Nr.yl Zweites Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Donnerstag, (Y.AprN
Die Hintergründe des Saarkampses.
Im Jahre 1935, also in rund 12 Monaten, wird sich die Bevölkerung des Saargebietes zu entscheiden Haden, ob sie beim Reich verbleiben will, oder ob sie es vorzieht, zusammen mit den 40 Millionen schwarzer Kränzchen in Nord-Afrika künftig dem „Hundert Millionen-Volk" Frankreichs anzugehören. Das Ergebnis der Abftiminung steht heute schon fest: das Saarvolk wird ein überwältigendes Treuebekenntnis zum deutschen Vaterlandablegen. Somit wäre über das Sargebiet und über die kommende Abstimmung nichts weiter zu berichten, wenn nicht gerade die Saarfrage sich seit dem Sieg der nationalsozialistischen Revolution in Deutschland zu einem Lehr- und Musterbeispiel für die unterschiedlichen Methoden der deutschen und der französischen Politik gestaltet hätte.
Deutschland hat durch den Mund des Führers und Kanzlers immer wieder betont, daß es keinerlei Gcrmanisierungsabsichten gegenüber fremdem Volkstum hege. Deutschland, das die Werte der uns umgebenden Volkstümer nicht antasten wird, weil es in ihnen die stärksten Bürgen für eine organische und friedliche Fortentwicklung Europas sieht, weist die Wege der imperialistischen Vorkriegspolitik aufs schärfste von sich. Das Kennzeichen dieser Politik bestand im gewaltsamen und machtmäßigen Erwerb fremder Gebietsteile zum ausschließlichen Zwecke der wirtschaftlichen Ausbeutung. Wenn wir Frankreichs Stellung gegenüber dem Saargebiet an dieser Kennzeichnung des brutalen Wirtschaftsimperialismus messen, so haben wir den Schulfall einer i m peri a l i st i s ch e n Beute Politik, die durch keinerlei staatliche oder völkische Notwendigkeiten bedingt ist.
Die französischen Absichten auf das Saargebiet sind der letzte Restbestand jener Politik, die von Ludwig XIV. an über die Heere der französischen Revolution bis zu den Anschlägen der Generäle M o n g i n und d e M e tz immer nur ein Ziel verfolgten: durch Erwerb der deutschen Landschaften zwischen Rheinquelle und Rheinmündung die Auflösung des Deutschen Reiches und die Vernichtung der deutschen Machtstellung in Europa zu bewerkstelligen. Im Jahre 1918 schien durch den Sieg der November-Revolten Frankreich sein Ziel erreicht zu haben. Jedoch weder die Militärherrschaft des mit Hilfe der ganzen Erde „siegreichen" Frankreichs, noch die „kulturelle Durchdringung" der sogenannten „Rheinfranken" mit dem' Geiste der französischen Zivilisation, noch die wirtschaftliche Ausbeutung führten zum Erfolg. Die 6 Millionen Rheinländer standen in vorbildlicher Treue zum Reich. Frankreich mußte von der Mosel und vom Rhein zurückweichen, aber es hält noch heute die Linie des „petit Rhin", mit welchem aufschlußreichen Na-1 men die französische Annektionspropaganda den S a a r f l u ß bezeichnet.
00 stehen sich also heute an der Saar zwei Staatsideen gegenüber: der französische Staatsund Wirtschaftsimperialismus, der mit dem Gerede von der bedrohten „Sicherheit" feine eigentlichen annektionistifchen Ziele zu verdecken -sucht, und die Staatsidee des National- 's o z i a l i s m u s , die vom Recht des Volks- Iums ausgeht und nach einem organischen Zusammenleben der völkisch geschlossenen europäischen 'Nationen trachtet.
Imperialismus des liberalen Zeitalters und Na- äionalsozialismus der kommenden Epoche sind im Saargebiet zum Kampf angetreten Deutschland und Frankreich, an und für sich schon in ihren Beziehungen behindert durch das Drahtverhau von Mißverständnissen und Paragravhen eines unmöglichen Diktatfriedens, stoßen im Saarqebiet überdies aioch in ihren führenden Staatsgrundsätzen aufein- mider. Anstatt auf eine A b st i m m u n g zu v e r- gichten, die mit hundertprozentiger Sicherheit zu einer schweren Niederlage der derzeitigen fran- zösischeAußenpolitik führen muß, besteht Frankreich
Der Wrer beim FMmMonzert der berliner SS.
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Der Kanzler und mehrere Reichsminister wohnten dem großen Frühlingskonzert bei, das die Leibstandarte des Führers im überfüllten Berliner Sportpalast gab. — Von links nach rechts: Reichsminister Dr. Goebbels, Stabschef Röhm, der V o l k s k a n z l e r und Reichswehr- minkfter Generaloberst von Blomberg.
auf der Durchführung dieser Abstimmung. Im „Berner Bund" sind dieser Tage Einzelheiten über den bisher geheimgehaltenen Inhalt der Beschlüsse des juristischen Saarausschusses beim Völkerbund veröffentlicht worden. Danach werden allein die Gehälter der im Mai einzusetzenden Abstimmungs- kommifsion monatlich 500 000 Franken betragen. Dazu kommen noch die Kosten für Reisen und Sonderveranstaltungen im Betrage von 1% Million. Das für die Abstimmung benötigte Polizei- und Gendarmeriekorps soll aus 2365 Mannschaften und 25 Offizieren bestehen, was wiederum eine monatliche Auslage von 3 Millionen jowie eine einmalige Auslage von 6 Millionen für die Ausrüstung erfordert Und dies alles für einen Volksentscheid, dessen Ergebnis für Deutschland von vornherein f e st st e h t, der aber nach dem Willen der französischen Negierung durchgeführt werden soll.
Das Saargebiet ist heute ein Brutherd der marxistischen und separatistischen Greuelpropaganda. Die Negierungskommission waltet in einseitiger Weise ihres Amtes. Die französischen Grubenverwaltungen betreiben seit der Besetzung der Saar einen unvorstellbaren Raubbau an den Kohlenschätzen, die einwandfrei deutsches Besitztum sind. Unter der Behauptung, Frankreich habe ein Pfandrecht an der Kohle des Saargebiets, weil die nordfranzösischen Bergwerke während der Krieges schwere Verluste gehabt hätten, hat Frankreich in den letzten vierzehn Jahren 154 Millionen Tonnen Kohlen im Saargebiet gefördert. Allein im vergangenen Jahre sind 11 Millionen Tonnen Saarkohle nach Frankreich abgerollt. Diese letztjährige Kohlenförderung entspricht dem Gewicht von nicht weniger als 363 modernen Linienschiffen. Würde der Raubbau in gleicher Weise fortgesetzt, so wäre in absehbarer Zeit mit einer vollkommenen Erschöpfung der Kohlenvorräte der Saar zu rechnen. Gerade hier aber enthüllt sich der tiefere Sinn der französischen Absichten nuf c*np dauernde Beherrschung des Saar- aebietes
Während beide Völker, Deutsche und Franzosen, die V e r st ä n d i g u n g wünschen, während zwischen beiden Nationen kein anderer Streitgrund mehr besteht, als eben die Saarfraae, die längst keine Frage mehr ist, nutzt die hochkapitalistische französische Schwerindustrie ihre höchst undurchsichtigen Beziehungen zu gewissen Teilen des herrschenden Regimes aus, um die s k r u- pellose Ausbeutung der deutschen Bodenschätze fortsetzen zu können.
Wir wissen, daß die Methoden der französischen Regierung längst nicht mehr dem Willen des französischenVolkes entsprechen. Wir wissen ferner, daß das arbeitsame, genügsame und, wie der
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Arbeit schafft zufriedene Volksgenossen!
Krieg es bewiesen hat, tapfere französische Volk innerlich nichts zu tun hat mit einem Regime, das durch die Stavisky-Skandale aufs schwerste belastet ist. Wir wissen, daß das deutsche und das französische Volk nur dann zueinander finden werden, wenn dereinst die Kriegsgeneration beider Staaten sich in direkten und unmittelbaren Verhandlungen findet. In Deutschland hat diese Generation den Staat erobert und einen neuen Grundsatz des völkischen Zusammenlebens zum Durchbruch gebracht. Frankreich ist hinter der geistigen Entwicklung Europas bis jetzt noch zurückgeblieben. Wenn die junge französische Generation die Kraft und den Willen aufbringt, Anschluß an die Staatsidee des 2 0. Jahrhunderts zu finden, dann wird einer deutsch-französischen Verständigung nichts mehr im Wege stehen
Aus der Proviuzialhauptstadt.
Frühling ...!
Wer liebt nicht diese Jahreszeit, und wer hätte nicht durch sie neuen Mut und frische Kraft wiedergewonnen? Ich glaube, es gibt nur wenige, an denen der Frühling spurlos vorübergeht.
Schon beim Klang seines Namens erinnert man sich an schöne und heimliche Stunden seines Lebens. Und mit Recht! Durch das Erwachen der Natur und das Ueber-Nacht-Erscheinen der ersten Frühlingsboten wird der Mensch wachgerüttelt aus seinem Winterschlaf. Die Grillen und Sorgen des Alltags werden vergessen beim Anblick des herrlichen, wahltuenden Sonnenscheins. Alles regt sich, vom kleinsten Käfer bis zu dem noch schlaftrunkenen Schmetterling. Amsel, Drossel und Finken schmettern in den Morgenstunden fröhlich ihr Lied und sind tagsüber eifrig mit Nestbaueü beschäftigt.
Es ist eine schöne Zeit! Und noch wundervoller ist es, dem Frühling entgegenzugehen, ihm in die Arme zu laufen. Ich konnte während meines Ofter- marsches diesen Genuß erleben. Ich kam durch Gegenden, in denen der Winter noch tonangebend war, doch immer weiter kam ich ins Tal, in den Frühling!
Ostern wars — im dicken Vogelsberg, auf dem Hoherodskopf. Das typische Bild des langsam weichenden Winters. In versteckten und abgelegenen Oberwaldwegen lag noch Schnee. Der Oberwald noch kahl und winterlich. Nirgends frisches, junges Grün. Obwohl die Sonne kräftig brannte, hatte sie doch ihre Mühe, den Schnee wegzutauen. Beim Anblick dieses Vorgangs fielen mir die Worte aus Faust „Osterspaziergang" ein: ,t... aber die Sonne duldet kein Weißes; überall regt sich Bildung und Streben, alles will sie mit Farbe beleben; doch an Blumen fehlt's im Revier, sie nimmt geputzte Menschen dafür".
Als ich talwärts ging, in der Richtung nach Schotten, begegnete ich den ersten Frühlingsblumen. Auf saftigen Wiesen standen Anemonen, wilds Veilchen und Gänseblümchen. Immer weiter führte mich mein Weg. Hinunter ins Eichelbachtal. Im Talgrund war der Frühling schon zum Teil ein» gezogen. Die Obstbäume zeigten verschämt und schüchtern die ersten Knospenspitzen.
Wenn auch schon diese kleinen Frühlingsandeu- tungen meine Stimmung hoben, so ist diese Freude' doch nicht zu° vergleichen mit dem Frohsinn, der mich erfaßte, als ich weiter in die goldene Wetterau kam. Hier war der Frühling bereits voll und ganz eingekehrt. Lachender Sonnenschein, blühende Pflaumen- und Kirschbäume, trillernde Lerchen und frohe Frühlingslieder, gesungen von luftigen Mädels und Buben.
Diesen Wandel und dieses Uebergehen des Winters in den Frühling in einer so kurzen Zeit mit- zuerleben, ist ein unvergeßliches Erlebnis. Es läßt sich schwer in Worte ausdrücken, welche Gefühle einen beschleichen und zuletzt restlos beherrschen.
Nun ist der Lenz überall glücklicher Sieger über den Winter geworden. Herrlich steht alles in vollster Blüte. Die Menschen atmen den erquickenden Duft des ersten Grüns. Jeder ist lebensfroh. Wie die Bienen, so emsig arbeitet jeder in feinem Garten, gräbt und sät.
Doch soll es immer Frühling bleiben? Nein, das wäre auch nicht richtig. Weiter muß es gehen. Der Sommer, der Herbst, der Winter müssen auch wieder kommen. Was man im Frühling gesät hat, will man im Sommer und im Herbst ernten. So ist es in Ordnung; voran, immer voran! Und jede Jahreszeit hat ihre Reize und Schönheiten!
Der Vertrouensrat.
Die Deutsche Arbeitsfront teilt mit: Im ganzen Reich findet die Wahl für den Vertrauensrat statt. Hier handelt es sich um einen Akt von größter Bedeutung, da der Vertrauensrat Mitgestalter der zukünftigen sozialen Verhältnisse ist. Wegen der Wichtigkeit dieser Wahl hat die Bezirksleitung der Deutschen Arbeitsfront ein Heftchen herausgebracht, das in 56 Fragen und Antworten ausführlich die Bildung, das Wesen und die Aufgabe des Vertrauens-
Kanus und Honoja.
Ein Märchen von Papl Appel
In ihrer Heimat lebten Kanus und Honoja, zwei । Kinder, jedes bei seinen Eltern.
Sie hatten sich schon geküßt, als sie zwei Jahre ilt waren, und ihre Eltern hatten gelächelt dabei: seiber Eltern waren arm und freuten sich, wenn I iie daran dachten, daß ihre Kinder sich lieben können und für sie schaffen, einst, wenn sie selber müde geworden seien. Und nun zählte Honoja 14 Jahre, inb Kanus hatte 14 Jahre, gerade wie Honoja.
Da geschah's daß Kanus sah, wie Honoja die Schultern entblößte, als sie sich zum Baden ent- lleibete. Ein Feuerstrom, ein großer, ging durch leine Glieder, und als er, fortlaufend vor Verwir- rung, wieder allein war, fang er, daß er nie nichts Schöneres gesehen habe, so lange er lebte, als Mutters Aiigen und Vaters Augen und Honojas Schultern. Honojas Schultern, so sang er, sind schmal von rfcen. Der Gott hat sie schmal gesehen von oben her : ^it seinem ewigen Blick. Honojas Schultern, sang er, sind neißbraun wie die Wimpern des jungen Kälbchens, ter Gott hat feine mildeste Sonne geschickt zu Ho- rojas weißbraunen Schultern. Honojas Schultern "mb lieb und rund. Der Gott hat sich selber um sie xeschmiegt und hat sie gerundet.
Und Kanus tat einen stillen Schwur, für Honojas ! Schultern das zarteste Kleid zu suchen, das je ein ! Weber weben könnte. Aber da fiel ihm ein, wie arm k fei und daß er nie ein solches Kleid kaufen ! fSnnte, auch wenn er es finden würde. Aber ein i Stückchen nur, ein Stückchen für Honojas kleine Schulter, ein Stückchen für Honojas kleines Hemd, das muß ich haben, sagte Kanus, und schimmerte rr.it sich selber dabei vor großer Lust und großer Liebe.
Heimlich verließ er fein Elternhaus, der kleine große Kanus, nur einen Mundvorrat für den nächsten Tag nahm er mit. Zuerst kam er in das Land her grünen Weiden. Aber da wohnten kerne Weber. Tut nichts, nichts tut das, sagte der junge Kanus, f)ib ich zu essen im Land der guten Menschen hier mit ihren Rinder- und Ziegenherden, hab ich Augen uni) Muskeln zum Wandern, was kanns dann tun. Und sorglos zog er weiter, hinüber ins Tal der Obstwälder. Sie schimmerte und rieselten gerade ihr Frühlingsglück vor ihm aus, daß er die Schulten breiter drückte vor Lust und wieder von keiner Sorge gekränkt wurde. Denn auch hier führten die ^ute ihn gern in ihre Hütten und baten ihn an ihren 'Dsch.
Erst als er ins hohe Bergland hinaufstieg, da erst kam der Kummer. Wohl wohnten da die Weber, aber sie waren arm, und was sie webten, waren nicht Spitzen und Kleider wie er sie suchte für Honoja. Schön waren die Spitzen, ja, sicher, sie waren schön, aber nicht schön für Honojas Schultern, hatten nicht Schimmer genug für Honojas Schultern, hatten nicht Duft genug für Honojas Schultern.
Langsam und arm fristete Kanus sein Leben durch den langen Winter bei den armen Webern, die ihr Brot mit ihm teilten. Oft mußte er hungern, der junge Kanus. Und schon triebe ihn, als die ersten Lärchen die Frühlingswedel ansetzten, nach Hause zurückzukehren, schon hatte er heimwärts gewendet: da sah er mit seinen hungergroßen Augen Honojas Bild am Himmel stehen, wie sie die Schulter entblößte. Weinend und mutig vor soviel Süße verließ er den Weg zur Heimat und verließ das ganze süße Heimatland und wanderte in Länder, die fein Blut nicht geahnt hatte. Anders gingen die Menschen dort, und wieder anders, und anders sprachen sie auch. Er verstand nicht die Laute, die sie redeten, nur mit seinen Händen und Augen konnte er mit ihnen sprechen. Die Hände hielt er hin und mit den Augen bat er um eine Gabe. Und wenn er satt gegessen hatte, dann spähten die Augen in die Hütten der Weber nach dem Stückchen Spitze, das er brauchte für Honojas kleines Hemd. Aber auch hier, wie in der Heimat, war keines zart und süß genug. O, wie gerne hätte er gesagt, nun sei es das'rechte Stück, nun fei es ja süß genug, aber er konnte es nicht sagen, sein Blut freute sich nicht.
So war es schon das siebente Jahr geworden, daß er bettelnd durch die Länder suchte, und Kanus war stumm geworden vor Entbehrung und Sehnsucht. Und nun verließ ihn auch noch alle Kraft des Körpers, Kanuf wurde krank. Aber da der Sieche kein Stück Geld hatte, mit dem er feine Heilung hätte bezahlen können, schleppte er sich weiter durch Städte und Dörfer. Auch essen mochte er auf einmal nicht mehr. Nur eines noch konnte er tun, er konnte rufen: Honoja! Und so tot ers, arm und einsam, wo er ging und stand. Er rief: Honoja!
Da geschah's in einer Stadt mit hellen Plätzen und bunt gekleideten Menschen, daß ein alter Mann ihn hörte, der an der Krücke ging. Und da er meinte, der Fremdling wolle Hilfe und er rufe „Honora", so führte er ihn in den Tempelhain der Heiligen Honora und führte ihn bis vor das Standbild und ließ ihn dort, indem er feine Kappe vom Haar nahm.
Alleingelassen, war Kanuf zusammengesunken. Als er erwachte und ein Weniges vom Schlafe gestärkt war, wars Abend geworden. Mühsam richtete er
sich auf, und in sein hohles Gesicht fiel die Sonne so reich und weich, daß er den Mund öffnete, als sollte er Nahrung empfangen. Dann wendete er, seltsam gestärkt, den Blick zum Standbild der Heiligen. Und da. geschah's: Die Göttin, die mit tief verklärtem Antlitz unter den Luftwurzeln eines Baumes stand und nach der Sitte des Landes in ein hauchdünnes Gewand gekleidet war, bewegte sich. Ihre Arme hoben sich langsam, wie Liebende in der Nacht die Arme heben, und, ohne daß ihr Kleid fiel, löste sie zwei Stückchen Spitze von den Schulterbändern, ging dann vom Sockel herunter zu Kanus und legte ihm die Spitzen auf die Augen. Gleich wieder sank er in tiefen Schlaf. Als er daraus erwachte, wars Morgen, und die Göttin stand wieder auf ihrem Sockel unter dem Luftwurzelbaum.
Kanuf barg die Spitzen in der Innentasche seines Rockes und ging in die Stadt. Dort wollten gute Leute ihm, der noch immer abgemattet aussah, Speise geben. Aber er dankte lächelnd und machte sich sofort auf den Weg in die Heimat. Unterwegs zog er die zwei Spitzenstücke manchmal unter der Brust hervor, sah sie an, küßte sie, und gleich war jede Müdigkeit verflogen. Und Kanuf wurde so glücklich, daß ihm der Weg zur Heimat fast zu kurz, erschien.
Als er wieder bis an die Grenzen seines Landes gelangt war, ins Land der armen Weber, geschah ihm noch einmal ein kleines mildes Wunder. Er hörte plötzlich die Heilige Honora sprechen: Bleibe da! Und fast ohne zu wissen, zog er dabei seine zwei Spitzenstücke heraus, und nun wußte er auf einmal, was er sollte.
Sorgfältig prägte er sich die Figuren der Stickereien ein, verbarg sie wieder und bat nun einen der Weber, bei ihm in Arbeit treten zu dürfen. Bald hatte er die Handgriffe gelernt, wie der Webstuhl sie verlangte, und eines Tages wob er ein so überirdisch zartes Filiman mit so lockerem, weichem Muster, daß die Weber des Dorfes nur staunen konnten. Es war das Muster vom Schulterband der Heiligen Honora, aber eine Stelle, eine kleine süße Figur, von der ihm dünkte, daß seines Mädchens Schoß so fein müßte, so lieb und edel gegliedert, die ließ er aus, und bei jedem Muster tat er das.
Ein Weber brachte die Spitzen mit den eigenen zum Verkauf zur nächsten Stadt, und auch' dort war das Verwundern der Menschen so groß, daß sie gern den gelinden Preis für die Spitzenbänder bezahlten. Kanuf konnte gar nicht genug weben.
Als er ein Jahr bei den Leuten, die ihm vor sieben Jahren den Hunger gestillt hatten, gearbeitet und ihnen ihre Wohltaten vergolten hatte, zog er
endlich mit beseligtem Herzen heim, küßte sich mit seinen Eltern und bat sie um Verzeihung.
Honoja aber war jetzt mit 22 Jahren ein selig süßes Geschöpf geworden, eine kleine Frau schon beinah, zierlich, rund und mit festen treuen Augen. Sie heirateten einander, und am Tage vor der Hochzeit wob Kanuf die zwei Spitzen der Heiligen Honora in Honojas Brauthemd.
Die literarische Familie Seidel.
Heinrich Wolfgang Seidel, der soeben — viel zu früh für die seiner Seelsorge Anvertrauten — vom Pfarramt an der Berliner Neuen Kirche zurückgetretene Geistliche, gehört einer im Erzgebirge beheimateten Familie an, aus der im vergangenen Jahrhundert mehrere starke Begabungen her- oorgegangen sind. Heinrich Seidel, ursprünglich Ingenieur, bekannter aber als der Verfasser' der ,',Vorstadtgeschichten" und des unsterblichen „Leberecht Hühnchen", ist Heinrich Wolfgang und Paul Seidels Vater. Ersterer ist Geistlicher und Dichter zugleich; von seinen Prosaschriften haben „George Palmerstone" und „Genia" am meisten Beachtung gefunden. Letzterer konnte als Museumsleiter und Kunstschriftsteller seine überkommene Begabung auswerten. Kinder eines Bruders von Heinnch Seidel find Ina und Willy. Ina heiratete ihren Vetter Heinrich Wolfgang und gehört als Verfasserin der Gedichtsammlungen „Weltinnigkeit" und „Tröstliche Begegnung", der Romane „Das Labyrinth", „Das Haus zum Mond", „Sterne der Heimkehr", „Das Wunschkind" und „Der Weg ohne Wahl" zu den bedeutendsten Dichterinnen unserer Tage. Ihr Bruder hat die Erfahrungen langer Reisen in exotische Gebiete mit Erfolg literarisch verwertet. P. v. G.
Hochschulnacbrichten.
Professor Dr. Gerhard Dresel an der Universität Greifswald ist vom 1. Mai ab zum ordentlichen Professor der Hygiene in der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig ernannt worden.
Professor Dr. H e i m p e l an der Universität Freiburg i. Br. ist vom 1. April an zum ordentlichen Professor der mittelalterlichen Geschichte in der Philosophischen Fakultät der Universität L e i p • z i g ernannt worden.
Privatdozent Dr. Hans Koch von der Wiener Universität hat eine Berufung als ordentlicher Professor für osteuropäische Kirchengeschichte an der Universität Königsberg angenommen.


