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llr.N Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Mittwoch, 2t. Zebruar 1954

Die Ritter vom Magischen Zirkel.

Magier zum Privatvergnügen. - Zauberkunststücke im Zeppelin. - Sas Märchen vom indischen Seiltrick.

Eine höchst geheimnisvoll klingende Visitenkarte liegt auf dem Schreibtisch vor uns. Ihre Anschrift lautet: Hellmut Schreiber, Ehrenmitglied des Deutschen Magischen Zirkels, des Magicians-Club, London, der MAME. Budapest, der OG. Saar­brücken und Dessau, German Representative of the IBM (USA.), Mitglied des MZ., Berlin, JMC. (USA.), SJAP., Paris.

Magicans-Club, IBM., SJAP., Magischer Zirkel. Was soll das alles bedeuten? Was sind das für merkwürdige Dinge? Ja, es dürfte nicht allzu bekannt fein, datz es in Deutschland eine gesellige Bereinigung gibt, die das Ziel verfolgt, die Zau- berei'als Unterhaltungskunst zu pflegen und die Mitglieder in ihr zu vervollkommnen. Aber diese Vereinigung hat nichts mit übernatürlichen Dingen zu tun, denn die heutigen Zauberkünstler sind längst so ehrlich, einzugestehen, daß sie den Zu­schauer bewußt täuschen und auf diese Weise in reizvoller Form unterhalten wollen. Der Ehren­vorsitzende dieses deutschen Zauberklubs, des soge­nannten M a g i s ch e n Z i r k e l s, ist der in Berlin lebende Filmproduktionsleiter Hellmut Schreiber.

Der Magische Zirkel besteht in Deutschland seit dem Jahre'1912. Die Mitglieder, etwa tausend an der Zahl, sind zum größten Teil Amateure, die tagsüber den verschiedenartigsten Berufen nachgehen und sich nur in den Mußestunden der künstlerischen Betätigung des Zauberns hingeben. Aber auch eine große Anzahl von Berufszauberern zählt zu den Mitgliedern des Zirkels. In etwa einem Dutzend deutscher Städte befinden sich Ortsgruppen, in denen die Mitglieder zweimal im Monat zu gemeinsamer Besprechung ihrer Kunststücke Zusammentreffen. Neue Mitglieder sind zwar grundsätzlich willkommen, aber sie müssen schon vor ihrem Eintritt Beweise ihrer Zauberkunst ablegen und werden erst nach halbjähriger Prüfungszeit in den Zirkel ausge­nommen. Gäste, die nur zusehen wollen, wird der Zutritt fast ausnahmslos nicht gestattet. Dagegen werden von Zeit zu Zeit öffentliche Vereinsveran­staltungen abgehalten, an denen einem größeren Publikum zauberische Darbietungen vorgeführt werden.

Der Magische Zirkel besitzt eine eigene, monatlich erscheinende Fachzeitschrift, dieMagie", in der mit großer Offenheit die verschiedenen Tricks geschildert und versprochen werden. Die Zeitschrift ist selbstver­ständlich nicht im Buchhandel zu haben, sondern wird nur den Mitgliedern persönlich zugestellt.

Die Zauberkunst hat in allen Ländern der Erde zahlreiche Liebhaber", erzählt Herr Schreiber, besonders widmet man sich ihr in Amerika und England, dann aber auch in Oesterreich und Frank­reich. Es gibt etwa zwanzig magische Zeit­schriften auf der ganzen Erde. Unser Magischer Zirkel steht mit allen großen Zauberklubs der gan­zen Welt in Verbindung. Die größte amerikanische Vereinigung ist die sogenannte IBM., deren Mit­glied und zugleich Vertreter für Deutschland in allen magischen Angelegenheiten ich bin. Der amerikanische Schatzkanzler, Mr. D u r b i n übrigens ein enger Mitarbeiter von Präsident Roosevelt ist an­dererseits wieder Mitglied bei uns ... Diese Mappe hier enthält die gesamte Korrespondenz, die ich seit Jahr und Tag mit Mr. Durbin in magischen Fach­fragen führe."

Später führt uns Herr Schreiber in sein Allerhei­ligstes, in seine Zauberkammer. An den Wänden des Kabinetts hängen Diplome und Anerkennungs­schreiben von verschiedenen ausländischen Zauber­klubs. Herr Schreiber hat im Laufe seiner Tätigkeit als Filmproduktionsleiter die ganze Welt bereist und unterwegs überall viel bewunderte Gastvorstellun­gen gegeben. Als er einmal mit dem Zeppelin nach Südamerika flog, gab er mitten über

dem Ozean in 2000 Meter Höhe vor Dr. Eckener eine Kunststücke zum Besten.

Er ist unermüdlich im Sammeln und Erdenken neuer magischer Effekte. In seiner Zauberkammer befinden sich hochaufgestapelt Kisten und Behälter mit allerlei geheimnisvollen. Gerätschaften, deren Zweck dem Beschauer zunächst ganz unverständlich erscheint. Herr Schreiber beherrscht etwa 18 00 K u n st st ü ck e!

Man unterscheidet verschiedene Arten der Ma­gie", erklärt Herr Schreiber.Da ist zunächst ein­mal die Bühnenmagie, das sind die ganz großen Sachen, die besonders aus der Ferne wirken. Sie meinen, das sei nur etwas für Berufskünstler? nein, keineswegs, es gibt zahlreiche Amateure, die sich Bühnentricks ausdenken und sie auch ausführen. Wohlhabende Amateurzauberer lassen sich sogar in ihre Wohnungen eine besondere Bühne einbauen, um vor geladenen Gästen Vorstellungen geben zu können. Mister Durbin, den ich vorhin erwähnte, besitzt sogar ein geräumiges Privattheater. Bühnen­effekte sind zum Beispiel das Verschwindenlassen einer Person aus einer vielfach kontrollierten, ver­nagelten und versiegelten Kiste oder gar aus einem gläsernen, allseits freistehenden Sarg! Hierher ge­hören auch dieJungfrauen", die entweder frei in d e r L u f t schweben oder, wie das der Zauberer Goldin besonders gut macht, vor den Augen des Publikums zersägt werden ...

" Die Kleinkunst der Zauberei bezeichnet man als Salonmagie. Zauberei auf allerkleinstem Raum heißt Mikromagie. Haben Sie zum Beispiel den Zeitungstrick schon einmal gesehen? Wie ein Zauberkünstler eine Zeitung in kleine Stücke zerriß, dann ein Tuch darüberhielt und schließlich wieder die ganze Zeitung hervorzog? Das ist ja noch ein­fach, das muß auch ein Anfänger können. Oder haben Sie schon gesehen, wie ein weißes Leinentuch durch eine enge Röhre gezogen wird und am an­deren Ende nach wenigen Sekunden rotgefärbt her­auskommt? Oder kennen Sie den Trick mit der soge­nannten P r ä s e n t s ch a t u l l e, die leer vorgezeigt wird und aus der sich auf einmal in schier unüber­sehbarer Anzahl die unglaublichsten Dinge heraus­nehmen lassen? Eine hübsche Variation hiervon ist, aus einem leeren Marktkorb die Zuschauer dür­fen ihn prüfen frischenSalat hervorzuholen und aus einer danebenstehenden hölzernen Kuh frische Milch zu melken ... Aber eine Erklärung für all diese Dinge dürfen Sie von mir nicht verlangen. Schon mit Rücksicht auf diejenigen Zauberkünstler, .die von ihren oft so scharfsinnig erdachten Tricks leben müssen, darf ich das nicht tun. Außerdem würde die ganze Zauberei all ihren Reiz verlieren, wenn der Zuschauer erfahren würde, w i e' s ge­macht wird. Bei Denksportaufgaben steht doch auch nicht die Lösung daneben.

Wissen Sie übrigens, daß die natürliche Magie, also die Magie, wie ich sie Ihnen hier schildere, hoch­schulreif geworden ist? Im Psychologischen Institut der Universität Leipzig hält Professor Dr. Koll- mann übrigens selbst Mitglied des Magischen Zirkels Vorlesungen und seminaristische Uebun- gen über diePsychologie der Täu­sch u n g s k u n st" ab.

Der Zauberer nützt nämlich in raffinierter Weise die Unvollkommenheit der menschli­chen Sinneswerk zeuge und gewisse Schwächen des Denkvermögens aus. Sie wären er­staunt und würden es mir nicht glauben wollen, wenn ich Ihnen erklären würde, mit welchen ein­fachen Mitteln die meisten Tricks durchgeführt wer­den. Allerdings kommt noch das Versagen unseres Auges hinzu. Manche Handgriffe werden vom ge­übten Magier einfach so schnell durchgeführt, daß es dem Äuge unmöglich ist, den. Einzelheiten zu folgen. Und dann arbeitet der Magier noch mit

allen Mitteln der Ablenkung. Hierher gehören auch die Zauber- und Beschwörungsformeln.

Die wissenschaftlichen Ergebnisse derTäuschungs- orschung" sind von besonderem Nutzen für die Ent­larvung betrügerischer Medien.

Sie sollten einmal sehen", meinte Herr Schrei­ber,welch fabelhafte spiritistische Sitzun­gen wir Magier zustandebringen. Da können die meisten Medien nicht mit. Glauben Sie mir, auf die­sem Gebiet ist das meiste Schwindel. Auch die indi-. schen Fakire sind nur Magier iy unserem Sinne."

Was ist nun eigentlich Wahres an dem berühm­ten indischen Seiltrick, von dem man im­

mer und immer wieder hört? Indien-Reisende be­haupten doch allen Ernstes, gesehen zu haben, daß ein Fakir ein Seil in die Luft geworfen habe, das dann aufrecht stehen blieb, worauf dann der Knabe an ihm hochkletterte und in der Luft verschwand...

Das ist selbstverständlich alles reinster Schwin­del, den indischen Seiltrick gibt es in Wirklichkeit gar nicht. Wenn es diesen Trick tatsächlich geben würde, so hätte sich mit Sicherheit keiner der stets nach neuen Sensationen hungrigen Varietedirek^ toren eine derartige Attraktion entgehen lassen ..."

Aus der proviuzialhaupistadi.

Oie Hausfrau und die Weiße Woche.

Weiße Woche, das bedeutet: der Wäscheschrank hat Geburtstag. Wenn jemand Geburtstag hat, be­kommt er etwas geschenkt. Allerlei Notwendigkeiten und schöne Ueberflüssigkeiten. Und man freut sich ein Jahr lang darauf, ihm etwas schenken zu kön­nen, was ihm oder uns wichtig erscheint. Man ver­schiebt seine Wünsche bis zu dem Zeitpunkt, der einem die Erfüllung eher bringt, als jeder andere Tag des Jahres, Geburtstag oder Weihnachten. Geburtstag ist die allerpersönlichste Angelegenheit des einzelnen. Nun ist es meistens das Schicksal der Frau, daß Haushalt und Wäscheschrank gleichzeitig mit ihr Geburtstag haben. Das ist nicht immer er­freulich, denn das besagt, daß deren Bedürfnisse zu allererst befriedigt werden, Wäschestoffe, Küchen­töpfe und Tiegel, Porzellan, was so im Laufe eines Jahres nach Ergänzung schreit. Und für die Haus- srau persönlich bleibt das Blümchen, und wenn es hoch kommt, ein bißchen Konfekt. Zu anderen Geschenken, einem Buch, einer Vase, einem Klei­dungsstück reicht es nicht mehr. Am allerwichtigsten ist eben doch die Ergänzung an Glas, Porzellan, Gardinen, Wäsche. Das, was allen zugute kommt, der ganzen Familie.

So sollte es nicht sein. Man sollte da eine rein­liche Trennung einführen. Der Geburtstag der Hausfrau ist etwas Urpersönliches, sollte nur der Erfüllung irgendeines Herzenswunsches Vorbehalten bleiben. Aber einmal im Jahre, etwa im Herbst, sollte der HaushaltGeburtstag" haben, das heißt, er sollte bekommen, was im Laufe eines Jahres notwendig geworden ist. Einmal aber sollte man auch des Wäscheschrankes und seiner Auffüllung gedenken. Diese Gelegenheit haben wir in derWei­ßen Woche". Aber die deutsche Hausfrau will und soll diese Auffrischung in gediegener Weise vorneh­men. Sie lehnt es'ab, sich durchbillige Sonder­angebote" Schundware anbieten zu lassen. Sie will, wenn sie ihren Wäschevorrat ergänzt, nicht ein Hemdentuch haben, das mehr Stärke und Kleister enthält als Baumwolle, bei dem sie nach der ersten Wäsche seststellt, daß nur ein dünner Lappen übrig geblieben ist.

Bisher war es meist so, daß die Geschäfte sich überboten in phantastischen Ausstattungen.Das mußte man gesehen haben", es war prachtvoller als eine Karnevalsaufmachung. Tausende von Stoff­ballen, Hunderttausende von Taschentüchern wurden sinnlos verschwendet zu weißen Prachtpalästen, um die Käuferschaft in einenKaufrausch" zu versetzen. Und daheim sahen die Frauen dann ihre Einkäufe in einemandern Licht", sahen die Minderwertig­keit des Erstandenen. Dadurch büßten diese Ver­anstaltungen an Wert ein, und mein hat sich in letzter Zeit lebhaft darüber unterhalten, ob die Weiße Woche" überhaupt noch stattfinden sollte. Die maßgebenden Stellen sind jedoch nach eingehen­den Beratungen zu der Entscheidung gekommen, die Weiße Woche auch 1934 stattfinden zu lassen, denn sie ist ein nicht unwichtiges Mittel, um der In­dustrie größere Aufträge zu verschaffen. Und jede Möglichkeit, Arbeit zu schaffen, muß wahrgenommen werden.

In diesem Jahre soll die Weiße Woche in erster

Linie dem Absatz deutscher Qualitätsware dienen. Der Käuferschaft sollen durch die Bemühungen der Industrie und des Handels in dieser Sonderveran- staltung besonders vorteilhafte Angebote in Wäsche und weißen Waren aller Art gemacht werden. Wenn diesmal aller Orten eine große Werbung für den Kauf weißer Waren einsetzt, soll die Haus­frau mehr als . sonst die Gewähr haben, daß Miß­stände beseitigt sind, daß die Uebervorteilung des Käufers durch irreführende Lockangebote sich nicht mehr in aller Öffentlichkeit breit ma,chen darf, daß sie ihrem Wäscheschrank freudig und beruhigt die nötigen Ergänzungen zuteil werden lassen kann.

Weiße Woche, das heißt, der Wäscheschrank hat Geburtstag. Mache ihm Freude, deutsche Hausfrau, und damit dir selbst!

Für die Herausgabe vonBroschüren mit Anzeigenteil Genehmigung erforderlich

Wie der Verein Rhein-Wainifcher Zeitungs-Ver­leger, Frankfurt a. 21L, mitteilt, muß für Bro­schüren, die anläßlich einer Tagung oder sonstigen Veranstaltung einmalig erscheinen, und für die Inserate geworben werden, die Genehmigung zur Wirtschaftswer­bung beim Werberat erbeten werden. Für diese Broschüre ist eine Anzeigenpreisliste in dreifacher Ausfertigung vorzulegen. Der Antrag auf Genehmi­gung muß fünf Tage vor Erscheinen der Broschüre beim Werberat vorliegen.

Lichtbilderdienst mit DortragStexten.

Bekanntmachung der Landesstelle Hessen-Nassau des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda.

Durch das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda ist bei der obigen Dienststelle ein Lichtbilderdien st eingerichtet worden. Es handelt sich hierbei um Lichtbilderreihen (stehende Bilder), die mit einem Vortragstext zur Verfügung gestellt werden. Die Vorträge sind zu jeder Bild­reihe zum Ablesen fertig ausgearbeitet. Bisher sind erschienen:

Bilder

1. Adolf Hitler unser Führer 60

2. Der Weg des Hakenkreuzes in der Welt 50

3. Das deutsche Volk will den Frieden 40

4. Das deutsche Handwerk 40

5. Die deutsche Reichsmarine 50 '

6. Der Generalangriff gegen die Arbeits­losigkeit 40 y

7. Die Stellung der Frau im nationalen Staat 50

8. Blut und Boden 45

9. Wird Deutschland ein 60-Millionenvolk bleiben? 50

Obige Bilderreihen nebst Projektionsapparat stehett allen Gliederungen der NSDAP., den Formationen der SA., SS., des Stahlhelms, HI., des Arbeits­dienstes, des Kyffhäuserverbandes, den Innungen, den Turn- und Sportvereinen, den Verbänden der Arbeitsfront, den Frauenverbänden, den Privat­vereinen und Schulen innerhalb des Gaues Hessen-

Ruinenzauber von Priene.

Von Hans Tröbst.

Im Pergamon-Museum in Berlin ist soeben ein wunderhübsches Modell der griechischen Kleinstadt Priene in Klein­asien aufgestellt worden.

Priene wurde am Ende des vorigen Jahrhunderts auf Veranlassung der Berliner Museen ausgegraben. Die Ruinen dieser alten Stadt, die in ihrer Blüte­zeit vielleicht sechstausend Einwohner gezählt haben mag, bilden in ganz Kleinasien vielleicht das klas­sischste und besterhaltene Beispiel einer griechischen Siedlung aus der Blütezeit des Hellenismus. Keine zehn Minuten vom Dorfe Kelebesch, das terrassen­förmig am Südhang der Mykale emporsteigt, liegt das deutsche Ausgrabungshaus, das seinerzeit der Grabungsexpedition als Hauptquartier gedient hat. Es ist noch gut erhalten, aber leer, nur ein stein- alter Türke haust darin, der den lieben langen Tag auf der steinernen Haustreppe sitzt, sich dort von der Sonne bescheinen läßt und gottergeben aufAlle- manlar" undJnglißler" wartet.

Von diesem malerisch gelegenen Häuschen sind es nur wenige Schritte bis zur alten Stadt.

Aus dem langgestreckten, kahlen Gebirgszuge der Mykale springt plötzlich und gänzlich unvermittelt ein fast 400 Meter hoher, rötlicher Felsblock mit senkrecht abstürzenden Wänden heraus, auf dessen Plateau einst die Akropolis von Priene gelegen. Ein lebensgefährlicher, verwitterter Treppenpfad schlan­gelt sich, in die lotrecht abfallenden Seitenwande ge­hauen, zum Felsgipfel empor. Nur der rückwärtige Teil dieser Naturfestung ist dort, wo der Block all­mählich wieder in das höhergelegene Gebirge über­geht, mit Mauern umzogen. Die sturmfreie Front ibiefer mit den Mitteln des Altertums uneinnehm­baren Burg ist unbefestigt geblieben. Von hier schweift der Blick frei über die zu Füßen liegende 'Stabt, über die unendliche, schweigende Ebene des "Mäander, bis dorthin, wo die wogende grüne Fläche wieder langsam ansteigt und der gelbe, massige Klotz Ides Theaters von Milet aus dem flimmernden Dunst der Sonnenhitze hervorzittert.

Wo heute der Meerwind in dem niedrigen Grase Dieser Steppe raschelt, durch die sich vom hohen Wurgfelsen deutlich erkennbar die zahlreichen Dunkelgrünen, toten Arme des siädtemordenden Mäander dahinwinden, da rauschten einst die blauen 'Wogen des Aegäischen Meeres. Im Lause der Jahr­hunderte hat der rastlose Fluß die ganze ungeheure Bucht mit Schlamm und Sandmassen ausgefüllt, Die er aus dem Inneren des baumlosen Kleinasien heranwälzte, Wie der Kaistros einst Ephesus den

Tod gebracht, wie der Hermos vor sechzig Jahren! Smyrna das gleiche Schicksal zu bereiten drohte, so ist es hier der vielgewunbene Mäander gewesen, der Milet, Priene, Mys, Herakleia und anderen blühenden Seestädten den Untergang gebracht hat. Man denke sich einen kleinenZuider-See", aber nach dem Meere zu weit offen und die Ufer dieses Meerbusens besät mit prächtigen Hafenstädten, an­einandergereiht wie Perlen einer Schnur.

Es starben die Seestädte Milet und Priene, die sich gegenüberliegen wie die altersgrauen Schlösser im engen, schmalen Bosporus. Ein schweres Flach­bahngeschütz, auf der Akropolis von Priene aufge- gestellt, vermag gerade den Markt von Milet zu erreichen... Theodor B i r t hat in seinem wunder­vollenAlexanderbuch" mit den Augen des Sehers diese Landschaft geschaut, so wie sie sich hier vor zwanzig Jahrhunderten den Blicken der schönheits­trunkenen Griechen entschleierte:Milet! Die schönste der Seestädte, die es gab, wo Meeres­zauber, groteske Gebirge, berauschende Vegetation, hochgestellte Prachtbauten und buntes Menschen­leben am Strande und auf den Wassern zusammen­wirkten zu dem Schönsten, was Menschenaugen sehen konnten! Milet und all die anderen lagen prangend an den schimmernden Gestaden wie herr­liche Wunderblumen, die mit weit offenen Kelchen sich sonnen. Und wie geflügelte Insekten und Honig­sauger flogen die Handelsschiffe mit schwellenden Segeln heran, um zu nehmen und zu geben, ein schwelgendes Treiben und Blühen und Befruchten, ein Wohlleben in Arbeit, vergänglich zwar wie alles was irdisch ist, aber täglich sich erneuernd wie die Stunden, die die Jahre füllen!"

Vergänglichkeit! Wenn heute Thales oder Histiäus von dem alles beherrschenden, ewigen Felsen von Priene herabblicken könnten auf die Ruinen der Stadt zu ihren Füßen, hinausschauen in das weite stille Land, sie würden erschüttert sich abwenden und das Haupt im weißen Chiton verbergen öde, kahle Berge und wehmütig stimmende grau­grüne Steppe, das ist alles, was heute übrigge­blieben ist, von jenem Idealbild altgriechischer Landschaft.

Um die Ruinen von Priene verstehen zu können, denke man sich eine moderne, mathematisch regel­mäßig gebaute, steinerne Kleinstadt, deren schnur­gerade Straßen sich alle genau rechtwinklig schnei­den und die die Stadt in etwa achtzig Häuserblocks Seitenlänge zerlegen, diesen ganzen Komplex bann durch irgendeine rätselhafte Naturgewalt einen Meter hoch über dem Erdboden flach ab geschnitten, so daß nur die Fundamente der Häuser und Woh- nungen im Erdgeschoß übrigbleiben das ist I Priene von heute.

Acht je fünf Meter breite, gepflasterte Haupt­straßen teilen die Stadt in mehrere gleichbreite Streifen und münden auf die verschiedenen Tore der stellenweise noch erhaltenen Stadtmauer. Recht­winklig dazu führen 16 steile, schmale Treppen- Straßen vom ehemaligen Meeresufer herauf, bis an den Fuß des Burgberges. Alle Gaffen sind mit polierten Steinplatten belegt, haben Bürgersteige auf beiden Seiten, Rinnen für den Wasserablauf, und da und dort, wo das Pflaster schadhaft gewor­den ist, leuchten wie rote Adern die freigelegten unterirdischen Tonröhren der Kanalisation. Fast das ganze Straßennetz .ist in den Naturfesten einge­hauen ... eine Arbeit für die Ewigkeit!

Rechts und links dieser Straßen liegen unmittel­bar die Fundamente der einzelnen Häuser. . Die Wohnungen der heutigen Griechen, wie man sie in jeder griechischen Kleinstadt noch findet, sind in ihrer Anordnung die gleichen geblieben wie vor zweitausend Jahren: Eine ringsum geschlossene Mauer mit einem versteckten Türchen, im Innern ein Hof mit einem Brunnen unter einem schattigen Baum. Darum eine Art Veranda, auf der die Men­schen die heißen Nächte verbringen. Dahinter die Wohnräume, kühl und erfrischend im gehirnaus­dörrenden Sommer, leicht mit dem Kohlenbecken zu heizen im feuchten, regenschweren Winter. Die Men­schen in Kleinasien haben wenig Neues hinzu­gelernt!

An einer dieser Straßenecken steht noch ein alter Brunnen, als sei er erst gestern aufgestellt, mit einer Ruhebank davor. Nur sein Wasser ist ver­siegt. Ein paar Schritte davon entfernt liegt der Fleisch- und Gemüsemarkt", ein Rechteck, so groß wie ein Tennisplatz. Man braucht auf den Funda­menten der alten Steinbuden nur diemodernen" Holzgerüste aufzustellen, mit Leinewand darüber, und der Markt, der Basar könnte seine Aufer­stehung feiern. Es läßt sich seltsam träumen auf dieser steinernen Bank am Brunnen; Käfer sum­men in der heißen Luft und neugierige Eidechsen huschen umher. Jeden Äugenblick erwartet man Ge­stalten in weißen, weichen, schmiegenden Gewän­dern um die Ecke biegen zu sehen wie in einem Märchen oder in einer verzauberten Stadt...

Einst wohnten hier in Priene sechstausend glück­liche Menschen fast möchte man hier an der gleichen Stätte der gleichen Anzahl Obdachlosen eine neue Heimat errichten: Denn alles ist da: her­renlose Felder und Gärten, Weideland mit Oel- und Mandelbäumen. Der mächtigeHauptmarkt" for­dert zu Protestversammlungen der Wohnungslosen geradezu heraus. Dann gerade gegenüber davon liegt dasBuleuterion", das Rathaus, das best­erhaltene Gebäude der ganzen Stadt. Wie die Bau­grube eines Unterstandes, ist es in den Felsen­

abhang hineingehauen. Man braucht nur das alte Holzdach wieder aufzusetzen, und dieSitzungen" können beginnen. In dem nach der Straße zu offe­nem Viereck laufen hufeisenförmig wie in einem Hörsaal angeordnet, die Marmorbänke. In der Mitte steht noch der kleine Altar, unverändert wie vor zweiundzwanzig Jahrhunderten. Auch der Platz des jeweiligen Redners ist noch vorhanden, die Bänke der Vorsitzenden, der Stenographen man sieht sie förmlich vor sich, die weißbehemdeten Diätenschlucker", wie sie wichtig und würdig, mit der Papyrusrolle unter dem Arm, die kleinen Treppchen in den Ecken heruntergewandert kom­men ... Auch in dem kleinen, am Bergabhang mit der Aussicht auf die Mäanderebene gelegenen, ent­zückenden intimen Theater könnten die Vorstellun­gen sofort und fast ohne Vorbereitung wieder be­ginnen. Gymnasium, Bäder, heilige Hallen, ein Stadion, alles ist da, nur die Menschen fehlen.

Vom obersten Rang des Theaters, über die nied­rigeSzene" hinweg, wird dem Auge das Land­schaftsbild selbst zur Szene, aber ins Unermeßliche gesteigert:

Zu den Füßen der Mäanderteppich, dahinter zur Linken der zackenreiche Latmos, wie die ausgespreiz­ten Finger einer gen Himmel gestreckten Götter­hand. Nach rechts anschließend, im Dunst geahnt, gelbe Trümmer-Massen, Milet, die Stadt des Thales und des Anaximander. Und am äußersten Flügel dieser Kulissen, wie ein Maulwurfshaufen in grüner Wiese, ein niedriger brauner Hügel, die ehemalige Insel Lade, wo sich um 500 v. Chr. die Seeschlacht abspielte, die das Schicksal der Ionier entschied... Das Ganze ein unvergeßlicher Blick von windiger Warte in greifbare, Wirklichkeit ge­wordene Geschichte!

Sochschulnachnchten.

Der Ordinarius für Philosophie, Psychologie und Aesthetik an der Universität Halle, Professor Dr. Emil Utitz, hat einen Ruf auf den durch den Tod von Professor Frhr. von Ehrens eis ver­waisten Lehrstuhl für Philosophie an der deutschen Universität Prag erhalten.

Am 21. Februar begeht der bekannte Leip­ziger Religionshistoriker und Orientalist Professor D. Alfred Jeremias den 70. Geburtstag. Jeremias, der einer Herrnhuter Familie entstammt, war ursprünglich Pfarrer in Leipzig und habili­tierte sich 1905 an der dortigen Universität für Religionsgeschichte. Von seinen Arbeiten feien die Allgemeine Religionsgeschichte", dasHandbuch der altorientalischen Geisteskultur",Das Alte Testament im Lichte des Alten Orients" und Johann von Staupitz" genannt.