Nr. Ul Drittes Blatt_______________Glehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)_____________Mittwoch, 20. Juni 1934
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3n der Nacht zum 21. Juni wird auf dem Brocken ein Feuer entzündet werden, das in sechs Strahlen durch ganz Deutschland hindurch bis an die Grenzen des Reiches fortgeleitet wird. Die einzelnen Feuerstätten werden auf Bergspitzen und Höhenrücken in Abständen von je 15 bis 25 km liegen. So werden die Reoolutionsfeuer einen sechsstrahligen Stern bilden, der in Form der altgermanischen Lebensrune sich über das ganze Reich spannen wird.
Neuer Vorstoß zum Südpol.
Sechzig Eskimohunde warten in England auf die Abreise.
lieber die englische Südpolexpedition, die im September dieses Jahres zur Erkundung von Graham-Land aufbrechen wird, sind jetzt die genaueren Einzelheiten bekannt geworden. Ihr Führer John Ryrnill, der schon an dem ersten Vorstoß W a t k i n s’ nach Grönland teilgenommen hat und der nach dem Tode des Forschers die Durchführung der zweiten übernahm, hat sich der tatkräftigen Unterstützung der Regierung und der Königlich Geographischen Gesellschaft versichert. Ein Dreimast- Schoner mit einer 100 P8-Dieselmaschine, der den Namen „Penola" erhält, befindet sich augenblicklich zur gründlichen Ueberholung und Umstellung auf Polarbedürfnisse in Southampton. Zur Ausstattung gehören ein kleines Flugzeug und natürlich die modernsten. Instrumente für wissenschaftliche Untersuchungen nebst zuverlässigem nachrichtentechnischem Material.
Man will diesmal vor allem den Fliegern einen wichtigen Teil der Expeditionsaufgabe übertragen. Auf der Erde finden wie gewöhnlich Hundeschlitten Verwendung. Sechzig gute ausgesuchte Eskimohunde sind bereits in Westgrönland gekauft und mit einem dänischen Schiff in England gelandet worden. Die Auswahl dieser treuen Begleiter der sich in das ewige Eis vorwagenden
Menschen gehört zum verantwortungsvollsten Teil der Vorbereitungen. Zähigkeit und Zuverlässigkeit der vierbeinigen zotteligen Gesellen haben schon manchen Forscher vor sicherem Untergang bewahrt. Die für die Graham-Land-Expedition bestimmten sechzig Tiere stammen aus der gleichen Gegend, aus der A m u n d s e n seine Hunde für den Vorstoß zum Südpol geholt hat. Die wichtigste Rolle fällt dem Tier zu, das allein an der Spitze voranläuft, während die anderen zum Ziehen der Schlitten zusammengekoppelt sind. Versagen diese Führerhunde, so ist es um die Leistungen der Mannschaften — dazu zählt der Polarfahrer auch seine vierbeinigen Kameraden — schlecht bestellt. Im Ganzen werden zwölf Schlitten mitgenommen.
Vier weitere Mitglieder dieser englischen Südpolexpedition haben ebenfalls wie der Leiter an der ersten Watkins-Fahrt in die Antarktis teilgenommen. Für alle Gebiete der Wissenschaft ist vorgesorgt; neben Fliegern und Nautikern sind ein Geologe, ein Biologe und ein Vogelkundler vertreten. Die Bedienung der drahtlosen Station liegt in den Händen eines Signal-Offiziers. Einige Teilnehmer werden mit den Hunden und einem Teil der Ausrüstung England bereits im nächsten Monat verlassen; der Hauptstamm folgt mit der „Pe
nola" erst im September nach und wird mit den übrigen Ende Oktober in Port Stanley Zusammentreffen, wo sich übrigens auch das bekannte Polarschiff „D i s c o v e r y II" einfinden wird. Die Lager werden auf der Deception-Jnsel errichtet. Von dort geht die Fahrt südwärts, so weit es die Eisverhältnisse erlauben. Gelingt es nicht, einen sicheren Standort zu entdecken, wird man zur De- ception-Jnsel zurückkehren und dort weiter- und klimakundliche Untersuchungen durchführen. Jedenfalls wird sich die Expeditionsgemeinschaft in eine Landgruppe von neun und in einer Schiffsgruppe von fünf teilen.
Das Flugzeug unternimmt wahrscheinlich schon bald einen Erkundungsflug über die Bransfield- Straße in der Richtung auf Graham-Land. Sobald das Eis offen ist, wird das Schiff nach der Wil- helmina-Bai an der Westseite von Nord-Graham- Land fahren, um das Flugzeug von dort zur Auffindung eines Weges durch Graham-Land nach der Ostseite starten zu lassen. Diesen Vorbereitungen schließt sich die Expedition mit den Hundeschlitten an, und man hofft bei einigermaßen günstigen Bedingungen einen Punkt in der Nähe der Foyn- Jnsel zu erreichen. Die Hauptaufgabe beginnt erst, nachdem das Eis längst der Sübmest-
küfte von Graham-Land aufgebrochen ist. Die Teilnehmer rechnen damit, Mitte Februar 1935 mit dem Schiff weiter südwärts vorstoßen zu können und wollen sich so südlich wie möglich auf Graham-Land festsetzen oder gar auf Hearst-Land selber, um sich dort für den Winter einfrieren zu lassen.
Die Unternehmungen von dieser Basis aus können noch nicht genauer geplant werden. Man will sich an die Erforschung des Landes wagen, das jenseits de rW e d d e l l - S e e liegt, und das ist eine der größten unbekannten Flächen am Südpol. Der Schlittenreise wird auch diesmal wieder ein Erkundigungsflug vorangehen. Das Ziel ist: festzustellen, ob dieser Teil der Antarktis ein Teil des Hauptkontingents am Südpol ist oder ob er die Fortsetzung von Graham-Land in Gestalt einer Inselkette darstellt. Man will also entdecken, was sich hinter der Weddell-See befindet, und dann soll in der zweiten „Schlitten-Saison" eine Fahrt westwärts unternommen werden, ebenfalls in völlig unbekanntes Gebiet. Im Jahre 1937, wenn das Eis die Fahrt wieder ermöglicht, will die Expedition nach England zurückkehren, was vielleicht im Mai der Fall sein wird.
Feldbereimgung und Aeichserbhosgesetz.
Von Georg Lind, Rechtsanwalt in Grünberg, Hessen.
Die Feldbereinigung bezweckt die Förderung der Landeskultur durch die Anlage von öffentlichen Feldwegen, die eine freie Bewirtschaftung unter Beseitigung des Flurzwanges zulassen, und durch Zusammenlegung zerstreut liegender Grundstücke der einzelnen Eigentümer in eine für die Bewirtschaftung günstigere Lage, Größe und Form. Daneben dient sie in jetziger Zeit besonders der Arbeitsbeschaffung und damit der Verminderung der Arbeitslosigkeit.
Ihrem Wesen nach ist die Feldbereinigung ein Eingriff in das Eigentum einzelner zum Wohle der Gesamtheit. Um der ganzen Dorfgemeinschaft zu dienen, bringt sie für den einzelnen gewisse Beschränkungen und befolgt so den Grundsatz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz".
Daß diese Eingriffe auf gesetzlichem Wege und unter tunlichster Wahrung auch der Interessen des einzelnen vor sich gehen, gewährleistet das F e l d - bereinigungsverfahren mit feinen Organen und feinen Schutzbestimmungen.
Es wirft sich hier die Frage auf, inwieweit den Bestimmungen des Feldbereinigungsgesetzes und feines Verfahrens die Vorschriften des Reichserbhofgesetzes entgegenstehen, die die Unveräußerlichkeit und Unteilbarkeit des Grund und Bodens der Erbhöfe auffteUen. Nur bei oberflächlicher Betrachtung kann man auf den Gedanken kommen, es handele sich bei Erbhof und Feldbereinigung um zwei unvereinbare Gegensätze. Beide zwecken letzten Endes das gleiche:
Die Erhaltung und Besserstellung des deutschen Bauernstandes.
Feldbereinigung und Reichserbhofgesetz lassen sich leiten von dem Grundsatz „Gemeinnutz geht vor Eigennutz"^ Das Erbhofgesetz will unter Sicherung alter deutscher Erbsitte das Bauerntum als Blutquelle des deutschen Volkes erhalten und die Erbhöfe vor Ueberschuldung und vor Zersplitterung im Erbgang schützen, damit sie dauernd als Sippenerbe in der Hand freier Bauern verbleiben können. Das
Wohl der ganzen Sippe soll dem des einzelnen vorangehen.
Die Feldbereinigung will der Melioration der Gesamtgemeinde dienen und verlangt aus dem gleichen Grund Unterordnung der Interessen des Einzelnen unter das Interesse der Gesamtheit.
Feldbereinigung und Erbhof bilden nicht nur keine Gegensätze, sondern ergänzen einander. Auch den Erbhöfen sollen selbstverständlich die Verbesserungen, die das Feldbereinigungsverfahren mit sich bringt, zugut kommen.
Mit der Förderung der Landeskultur und allgemeiner Melioration und Zusammenlegung wird die gesamte landwirtschaftlich genutzte Fläche verbessert und der Bauernstand gehoben. Es ist selbstverständlich, daß das Feldbereinigungsverfahren auch auf die Erbhöfe Anwendung zu finden hat.
Die Ansicht, als ob der § 37 des Reichserbhofgesetzes dem entgegenstünde, ist irrig. Nach §37 ist der Erbhof allerdings grundsätzlich unveräußerlich und unbelastbar. Durch die Bestimmung der Unveräußerlichkeit soll der Erbhof für immer der Familie, der Sippe, erhalten werden. Und das Verbot der Belastung soll den Erbhof der Macht und dem Einfluß des Leihkapitals entziehen. Beide Verbote machen für den Erbhofbauern ein Ende mit dem ihn seither ständig bedrohenden Schicksal einer ewigen Sorge um den Verlust des Hofes und seiner Scholle. Denn die Erhaltung des deutschen Bauern ist nicht von einem Plus oder Minus der bäuerlichen Wirtschaftslage bestimmt, sondern nur davon, ob die bäuerliche Heimatscholle zurWare, zum Handelsobjekt werden kann oder nicht. Nicht hohe oder niedere Preise haben je dem Bauern die Scholle geraubt, sondern die Verschuldung an das Leihkapital haben den Bauer unter den Hammer der Zwangsvollstreckung gebracht und ihn vom angestammten Besitz vertrieben. So muß das Verbot der Unveräußerlichkeit und Unbelastbarkeit des § 37 verstanden und gewürdigt werden.
Aber die Vorschriften des §37 hindern nicht die Durchführung des Feldbereinigungsverfahrens auch bei den Erbhöfen. Durch die Zusammenlegung und
Was mein eiiistwar...
Vornan von Klothilde von Stegmann.
Urheberrechtsschutz: Fünf-Türme-Verlag Halle (S.)
9 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Wahrheit war hier das kleine Zimmer. Wahrheit waren die Einsamkeit und der Kummer. Wie still alles war! Eine Stille, die sich wie Lähmung auf die Brust legte. Alles war leer. Die Kameradinnen waren in die Ferien gereift. Nur sie allein mußte zurückbleiben. Ihre einzige Unterhaltung war der tägliche Spaziergang mit einer der Lehrerinnen und der allsonntägliche Kirchgang. Selbst die Sportstunden, die sonst in das eintöniae Einerlei des Jnstitutsunterrichts ein wenig Abwechslung brachten, fielen jetzt in den Ferien fort, denn Miß Crab war viel zu geizig, um den Tennislehrer und den Reitlehrer für eine einzige Schülerin kommen zu lassen.
Mit einem verzweifelten Blick sah sich Edele in dem Raum um — ein Tag war wie der andere, ein Jahr wie das andere. Die anderen jungen Mädchen kamen und aingen; sie wußten genau, daß die Zeit ihres Hierseins unter der tyrannischen Erziehung von Miß Crab einmal zu Ende gehen mußte.
Nur sie allein wußte nicht, wie lange man sie hierlassen würde. Mit eiserner Konsequenz wußte Miß Crab sie von Freundschaften mit den anderen jungen Mädchen zurückzuhalten, denen die schöne, traurige Waise geheimnisvoll und rührend erschien.
War sie doch die einzige, um die sich niemand kümmerte, nicht zum Geburtstag, nicht zu Weihnachten. Sie hatte dicht neben Miß Crab ein Schlafzimmer für sich, während die anderen jungen Mädchen Zimmer zu dreien und zu vieren bewohnten. Da gab es denn, wenn die gestrengen Lehrerinnen das Feld geräumt hatten, viele lustige Unterhaltung, Streiche und Gelegenheit, große und kleine Herzensgeheimnisse mit den Freundinnen auszutauschen.
Nur Edele lebte wie von einer Mauer umgeben. Bei den Spaziergängen mußte sie an der Seite der Lehrerin gehen. Ihre Arbeiten machte sie allein — kurzum: man hielt sie absichtlich von den anderen fern. Mischte sie sich einmal in einer unbewachten Stunde unter die Genossinnen, so kam bald irgend eine der Aufsichtspersonen und holte sie zu irgend einer Verpflichtung fort. Es war augenscheinlich — sie sollte allein bleiben.
Im Anfang hatten die jungen Mädchen versucht, die blasse, scheue Waise heranzuziehen, und hatten auch gegen Miß Crab rebelliert. Aber da waren sie schlecht angefommen.
„Es ist der Wunsch des Vormunds von Edele, daß sie für sich gehalten wird!" erklärte sie mit ihrer eisigen Stimme. „Wer gegen dieses Gebot,
das ich auszuführen habe, sich auflehnt, wird die Folgen spüren!"
Ihre Augen hatten dabei drohend gefunkelt, ihre Stimme hatte einen so unheimlichen Klang angenommen, daß die jungen Mädchen angstvoll zurückwichen. Man kannte Miß (Trabs Methoden, unbot- same Mädchen gehorsam zu machen. Essenentzug, Verbot, an den Sportspielen teilzunehmen, Verbot der Serienreifen, ganz zu schweigen von der Verbannung unten in das kleine Häuschen an der See, das ganz einsam dalag — dort ein paar Tage und Nächte zu verbringen, wenn der Sturm heulte, ganz einsam dort zu sein, weit weg von allen Menschen — das war für die ängstlichen Seelen der jungen Mädchen zu viel. Alles wollte man tun, nur um diesen Strafen zu entgehen. — So zogen sich alle von Edele zurück, und bald gingen die seltsamsten Gerüchte um, was die junge Edele wohl verbrochen haben mochte, daß sie noch viel strenger gehalten wurde als die anderen.
Mit tiefem Schmerz hatte Edele die Zurückhaltung ihrer Kameradinnen gespürt. Da sie den Grund nicht kannte, mußte sie glauben, man wollte nicht mit ihr zusammen sein. Da erwachte ihr Stolz, der Stolz ihres Blutes. Sie biß die Zähne zusammen — und nur in einsamen Nächten löste sich die Verlassenheit ihres jungen Gemütes in heißen Tränen.
Jetzt hatte sie das Weinen schon lange aufgegeben. Sie war apathisch geworden und lebte wie in einem Traum dahin. Nur manchmal brach die Wirklichkeit durch, und dann erzitterte ihr Herz in Gram und Angst. Nichts war hier, was sie noch reizte, was etwa dem jungen Geist Nahrung geben konnte, der doch ebenso hungerte wie ihr Gemüt.
Sie war nun schon das dritte Jahr hier. In dem ersten Jahre hatte sie Briefe geschrieben an ihre Gespielinnen oben in Norwegen, an den alten Kersten — und vor allem an Malte. Täglich schrieb sie, immer dringender, immer flehender: es konnte ja nicht sein, daß er sie vergessen hatte. Warum schrieb er ihr nicht? Sie hatte doch in jedem Briese die Adresse angegeben? Warum ließ er sie so jammervoll allein? Tag für Tag schlich sie aus dem Hause, wenn die Zeit kam, in der der Briefträger unten von der Insel herauf nach Crab-Cottage kam. Schon von weitem fragten ihre bangen Augen. Dem alten Manne tat es schon in der Seele weh, diese blauen, traurigen Mädchenaugen zu sehen.
„Nichts, Miß!" sagte er leise und ging mit seiner Posttasche an ihr vorüber, die blaß, mit schlaff hängenden Armen dastand.
Er wußte ja ebensowenig wie Edele, daß Miß Crab alle Briese, die an Edele kamen, direkt von der Poft in einem versiegelten Umschlag an sich selbst befördern ließ — und diese Briefe sofort an Siemen weitersandte.
Ebensowenig wußte Edele, daß all ihre Sehnsuchtsschreie, die sie dem Papier anvertraute, nicht bis zu Malte kamen, sondern sich gleichfalls auf dem Schreibtisch Siemens sammelten. Und auch
Malte, da oben im fernen Normegen, ahnte nicht, daß seine leidenschaftlichen fragenden Briefe an die geliebte Jugendfreundin, in denen die scheue Sprache erster Siebe sich offenbarte, den zynischen Augen Siemens preisgegeben roaren.
Es mar schon ein stattlicher Packen, den Siemen da in seinem Schreibtisch vermährte. Mit bösem Sächeln sah er einen zum anderen kommen. Das hatte er gut gemacht, diese kleine Edele von aller Welt zu isolieren — und vor allem von diesem jungen Hitzkopf zu trennen.
Er hatte es ja auf den ersten Blick damals im Spielwarengeschäft gesehen, daß dieser Junge nur einen Gedanken hatte: Edele. Sicher, er wäre ihm, Siemen, am liebsten an die Kehle gesprungen, als er Edele das Spielmerk schenkte. Höchste Zeit, daß er die Kleine von allem entfernt hatte, was ihr helfen konnte — denn nur so konnte er sie sich für seine Pläne aufsparen. Die gute Sou wurde allmählich auch nicht jünger; man konnte sich den Zeitpunkt ausrechnen, wo sie kein Sockvogel für die Gimpel mehr fein mürbe, die er im Spiel rupfen mollte. Dann müßte man sich von ihr trennen.
Dann mürbe Ebele so meit sein. Sie versprach, eine Schönheit zu merben, mie bie Welt sie selten zu sehen bekam. — Unb bas konnte er für feine Pläne brauchen.
Siemen legte einen ber Briefe von Malte in bie Schreibtischlabe unb holte ein Bilb Ebeles hervor, bas auf seinen Wunsch vor menigen Wochen an- gefertigt morben war. Das letzte Bilb war von überraschenbem Siebreiz. Ebele mußte sehr groß geworben sein, hatte bie stolze unb boch graziöse Haltung norbischer Schönheiten. Das bisher noch kinblich unfertige Gesicht bekam reine unb rassige Sinien, ber Munb schien aus bem Bilb bem Beschauer entgegenzuschwellen — unb bie großen Augen blickten weit offen, finnenb unb wie aus einer Märchenwelt ins Seben. Nur traurig schimmerten sie, tief, tief traurig, unb bas war es, was bem süßen, jungmäbchenhaften Gesicht einen geheimnisvollen Reiz mehr verlieh.
Befriebigt sah Siemen auf bas Bilb. Noch menige Monate Gebulb, bann mürbe er bas gefangene Vögelchen holen — unb es müßte nicht mit rechten Dingen zugehen, menn es nicht ein Seben an feiner Seite in Glanz unb Freiheit bem engen Bauer vorziehen mürbe, in bem es bisher geschmachtet hatte.
Befriebigt schloß Siemen bas Bilb meg unb setzte sich hin, um einen seiner Jnstruktionsbriefe an Miß Crab zu schreiben. Diese Person schien mirklich außerorbentlich intelligent; sie hatte alles in Ebeles Erziehung so gemacht, mie er angeorbnet hatte. Ebeles traurige Augen sagten ihm zur Genüge, baß sich bas junge Mäbchen nicht an bas Institut von Miß Crab klammern mürbe, obmohl bies in allen Prospekten als „liebevolles Erziehungsheim" ange» priesen mürbe.
Malte hatte Monat um Monat auf eine Nachricht von Ebele gemartet, unb mit jebem Monat bes Wartens mar fein Gesicht herber unb reifer geworben. Aller Jugenbübermut mich aus ben Zügen. Ernst, sehr ernst mar Malte gemorben.
Mit heimlicher Sorge sah es fein Vater, ohne doch ben Grunb zu kennen. Denn es konnte boch nicht biefe Kinberfreunbschaft sein, bie ihn so Der- ändert hatte. Malte sprach nie mehr über Ebele, seit jenem Tage, ba er, mit bem kleinen Spielmerk in ber Hanb, in bem verlassenen Schlosse von Smanebloe geftanben hatte, mie er überhaupt nicht mehr viel sprach. Er mar verschlossen unb schien nur noch ein Ziel zu kennen: bie Arbeit. Er mar ber Erste, ber Beste auf ber Schule. Er hatte keine Gemeinschaft mit ben Kameraben, bie ihn für hochmütig unb streberhaft hielten. Sie alle mußten ja nicht, baß es für Malte nur einen Daseinszmeck gab: frei merben, unabhängig, unb Ebele suchen.
Er mußte sie ftnben, sollte er auch bie ganze Welt burchmanbern. Wo er sie suchen sollte, ahnte er nicht — aber einmal mürbe er sie ftnben!
Achtes Kapitel.
Wieber mar es Winter gemorben. In ber Oper von Rom saß in einer Soge ein eleganter bunfler Herr neben einer Dame, bie burch bie Vornehmheit ihrer Erscheinung mie ihrer Toilette auch hier Aufsehen erregte, mo bie Sogenbrüstung boch von ben schönsten Frauen Roms eingerahmt mar mie von einer kostbaren Slumengirlanbe.
Diese Dame, hellblonb, mar in eine kostbare, schmarze Delourchisfontoilette gefleibet. Ein Breit- schwanzmantel hing lässig um ihre Schultern. Sie hatte bas Gesicht einer Frau aus altaristokratischem Geschlecht — unb bie Art, in ber sie sich ihrem Begleiter zumanbte, zeigte bie ganze Gelassenheit unb Sicherheit ber Dame von Welt.
Jetzt beugte sich ber junge, elegante Mann zu seiner Begleiterin unb mollte ihr bas Programm reichen — ba hielt er in ber Bemegung inne; seine Augen bekamen einen starren Ausbruck. Wie gebannt blickte er auf eine Dame, bie soeben, kurz vor Beginn ber Vorstellung, in bie Theaterloge trat. Es mar eine Frau mit schmarzem, feiben- glänzenbem Haar unb veilchenblauen Augen. Jetzt setzte sich biefe Dame brüben in ben meichen Fauteuil, ben einer ihrer eleganten Begleiter im Frack ihr hinschob. Ein kostbarer Chinchillamantel glitt auf bie Sehne, enthüllte mattmeiße Schultern, bie aus einem Kleib von flammenben Gelb herausblühten.
„So gib mir boch enblich das Programm, Alexander!" sagte die Dame in Schmarz Der- munbert, unb nahm bem oollkornrnen Abrnesenben ben Zettel aus ber Hanb.
. ! - (Fortsetzung folgt)


