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hielt ihm schon ein Gläschen Rotwein an die Lippen, jon der Sorte, die er gern trank.
Holm Meerhold neigte sich dem alten Herrn zu: „Ich werde sofort einen Arzt holen."
„Nein, nein!" wehrte er bittend ab. „Wozu einen Arzt? Habe mich in den letzten Tagen zu wenig zeschont, und unsereins braucht das."
Er richtete sich ein wenig auf. Man merkte, welche Mühe ihm das machte. Regina schob ihm em Kissen unter Schultern und Kopf.
Er sah sie dankbar an.
„Liebe Regina, schade, daß Sie nicht früher tn mein Haus gekommen sind. Seit Sie hier wohnen, ist mir's, als wäre ein Töchterchen um mich herum." Er nahm ihre Rechte. „Schön, daß Sie und Holm Meerhold sich gefunden haben. Fortan bleiben mir drei, die wir uns so aut verstehen, aber beisammen. Irgendwie muß sich das machen lassen, mein Haus ist groß genug." Er flüsterte: „Immer allein sein, ist so traurig. Ihr beide aber paßt zu mir."
Er schloß die Augen, murmelte etwas Uiwer- ständliches. Plötzlich ruckte sein Kops hoch, die Augen blickten klar und scharf.
„Iustizrat Stein soll zu mir kommen; er wird heute sicher zu Hause sein. Laufen Sie rüber zu ihm, Frau Malwine. Rasch, rasch!"
Die Wirtschafterin beeilte sich, das Zimmer zu verlassen. Ihr war seltfum bang ums Herz, sie hätte laut aufweinen mögen.
Jobst Freese sah Holm Meerhold an, dann Regina.
„Nichts fragen, ich habe Eile mit dem Justizrat. Und jetzt möchte ich noch sagen: Wenn ich nicht mehr bis zu Ende an unserem Werk durchhalten kann, schreiben Sie es allein fertig, lieber Meerhold. Regina hat schon viele, sich auf die Arbeit bezie- hende Notizen von mir stenographiert und versteht damit richtig umzugehen. Es wäre schade, wenn die Arbeit liegenbliebe, falls..."
Er sprach nicht weiter, aber es lag ein Etwas in dem unvollendeten Satz, das den beiden dieselbe seltsame Bangigkeit aufzwang, die auch die Wirt- fchafterin bedrückte.
Sie wechselten einen Zrageblick, wollten sprechen und fanden doch nicht das richtige Wort.
Endlich sagte Holm Meerhold: „Wir beiden wer- den unsere neue Arbeit sicher gemeinsam beenden, Herr Landgerichtsdirektor."
Regina beobachtete erschreckt, wie das Gesicht des alten Herrn sichtlich verfiel. Es erschien ihr jetzt bedeutend älter als noch kurz zuvor, und sie dachte, man hätte doch nach dem Arzt senden müssen.
Es klopfte, und gleich darauf trat die Wirtschafterin ein, meldete: „Der Herr Justizrat kommt sofort."
Jobst Freese machte eine müde Handbeweaung: „Gut!" Wenn er kommt, führen Sie ihn sofort hierher."
Es klingelte draußen; es war schon Justizrat Stein.
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Diertelstündchen in mein Arbeitszimmer. Ihr habt sicher Sehnsucht nach ein bißchen Alleinsein; den Kuß gebt ihr euch ja in meiner Gegenwart doch nicht." , ,
Die Tür klappte fest hinter ihm ms Schloß. Befangen sahen sich die beiden an.
Regina begann ein wenig scheu: ,^ch bin Ihnen sehr, sehr dankbar, weil Sie so gut zu mir sind. Ich verstehe, Sie möchten ein Recht haben, mich zu schützen. Und trotzdem Sie wissen, ich habe mich auf eine Dummheit eingelassen, um derentwillen ich mir die verächtliche Behandlung der Frau von Stöbnitz gefallen lassen mußte, wollen Sie mich zur Frau. Das ist edel von Ihnen. Ich bin seit gestern so verängstigt, daß ich das Glück, fortan in Ihrem Schutz zu stehen, sehr zu schätzen weiß. Ich danke Ihnen herzlich. Sie lieben mich sogar, das ist auch wunderschön, aber ich..." Sie brach ab, sprach dann weiter: „Ich liebe Sie noch nicht! Sie wissen das auch. Sie fragten mich ja gestern, ob ich Peter Konstantin liebe, und ich antwortete: Ich weiß es nicht, aber es mag wohl so sein." Sie atmete tief auf. „Es ist auch so. Aber wie das gekommen ist mit der Liebe — ich kann's nicht sagen."
Er empfand unsäglichen Zorn gegen den anderen, der von der Liebe des schönen Mädchens nichts ahnte.
Er nahm ihre Rechte, küßte sie.
■ „Nennen wir uns vor allem du und mit Bornamen; unser Gönner dürfte sonst nicht mit uns zufrieden sein."
Er dachte: Mochte die Verlobung zunächst bestehen bleiben, es kam dann wohl ein Tag, wo er Regina sagen konnte, was es mit dem Geschenk des Ringes auf sich gehabt, und was er eigentlich beabsichtigt.
Er wollte doch keine Frau, die mit der Liebe zu einem anderen im Herzen sein eigen würde.
Wie golden das wundervolle Haar schimmerte, wie tief und ergriffen der Blick der dunkelblauen Augen war!
Sie sahen sich an, und Regina ahnte nichts von dem, was in dem Manne vorging.
Frau Malwine kam hastia ins Zimmer gelaufen: „Dem Herrn ist nicht wohl, er hat mich gerufen. Ich weiß nicht, was ihm fehlt, aber er sieht fo sonderbar aus."
Wer von den beiden schneller im Arbeitszimmer Jobst Freeses war, ob Holm Meerhold oder Regina Graoen, sie wußten es nicht. Fast ebenso schnell folgte ihnen die Wirtschafterin.
Sie fanden den alten Herrn in einem Klubsessel, halb liegend, die Beine weit von sich gestreckt. Er versuchte ihnen entgegenzulächeln, sagte mit rauhem und hörbarem Atem: „Mir ist eigentlich nichts — : nur keine Angst — mir ist nur ein bißchen schwind- lich — nichts weiter. Es geht vorbei."
; Regina Graven riß ihr Taschentuch heraus, das i noch sauber zusammengelegt war, und tupfte Jobst • Freese damit sanft über die Stirn, auf der große, i glänzende Schweißperlen standen. Die Wirtschafterin
Regina begriff kaum, was um sie herum vorging. Sie sah nur den goldenen Ring ohne Stein, hörte wie aus weiter Ferne die Worte des alten Herrn, und die Aehnlichkeit Holm Meerholds mit einem anderen Manne schien sich noch zu verdichten.
Sie dachte verworren: Wenn sie Holm Meerhold heiratete, wäre sie im Hafen; dann durfte sie nicht mehr an den anderen denken.
Sie hob den Kopf, fagte ganz laut und beinah feierlich: ,^Ich nehme den Ring und verspreche alles zu tun, damit Sie nie zu bereuen brauchen, ihn mir gegeben zu haben."
Der alte Herr lachte vergnügt: „Don jetzt an heißt es du in der Anrede, und nun küßt euch, Kinder! Ein alter Mann wie ich hat auch noch mal ganz gern seine Freude an so etwas!"
Holm Meerhold stand sekundenlang ganz benommen da. Den Erfolg feines kleinen und, wie er an-1 genommen, harmlosen Geschenkes hatte er nicht erwartet, und Jobst Freese trug die Schuld an einem großen Irrtum. Er hatte den Ring für einen Berlobungsring gehalten und auch in Regina den Glauben erweckt.
Sollte er widersprechen? Sollte er den Irrtum berichtigen und erklären, er hätte gar nicht daran gedacht, Regina Graven einen Berlobungsring zu geben?
Er sah Jobst Freeses zufriedenes, lächelndes Gesicht, sah den vertrauenden Ausdruck auf den Zügen Reginas und schwieg. Jobst Freese wiederholte: „Aber so küßt euch doch, Kinder! Oder geniert euch meine Gegenwart? Unsinn! Ich war doch auch einmal jung und habe mir volles Verständnis für junge Liebe bewahrt." Er rieb sich die Hände: „Wie rasch ihr euch gefunden habt!"
Er erinnerte sich erst an die Gegenwart der Wirtschafterin, als Frau Malwine vortrat und schmunzelnd sagte: „Ich möchte gern gratulieren, Fräulein Regina und Herr Doktor."
Holm Meerhold schüttelte ihr die Hand, lächelte, aber begriff immer noch nicht, wie er zu einer Braut gekommen war. Er fah nur ein, es war ganz unmöglich, den Irrtum jetzt noch aufzuklären. Das hätte ja auf Regina wirken müssen wie ein Schlag ins Gesicht.
Die Wirtschafterin bedankte sich bei Jobst Freese für die Geschenke urfb verlieh das Zimmer, um das Abendessen zu besorgen. Jobst Freese folgte ihr sofort, rief von der Tür her: „Nun gehe ich ein
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Mit leicht hochgezogenen Brauen stand er gleich darauf vor Jobst Freese, lachte kurz und sagte ein wenig polternd: „Aber verehrter Herr Nachbar, was gibt es denn Jo wichtiges am heiligen Abend, daß Sie mich als Störenfried in Ihre Feier rufen? Ich fah von draußen Ihren großen Tannenbaum.
Jobst Freese winkte der Wirtschafterin.
„Gehen Sie hinüber, Frau Malwine, damit der Baum nicht anbrennt." -
Er wartete, bis sich die Tur hinter ihr geschlossen, dann erst reichte er dem Gerufenen die Rechte. Es geschah matt und kraftlos, aber in dem Blick, der den Justizrat, einen stämmigen Fünfziger, traf, leuchtete Willenskraft.
Er bat leise: „Setzen Sie sich an meinen Schreibtisch, Herr Nachbar, ich möchte mein Testament machen. Eilen Sie sich, vielleicht habe ich nicht mehr viel Zeit." v _
Der Justizrat unterdrückte den Laut des Erstaunens, der ihm über die Lippen springen wollte, erwiderte freundlich: „Wie Sie wünschen, Herr Landgerichtsdirektor. Aber es hätte sicher noch ein Weilchen Zeit gehabt."
Er faß bereits, schaltete die Schreibtischlampe em und legte einen Bogen von dem in einem offenen Fach liegenden weihen Aktenpapier zurecht.
Jobst Freese begann nach einem formellen Satz klar und deutlich zu diktieren:
„Mein gesamtes Eigentum, bestehend aus einem Grundstück und einem Vermögen in guten, sicheren Papieren, sowie einem Barvermögen bei der Bonk Schnydder & Sohn, Berlin, Potsdamer Straße, vermache ich meiner Sekretärin, Fräulein Regina Graven, die ich liebgewonnen habe wie eine Tochter. Ich wünsche, dah Regina Graven in ihrer Ehe recht glücklich wird, und möchte ihr und ihrem zukuns- Ligen Gatten, der mir ebenfalls sehr wert ist, das Leben dadurch etwas erleichtern."
Er lächelte matt.
„Machen Sie das bitte formgerecht fertig, Herr Iustizrat, und dann bringen Sie es mir her zur Unterschrift!"
Seine letzten Worte hatten wieder fester gelungen. Jetzt straffte er sich auf, ihm schien bedeutend besser geworden zu sein.
Regina streckte ihm wie flehend die Hände entgegen:
„Um des Himmels willen, lieber guter Herr Land- gerichtsdirektor, das Testament dürfen Sie nicht unterschreiben. Absolut nicht! Ich habe ja nichts für Sie getan; ich dagegen Habs Ihnen schon für so vieles zu danken."
Der alte Herr wehrte freundlich ab:
„Halten Sie uns nicht auf, Kind, lassen Sie uns erst alles fertigmachen." Er erklärte laut, sich gewissermaßen an alle im Zimmer wendend: ,Hch bin völlig Herr meines Besitzes und habe keine Verwandten, die ich schädigen könnte, keinen einzigen Menschen."
(Fortsetzung folgt.)
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