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Das Rätsel einer Frühlingsnacht

Vornan von Gert Nothberg.

Urheberrechtsschutz: Fünf Türme-Derlag, Halle, Saale

30 Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Das war die Wahrheit. Gertraude war gezwun- gen gewesen, etwas zu sagen, weil Gräfin Uchter- erg eine Anspielung machte und es gewiß nicht im Sinne der gütigen Frau war, daß Graf Härtlingen mit ihrem Tode in Zusammenhang gebracht wurde.

Gertraude litt unsagbar, aber es wurzelte sich in ihr immer tiefer der Gedanke ein, daß folgerichtig alles käme, um sie endgültig zu vernichten. Und so kam allmählich eine starre, tränenlose Ruhe über sie.

Nun war sie ganz allein und schutzlos. Was sollte jetzt aus ihr werden?--

Das Begräbnis war vorüber.

Sie hatte wie von selbst plötzlich weitab von der Verwandten gestanden. Sie gehörte auf einmal nicht mehr dazu. Die Gräfin Uchterberg und die Baronin Helbing, die beiden Nichten der toten Fürstin, hatten kein Interesse daran, Gertraude einen Platz inmitten der Verwandten einzuräumen; und sie hatten vielleicht auch nicht einmal eine Ab­sicht damit verbunden, aber Gertraude fühlte auch hierin ihr Schicksal sich erfüllen.

Ihr starrer, schmerzlicher Blick ging über die Trauergemeinde. Da zuckte sie zusammen.

Graf Härtlingen! Er stand mitten unter den Freunden der Toten. Kein Blick traf sie, die ihn immer wieder ansah, immer wieder ansehen mußte, und darüber vergaß, wo sie sich befand.

Als sie wieder zu Rudolf Härtlingen hinübersah, war er nicht mehr da. Er mußte sich in aller Eile verabschiedet haben. Sie hatte aber so viel von ihm im Gedächtnis behalten, daß er sehr düster, fast ver- steinext ausgesehen hatte.

Kalt wehte der Wind um die alte Gruft derer von Kleven, und Gertraude strich mit der Hand über eine der Schleifen, die im Winde hochflatterten.

Vorbei!

Vorbei ein Leben, das nur Güte gewesen war. Vorbei der letzte Halt für einen Menschen.

Der letzte Halt? Gertraudes dunkelblaue Augen öffneten sich weit.

Dann stieg ihr ein trockenes Schluchzen in die Kehle. Einsam und verlassen ging sie hinter den Verwandten her, die zum Schloß zurückgingen.

Du drängte sich ein zierliches, elegantes Figürchen an sie heran; ein weiches Gesicht drückte sich an das ihre, eine Stimme flüsterte:

Liebe Gertraude, uarum sind Sie so allein? Fürstin Kleven hat mir doch gesagt, daß Sie ihr Töchterchen sind? Uarum kümmern sich die andern nicht um Sie?"

Dolores Maderio strich zärtlich über Gertraudes weißes Gesicht.

Und jetzt fand Gertraude plötzlich Tränen. Sie rollten, wie endlich erlöst aus völliger Erstarrung, Über das feine, blasse Gesicht; sie schwemmten eine trostlose L)ede hinweg, sie durften endlich, endlich um die geliebte Tote rinnen.

Und das verwöhnte Geschöpf, dem wohl noch kein Wunsch im Leben je versagt geblieben, mur­melte:

Gertraude, kommen Sie mit nach Langenbirken'! Frau Langenbirkholz ist sehr gütig."

Da küßte Gertraude die kleine Australierin und sagte:

Nein, ich darf nicht nach Langenbirken. Auf kei­nen Fall darf ich das. Aber ich werde immer an Sie denken, Dolores. Sie mögen ein großes, schö­nes Glück finden ich will beten dafür."

Glück?" Dolores sprach das Wort nach, lehnte plötzlich den Kopf erneut an Gertraude.

Glück? Ach nein, ich bin doch so unglücklich."

Der Blick der schwarzen Augen suchte einen schlan­ken, blonden Mann, der bei seinen Eltern stand.

Dietz Langenbirkholz! Ich liebe dich, und du bist so grausam", murmelte die kleine Miß.

Gertraude hatte die Worte verstanden.

Dolores? Auch die reiche, verwöhnte Dolores Ma­derio litt unter der Liebe? Wozu gab es diese Liebe denn überhaupt, wenn sie nur Leid brachte?

Gräfin Uchterberg kam einige Schritte zurück, nahm Gertraudes Hand in die ihre. Ihr mochte es doch plötzlich zum Bewußtsein kommen, daß es nie­mals der Wunsch von Tante Agnes gewesen sein konnte, daß Gertraude jetzt so allein und verlassen hinter ihnen allen herschritt.

Ah, die kleine Maderio? Nun, die konnte man jetzt nicht in Kleven gebrauchen. Aber Gertraude gehörte vorläufig noch mit dazu. Denn merkwürdig genug, der Justizrat Heber hatte vor der Beerdi­gung erklärt, daß das Testament der Toten sofort nach der Beerdigung eröffnet werden müßte. Auf ausdrücklichen Wunsch der Fürstin.

Und Gertraude Schwarzkoppen habe unbedingt mit anwesend zu sein. So nahm sich die Gräfin Uchterberg jetzt Gertraudes an. Denn das hatte man nach diesen letzten Wochen in Kleven ja längst ge­wußt, daß Gertraude einmal nicht leer ausgehen würde, wenn die Fürstin starb. Also hatte man ja auch jetzt keine Ursache, ihre Anwesenheit bei der Testamentseröffnung unwillkommen zu empfinden.

Dolores verabschiedete sich artig, nahm sich aber vor, schon anderntags nach Gertraude zu sehen; ihr kam das Benehmen der Verwandten der Fürstin doch ein bißchen merkwürdig vor.

Dolores ging zu den Lanaenbirkholz' zurück. Ganz artig und mit gesenktem Köpfchen ging.fie neben Frau Langenbirkholz zum Wagen. Dietz' Blick um­faßte die holde, junge Mädchengestalt mit einem heißen Blick.

Es traf sich, daß Dolores allein im Speisezimmer von Langenbirken anwesend war, als die Tür auf- gina und Dietz hereinkam. Er tat, als wolle er wieder hinausgehen, als er sah, daß Dolores allein hier war.

Das trotzige Herz des Mädchens kämpfte einen heißen Kampf, dann lief Dolores zur Tür:

Dietz, ich möchte Sie sprechen."

Er kam zurück, schloß die Tür.Bitte!" sagte er höflich.

Dietz, ich war sehr töricht. Ich fühle mich so wohl in Langenbirken, und ich ich ich--"

Da stürzten helle Tränen über das Gesicht des Mädelchens. Dietz Langenbirkholz biß die Zähne ganz fest zusammen. Er wollte diesem kleinen Mädel gegenüber nicht weich werden.

Da sah Dolores ihn mit den tränennassen Augen an, daß ihn die mühsame Beherrschung verlieh. Er riß sie plötzlich an sich, küßte sie, flüsterte:

Dummchen, ich habe dich doch so lieb, aber Launen dulde ich nicht. Ich bin nicht so fügsam wie dein guter Vater. Es gibt ein Donnerwetter, wenn du mich durch Launen zu quälen gedenkst. Verstehst du?"

Ich uill doch ganz bestimmt keine Launen mehr haben, doch du hast mich auch aequält. Die ganze lange Nacht habe ich am Fenster ge­standen, und du bist nicht heim­gekommen."

Die letzten Worte wurden unter erneutem hef­tigen Schluchzen hervorgestoßen.

Ich gehe keine Nacht mehr fort, wenn du lieb und gut zu mir bist. Wollen wir so schnell als möglich heiraten, Lo?"

Sie nickte. Zu sprechen vermochte sie nicht, aber sie war sehr glücklich.

Die gütige alte Fürstin schlief in der Gruft den ewigen Schlaf, und an ihrem frischen Grabe er­blühte ein neues Glück zweier junger Menschen. Aber sie würde sich darüber freuen, die Tante Agnes! Das würde ganz nach ihrem Herzen fein.

In Schloß Kleven faßen sie alle um den großen, runden Tisch. Der Notar und langjährige treue Berater der Verblichenen eröffnete das Testament. Es waren eine Menge Legate ausgesetzt. Darüber wunderte man sich nicht, denn man kannte ja die gütige Frau, deren letzten Willen man stillschwei­gend zu ehren hatte.

Gertraude Schwarzkoppen erhielt das Rosen­schloß und eine monatliche Rente solange sie lebte. Das übrige große Vermögen, die Liegenschaften

Schloß Kleven und einige kleinere Güter erhielten die Familien Uchterberg und Helbing.

Damit war die Testamentseröffnung vorüber.

Man besprach noch dies und jenes. Man war auch zu Gertraude freundlich, wenn auch die Baro­nin Helbing zur Gräfin Uchterberg gemeint hatte, daß das Erbe an diese Gertraude sehr reichlich aus- gefallen fei. Und das arme Dina wisse nun wenig- stens, wohin es gehöre. Es müsse ihr aber in Zu- tunft selbst überlassen bleiben, sich einen geselligen Kreis zu suchen, denn sie, die Baronin Helbing, denke nicht daran, etwaige Beziehungen aufrecht­zuerhalten.

Da die Gräfin Uchterberg derselben Meinung war, lächelten die beiden Damen gleich liebenswürdig zu Gertraude hinüber, die sich dann bald empfahl.

©ertaube hatte mit nichts gerechnet. Wie hätte sie dies auch tun sollen! Sie hatte ja in diesen letz­ten Tagen nichts weiter denken können, als daß nun auch noch der letzte Mensch von ihr gegangen war, der es gut mit ihr gemeint hatte.

Der letzte Mensch? War die Fürstin nicht über­haupt der einzige Mensch auf dieser Welt gewesen, der es gut mit ihr gemeint, der sie liebgehabt hatte?

Rudolf Härtlingen!

Es war keine Liebe gewesen. Nein, tausendmal nein! Sie hatte ihn in jener Nacht betrogen. Er hatte nicht sie, sondern Lelia geliebt. Und jetzt, in diesen letzten Tagen, hatte er sich selbst betrogen, indem er das, was ihn noch immer mit der toten Lelia, die er mit wahnsinniger Leidenschaft geliebt, verband, für Liebe zu ihrer jungen Schwester ge­halten hatte.

Gertraude preßte die Stirn an die kalte Scheibe, an der langsam und schwer die Regenttopfen herab- rannen. Wie große, schwere Tränen sahen diese Tropfen aus.

In Gertraudes Schmerz um die geliebte Tote fiel die Erkenntnis, daß sie, Gertraude, ja nun nie mehr heimatlos sein würde. Das kleine, schöne Rosenschloß gehörte ihr, und sie konnte dort ganz still für sich leben. Gertraude sank in die Knie.

Liebe Tante Aanes, ich danke dir wie gütig hast du an mich gedacht."

Wie lange sie so gekniet, wußte Gertraude nicht. Aber als sie sich erhob, war die trostlose Verzweif­lung, die den ganzen Tag über in ihr gewesen, gewichen. Das Dunkel wurde hell. Tante Agnes' gütiges, von Silberlocken umrahmtes Gesicht schien ihr entgegenzuleuchten.

Die Gedanken irrten weiter, suchten einen hoch­gewachsenen Mann, sahen ein verächtliches Lächeln.

Rudolf, wenn es hätte fein können, das Glück, das große, große Glück ich hätte es dir täglich aufs neue gedankt!"

(Schluß folgt.)

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