Kr. 96 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheilen)Mittwoch, 25. April 1934
Gegen die Landflucht! Werbekundgebung
Gauleiter^eichsstatthalierSprenger greift durch!Ides Stammes II Geusen, Gießen.
Ein Aufruf Sprengers an die zuständigen Behörden und Arbeitsführer im Hhein-Main-Gebiel
Arbeit und Brot braucht das deutsche Volk: Arbeit und Brot wird ihm der Führer geben. Auf vielen wegen der Arbeitsbeschaffung führt er es zu diesem Ziel; aber auch der unentbehrlichste weg ist seht die Arbeitsbeschaffung für das tägliche Brot selbst. Die brotgebende Scholle hat den obersten Anspruch an die Arbeitskraft des deutschen Bottes; darum darf kein sonstiger Wirtschaftszweig dem Bauern seine Arbeitskräfte wegnehmen. 3 e - des Abwandern und jedes Anwerben aus ländlicher Arbeit in gewerbliche, auch hauswirtschaftliche Stellen ist Sabotage am Ziel unseres Führers. Deshalb ordne ich folgendes an:
Die Führer der gewerblichen Betriebe sind dafür verantwortlich, daß alle ihre Arbeitsplätze ausfchlieh- lich mit Erwerbslosen, die für eine landwirtschaftliche Tätigkeit nicht in Frage kommen, beseht werden.
Die Gefolgschaft des Betriebes wacht darüber, daß in gewerbliche Arbeit keine Ar
beitskräfte eindringen, die in der Landwirtschaft gebraucht werden.
Die Arbeitsämter haben ihre Zuweisung landwirtschaftlich verwendbarer Arbeitsuchender in gewerbliche Betriebe unter allen Umständen zu verweigern; sie haben alle direkten Einstellungen dieser Art, die ihnen jetzt oder später zur Kenntnis kommen, zur Anzeige zu bringen.
Keine landwirtschaftliche Arbeitskraft darf jetzt oder in den kommenden Monaten ihren Arbeitsplatz verlafsen, auch dann nicht, wenn sich die Gelegenheit gewerblicher Arbeit bietet.
Für Botstandsarbeiter, Arbeitsdienstwillige und Landhelfer muh vollste Arbeitsbereitschaft für die Landwirtschaft gefordert werden.
Zeder Dien st an der Landwirtschaft ist Ehrendien st am deutschen Volk!
Frankfurt a. M.. 24. April 1934.
gez. Sprenger.
Freilicht-Festspiele, Auerbach i. Hessen.
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Wasa spricht im Thing zu der Jugend. (Dies Bild zeigt den zukünftigen Thingplatz Auerbach.-
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Blick auf die Werbekundgebung auf der Gießener Freilichtbühne. (Aufnahme: Baumann i. Fa. Photo-Pfaff.)
Oberbannführer Blumenröder bei seiner Ansprache an die Versammlung. — (Aufnahme: Baumann i. Fa. Photo-Pfaff.)
Am vergangenen» Sonntag fand auf der Freilichtbühne Gießen eine Werbekundgebung des Stammes Geusen statt. An der Veranstaltung nahmen auch der neuernannte Gebietsjungvolkführer Rupprecht Hainer, der mit Oberhessen besonders verbunden ist, und der Oberbannführer Walter Blumenröder teil.
Die etwas zerfallene Waldbühne bildete mit ihren Blockhäusern und den dunklen Tannen als Hintergrund einen feinen Platz für das Spiel der Jungen. Darbietungen des Spielmannszuges und frische Jungenlieder wechselten mit einem gutgelungenen Sprechchor, der den zahlreichen Besuchern Wesen und Arbeit des Deutschen Jungvolks darlegte. Eine ganz neuartige Massenbewegung, der eine gute Vorbereitung vorausgegangen war, trat in Erscheinung. Auf ein Zeichen erschienen erst einzelne, dann immer mehr und schließlich in hellen Haufen die Jungen, die das Anwachsen des Jungvolks überhaupt symbolisieren, auf den Spielplatz strömten.
Im Verlaufe des Programms sprach der Oberbannführer Oberhessens Walter Blumenröder. Er wies auf die neugestaltete Form der Jugend hin, die die Freude aller zur Freude des einzelnen erfassen muß.
Der zweite Teil der Kundgebung wurde von dem Spiel „Grenzwacht" ausgefüllt, das einen Ausschnitt aus dem großen Ringen des Deutschritterordens gegen die Polen brachte. Ibn. 11.6
Werbeabend
des Stammes Burgund in Wieseck.
In Wieseck stieg am vorigen Samstag als Kul- turabend eine Werbeveranstaltung des Stammes I Burgund. Der Führer des Stammes Karl S ch m u l- ' b a ch hatte die gesamte künstlerische Ausgestaltung besorgt.
I Der Abend zeigte, wie verschieden in seiner Eigen-
Seeräubere».
Geschichte eines Paddelbootes.
Äon Ernst Klotz.
Ich hatte früher nie an Paddeln, Rudern, Segeln gedacht und war eigentlich nur aus Verlegenheit in die Ausstellung geraten, weil die ersten Spritzer einen neuen Dauerregen ankündigten, und ich deshalb die nächsten Stunden lieber dort verleben wollte, wo sozusagen der Wassersport im Saale stattfand. Ich muß zugeben, daß ich bis dahin leider nur eine recht mangelhafte Vorstellung von Booten hatte. Die Hauptsache ist, dachte ich mir, daß kein Wasser hereinkommt, und daß nie mehr Leute darin sitzen als die Polizei erlaubt, und dann besteht der Unterschied, daß manche Kähne grün angestrichen sind und manche braun. Ich persönlich wäre eigentlich für ein schönes Blau, das gut zum heimischen Gewässer abgestimmt ist. Ganz apart müßte auch Gelb stin, außerdem sieht man da schon von weitem, wenn sich das Boot einmal in Seenot befindet, und ich käme bestimmt bald in die größte Seenot, wenn ich ein Seemann wäre. Ja, wenn — eigentlich ist es natürlich kein so übler Gedanke, Seemann sein und als sein eigener Kapitän am Sonntag eines der kleinen hübschen Boote fahren. Das hat sogar bestimmt seinen Reiz!
Auf jeden Fall nahm ich mir zunächst mal möy- lichst viele Prospekte mit. Daheim studierte ich sie bis m die tiefe Nacht und war schon mehrmals fest entschlossen: dies Boot oder keins! Da überzeugte mich der nächste wieder, daß ich gerade mit meinem Laienverstande wieder den schlimmsten Seelenverkäufer gewählt hatte, der je über Wasser gefahren ist Drei Zentner Blei um den Leib binden und damit in die Fluten springen, wo sie am tiefsten sind und ich hatte mehr Aussicht, wieder lebend an Land zu kommen, als wenn ich das Konkurrenzfabrikat bestieg und damit im Abstande von einem Meter am Ufer entlang plätscherte. Schließttch sagte 'ch mir: Vor allem keine Experimente! Ein möglichst stabiles Boot wird für dich das richtige sem! Ich ah nun die Anzeigen in den Zeitungen durch und hatte das Glück, daß der Mann, den ich zuerst aufsuchte, mich gleich überzeugen konnte daß sem Schiffchen zufällig gerade alle meine Ansprüche erfüllte. Es lag ihm sichtlich nichts daran, seinen räuber" loszuwerden. Er hatte nur das Pech, daß er aus beruflichen Gründen in eine Gegend wegzog, in der kein Wassersport möglich war. Der Preis sur das Boot war allerdings nichts wesentlich niedriger als für ein neues, und an Handeln war leider auch nicht zu denken, weil ein Schwager und „noch em anderer Herr" sich schon für das Fahrzeug interessierten und jeden Augenblick erscheinen konnten, um endgültig „Ja" zu sagen.
Ich sah ein, daß mir hier eventuell eine besonoers günstige Gelegenheit entgehen konnte, zumal auch vom augenblicklichen Besitzer die Behauptung recht einleuchtend begründet wurde, daß ein altes Boot
eigentlich viel wertvoller ist als ein neues, „denn", sagte er, „nehmen Sie zum Beispiel einmal an, die Werft verwendet zu frisches Holz, das dehnt sich dann und biegt und verändert sich, und dann haben Sie die Bescherung. Wir haben es voriges Jahr erlebt, daß ein Klubkamerad mit einem ganz neuen Boot am ersten Psingstfeiertag zum erstenmal in See stach, und wie der Mann am Pfingstmontag zurückgegondelt kommt, da denken wir, er hat sein Boot mit Maien geschmückt. Keine Ahnung ... da hat das Holz einfach im Wasser wieder ausgeschlagen, und nun können Sie sich einen Vers machen, wie der Kahn überhaupt aussah. Also steigen Sie als Anfänger nur in ein ausprobiertes, bewährtes Fahrzeug ein!"
Der Rat war vielleicht nicht so schlecht, kurz und gut, als ich mich von dem ollen ehrlichen Seemann verabschiedete, da hatte er bereits eine ganz erhebliche Anzahlung in der Tasche, und ich war sozusagen schon ein halber Kapitän. Ein ganzer sollte ich am nächsten Tage werden, denn der Mann bestand darauf, daß er sein Geld gleich bekam. Für den Preis, wie er sagte, eine absolute Voraussetzung. Ich war zeitig da, befühlte mein Boot von allen Seiten ging ab und zu aus dem Schuppen ins Freie, um kritisch nach dem Wetter zu schauen, und erkundigte mich bei einem Herrn mit dunkler Kapitänsmütze nach der Windstärke, war aber anscheinend an einen Laien geraten, denn klarer Bescheid war absolut nicht von ihm zu erhalten. So zog ich lieber meinen „Sieaismund Rüstig" aus der Tasche, um den fürchterlichen Schiffbruch noch einmal in allen Einzelheiten nachzulesen und mich vor allem zu orientieren, wie sich der Schiffszimmermann am besten in solch einer Lage verhält. Der Schiffszimmermann hat mir immer besonders imponiert. Er ist in der Stunde der Not der eigentliche Mann, von dem Leben und Tod abhängt. Er sägt und wütet mit der Art in den ungeheuren Bohlen und fügt Balken an Balken, daß es eine Lust ist, ihm zuzuschauen, obschon die gurgelnden Wasser um ihn bereits immer höher steigen.
Ich sah unwillkürlich meinen „Seeräuber" an. Nun, viel zu gurgeln würde das Wasser in diesem Falle nicht haben, aber ich werde doch für alle Fälle die Brettchen von einem Zigarrenkistchen mitnehmen. Es soll mir niemand nachsagen können, daß ich leichtsinnig in See gegangen bin. Ich blickte auf das träge dahinströmende Wasser. Künftig würde ich also Sonntags ein Seeräuberleben führen, während meiner Urlaubswochen vielleicht sogar einmal Deutschland auf dem Wasserwege durchqueren. Da ließ mich die kräftige Stimme meines alten Seebären auffahren. Mit kurzem „Morgen!" begrüßte er mich, tippte an seine Mütze und griff grinsend nach meinem „Siegismund Rüstig". „Aha, alte Jugenderinnerungen!" — „Ja", sagte ich, „aber man kann auch nebenbei eine ganze Menge daraus lernen." „Na, Sie werden bestimmt mal ein tüchtiger See- mann. Uebrigens, wie steht es denn damit ...?' Ich verstand die betreffende Geste, holte die säuber
lich zurecht gelegten Scheine aus meiner Brieftasche und sah sie nicht ohne leichte Beklemmung auf Nimmerwiedersehen im Jackett meines Gegenübers verschwinden.
Immerhin, nun war ich unbestritten Herr über mein eigenes Schiff! „Sind Sie wohl so freundlich und tragen mein Boot mit ins Wasser?" — „Können wir machen!" Wir hatten beide ordentlich zu schleppen, aber ich war begeistert, als ich sah, daß der „Seeräuber" schwamm. Das war ja seine selbstverständliche Pflicht, aber es war doch ein erhebendes Gefühl, ihn ebenso sicher und ruhig auf dem Wasser liegen zu sehen, wie jedes Schlachtschiff und jeden Ozeanriesen. „Nun, wie wäre es mit einem kleinen Seemannstrunk, so zur Einweihung?" Der alte Kapitän war anscheinend weniger sentimental, aber er dachte vielleicht seemännischer als ich. Ich ging also mit ins Bootshaus, und der kleine Seemannstrunk dauerte wohl zwei Stunden. Endlich zahlte ich kurzer Hand die ganze Zeche, damit wir nun wieder ans Boot tarnen. „Ich fahre jetzt los!" sagte ich und ging schnell voran, blieb aber wie angewurzelt stehen, als ich meinen „Seeräuber" im Wasser liegen sah, ja, im Wasser, nicht mehr auf dem Wasser wie vorhin! Vielleicht zehn Zentimeter mochten gerade noch hervorragen, und das war das Boot, in das ich mich eben setzen wollte!
Ich sah mich nach meinem Begleiter um und stammelte: „Da, Wasser!" — „Ja", sagte er, „Wasser, leider nur reines Wasser, Alkohol ist es leider nicht!" — Wie kommt das? Hat da einer Wasser reingegossen oder ist das Boot gar gesunken?" — „Wie das kommt? Vielleicht ist das Boot gar nicht gesunken. Vielleicht ist nur das Wasser gestiegen. Also passen Sie mal auf! Das ist gar nicht ängstlich. Das ist bei jedem Boot so. Im Frühling, wenn es zum erstenmal wieder ins Wasser kommt, da muß es erst mal wieder ordentlich aufquellen. Deshalb keine Bange nicht! Wenn Sie am nächsten Sonntag wiederkommen, ist das bloß noch halb so schlimm." — „Also kann ich erst nächsten Sonntag fahren?" — „Nächsten Sonntag schon? Ich würde noch etwas warten! Und wenn Sie dem Boot noch etwas Gutes tun wollen, bann lackieren Sie's doch erst noch mal. Das macht man im Frühjahr gern." — „Lackieren?" — „Ja, lackieren. Aber natürlich müssen Sie erst mal den alten Lack herunterkratzen. Eine ganz schöne Arbeit. Aber Sie sollen auch mal sehen, wie dankbar Ihnen das Boot ist. Also machen Sie sich am nächsten Sonntaa mal den Spaß. Und nun Hals- und Beinbruch! Leben Sie wohl!" Ich habe ihn nie wieder zu sehen bekommen.
Am nächsten Sonntag war ich der erste Mann im Schuppen, zog meinen „Seeräuber" ins Freie und begann zu schaben und zu kratzen. Kein Gramm von der alten Lackschicht sollte mir entgehen. Ich rieb mit Sandpapier, ich trug ätzende Streichmassen auf, der Lack fing langsam an sich zu lösen. Gegen Mittag glaubte ich noch, daß ich vielleicht bis zum Abend fertig werden könnte, als ich aber in der vierten Stunde mit von der Streichmasse angefrejsenen Fin
gern schmerzvoll meine Thermosflasche aufschraubte, sagte ich mir selbst: „Mach dir nichts vor! Du hast mindestens noch zwei Sonntage zu tun. Im Anfang ging es flotter, aber jetzt an den kleinen winkligen Ecken kommst du ja überhaupt nicht mehr weiter."
Am dritten Sonntag schien es mir, daß ich das nächste Mal beftimmt fertig werden müßte, es war aber wieder nichts, ich kam kaum merklich vorwärts und war froh, daß ich gegen Abend wenigstens die vom Lack befreiten kantigen Sitzlehnen in das Boot wieder einsetzen konnte. Eine Menge Menschen standen dabei interessiert um mich herum, denn ich war beinahe schon eine populäre Figur geworden. „Der Mann, der sein Boot lackiert!" hörte ich ab und zu flüstern, und selbst aus der weiteren Gegend kamen Paddler und Paddlerinnen herbei, um mich bei der Arbeit zu besichtigen. Im Laufe der Zeit wurde ich mit mehreren von ihnen ganz gut bekannt, zumal sie mir in liebenswürdiger Weise kleine Stärkungen und Erfrischungen anzubieten pflegten, ehe sie in ihr Boot stiegen, oder wenn sie abends zurückkamen.
Eines Tages sagte ich aber doch voll Stolz: „Am nächsten Sonntag wird lackiert!" und packte meine Schaber und Spachtel zusammen. „Schon?" fragte skeptisch ein tiefbraun gebrannter Seemann, bückte sich, fing wortlos an, mit seinem Messer meinen „Seeräuber" an der Nasenspitze zu kratzen und sagte dann mit leichtem Vorwurf zu mir Greenhorn: „Aber warum wollen Sie denn nur die oberste Lackschicht abnehmen? Ich würde doch ganze Arbeit machen und das Boot erst wirklich mal vom Lack reinigen, aber wie Sie wollen!" Ich sah mir die mit dem Messer angekratzte Stelle an. Unverkennbar: drei weitere Lackschichten lagen unter der von mir mit solcher Mühe entfernten. Wieviel Wochen hatte ich schon geopfert, noch dreimal soviel, das macht, nach Halbjahren gerechnet ...!
„Am nächsten Sonntag wird lackiert!", sagte ich energisch, und wirklich acht Tage später stand mein Boot nicht nur mustergültig mit einer neuen glänzenden Lackschicht behäutet im Schuppen, sondern auch noch an bevorzugter Stelle in den „Nachrichten" als „besondere Gelegenheit", und ich hatte das Glück, daß der erste Mensch, der sich meldete, ein außerordentlich einsichtsvoller junger Mann war, der vollkommen begriff, daß ein Anfänger nur so ein ausprobiertes, bewährtes Fahrzeug besteigen soll, wie dieses hier. Die kleine Geschichte, die ich ihm von dem Klubkameraden ' erzählte, dem die Pfingstmaien ans dem Boot gewachsen waren, belustigte ihn ungemein. Er kam überdies durch prompte Bezahlung meinem Schwager zuvor, der sich außerordentlich für den „Seeräuber" interessierte, und wir schieden nach einem kräftigen See- mannstrunf im besten Einvernehmen, nur schien es mir, daß er leicht enttäuscht war, als ich ihm zum Schluß noch den guten Rat gab, dem Boot etwas Gutes zu tun und erst mal allen Lack zu entfernen und es dann neu zu lackieren, bevor die eigentliche Seeräuberei anginge.


