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(Rosemarie,

(Rosemarie...

Roman von Käthe Metzn^r.

19. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Rosemarie schauderte. Wie sollte sie hier spielen können, wenn diese bösen Augen im Hintergründe des Raumes jede ihrer Bewegungen genau ver­folgten?!

Mit letzter Kraft zwang sie sich zu einem kon­ventionellen Lächeln und nickte der Tinius zu, ohne ihr allerdings in die Augen zu blicken.

Sie sah nicht mehr, wie die Tinius ihre kleine Handtasche öffnete, um sich zu vergewissern, ob der wichtige, unheilvolle Brief noch immer sicher darin ruhte.

Aber kaum waren die ersten Szenen vorüber, als ein Bote fast atemlos die Probebühne betrat und Fräulein Bergmann bat, sofort hinauf in die Intendantur zu kommen.

Sofort?

Rosemarie, die an diesem Morgen eine unheim­liche Unruhe in sich trug, unterbrach ihre Szene und sprang mit schnellen Schritten hinauf in das elegante Arbeitszimmer Doktor Brunners.

Kaum daß sie anklopfte, hatte sie schon die Tür geöffnet. Aber ihre Augen weiteten sich in starrem Entsetzen.

Was war geschehen?

War Brunner ohnmächtig geworden? Auf der Chaiselongue gebettet lag sein mächtiger Körper. Unbeweglich. Der Theaterarzt war über ihn ge­beugt und schaute bei ihrem Eintreten gar nicht auf.

Als er sich endlich aufrichtete, sagte er schwer:

Da ist nichts mehr zu machen. Herzschlag."

Mit angstvoll klopfendem Herzen hatte Rosemarie seine Bewegungen verfolgt, noch immer sich dem Glauben hingebend, daß es sich um eine schwere Ohnmacht handle.

Aber jetzt, bei den Worten des Theaterarztes, schrie sie verzweifelt auf. In furchtbarem Schmerz warf sie sich über Brunners Leiche, schluchzte und schrie, bis man sie endlich vollkommen ermattet hinwegführte.

Rosemarie wußte nicht, wie sie nach Hause ge­kommen war. Sie fand keine Ruhe. Immer noch tobte der grausame Schmerz in ihrer Seele.

Ganz fest hielt Tante Berta die haltlos Weinende in ihren Armen; aber die treue Seele war selbst von der Tragik des Geschehens so niedergeschmet­tert, daß sie kein Wort des Trostes für Rosemarie finden konnte.

Immer wieder klangen Rosemaries wilde An­klagen an ihr Ohr:

Tantchen, warum gerade er? Warum nimmt uns der liebe Gott den besten, liebsten Menschen? Ach, Tante, liebe, liebe Tante, wenn du jetzt nicht bei mir wärest? Hat er nicht alles, alles so gut gemacht? Hat er nicht immer und an alles gedächt? Und ich... ich hab es ihm nicht danken können. Gar nicht."

Rosemarie vergaß in ihrem Leid, das so ur­plötzlich in den stillen Frieden dieses Hauses herein­gebrochen war, alles. Sie vergaß selbst die bos­

haften Worte der Tinius, die sie in eine so läh­mende Angst versetzt hatten.

Arme Rosemarie, die nicht ahnte, daß Marion Tinius ohne das leiseste Mitgefühl für ihren Schmerz die Fäden der Intrige unaufhaltsam weiterspann...

An einem bitter kalten Januartage war Doktor Brunner in aller Stille beigesetzt worden.

Nur langsam hatte sich der wilde Schmerz in Rosemarie geigt und einer dumpfen Resignation Platz gemacht. Und wenn die liebsten Herzen bre­chen, das Leben fordert immer sein Recht. Das Rad der Zeit rollt weiter, und die Ueber- lebenden müssen sich seinem Lauf anpassen, wenn sie nicht überrannt werden wollen.

So trat auch an Rosemarie und Tante Berta die Gegenwart wieder mit Tausenden von Forde­rungen heran. Erst jetzt wurde es Rosemarie klar, daß sich mit Brunners Hinscheiden auch ihre äuße­ren Verhältnisse wieder ändern mußten.

Wieder stand sie vor dem Nichts. Aber fast schlimmer noch war es als damals. Sie allein wäre schon durchgekommen; aber nun war Tante Berta noch hier. Wovon sollte man zu zweien leben?

Wieviel Nächte noch würde man in der Brunner- schen Billa, die ihnen eine zweite Heimat geworden war, zubringen? Wie lange überhaupt würde man noch ein Dach über dem Kopfe haben?

Zu der tiefen Trauer um den Verlust des ge­liebten Menschen kam die Sorge um die Zukunft.

Rosemarie versuchte ganz klar zu denken. Der einzige Weg war der, daß sie sich schnellstens um ein Engagement bemühen mußte. Wenn sie auch keine allzu hohe Gage fordern konnte, vor der bittersten Not würden sie und ihre Tante doch ge­schützt sein.

Allein in die unbekannte Fremde? Ihr graute. Also war es doch gut, wenn sie mit Tante Berta zusammenblieb, für die es eine Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren, nicht mehr gab, nachdem sie ihre kleine Einrichtung ganz billig verkauft hatte.

Eine Weile würde sie wohl noch hier am Theater als Gast spielen dürfen, zumindestens so lange, bis die Tinius wieder vollkommen hergestellt war.

Ja, einmal", fuhr es Rosemarie flüchtig durch den Sinn,bot sich mir die Möglichkeit, meine Zukunft für alle Zeiten sicherzustellen. War es vielleicht doch eine Torheit von mir, Fürst Luebergs Werbung auszuschlagen?"

Aber dann schüttelte sie energisch den Kopf.

Ich muß allein sehen, wie ich durchkomme. Ich weiß, daß ich etwas leisten kann."

In diesem Augenblick meldete der Diener Fürst Lueberg.

Rosemarie blickte fast ungläubig auf. Gerade jetzt kam er, wo sie sich eben in Gedanken mit ih« beschäftigt hätte?

Schweren Schrittes ging sie hinunter in das Besuchszimmer. Mit tiefer Verbeugung trat ihr der Fürst entgegen. Seine Worte waren von ehrlicher Trauer erfüllt.

Rosemarie konnte nur nicken. Ein Tränenschleier überschattete ihre Augen. Eine kurze Zeit war ver­gangen, seit sie mit Brunner und dem Fürsten hier ahnungslos und fröhlich einen netten Abend verlebt hatte!

Langsam fielen die Worte zwischen den beiden.

Wundervoll sieht sie auch jetzt aus in ihrem tiefen Schmerz. Feiner und rührender noch hat das Leid ihre Züge gestaltet, dachte der Fürst. Aus diesen Gedanken heraus sagte er plötzlich mit raschem Entschluß:

Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, wenn Ihnen das, was ich jetzt sagen möchte, taktlos und an­maßend erscheint. Aber mein Herz zwingt mich in dieser Stunde, Ihnen zu sagen, daß Sie in mir einen aufrichtigen Freund sehen möchten. Ich weiß nicht, wie sich nach dem unerwarteten Hinscheiden des Herrn Doktors Ihre persönlichen Verhältnisse gestalten, ich weiß auch nicht, ob Sie der Hilfe oder des freundschaftlichen Rates bedürfen. Sie sollen mir nicht antworten. Jetzt nicht. Lassen Sie mich aber die leise Hoffnung mitnehmen, daß ich Ihnen vielleicht bald mehr als nur ein Freund sein darf."

Hastig fast fielen seine Worte. Rosemarie bewegte sich nicht. Sie wollte diesen vornehmen Menschen nicht verletzen, der ihr so unverhüllt seine Hilfe aus Not und Bedrängnis anbot.

Wie sehr hatte sie das Bedürfnis, ihr Schicksal in starke Männerhände zu geben! Müde, so müde war sie des dauernden - Kampfes. Ein Wort nur hätte sie sagen brauchen ein kleines Wort. Und alles war gut.

Aber das Wort blieb unausgesprochen.

Ein Makel hing an ihr, für den sie schuldlos war. Was sie jetzt aber tun würde, war Schuld, furchtbare Schuld. Betrug an sich und dem anderen.

Keine Regung des Herzens spürte sie für den Mann, der da vor ihr saß und ihr so viel Ehr­erbietung entgegenbrachte. Nur ein Gefühl der Dankbarkeit hatte in ihr Raum, als sie ihm die Hand entgegenstreckte:

Ich danke Ihnen, Durchlaucht! Vielleicht ahnen Sie, daß mir Ihre Worte ein wundervoller Trost sind. Noch habe ich keinen klaren Ueberblick über die Zukunft und weiß nicht, wohin der Wind mich treiben wird."

Mit einem raschen Blick sah sie auf ihre kleine goldene Armbanduhr. Sie mußte pünktlich im Theater sein. Die wenigen Tage der Ruhe, die sie sich gönnen durfte, waren vorüber.

Der Fürst bat, sie begleiten zu dürfen, und Rose­marie hatte keinen Grund, es ihm abzuschlagen.

Im Theater verabschiedeten sie sich. Während Rosemarie nach der Probebühne eilte, ging Fürst Lueberg hinüber ins Theaterrestaurant.

Keinen Blick hatte sie an dem hohen Gebäude hinaufgeworfen. So sah sie auch nicht, wie die Tinius an einem der vielen Fenster stand und ihr gemeinsames Kommen beobachtet hatte.

Die Bergmann nun schon gar mit Lueberg?

Die Tinius kannte ihn genau, und wenn irgend etwas ihren Haß auf Rosemarie steigern konnte, so war es die brennende Eifersucht, die der Ge­danke in ihr entfachte, daß Lueberg wahrscheinlich auch auf ihre Engelslarve hereingesallen war.

Lueberg! Den Mann sollte sie der Bergmann gönnen, der in der ganzen Gesellschaft von Frauen begehrt und umschmeichelt war und der sie alle so eiskalt und gleichgültig behandelte?

Wie gut, daß sie Rosemaries Abwesenheit in den letzten Tagen benutzt hatte, um vorzuarbeiten! Wohl keinen gab es hier noch im Theater, der nicht schon um die dunkle Vergangenheit der Berg­

mann wußte. Aber sie würde ganze Arbeit leisten.

Rosemarie hatte sich in ihrer Garderobe ihrer Ueberkleiduna entledigt und ging nun hinüber nach der Probebühne.

Eine warme Welle überflutete sie. Wie gut waren sie hier alle zu ihr, wie freundlich! Nun nahmen sie wohl auch alle innigen Anteil an ihrer Trauer, wie sie vorher die Freude ihres Erfolges mit ihnen geteilt hatte.

Als sie die Tür öffnete, schlug ihr ein wirres Durcheinander von Stimmen entgegen; aber bet ihrem Eintritt verstummte fast alles urplötzlich.

Regisseur und Kollegen sprachen ihr Beileid aus. Aber was war? Rosemarie fühlte, was sie da sag­ten, war nur eine Form der Höflichkeit, wie man sie jedem Fremden auch erwiesen hätte.

Kein warmer, herzlicher Ton klang aus all den Worten. Nein, eisige Abwehr lag auf allen Gesich­tern; ja, fast freche Neugier las sie in den Blicken einzelner.

Sofort wußte Rosemarie, daß sie das alles schon einmal erlebt hatte. Wann nur? Wo?

Bei Bachstedt & Co. damals im Speisesaale", sagte ihr eine innere Stimme.

Rosemarie atmete schwer.

Wie sollte sie in dieser Atmosphäre proben, auch nur ein Wort sprechen können?

Regisseur Mendel fühlte ihre Beklemmung. Er sah ein, daß sie unter diesen Verhältnissen nicht arbeiten konnte. Was blieb aber übrig? Ein offenes Wort.

Er übergab dem Hilfsregisseur die Leitung.

Gnädiges Fräulein, wir können wohl drüben erst mal Ihre Rolle durchsprechen", sagte er zu Rosemarie.

Rosemarie erhob sich, und beim Gehen hatte sie das Gefühl, Bleiklumpen an den Füßen zu haben.

In dem kleinen kahlen Nebenraum, der neben der Probebühne lag, bot ihr Mendel einen Stuhl an.

Gnädiges Fräulein, ich bin ehrlich betrübt, daß ich Ihnen zu ihrem großen Leid um unseren alb verehrten Chef noch eine recht unangenehme Mit­teilung machen muß... Seine Worte waren voll­kommen aufrichtig, und es wurde ihm nicht leicht.

Wozu nur dieses alles? Was trieb man mit ihr für ein Versteckspiel?

Sagen Sie nur heraus, was Sie mir zu sagen haben, Herr Mendel. Daß etwas nicht stimmt, ist mir selbstverständlich sofort aufgefallen." Rosemarie zwang sich zu größter Ruhe.

Da faßte sich Mendel ganz kurz:

Gnädiges Fräulein, hier im Theater werden leider über Sie recht dunkle Gerüchte verbreitet. Wie man sagt, haben Sie wohl früher eine Stellung als Stenotypistin eingenommen, aus der Sie wegen Diebstahls entlassen worden seien. Ich persönlich glaube kein Wort von der ganzen Geschichte, die ich für eine ganz gemeine Intrige halte. Ich hielt es nur für meine Pflicht, Ihnen diese Mitteilung zu machen, damit Sie sich dagegen schützen können.

Rosemarie wußte nicht, woher sie die Kraft ge­nommen hatte, in diesem Augenblick Haltung und Ruhe zu bewahren.

Theaterklatsch", sagte sie mit bebenden Lippen.

Aber gewiß, gnädiges Fräulein, das ist auch meine Meinung! Und doch möchte ich mir erlauben, Ihnen den Rat zu geben, die Sache ins Reine zu bringen."

fFortsetzung folgt.)

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