Ausgabe 
27.6.1934
 
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ttr.147 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, 27.ZuniM4

Aus Oer Provinzialhauptstadt.

Professor Or. Küster 60 Lahre alt.

Am morgigen 28. Juni feiert der ordentliche Pro- fessor der Botanik an der Universität Gießen, Dr. E r n st K ü st e r, seinen 60. Geburtstag. Der aus­gezeichnete Lehrer und unermüdlich tätige Forscher wurde 1874 in Breslau geboren, studierte in Leip- zig, promovierte 1896 in München, habilitierte sich 1900 bei Klebs in Halle, der ihn zu Experimental­untersuchungen auf dem Gebiete der Mikroorganis- men und der Zellenlehre anregte. 1909 wurde Küster als ao. Professor und Abteilüngsvorsteher an das Botanische Institut nach Kiel, 1911 nach Bonn be­rufen, wo er später zum Ordinarius befördert wurde. Bon hier kam er 1920 aU Direktor des Bo­tanischen Instituts nach Gießen als Nachfolger von Hansen. Bon den ungewöhnlich zahlreichen und glänzend geschriebenen Veröffentlichungen Küsters seien nur einige Einzelwerke erwähnt, die z. T. meh­rere Auflagen erlebten: Pathologische Pflanzen­anatomie, Anleitung zur Kultur von Mikroorganis­men, Lehrbuch der Botanik für Mediziner, Zonen­bildung in kolloiden Medien, Pathologie der Pflan- zenzelle, Gallen der Pflanzen. Küster ist seit mehr als einem Dierteljahrhundert Herausgeber der Zeit­schrift für wissenschaftliche Mikroskopie. Die Deutsche Akademie der Naturforscher in Halle wählte ihn zum Mitglied und die Royal Microscopical Society in London zum Ehrenmitglied.

Nie Geschäftsräume der Kreis- leitunq verlegt.

Die Geschäftsräume der Kreisleitung der NS DAP. befinden sich nicht mehr im Hause Löberstraße Nr. 9, sondern nunmehr Ludwig- st r a ß e 12.

NSOAp. - Amt für Bolkswohlfahrt.

kreisamlsleilung Gießen.

Achtung! Achtung!

Unsere Geschäftsräume befinden sich ab 27.3uni in den früheren Räumen der Kreisleitung der NSDAP. Gießen, Löberstraße 9. Aus parteiamtlichen Bekanntmachungen

Die Ortsgruppe Gießen-Ost gibt be­kannt, daß am Montag, 2. Juli, 20.30 Uhr, im Cafe Leib ein Schulungsabend für alle Parteigenossen, für die Mitglieder der NSV. und Gäste stattfindet. Redner des Abends ist Pg. Hummel.

Die N S. - F r a u e n s ch a f t G i e ß e n - O st for­dert sämtliche Zellen- und Blocksrauen für Don­nerstag, 28. Juni, 20.30 Uhr, in der Geschäftsstelle Kaiser-Allee 52, zu einer Zusammenkunft auf.

Der nächste Ortsgruppen - Abend der N S. - Frauenschaft Gießen-Süd findet am kom­menden Freitag, 29. Juni, 20.15 Uhr, imHaus der Deutschen Arbeit" statt.

NS-Hago Kreisamtsleitung

und

kreisbelriebsgemeinschaft handel und Handwerk in der Deutschen Arbeitsfront.

Ich habe Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß sämtliche Mitglieder der NS.-HAGO. sowie alle die­jenigen Personen, welche durch die NS.-HAGO. in den GHG. (jetzt Krsisbetriebsgemeinschaft Handel und Handwerk) ausgenommen worden sind, der Deutschen Arbeitsfront angehören.

Das Kassieren der Mitgliedsbeiträge aller dieser Mitglieder geschieht nach wie vor durch die Kassen­warte der NS.-HAGO.

NS.-HAGO-Kreisamtsleitung.

Freigabe der Waldweide zur Linderung der großen Futternot.

Auf Vorstellungen der Landesbauernschaft Hessen- Nassau, Hauptabteilung II, hin hat die Obere Forst­verwaltung im Volksstaat Hessen und im Regie­rungsbezirk Wiesbaden die Waldweide zur Linderung der Futternot in den Ge­meinden grundsätzlich freigegeben.

Den Bauern wird empfohlen, sich umgehend mit den zuständigen Forstämtern in Verbindung zu setzen.

Entwürfe für Landschulen gesucht.

Das Hessische Staatsmini st erium, Ministerialabteilung für Bildungswesen, schreibt unter den in Hessen seit dem 1. April-1934 ansässigen oder in Hessen geborenen Architekten einen Jdeen- wettbewerb aus zur Erlangung von Ent­würfen von Landschulen, die als Grund­lage für künftig zu errichtende Schulgebäude dienen sollen. Zugelassen sind nur Architekten, die Mit­glieder der Reichskammer der bildenden Künste sind. Ablieferungstermin ist der 15. August 1934. Es sind drei Preise von insgesamt 1550 RM. vor­gesehen. Wettbewerbsbedingungen sind gegen Rück­porto kostenlos durch die Direktion der Adolf- Hitler - Bauschule, Darmstadt, Neckarstraße 3, zu beziehen.

NG-Frauenschast imBotanischenSarten

Wie bereits berichtet worden war, hatte der Assistent des Botanischen Instituts, Pg. Dr. Heidt, bei seinem vor der NS.-Frauenschaft Gießen-Mitte gehaltenen Vortrag sich bereiterklärt, ergänzend zu diesem Vortrag auf einem Rundgang durch den Botanischen Garten erläuternde Aufklärungen zu geben.

Es war überaus erfreulich, daß nicht nur Frauen- schaftsmitglieder, sondern auch eine stattliche Zahl von anderen Gartenbesuchern sich am vergangenen Sonntagvormittag zu dieser Besichtigung eingefun­den hatten. Pg. Dr. Heidt dankte zunächst für das bekundete rege Interesse und machte sodann die An­wesenden kurz mit der Geschichte des Botanischen Gartens, der der viertälteste Deutschlands ist, be­kannt. Von ihm erfuhren die Anwesenden, daß der Garten seinem Werden nach in drei Teile zerfällt. Der älteste Teil, unmittelbar hinter dem Botanischen

Institut und bis an das alte Schloß reichend, ist ein aus dem Jahre 1609 herrührendes Geschenk des Landgrafen Ludwig V. von Hessen, dem Begründer unserer Ludoviciana. Die schönen, schattenspenden­den, wuchtigen alten Bäume, die uns heute beim Eintritt in den Botanischen Garten vom Brand­platz aus besonders erfreuen und unsere Aufmerk­samkeit erwecken, gehören in den zweiten Teil. Um 1800 überließ der damalige Landesherr das an dem alten Botanischen Garten liegende Gelände der Universität zur Anlegung eines f o r st b o t a n i - scheu Gartens. Ewähnt seien hier besonders die wundervollen in- und ausländischen Ahorn­bäume, Pappeln und die krasistotzende Blutbuche, deren dem Sonnenlicht zugewandte Blattseiten in Verbindung mit dem Blattgrün die schöne rote Farbe annehmen, die dem Baum seinen Namen gab, während die dem Sonnenlicht nicht ausgesetzten Blätter mehr oder weniger grün bleiben. Dieser Teil enthält auch innerhalb der Mauer nach der Sencken­bergstraße zu diehistorischen Gärten", deren Beete Suppenkräuter und Getreidearten der Karolinger-, Stein- und Bronzezeit zeigen. Wie man hier fest­stellen konnte, waren die meisten Suppenkräuter, wie sie heute noch in jedem Haushalt Verwendung finden, schon damals vertreten. Man kannte und gebrauchte damals schon: Kümmel, Lauch, Sellerie, Bohnenkraut, Erbsen, Karotten usw.

Der dritte Teil des Botanischen Gartens ist eine Anlage aus den ersten Jahren des vorigen Jahr­hunderts. Er erstreckte sich nach Schleifung der alten Stadtbefestigungsmauern bis zum alten Festungs­graben und umfaßt heute mit seinem reichen und vielseitigen Pflanzenwuchs, seinen Gewächs- und Palmenhäusern das eigentliche Arbeits- und An­schauungsfeld des Naturwissenschaftlers und des Naturfreundes.

Besonders ausführlich besprach Dr. Heidt die Giftpflanzenbeete. Auf einen Giftstrauch wies Dr. Heidt besonders hin und warnte vor seiner Gift-

Jungvolk trägt Botschaft

aussonderung durch Drüsen, die schon durch bloßes Berühren der Blätter dem Menschen Schaden zu-

Halbmast

am Tage von Versailles.

Vom Reichsminislerium für Volksaufklärung und Propaganda wird milgeteilt:

Am Donnerstag, 28. 3 u n i, werden sämt­liche öffentlichen Gebäude wegen der Wiederkehr der vor 15 Jahren erfolgten Unterzeichnung des Versailler Vertrages h a l b m a ft flaggen. Die Bevölkerung wird aufgefordert, sich dem Vor­gehen der Regierung a n z u s ch l i e h e n.

satzes, ein Fanal des Wehrwillens und der Treue jein.

Achtung!

Ein Staffellauf passiert Gießen!

Am Donnerstag, 28. Juni, dem Tage der Unter­zeichnung des Versailler Schanddiktats, eilen fünf Staffeln durch die Oberbanne des Gebietes Hessen-Nassau. Sie starten Mittwoch abend an der deutsch-saarländischen Grenze und werden von Jungoolkjungen auf verschiedenen Wegen nach Frankfurt auf den Römerberg getragen. Hier wird eine große Kundgebung, bei der die Rollen dem Gebietsführer übergeben werden, den Lauf be­schließen.

Eine dieser Staffeln kommt am Donnerstag zwischen 13 und 14 Uhr durch unsere Stadt. Sie wird von den Jungen der Gießener Welfen von Klein-Linden nach der Volks­halle getragen werden, wo sie der Stamm II Geusen in Empfang nimmt. Die Staffel durch­läuft folgende Straßen: Frankfurter Straße, Hin- denburgwall, Gartenstraße und Kaiserallee. Wir bitten die Gießener Bevölkerung, der VeranstaUung das Interesse zu schenken, das sie verdient.

Ibn. 1/116.

Pflanzenbeckens, zweier Exemplare der Sinnpflanze (Mimose), die bei der leisesten Erschütterung so- aleich ihre Fiederblättchen zusammenfalten und ihre Aestchen hängen lassen, sein Ende.

Alle anwesenden Frauenschaftsmitglieder stimm­ten darin überein, daß es für sie alle ein besonderer Genuß war, diese lebendigen, allgemein oerständ- lichen Ausführungen gehört zu haben und dankten dem Redner überaus herzlich. Man hörte vielfach den Wunsch, daß Pg. Dr. Heidt sein reiches Wissen und seine feine Vermittlungsart noch öfter in den Dienst der Kulturarbeit der Frauenschaft stellen möge. Jeder Besucher der sehr belehrenden Führung ging bereichert nach Hause.

Jugend sieht die Not deutscher Grenzlande. Jugend erfühlt das Schicksal bedrohter Grenzmar­ken. Jugend fühlt sich verbunden mit den Men­schen an der Grenze. Vor 15 Jahren trat der Ver­sailler Vertrag in Kraft, vor 15 Jahren entrissen Siegerstaaten" ureigenstes deutsches Gebiet dem deutschen Volkskörper, wollten deutsche Volksgenos­sen ihr Vaterland mit Zuckerbrot und Peitsche ver­gessen lassen. 15 Jahre ballten die Saarländer die Fäuste in der Tasche, ertrugen schweigend, den Blick auf Deutschland gerichtet, allen Druck und alle Entbehrungen. Ein halbes Jahr noch undla Sarre" gehört der Vergangenheit an, das Saar­land ist wiedergeboren.

Das 3ungvolk des Gebiekes Hessen-Nassau, be­nachbart den Kameraden der Saar, tritt zu einem gewaltigen Treuebekenntnis für das Saarland an.

Eine Saarstaffel wird am 27. und 28. Juni West- deutschland durchlaufen. Von Zweibrücken, an der Grenze ausgehend, führt sie auf fünf verschiedenen Straßen durch die fünf Oberbanne des Gebiets Hessen-Nassau, Frankfurt, Limburg, Starkenburg, O b e r h e s s e n und Rheinpfalz, und findet ihr Ende in Frankfurt a. M. 30 000 Jungvolkpfimfe tragen die Staffeln mit den Urkunden, ein Treue- gelöbnis zur Saar, in ihren Händen über Taufende von Kilometer hinweg, im Lauf, fahrend, reitend, Bäche und Ströme durchschwimmend, so, wie es Zeit und Ort erfordert. Im Lauf hämmert sich all den Jungens, sei es zu nächtlicher Stunde, wenn der blasse Mond am Himmel steht, sei es im ersten Mor­gengrauen ober in der Gluthitze der Mittagsstunde, hämmert sich ihnen das Bewußtsein ein, für eine große Sache hier zu streiten, ein kleines und doch verantwortliches Glied einer langen Kette zu fein und jede Staffelübergabe wird zu einem neuen

Treuefchwur für das Grenzland.

Eine Nacht und einen Tag durcheilen die flin-

fügen können. Besondere Beachtung fand auch das Beet mit den geschützten Pflanzen. Der Rundgang flinken Läufer Westdeutschland. Am Abend des führte dann zu dem sogenannten Alpinum, den 28. Juni, am. Tage der Unterzeichnung des Ver- Steinpflanzen, die eine kleine Welt für sich bilden sailler Diktats, treffen um 23 Uhr die Endläufer in und deren ursprüngliche Heimat die kargen und Frankfurt a. M. auf dem Börsenplatz ein. In allen erbarmen Gebirgshänge sind, wo sie jeglichen größeren Orten sind bann, umrahmt von Kund-, Witterungseinflüssen ausgesetzt, nur durch engste gedungen, die Urkunden feierlichst verlesen worden. Lebensgemeinschaft im sogenannten Polsterwuchs In Frankfurt a. M. werden die Urkunden nun dem kurzstengelig und äußerst genügsam ihr Dasein Gebietsführer Walter Kramer im Rahmen einer , fristen. Die verschiedenen Einflüsse, denen sie aus­großen Saarkundgebung überbracht. \ gesetzt sind, bedingen ihren eigentümlichen kleinen

Volksgenossen! Zeigt eure Verbundenheit mit den Wuchs. In ihrer Farbenmannigfaltigkeit erfreuten deutschen Brüdern an der Saar, zeigt eure Anteil- besonders.

nähme an den Werken eurer Jugend! Der Staffel- Rachdem noch das Beet mit den einheimischen lauf soll ein Fanal der Geschlossenheit und des Ein- . Pflanzen besprochen war, fand der Rundgang mit r ' ~ ' ' - , einer Besichtigung des Kakteenbeetes, des Wasser-

Reichsbund Volkstum und Heimat.

Wie alljährlich, veranstaltete dieStiftung für V o l k s v o r tr ä g e aus der deutschen Geschichte" am vergangenen Sonntag einen Vortrag an derDeutschen Wacht" in Obersteinberg. Bürgermeister Schäfer (Watzenborn-Steinberg) begrüßte die zahlreich erschienenen Zuhörer aus Stadt und Land in herzlicher Weise. Dann sprach Dr. Michel (Gießen) in Vertretung des ver­hinderten Kreisringführers im RVH., Gg. Heß. Er betonte die Verdienste des Vortragenden, Geh. Med.- Rat Sommer, um die Erforschung unserer Heimatgeschichte und um die Verbreitung heimat- geschichtlichen Wissens in der ländlichen Bevölke­rung, und gab die Eingliederung der Sommerschen Stiftung in den Reichsbund Volkstum und Heimat bekannt.

Nach einem wirkungsvoll oorgetraaenen Chor der Watzenbörner Schulkinder unter Leitung von Rektor Bender sprach Geh. Med.-Rat Sommer auf Grund eigener Forschungen in leicht faßlicher und volkstümlicher Weife über denHessischen R e n n w e g ", der von Thüringen kommend nörd­lich Alsfeld über den Höhenzug südlich Marburg führte, bei Friedeihausen an der engsten Stelle des Lahntales die Lahn überschritt und dann durch den Krofdorfer Forst in Richtung Herborn nach dem Rhein weiterzog. Die Höhen des Rennwegs waren von derDeutschen Wacht" aus Deutlich am Hori­zont erkennbar. Im Zusammenhang mit den Funden am Rennweg forderte der Redner die Einrichtung von Ortsmufeen zur Weckung heimatgefchicht- lichen Verständnisses in der Bevölkerung. Ein Plan vom Hohensolmsschen Bergwerk am Altenberg ließ

Spiel am Meer.

23on Grete Masse.

Drei Wochen sind sie auf dieser herrlichen Insel, die in diesen Sommertagen mit ihren guten Gaben nicht geizt, sondern alles hergibt, was die Menschen, die zu ihr gekommen, erfreuen kann. Auch die Men­schen sind unter diesem Himmel, an diesen Küsten gelöster, bewegter, höher gestimmt als in ihrer ge­wohnten Umgebung.

Was Bettina betrifft, so findet Bob die Bettina am Meer noch weit schöner als die Bettina in der Stadt. Die Sonne holt Kupfer aus ihrem Haar und zaubert aus den Augen ein Kornblumenblau hervor, wie es ihnen in Berlin so strahlend nicht zu eigen gewesen. Außerdem tönt sich ihre Haut allmählich wunderbar braun. Bob ist nicht allein berauscht von dieser Bronze, diesem Kupfer und dem tiefblauen Schimmer zwischen den Wimpern, alle Männer am Strand find in gleicher Weise bezaubert. Doch Bob lächelt überlegen. Und dieses Lächeln scheint allen, die es angeht, sagen zu sollen:Wettkampf zwecklos! Diese Bettina ist Eigentum von Bob!"

Zwar hat er das nicht verbrieft und besiegelt. Aber Bob, der Filmstar, kennt keinen Zweifel an Ruhm und Erfolg, keinen Zweifel an der Liebe der Frauen zu ihm. lieber seine Sekretärin ergießt sich an jedem Morgen wie Lawinensturz die Flut der Liebesbriefe für den Filmliebling. Und da sollte einzig das Mädchen Bettina eine Ausnahme machen?

Dem Professor Frank Forst ist am Strande ein Glas aus der Brille gefallen. Da steht er nun, schwer und unbeholfen, in feiner ganzen Hilflosig­keit, die bei ihm besonders komisch wirkt, weil er öen wuchtigen, breitgebauten Körper eines Hünen besitzt.

Jetzt, da er die Brille abgenommen hat, wird der harmlos kindliche Blick seiner Augen erst völlig offenbar Sie scheinen das einzig Ruhige in diesem häßlichen, faltendurchpflügten Gesicht, in dem die Muskeln der Wangen und der Schläfen |o oft in leise zitternder nervöser Bewegung sind.

Das Wasser nahe dem Strande teilt sich mit Rauschen vor den starken, pfeilschnellen Stoßen einer Schwimmerin. Zu Füßen des Professors ver­graben sich lange, schongegliederte Finger suchend in den Dünensand.

(Eine Hand hebt sich empor und hält ganz nahe vor die kurzsichtigen Augen des Professors auf ihrer braungetönten Innenfläche ein Brillenglas, das jetzt im Licht der Sonne, die in Scheitelhöhe steht, glitzert und in bunten Farben brennt.

O vielen Dank, Fräulein Bettina! Sehr vielen Dank!", sagt der Professor.

Nun, da ihre Hilfe nicht mehr nötig ist, kommen auch Thefie und Trixie angestürmt, daß der auf­gewirbelte Sand um ihre mageren Waden spritzt.

Bob kann diese siebenjährigen Zwillinge mit den eidottergelben Haaren und den hellroten, plappern­den Mündchen, die die Sätze wie kleine Trompeten­stöße vor sich herstoßen, nicht leiden. Ewig drängen und hängen sie sich an Bettina, fahren mit ihr im Segelbot, flitzen bei Spaziergängen in den Dünen wie kleine Kobolde um sie herum, buddeln sich neben sie in den Sand, wenn Bob gerade Gelegenheit hätte, durch geistreiche Gespräche Bettina zu beweisen, daß er nicht nur ein schöner, sondern auch ein belesener Mann ist, der die moderne inländische und auslän­dische Literatur gründlich kennt.

Bettina sagt zwar nachsichtig, daß Thesie und Trixie ja Waisen seien, denn ihre Mutter ist ge­storben und ihr Vater, der Professor ach, er muß selbst beinahe noch gegängelt werden, damit er in den Fährnissen des Lebens nicht zu Schaden kommt, er kann kein Halt für die Kinder fein.

Aber ist Bettina eine Samariterin? Bob findet, daß sie keine Samariterin zu fein hat, besonders nicht hier am Meer, wo sie sich, indessen die gias- grünen Wogen rollen, donnern und überstürzen, daraus abzustimmen hat, daß die Stunde kommen wird, in der Bob ihr seine Liebe erklärt.

Aber Bettina scheint sich nicht nur zur Sama­riterin berufen zu fühlen, sondern auch zur Gou­vernante. Seit jenem Augenblick, da sie wie eine Nixe aus dem Wasser emporgetaucht ist und dem Professor sein Brillenglas aus dem Sand heraus­gesucht hat, greift sie mit den bräunlichen, lebens­warmen Händen in seinen Tag und in sein Dasein. Sie dirigiert ihn hierhin und dorthin. Sie macht ihm einen Stundenplan, auf dem verzeichnet steht, zu welchen Stunden er zu baden habe, zu welchen zu essen, wann zu promenieren, wann die Post zu be­antworten und wann zu ruhen. Steht der Gelehrte scheu, verlassen und unglücklich umher, so eilt sie hinzu, sucht ihm einen Platz, eine Beschäftigung oder ein Gespräch mit einem Kurgast.

Bob beschließt mit Ingrimm, sowohl Bettinas Sa­maritertum sowie Bettinas Gouvernantentum ein schnelles Ende zu bereiten. Er fragt sie mit seinem sieghaftesten Lächeln, ob sie seine Frau werden wolle.

Und Bettina sagt:Ja!"

Nun heißt es für Bettina Abschied nehmen vom Meer, von den Muscheln, den Seesternen, den Dü­

nen, dem Strandkorb, von Thesie und Trixie, von dem Professor und von Leuten, die sonst unange­nehm sein mochten, die aber hier, bei Sonne, See und Strand, angenehme Begleiter und Kameraden gewesen.

Bob will die Braut nun zurückbringen nach Ber­lin. Die besonnte, gebräunte, vom Meerwind um­hauchte, in beseligender Schönheit schimmernde Bet­tina will er den Blicken der Bewunderer und An­beter entziehen.

Thesie und Trixie und ihr Vater sind am Lan­dungssteg, als das Schiff Bob und Bettina davon trägt.

Sie winken alle drei. Die Kinder mit ihren klei­nen Tüchern, der Professor mit seinem größeren.

Im Eifer des heftigen Windes eilen thesie und Trixie der Spitze des Landungssteges zu und eilen blindlings weiter, bis sie plötzlich keine Bretter mehr unter den Füßen haben, sondern die Luft ...

Das grüne Meer schlägt zusammen über den gelben Schöpfen von Thesie und Trixie.

Bettina sieht vom Schiff aus, wie der Professor in voller Kleidung den Beiden nachspringt, und schreit auf:Er kann ja gar nicht schwimmen! Er kann ja gar nicht schwimmen!"

Nun, sie werden alle drei von Schiffern rascher aus dem Meere herausgeholt, als sie hineingekom­men sind.

Der Professor steht noch auf der Brücke und wringt das Wasser aus seinem Leinenjackett, als er sieht, daß das Schiff sich dreht und Bettina zurück­bringt.

Nie verlasse ich dich! Nie verlasse ich dich!" stam­melt sie zwischen Lachen und Weinen, als sie ihn mit beiden Armen umschlingt. Sie wird gar nicht gewahr, daß das Schiff sich schon wieder entfernt hat und mit ihm Bob, der Bettina niemals wieder sehen will.

Neues über die Schlacht bei Belke-Alliance.

Ein merkwürdiges Urteil des Herzogs von Wel­lington über Napoleon und neue Einzel­heiten über die Schlacht bei Belle-Alliance werden aus dem unveröffentlichten Tagebuch des Privat- fefretärs des englischen Feldherrn, General Allan, in der Times mitgeteilt. Unter dem 15. Juli 1815 schreibt er:Ich hatte mit dem Padrone (Welling­ton) ein Gespräch über die Schlacht und die folgen­den militärischen Operationen. Ich fragte ihn, was

er jetzt über Bonaparte als Feldherrn dächte und ob die letzten Ereignisse ihm eine bessere oder schiech- tere Meinung von seinen militärischen Fähigkeiten beigebracht hätten. Er sagte, sein Urteil über Bona- parte bleibe unverändert; dieser habe nichts Be­sonderes oder Außerordentliches als Feldherr ge­leistet; er t)abe ihn stets für einen großen Drauf­gänger gehalten, der erbittert um ein bestimmtes Ziel kämpfte, aber keinen Ausweg wußte, wenn fein Hauptangriff mißlang; bei der Schlacht von Water­loo habe er die beiden Dörfer und das Gelände zwi­schen ihnen so lange angegriffen, wie er feine Trup­pen Vorwärtstreiben konnte; aber in all dem sei wenig Manövrierkunst und nichts von dem gewesen, was man früher großes Feldherrnturn nannte, we­der im Entwerfen des Planes noch in feiner Aus­führung. Ich fragte ihn, ob er glaube, daß Napo- leon den besten feiner Marschälle überlegen sei. Er antwortete:Nein; es sei seiner Meinung nach kein Unterschied." Allan schreibt weiter, daß Wel­lington von der Schlacht mit Ausdrücken des Ent­setzens gesprochen habe; er wiederholte, daß ihm niemals ein Kampf so viel Aufregung, Angst und Pein bereitet habe. Von den englischen Truppen hätten sich nur die alten Regimenter, die unter ihm schon im spanischen Feldzug gedient hatten, gut be­währt; die übrigen hätten vielfach nicht stan'dgehal- ten. Bei den Franzosen lobte er die Kühnheit der Reiterei; die Infanterie sei jedoch ziemlich feige ge­wesen und bei jeder Gelegenheit vor dem Feuer der Artillerie zurückgewichen.Ich fragte den Padrone," fährt der General fort,was zu dem plötzlichen und vollständigen Zusammenbruch der französischen Armee geführt habe. Er sagte, der Feind sei, nach, dem ein Generalangriff auf seine linke Flanke miß. hingen war, mit großer Hast und in völliger Un­ordnung zurückgegangen. Bald danach habe er beobachtet, wie das Feuer der Kolonnen des Ge­nerals von Bülow in der Flanke und der Nachhut des Feindes rasche Fortschritte erzielte. Er sah, daß et den Feind mit einem gewissen Erfolge angreifen konnte, und befahl sofort den Vormarsch auf der ganzen Linie. Obwohl die Truppen feit dem Mor­gen gefochten hatten und infolgedessen sehr ermüdet waren, wurde der Angriffsbefehl doch mit allgemei­nem Beifall ausgenommen und das Vorrücken er­folgte mit bewundernswerter Schnelligkeit." Aus ge­schichtlichen Darstellungen wissen wir, daß auch der große Korse in entscheidenden Situationen manch- mal versagt hat. Diese Aeußerung Wellingtons aber dürfte ihn doch in einem zu ungünstigen Licht er­scheinen lassen.