durch die er die Berliner Bürgerschaft betrog, von Frau Seidler „beraten" werden wollte, um ganz sicher zu gehen. Aber so hellsichtig war nun wieder die berühmte Frau Seidler nicht, daß sie die wirkliche Zukunft der trefflichen Gebrüder vorausgesehen hätte. Im Gegenteil, die Hellsichtigkeit von Frau Lisbeth erwies sich für sie und andere Leute als eine äußerst dunkle Angelegenheit, die ins Verderben führte. Frau Seidler war es, die durch ihre medialen Fähigkeiten die Geschäftsverbindung zwischen den Gebrüdern Sklarek und Herrn K i e - bürg, dem Direktor des Berliner Anschaffungsamtes herstellte. Natürlich auf „okulte" Weise. Die „Pythia", wie die dankbaren Brüder Sklarek Frau Seidler nannten, flüsterte im Trance Max Sklarek die Weisung zu, nach dem Herrmansplatz in Neukölln zu fahren und dort neben dem Zeitungskiosk einen Herrn anzusprechen, der aus einer grauen Tüte essen werde. Das Wunder trat ein: neben dem
Zeitungskiosk stand Herr Kieburg und aß Keks aus einer grauen Tüte. Die Geschäftsverbindung der sauberen Leute war hergestellt und stand sichtlich unter dem Schutz okkulter Kräfte ... Der Stadt Berlin kam diese Hellseherei der Frau Seidler ziemlich teuer zu stehen.
Große Betrüger, kleine Betrüger, arme Betrogene, dumme Belogene, Schwindler und Gutgläubige — alle stellen sie die Gemeinde der „Hellseher^ und derer, die sich hellsehen lassen wollen, ein kleiner Hexensabbath. Nun hat er ein Ende. Reine, klare Luft soll im neuen Deutschland wehen, all der Spuk von Gerissenheit und Dummheit wird ausgefegt. Die „astrologischen Läden" obskurer Herkunft verschwinden, der Kaffeesatz wird seiner mystischen Eigenschaften entkleidet, die Sibyllen und Propheten müssen sich auf ehrlichen Erwerb umstellen. Die Dummheit wird vor sich selbst geschützt.
Ein Tunnel unter Eisfeldern.
Dor der Verwirklichung eines sensationellen Projektes? — Oer Montblanc-Tunnel soll gebaut werden.
Don Franz Dietrich.
Vor zwanzig Jahren noch hätte niemand geglaubt, daß es möglich sein könnte, durch das gewaltige Montblanc-Massiv einen Eisend ahn- t u n n e l zu bohren. Im letzten Jahrzehnt hat die Entwicklung der Technik so große Fortschritte gemacht, daß man heute ernstlich daran gehen kann, sich mit allen Einzelheiten eines solchen Planes auseinanderzusetzen. Seit Jahren schon trug man sich mit der Absicht, den Montblanc mit einem Tunnel zwischen dem italienischen Courmayeur und dem französischen Chamonix zu durchbohren. Es war ein unerhörtes, aufsehenerregendes Unterfangen, als sich zum ersten Mal die fähigsten Ingenieure aller Länder an einen Tisch setzten, um darüber zu beraten. Gewiß: im Bau von Alpenbahnen, die in schwindelerregender Höhe zwischen himmelragenden Felswänden und gähnenden Abgründen dahinführen, hatte man bereits eine beträchtliche Erfahrung. Wahre Wunder der Technik sind auf diesem Gebiete schon geschaffen worden. Der Reisende, der zum ersten Male in seinem Leben die Eisenbahnlinien in den Alpen benützt, fällt von einem Erstaunen in das andere. Hier fahren die Züge durch wildzerklüftete Gebirgstäler, sie brausen über mächtige Viadukte. In der Schweiz befinden sich Eisenbahnen, die 3u,ben kühnsten und gewaltigsten Bauten solcher Art in ganz Europa gehören. Bewundernswert ist die Leistung jener Ingenieure, die vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe standen, die ragenden Felswände der Alpen zu durchbohren. Von den zahlreichen Tunnels der Alpen ist der S i m p l o n - T u n n e l der längste. Er mißt 19 803 Meter. Nach ihm kommt der Gotthard-Tunnel mit einer Länge von 14 998 Meter und als dritter Alpentunnel der Lötschb erg-Tunnel, der 14612 Meter lang ist.
Die Verhandlungen, die zwischen Frankreich, Italien und der Schweiz schon vor Jahren wegen des geplanten Montblanc-Tunnels gepflogen wurden, scheinen nunmehr in ein konkretes Stadium getreten zu fein. Früher mußte der Plan immer wieder zurückgestellt werden. Man bedenke, was es heißt, durch den höchsten Berg Europas einen Tunnel anzulegen! Niemand hatte den Mut, dem gigantischen Projekt näherzutreten. Da ergaben sich Hunderte und aber Hunderte von Einwänden und Schwierigkeiten, praktischer und finanzieller Natur. Wenn man den neuesten Berichten Glauben schen-, ken darf, so sind bereits zwischen den einzelnen Ländern gewisse Vereinbarungen getroffen worden, die sich sogar schon auf technische Einzelheiten erstrecken: der geplante Tunnel soll bei Chamonix beginnen und an der Südseite des Montblanc-Massiv auf das Tal von Aosta münden. Seine Länge würde 12 Kilometer betragen. Die Kosten belaufen sich auf etwa 300 Millionen französische Franken, nach deutschem Geld etwa 50 Millionen Mark. Diese Summe wäre nebst dem beträcht
lichen Zinsendienst durch die Obligationsanleihe einer Gründergesellschaft aufzubringen, die von der italienischen und französischen Regierung die Garantie für die Zinszahlung der Anleihe bekommen würde. Die Amortisation der Anlage ist in 50 Jahren gedacht. Die investierten Summen sollen durch eine Wegsteuer hereingebracht werden, die sämtlichen Automobilen auferlegt wird, welche den Tunnel passieren.
Es erhebt sich die Frage: ist der Bau eines solchen Tunnels eine zwingende Notwendigkeit oder wäre er nur ein Luxus für verwöhnte Reisende, die über die nötigen Geldmittel verfügen? Genügen nicht die schon vorhandenen Verkehrswege? Dazu ist zu bemerken, daß zwischen Italien und Frankreich ein direkter, fahrbarer Verbindungsweg nicht besteht. Das gewaltige Massiv des Monte- bianco ist ein ungeheures Hindernis für den internationalen Verkehr. Während die direkte Verbindung zwischen Norden und Süden von Deutschland über den Brenn er Verhältnis» mäßig einfach ist, ergeben sich in der Schweiz die größten Schwierigkeiten. In der Schweiz sind die Alpen am höchsten. Ein Verkehr auf den Paßstraßen ist im Winter meist nicht möglich, da diese Straßen vollkommen vereist und verschneit sind. Wer von Frankreich nach Italien gelangen will, muß wohl oder übel einen Umweg benutzen. Zu diesem Zweck wurden seinerzeit der Mont-Cenis- Tunnel und der Simplon-Tunnel erbaut. Das ist jedoch keine direkte Verbindung zwischen Paris und Mailand. Der geradeste Weg müßte mitten durch das Montblanc-Massiv hindurchführen. Ein Gedanke, der auf den ersten Augenblick als heller Wahnsinn erscheint. Wie wäre selbst die modernste Technik, wie wären selbst die waghalsigsten und genialsten Ingenieure in der Lage, einen Berg zu durchbohren, der eine Höhe von 4810 Meter besitzt! Wieviele Jahre müßte man in härtester, gefahrvollster Arbeit zubringen, um diese gewaltigen Felsmassen zu erschließen! Der Bau von Alpentunnels ist seit jeher mit den größten Gefahren verbunden. Es kann immer wieder vorkommen, daß die Decke zusammenstürzt und die Arbeiter unter sich begräbt. Selbst die modernsten Maschinen können die heimtückischen Einflüsse der 'Witterung nicht beseitigen. Trotz allem hat der menschliche Forscherund Erfindergeist immer wieder bewiesen, daß es ihn reizt, gerade die schwierigsten Probleme zu lösen. So scheint auch hier bei dem geplanten Bau des Montblanc-Tunnels, die Zeit einer neuen Initiative angebrochen zu sein. Technische Schwierigkeiten spielen keine ausschlaggebende Rolle mehr. Man unterhält sich bereits über die finanziellen Dinge.
Der Bau des Montblanc-Tunnels würde den Weg von Paris nach Mailand um rund hundert Kilometer abkürzen und dadurch die Bedeutung des Simplon sowie des Mont-Cenis stark beein
trächtigen. Der Tunneleingang soll in einer Höhe von etwa 1250 Meter angelegt werden. Es ist noch nicht bekannt, wie die Strecke genau verlaufen wird. Auf jeden Fall kann man schon heute prophezeien, daß der internationale Verkehr durch den Montblanc-Tunnel eine außerordentliche Belebung erfahren würde.
Aus aller Welt
Oie Bergwerkskatastrophe in Bosnien
o
Mostar
Nach den letzten Meldungen sind bis Montag abend auf dem Bergwerk S e n i tz e bei Serajewo 10 9 Leichen geborgen worden. Die Rettungsarbeiten nehmen ihren Fortgang. Für die Hinterbliebenen der ums Leben gekommenen Bergarbeiter hat König Alexander 100 000 Dinar zur Verfügung gestellt. — Unsere Karte zeigt die Lage des Bergwerks in der Nähe des bosnischen Städtchens Visoko.
Die Einfahrt des Bergwerks bot auch heute dasselbe Bild wie in den beiden letzten Tagen. Frauen und Kinder, die seit 48 Stunden kein Auge geschlossen haben, umlagern noch immer unermüdlich den Eingang und warten auf die Leichen ihrer Angehörigen. Sie haben jede Hoffnung aufgegeben, ihre Männer und Väter lebend wiederzusehen, da gestern und heute nur noch Tote zutage gebracht werden konnten. Die Belgrader Blätter berichten auch weiterhin zahlreiche Einzelheiten über den heldenhaften Opfermut der Rettungsmannschaften. Der Direktor des Bergwerks, Obenngenieur K u t f ch a n , wurde bei einer Bergungsaktion schwer verletzt. Der Staat und das Rote Kreuz wollen sich der Hinterbliebenen annehmen, die sich zum Teil in einer furchtbaren Notlage befinden, da manche Familien Väter und sämtliche Söhne verloren haben.
Lin Salzburger Alpenholel niedergebrannt.
Das früher von deutschen Gästen viel besuchte Kesselfall-Hotel im Kapruner Tal bei Zell am See in der Nähe von Salzburg ist einem Großfeuer zum Opfer gefallen. Offenbar durch Funkenflug entstand auf dem Schindeldach des Touristenhauses ein Feuer, das sich infolge des starken Sturmwindes in rasender Schnelligkeit ausbreitete und dem trotz verzweifelter Bemühungen der Einwohnerschaft kein Einhalt geboten werden konnte. Das H o t e l g e b ä u d e, die in der Nähe befindliche Kirche, das Touri st enhaus, das Verkehrsbüro, die Stallungen und das Schalthaus des Elektrizitätswerkes wurden bis auf die Grundmauern eingeäschert. Menschenleben sind nicht zu beklagen. Die eingeäscherten Häuser liegen in der Nähe des Kesselfalles in den Hohen Tauern, des berühmten und größten Wasserfalles der Ostalpen.
Sturm und Wolkenbruch über Oberitalien.
Am Sontagnachmittag gingen über ganz Oberitalien von Sturm und Hagel begleitete Wolkenbrüche nieder, die Giebel abdeckten, Bäume entwurzelten, Fensterscheiben zerstörten und mannigfache Schäden anderer Art anrichteten. Auch auf der Mailänder Messe wurde einiger Schaden verursacht. In Besto riß der Sturm die Mauer eines Sportplatzes in einer Länge von etwa 100 Metern ein. Im Monte-Rosa-Gebiet sperrte er in der Nifetti-Schutzhütte dreißig Touri- sten von der Außenwelt ab, doch besteht keine Gefahr, da sie mit Lebensmitteln
reichlich versorgt sind. In G e n u a war die Feuerwehr den ganzen Nachmittag dabei, umgestürzte Bäume zu entfernen, Hausdächer zu stützen und überschwemmte Keller leer zu pumpen. Im Hafen von Livorno löste sich ein kleines Schleppschiff von den Ketten. Es wurde an die Mole geschleudert, bekam ein Leck und versank. Dabei ertrank die Frau des Schiffseigners mit ihrem achtjährigen Töchterchen.
Wit dem Auto in die Weichsel gestürzt.
An der Fährstelle bei Letzkau, Kreis Danziger Niederung, fuhr ein Kraftwagen in voller Geschwindigkeit in die Weichsel, da die Bremse versagte. Auf der Fähre, die gerade auf der Mitte des Stromes war, wurde das Unglück gesehen und ein SS.-Mann und der Fährmann ruderten in dem Begleitkahn eiligst nach dem Letzkauer Ufer zurück. Die Insassen des geschlossenen Wagens waren mit letzter Kraft aus dem Wagen gekrochen, jedoch hielt sich nur der Kraftwagenführer über Wasser, während die beiden Insassen, der Geldverwalter der 71. SS.-Standarte, Bürde, und seine Frau in den Fluten verschwunden waren. Erst nach langem Suchen mit Bootshaken gelang es, die beiden im Wasser aufzufinden. Sofortige Wiederbelebungsversuche waren leider erfolglos.
Wieder drei tödliche Unfälle im Rotfchacht.
Aus dem Notschachtgelände der Antoniengrube im polnischen Dombrowaer-Revier ereignete sich ein schweres Unglück. Als zwei Arbeitslose in einem etwa 15 Meter tiefen Notschacht nach Kohlen gruben, lösten sich plötzlich die höherliegenden Sandmauern und begruben die Männer, die nur noch als Leichen geborgen werden konnten. Auf dem Notschachtgelände bei Hohenlohehütte wurde gleichfalls ein Arbeitsloser aus Laurahütte beim wilden Kohlenabbau verfchüt- tet und getötet.
Bogoljubow im Kampf um die Schach- Weltmeisterschaft bedenklich im Hintertreffen.
Die auf dem Schauinsland begonnene achte Partie um die Schachweltmeisterschaft wurde in Freiburg zu Ende gespielt. Bekanntlich hatte in der Abbruchstellung der deutsche Meister eine ganz ausgezeichnete Stellung erzielt. Die Stellung an sich war äußerst klar und es ist unverständlich, wie unser Vorkämpfer Bogoljubow an drei oder vier Stellen den klaren Gewinnsieg versäumte. Der Weltmeister Aljechin, äußerst zäh jeden zollbreit Boden verteidigend, brach durch seinen ungeheuren Widerstand, zusammen mit der Oberflächlichkeit Bogoljubows den Kampfgeist unseres Meisters, so daß dieser, wohl befangen spielend, den allgemein erwarteten Gewinn aus der Hand gab. Die Partie selbst wurde nach dem 64. Zug remis gegeben, zum großen Leidwesen der die Geschehnisse gespannt verfolgenden Zuschauer. Es ist zur Zeit beim deutschen Meister ein bedenklicher Mrngel an Technik zu verzeichnen, er müßte sonst schon mindestens mit dem Weltmeister gleichgezogen und aussichtsreiche Partien gewonnen haben. Der Stand des Sechskampfes ist nun folgender: 2:0 bei sechs Remisen zugunsten von Dr. Aljechin. Der Kampf wird am kommenden Mittwoch, 20 Uhr, in Pforzheim fortgeführt werden.
(Eine Segelfliegerschule in England.
Wie die „Times" meldet, sind die ersten Schritte unternommen worden, um eine britische Segelfliegerschule ähnlich der berühmten deutschen auf der Wasserkuppe zu schaffen. In Suttan Bank, 30 Kilometer nördlich von Port, ist ein geeineter Platz von der britischen Segelfliegervereinigung gemietet worden. Mit dem Bau eines Flugzeugschuppens und eines Klubhauses soll sofort begonnen werden. Die Schule wird wahrscheinlich Anfang August eröffnet werden. Das Uebeunasge- lände liegt 180 Meter Über dem umgebenden Land und hat an der West- und Südseite sanft abfallende Hänge.
Zwei Knaben beim Vlumenpflücken tödlich abgestürzt.
Zwei Knaben, die bei E b e n s e e im Salzkammergut auf einen Felsen geklettert waren, u m Blumen zu pflücken, sind tödlich abgestürzt.
Englisch: Genügend.
Äon Hans Jtie&au.
i.
Die folgende Geschichte hat Oberst T. selbst erzählt. Also ist sie wahr. Sie begann, als T. noch blutjunger Sekondeleutnant und auf der Kriegsschule in Nantes war. Damals fingen die ersten Aeroplane an, durch die Luft zu brummen mit dem Erfolg, daß sich sämtliche Leutnants der ganzen Welt zu den Fliegerabteilungen ihrer Armeen meldeten. Es ist leicht zu verstehen, daß diese Gesuche zu neunundneunzigkommaneun vom Hundert abgelehnt werden mußten, und daß — als unmittelbare Folge dieses äußerst geringen Vomhundertsatzes — überall in der Welt und auch in Frankreich eine übertrieben scharfe Siebung der Bewerber vorgenommen wurde. Auch dem Leutnant T. wurde ein ablehnender Bescheid zugestellt. Aber T. gab sich damit nicht zufrieden. Er schrieb seinem Onkel, dem Kolonialminister, und nunmehr fängt die Geschichte eigentlich erst an.
II.
„Mein lieber Pirols", sagte der Kolonialminister zu dem Offizier, der als Verbindungsmann zwischen dem Kriegsministerium und dem Kolonialministerium Dienst tat. „Ich habe hier einen Brief von meinem Neffen, der gern Flieger werden möchte. Er hat ausgezeichnete Zeugnisse, dieser Neffe, ist der beste Reiter und der beste Schütze der Kriegsschule und außerdem, wie gesagt" — der Minister lächelte — „mein Neff e". Unter diesen Umständen sollte es doch möglich sein, seinen Wunsch zu erfüllen, wie?"
„Gewiß, Exzellenz", nickte Kapitän Pirois, „wenn keine formalen Schwierigkeiten da sind und zum Beispiel wirklich keine ungenügende Zensur im Zeugnis zu finden ist."
„Nun", zuckte der Kolonialminister die Achsel, „im Englischen steht er, wenn ich nicht irre, schlecht, aber--"
„Dann muß das Gesuch laut Dienstvorschrift abgelehnt werden", sagte der Kapitän.
„Aber ich bitte Sie!" rief der Minister. „Warum muß ausgerechnet ein Flieger perfekt englisch sprechen können?"
„Ich bin durchaus Ihrer Ansicht, Exzellenz", lächelte der Kapitän, „aber--"
Der Minister überlegte. „Vielleicht ist es möglich", sagte er schließlich, „dem Professor, der den Sprachunterricht erteilt, zu verstehen zu geben, daß--
Natürlich wünsche ich keinerlei Druck. Es ist nur ein ganz persönlicher Wunsch."
„Zu Befehl", schnarrte Kapitän Pirois und schlüg die Hacken zusammen.
Das Telephon läutete.
„Professor Gerönne."
„Hier Kapitän Pirois vom Kolonialministerium. Seine Exzellenz, der Minister, wünscht, daß Leutnant T., Ihr Schüler, Herr Professor, im Englischen die Note ,G e n ü g e n b‘ erhält."
„Aber, Herr Kapitän", sagte der Professor, „ich glaube doch, daß —"
„Ich habe Ihnen nur den Wunsch des Ministers zu übermitteln."
„Aber ich bitte Sie, es ist mir doch unmöglich, daß -"
„Sie haben selbstverständlich volle Handlungs- reiheit, Herr Professor. Allerdings werde ich auf jeden Fall Seiner Exzellenz, dem Minister berichten."
IV.
An demselben Tag, an dem der Leutnant T. in einem Zeugnis: „Englisch: Genügend" las, erschien im Verordnungsblatt des Kriegsministeriums die Mitteilung, daß als Flugschüler nur Offiziere eingestellt werden könnten, die im Englischen die Zensur „Gut" erhalten haben.
Die Adern auf der Stirn des Kolonialministers schwollen an. „Kapitän Pirois", sagte er, „ich frage Sie, muß ein Flugzeugführer ein Sprachgenie sein?" „Ich hin ganz Ihrer Ansicht", lächelte Pirois, „vielleicht versuche ich, eine besondere Nachprüfung des Leutnants T. herbeizuführen?"
„Tun Sie das", nickte der Minister, „und stellen Sie vorher fest, wer mit der Nachprüfung beauftragt werden wird."
„Zu Befehl", sagte Kapitän Pirois.
V.
2In demselben Tag, an dem die Nachprüfung des Leutnants T. durch einen Offizier vom Stabe vorgenommen wurde, trat das Kabinett zurück. Kann man es dem Offizier verübeln, daß er in den Sprachkenntnissen des Leutnants T. gewaltige Lucken entdeckte? Man kann es nicht. T., der Neffe eines nicht mehr im Amt befindlichen Ministers, £am also nicht in die Fliegerabteilung 1 der französischen Armee, sondern er blieb, ein ganzes Ur noch in der Kriegsschule in Nantes. Am Lch uß dieses Jahres bestand er seine Abschluß- Prüfung mit Auszeichnung, und im Englischen erhielt er die Note „Sehr gut".
der Abschiedsfeier, an der Lehrer ^riegsschüler gemeinsam teilnahmen, wagte er öie Frage, die er schon lange auf dem Herzen hatte. „Herr Professor Gerönne", sagte er, „ich habe Sie schon immer bitten wollen, mir zu erklären, warum
Sie mir im vergangenen Jahr ein .Genügend^ im Englischen gegeben haben."
„Das trifft sich gut", lachte der Professor, „auch ich habe Sie in dieser Angelegenheit schon immer sprechen wollen. Das Kolonialministerium, Herr Leutnant, hat mich aus Gründen, die ich selbst nicht kenne, gezwungen, Ihnen ein ,Genügend^ zu geben. Ick selbst hatte Sie schon damals auf ,Sehr gur eingeschätzt."
Was ist die größte Leistung?
Von Michael Kohlhaas
Mein Mitschüler Joseph Heuwieser aus Obing im Chiemseegebiet wurde, trotz seiner den Lebensjahren weit oorausgeeUten Dierschrötigkeit, wegen seiner schönen Sopranstimme vom Seminardirektor dazu bestimmt, in unserer Seminar-Aufführung „Joseph in Aegypten" von Mehul, den Joseph zu spielen. Der ägyptische Joseph nun, den in den Proben der Joseph aus Obing hinlegte, war fteilich kein lebhafter Orientale und kein temperamentvoller Schauspieler, blieb vielmehr auch auf unserer Jnstitutsbühne der schwervöllige Chiemgauer, der er immer schon gewesen, hat aber gesungen, gesungen sag' ich, daß wir Lateingeier aus Quarta die Bemerkung nicht unterdrücken konnten: „Wahrscheinlich wird ja der ägyptische Joseph nicht so langweilig gewesen fein wie unser Obinger Seppi, denn sonst Hütt' er ja in Aegypten sein ganzes Vizekönigtum sauber verpaßt; aber so schön gesungen wie der Obinger Seppi wird er dafür halt auch nicht haben." Diese Abgleichung von Vorzügen und Mängeln erschien uns gerecht, und wir freuten uns schon auf unseres Mitschülers unausbleiblichen Erfolg vor der ganzen Stadt; denn der mußte ja doch unsere ganze Klasse noch besonnen.
Allein es kam wesentlich anders. Der Obinger Seppl versagte. Er war in der öffentlichen Vorstellung zaghaft, schüchtern und verwirrt, und sein unsicherer, leiser Gesang spiegelte das alles getreulich wider. Wir wurden darob sehr ungehalten und flüsterten uns wechselseitig zu: „Warum schreit er denn net besser, der Lacki? Kein Mensch versteht 'n!"
Man weiß: Der ägyptische Joseph trug zu der Zeit, da er noch die Schafe seines Vaters Jakob in Palästina hütete, so eine Art Kimonobluse mit Leibriemen, die ihm nicht einmal bis auf die Knie reichte, seine Beine aber waren nackt und die Füße staken in Sandalen, und genau so hatte die Spielleitung selbstverständlich auch den Obinger Seppl ausstaffiert. Weil aber in unserem Seminar die Nacktheit selbst von den Knien abwärts verpönt war, so tat die Spielleitung noch ein übriges, indem sie die Beine des Obinger Seppl in fleisch
farbene Strümpfe steckte. Die waren indes selbst für den ungeschlachten Chiemgauer etwas reichlich bemessen, womit die Gefahr nahelag, sie könnten dem Obinger Seppl mitten in Palästina herunterrutschen und dem Jüngling im fremden Lande der Lächerlichkeit preisgeben. Dieses wollte die Spielleitung um jeden Preis verhindern und nähte darum kurz vor Beginn der Oper rasch entschlossen die Strümpfe über den Knien und unter der Kimonobluse an die Unterhose des Obinger Seppl an. Aber leider, leider mit bündiger Entschlossenheit und eilfertigen Fingern ist nicht immer gedient; denn dem Obinger Seppl ... Doch eins nach dem andern!
Wir waren, wie gesagt, yründlick enttäuscht, und überschütteten nach Beendigung des Spiels den Obinger Seppl mit den heftigsten Vorwürfen. „Jetzt bist doch sonst", hielt ihm einer von uns vor, „a solcher Pfundhammi, der 's Maul gar net weit genua aufreißen ko, und heut hast gfunga, so wehleidig, wia a kranker Kanari! Dor der ganzen Stadt hast di blamiert."
„Sing du da frischer", rechtfertigte sich jedoch augenblicklich der ägyptische Joseph aus Obing, „wann f dir d' Strümpf net bloß an d' Unterhosen, sondern mit der Unterhosen a no an d' Haut annahn!"
„Ja, Depp, damischer, hättst as halt gsagt!" schrien wir da alle zugleich.
Aber der Obinger Seppl zeigte sich auch diesem anscheinend schwer zu bekämpfenden Tadel gegenüber gewappnet: „I hab ja gmoant", sagte er, „dös.ghört zum Gfpiel." Womit es fraglich geworden fein dürfte, wer von den beiden die größere Leistung vollbracht hat: der ägyptische Joseph als geschichtlicher Organisator oder der Obinger Seppl als ungeschichtlicher Dulder.
6od)fd>u1nod)rid>fen.
Der Rektor der Philipps-Universität zu Marburg Professor Dr. Max Baur hat einen Ruf auf den Lehrstuhl der Pharmakologie an der Universität Frankfurt a. M. erhalten. — Professor Hans Gerber in Tübingen ist zum ordentlichen Professor für Staats- und Völkerrecht an der Universität Leipzig ernannt worden. Gerber war von 1922 bis 1929 Mitarbeiter des Instituts für Grenz- und Auslandsdeutschtum an der Universität Marburg und war 1929 als Nachfolger Heinrich Pohls Ordinarius für Staatsrecht in Tübingen geworden. — Der Hamburger Privatdozent Dr. Sieverts hat einen Ruf als Ordinarius für Strafrecht an die Universität Halle abgelehnt und folgt einem Rufe auf den bisher von Professor Delagtti eingenommenen Lehrstuhl für Strafrecht an &?r Universität Hamburg.


