'Rosemarie, fRosemarie...
Roman von Käthe Metzner.
21. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Ein leichtes Frohgefühl war in ihm, als er an diesem Morgen Toilette machte. Erst in den letzten Monaten hatte er den Segen harter Arbeit und Pflichterfüllung an sich erfahren.
Aber während Wangenheim sich seinen Betrachtungen hingab, rasselte plötzlich in seinem Schlafzimmer das Telephon.
Ein Ferngespräch. So früh?
.Er war gespannt.
„Hier Justizrat Hohl."
Der Hörer zitterte in Doktor Wangenheims Hand.
„Guten Morgen, Herr Justizrat! Hier Wangenheim. Was gibts?"
„Ich habe Rosemarie Neuß gefunden!"
Ganz mechanisch machte Wangenheim mit der Hand eine Bewegung nach dem Herzen. Setzte sein Herzschlag aus?
„Und wann... wann werde ich sie sehen können?"
Der alte Justizrat lachte. Ein fröhliches, zuversichtliches Lachen!, dachte Wangenheim. Aber da hörte er schon seine tiefe, freundliche Stimme:
„Wann Sie wollen, Herr Doktor! Heute... morgen..."
Stand die Welt still?
Wanaenheim hatte für Sekunden vergessen, daß der Justizrat auf seine Antwort wartete.
„Ich bin hier in Berlin. Wenn Sie so schnell wie möglich hierher kommen wollen ..."
Wolfgang Wangenheims Stimme überschlug sich:
„Heute... sofort... ich komme mit dem nächsten Zuge!"
Kaum hörte er noch, daß der Justizrat ihm das Hotel „Excelsior" als Treffpunkt nannte. In überschäumendem Jubel warf er den Hörer auf die Gabel. Er wußte nur das eine: Hohl hat sie gefunden! Sie lebt! Sie lebt!
Wangenheim gab in aller Eile seine Anordnungen, ließ Koffer packen, bestellte seinen Wagen.
Heber Landstraßen jagte der große, elegante Wagen, fraß Kilometer um Kilometer...
Als Wangenheim endlich im D-Zug nach Berlin saß, kniff er sich wie ein Schuljunge in den Arm. War es Traum oder Wahrheit?
Ganz allein war er in seinem Abteil. Das eintönige Geräusch ermüdete, und er hatte sich in den letzten Monaten so wenig Ruhe und Schlaf gegönnt. Der. Zug brauste durch den bitter kalten Wintertag. Wangenheim schlief ganz fest.
Als er erwachte, war es fast Mittag, so daß er in den Speisewagen hinübergehen konnte.
Die Nachmittagsstunden schlichen. Je mehr sich
der Zug Berlin näherte, um so größer wurde seine Unruhe.
Er würde sie Wiedersehen. Morgen vielleicht schon. Aber wie... und wo? Würde es noch die Rosemarie von damals sein? Wenn ihr Weg abwärts gegangen wäre aus Not und Verzweiflung?
Endlich... Anhalter Bahnhof!
Er hatte kein Auge für den Trubel der Weltstadt. Minuten später stand er vor dem „Excelsior".
Im Vestibül kam ihm schon der Justizrat entgegen.
„Sind Sie frisch, lieber Doktor?"
„Aber ja! Ich habe ja stundenlang geschlafen!" „Also, dann kurz: Fräulein Neuß ist am Berliner Schauspielhaus beschäftigt. Gewiß wird sie heute abend im Theater sein. Wenn Sie sich schnellstens umkleiden, können wir es gerade noch schaffen. Eine Loge habe ich schon reserviert."
Als im Großen Schauspielhause zum zweiten Male die Klingel den Beginn der Vorstellung an- tündigte, betrat Wolfgang Wangenheim in Begleitung des Justizrats die Loge.
„Hier, hier also ist sie gelandet? Dazu ihre wunderbare Schönheit, um als kleine Statistin ihr Brot zu verdienen?" dachte er.
Angst und Schmerz waren in seiner Brust. Fest, fast krampfhaft umschlossen seine Finger das Opernglas. Sie sah ihn nicht. Aber er, er würde sie sehen, würde jeden Zug ihres Gesichts studieren können. Für ihn genug, um zu wissen, welchen Weg sie ging.
Da schrillte die Klingel dreimal durch das hohe Haus.
Urplötzlich herrschte Ruhe. *
Als der Fürst die Brunnersche Villt verlassen hatte, stand Rosemarie noch lange am Fenster und sah in den wirbelnden Tang der Flocken.
Aber seltsam! Je länger ste stand und sann, um so mehr fühlte sie, wie trotz aller Trostlosigkeit, mit der die Zukunft ihr entgeaenblickte, eine Kraft in ihrer Seele erwuchs, die sie wunderbar erstarkte.
Zum ersten Male dachte sie wieder ganz klar. Trotz und Stolz steiften plötzlich ihren Nacken. Acht Tage noch würde sie im Schauspielhaus spielen, ehe die Tinius wieder zurückkam. Ach Tage noch...
Aber in diesen acht Tagen wollte sie noch einmal alles hergeben, was in ihr war.
Protektion! hatte die Tinius gesagt. Stimmte das auch für die Presse?
Marion Tinius hatte versucht, alles in den Schmutz zu ziehen, hatte selbst ihre liebe tote Mutter nicht verschont.
Aber Rosemarie drängte in diesem Augenblick gewaltsam alle Gefühle zurück.
Es mußte ihr gelingen, noch einmal solche Kritiken zu ernten, wie damals bei der Premiere zum „Faust". Dann würde es ihr leichter werden, ein gutes Engagement zu bekommen, und sie waren vor der bittersten Not geschützt.
„Arme Tante Berta, ach, wärest du doch aus deinem stillen Frieden nie hierher 'gekommen! Wer sein Schicksal an das meine kettet, dem blüht fern Glück."
Röfemarie hatte nicht bemerkt, daß Tante Berta ins Zimmer getreten war und ihre letzten Worte gehört hatte.
„Rosemarie, Herzenskind, warum quälst du dich mit Vorwürfen? Mach dir um mich nur keine Gedanken! Wenn es auch nicht viel ist, aber ein paar Notpfennige habe ich noch. Doch das ist ja alles Nebensache. Die Hauptsache ist, daß ich bei dir fein kann, daß du in deiner Bedrängnis einen Menschen hast, der es gut mit dir meint."
Zärtlich schmiegte Rosemarie sich in Tante Bertas Arme. Sollte sie der alten Frau sagen, daß sich ihr Schicksal in dieser Stunde hätte ändern können, wenn sie es nur gewollt hätte?
Ja, sie konnte es getrost wagen. Bei Tante Berta fand sie Verständnis, und wenn es vom Herzen herunter war, ließ sich alles leichter ertragen.
Und sie erzählte der aufhorchenden Tante von Fürst ßueberg und seinem glänzenden Antrag, den sie abgelehnt hatte.
„Vielleicht war es nicht richtig, Tante. Vielleicht wollte das Schicksal wieder gutmachen, was ich bisher erdulden mußte. Und doch mag es mein Unglück sein, daß ich so gehandelt habe, Tantchen versteh mich, ich konnte nicht anders handeln. Noch heute ist meine Liebe zu Wolfgang Wangenheim ebenso groß wie damals. Ich weiß, daß ich ihn niemals vergessen kann. Und hätte ich ein Leben lang mit einem edlen, vornehmen Herzen ein falsches Spiel treiben sollen, hätte ich Gefühl heucheln sollen, wo mein Herz kalt blieb?
Auf der Bühne bin ich vielleicht eine gute Schauspielerin — im Leben kann ich es niemals sein.
Ach, als ich ihn gehen sah, so schmerzerfüllt, am liebsten hätte ich ihn zurückgerufen; denn ich empfinde eine wirklich herzliche Freundschaft für ihn. Es tat mir so weh... Aber, Gott verzeihe mir, seine Frau kann ich nicht werden."
Rosemarie sprach leidenschaftlich erregt. Nun schwieg sie und wartete auf ein Wort der Tante.
„Eine Krone harrte meiner kleinen Rosemarie? Eine Krone? Kronen bergen viel Leid und Weh... Er muß ein sehr, sehr guter Mensch sein, der Fürst. Und er muß sehr viel Liebe für dich haben ... und viel Glauben ... Das ist manchmal noch mehr."
Tante Berta murmelte die Worte. Dann aber blickte sie zu Rosemarie auf und sah sie mit «ihren gütigen Augen an:
„Und doch hast du recht gehandelt, Rosemarie! Nun, da ich weiß, wie es noch immer um dein Herz steht, hätte auch ich dich nicht freisprechen können von der furchtbaren Schuld, die du auf dich geladen hättest, wenn du des Fürsten Gattin geworden wärest, um deine Zukunft finanziell sicherzustellen."
Rosemarie atmete erleichtert auf. Sie hatte bei
den ersten Worten der Tante gebangt, aber nach und nach war ihr Gesicht immer heller geworden.
Arm in Arm gingen die beiden Frauen hinauf in Rosemaries trauliches Zimmer.
Keine Angst vor der Zukunft war mehr in ihnen. Und wenn es hart auf hart ginge, sie würden schon durchkommen. Ehrlich durchkommen! -
„Ich bin gewiß", sagte Rosemarie überzeugt, „wenn Onkel Brunner sein plötzliches Ende auch nur kurz vorher geahnt hätte, ein kleines, ruhiges Plätzchen für uns beide hätte er uns in seinem Hause sichergestellt."
Tante Berta nickte. Es mochte wohl sein.
Und wieder weilten ihre Gedanken bei dem Heben Toten, der in Rosemaries Leben so schicksalhaft eingegriffen hatte, und dem es nicht vergönnt gewesen war, ihr auch weiter schützend zur Seite zu stehen. ... ,
Früh brach der Abend herein. Jetzt war es fünf Uhr. Um acht Uhr mußte Rosemarie im Theater ^Plötzlich schrillte die Klingel durch das stille Haus. Es klang unheimlich.
Nicht lange danach klopfte der Diener und überreichte Rosemarie einen Bries mit einem Bukett herrlicher Rosen.
Einen Augenblick drehte Rosemarie das Kuvert unschlüssig in der Hand. Sie wußte, wer der Absender war. Würde er noch einmal mit seiner Frage kommen?
Hastig riß sie es auf und überflog die Zeilen:
„... Wenn es in dieser Hinsicht noch eine Steigerung gäbe, so mühte ich sagen, daß Sie in meiner Ächtung noch höher stehen als zuvor. Ich weiß, eine Frau wie Sie liebt nur einmal in ihrem Leben. Daß ich der Auserkorene nicht bin, ist mein Schicksal.
Aber trotz allem, Rosemarie, biete ich Ihnen meine Freundschaft und Hilfe. Vielleicht sind Sie doch nicht immer stark genug, sich gegen die Gemeinheit und Intrige zu schützen, die Ihrer Schönheit und Reinheit immer drohen, wo es Menschen gibt, die sie Ihnen neiden.
Ich gebe Ihnen mein Wort, daß vergessen sein soll, was heute zwischen uns gesprochen worden ist. Aber Sie würden mich zu größter Dankbar- feit verpflichten, wenn Sie von meiner kameradschaftlichen Hilfe Gebrauch machen würden.
Ich werde mir erlauben, heute abend mU meinem Wagen am Ausgang des Theaters auf Sie zu warten, und ich würde Ihnen dankbar fein, wenn Sie die Güte haben würden, zu einem kleinen Souper bei Cojazzi mein Gast zu fein ..." Halblaut hatte Rosemarie den Brief des Fürsten vorgelesen. Das war kein Liebeswerben mehr, hier bot ein Freund feine helfende Hand. Das konnte sie nicht abschlagen.
Derselben Meinung war auch Tante Berta. Süß dufteten die Rosen durch das Zimmer.
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