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Das Rätsel einer Frühlingsnacht

Vornan von Gert Gothberg.

Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Verlag, Halle, Saclle

8 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Schmerzliches und Schweres? Ick weiß heute nicht einmal mehr, ob es schmerzlich und schwer war. Vielleicht war es nur eine Strafe?"

Rudolf?"

Entsetzen war in ihren Augen, Entsetzen in ihren Worten. Er kam zu sich, verstand sie. Erkannte, daß sie jetzt an ein Geständnis seiner Schuld ein Geständnis der furchtbaren Tat glaubte.

Seine Hand strich das dunkle Haar zurück.

Rudolf Härtlingen lächelte.

Und sagte leise, fest:

Ich habe es nicht getan. Beim Andenken an meine Mutter schwöre ich es dir, Tante Malchen!"

Tante Malchen stand auf. Sie konnte nicht an­ders; sie fiel ihm um den Hals.

Rudolf, ach, daß du das zu mir sagen konntest! Das! Jetzt halte ich immer zu dir, Rtckolf!"

3a ich danke dir! Aber erklären kann ich dir vorläufig nichts weiter. Vielleicht kann ich es spä­ter einmal. Ich stehe vorläufig selbst vor etwas Dunklem, Unfaßlichem, was aber die Wahrheit sein wird. Gedulde dich, Tante Malchen. Wenn ich das Rätsel gelöst habe, sollst du die erste sein, die es erfährt."

,Zch bin nicht neugierig. Ich bin froh, daß ich hier bei dir bleiben kann. Und der alten Gor- mann werde ich nicht in die Töpfe gucken; ich werde nur für dich da sein, wenn du mal einen Menschen brauchst, mit dem du sprechen willst. Ich mache gern Handarbeiten, bin ein bißchen im Park und im Obstgarten. Nützlich mache ich mich bestimmt, ohne deine alte Gormann zu beleidigen."

Wie gut und verständig du bist, Tante Malchen! Auf die Plauderstündchen mit dir freue ich mich wirklich", sagte er herzlich.

Ich mich auch! Das hatte ich mir schon lange vorgenommen. Ich bleibe also gleich hier bei dir. Meine Koffer stehen gepackt daheim. Seifert kann sie mir morgen ach du lieber Gott, der steht ja noch unten im Hof mit den Schimmeln. Bitte, ordne doch an, daß er etwas zu futtern bekommt für sich und die Pferde. Und dann soll er heimfahren. Warte, das sage ich ihm selber."

Tante Malchen ging an ihrem Stock hinaus.

Seifert verbarg ein schadenfrohes Lächeln.

Aha, also doch an die Luft gesetzt!, mochte er denken.

Tante Malchen sagte freundlich:

Seifert, das Grinsen hätten Sie sich sparen können! Ich bleibe nämlich hier, und morgen früh erwarte ich die zwei großen Koffer, die daheim in meinem Zimmer stehen."

Verzeihung, gnädigste Komteß? Ich"

Sie haben Hunger? Vielleicht auch Durst? Die Pferde auch? Kann ich mir lebhaft denken. Aber warten Sie noch ein bißchen! Es wird Ihnen gleich was gebracht werden. Auf Wiedersehen, Seifert!"

Stramm stand der Kutscher da. Tante Malchen wandte sich ihm noch einmal zu:

Seifert, bestellen Sie daheim bei meinem Bru­der einen schönen Gruß, und ich müßte dem Ge­heimrat vollständig recht geben. Im übrigen ließe ich in der nächsten Zeit von mir hören."

Sehr zufrieden mit ihrem Ausflug in die ver­botene Stadt ging Tante Malchen wieder die Treppe hinauf.

Gormann brachte dem Kutscher ein Tablett. Allerlei Gutes stand darauf. Seifert blickte sich das mit großen Augen an. Dann saß er auf der Holz­bank vor dem Küchenfenster und ließ es sich schmecken, während Gormann für die Pferde Hafer holte und einen großen Eimer mit frischem Wasser zurecht stellte.

Kopfschüttelnd Seifert all die guten Sachen. Und kopfschüttelnd fuhr er endlich heim.

Tante Malchen aber ging am Spätabend mit dem Neffen durch den Park. Er hatte ihren Arm durch den seinen gezogen. Er wollte es sich selbst nicht eingestehen, welch ein Geschenk ihm die An­wesenheit Tante Malchens war. Aber es war doch so. Er fühlte es während dieses verträumten Hin- schlenderns immer deutlicher, welch wertvoller Mensch die kleine alte Tante Malchen war.

Und Tante Malchen freute sich, daß sie diesem prächtigen Menschen etwas sein konnte.

Am anderen Tage kamen die Koffer, und Tante Malchen richtete sich in zwei schönen Zimmern von Schloß Härtlingen häuslich ein. Ein Bries war auch mitgekommen. Graf Eno tadelte seine Schwe­ster scharf, ging dann aber später in eine andere Tonart über und legte ihr ans Herz, wenn sie erst einmal Fuß gefaßt habe, ihre und feine Schwester Luise nebst ihrer Tochter Gerda einzuladen. Sie wisse, wie unversorgt Baron Herster die Seinen zurückgelassen habe, und ihm, Graf Eno, fiele es doch wahrhaftig schwer genug, ihr ab und zu eine Unterstützung zukommen zu lassen. Es wäre doch immerhin möglich, daß durch diese Einladung noch etwas Gutes bei dem ganzen Aerger herauskäme, den Rudolf feinen Angehörigen bereitet.

Tante Malchen faltete den Brief fein säuberlich zusammen und legte ihn in ein Fach des kleinen Mahagoni-Schreibtisches in dem für sie bestimmten, mit viel Geschmack eingerichteten Wohnzimmer.

Das könnte euch so passen. Die Gerda! Seht einmal an. Das habt ihr ja wieder einmal groß­artig ausgeheckt. Damit nur ja kein Glück nach Härtlingen kommt, denn diese gefallsüchtige, ober­

flächliche Modepuppe, die Gerda, die brächte es be­stimmt nicht hierher das Glück. Sieh einer an! Die Gerda! Mit einem Male ist wohl der Rudolf | fein Mörder mehr? Nein! Er soll feinen Frieden haben, der arme Junge. Frieden in erster Linie vor , beutegieriger, heiratswütiger Verwandtschaft!"

Uebrigems, wie schrieb denn da Eno? Glaubte er, daß sie auf solche Befehlshabertöne hin ihre Rente schicken werde? Nein, da mochte er sich doch etwas manierlicher benehmen, wenn er diese Rente auch weiterhin haben wollte. Sie würde da doch erst einmal abwarten, bis der nächste Brief kam und in welchem Sinne der gehalten fein würde.

Die Wochen vergingen.

Tante Malchen ging zum Friedhof hinüber und trug Blumen hin. Sie sagte nichts, wenn Rudolf sie einmal auf einem dieser Wege traf und, ihr Ziel erkennend, sich wortlos wegwandte.

Graf Härtlingen ging auch nachts nicht mehr zum Friedhof. Er verlachte sich jetzt ob seines Schmerzes um die schöne, falsche Lelia. Sämtliche Bilder, die von ihr herumstanden, hatte er weg­geräumt. Er sagte sich auch, daß die alten Gor- manns vielleicht in dieser plötzlichen Wandlung eine Schuld sehen könnten, nachdem er solange den vor Schmerz halb Wahnsinnigen gespielt hatte. Aber es war ihm gleich, was seine zwei alten Getreuen dachten.

*

Rudolf Härtlingen kam vom Vorwerk nach Hause. Er war seit früh vier Uhr da draußen gewesen, hatte mit dem Förster und dem Rentmeister aller­lei besprochen, war im Walde und auf den Feldern gewesen. Vom Vorwerk aus gehörten noch einige Morgen zur Selbstbewirtschaftung.

Die Luft bekam ihm gut. Seine Augen blickten wieder klar und besonnen. Er konnte es fast nicht erwarten, daß der Vertrag mit dem Pächter ablief, damit er die Aufsicht über seine riesigen Felder, Wälder, Wiesen wieder selbst übernehmen konnte.

In der Nachbarschaft verhielt man sich vorläufig noch passiv. Aber Freiherr von ©Übebrunn hatte tags zuvor vom Walde herüber gegrüßt und ein paar freundliche Worte herübergerufen. Rudolf Härt­lingen hatte vor sich hingelächelt.

Machte die Anwesenheit der kleinen alten Tante Malchen in Härtlingen wirklich so viel aus, daß die Nachbarschaft jetzt plötzlich aus der bisherigen Re­serve heraustreten wollte? Nun, er hatte es ihnen nicht verübelt, daß sie sich zurückgezogen hatten. Mehr wie im Recht waren sie gewesen. Aber er dachte nicht daran, aus seiner selbstgewählten Ein­samkeit sich wieder in den geselligen Strudel hinein­ziehen zu lassen. Vorläufig wenigstens nicht.

Rudolf Härtlingen schritt schneller aus. Er hatte sich etwas verspätet Tante Malchen würde schon auf der Terrasse auf ihn warten, und die gute Gor­mann würde sich halb tot ängstigen, daß nur ja auch ihr vorzügliches Mittagessen keinen Schaden erlitt ob dieses langen Wartens.

Tanke Malchen erwartete ihn jedoch nicht auf der Terrasse, sondern am kleinen Parktürchen, durch das er stets kam.

Rudolf, ein Mensch wartet auf dich!"

Er blickte sie belustigt an.

Tantchen? Den hättest du doch gar nicht herein, gelassen. Ein Mensch! Damit kannst du doch Höch, stens einen ganz verlotterten Kerl meinen."

So ist er ja auch. Und er sagte, er müßte den Herrn Grasen in einer dringenden Angelegenheit sprechen. Nun sitzt er oben in der Halle", sagte Tante Malchen mit Grabesstimme.

Na, da werde ich wohl oder übel mit ihm sprechen müssen."

Ja natnatürlich wirst du das müssen. Wenn es doch so wichtig ist, was er dir zu sagen hat."

Sie gingen nebeneinander dem Schloß zu.

In der Halle erhob sich ein Mensch mit verwil­dertem Haar, unordentlicher Kleidung und einem krankhaft gelben Gesicht. Der Schloßherr sah ihn starr an, erkannte die Ähnlichkeit und wollte doch nicht, daß es Wahrheit sei.

Zusammengedrückt stand an der Tür Tante Malchen.

Graf Härtlingen winkte ihr zu:

Tante Malchen, ich will allein fein mit dem da!" sagte er, und seine Stimme klang fremd, rauh!

Still entfernte sich Tante Malchen.

Graf Härtlingen trat dicht auf den Fremden zu, sagte langsam, wuchtig:

Ich irre mich nicht, du bist es! Du? Venjo Holm! Das also hat die Schuld aus dir gemacht!"

Ja! Ich bin's! Schuld? Du weißt es also be­reits, daß ich zum Verräter an dir geworden bin?"

Die Hände des Grafen krampften sich um die Lehne des hohen Stuhles. Seine Augen loderten es dem ehemaligen Freunde entgegen, was er von ihm dachte.

Venjo Holm nickte schwer.

Du bist im Recht, tausendmal bist du es, wenn du mich verachtest. Aber ich möchte trotzdem nicht sterben, ehe ich dir eine vollständige Beichte abge­legt habe."

Sterben? Warum? Bist du so krank, daß du daran denken müßtest?"

Da kam die Erinnerung, packte ihn, legte Grauen in seine schönen Züge.

Der da, der Verräter, hatte doch Lelia ermordet! Und wenn er nun beichten wollte, dann würde er doch sterben müssen, denn auf Mord stand doch noch immer der Tod.

Der andere sah ihn aus müden, eingesunkenen Augen an.

Wenn du wüßtest, was ich um dich gelitten habe!" sagte er dann leise, kaum verständlich.

Verständnislos sah ihn Graf Härtlingen an.

Um mich? Weshalb um mich? Wenn du es doch erst fertigbrachtest, diesen schwarzen Verrat an mir zu üben?"

(Fortsetzung folgt.)

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