Kt. IV Drittes Blatt Siebener Anzeiger (Semral-Anzrlg« für Sberhesien)Mittwoch, rr. Mi
Die Ermordung des Erzherzog-Thronfolgers Kan; Ferdinand.
Gerajews, 28. Juni 1914,10 Llhr vormittags. — Europas blutige Zeit hebt an. — Die Augenzeugen berichten.
PUG. „Siehst du, so fängt es an: zuerst heißgelaufene Waggons, dann ein Attentat in S e r a j e w o , und wenn das olles nichts hilft, eine Explosion auf dem Dampfer Viribus unitis." Diese Worte spricht fünf Tage vor ihrem Tode in Sera- jewo die Herzogin von Hohenberg, die Gemahlin des Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand, als man bei der Abreise von Chlumetz in Böhmen nach Serajewo die Mitteilung erhält, daß der Salonwagen des Erzherzogs infolge Heißlaufens der Lager nicht benutzbar ist. Beim Verlassen von Schloß Chlumetz nehmen Eltern und Kinder, ohne daß sie es wissen, Abschied fürs Leben. Als die Kinder acht Tage später nach Wien kommen, stehen sie in ter Burgkapelle vor Zwei festverschlossenen Särgen...
Am 23. Juni spät abends fährt der Erzherzog von Wien über Triest nach Serajewo ab. Am 24. folgt ihm die Erzherzogin über Budapest. Sie trifft am 25. Juni 9 Uhr in Jlidze ein, um 15 Uhr treffen beide in Jlidze wieder zusammen. Am 26. und 27. ist der Erzherzog im Manöver, die Herzogin macht Besuche in Serajewo; die Reise ist „offiziell", der Erzherzog vertritt den Kaiser und teilt sich mit seiner Gattin in die repräsentativen Aufgaben.
Am 27. abends ist große Hoftafel in.Jlidze. Nach dem Diner bleibt ein intimer Kreis um den Erzherzog, dessen besonders gute Stimmung auffällt. Als man zur Ruhe geht, hat bereits der 28. Juni begonnen. Die strahlende Sommersonne dieses Tages, als sie bald danach aufgeht, weiß nicht, daß ihr Untergang Alt-Oesterreichs Abendrot werden soll; sie weiß nicht, daß von diesem Tage ab der Untergang einer in Jahrhunderten gewordenen Menschenwelt datiert werden wird.
Frühmorgens am 28. läßt der Erzherzog seinen Dienstkämmerer Freiherrn vo n Morsey rufen und diktiert ihm zwei Telegramme, eins davon an seine Tochter Sophie. Dann geht er zur Messe, die Herzogin empfängt die Kommunion, darauf gehen beide mit ihrer Begleitung zum Bahnhof Jlidze. Um 9.30 Uhr bringt der Hofsonderzug das Herzogspaar mit seiner Suite nach Serajewo. Dort erwartet der Gouverneur von Bosnien, General von Poti o re k, den Erzherzog. Man besichtigt zuerst das Philipovic-Lager, dann werden die Automobile bestiegen; im ersten fahren die Hoheiten mit General Potiorek, auf dem Vorderplatz sitzt neben seinem Chauffeur der Eigentümer des Wagens, Graf Franz Harr ach. Fünf weitere Wagen folgen.
Als die Postdirektion erreicht ist, ertönt eine schwache Detonation. Man sieht einen Mann ins Wasser springen, und halb links vorn beim zweiten Auto erfolgt mit großer Gewalt eine Explosion. Eine Bombe ist geworfen worden. Der Erzherzog hat sie, die der Attentäter — Cabrinovic — von unten herauf, um ganz sicher zu treffen, langsam in das vorbeifahrende Auto geworfen hat, auf sich zufliegen sehen, beherscht sich aber vollkommen, um die ahnungslose Herzogin nicht zu erschrecken, und streift die Bombe mit dem Handrücken ab. Sie fällt auf das offene, weiche, federnde Wagendach, rollt von da auf den Boden und explodiert halb unter dem Vorderteil des zweiten Wagens. Die Herzogin ist von einem Splitter im Gesicht getroffen, Oberstleutnant von Merizzi im zweiten Wagen blutet heftig aus einer Wunde am Hinterkopf. Gräfin Can jus, selbst von einem Eisensplitter im Gesicht getroffen, gerät trotz der
ungeheuren kritischen Situation nicht in Verwirrung, sondern stillt mit ihrem Taschentuch dem Verletzten das in Strömen herabfließende Blut. Graf Boos, der Besitzer des zweiten Wagens (der zerstört ist), ist von mehreren Bombensplittern getroffen, viele Passanten tragen mehr ober minder schwere Verletzungen davon.
Der Erzherzog läßt sofort halten und erkundigt sich, ob seiner Suite nichts geschehen fei. Der Attentäter, der, auf feine Hände gestützt, im seichten Flußwasser liegt, wird sofort festgenommen und am anderen Ufer ans Land gebracht.
Vor dem Rathaus soll der offizielle Empfang ftattfinöen. Dort steht der Bürgermeister und will seine Begrüßungsrede halten. Der Erzherzog, der zuerst den Wagen verlassen hat, ist maßlos erregt, aber er beherrscht sich meisterhaft. Doch ganz kann *x nicht schweigen. Ehe der Bürgermeister den Mund öffnet, sagt der Erzherzog zu ihm: „Was ist das, Herr Bürgermeister? Man kommt in Ihre Stadt, um Sie zu besuchen, und da wird man mit Bomben empfangen!" Dann faßt er sich schnell und fügt hinzu: „So, jetzt können Sie Ihre Rede halten!"
Während der langen Ansprache, die von herzlichem Willkommen und unwandelbarer Treue handelt, steht der Erzherzog mit grimmigem Gesichte da, dann lieft er von einem Blatte mit kalter Stimme seine Erwiderung herunter und begibt sich, am Arm die Herzogin, in das Vestibül des Rathauses. Die Herzogin wird in den ersten Stock geführt, wo türkische Damen zu ihrer Begrüßung erschienen sind. Eine kleine Türkin überreicht ihr einen Blumenstrauß. Der Erzherzog sendet Baron von Morsey zu ihr mit dem Auftrag, sie zu holen und in das Schloß zu fahren. Die Herzogin weigert sich mit den Worten: „Solange der Erzherzog sich heute in der Oeffentlicy- keit zeigt, verlasse ich ihn nich t."
Inzwischen bespricht das Gefolge, was zu tun ist. Der Erzherzog fragt: „Was tun wir jetzt? Wird das mit dem Bombenwerfen so weitergehen? Oder werden wir totgeschofsen werden?" Der Landeshauptmann erwidert: „Ich garantiere, daß kein Attentat mehr geschieht. Die Täter sind sämtlich verhafte t." — „Na", sagt Franz Ferdinand, „man wird sie wohl eher mit dem Verdienstkreuz aus- zeichncn."
Es wird beschlossen, nicht mehr durck) die innere Stadt, sondern direkt zum Schloß zu fahren. Herr von Bardolff, aus dem Gefolge des Erzherzogs, resümiert noch einmal die von General Potiorek angegebene neue Fahrstrecke und ersucht den Polizeikommissar, sie genau zu wiederholen. Der aber ist erregt und eilig, überhört das Ersuchen und springt mit einem kurzen: „Ja, ja, gewiß!" zur Tür hinaus und zu seinem Auto hinunter. Dies ist das ausschlaggebende Moment, das den äußeren Um st and der Attentatsmöglichkeit auslöst!
Die Autos werden wieder bestiegen. Voraus fährt ein Führerauto mit dem Bürgermeister und dem Polizeikommissar; dieser, der vorher schlecht zugehört hat, vermeidet nicht die vorher genau erwähnten, zu vermeidenden Gassen, sondern bi e g t im G e - genteil in diese ein. Auf dem Wagen des Erzherzogs, seitlich auf dem Trittbrett, steht Graf Harrach, um den Erzherzog zu decken.
General Potiorek sieht den verhängnisvollen Fahrtirrtum und ruft: „Halt! Was ist denn los?
Was mein einst war...
Vornan von Klothilde von Stegmann.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.)
15 Fortsetzung Nachdruck verboten!
Das Auto, das Edele gehört, war Siemens Wagen gewesen. Bald saß er in dem kleinen Wohnzimmer Miß Crab gegenüber.
„Ich habe mich ganz plötzlich entschlossen, hierher zu kommen, weil ich mit Ihnen, Miß Crab, über Edele reden möchte. Ich habe die Absicht, sofern Edeles Erziehung zu einer Dame von Welt vollendet ist, sie hier fortzunehmen. Selbstverständlich würde ich Sie für den vorzeitigen Verlust Ihrer Pensionärin entschädigen", fuhr er verbindlich fort, denn er sah einen enttäuschten Ausdruck in Miß Crabs knochigen Zügen.
Da lächelte Miß Crab und beteuerte, daß Edele wirklich eine Lady comme il taut geworden — und was ihr an gesellschaftlicher Sicherheit fehlen mochte, das würde sie sehr schnell lernen.
„Ich habe kaum eine junge Dame gehabt, Herr von Siemen", beteuerte Miß Crab, „ die so viel natürliche Anmut und geistige Fähigkeiten gehabt hat. Auch im Charakter ist sie sehr sanft und fügsam gemorden, mährend mir zuerst mit ihrem heftigen Temperament doch zu schaffen hatten. Aber sie hat sich bald in unsere Erziehungsmethoden gefügt."
Es gab noch Verschiedenes zu besprechen, bis alles klar mar. Herr von Liemen mollte also, so sagte er zum Schluß, in den nächsten Tagen Edele von einer oertrauensroürbigen Gesellschafterin, die er hierfenden mürbe, abholen lassen und zunächst nach einem eleganten Kurort schicken, damit sie sich langsam an das große Leben draußen gemöhnte. Aber immer noch mollte er selbst im Hintergründe bleiben und auch aus diesem Grunde diese Nacht noch abreisen.
„Allerdings", so fügte Liemen hinzu, „eins be- ba'ure ich, daß ich meine kleine Schutzbefohlene nicht sehen kann. Ich müßte doch gern, mie sie in Wirklichkeit gemorden ist. Bilder können schmeicheln und geben nie den richtigen Eindruck."
Miß Crab sah Liemen mit einem eigentümlichen Blick in die Augen, bann erhob sie sich schmeigend unb rointte, ihm zu folgen.
Sie entnahm einer Schublabe eine kleine, ab- geblenbete Lampe unb ging vorsichtig vor ihm her durch die nächtlich stillen Gänge. Vor einer Tür machte sie Halt unb öffnete sie unhörbar.
Liemen folgte mit leisem Schritt. Beim Schein der abgeblenbeten Lampe sah er ein schlafenbes, junges Mäbchen von überirbischer Schönheit, mit einem Gesicht, mie man es auf Bilbern alter Meister finbet. Ebele lag, die zarte Wange in den schlanken Arm geschmiegt, in ihrem Bett, ihre langen
Wimpern zitterten in leisem Atem. Der Mund mar zmischen Kindlichkeit und Ermachtsein mie eine kostbare Frühlingsblüte. Das ganze atmete einen unbeschreiblichen Hauch von Reinheit und Schönheit.
Fühlte die junge Schläferin den Blick des Mannes?
Sie mürbe unruhig; ein Seufzer brang über bie leicht geöffneten Lippen. Leise trat Liemen zur Tür zurück. Miß Crab folgte ihm, ihr Licht vorsichtig mit ben Hänben schirmenb.
„Habe ich zu viel gesagt, Mister Liemen, menn ich Ihnen von ber ungemohnlichen Schönheit Ebeles schrieb?"
„Sie roirb eine munbervolle Frau roerben unb mirb ganz bas Zeug bazu haben, bie Rolle zu spielen, bie ich ihr an meiner Seite zugebacht habe!" gab Liemen zur Antmort. Ein grausames Lächeln entblößte seine sehr großen, sehr meißen, tabellosen Zähne.
In bem Augenblick, in bem er biefe junge Mäbchenknospe gesehen, mar auch Lous Geschick entschieben *
Wenige Tage barauf mürbe Ebele in bas Sprechzimmer von Miß Crab gerufen. Sie erschrak heftig. Was hatte sie begangen? Denn ein solcher Ruf zu Miß Crab verhieß nichts Gutes.
Als sie aber angsterfüllt unb zaghaft nach kurzem Anklopfen ins Zimmer trat, roanbte sich Miß Crab mit einem ganz ungemohnt freunblichen Ausbruck im Gesicht nach ihr um.
„Setzen Sie sich hierher, Ebele!" gebot sie. „Ich habe Ihnen eine Eröffnung zu machen, bie Ihnen sicherlich nicht unangenehm sein roirb. Ich Ijabe Ihrem ungenannt sein rooüenben Gönner berichtet, baß Ihre Erziehung hier bei uns abgeschlossen ist, unb baß ich es für angezeigt halten würbe, wenn Sie nun einmal in bas wirkliche Leben hinauskämen. Ihr Gönner hat baraufhin beschlossen, Sie unter Begleitung einer von ihm ausgewählten Gesellschaftsbame von hier fortzunehmen unb zunächst auf Reisen zu schicken. Halten Sie sich bereit, schon morgen mit ber Dame, bie ankommen roirb, zu fahren, zunächst nach Deutschland, nach Baben- Baben, roo Sie bas Leben ber großen Welt kennenlernen sollen."
Mit ungläubigen Augen hatte Ebele ber Rebe von Miß Crab zugehört. Nun begann sie zu zittern:
„Ich soll fort von hier, fort...?" fragte sie leise unb stockenb. Als Miß Crab nickte, stürzten Tränen aus Ebeles Augen: „Enblich! Enblich!" flüsterte sie, unb nun zog über ihr liebliches Gesicht ein Ausbruck seliger Hoffnung.
Mit eigentümlicher Miene, in bie sich beinah etwas Schabenfreube mischte, sah Miß Crab ben fassungslosen Jubel bes jungen Mäbchens.
„Sie scheinen ja sehr glücklich, von hier fortzukommen", sprach sie schneibenb. „Nun, hoffentlich sehnen Sie sich nicht noch einmal nach Crab-Cottage zurück!"
Da richtet- sich Edele. hoch auf. Das Gedrückte,
Wir fahren ja falsch!" Man ist an der Ecke angekommen, wo bie Franz-Joseph-Straße vom Quai abbiegt, unb ber Führerwagen biegt oom Quai in die Franz-Joseph-Straße ein. Der zweite Wagen ist dicht hinter ihm. Er stoppt einen kleinen Augenblick ganz nahe am Bürgersteig ab. Wie der Fahrer zum Hebel greift, um zu wenden, kracht in die lauten Rufe des Volkes hinein ein Schuß, ein zweiter, ein dritter. Der Laut der Schüsse ist nur schwach. Es scheint, als hätten sie ihr Ziel verfehlt. Sie kamen von rechts vorn, von der Seite der Herzogin her. Graf Harrach steht auf der linken Seite. Der Landeschef ruft: „Schnell zum Schloß!" Während das Auto anfährt, fällt die Herzogin ihrem Gatten an die Brust und dann auf den Schoß. Der Erzherzog sinkt im Wagen zurück und bleibt in dieser Stellung bis zur Ankunft im Schloß. Die Herzogin scheint ganz unverletzt, dem Erzherzog schießt ein Blutstrom aus dem Munde in das Gesicht des Grafen Harrach. General Potiorek versucht, die beiden Getroffenen aufrecht zu halten.
Der Wagen rast in der Richtung zum Schloß. Die Herzogin ist bewußtlos. Franz Ferdinand will noch sprechen: „Sopherl, Sopherl, stirb mir nicht, bleib für unsere Kinder!" hort Graf Harrach ihn lallen. Sie hort ihn nicht mehr, sie droht vornüber zu fallen, aus dem Unterleib rinnt in Stomen das Blut.
Man fährt am Schlosse vor. Die Offiziere des Gefolges tragen den Erzherzog hinein; er lebt noch, aber er ist bewußtlos. Der Chauffeur trägt die Herzogin ins erste Stockwerk. Sie ist schon tot, aber man weiß es noch nicht. Man bemüht sich um sie, entkleidet sie und holt Aether aus der Apotheke. Der Thronfolger atmet noch, doch nur ganz leise. Sein Puls ist kaum noch zu spüren. Die rechte Schlagader dicht am Hals ist zerrissen.
Die Aerzte und die Offiziere trennen mit fieberhafter Hast die Kleider des Erzherzogs auf. Mit einer Schere wird das Hemd aufgeschnitten, man setzt den Erzherzog auf, ein Blutstrahl schießt aus seinem Munde, der nachlassende Druck des Blutes verschafft ihm Erleichterung. Die Atmung wird wieder sichtbarer. So gibt man die Hoffnung nicht auf.
Die Aerzte wollen den Erzherzog ins Garnison- Hospital bringen, um ihn zu operieren. Man spricht zu dem Blutenden und fragt ihn, ob er Aufträge an seine Kinder habe. Von feinen erstarrenden Lippen kommt keine Antwort.
Es ist kurz vor 11 Uhr, als der Regimentsarzt Dr. Peyer sagt: „Hier ist jede menschliche Hilfe ausgeschlossen. Seine Kaiserliche Hoheit hat ausgelitte n." Ihn hat die erste Kugel getroffen. Die zweite, die General Potiorek treffen sollte, ist. durch bie Autowand schlagenb, ber Herzogin in ben Leib gebrungen, hat bie Bauchschlagaber burchschossen unb ihren sofortigen Tob herbeigeführt.
Ein Geistlicher erscheint unb spenbet bem Erzherzog bie letzte Oelung. Von Priestern begleitet erscheint ber Erzbischof Stäbler im Schloß und verrichtet bie üblichen Gebete für die Toten. Spät abends erfolgt die Obduktion, danach die Einbalsamierung durch den Leibfriseur des Thronfolgers. „Das Antlitz des Erzherzogs ist finster, wie es kurz vor seinem Verscheiden gewesen war; das Gesicht der Herzogin trägt das starre Lächeln, das dem Publikum gegolten hatte."
Der Mörder, Gavrilo Princip, hat, als er seine Tat gelungen sieht, den Revolver an den Kopf gehoben, um sich mit dem nächsten Schuß selbst zu töten. Baron Greyn und Baron von Morsey stürzen sich auf ihn und versetzen ihm mehrere Säbelhiebe. Von allen Seiten regnet es Schläge auf ihn, Polizisten, Offiziere und Zivilisten schlagen auf ihn ein. Es entsteht ein Handgemenge, an dem sich auch die Komplizen des Mörders beteiligen. Dabei benimmt sich die Polizei teils provokant, teils ungeschickt unb hinbert selbst bie Männer aus ber Umgebung bes Erzherzogs an ber Verhaftung bes Mör» bers. Dann überwältigt man ben Attentäter und schleppt ihn blutüberströmt zur Polizeistation.
In ben nächsten Stunben jagen bie Telegramme mit ber grauenvollen Nachricht aus bem Konak von Serajewo in alle Welt. Als ber Tag zu Enbe geht, wissen nur wenige, baß man von ihm aus ben Beginn einer Weltwenbe rechnen roirb ...
Was heißt: Arab fera stop?
Briefe, die sie doch erreichten. — Oie Detektei der Reichspost.
In einem kleinen schlesischen Dorf gab vor einiger Zeit ein Einwohner einen Brief auf, auf besten Umschlag als Empfangsangabe zu lesen war: Herrn Schulze, ber im Jahre 1912 an ber Ecke Frieb- rich- unb Karlstraße in Berlin gewohnt hat. Es vergingen noch keine brei Tage, ba hänbigte ber zuftanbige Berliner Briefträger bem besagten Herrn Schulze bas für ihn bestimmte Schreiben aus. Wie ist es möglich, fragt man, baß bie Post in ber Lage ist, in einer 4-Millivnen-Stabt einen Menschen ausfindig zu machen, besten Abresse ihr noch nicht einmal annähernb bekannt ist.
In ben Räumen bes Berliner Hauptpostamtes in ber Königstraße befinbet sich bie Postaus - Funftsftelie, bie größte Deutschlanbs. Sie bient nicht nur ber Erforschung mangelhaft adressierter Sendungen, sondern steht bem Publikum zu jeber Art von postalischen Auskünften kostenlos zur Verfügung. Drei Beamte haben vom frühen Morgen bis in bie späten Nachmittaasstunben hinein all ben Fragestellern gewissenhaft Rebe unb Antwort zu stehen. Telephonisch, brieflich unb münblich müssen bie seltsamsten Dinge für bie wißbegierigen Kunben ermittelt roerben. Das Entgegenkommen ber Beamten geht sogar so weit, baß sie die oft sehr törichten Fragen bes Publikums, bie mit biefer Stelle eigentlich gar nichts mehr zu tun haben, nach Möglichkeit zu beantworten versuchen.
Da mochte zum Beispiel einer wissen, ob es in Berlin einen Verein ber „Dickleibigen" gäbe. Er
wirb an bas Reichsgesunbheitsamt verwiesen, roo er vielleicht inzwischen erfahren hat, ob es in ber Reichshauptftabt einen berartigen Klub gibt. Eine junge Dame interessiert sich bagegen für ben augenblicklichen Stanbort bes Liliputanerpostamtes. Der ausfunfterteilenbe Beamte hält biefe Frage Der» stänblicherroeise im ersten Augenblick für einen reichlich verspäteten Aprilscherz, erfährt bann aber von seinem Vorgesetzten, baß es tatsächlich ein Postbüro für Liliputaner gäbe, bas als befonbere Sehenswürdigkeit auf Rummelplätzen und Jahrmärkten gezeigt wird.
„Sagen Sie, können Sie mir nicht einen guten Rechtsanwalt empfehlen", fragt eine tiefe Männerstimme, während am Nebenapparat jemand wissen möchte, ob „Lucien" ein männlicher ober weiblicher Vorname ist. Kaum hat ber Beamte ben Hörer aufgelegt, ba ertunbigt sich ein Berliner Hotel, was ein Telegramm mit ben geheimnisvollen Worrten Arab fera st o p zu bebeuten habe. Es wird die Auskunft erteilt, daß dieser Satz aus dem Hoteltelegrammschlüssel stammt «mb in der Übersetzung bedeutet: Zimmer mit zwei Betten, Ankunft 7 Uhr abends. 5 5 0 bis 6 0 0 Auskünfte werden am Tag von dieser Stelle aus erteilt. Die Hauptarbeit stellen jedoch die unzähligen Briefe dar, deren Empfänger meist infolge von Nachlässigkeit des Adressanten nicht sofort ermittelt werden können.
Allein beim Postamt C 2 in Berlin treffen täg-
Aengstliche fiel von ihr ab wie eine zu lange getragene Maske. Haß unb Verachtung sprühten aus ihren blauen Augen:
„Hierher zurücksehnen, Miß Crab? Jetzt, wo Sie nicht mehr über mich zu bestimmen haben? Wo Ihre Macht zu Enbe geht? Nun kann ich es Ihnen ja sagen: ich werbe mich ebensowenig hierher zurücksehnen, wie ich mich nach ber Hölle sehnen werbe!"
Ehe Miß Crab, außer sich über ben plötzlichen Ausbruch Ebeles, etwas zu sagen vermochte, hatte bas junge Mäbchen bie Tür hinter sich zugeschlagen. Mit grausamem Gesicht sah Miß Crab ihr nach. Also hatte man Ebele boch noch nicht genügenb unterbrückt, wenn sie solcher Ausbrüche fähig war. Nun, biefer Mister Siemen sah gerabe so aus, als ob er noch stärkere Hänbe für ben hätte, ber sich ihm wibersetzte. Das würbe Ebele sehr balb spüren.
In bem „Schwäbischen Hof" in Baben-Baben saß unter bem Sonnenbeck eines großen Hotelgartens eine junge Dame in einem weißen Spitzenkleib, mit weißem Schäferhut, unb sah mit heiterem Entzücken auf bas Bilb sommerlicher Eleganz, bas sich ihren Augen barbot. An bunten Kärntischen saßen fröhliche, licht gefleibete Menschen unb tranken bei ben Klängen ber Hotelkapelle, bie in bem kleinen Pavillon spielte, ihren Mittagstee. Kellner balancierten Bretter mit Kuchen unb Eis, Blumenverkäuferinnen flanierten burch bie Menge, unb hier unb bort mürben buftenbe Sträuße von galanten Kavalieren schönen Frauen überreicht.
Eben bahnte sich ein kleiner Boy, in einer lichtblauen Uniform, bas blaue Käppi schief auf bem Kopfe, einen Weg burch bie Tanzenben, bie auf bem Tanzparkett, bas in ben Rasen eingelassen mar, hin unb her glitten. Mit einer tiefen Verneigung übergab er ber jungen Dame in bem weißen Spitzenkleid einen Strauß taufrischer Maiglöckchen, die mit einer lichtgrünen, schweren Seidenschleife zusammengebunden waren. Eine Karte hing daran.
„O sehen Sie nur, Mademoiselle Celia, schon wieder ein Strauß! Von wem mag er sein?"
Die nicht mehr ganz junge, aber fesche Dame, die mit Mademoiselle Celia angeredet wurde, lächelte:
„Nun — sehen Sie doch nach! Oder soll ich raten? Sicherlich von dem jungen Ungarn, der Sie gestern zum ersten Tango aufforderte."
Edele öffnete den schmalen Umschlag und schaute auf die Karte.
„Recht geraten, Mademoiselle! Ein treuer Verehrer!"
„Nun, er darf ruhig treu fein, wenn er nur Ihr Herzchen nicht beunruhigt, Edele", warf die gut zurechtgemachte Französin, der nur Kenner ihre Äahre ansahen, leicht hin, aber dabei traf Edele ein forschender Blick. „Sie kennen die Abrede, die ich mit Ihrem unbekannten Gönner hatte. Sie dürfen sich amüsieren so viel Sie wollen, aber verlieben dürfen Sie sich nicht.* 1
Edele lachte klingend:
„Verlieben, Mademoiselle? Verliebt bin ich höchstens in das Leben — aber in einen Mann? Was ist denn das: Verlieben?"
Und sie sah mit unschuldigen Augen, in denen noch das Nichtbegreifen des Kindes lag, die Französin an.
Celia unterdrückte ein spöttisches Lächeln — das war hier wirklich noch ein Kind, das Liemen ihr zu hüten gegeben hatte. Und als jetzt ein eleganter junger Herr auf die beiden zukam, sich erst fragend vor der Gesellschafterin, bann bittenb vor Edele verbeugend, lächelte Celia Gemährung. Mit strahlendem Gesicht schritt Edele an der Seite ihres Tänzers zu der kleinen Tanzfläche, die parkettiert zmischen dem samtenen Grün des Parkrasens lag.
Wie sie so ging in ihrer zarten, mädchenhaften Gestalt, in dem meißen, duftigen Spitzenkleid, dem großen Schäferinnenhut, unter dem das Goldgespinst des Haares sich hervorstahl, unter dem goldfarbene Augen mie zmei Sonnen strahlten, mar sic die Verkörperung des Frühlings, des eben ermachten, rührenden und berauschenden Frühlings. Kein Wunder, daß alle Blicke ihr folgten, als sie nun zum englischen Walzer mit ihrem Partner antrat.
Celia sah ihr sinnend nach. Meisterhaft hatte Liemen das gemacht mit dieser kleinen Norroegerin. Meisterhaft mie alles, mas er anfaßte: Geschäfte, Leben und Frauen. Nach dieser gefängnisartigen Pension auf der Insel Wight ließ er die Zügel locker, roeefte in dem Kinde ben Dürft nach Glück, Leben, Luxus — unb mürbe sie bamit gefügig machen für alles, mas er vor hatte.
Ein harter Zug grub sich in Celias Gesicht. Jetzt, roo sie allein unb unbeobachtet war, konnte sie bie Maske abroerfen. Unter biefer Maske war ein sehr mübes, sehr unglückliches Frauengesicht, besten Linien von einem bewegten Leben erzählten.
Wie schnell ein paar Jahre vergingen! Es mar noch gar nicht so lange her, zehn Jahre vielleicht, baß auch sie so in Luxus unb Glanz gelebt hatte — bamals, als sie ben Beteuerungen Siemens geglaubt unb mit ihm geflüchtet mar aus bem Elternhause. — Ein jähes Erroachen mar einem kurzen Liebesrausch gefolgt. Dann mar sie immer tiefer abgeglitten unter bem bämonischeck Willen bes Mannes — unb jetzt mußte sie froh fein, baß er sich ihrer entsann unb sie aus ber Armut ihrer kleinen Provinzstabt in Sübfrankreich herausgeholt hatte als Garbebame für bieses neue Opfer.
Fast mollte sie Mitleib überkommen mit bem Schicksal, bem Ebele entgegenging. Aber für solche Sentimentalitäten mar man nicht reich genug. Man durfte sich Siemens Wohlmollen nicht verscherzen. Hatte das Schicksal denn mit ihr selbst Mitleid gehabt? Edele mar nicht bie erste unb mürbe nicht bie letzte sein, bie an Männern mie Siemen zu- grunbe gingen.
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