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Ur. 92 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Zreitag, 20. April (934
Erinnerung an den„Roten Kampfflieger".
Zum Todestage des Freiherr« Manfred von Lichthöfen am 21. April.
Von $r. Mach, Gießen.
Am 16. Todestag des Kampffliegers Manfred Freiherrn von R i ch t h o f e n werden Erinnerungen an ihn in mir wach, die von allgemeinem Interesse sein dürften. Im Januar 1917 wurde ich an der Somme vom Regiment 118 zur Pionier- Mineur-Kompanie 292 kommandiert, die auf diesem Schlachtfelde sämtliche Offiziere mit Ausnahme des Kompanie-Führers durch Tod oder Verwundung verloren hatte. Das Ringen an der Somme ließ im Januar nach, und schließlich erstickte jede
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Kampftätigkeit in dem verschlammten Trichterfeld. Nun fand meine Kompanie ein neues Tätigkeitsfeld in Flandern. Dort bereitete der Gegner eine Offensive vor. Dies zeigte sich zunächst in einer verstärkten Miniertätigkeit zwischen St. Eloi und Mes- sines. Bekanntlich leiteten die Engländer die Flandernschlacht durch eine gewaltige Sprengung in eben diesem Frontabschnitt ein. Im Wytschaete- bogen wurde meine Kompanie eingesetzt, und etwas weiter nördlich noch eine neue, aus Mannschaften -meiner Kompanie und der dort schon länger arbeitenden drei Mineurkompanien gebildet. Bald setzte eine emsige Arbeit unsererseits ein, um den Gegner in seinen Vorbereitungen zur Schlacht zu stören und den Vorsprung, den er im unterirdischen Krieg vor uns hatte, einzuholen. Es wurden in unserer Stellung meist im vorderen Graben neue tiefere Schächte abgeteuft, vorhandene Stollen wurden unter die Stellung des Gegners vorgetrieben, Tankfallen, das find riesige Trichter in der Anmarschstrahe des Feindes, wurden gesprengt und vorhandene Stollen des Gegners wurden durch Sprengungen abgequetscht. Der Gegner merkte unsere Tätigkeit, und nun setzte eine emsige englische Fliegertätigkeit ein. Unsere alten und. neuen Schachtanlagen wurden vom Gegner photographisch ausgenommen, obwohl sie gegen Sicht I
gut abgedeckt waren. Doch der geförderte blaue Flandernton wurde immer wieder zum Verräter. Die Folge war, daß tagsüber schweres Artillerte- und Minenfeuer auf unseren Anlagen lag, das von den Beobachtern in vielen Fesselballons gut geleitet wurde. Wie oft mußten wir in der Nacht wieder von voime anfangen zu bauen. Um die Fliegertätigkeit des Gegners möglichst zu unterbinden, verlegte man die Jagdstaffel Richthofens nach Kortryk in Flandern. Oft sahen wir nun vom Schützengraben aus ihre roten Flugzeuge über uns hinweg feindwärts ziehen. Wie groß war unsere Freude, wenn in der nächsten halben Stunde der Horizont von englischen Flugzeugen leer war. Wie weggeblasen waren sie oft, so gefürchtet war der „Rote Kampfflieger" bei seinen Gegnern.
Hier lernte ich auch die Angriffstaktik der roten Flieger kennen. Sie versuchten über den Gegner zu kommen, was oft nicht leicht war; denn gerne versuchte der Engländer, sich durch Abwärtstrudeln und steilem Gleitflug dem Angriff des Gegners zu entziehen. Hatte der deutsche Flieger das feindliche Flugzeug überflogen, so blieb er so lange senkrecht über ihm, bis er es durch Maschingewehrschüsse zum Landen zwang, oder es zu Boden drückte. Hier verhalf neben Schußsicherheit und Mut vor allem Nervenkraft zum Siege. Ich erlebte es in diesen Tagen, wie ein deutscher Flieger einen feindlichen zum Landen zwang, ohne einen Schuß abzugeben. Flieger und Flugzeug sielen unversehrt in unsere Hände.
Die Unterdrückung der Fliegertätigkeit durch die Richthofen-Staffel hatte aber nicht vermocht, den Angriffswillen der Feinde zu unterbinden. Was er von unseren Schachtanlagen nicht mit seinem Artilleriefeuer fassen konnte, suchte er gelegentlich einer Gewaltpatrouille in unsere Stellung zu zerstören. Nach voraufgehendem Trommelfeuer drangen Engländer eines Tages im Morgengrauen in unseren Abschnitt ein und zerstörten unsere Schachtanlagen durch Hineinwerfen von geballten Ladungen. In den folgenden Wochen lag Tag und Nacht schwerstes Artilleriefeuer auf unseren Anmarschwegen. Es war nicht mehr möglich, nachts in vorderer Linie zu schaffen und Material nach vorne zu bringen. Der-Vorsprung, den die englischen Mineure hatten, ließ sich unter diesen Umständen von uns nicht mehr einholen, zumal die Engländer, wie uns bekannt war, ein tieferes Stollensystem von etwa 50 Meter hatten, das mit einer Unmenge von Sprengmunition fertig geladen war und nur wasserfrei gehalten wurde. In einer flachen Stollenanlage von etwa 25 Meter Tiefe beschäftigten sie uns. Die Mineurkompanten wurden aus der Stellung herausgezogen und mußten sich zu weiterer Verwendung bereithalten.
Meine Kompanie bezog Quartiere in Linselles, einem kleinen französischen Städtchen bei Lilles. Hier war Major von Richthofen, des Kampffliegers Vater, Ortskommandant. Wer einige Zeit in diesem Ort weilte, der wurde Zeuge eines Schauspiels, das mich immer wieder tief ergriffen hat. Manfred von Richthofen und fein Bruder Lothar, der ebenfalls Kampfflieger war, mußten mit inniger Liebe an ihrem Vater hängen: fast jeden Tag, wenn die Sonne sich neigte, ertönte über dem Städtchen Motorengeknatter. Die Söhne warfen ihrem Vater einen Gruß aus dem Flugzeug herunter, oft mit der Nachricht, daß sie wieder die Zahl ihrer Luftsiege um einen oder zwei vermehrt hatten.
Es war ein heißer Juni-Nachmittag 1917. Wer keinen Dienst hat, setzt sich gerne ins kühle Stübchen des kleinen Kaffees am Marktplatz. Ein Kamerad und ich treten ein. An einem Tisch sitzt Major von Richthofen mit seinem ältesten Sohn im Gespräch. Wir wollen nicht stören und suchen uns möglichst
entfernt einen Platz. Nach einigen Minuten steht Major von Richthofen auf und bittet uns an feinen Tisch, um uns mit seinem Sohne bekanntzumachen. Und nun stehen wir diesem gegenüber und schauen in sein festes, klares Auge. Kein Großtun liegt in dem Wesen dieses damals schon so berühmten Fliegers, der mit 25 Jahren Rittmeister und mit dem „Pour le merite“ ausgezeichnet ist. Mit unbeschreiblicher Schlichtheit erzählt er, nicht von der Fliegerei, wie man meinen könnte, sondern von der Jagd. Offensichtlich ist Manfred von Richthofen darüber erfreut, daß er in kurzer Zeit auf Urlaub
nach Ostpreußen fahren darf, um dort mit Erlaub- nis des Kaisers Elche zu jagen.
Es ist der 21. April während der Kaiserschlacht. Meine Kompanie liegt hart nördlich Albert. Die Kämpfe um Amiens sind im Gange. Da verbreitet sich in unseren Reihen die Nachricht, Richthofen sei von einem Flug nicht zurückgekehrt. Zwei Tage später werfen die Engländer Aufnahmen mit seinem reich mit Kränzen geschmückten Grab über unseren Linien ab. So ehrte der Feind unseren Helden.
S.Upori
Reitturnier in Nizza.
Der vierte Tag.
Am vierten Tage des internationalen Militär- Reit-Turniers in Nizza waren unsere Offiziere vom Pech verfolgt. Durch einen unglücklichen Umstand, Bosco zeigte Lahmheits-Erscheinungen und mußte geschont werden, wurden die Meldungen aller deutschen Teilnehmer für den Preis der Belgischen Kavallerie von Freih. v. Waldenfels zurückgezogen. Sieger in diesem Haupt-Wettbewerb des Tages blieben wieder die Italiener vor Frankreich und der Schweiz.
Fußball-Wettkampf der Leinberger Kurfisten. kurfusmannschaft gegen Stadtmannfchaft.
Am morgigen Samstagnachmittag spielt eine kombinierte Kursistenelf gegen die Stadtmannschaft Gießen (1900 und VfB. komb.). Aus den 32 Kursusteilnehmern werden 11 Spieler ausgesucht, die ihre Kräfte gegen die spielstarke Stadtmannschaft messen sollen. Das Spiel soll zeigen, was die jungen Leute in der kurzen Zeit gelernt haben.
Stadtjugend komb. — Landjugend komb.
Auf Anregung Les Gaujugendfachwarts V o n - dran wird am kommenden Sonntag, vor dem Spiel der Kurfisten (Leinberger-Kursus) gegen die Stadtmannschaft von Marburg, auch eine zusammengestellte Jugendmannschaft von der Spielvereinigung 1900 Gießen — VfB. Reichsbahn Gießen gegen eine Auswahlmannschaft von Alten-Buseck, Heuchelheim, Leihgestern, Lich, Watzenborn-Steinberg und Wieseck antreten. Diese Regelung wird zum erstenmal durchgeführt. Auf Gründ der seitherigen Leistungen während der Pflichtspiele verspricht man sich einen interessanten Kampf. Die Vereinsführer und Spielausschußmitglieder werden Gelegenheit haben, diejenigen Jugendlichen zu überwachen, die sie, nach dem Ausscheiden aus den Reihen der Jugendlichen, für die Seniorenmannschaften verwenden können. Die Leitung dieses Spiels wird der Jugendgruppenführer Philipp übernehmen.
Jahres-Hauptversammlung des FL. „2cutonio" Watzenborn-Steinberg
Dieser Tage hielt der Fußball-Club „Teutonia" Watzenborn-Steinberg im Vereinslokal „Wilhelms- höhe" seine Hauptversammlung ab. Ein flotter Marsch der Vereinskapelle leitete die Versammlung ein.
Der langjährige Vereinsführer Heinrich Harnisch begrüßte die Teilnehmer und erstattete den Jahresbericht, dem zu entnehmen war, daß der Verein trotz veränderter Lage und unter den schwierigsten Verhältnissen doch noch, hauptsächlich in sportlicher Hinsicht, sich gehoben hat. Die erste Mannschaft nimmt in der Bezirksklasse einen beachtlichen Tabellenstand ein. Dies ist um so mehr zu würdigen, als der Verein als Neuling bei Anfang der Spielserie in diese Klasse eingereiht worden ist.
Der anwesende Kreisführer Henkel (Gießen) würdigte die Verdienste des Vereinsführers und gab den Spielern zu verstehen, daß sie auf eine
solche korrekte, zielbewußte Vereinsführung stolz sein könnten. Herr Harnisch wurde als Vereinsführer erneut vom Fußball-Kreisführer durch Handschlag verpflichtet. Er ernannte dann sofort seine Mitarbeiter: Kassenwart: Karl Schneider, Schrift- wart: Georg Fink, Jugendführer: Erwin Pfaff, Werbewart: Albert Pitz, Sportwart: Otto Happel. Der würdige Verlauf der Versammlung zeigte, daß im Verein echter Sportgeist und treue Kameradschaft herrscht.
Handball im Gau XII der DT.
Die Aufstiegspiele der Preisklasse I.
Die Tabelle zeigt nach zwei Spielsonntagen fol-
Die Aufstiegspiele der Kreisklasse II.
gendes Bild:
Gewonnen
Verloren
Tore
Punkte
Krofdorf
2
0
16:5
4:0
Lützellinden
1
0
6:1
2:0
Katzenfurt
1
1
9:13
2:2
Allendorf
0
1
3:9
0:2
Garbenteich
0
2
9:15
0:4
In dieser Klasse hat die 2. Mannschaft der Spvg. 1900 Gießen, da sie erst später als Gruppensieger ermittelt wurde, noch kein Spiel absolviert. Im übrigen zeigt die Tabelle nach drei Spielsonntagen folgende Zahlen:
Gewonnen Verloren Tore Punkte
kann man schon jetzt eine
Mannschaften sind.
0
1
2 0
3
3
2
1
0 0
18:7 21:11 12:20 0:0
11:24
6:0
4:2
2:4
0:0
0:6
Mann-
Holzheim Lang-Göns Dorlar 1900 Gießen Ruttershausen
In keiner Klasse , ,
schäft als voraussichtlichen Ersten nennen, zumal in jeder der Spitzengruppen überaus gleichwertige
Tv. Dorlar — Tvg. Ruttershausen 10:6 (3:1).
Im Aufstiegspiel zur Kreisklasse standen sich beide Mannschaften in Dorlar gegenüber und lieferten sich einen temperamentvollen und torreichen Kampf, der mit einem verdienten Sieg der Platzbesitzer endete. Die Gäste leisteten nicht den erwarteten Widerstand und kamen mit den gezeigten Leistungen für einen Sieg nicht in Frage. Dorlar befand sich gegenüber den letzten Spielen in weit besserer Verfassung und vollbrachte eine gute Gesamtleistung.
Tv. Lollar — Tv. Launsbach 11 :4.
Zu einem Gesellschaftsspiel trafen sich beide Mannschaften in Lollar. Die Gäste traten mit einigen Ersatzleuten und auch nur mit 10 Spielern an und verloren recht eindeutig. Die Platzbesitzer zeigten eine aute Leistung. Der Sturm erwies sich als sehr durchschlagskräftig.
Vorturnerinnenstunde im 8. Turnkreis Lahn-Dill.
In der Turnhalle des Gießener Turnvereins 1846 bot sich am Sonntag ein Bild reichen turnerischen Schaffens. 80 Turnerinnen und Leiter von Frauenabteilungen waren zu einer Uebungsstunde zusammengekommen, die auf die Veranstaltungen des kommenden Sommers vorbereiten sollte. Zu
Dreiunddreißig.
Don Victor Klages.
„Hoffentlich stört Sie der Wind nicht", sagte ich zu Miguel Robledo, als ich ihn in das kleine Mansardenzimmer geführt hatte, „die Schieferoerklei- dung ist nicht ganz in Ordnung, — wenn es ms Tal hineinbläst, klappern die Dinger manchmal Cf drehte mit einem Ruck den Kopf und sah mich an wie ein Mensch, der einen Schreck bekommen hat, aber froh ist, daß der Schreck so rasch vorübergegangen ist. Er lächelte.
„Vielen Dank, Senor. Wenn Sie's mir nicht gesagt hätten, — vielleicht würden Sie das Zimmer am Morgen leer gefunden haben i." .
Ich muß bemitleidenswert verblüfft gewesen sein, denn er legte mir die Hand auf die Schulter und drückte mich auf einen Stuhl nieder.
Sellen Sie sich- Wir haben wohl noch einen Augenblick Zeit. Ist zwar schon spät. Aber immerhin^ Mir ist das so rausgefahren. Run kann ich Sie unmöglich ohne eine Erklärung zu Bett gehen tof$or"3ehn Jahren hatte ich Miguel Robledo, einen Kolumbianer, in seiner Heimatstadt Medellin ken- nena^ernt. Jetzt war er nach Europa gekommen, und i» freute mich sehr, dah er auch den Weg in meine Provinzeinsamkeit gesunden hatte. Wir tranken aus die alte Freund,chast, lange und nachdrücklich Es war 2 Uhr vorbei, als ich >hm ferne bescheidene Schlasstätte anwies.
Sehen Sie", begann Robledo, indem er sich aus die'Bettkante etzte und eine Zigarette anzundete, 0 tommf s raus. Den ganzen Abend haben wir " r.x. 4,4. Mnn nlfpm möglichen; dies blieb in mir fÄ^ieZÄÄ ®ru(eIn verlernt, wie? ^°Äin'abLb^ht",'"n^or.ete ich, aber schon im nächsten Augenblick war mir ,ehr fröstelig, ^nn d-r Wind pfiff schrill um die Hausecke, und letzt hatte Banquos Geist erscheinen können.
Robledo hörte auf das Klappern der Schiefer. Kan^ ähnlich", sagte er versonnen, „und doch aanF anders. Die Geschichte fing an m Bo- ootä Ich hatte die beschwerliche Reise nicht zum ^Zergnügln gemacht. Geschäfte, Sie wftsen Im Hotel fnnipre ich niemals, wenn ich in der Hauptstadt bin. MÄ bei diesem Freund, mal bei jenem. War eme Mindiae Nacht. Schlimmer als heute. Da oben weht 7s vie/schlimmer. Ich lag im Bett ehrlich müde, konnte aber keinen Schlaf finden. Es rasselte unheimlich am Fenster. Oder nein - rasseln ist Nicht
der richtige Ausdruck. Klopfen auch nicht. Ein Laut zwischen Rasseln.und Klopfen, ich kann es nicht anders beschreiben. Natürlich gar kein Wunder bei dem Wetter. Trotzdem wurde ich nervös. Macht mir sonst nichts, wenn der Wind heult, meinetwegen kann es auch donnern, ich habe selbst gegen ein kleines niedliches Erdbeben nicht viel einzuwenden, — meine Nachtruhe ist mir so leicht nicht zu nehmen. Aber dieses Geräusch war weder elementar noch war es anhaltend. Immer schaltete sich eine lange Pause ein, und mir kam tatsächlich der verrückte Gedanke, daß der Wind nichts damit zu tun habe. Tick, tick, tick, tick, tick--so ging es hinterein
ander fort, aber stets war zwischen einer Reihe dieser Töne und der nachfolgenden ein boshaftes Schweigen, deutlich hörte man dann den Sturm saufen, einen braven richtigen Sturm, der an Türen und Dächern rüttelt. Meine Ohren waren geschärft. Jetzt tickt es wieder. Und unwillkürlich komm ich ins Zählen, aufmerksam zähle ich: 29, 30, 31, 32, 33 ... da ist wieder Schweigen. Nach ein paar Minuten fängt das Ticken von vorn an. Ich zähle. Sicherlich, sag' ich mir, hast du diesmal nicht Schritt gehalten, denn bei 33 ist es aus. Unmöglich, Glicht wahr, daß es bis 33 tickt und nicht weiter. Aber ich kann aufpassen, wie ich will: immer schließe ich mit der genannten Summe ab. Ich setze mich hoch, mache Licht, um mich zu überzeugen, daß ich auch ganz wach bin. Immer 33. Da kommt man, glauben Sie mir, in einen Zustand, der von absoluter Verwirrung nur sehr wenig entfernt ist. Ich bin unter die Decke gekrochen, habe mir Watte in die Ohren gestopft, aber ich mußte zählen, obwohl ich nichts mehr hörte, und immer kam ich bis 33. Es war eine elende Nacht."
„Da kann ich mir allerdings denken, daß Sie vor dem Wind einigen Respekt haben", lachte ich.
Er winkte ab. „Nicht so eilig. Dauert noch eine Weile, die Geschichte. Das Endziel meiner Reise war Cabuyaro am Rio Meta, wo sich Hund und Katze Gutenacht sagen. Geht eine Bahn von Bogota nach Cabuyaro. Am anderen Morgen fuhr ich los, über mübet, mit einem dicken Schädel. Immerhin ich vergaß. Die wilde Landschaft fesselte mich. Schluchten und kühne Viadukte. Ich saß allein in meinem Abteil, schaute interessiert durchs Fenster. Da höre ich von neuem das Ticken. Sie meinen, es war eine Reminiszenz? O nein, deutlich rasselte, klopfte es an die Scheibe. Ich fange sofort an zu zahlen: 29, 30, 31, 32, 33. Noch einmal. Noch einmal. Immer wieder 33. Ehrlich gestanden: mich packte das helle Entsetzen. Der Zug hält oft. Auf der nächsten kleinen Station stieg ich aus, nicht wissend, was ich in dem Rest beginnen sollte. In einer Fonda wurde mir ein primitives Zimmer eingeräumt."
„Und der Schluß?" begehrte ich zu wissen.
„Der Schluß", sagte Miguel Robledo, „ist ein Paukenwirbel, der durch Mark und Bein geht. Noch am Abend kam die Kunde ins Dorf, lieber sechzig Tote. Der Zug, den ich benutzt hatte, war in den Abgrund gestürzt. Entgleist auf einem Viadukt. Unmittelbar vor der Blockstelle 33."
„Zufall!" Damit stand ich auf.
Robledo lächelte. „Vielleicht ein Zufall. Aber wer will das so fest behaupten? Sie frieren, Senor. Gute Nacht."
Indisches Theater.
Das indische Theater hat auf das Abendland nur geringen Einflüß ausgeübt. Als Georg Forster 1791' K a l i d a f a s „Sakuntala" übersetzte, erweckte diese fremdartige Welt allerdings große Begeisterung, besonders bei Goethe, der damals das Epigramm dichtete: „Willst du die Blüte des frühen, die Früchte des späteren Jahres, willst du, was reizt und entzück^ willst du, was sättigt und nährt, willst du den Himmel, die Erde mit e i n e m Namen begreifen, nenn ich, Sakuntala, dich, und so ist alles gesagt". Goethe hat in der Gestalt des Schauspieldirektors im „Vorspiel auf dem Theater" seines „Faust" eine Erinnerung an dieses indische Drama festgehalten, in dem im Prolog der Direktor auftritt. Noch später meinte er, daß hier der Dichter in seiner höchsten Funktion erscheine. Neben der , Sakuntala" ist auch das „Tonwägelchen", das die Liebe der schönen Vasantasena verherrlicht, ab und zu auf deutschen Bühnen erschienen, aber sonst wissen wir kaum etwas von der mehr als tausendjährigen Entwicklung der indischen Bühne. Dabei blüht noch heute die Bühne Indiens in reicher ununterbrochener Entfaltung, über die Prof. Yajnik in einem englisch erschienenen Werk „Das indische Theater" eingehend berichtet. Die alten klassischen Dramen haben freilich ihr Bühnenleben eingebüßt und werden hauptsächlich gelesen. Was noch immer fortwirkt, ist das bunte Volksstück, in dem die verschiedenartigsten Elemente verschmolzen sind. Diese Stücke, die ihren Stoff, ähnlich wie im griechischen Drama, vielfach der nationalen Heldensage entnehmen, dauern oft vier bis fünf Stunden. Die Spannung der tragischen Liebes- und Kampfszenen wird von komischen Zwischenspielen, Liedern und Tänzen unterbrochen. Sie werden von den „Jatras", den fahrenden Truppen, aufgeführt, deren Beliebtheit erst langsam dem Film zu weichen beginnt. Es gibt verschiedene Formen der indischen Volks-Bühne, so das Urdu-, das Bengali-, das Marathi-Theater. Die Volks-Bühne unterscheidet sich wieder streng
von dem Theater der Gebildeten. Es gibt Aufführungen in der Art der mittelalterlichen Mysterien und solche von modernen Stücken des Abendlandes, wie von Ibsen und Shaw. An der Urdu-Bühne wird von dem Leiter ein Dichter gegen festes Gehalt beschäftigt, der „Kavi", der alle sechs Monate ein Stück abliefert, das mit allen Rechten an das Theater übergeht. Bei der Bengali- und Marathi- Bühne genießen die Theaterdichter mehr Freiheit und mehr Rechte. Alle diese Theater haben ein festes Repertoire. Die weiblichen Rollen werden in der Regel von Männern gegeben; doch haben in Bengalen und Bombay auch einige berühmte Schauspielerinnen Triumphe errungen. Die englische Herrschaft hat sich hauptsächlich auf der indischen Bühne in dem großen Einfluß Shakespeares bemerkbar gemacht. Seine dramatische Kraft und die Handlungsfülle feiner Werke entspricht dem indischen Geschmack, der allerdings das Original roeititehenb umgestaltet. So wird Venedig zu „Denipur^ am Anfang des „Hamlet" sehen wir den Prisen bei Nacht vor der brennenden Leiche des Vaters, aus deren Flammen der Geist aufsteigt: der Pater Lorenzo in „Romeo und Julia" ist ein Fakir und erklärt Julia, daß sie von einer Schlange gebissen sei und sich in einem heiligen Tempel einer Behandlung unterziehen müsse; der verliebte Falstaff trifft mit den luftigen Weibern von Windsor nicht im Walde zusammen, sondern in'dem großen Tempel von Piugalesvara. Während Ta göre das klassische Drama wieder zu beleben versuchte, haben die volkstümlichsten modernen Dramatiker Indiens, Girischchandra Gosch und Dwijendralal Ray, in ihren meist historischen Stücken die Technik des klassischen Sanskrit-Dramas mit der Shakespeares zu einer sehr merkwürdigen neuen Form verbunden, die vorläufig noch großen Beifall bei der Menge findet. Freilich dürfte das Kino, das immer weitere Kreise an sich zieht, diesen letzten Sproß am uralten Baum der indischen Bühne allmählich zum Untergang verdammen.
Hochschulnachnckten.
In München feierte der bekannte Psychiater Professor Ernst R ü d i n seinen 6 0. Geburts - t a g. Rüdin, ein geborener Schweizer, befaßte sich in der Hauptsache mit der Erforschung der erblichen Faktoren bei den Geisteskrankheiten. Im Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses sind seine Erfahrungen mitberücksichtigt. Im neuen Deutschland wurde er zum ordentlichen Professor für Psychiatrie in München ernannt und als Kommissar des Reichsministeriums zum Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene bestellt.


