flüchtlinge und Emigranten jedes Verlassen der Unterkünfte untersagt wurde. Es ist daher weder vor, noch nachher eine Grenzüberschreitung von auch nur einer person vorgekommen, die in Verbindung mit diesen Ereignissen gebracht werden könnte.
Bei schärfster Überprüfung gelang es, nur einen einzigen Fall festzustellen, bei dem durch eine nicht gründlich genug erscheinende Kontrolle von Meldungen, die aus Oesterreich kamen und weiterverbreitet wurden, ein vielleicht gegen
teiliger Eindruck hätte erweckt werden können. Der für die über den Münchener Sender gegangenen Meldungen verantwortliche Landesinspekteur Habicht wurde daraufhin heute vormittag 10 Uhr seines poffens a t s Landesinspekteur enthoben und zur Disposition gestellt.
Das Beileid
der Staaisoberhäupier.
Deutschland.
Berlin, 26. Juli. (DNB.) Reichspräsident von Hindenburg hat an den österreichischen Bundespräsidenten M i k l a s anläßlich des Attentats aus Bundeskanzler Dollfuß nachstehendes Beileidstelegramm gerichtet:
„Tief erschüttert durch die Nachricht, daß Herr Bundeskanzler Dollfuß einem verabscheuungswürdigen Anschlag zum Opfer gefallen ist, spreche ich Ew. Exzellenz meine herzlichste Anteilnahme aus.
Reichspräsident von Hindenburg."
England.
London, 26. Juli. (DNB.) Der K ö n i g von England sandte am Donnerstag folgendes Beileidstelegramm an den Präsidenten der österreichischen Republik:
„Mit Schrecken habe ich von dem feigen Mord an dem Bundeskanzler Dr. Dollfuß gehört, und ich beeile mich, Ihnen, Herr Präsident, mein tiefstes Mitgefühl mit Ihnen und der österreichischen Nation in
mit zum Teil nicht wiederzugebenden Schimpswor- ten von einer deutschen Emm.schung m d e öfter- reichischen Wirren sprechen. Es gibt Blatter — besonders in Paris - die ü»n un (er e n « ol1s - sührern als von einer »Horde von B a n - d ite n" schreiben, gegen d,e em internationales Kesieltreiben beginnen müsse. Man spricht auch "J*1 neuen Sera,ewo, das durch die Schuf aus Dollfuß eingeleitet worden sei. Aber man verzeichnet andererseits -uch durchaus obiek- «v° und leidenschaftslose Blatterstimmen, und zwar gerade in den maßgebenden Organen der Groß, machte. „Times" zum Beispiel betrachtet es. als unfair, von einer deutschen Verant-
Wörtlichkeit an den Wirren zu sprechen. Der offiziöse „Petit Parisien" erkennt in den Vorgängen des 25. Juli ausschließlich innerpolitische Auseinandersetzungen, die in keiner Weise eine Jnterventon auszulösen imstande seien.
Das Ausland soll sich darüber klar sein, in welchem Maße es schon bisher die Beunruhigung in ganz Europa durch hemmungsloses Hetzen geschürt hat. Jeder, der diese Beunruhigung weiter vermehrt, macht sich mitschuldig an der dann unausbleiblichen allgemeinen Zersetzung.
Die Dinge sind, auch nachdem die Teilaktionen in Wien am Ballhausplatz und im Rundfunkhaus als abgeschlossen gelten können, noch in vollem
Fluß. Es ist noch gar nicht abzusehen, welche Entwicklung die Lage in Oesterreich nehmen wird und welche internationalen Folgen daraus entstehen können. Tiefes Mitgefühl gilt dem unglücklichen Volk in Oe st erreich, das haltlos den widerstrebenden Einflüssen ausgesegt ist und das immer tiefer in Chaos und Ohnmacht versinkt. Wann wird der Zeitpunkt kommen, da die Machthaber in Wien den Weg des Verständ- n i s s e s und der Zusammenarbeit mit Deutschland finden werden, mit dem tausendjährige Bande des Blutes und der Geschichte sie verbindet?


