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Nr. 217 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vberheffen)

Montag, (7. September (934

Hat berLmpfgegner recht?

Eine wissenschaftliche Plauderei.

Von Medizinalrat Or. Mathias,

Der Naturarzt: Sehr geehrter Herr Kollege, zur Klärung der großen Frage des Wertes oder Unwertes der Pockenimpfung, die feit Jahren die Bevölkerung beschäftigt und zur Zeit Anlaß zur Nachprüfung des Jmpfgefetzes vom Jahre 1874 gibt, wollen Sie mir gestatten, seine Ansicht zum Aus­druck zu bringen. Sie werden mir wohl zunächst zugcben müssen, daß die Pockenerkrankungen im deutschen Volke seit Jahrzehnten verschwunden sind. Sie wissen auch, daß in den Ländern, welche die Freiwilligkeit der Impfung durch dieGewissens­klausel" eingeführt haben, in der Regel nur leichte Pockenerkrankungen, die sog. weißen Pocken, auf­treten, die meist harmlos verlaufen. Es ist Ihnen ferner bekannt, daß die Kulturverhältnisse sich in den letzten Jahrzehnten bedeutend gehoben haben, und daß die Gesundheitspflege ungeheure Fortschritte gemacht hat. Meines Erachtens ist die in jeder Beziehung hochentwickelte Hygiene und im besonderen ein gestählter Körper die Hauptursache für das Verschwinden der schwarzen Pocken. Ich möchte deshalb glauben, daß ein Impfzwang nicht mehr erforderlich ist, und daß, wenn die Impfung nicht überhaupt gänzlich beseitigt wird, sie wenig­stens der freiwilligen Willensbestimmung des Men­schen überlassen bleibt.

Der Im pfarzt: So gern ich Ihnen auch be­züglich der Bedeutung der Hygiene und der Kör­perpflege als eines wichtigen Mittels zur Verhütung von Krankheiten und besonders der Pocken zustimme, so wenig kann ich zugeben, daß wir zur Zeit in der Lage sind, uns allein damit vor den unbe­kannten Erregern der Pocken in ausreichenden Maße zu schützen. Wie wollen Sie sonst erklären, daß Völker, die in einer den hygienischen Anforde­rungen entsprechenden Weise gelebt haben, von Pockenepidemien befallen werden konnten. Ich brauche Sie nur an unsere Vorfahren in vergange­nen Jahrhunderten zu erinnern, die bei einem sich nur in der freien Natur abwickelnden Leben, das die Hütte bloß als Schlafraum kannte, doch von den Pocken so heimgesucht wurden, daß ganze Länder- streckcn verödeten. Die Wichtigkeit der gesamten Schutzimpfung zeigen Ihnen ja auch Beispiele aus unserer jüngsten Vergangenheit, in der die Sterb­lichkeit an Diphtherie, Typhus, Cholera und Wund­starrkrampf mit der Entdeckung der entsprechenden Schutzimpfstoffe sofort auf einen geringen Prozent­satz zurückgeführt wurde. Sie wissen, daß alle Imp­fungen den Zweck haben, die Giftwirkung der Ba­zillen durch Gegengifte aufzuheben, wobei es im Interesse des herbeizuführenden Erfolges gleich­gültig fein muß, ob das aus der Vorbehandlung von Tieren gewonnene Schutzmittel (Typhus, Cho­lera, Wundstarrkrampf) eine direkte Einwirkung auswirkt oder ob, wie bei der Pockenimpfung, der Mensch selbst erst durch die Impfung das Gegen­gift bildet. Wesentlich ist vielmehr, daß die Serum­wirkung der von den Tieren gewonnenen Schutz­stoffe nur eine kurzfristige (halbjährliche) ist, wäh­rend der Schutz infolge der Pockenimpfung sich in der Regel auf viele Jahre erstreckt. Eine hervor­ragende Bestätigung der Wichtigkeit der Schutz- impfung hat erst der Weltkrieg gegeben, indem die, Zahl der Todesfälle an übertragbaren Krankheiten im Gegensatz zu den vorangegangenen Kriegen auf einen ganz geringen Bruchteil infolge der Schutz­impfung zurückging. Eine weitere, wenn auch trau­rige Bestätigung der Wichtigkeit der Serumbehand­lung hat ferner die schwere septische Grippe 1918/19 gebracht, wo die Aerzte machtlos dastanden und ge­rade zahlreiche jugendliche Menschen zugrunde gin­gen. Wie haben die Aerzte da nach Serumschutz­stoffen gesucht, aber für diese Grippe fehlte uns die rettende Hilfe. Es ist nicht schwer, ein Gebäude ein-

Leiter der Impfanstali Bernburg.

zureißen; ein neues aufzurichten, fällt manchmal sehr schwer. Uns allen sind ja noch die pocken­narbigen Gesichter der Polen bekannt. Deutsche Aerzte haben im Kriege dadurch, daß sie das ganze Land durchgeimpft, haben, die Seuche aus diesem Lande mit eiserner Hand weggefegt.

Der Naturarzt: Abgesehen von der von mir zum Ausdruck gebrachten Nichtnotwendigkeit der Impfung bin ich weiter sogar der Ueberzeugung, daß die Pockenimpfung durch die Einwirkung von körperfremden Stoffen im Blut die Grundlage vie­ler Krankheiten ist, und daß die Beseitigung des Impfzwanges die Grundbedingung der Gesundung und damit der Ausartung und des Aufstieges un­seres Volkes bedeutet. Denn aus einem wurzel­kranken kann kein frohes, erbgesundes Geschlecht entstehen.

Der Impfarzt: Ich halte es nicht für rich­tig, daß nationalsozialistisches Ideengut mißbraucht und als Waffe bei einem so ernsten wissenschaft­lichen Problem von Ihnen verwendet wird. Eine ! Wirkung der Pockenimpfung in der Weise, daß die Urmasse geschädigt wird, und der Mensch der Ent­artung verfällt, läßt sich nach dem derzeitigen Stande der Wissenschaft nicht beweisen und dürfte wohl stets eine Hypothese bleiben. Unser Volksheer, das in einem vierjährigen Kriege einer Welt von Feinden getrotzt hat, ist die beste Widerlegung der Annahme, daß die Urmasse durch die Pockenimp­fung geschädigt wird. Ich fasse das ganze Problem so zusammen, daß ich es für richtiger halte, dro-1 henden Gefahren mit bekannten und bewährten Mit-1 teln vorzubeugen, als einer Hypothese zuliebe die Volksgesundheit auf Spiel zu setzen.

Der Naturarzt: Sie müssen aber zugeben, daß zahlreiche Kinder infolge der Impfung häufig schwere Krankheitserscheinungen zeigen. Ich erinnere i in dieser Beziehung nur an das Fieber, an die hoch­gradig entzündeten Arme, an die Entstehung von Ausschlägen, an Magen-, Darmstörungen und Krämpfe, an die Luftröhrenkatarrhe und an die Er­krankungen des Zentralnervensystems. Auch Todes­fälle nach dem Impfen treten auf.

Der Impfarzt: Mir ist wohl bekannt, daß ganz vereinzelte Todesfälle bei geimpften Kindern aufgetreten find. Damit soll nicht gesagt sein, daß diese Todesfälle immer in ursächlichem Zusammen-1 hang mit der Impfung stehen. Es ist auch ohne | weiteres zuzugeben, daß des öfteren Kinder nach 1 Ablauf der Pockenimpfung sich einige Zeit erholen müssen, weil sie einen künstlich herbeigeführten Krankheitszustand durchgemacht haben. Diese Stö­rungen müssen als kleineres liebel mit in Kauf genommen werden. Lassen Sie mich aber auf Ihre Einwendungen einzeln eingehen. Was zunächst das Fieber anlangt, so sage ich den Müttern bei meinen Vorträgen, daß es sich bei dem Pockenfieber nicht um ein Krankheitsfieber, sondern um ein Reak­tionsfieber handelt. Je mehr ein Kind mit Fieber reagiert, desto lebenskräftiger ist es, und desto mehr kann die Mutter stolz sein, daß sie ein so gesundes Kind hat. Was die hochgradig entzündeten Arme anlangt, so wird der rote Hof, der die Pocken um­gibt, häufig für Rose gehalten. Das ist falsch. Dieser rote Hof ist das Wichtigste bei der ganzen Pocken­impfung, denn er ist der Fabrikhof, auf dem von der kindlichen Natur die Schutzstoffe gebildet wer­den. Je gesünder ein Kind ist, desto größer ist dieser rote Hof, desto mehr Schutzstoffe werden ge­bildet. Ein Kind mit einem roten Arm ist meist für fein ganzes Leben gegen Pocken gefeit. Kinder mit Ausschlägen sollen nach den geltenden Bestimmun­gen nicht geimpft werden. Wir wissen ferner, daß

Der Führer bei der Eröffnungsvorstellung des Deutschen Opernhauses in Charlottenburg, das nunmehr als Reichsoper fortgeführt wird. Links neben dem Führer Reichswehrminister General­oberst von Blomberg, dahinter der Adjutant des Führers, Gruppenführer Brückner.

bisweilen die Mütter ihre geimpften Kinder nicht genügend leicht ernähren, obgleich es allgemein be­kannt ist, daß fiebernde Menschen nur leichte Nah­rung vertragen. Wir wissen schließlich, daß viele von den sogenanntenKrämpfen" aus dem Magen kommen und auf Diätfehler beruhen. Auch Luft­röhrenkatarrhe dürften häufig nicht auf die Imp­fungen zurückzuführen sein, sondern darauf, daß Mütter ihre Kinder während des Pockenfiebers bei schlechtem Wetter ins Freie bringen. Störungen des Zentralnervensystems, wie sie im Anschluß an die Pockenimpfung auch in Deutschland vereinzelt auf» aetreten sind, bedürfen noch der weiteren wissen­schaftlichen Begründung. Ob diese Krankheiten wirk­lich erst in der letzten Zeit oder nicht schon früher aufgetreten sind, ob sie durch die Pockenerreger be­dingt sind ober ob die Pockenimpfung nur ein aus­lösendes Moment für die Mobilisierung und Krank­heitsverursachung anderer bereits vorhandener Keime ist, ob schließlich nicht noch andere, vielleicht klimatische Verhältnisse hierbei eine Rolle spielen, das mutz noch weiter erforscht werdest. Die Reichs­regierung hat aber, um auch diese ganz seltenen Komplikationen im Anschluß ans Impfen zu ver­hüten, Bestimmungen erlassen, nach denen Kinder,

die zu Krämpfen neigen, von der Impfung aus­geschlossen bleiben.

Der Naturarzt: Wir haben uns über das Für und Wider der Zwangsimpfung unterhalten. Sie haben meine Argumente zu widerlegen ver­sucht. Sie werden mir zugeben, daß menschliches Wissen Stückwerk ist, daß wir gemeinsam wirken müssen zum Wohle unseres Volkes, zur Erhaltung unserer Rasse, zum Aufstieg der Nation.

Der Jmpfarzt: In dieser Beziehung stimme ich ganz mit Ihnen überein. Und deshalb wollen wir das Alte erhalten, wenn wir nichts Neues, Bes­seres haben. Die Reichsregierung hat durch ihren Erlaß vom 4. April 1934 schon alle erforderlichen Maßnahmen zur Verhütung von Jmpfschäden ge­troffen. Durch Herabsetzung der Jmpfschnitte von vier auf zwei ist sie bis zu den äußersten Grenzen gegangen. Die Grenze noch durch Einführung der Gewissensklausel zu erweitern, wäre gleichbedeutend mit der fast völligen Aufhebung des Impfzwanges, weil sich dann nur noch die wenigsten Menschen impfen lassen würden. Das aber würde nach einigen Jahrzehnten, nachdem der Impfschutz geschwunden ist, den erneuten Ausbruch der schwarzen Pocken zur Folge haben.

Oberheffen.

cöerneinderat in Grünberg.

4- Grünberg, 15. Sept. Der Gemeinde- r a t war durch Ausscheiden einiger Mitglieder unter zwei Drittel seiner gesetzmäßigen Zahl gesunken. Vom Ministerium waren daher die beiden Land­wirte Leonhard Großhaus und Hermann Rühl II. als neue Gemeinderäte bestimmt wor­den. Zu Beginn der gestrigen Sitzung nahm Bür­germeister Dr. Mildner die vorgeschriebene eid­liche Verpflichtung vor. Die durch diesen Neuein­tritt nötigen Aenderungen in der Zusammensetzung einzelner Ausschüsse wurden erledigt. Als Urkunds­personen wurden die Gemeinderäte Bender und Feichtenbeiner bestimmt, als deren Stell­vertreter die Gemeinderäte Großhaus und Spengler.

Die Rechnung für das Jahr 19 3 2 wurde vorbehaltlich der Genehmigung durch die Ober­rechnungskammer genehmigt.

Als Raum für die NS. -Organisationen soll der Saal der Berufsschule gegen eine Ver­gütung für die Reinigung zur Verfügung gestellt werden.

Für die Verpachtung der beiden Schaf- weiden für 1935 lagen zwei Angebote vor, eins von dem derzeitigen Pächter Schäfer Hauck (Ber­gen bei Frankfurt) mit 1900 Mark, ein weiteres von dem hiesigen Schäfer Kalbert mit 1800 Mark. Die Pacht für 1934 beträgt 1730 Mark. Da eine Anzahl hiesiger Landwirte in einem Gesuch um Ueberlassung der einen Weide baten, wurde die Angelegenheit zwecks Verhandlungen mit den Ge-

Spuk an her Grenze.

Von Ge ma Lagerlös.

Copyright by 1.1. A., Wien.

Ich weiß nicht, ob die Menschen heutzutage ahnen, in welchem Rufe Oestmark in meiner Jugend stand. Damals galt es für die armseligste, gottverlassenste Gegend, die man sich nur denken konnte. Wenn eine große Bettlerschar sich auf den Straßen herumtrieb, konnte man ganz sicher sein, daß sie in Oestmark daheim war. Die Bauernfänger mit den kleinen, zottigen Pferdchen und den schmutzigen Wägelchen waren auch von dort, und ebenso alle Roßtäuscher und Schelme und Halunken. Es schien keinen ein­zigen ordentlichen Menschen dort zu geben

Ich war nie dort gewesen, aber nun ich ein Auto hatte, beschloß ich eines Sonntagnachmittags einen Ausflug dorthin zu unternehmen, und ich habe es wahrlich nicht bereut. Ich wüßte kaum, wohin man in Värmland fahren müßte, um eine hellere, fröh­lichere Gegend zu finden. Die Straße führte meist an Seeufern entlang, ja manchmal hatte man zu beiden Seiten des Weges Gewässer. Ueberall sah man schmucke prächtige Häuser mit den größten Glasveranden und der schönsten Laubsägeeinfassung, die man sich nur denken konnte. Und eine Menge Leute traf man. Aber wahrlich keine alten betteln­den Weiber oder Vagabunden. Nein, schöne, junge Mädchen in modernen Kleidern in den buntesten Farben, mit Seibenstrümpfen und hochhackigen Schuhen, und junge Männer im Sportkostüm. Eigentlich sah man fast gar keine Fußgänger, nur Räder ober Autos überall. Also so sah es jetzt in der ehemaligen Armeleutegegend aus!

Der Weg führte dicht an der Kirche vorbei. Man hätte wohl schwerlich erwarten können, daß hier oben eine der besten Kirchen des ganzen Stiftes liegen würde, lind doch war es so. Eine braune Holzkirche, mit Schindeln gedeckt, nicht so besonders groß, aber schlank und fein, mit hoher Turmspitze und kleinen, anmutigen Portalen vor den Ein­gängen. Man konnte verzweifeln, wenn man an die klobigen Steinhäuser dachte, die man im Süden des Landes zu Gottes Ehre errichtet hat

Aber ich glaube, ich komme gar nicht zur Reichs­grenze. Die lag zwei Meilen nordwestlich von der Kirche, und auf dem Wege dorthin sahen wir schon einiges von dem alten Oestmark. Der Weg führte durch enge, waldige Täler, ein Bach, oder vielleicht sollte man sagen ein Fluß, riefelte durch den Tal­grund. Einige vermoderte Ueberbleibfel von ver­lassenen Mühlen und Schmieden standen an ein paar Stellen, wo der Fluß Linen Wasserfall bildete. Sonst war tiefste Einsamkeit.

Es wurde immer stiller und stiller, je näher man der Grenze kam. Hier sah man keine Räder oder Autos mehr. Das Tal verschmälerte sich, die Berg­kämme erhoben sich immer hoher und sahen aus, als wollten sie uns den Weg versperren. Nach eini­ger Zeit wichen sie jedoch zur Seite und machten einem See Platz, der auf allen Seiten von steilen Bergen eingeschlossen, so geborgen dalag, als hätte nie ein Sturm ihn gepeitscht. Der Weg ging auf einem schmalen Sandstreifen knapp am Seeufer weiter, folgte friedlich und glatt der schönen Run­dung des Sees und hörte dann bei einem kleinen, einsamen Gehöft auf, das der Grenzwächter be­wohnte

Nun waren wir also am Ziele unserer Reise. Aber wo hatten wir die Reichsgrenze? Ja, auf der an­deren Seite des Sees sah man eine breite, kahle, ausgehauene Furche Die stieg gleichsam aus dem Wasser auf, setzte sich durch den Wald die Berges­hohe hinan fort und verlor sich dann. Hier war es also zu Ende mit Värmland, zu Ende mit Schwe­den.

Es war ein irgendwie feierliches Gefühl. Und die Natur hier war feierlich, mit den dunklen, mäch­tigen Bergen, dem stillen See und dem schmalen Uferstreifen, über den der Weg sich hinschlich, gleich­sam ängstlich, ob er auch weiterkommen könne. Es war eine Freude, daß das Land sich hier an der Grenze so schon und würdig ausnahm

Ich stieg aus dem Auto, um ein wenig den Strand entlang zu wandern und das Bild besser in mich aufzunehmen. Und wie ich so ging, dachte ich, daß ich noch nie an einem Ort gewesen war, der so einlullend still war. Es war, als ob alles schwedische Leben hier hinaufstrebte, um sich zur Ruhe zu legen und so recht auszurasten.

Wohl gerade, weil es hier so still und friedlich war, mußte ich an die Unzahl verschiedener Men­schen denken, die in alten Zeiten hier vorbeigezogen waren. Hier hatte er sich geregt, dieses Grenzvolk, das nie ruhig im eigenen Lande bleiben kann, son­dern immer über die Grenze gelockt wird. Hier wa­ren zahllose Fuhren mit Heringen und Salz, Brannt­wein und Mehl vorbeigerollt. Schmuggler hatten den engen Waldpaß benützt, um sich über die enge Grenze zu schleichen. Spione und Soldaten, Kauf­leute und Schelme hatten diesen Weg nehmen müs­sen, um ihren Bestimmungsort zu erreichen. Vor­nehme schwedische Herren, denen der Schuldturm drohte, waren hier oben im dunklen Urwald nach Norwegen hinübergeschmuggelt worden. Räuber waren hier durchgebrochen, um zu plündern, fromme Pilger waren hier gewandert mit Zigeunern und Bettlern in ihrem Geleit.

Aber es fruchtete nichts, die Erinnerung an alles vergangene- Leben- heraufzubeschwören. Das Schwei­

gen wurde nur nach tiefer, die Stille noch ein­lullender.

Daß es hier oben so still und feierlich ist", dachte ich,das liegt vielleicht nicht nur daran, daß hier die Grenze zwischen zwei Reichen geht. Vielleicht geht hier auch eine Grenze von anderer Art. Die Grenze zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen Wirklichem und Unwirklichem."

Das war nur eine Phantasie, ein Gedankenspiel, aber es lag gleichsam in der Lust, daß ich so denken mußte.

Und so wie es hier einen Weg gibt, der nach Norwegen hineinführt, so gibt es vielleicht auch einen Zufahrtsweg in dieses andere Nachbarland."

Dies war noch immer ein Gedankenspiel. Ich hatte nicht die leiseste Hoffnung, daß es sich so ver­hielt, aber ich vergnügte mich damit, es mir auszu­denken.

Doch kaum hatte ich meinem Sinnen Gestalt ge­geben, als sich etwas Seltsames zutrug. Aber nicht draußen in der Natur, sondern in meinen eigenen Innern. Ich glaubte gleichsam einen dünnen Nebel oder Rauch zu verspüren, und der verdichtete sich rasch und nahm die Form eines Menschen an. Aber als dieses Menschenwesen sich ein paar Ellen von mir entfernt hatte, drehte es sich um und knixte vor mir.

Ich sah es sehr deutlich, noch mehr, ich erkannte es. Es glich aufs Haar einer alten Bettlerin von hier oben, die ich in meiner Kindheit gesehen und vor der ich große Angst gciibt hatte, weil die Leute behaupteten, sie könnte den Menschen, der ihr nicht gab, was sie begehrte, Tollheit anhexen. Ich er­kannte ganz deutlich die kurze dicke Gestalt, das breite braune Gesicht, das wie mit Fett beschmiert aussah, die bösen Augen, den schmutzstarrenden Fellkittel, den Ledergürtel mit den Silbersternen, die großen Birkenrindenschuhe und den Birken­rindenranzen auf dem Rücken.

Wie gesagt, sie knixte vor mir, wie um mir zu danken, daß ich all diese Jahre so getreulich ihr Bild in mir getragen hatte. Dann sah ich sie ganz rasch zum See hinuntergehen, über das Wasser schweben und sich in einen kleinen Nebelstreif auf­lösen.

Ich muß sagen, ich war bestürzt. Ein Traum konnte das ja nicht sein. Ich ging doch die ganze Zeit über die Landstraße und war nicht einmal stehen geblieben. Es war ja ganz klar, daß alles aus meinem eigenen Hirn kam. Mir mußte wohl schon während der ganzen Fahrt die schlimme Oest- markhexe im Sinne gelegen sein, aber ich hatte doch noch nie erlebt, daß ein Gedanke so Gestalt an­nehmen und derart vor mich hintreten konnte. Ich hatte keine Angst vor ihr, die ich gesehen, aber ich fragte mich, ob ich denn verrückt sei, daß ich meine 1 eigenen Gedanken sehen konnte. I

In diesem Augenblick rief man mir vom Auto zu, es fei spät geworden, und wir müßten an den Heimweg denken. Und ich war mehr als froh, von da wegzukommen.

Auf der Heimfahrt saß ich da und grübelte und spintisierte. Ich wollte gleichsam nachspüren, ob es auch richtia mit mir stehe. Aber plötzlich mußte ich hellauf lachen.

Ich hätte doch nun endlich die Därmländer Na- 1 tur kennen sollen! Sie hatte sich einfach den Spaß gemacht, mir die Augen zu verdrehen, wenn es auch recht erstaunlich war, daß eine alte, hochan- gesehene schwedische Landschaft solche Einfälle fjaben konnte.

Oie Geheimnisse des Kremls.

Bei den Urnänderungs- und Wiederinstand­setzungsarbeiten, die seit einiger Zeit unter Leitung von Pros. Stelecki innerhalb der Mauern des be­rühmten Kremls zu Moskau durchgeführt werden, ist bereits eine Reihe bedeutender historischer Funde zutage getreten. Gelegentlich der Zerstörung einer alten Wand wurde zunächst eine eiserne Truhe älte­rer Herkunft entdeckt, in der sich Dokumente und Briefe befanden, die ursprünglich Napoleon I. ge­hört haben und die der große Korse bei feinem eiligen Rückzug aus Moskau anscheinend vergessen hat. Darunter ist ein genaues Programm seiner Pläne zur vollständigen Unterwerfung des Zaren­reiches. Die aufgefundenen Briefe sind, soweit das bisher gesagt werden kann, geeignet, verschie­dene Abschnitte aus des Kaisers Privatleben in einem neuartigen Licht erscheinen zu lassen. Die Truhe enthielt außerdem eine Anzahl militärischer Orden und Napoleons Privatsiegel. In einer zu diesem Zweck besonders ausgehohtten Kreml-Mauer wurde ein kostbares Porzellan-Service von ägypti­scher Handwerkskunst zutage gefordert, das Napo­leon einst nach dem Vertrag von Tilsit dem Zaren Alexander I. geschenkt hatte. Obgleich man von der Existenz dieses einzigartigen Schatzes aus verschie­denen Aufzeichnungen gewußt hat, war es bisher ! trotz angestrengtester Bemühungen nicht gelungen, das Versteck zu entdecken. Unter den weiteren Ergeb­nissen der Umänderungsarbeiten am Kreml sind vor allem noch einige Originalmanuskripte von Cicero, Livius und Tacitus zu erwähnen, die ein Teil der umfangreichen und wertvollen Bibliothek gewesen sind, die Iwan der Schreckliche von seinem Vater geerbt hatte. Nach einer alten Legende ist der Kreml an der Stelle erbaut worden, an der die Zaren Basilius III. und Iwan der Schreckliche große Schätze in Gestalt von Gold, seltenen Steinen und alten Handschriften vergraben haben sollen.